„Sie glauben gar nicht, welche profunde Wissenschaft die Käferei ist.“

Auf Erkundungsgang im Grenzgebiet zwischen Entomologie und Literatur.

Von Thomas Homscheid

So sehr man Skrupel haben kann, Insekten zum Gegenstand eines Festblogbeitrags zu machen, so sicher darf man sich aber sein, dass das Thema (anders als heraldisch repräsentativere und positiver belegte Beispiele aus der Fauna) noch nicht anderweitig vergeben ist. Weiterhin ermutigt das Wissen, dass der Jubilar trotz „Kompetenz in Fisch“ selbst gelegentlich auf „subtiler Jagd“ nach Schmetterlingen und Orchideen anzutreffen ist und somit der Blick für die kleinen Dinge, das ästhetische Lebewesen en miniature geschärft sein muss. Dass er sich damit in guter Gesellschaft befindet, soll im Folgenden gezeigt werden – ohne jedoch zu versprechen, dass wir es bei den optisch anmutigeren Vertretern wie dem Schmetterling bewenden lassen.

Insekten sind bereits in singulärer Form ihres Auftretens gemeinhin mindestens lästig, wenn nicht als Krankheitsüberträger gar gefährlich – auf jeden Fall aber ekelerregend, wenn beispielsweise im Essen oder im Getränk anzutreffen. In geballter Form gehören Insekteneinfälle zu den biblischen Plagen, da sie ein Devastationspotenzial entfalten können, das den Vergleich mit elementaren Naturkatastrophen wie Fluten, Vulkanausbrüchen oder extremen Dürren nicht scheuen muss. Von den zehn Plagen, die nach alttestamentarischer Überlieferung das alte Ägypten heimsuchen, erscheinen gleich drei in Form von Insekten. Zunächst sind es die Stechmücken: „Sie taten so, und Aaron reckte seine Hand aus mit seinem Stabe und schlug in den Staub auf der Erde. Und es kamen Mücken und setzten sich an die Menschen und an das Vieh; aller Staub der Erde ward zu Mücken in ganz Ägyptenland.“ (2. Buch Mose, 8, 13) Diesen folgen unmittelbar (und wohl eng artverwandt) die Stechfliegen – offenbar hält die Überlieferung das Phänomen für schlimm genug, um noch einmal zwischen Mücke und Fliege zu differenzieren:

Und der Herr sprach zu Mose: Mach dich morgen früh auf und tritt vor den Pharao, wenn er hinaus ans Wasser geht, und sage zu ihm: So spricht der Herr: Lass mein Volk ziehen, dass es mir diene; wenn nicht, siehe, so will ich Stechfliegen kommen lassen über dich, deine Großen, dein Volk und dein Haus, dass die Häuser der Ägypter und das Land, auf dem sie wohnen, voller Stechfliegen werden sollen. [2. Buch Mose, 8, 16]

Drittens, aber nicht letztens, folgen die Heuschrecken, deren Wirkung zunächst weniger lästig ist am eigenen Leibe, jedoch fataler in der Folge, denn ihr Heißhunger auf alles Grüne beschert Menschen und Vieh eine Hungersnot:  „Da sprach der Herr zu Mose: Recke deine Hand über Ägyptenland, dass Heuschrecken auf Ägyptenland kommen und alles auffressen, was im Lande wächst, alles, was der Hagel übriggelassen hat.“ (2. Buch Mose, 10, 12)

Nach diesem dreifach fatalen Entree in die Diskursgeschichte der abendländischen Zivilisation musste absehbar erscheinen, dass es nichts mehr würde zwischen Mensch und Insekt. Das Stigma des Schädlings scheint dem chitingepanzerten, vielbeinigen und beflügelten Krabbelzeug unauslöschlich ins Stammbuch geschrieben, nachdem es sich von einem strafenden Gott so hat instrumentalisieren lassen.

Da nimmt es kaum Wunder, dass die Hemmschwelle zur Tötung von Insekten selbst unter bekennenden Tierfreunden und Pazifisten so niedrig liegen dürfte, wie bei keinem anderen Lebewesen – sie ist schon ein automatischer Reflex und bedarf keiner besonderen Rechtfertigung. Es existiert sogar eine regelrechte Industrie der auf Insekten spezialisierten Schädlingsbekämpfung, die in jedem wohlsortierten Baumarkt ganze Regalmeter füllt – ebenso wie Hunde und Katzen (des Menschen beste Freunde) darauf vertrauen dürfen, dass Supermärkte eine breite Palette an Spezialnahrung für sie bereithalten, mit deren Qualität und Nährstoffgehalt sich so manches Klebefleisch oder Analogkäseprodukt in des Menschen Kühlschrank keinesfalls messen kann – nicht repräsentative Stichproben, die der Autor in unterschiedlichen Märkten durchführte, ergaben, dass das Angebot an Tiernahrung gemessen an dem Angebot an Babynahrung nicht nur reichhaltiger, laufstrategisch besser positioniert und optisch ansprechender gestaltet, sondern auch preislich fast durchweg hochwertiger ist.

Wie konnte es so weit kommen und wie lässt sich diese Entwicklung in der Literatur verfolgen? Ein Beispiel für das Vorkommnis von Insekten in der Literatur dürfte sich besonders tief in das populäre Gedächtnis der Moderne eingegraben haben: Der böse Streich von Wilhelm Buschs Lausbubenduo Max und Moritz mit dem gutmütigen Zipfelmützenträger Onkel Fritz, der nächtens ungebetenen Besuch von Maikäfern im Bett bekommt und sich der Plage nur mit brachialen Mitteln zu entledigen weiß: „Onkel Fritz in seiner Not / Haut und trampelt alles tot.“ (Busch 1982, 193)

Es gehört zu den offenkundigen pädagogischen Nährwerten des Kinderreims, dass erstens die Intrusion der Nachtruhe zu unterlassen ist (jedes Kind möge sich stets daran halten) und zweitens die Welt häuslicher Reinlichkeit und die Welt des animalischen Chaos strikt zu trennen sind. Die Konsequenz des Totschlagens ist das probate Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung und die Urheber des Streichs, auch wenn er noch vergleichsweise harmlos ist, ereilt der Tod in Gestalt der Kornmühle, in die sie geworfen werden, um anschließend „fein geschroten und in Stücken“ (Busch 1982, 200) von den Hühnern des Müllers verzehrt zu werden (womit sich der Kreis zu den ersten beiden Streichen schließt, in denen es bekanntermaßen um die Tötung, den Raub und den Verzehr von Witwe Boltes Federvieh geht.).

Gehört das Tier im allgemeinen nur in unterentwickelten oder besonders dekadenten Gesellschaften in die Intimsphäre des Menschen – es gehört zu den Denkwürdigkeiten des Jahres 2012, dass der deutsche Gesetzgeber in der jüngsten Novelle des Tierschutzgesetzes auf Sodomie erstmals eigens eine Strafe von bis zu 25.000 Euro ansetzt (strafbar war der sexuelle Umgang mit Tieren vorher nur, wenn dem Tier dabei Schaden zugefügt wurde) – so gehören innerhalb des Tierreichs wohl die Insekten (neben Fröschen und dergleichen amphibischen Wesen – auch diese übrigens eine der zehn Plagen des Alten Testaments) wohl zu den am wenigsten präferierten Bettgenossen.

Nicht von ungefähr gehört die Intimität mit dem Insekt zum Repertoire des Horrors, ja sogar zu den konstitutiven Elementen dieses Genres – und diese Intimität ist mit der Verwandlung in ein Insekt, sei es Spinne oder Käfer, auf das Schrecklichste vollzogen. In der biedermeierlichen Schauernovelle Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842 erwächst eine Spinne aus der Wange der Bäuerin Christine just an der Stelle, auf die sie der Teufel geküsst hat. Der satanische „Herr der Fliegen“ gebietet nur über das unedle Geschmeiß, dies aber zu aller Menschen Schrecken, denn schließlich verwandelt sich die Unselige selbst in eine Spinne – zur Strafe, da sie dem Teufel nicht wie versprochen ein ungetauftes Kind überließ:

[…] vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen Christine zusammen wie Wolle im Feuer, wie Kalch im Wasser, schrumpft zischend, flammensprühend zusammen bis auf die schwarze, hochaufgeschwollene, grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt in diese hinein, und sitzt nun giftstrotzend, trotzig mitten auf dem Kinde und sprüht aus ihren Augen zornige Blicke dem Priester entgegen. [Gotthelf 1992, 78 f.]

Die Spinne und ihre Brut bringen als Abgesandte der Hölle Tod und Verderben über das Dorf und können nur unter größten Opfern vorübergehend eingesperrt werden, bis das Dorf nach einigen Jahrhunderten wieder in Gottlosigkeit verfällt und es abermals Zeit wird für eine Dezimierung der Unzüchtigen.

Muss in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra der Verkünder von Gottes Tod auf dem Weg zum Übermenschen noch den „Ameisen-Kribbelkram“ (Nietzsche 1999, 358) der menschlichen Mittelmäßigkeit überwinden, so hätte der Dadaismus mit seiner anarchistischen Verve keinen größeren (aber auch keinen diskursgeschichtlich logischeren) Frevel ersinnen können als die Verwandlung Gottes höchstselbst in ein obszönes, sich in jeder Hinsicht selbst genügendes Insekt:

Laßt uns den Gottesdienst des Insekts aufrichten!
Lasset uns einen Gott anbeten, der Augen hat, die wie Rubine stechen!
Der Flügel hat, voll hieratisch zuckender Aufregungen frühgotischer Fenster.
Und einen roten Leib.
Seine Beine sind lang wie die Lotfäden, die von den Schiffen herunterhängen
In die finsteren Meere. Sein Leib ist errichtet in der obszönen Gelenkigkeit
Der Seiltänzer, Akrobaten und Kabarettistinnen. Wenn ihn Wollust verkrampft,
Vermag er den eigenen Stachel zu lecken. [Ball 2007, 31]

Auch in der aufgeklärten, entgötterten Moderne gehört die Verwandlung zum Insekt, wie in Franz Kafkas berühmt gewordener Erzählung, zu den wirkungsmächtigsten aller denkbaren Agonien – und dass man nicht weiß, wer einem für welches Vergehen derlei verstörende Bestrafung antut, trägt zum Schrecken nur noch zusätzlich bei:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. [Kafka 2003, 23]

Zum Insekt zu werden ist weitaus schlimmer als herkömmliche Horrorszenarien, die etwa eine Verwandlung zum Vampir, Gespenst oder anderer übersinnlicher Gestalten in Menschenform vorsehen, da eben das Menschliche in Physiognomie und Kommunikationsapparaten komplett aufgegeben wird. Sind Vampire und andere zwielichtige Transfigurationsformen des Horrors noch Chiffren geheimer Lüste und Begierden, so ist die Verwandlung zum Insekt nurmehr Zeugnis eines hoffnungslosen Selbstekels ohne Aussicht auf irgendwelche Stimulanz.

Letztlich steht das Insekt, die Made, die Fliege, das Gewürm für die Vergänglichkeit schlechthin, sieht doch das irdische Schicksal des Menschen unweigerlich dessen Ende als Fraß der Würmer vor. Dennoch sind Lust und Vergänglichkeit untrennbar miteinander verknüpft. Die plastische Bildsprache des Mittelalters kennt die Figur der Frau Welt als Allegorie der weltlichen Sinnesfreuden: Von vorne ist die Figur voll betörendem Liebreiz und Vitalität, jedoch von hinten betrachtet ist sie übersät mit Ungeziefer, Maden und Insekten, die ihr faules Fleisch durchbohren und zerfressen.

Der Mensch und alles Weltliche fällt über kurz oder lang dem Ungeziefer zum Opfer, so die unangenehme Botschaft der Allegorie – ein Affront für den eitlen Inhaber des Spitzenplatzes der Nahrungspyramide. Jeglicher Versuch einer „Umkehr des Fraßverhältnisses“ (so würde es wohl Peter Sloterdijk formulieren) ist jedoch zum Scheitern verurteilt: Jüngst wusste die Presse von einem 32jährigen Amerikaner zu berichten, der nach einem Wettbewerb des Kakerlaken-Essens (den er natürlich als Champion gewann) plötzlich tot zusammenbrach – ein tragischer Held im Sport der postmodernen Ekelüberwindung. Der Nachrichtendienst unterließ es sogar nicht, dem Leser mitzuteilen, die verspeisten Kakerlaken entstammten einer biologisch einwandfreien Züchtung zum Zwecke der Verfütterung. Es ist aber wohl mehr Nüchternheit als Sarkasmus in der Feststellung, dass die eigentlichen Gewinner des Fraßwettbewerbs nach der Endauszählung die Insekten bleiben.

In einer Kulturgeschichte des Ekels dürfte neben dem kulinarischen Ekel auch der Erkenntnisekel nicht fehlen, denn nicht nur für Friedrich Nietzsche, sondern auf ihn sich stützend auch Thomas Mann kondensiert sich die ultimative Wesensschau der Dinge in dem Dualismus von „Komik und Elend“ (Mann 1991, 292). Die Einsicht in das Sein alles Weltlichen, in das schöne Trugbild, hinter dem sich das Ekelerregende verbirgt, ruft den Ekel an der Erkenntnis schlechthin auf den Plan. Insekten werden dabei zu einem Katalysator des Realen, des Objektiven und Nüchternen in der Welt- und Selbstbetrachtung. Nichts außer der unmittelbaren körperlichen Demütigung durch Hunger, Durst oder Schmerz ist auf solch unästhetische, desillusionierende und brutal-faktische Weise real wie die Existenz von Insekten – gerade weil sie sich in ihrer Kleinheit dem flüchtigen Blick entziehen und gerade weil auch ihr zufälliges Entdecktwerden sie ihren Weg unbeirrt weiter kreuchen und krabbeln lässt. Wenn es nicht gelingt, dem Insekt eine den Ekel aufwiegende Eigenästhetik nachzuweisen, bleibt es eine doppelte Beleidigung, erstens für den guten Geschmack und zweitens für den wissenschaftlich denkenden Forschergeist, da es zumeist ungefragt auftritt – oder, im Falle seiner Entdeckung, die menschliche Freude über seine Kategorisierung und Benennung in biologischen Taxonomiewerken nicht recht teilen will, sondern noch als Gefangener im Glase weiter seine „Tragikkomödien der Kühnheit“ (Ball 2007, 31) aufführt. Selbst als Ausstellungsobjekt macht das Insekt keine sonderlich publikumswirksame Figur – drängen sich vor dem Mammutskelett im naturkundlichen Museum die staunenden Massen, so sind die Vitrinen der aufgespießten Insekten einem raren Partikularinteresse vorbehalten.

Umso interessanter scheint ein Blick auf diejenigen unter den Kulturschaffenden, die sich dennoch den undankbaren Aufgaben der Entomologie widmen – auch auf die Gefahr hin, sich Anwandlungen von Komik und Ekel auszusetzen. Dass dies nicht ohne ein gewisses Maß an (Selbst-)Ironie geschehen kann, führt schon Nikolai Gogol vor Augen in dem Roman Die toten Seelen oder Die Abenteuer Tschitschikows, in dem er den Gutsbesitzer Manilow seinen tumben Sohn ob seines Interesses an Insekten loben lässt:

„Du bist ein kluges Kind, Herzchen!“, sagte darauf Tschitschikow. „Sagen Sie aber …“ fuhr er fort, sich mit einigem Erstaunen an Manilow wendend: „In so jungen Jahren schon solche Kenntnisse! Ich muß Ihnen sagen, das Kind verspricht außerordentliche Fähigkeiten!“
„Oh, Sie kennen ihn noch nicht!“ entgegnete Manilow. „Er hat außerordentlich viel Geist. Der jüngere, Alkides, ist zwar nicht so schnell, aber wenn er irgendwo ein Käferchen oder dergleichen bemerkt, so leuchten seine Augen gleich auf; er läuft dem Insekt nach und wendet ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu. Ich will aus ihm einen Diplomaten machen.“ [Gogol 2012, 24]

Inwieweit ein entomologisches Interesse und ein der Miniaturfauna geltender Jagdinstinkt für eine Verwendung im diplomatischen Dienst prädestinieren, ob es als ein Karrieresprungbrett gelten möge in einer Welt kleingedruckter Paragraphen, protokollarischer Petitessen und auf Nuancen geeichter Spezialrhetorik, kann an dieser Stelle nicht erschöpfend erörtert werden.  Bei näherer Betrachtung erscheinen käferkundliche Neigungen wohl als eine Schlüsselqualifikation für eine Vielzahl an Berufsfeldern – jegliches buchhalterisches Talent etwa scheint mit dem entomologischen geradezu zwangsläufig kongruent zu sein. Was jedoch nur auf den zweiten Blick zusammengeht, ist das literarische Fach und das Insektoide, obgleich der Volksmund den Schriftgelehrten seit jeher als Bücherwurm zu schmähen wusste und mittels des bekannten Bienengleichnisses schon Lukrez und Horaz, besonders aber Petrarca, den Poeten bildlich in die Nähe der emsig sammelnden Biene rückten, was im Zusammenhang mit der Diskussion um Originalität und imitatio ein fragwürdiges Licht auf den aus unterschiedlichsten Blüten zusammengeklaubten Honig der Literatur wirft. Die Emsigkeit des Sammelns ist es offenbar, die selbst die unterschiedlichsten Welten zusammenschmiedet, wie auch Theodor Fontane von seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg berichtet: „Gewiß. Die Herren von der Feder glauben immer, daß sich die Welt bloß aus Autographen- und, wenn es hoch kommt, aus Kupferstichsammlern zusammensetzt. Sie glauben gar nicht, was Alles gesammelt wird.“ (Fontane 1967, 114)

Sogleich lässt ihn Fontane auch in Erscheinung treten, den subtilen Jäger, den Käfersammler aus wissenschaftlichem Antrieb, der schon beinahe selbst Anspruch darauf erheben kann, eine eigene Gattung im menschlichen Daseinsspektrum zu eröffnen, innerhalb derer es wohlausgestattete Musterexemplare gibt:

In diesem Augenblick, als ob uns der Beweis, „was alles gesammelt würde“, auf der Stelle geführt werden sollte, trat aus einem wilden Elsbuschbosquet eine sonnenverbrannte Gestalt hervor, deren Kostüm (eine Art Jagdtasche, aus der drei oder vier aufrecht stehende Zigarrenkisten hervorragten; dazu ein Stock mit flatterndem Gazebeutel) keinen Zweifel darüber lassen konnte, welcher Kategorie von Sammlern er zugehörte. Es war ein Musterexemplar.
Er trat mit rascher Wendung an uns heran, machte mit seinem Kescherstock eine Bewegung wie ein Tambourmajor, wenn die Musik aufhören oder wieder anfangen soll, und sagte dann im Berliner Dialekt: „Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Lampe, Kalittenjäger.“ [Fontane 1967, 114]

Fast kann man darüber enttäuscht sein, dass nach diesem ironiedurchtränkten Aufflackern des Käfersammlers in der Literatur der wohl berühmteste aller realen literarischen Entomologen (der als Grenzgänger zwischen den Disziplinen auf beiden Feldern seine Meriten erwarb) die humoristische Anlage der literarischen Figur nicht real aufgreift, sondern seinem Interesse mit fast staatstragendem Ernst nachgeht. Gemeint ist nicht der naturwissenschaftlich so vielseitig interessierte Geheimrat Goethe, der während seiner Italienreise den Blick nicht nur an Fassaden empor, sondern auch gen Boden richtet und am 20. April 1787 im sizilianischen Segesta notiert: „Insekten lassen sich auch sehen. In Palermo hatte ich nur Gewürm bemerkt, Eidechsen, Blutegel, Schnecken, nicht schöner gefärbt als unsere, ja nur grau.“ (Goethe 1956, 320)

Die Rede ist natürlich vom Autor der Stahlgewitter, nach dem immerhin fünf Käfer, zwei Schmetterlinge und ein Sporentierchen benannt sind, unter anderem die Cicindela juengeriana, Pyralis juengeri und Earias juengeriana. Seit 1985 wird gar alle drei Jahre ein Ernst-Jünger-Preis für Entomologie verliehen.

Es wäre vermessen, Jüngers Verdienste im Spannungsfeld von Literatur und Entomologie in diesem Rahmen erschöpfend beschreiben zu wollen, wir müssen es bei einer Skizze bewenden lassen, denn auch das Klitzekleine wird in jahrzehntelanger akribischer Arbeit übergroß: Angesichts der auf weitschweifenden Reisen zusammengetragenen über 40.000 Käfer im inzwischen sanft renovierten Jünger-Haus in Wilflingen ließe sich trefflich darüber psychologisieren, welche Abgründe nekrophiler Leidenschaften den Weltkriegsveteran dazu brachten, ein wahres Heer von größtenteils selbsterlegten Insektenleichen um sich zu scharen (ein eigenartiger Todeskult und doch zugleich eine ausufernde Feier der skurrilen Vielfalt der schöpferischen Natur). Wir wollen uns hier jedoch konzentrieren auf die Synapse zwischen Entomophilie und Bibliophilie und dem „missing link“ zwischen Käferei und dem Literarischen nachspüren. Die einschlägige Forschung bemühte sich dabei sogar, entomophile Aspekte in Jüngers Werk zum poetologischen Strukturprinzip zu stilisieren (vgl. Martus 2011, 119), was sich wohl in der Tat nicht nur an dem verschroben-utopischen Roman Gläserne Bienen von 1957 zeigen lässt, jedoch immer die Gefahr in sich birgt, es als germanistischer Sammler von Diskursfetzen auf unfreiwillige Weise der Komik eines Kalittenjägers fontanesker Prägung gleichzutun. Halten wir uns also an die weniger ästhetisch überformten Selbstaussagen Jüngers, etwa in den durchaus aufschlussreichen autobiographisch geprägten Werken wie Subtile Jagden oder auch das diaristische Mammutprojekt Siebzig verweht, ein in der Forschung generell bislang wenig beachtetes Tagebuch, das Jünger seit seinem 70. Geburtstag 1965 über mehr als drei Jahrzehnte führte und das stolze fünf Bände füllt.

Dabei fällt zunächst auf, dass von seinen beiden großen Leidenschaften die Käferkunde die erste war (als Mann der Feder verstand sich Jünger erst viel später und das auch nie im bürgerlichen Sinn) und somit der 1895 in einen naturwissenschaftlich geprägten Haushalt hineingeborene Jünger (dessen Vater als Chemiker mehr als nur laienhafte Kenntnisse der botanischen Taxonomie besaß) durchaus als Kind seiner Zeit auftritt, nämlich des 19. Jahrhunderts, in dem der positivistische Glaube an die Ergründbarkeit aller natürlichen Zusammenhänge noch ungebrochener war. So kann der junge Naturforscher bei einem winterlichen Streifzug im Steinhuder Meer seine Jagdtechniken perfektionieren und dabei vom Eifer und Stolz des Wissenschaftlers kosten, dem die Desillusionierungen der post-histoire noch nicht die Freude am Entdecken verdorben haben:

Wir wußten nicht, daß es Schlupfwinkel gibt, die der scharfe Frost erst zugänglich macht. Zu ihnen zählen, um ein Beispiel zu nennen, die Schilfgürtel der großen Seen, an denen das Eis besonders lang brüchig bleibt. Wenn es zugänglich wird, kann man von dort einen Vorrat von dürrem Rohr eintragen. Zu Hause blättert man die gebräunten Stengel wie Papyri auf und wird dann durch den Anblick bunter Coccinellen und anderer Raritäten nicht minder erfreut als ein enragierter Ägyptologe durch den Hieroglyphentext. [Jünger 1980, 23]

Dass Jünger hier im Zusammenhang seiner jugendlichen Erkundungen vergleichend auf das Textuelle zu sprechen kommt, darf als vielsagendes Motiv gelten, denn der Gedanke einer Lesbarkeit der Welt, die Idee der Entzifferbarkeit einer Handschrift der Natur für das entsprechend geschulte Auge findet sich bei ihm in einer Häufung und in einer Direktheit, dass sie für sein ästhetisches Empfinden als grundlegend gelten kann und seinen Rezipienten vor die Wahl stellt, ob er sich nun seiner eigenen ignoranten Blindheit schämen soll oder ob er die allzu schlichten Übertragungen von Form und Inhalt mit dem wissenschaftlichen Scheuklappenblick des 21. Jahrhunderts als esoterisches Allbeseeltheitsgefasel abtun soll:

Es gibt ein Schriftbild der Natur; das in der Betrachtung seiner feinsten Züge geübte Auge erkennt in ihnen die Charaktere eines Weltteils, einer Insel, einer Alpenkette, so wie der Kundige die Eigenart des Menschen aus seiner Handschrift zu deuten weiß. [Jünger 1980, 32]

In den folgenden Zeilen ergeht sich Jünger über die Schönheit der Ornitoptheren, einer besonders farbenprächtigen und schmuckvollen Schmetterlingsart aus Neuguinea, die bei ihm Gedanken an Paradiesvögel hervorrufen. Dass aber mehr als nur die Begeisterung für die fragile Ästhetik schöner bunter Tierchen in dieser Handschriftenkunde der Natur zu finden ist, gerät dem Jäger dabei aber nie aus dem Blick. Die eigentliche Trophäe ist nicht das kundige Lesen, sondern das eigene sich Einschreiben in den Kanon des Wissens um die Dinge der Welt, und wenn es auch nur die kleinsten sind – der Begriff der Autorschaft bekommt dadurch eine ambivalente Dimension:

Auch die Beschreibung gehört zur Jagd. Sie krönt sich in der Benennung, die einer Handauflegung gleicht. Ein neuer Name wird in Linnés großes Jagdbuch eingetragen und mit dem eigenen verknüpft. Er bleibt dort als Trophäe, solange das System besteht. […] Höchst ungern läßt der Subtile Jäger sich die Autorschaft bestreiten; die Verleihung von Namen ist sein Regal, sein Waidrecht, um das er, ohne es zu merken, auf absonderliche und oft unduldsame Weise kämpft. [Jünger 1980, 29]

Der wahre Autor bleibt allerdings die Natur, deren sorgsam chiffrierter Text sich insektenflügelweise mitteilt:

Das Studium der Insekten hat in meinem Leben viel Zeit verschlungen – dergleichen muß man aber als Turnierplatz sehen, auf dem man sich in feinsten Unterscheidungskünsten übt. Nach vierzig Jahren liest man auf den Flügeldecken Texte wie ein Chinese, der hunderttausend Ideogramme kennt. [Jünger 1979, 487]

Die Frage bleibt dabei, was es eigentlich zu lesen gibt, was denn drinsteht in dem allumfassenden Text, der sich auch auf die kleinsten Repräsentanten der Schöpfung eingeschrieben hat. Welche Herleitungen, welche Übertragungen bieten sich dem kundigen „Leser“ von der Entomologie auf andere Bereiche des Daseins an? Der Erkenntnisekel der offenkundig sichtbaren und menschlich überformten Welt kanalisiert den Blick offenbar in Richtung des Mikrokosmos einer anderen, besseren, mutmaßlich kleineren aber de facto größeren und reicheren Welt:

Die Erde scheint kleiner zu werden im Maß, in dem die Technik wächst. Sie ist in Stunden zu umfliegen und bietet bei jeder Landung die gleichen Bilder dar. Der Entomolog sucht dieser Verödung zu entfliehen, indem er sich den kleinen Dingen zuwendet, von denen das Sprichwort rühmt, daß die Natur in ihnen am größten sei. Auf diese Weise vergrößert er die Welt. [Jünger 2003, 419]

Unübersehbar scheint dabei, dass die Käferkunde als Welt im Kleinen auch eine gewisse gesellschaftskritische, gar politische Dimension hat: Denkt man sich Insekten als staatenbildende Gemeinschaften mit überaus effizienter Aufgabenteilung, strenger hierarchischer Ordnung und sogar eigenen Formen der Architektur mit ungeheuren Dimensionen im Verhältnis zur Größe des Einzelnen, so muss die menschliche Staatskunst samt ihrer ästhetischen Zeichen, besonders wenn sie eine demokratisch gewählte Majorität und damit ihre eigene Mediokrität inthronisiert, einem nicht in demokratischer Denkweise verwurzelten Geist geradezu wie ein widernatürlicher Fehlgriff erscheinen – der Irrweg eines von der Natur benachteiligten Mängelwesens, das zusätzlich zu seinen zweifelhaften Anlagen noch von der Seuche eines harmlosen Gutmenschentums befallen ist. Ernst Jünger (ein Verweigerer des Hitlergrußes zu Zeiten als dies riskant war) schien das Schwimmen gegen den Strom des bundesrepublikanischen Zeitgeistes keinerlei Mühe mehr wert, denn diese Ströme seien doch nur „Pißrinnen“ (Jünger 1998, 193). Der Gedanke, dass der Mensch im Vergleich mit dem Insekt das weniger perfekte Produkt der Schöpfung ist, findet sich schon bei Herder in seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache:

Lücken und Mängel können doch nicht der Charakter seiner Gattung sein: oder die Natur war gegen ihn die härteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Insekt die liebreichste Mutter war. Jedem Insekt gab sie, was und wieviel es brauchte: Sinne zu Vorstellungen und Vorstellungen in Triebe gediegen, Organe zur Sprache, soviel es bedurfte, und Organe, diese Sprache zu verstehen. Bei dem Menschen ist alles in dem größten Mißverhältnis – Sinne und Bedürfnisse, Kräfte und Kreis der Würksamkeit, der auf ihn wartet, seine Organe und seine Sprache. [Herder 1985, 715]

Ist somit die Entomologie in ihrer philosophisch-textwissenschaftlichen Darreichung als Weltentschlüsselungsansatz nicht in erster Linie eine Form der Aufarbeitung und der Selbsttherapie eines in seiner Eitelkeit verletzten Wesens, das seiner Position als Krone der Schöpfung auch dadurch noch Nachdruck verleihen muss, dass es andere Exemplare ebendieser Schöpfung entdeckt, benennt und entziffert? Dass sich hieran aber noch weniger Abgründiges offenbart als in der Zwanghaftigkeit des Sammelns solcher Objekte, gab auch Ernst Jünger offen zu – nicht ohne jedoch den Kreis menschlicher Narrheiten gleichsam wieder auf alle übrigen Interessensgebiete auszuweiten:

Man tut überhaupt gut, an eigene Schwächen zu denken, wenn man von solchen Vorlieben hört. Der eine gerät über eine vom Grünspan zerfressene Münze in Entzücken, der andere über einen Urnenscherben, der dritte über einen Heuschreck aus Sansibar. Jeder nimmt eine winzige Facette am Stein der Weisen wahr. Doch allen gemeinsam ist das Licht, das aufglänzt, und die Lust, mit der es wahrgenommen wird. Der Anblick erinnert an eine groteske Gruppe von Astronomen, die wenig voneinander wissen, obwohl die Perspektive auf denselben Stern gerichtet ist. [Jünger 1980, 23]

Fast kann es neidisch machen, dieses weihevolle, naturmythisch-pseudoreligiös inspirierte Pathos, mit dem Jünger noch die Universalität der Natur, das glänzende Licht des Wissens und den Stein der Weisen beschwören konnte (und sich selbst freilich als einen Hohepriester dieses lustvollen, skripturalen Kults). Schon seinen Zeitgenossen fiel der Glaube an diese lichterfüllte Allgesamtheit ungleich schwerer: Gottfried Benn, als Arzt dem kalten Blick des partikularistischen naturwissenschaftlichen Denkens verpflichtet, hatte einst Ernst Jünger zum Diner geladen. Jünger bemühte sich recht hartnäckig um den Kontakt mit dem Autor der Morgue-Gedichte (obwohl dieser keine Käfer sammelte) und Benn war ziemlich ratlos, was er dem weltgewandten Gourmet in der Bescheidenheit seiner Berliner Wohnung servieren könne – es gab schließlich Garnelen in Mayonnaise (die wohl nur der entomologisch Unkundige als Insekten des Meeres bezeichnen würde). Obwohl sich Benn im Nachgang für die Qualitäten des dazu gereichten Weins entschuldigt und sich in der Folge ein wenn auch schmaler, so doch herzlich-wohlwollender Briefwechsel entwickelt – in dem Jünger seinen Berliner Bekannten gar mit „Kamerad Benn“ (Jünger 2006, 40) anredet –, wiederholt sich die Begegnung zwischen den beiden älteren Herren nicht. Da leider keine genauen Inhalte des Gesprächs überliefert sind, darf man wohl mutmaßen, dass der gealterte Nihilist Benn seinen scheinbar immer jungen, käferbegeisterten Gast mit seiner spöttischen Skepsis gegenüber der Jagd und der Existenz einer enzyklopädischen, erleuchtenden Weltuniversalität desavouiert hat, wie sie etwa in dem Gedicht Fürst Kraft zum Ausdruck kommt, von dem hier die letzte Strophe zitiert ist:

So schuf er für das Ganze
und hat noch hochbetagt
im Bergrevier der Tatra
die flinke Gemse gejagt,
drum ruft ihm über die Bahre
neben der Industrie
alles Schöne, Gute, Wahre
ein letztes Halali. [Benn 1960, 93]

Literatur:

Ball, Hugo: Das Insekt. In: Ders.: Sämtliche Werke und Briefe. Band 1: Gedichte. Göttingen 2007, S. 31-32.

Benn, Gottfried: Fürst Kraft. In: Ders.: Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 1. Gedichte. Hg. von Dieter Wellershoff. Wiesbaden 1960.

Busch, Wilhelm: Max und Moritz. In: Das große Wilhelm-Busch-Lesebuch. München 1982, S. 193.

Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Teil: Havelland. In: Ders.: Sämtliche Werke. Zweiter Band. Hg. von Walter Keitel. München 1967.

Goethe, Johann Wolfgang von: Tagebuch der Italienischen Reise. In: Ders.: Gesamtausgabe der Werke und Schriften in 22 Bänden. Elfter Band: Tagebücher, Band 1 1770-1810. Hg. von Gerhart Baumann. Stuttgart 1956.

Gogol, Nikolai: Die toten Seelen oder Die Abenteuer Tschitschikows. Norderstedt 2012.

Gotthelf, Jeremias: Die schwarze Spinne. Stuttgart 1992.

Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. In: Ders.: Werke in zehn Bänden. Hg. von Martin Bollacher. Band 1: Frühe Schriften 1764-1772. Frankfurt a.M. 1985.

Jünger, Ernst: Kaukasische Aufzeichnungen. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band 2. Tagebücher II. Strahlungen I. Stuttgart 1979, S. 40-492.

Jünger, Ernst: Subtile Jagden. In: Ders.: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung, Essays IV. Band 10. Stuttgart 1980, S. 8-278.

Jünger, Ernst: Siebzig verweht. Band V. Stuttgart 1998.

Jünger, Ernst: ‚Auf subtiler Jagd‘. Zu einer Plastik von Gerold Jäggle. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band 22. Vierter Supplement-Band. Stuttgart 2003, S. 419.

Jünger, Ernst: Nachricht aus Paris an Gottfried Benn vom 20.6.1952. In: Gottfried Benn – Ernst Jünger. Briefwechsel 1949-1956. Hg. von Holger Hof. Stuttgart 2006.

Kafka, Franz: Die Verwandlung. In: Ders.: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte. Hg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Frankfurt a.M. u. Basel 2003, S. 23-91.

Mann, Thomas: Tonio Kröger. In: Ders.: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Frankfurter Ausgabe. Band 4: Frühe Erzählungen. Hg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 1981.

Martus, Steffen: Ernst Jünger. Stuttgart 2011.

Das Zweite Buch Mose, 8 und 10. In: Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart 1979, S. 83f.

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Kritische Studienausgabe. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Moltinari. München 1999.

Advertisements

Der Mops im literarischen Bestiarium

Mit zwei unveröffentlichten Gedichten von Friedrich Rückert

Von Reinhold Münster

Logbuch der Wissenschaften
60. Jahrgang
5. Januar 2013

Den ersten Besuch in Bamberg hatte ich mir anders vorgestellt. An diesem Tag drückte die Hitze des Sommers auf das Gemüt, in der Ferne kündigte sich mit Donnergrollen ein Unwetter an. Die Gassen schienen fast ausgestorben zu sein. Endlich tauchte am Rande der Innenstadt ein kleines Straßencafé auf. Die Tische waren verwaist. Ich suchte einen Platz im Schatten der Häuserwände und bestellte einen großen Cappuccino, um die erschlafften Lebensgeister aufzumuntern, doch bald wirkte die Stille auf mich.

Plötzlich, wie auch sonst in der modernen Literatur, riss mich ein unheimliches Geräusch aus meinem leichten Dösen. Ich fuhr hoch. Ein rascher Blick um mich: keine Bewegung, nichts, niemand. Die Fenster in der kleinen Straßenschlucht waren geschlossen. Der Lärm ging in ein lautes Schnarchen über. Da entdeckte ich den Täter – einen feisten Mops, der sich im Schatten unter meinen Stuhl häuslich eingerichtet hatte, tief und fest schlummerte und im Schlaf nach Beute schnappte.

In diesem Augenblick erwachte der Wissenschaftler in mir, alle Müdigkeit war gewichen. Der Mops als Zeichen (für Stil)? Als Symbol? Als Metapher? Als Allegorie? Als Genderproblematik? Als wissenschaftliche Tatsache? Als kulturelle Ikone? Als „Weißwurstmarzipanschweinkampfstier“ – so die Zusammenfassung der Beschreibung aus Brehms Tierleben? Ich beschloss, mich dem Problem zu widmen und notierte in das Logbuch der Wissenschaften die folgenden Fragen: Was wusste ich über den Mops? Wo kam er her? Worin bestand seine kulturelle Leistung für die Menschen? Wo geht er hin?

Mein Wissen über den Mops – die erste Frage ließ sich einfach beantworten – bewegte sich auf keinem besonders hohen wissenschaftlichen Niveau, griff auf die direkte, empirische Beobachtung zurück: Vier Beine, ein geringelter Schwanz, kupierte Ohren, ein schwarzes, flaches Gesicht, in diesem Fall zu einer beigen Färbung des Fells getragen. So lag er fett und schwer schnaufend da.

Es blieb nur eine Lösung: Ich schleppte mich zur Staatsbibliothek den Berg hinauf, bestellte die gängigen Nachschlagewerke, deren Stapel langsam auf dem Tisch anwuchsen. Der erste Band war – für Bamberg nicht verwunderlich – die frühchristliche Naturkunde des Physiologus. Schön sprach der Physiologus vom Charadrius, von den Eselskentauren, dem Einhorn, dem Enhydris und dem Ichneumon, dem Antholops, dem Hydrippos, sogar von der Ameise, nicht aber vom Mops; er erwähnte ihn mit keiner Silbe. Schön sprach der Physiologus auch vom Baum Peridexion, behandelte aber nicht die Frage, ob der Mops nicht an diesem immer wieder sein Hinterbein anhob und so den Fortbestand der Fauna sicherte.

Auch die Lektüre moderner Bestiarien blieb ernüchternd. Franz Blei behauptete, er habe alle lebenden Tiere in sein Bestiarium literaricum aufgenommen. „Den Nutzen dieses kurz und bündig abgefassten Bestiariums wird der Tierfreund und -feind beim Durchblättern also gleich mit Vergnügen bemerken.“ Dabei befleißigte er sich, so seine Aussage, des damaligen Standards wissenschaftlicher Objektivität: „Aller Kritik unserer Viecher habe ich mich enthalten, wie man merkt: Wir müssen sie hinnehmen, wie Gott sie geschaffen. Ihm allein die Ehre und die Verantwortung.“ Blei neigte zu unzulässigen Verallgemeinerungen, besonders in der Frage nach der Intelligenz der Tiere: „Denn gerade das, was einige von unseren heutigen Tieren behaupten, das tun sie gar nicht: denken.“ Dabei blieb er ein kritischer Beobachter, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen können: „Der Benn ist ein giftiger Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.“ Oder: „Die Courthsmahler ist eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt.“ Den Mops jedoch sucht der geneigte Leser vergeblich. War er so diskreditiert, dass ihn Blei zu denjenigen Tieren rechnete, die vom Bacillus imbecillus befallen gewesen seien?

Fritz Raddatz, Prachtleierschwanz und Spezialist für biographische Forschungen zum jungen Goethe in Frankfurt, beschäftigte sich im Bestiarium der deutschen Literatur mehr mit Mollusken, bunten Vögeln, Fischen und schleimenden Geschöpfen aus unterschiedlichen Gewässern. Kein Dichter, auch keine alte Jungfer waren es ihm wert, mit einem Mops verglichen zu werden.

Die Gesamtschau bisher war enttäuschend verlaufen: Die gängigen Bestiarien von der Antike und dem Mittelalter bis zur Gegenwart wussten nichts vom Mops zu berichten.

Wo also kam er her (zweite Frage)? Drei Theorien konkurrierten bisher um die wissenschaftliche Anerkennung und Verifizierung. Bernhard-Victor von Bülow behauptete, die Heimat des Mopses liege in Europa. „Als Herr des Waldes durchstreifte der Mops einst Europa zwischen dem Ural und Fichtelgebirge. Heute weiden nur wenige wilde Möpse in unbewohnten Waldungen Nordschwedens.“ Knochenfunde aus der Zeit um 1500 erhärteten den Befund. (Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer die Ausgräber waren. Ich vermute: Gilbert und Henry aus dem Hause Bülow.) Der Mops galt und gilt bis heute als gefährdete Art, so Bülows Meinung: „Ende des 16. Jahrhunderts galten die mächtigen Mopsschaufeln noch als beliebte Jagdtrophäe.“ Da der wilde und scheue Waldmops Wälder verwüstete, Vogelnester ausnahm und Rotwild riss, wurde er eingefangen und domestiziert. Bülow erkannte hier indirekt einen wichtigen Aspekt literarischer Moderne seit der Aufklärung: die Domestizierung der Wildnis, die dem Nutzkalkül unterworfen werden sollte. „Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich 14-Ender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten.“ Teile des Wildbestandes sollen in der Gegenwart nach Südafrika ausgewandert sein; einige seltene Exemplare wurden von Bülow noch in den achtziger Jahren an der Wesermündung gesichtet.

Die zweite Theorie verlagerte die Herkunft des Mopses auf den Ursprungskontinent des Homo sapiens. Sie besagte, dass der Mops im 17. Jahrhundert von Südafrika nach Europa, besonders in die Niederlande und nach England gekommen sei. Am Kap der Guten Hoffnung hätten Wilhelm III. von Oranien und Maria von Oranien-Nassau die Vierbeiner aufgegriffen und mit zu ihrer Krönung (1689) ins Vereinte Königreich genommen, wobei die Möpse wie die Fangemeinde der niederländischen Nationalmannschaft Schals in Orange getragen haben sollen. (Ein Vergleich beider Gruppen liegt mir fern, denn der Mops Pompey soll seinem Herrn während eines Überfalls im Heerlager von Hermigny durch lautes Lärmen den Sieg gerettet haben.)

Viele Wissenschaftler favorisierten eine dritte Theorie. Sie behauptete die Herkunft des Mopses aus China. Dort hatte er sich hochgezüchtet zum Molosserhund und gelangte vor mehr als 2.000 Jahren an den chinesischen Kaiserhof, wobei er mehr oder weniger sein heutiges Aussehen annahm. Gerne lag er dort auf rotseidenen Kissen mit goldenen Troddeln. Aktiv stritt er mit Dschingis Khan in dessen Heer und gelangte mit seinem Feldherrn auch nach Europa. Eindeutig dürfte sein, dass der Mops mit den Entwicklungen in der Alten Welt verbunden ist. Für die Bestätigung der Theorie sprechen einige Fakten, die eng mit der dritten Frage verbunden sind und mit ihr diskutiert werden sollen.

Der Mops trat als kampferprobter und mutiger Held auch in die Geschichte der europäischen Literatur und Kunst ein. 1717, in der Schlacht von Belgrad gegen die Heere der Türken, verteidigte er seinen Herrn, den Feldmarschall Herzog Karl Alexander, als Prinz Eugen schon längst vom Schlachtfeld verschwunden war. Im Zuge der militärischen Bewegungen wurde der Mops auf dem Kampfplatz schlicht vergessen. Heldenhaft suchte er den Weg durch die feindlichen Linien und gelangte heil nach Württemberg.

Elf Tage lang ist er gerannt,
von Belgrad heim ins Schwabenland!

So heißt es in einem Gedicht, das bei seinem Ableben verfasst wurde. Es dürfte in der Literaturgeschichte nicht häufig vorkommen, dass Casualcarmina wie Epicedien auf einen Mops gesungen wurden. (Hier öffnet sich eine Forschungslücke in der deutschen Literaturwissenschaft, die sich sicherlich durch einige Doktorarbeiten schließen ließe.)

Das Motiv des menschliche Fähigkeiten überschreitenden Kämpfers behielt seinen Reiz bis weit in die Weimarer Republik. So ließ Paul Scheerbart seinen Band Mopsiaden mit einem klar positionierten Vierzeiler beginnen:

Für den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Also sprach der Mops: Ich halte mich für den Übermenschen. Dieser Witz kam im Jahr 1920 a) ziemlich spät und b) mit miserablen Reimen daher. Gerade der Mops verweigert sich dem Reim. Als Reimworte kennt die Literaturgeschichte bis heute lediglich: Klops, Drops, Hops und obs. Das ist dürftig bis beschämend. Aus meiner Sicht war es aber nicht der einzige Grund, warum deutsche Poeten den Mops wenig in ihr Herz geschlossen haben.

Im Barock ein kriegerischer Held, im Rokoko ein Frauenheld im Boudoir: Hier zeigte sich die Anpassungsfähigkeit des Tieres. Der zärtliche Gleim widmete ihm zwei vergnügliche Gedichte; eins ist abgedruckt bei Felicitas Noeske (Mops Epitaphium), das andere findet sich im Versuch in scherzhaften Liedern unter dem bezeichnenden Titel Das Möpschen. Schon der Diminutiv deutet an, dass der Vierbeiner über eine gewisse Naivität verfügt. Das niedliche Möpschen wurde von Philemon ausgesandt, die Schöne zu bewachen. Während es diese Aufgabe auf dem Schoß der Dame wahrnimmt und Zucker leckt, entspinnt sich ein kleiner Dialog, während dessen der Held überlistet wird. Die Musa iocosa hatte wohl ihre Finger im Spiel. Das Mädchen, so verrät es der Mops, solle nur mit Philemon spielen und scherzen, nicht mit anderen Männern Vertraulichkeiten und Küsse austauschen. Sollte dieser Fall eintreten – und er wird sich kurze Zeit später in einer anderen Geschichte (1796) ereignen –, dann komme es zum Hauen und Stechen, zum Bellen und Beißen:

Ich bin ein treuer Diener,
Drum hütet Euch vor Möpschen!
Ich leide keinen Fremden,
Der Euch die Wangen streichelt,
Der etwa seine Lippen
Auf Eure Lippen drücket!

Die spröde Schöne weiß jedoch den klugen Ausweg. Wenn aber eine Freundin sie küssen würde, was dann? Da muss ich meinen Herrn fragen, lautet die prompte Antwort. Und schon ist der Mops losgelaufen und hat Platz gemacht für neue Scherze.

Wichtig für den Fortgang der Geschichte und kulturellen Leistung des Mopses wurde in dem Zusammenhang von Eros und kontrollierender Macht – von Michel Foucault völlig unbeachtet – Fortunée, der Wächter von Joséphine de Beauharnais. Die Fama berichtete, dass in ihrer Hochzeitsnacht Napoleon von dem Tier ins Schienbein, andere sprechen vom Wadenbein, gewissen wurde, als dieser ins Brautbett klettern wollte. Knurrte Fortunée dabei „In Tyrannis“? Die Frage ist bis heute nicht beantwortet, auch nicht diejenige, ob damit in die Trompete für die Erhebung der europäischen Völker gebellt wurde.

Eine neue Konstellation entstand: Die jungen Mädchen liebten den Mops, er galt als ihr Gespiele, als ihr Wächter, als ihr Kuscheltier im Bett. Die jungen Männer, allen voran Napoleon, hassten den Mops als Konkurrenten, aber auch als Revolutionär und weiterhin tapferem Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne. Ein starker Beleg für diesen Abscheu vor dem Mops findet sich in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Das Märchen). Goethes Ablehnung jeglicher revolutionärer Umtriebe kann als bekannt vorausgesetzt werden; es geht hier nur um die literarische Rolle des Mopses. Dieser opferte sein Leben, um die Geschichte – als Erlösungsgeschehen, Herr Scheerbart! – voranzutreiben. Die schöne Lilie fragte: „Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?“ Sie spielte mit dem Tier, dem sie das Leben zur Hälfte wieder geschenkt hatte, betrachtet es mit Wohlgefallen, drückte es an ihr Herz und so weiter. Der Jüngling sah dies mit scheelen Augen und wachsendem Verdruss: „[…] aber endlich, da sie das hässliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen küsste, verging ihm alle Geduld“, und er beschimpfte den Mops als „widernatürliche Missgeburt“. Keine Biographie, die mir bekannt ist, berichtet davon, dass Goethe ein Haustier besaß.

Mit der aufgezeigten, erotischen Komponente spielt heute noch das Bild der niederländischen Malerin Nastja Holtfreter: Frau mit Möpsen. Die Blicke einer alten Jungfer, die keine genetische Schönheit ist, signalisieren Begehren, die beiden Möpse, die sie in den Armen vor dem Busen hält, signalisieren Aggression und Missmut.

So waren es Männer des 19. Jahrhunderts, die immer wieder schlecht vom Mops und seinen Fähigkeiten sprachen. Den Höhepunkt der Kampagne beschreibt eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Das junge Mädchen, das gilt auch für die hübsche Erzählung Horacker von Wilhelm Raabe, verwandelte sich nun in die alte Jungfer. Der Mops sei alter Damen Freude, dichtete Busch in seinem Naturgeschichtlichen Alphabet: Eine alte Vettel taucht ein Biskuit in ihre Tasse, ein fetter Mops auf dem Tisch stehend, wartet schon auf die Leckerei. Drastisch führte Busch seine Kritik des Mopses und seines Frauchens in Die Strafe der Faulheit aus:

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Das wurde dabei fett und dick. Einen Braten wie diesen wollte sich der Hundefänger nicht entgehen lassen, fing den Mops und fraß ihn auf. Die Haut verkaufte er an das Fräulein für zwei Goldstücke. Das letzte Bild: Schnick mit einer Brezel im Maul.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
– Wer dick und faul, hat selten Glück.

Buschs schwarze Pädagogik dürfte bekannt sein, sein Hass auf die Lehrer und die bürgerliche Gesellschaft auch. Und besonders viel Liebesglück schien in seinem Leben auch nicht Platz genommen zu haben. Die Botschaft für die Leser war klar, so Felicitas Noeske: Armen Kerlen wird das Fell abgezogen. „Irgendwann folgte der Grande Révolution der Grillabend.“

In diesem Kontext fügen sich die beiden Gedichte von Friedrich Rückert problemlos ein, die im Stadtarchiv Schweinfurt (Sammlung Rückert) zu finden sind.[1] Rückert pflegte im Gegensatz zu Busch ein mehr praktisches Verhältnis zu Haustieren. Dies kann ein ganz kleiner Exkurs zeigen. In Zur Ehre der Gans (Lyrische Gedichte. Haus und Jahr) wird von einer jungen Liebe berichtet. Nach dem ersten Abschied vom Geliebten fütterte das Mädchen ein Gänschen. Nach einiger Zeit schrieb sie sehnsüchtig:

Liebster, komm! das Gänschen fett
Ist genug gepfropfet,
Und die Federchen ins Bett
Sind bereits gestopfet.

Gänse scheinen im Hause Rückert ein Lieblingsgericht gewesen zu sein. Ganz realistisch heißt es dazu (Das Männlein in der Gans), fast im Stile eines Wilhelm Busch:

Die Köchin wetzt das Messer,
Sonst schneidt‘ es ja nicht;
Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
Als dass man sie sticht;
Wir wollen sie nehmen und schlachten
Zum Braten auf Weihnachten.

Dem Mops ergeht es nicht viel besser. Wie bei Busch gehörte für Rückert der Mops als gesellschaftliches Zeichen zu den alten Damen (Sammlung Rückert, A II 71d–430):

Willst du als Ehrenangebinde
Höflichern Mannes Namen tragen,
Musst du die junge Frau nach ihrem Kinde
Nach ihrem Mops die alte Jungfer fragen.

Wem der gute Rat gelten sollte, ließ sich nicht feststellen. Auch im zweiten Gedicht bleibt unklar, wer die Totengräberin des Mopses sei. Rudolf Kreutner vermutete, dass es sich um die kapriziöse Tochter Marie handeln könnte. Das Gedicht ohne Titel (Sammlung Rückert, A II 71a–270):

Und als ihr Lieblingsvieh gestorben war, der Mops,
Befahl sie daß im Garten mans begrabe;
Im Grünen stinkt es nun, als obs
Im Zimmer nicht schon gnug gestunken habe.

Damit wäre der Weg, den der Mops in der menschlichen Kultur durchschritt, fast gedeutet: Ein Lebenslauf in absteigender Linie. Christian Morgensterns Beschreibung des Mopses zielte weit an der literarischen Wirklichkeit vorbei (Mopsleben):

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

Wer außer Morgenstern hätte je einen Mops in solch lächerlicher Position gesehen? Der Mops als meditierendes Wesen, als kleiner Buddha? Sein Weg in Europa war ein anderer: Vom barocken Helden über den Helden im Bett der jungen Mädchen, zum Tröster alter Jungfern, am Ende zur ausgestopften Haut, zum Braten oder zur stinkenden Leiche. Sic transit gloria mundi. Geht noch mehr?

Natürlich! Auf so viel an Verachtung, auf so viel an Hass, denen der Mops ausgesetzt war, kam die Versprachlichung des Hundes, seine Auflösung in eine Sprachstruktur, die Reduktion als Träger eines phonetischen Merkmals, des Vokals „o“. Ernst Jandl (der künstliche baum) verwandelte den Mops, aber auch Gott und Otto in ein Sprachspiel des Univokalismus. Dass dabei dem literarischen Mops das Kotzen ankam, entspricht wohl seiner früheren revolutionären und kämpferischen Natur. Seine Reaktion war:

ottos mops hopst fort

Doch wo „hopst“ er hin? „Bitte Geduld! Nur noch zwei Minuten!“ Dann ist auch die letzte Frage in ihren Grundzügen umrissen. Im Jahr 1971 landete die Raumfähre „Wotan I“ auf der Mondoberfläche. Die erste Einstellung der Kamera zeigte die Mondfähre, im Hintergrund lag gut erkennbar die Erde. Vorn im Staub des Mondes saßen zwei Möpse, die bunte Welt seelenruhig betrachtend. Bülow druckte das Protokoll in seinen Untersuchungen ab:

Worte des Sprechers während der Live-Übertragung aus dem Weltraum: „Das sind wohl die bisher eindrucksvollsten Farbfernsehbilder von der Mondoberfläche. Im Hintergrund rechts die Erde, unser blauer Planet, links die Landefähre.
Unter 68 Astronauten, die in die engere Wahl kamen, hatten sich Meyer und Pöhlmann als die härtesten erwiesen. Allerdings höre ich eben, dass Pöhlmanns Puls auf 160 gestiegen ist, Meyers liegt noch bei 92.
Dieses Bild wird sich uns für immer einprägen – ein Bild, das jetzt im Augenblick von über 300 Millionen Menschen rund um den Erdball empfangen wird. Meyer und Pöhlmann, Deutschland ist stolz auf euch.“

War der Mops von Fräulein Lunden (James Krüss) heimlich in die Rüstung von Pöhlmann gestiegen, da sein Puls so hoch lag? Ich weiß es nicht. Müde winkte ich den beiden Raumfahrern zu und wünschte ihnen viel Glück für den weiteren Lebensweg. „Lebt wohl, Möpse. Ein lustigeres Leben als auf der Erde findet ihr überall!“

Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. Ganz leise sprach eine weibliche Stimme zu mir: „Wir schließen in fünf Minuten.“ Ich erhob mich vom Lesetisch in der Bibliothek, streckte meine Glieder, löschte das Licht und beschloss mich von den Anstrengungen des Tages im nächsten Weinhaus mit „möpselndem Wein“ zu stärken.

Man erzählte später, ich hätte mir diese Geschichten lediglich ausgedacht, und einige Kollegen gingen so weit, mir anzudichten, ich hätte eine Schwäche für Alkohol, aber das ist eine gemeine Lüge! Heiliger Ijon Tichý bitt für mich! Aber so sind die Menschen: Sie glauben lieber den unwahrscheinlichsten Unfug als korrekte Tatsachen, die ich mir hier dazulegen erlaubt habe.

Literatur:

Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur. Hamburg 1995.

Wilhelm Busch: Sämtliche Werke. Gütersloh 1982.

Johann W. L. Gleim: Sämmtliche Werke. Bd. 1. Halberstadt 1811.

Johann Wolfgang von Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. HA Bd. 6. München 1982.

Ernst Jandl: poetische werke. Bd. 4. München 1997.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher. Frankfurt a.M. 1978.

Loriot: Gesammelte Prosa: Zürich 2006.

Loriot: Möpse und Menschen. Zürich 1983.

Felicitas Noeske: Das Mops-Buch. Frankfurt a.M. 2001.

Physiologus: Hanau 1981.

Fritz Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Reinbek bei Hamburg 2012.

Friedrich Rückert: Poetische Werke. Bd. 2. Frankfurt a.M. 1882.

Friedrich Rückert: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Schweinfurt 1999.

Paul Scheerbart: Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Stuttgart 1990.

Karin Tebbe: Der Mops – eine nutzlose Kreatur? Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg 294 (9/2009).

Kurt Tucholsky: Das Wirtshaus im Spessart. In: Panter, Tiger & Co. Reinbek bei Hamburg 1954.

Brehms Tierleben. 1827. Zitiert nach: Focus online. Zugriff, 23.11.2012. 17:40 (Der Mops, ein Wunder der Natur).

Wikipedia.org: Mops. Zugriff: 23.11.2012, 13:30.


[1] Hier die einzige Fußnote: Ich danke Herrn Dr. Rudolf Kreutner von der Friedrich-Rückert-Gesellschaft für das Auffinden und die Druckerlaubnis der beiden Gedichte.