Was der ruhelose Geist eines kapitalistischen Katers zu erzählen hat

Tiere in Robert Grötzschs Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten

Von Julia Eckert

Neben dem durch unreflektierten Patriotismus, offen glorifizierten Militarismus und nationalistisches Gedankengut geprägten Großteil der Kinder- und Jugendliteratur im preußischen Kaiserreich (vgl. Wild 1990, 179), der durch eine die realen Lebensverhältnisse verschleiernde und sich vor allem an jüngere Rezipienten richtende ‚Heile Welt‘-Literatur ergänzt wurde (vgl. ebd., 180), entwickelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erste Formen von sozialistischer Literatur für Kinder und Jugendliche. Einerseits wies diese durch Forderungen nach künstlerischem Anspruch und poetischem Eigenwert der Texte Berührungspunkte mit der Jugendschriftenbewegung auf, die einen an den impliziten Kriterien klassisch-humanistischer Ideale ausgerichteten Kinder- und Jugendliteraturkanon favorisierte. Andererseits ergaben sich in puncto inhaltliche Ausgestaltung Differenzen zwischen den Befürwortern einer eigenständigen Literatur für die Jugend der unteren Gesellschaftsschichten und Anhängern der Jugendschriftenbewegung. Letztere sprachen sich 1906 deutlich gegen Tendenzschriften im engeren Sinne aus (vgl. Wolgast o.J., 282–283)[1], wodurch nicht nur mehrheitlich abgelehnte Richtungen wie die wilhelminische Ideologie, sondern potenziell auch sozialistische Tendenzen als unerwünscht gelten konnten. Während die Befürworter weltanschaulicher Neutralität wie Karl Kautsky eine in ausreichendem Maße ausgebildete kritische Rezeptionsfähigkeit in Bezug auf politisierte Literatur bei der Zielgruppe bezweifeln (vgl. Marquardt o. J., 83) und etwa Heinrich Schulz die Kindheit als ideologielose Zeit begreift und diesen Zustand als schützenswert erachtet (vgl. ebd.), so streben die Befürworter sozialistischer Kinder- und Jugendliteratur Texte an, die sich unter anderem „gegen bürgerliche Tendenzen, d.h. gegen jedwede Ideologie in Form von Religion und idealistischer Wissenschaft sowie gegen Chauvinismus und Imperialismus wenden“ (Marquardt o. J. 90). Clara Zetkin, eine Vertreterin der Befürworter einer speziell auf die Lebenssituation von proletarischen Kindern und Jugendlichen zugeschnittenen Literatur mit sozialistischer Grundlinie verteidigt den Begriff der Tendenz im Allgemeinen am Anfang eines Textes über Ferdinand Freiligrath:

Die Geschichte der Kunst straft freilich die Worte Lügen, welche die ‚Tendenz‘ im Reiche des Schönen ächten sollen. Sie weist aus, daß zu allen Zeiten der geistige Gehalt großer sozialer Bewegungen und Kämpfe Schöpfungen von höchstem und dauerndem künstlerischem Wert Leben und Gestalt verliehen hat. [Zetkin 1907/10 [1955], 80]

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass Zetkin der Kunst im Kontext des Klassenkampfes eine zentrale Rolle zuweist (vgl. Zetkin 1910/11 [1955], 102–103). Zudem postuliert sie Kunstausübung als menschliches Charakteristikum im Gegensatz zum Tier:

Es ist eine Tatsache, daß die Kunst eine alte, urwüchsige geistige Lebensäußerung der Menschheit ist. […] Kaum daß der Mensch sich von der Tierheit loszulösen beginnt, daß geistiges Leben in ihm die Augen aufschlägt, regt sich in ihm der künstlerische Schöpfungsdrang und läßt eine ganz einfache, rohe Kunst entstehen. [Zetkin 1910/11 [1955] 102]

 Die Frage nach den Voraussetzungen für die Produktion und Distribution von Literatur für die proletarische Jugend, nach Aspekten ihrer inhaltlichen Ausgestaltung und Anforderungen an formal-ästhetische Gesichtspunkte wird zunehmend zum Inhalt parteipolitischer Diskussionen. Ein Meilenstein der sozialdemokratischen Auseinandersetzung mit Schulwesen, Erziehungsfragen und Bildungspolitik ist der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1906 in Mannheim. In den bereits im Vorfeld von Clara Zetkin und Heinrich Schulz veröffentlichten „Leitsätze[n] zum Thema ‚Volkserziehung und Sozialdemokratie‘“ (Christ 1975, 13) wird der Partei im vierten Leitsatz die Aufgabe zugewiesen, „eine geeignete sozialistische Kinderliteratur“ (ebd., 17) zu schaffen, was – auch wenn diese Forderung nicht überall auf Zustimmung stößt und nicht neu ist – die ungebrochene Priorität der Jugendlektüre-Frage unterstreicht. Clara Zetkin fordert auf dem Parteitag in Mannheim, die bisherigen Anstrengungen bürgerlicher Jugendreformpädagogen hinsichtlich einer Steigerung des künstlerischen Niveaus der Kinder- und Jugendliteratur auch unter inhaltlichen Gesichtspunkten vor dem Hintergrund sozialistischer Werte kritisch zu prüfen (vgl. Zetkin 1906 [1986], 63) und künftig auch die bislang nicht thematisierten „sozialen Tugenden, welche der proletarische Klassenkampf gebiert und bedarf und die auf der Grundlage unserer sozialistischen Weltanschauung entstehen“ (ebd., 64) in eine genuin sozialistische Literatur für eine junge Zielgruppe zu integrieren.

Zu den heute nicht mehr breit rezipierten frühen Vertretern von sozialistischer Kinder- und Jugendliteratur zählt Robert Grötzsch, als Klempner zunächst selbst im Arbeitermilieu tätig, bevor er politische Glossen und literarische Texte verschiedener Genres veröffentlicht (vgl. Weiß/Wonneberger 1997, 65). Zu seinen Kinderbüchern, die im Verlag Kaden & Companie erscheinen, der von dem SPD-Politiker August Kaden 1898 gegründet wurde und in zahlreichen Publikationen eine sozialdemokratische Linie verfolgte (vgl. Altner 2001, 80–81), zählt sein literarisches Debut Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten. Geschichten für Arbeiterkinder (1908). Als Sammlung politischer Märchen und Erzählungen steht der Text in der Gattungstradition von Der große Krach von Friedrich Gottlieb Schulze (1875), der als Beginn der sozialistischen Kinderliteratur gilt (vgl. Wild 1990, 215)[2]. Darüber hinaus enthält Nauckes Luftreise auch sozialkritische Erzählungen mit geschichtlichem Hintergrund und Darstellungen phantastischer Ereignisse. Der Dresdner Grafiker Robert Langbein (vgl. Altner 2001, 108) schuf die aufwendigen Illustrationen zum Text.

Den Beginn des Textes, der eine Art Prolog zur Entstehung der folgenden Erzählungen darstellt, markiert eine spukhafte Zusammenkunft: Der Kater Murr Dyckerpott, Trippeltritt, ein ehemaliges Straßenbahnpferd, ein sogenannter Germunizwerg, ein Stock aus Eichenholz sowie der alte Affe Hukupukl treffen sich nachts kurz vor Morgenanbruch im Wald und beklagen jeweils ihr Leid. Kurz darauf stoßen noch ein Finger, der sich aus der Erde bohrt, der titelgebende Naucke mit seinem Drachen, ein Junge, dem ein Finger fehlt, ein Junge mit Husarenuniform in der Hand sowie ein Mädchen hinzu, die ebenfalls jeweils einen starken Erzähldrang zeigen. Der zufällig hinzuspazierte Autor Rebold Federkiel nimmt sich der merkwürdigen Gesellschaft an und zeichnet ihre jeweiligen Geschichten auf. Erinnert dieser Anfang durch seine Konstruktion der Situation des Erzählens an die Rahmenhandlung eines Novellenbandes, in der innerhalb einer Gesellschaft zum Zeitvertreib Geschichten erzählt werden, so wirkt der Ort des Geschehens wie aus dem Genre der Gothic Novel. Der zunächst um Ruhe bittende Finger macht darauf aufmerksam, dass sich Menschen, Tiere, Dinge und Fantasiewesen „über einem ehemaligen Kirchhofe“ (NL 5) befinden. Doch damit nicht genug – die Tiere eint noch eine viel schauerlichere Begebenheit: Sie sind alle drei tot.

Trippeltritt figuriert hierbei den durch die technische Entwicklung obsolet gewordenen Arbeiter, dem nach einem mühevollen Leben nur Armut und gesellschaftlicher Undank bleibt. In Hukupukl hat der Typus des ewigen Lügners eine tierische Verkörperung gefunden, denn der Affe muss mit der Schuld leben, seinen naiven Enkel Jokopukl durch Geschichten von paradiesischen Zuständen bei den Menschen zu einer Flucht aus dem Urwald animiert zu haben, die in einer zeitweiligen Existenz in Gefangenschaft als Jahrmarktbelustigung ihren Gipfel fand. Die Geschichten dieser beiden Tiere sind fast ohne narrative Brüche ganz im Sinne der sozialistischen Ideologie gestaltet. Dabei werden die jungen Rezipienten einerseits mit der Trübseligkeit der damaligen Lage des Proletariats konfrontiert, wenn der mit der Hervorbringung der Klage der Straßenbahnpferde bei den Menschen beauftragte Hengst nach seiner Rückkehr von erfolgloser Mission resigniert konstatieren muss:

„Verlaßt euch nicht auf die Menschen, Kameraden. Diese zweibeinigen Geschöpfe stecken viel tiefer im Jammer als wir! Die müssen sich [Hervorh. im Orig.] erst aus der Klemme helfen, ehe sie für uns etwas tun können … “ [NL 78]

Andererseits glorifizieren viele Geschichten den Kampfgeist, den die Arbeiterklasse im vereinigten Kampf gegen die herrschende Oberschicht aufbringen muss, um der Zielgruppe die Notwendigkeit politischen Agierens zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse deutlich zu machen. Während im Zwergenland etwa Streik zum Umsturz der Machtverhältnisse führt, ist Jokopukls Heimat durch die Nichtexistenz von Privatbesitz der menschlichen Daseinswelt einen Schritt voraus, doch noch nicht am Ziel des allgemeinen Wohlstandes angelangt. Jokopukl spricht eine Schelte gegenüber der Tatenlosigkeit der Menschen aus:

„Das eine steht jedenfalls fest: wenn ich ein Mensch wäre, würde ich mich gegen alles Unrecht so lange rühren, bis es sich auf der Erde wirklich so schön leben ließ, wie uns der verstorbene Hukupukl bisher vorgeschwindelt [Hervor. im Orig.] hat.“ [NL 116]

Das Gegenteil des gegenüber menschlicher Gewalt und Willkür machtlosen Tieres findet in der Figur des Katers Murr Dyckerpott seine literarische Ausgestaltung, der zu Lebzeiten einem Fabrikbesitzer zulief und immer mehr selbst zum Kapitalisten wurde. Die Darstellung seiner Geschichte ist sowohl etwas ‚sperriger‘ vor dem Hintergrund einer streng sozialistischen Weltanschauung als auch facettenreicher in der Ausgestaltung des Innenlebens und der Handlungsmotive der Charaktere. Obwohl auch die anderen Tiere einem Menschen ihre Geschichte erzählen müssen, hat dieser Bericht bei Murr explizit den Charakter der Lebensbeichte. Als Spukexistenz findet er keine Ruhe, bis er vor einem Menschen Beichte über seine Untaten ablegen kann (vgl. NL 3). Auffällig für ein sozialistisches Kinder- und Jugendbuch ist hier die theologische Metaphorik. Auch wenn Murr keinen Geistlichen aufsuchen muss, so erwartet er doch Absolution durch den Akt des Erzählens vor einem Menschen.

Insbesondere bei ihm wird der Zustand des Verstorbenseins mit Attributen des Todes wiederholt in die Erinnerung des Rezipienten gerufen: Er riecht „stark nach Balsam und Sargholz“ (NL 3) und darf seine Geschichte als Erster erzählen, da er „‚wieder in seinen Sarg zurück muß, noch ehe der Friedhofswärter den Dienst antritt.‘“ (NL 6) Die Heranführung von Kindern an die Weltsicht des Sozialismus erfolgt nach Clara Zetkin „dadurch, daß wir das Kind lehren, allmählich in der Betrachtung der Natur und aller natürlichen Dinge jeden übersinnlichen außerhalb der natürlichen Welt stehenden Einfluß auszumerzen und auszuscheiden“ (Zetkin 1906 [1986] 55). Murrs letztendlich ewige Existenz als Spukgestalt verträgt sich schlecht mit der Theorie des Materialismus. Natürlich ist hier zwischen empirischer Realitätserfahrung in erkenntnistheoretischer Hinsicht einerseits und einer literarisch konstruierten Welt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten zu unterscheiden, doch überrascht es dennoch ein wenig, dass die märchenhafte Form vieler der Texte in Nauckes Luftreise, durch welche der sozialkritische Inhalt unter Umständen bereits eine ästhetische ‚Brechung‘ erfahren kann, noch zusätzlich durch Elemente einer Spukgeschichte gerahmt wird.

Die Erzählung Murr Dyckerpott selbst zeichnet in Nauckes Luftreise ein groteskes Bild kapitalistischer Dekadenz: Bürgerliche Eigentums- und Besitzverhältnisse werden durch das Testament des Fabrikbesitzers Dyckerpott pervertiert, in dem sein Kater zum Erben ernannt wird, dieser bis zu seinem Ableben gepflegt werden muss und das Restvermögen dann dem „‚Stift für verarmte adlige Jungfrauen‘“ (NL 10) vermacht werden soll. Da es fortan nur noch die Gruppe der aus seinem Fortleben Gewinn schlagenden und die diejenige der von seinem Tod profitierenden Menschen gibt, wird Murr so misanthropisch wie sein verstorbener Besitzer. Während die rapide Gewichtszunahme des Katers, der sich der Statur seines Besitzers Dyckerpott angleicht (vgl. NL 9), als Zeichen schwindender Vitalität der Bourgeoisie gelesen werden kann, ist seine zunehmende ‚Vermenschlichung‘ als Prozess der Verrohung dargestellt. Durch Arroganz gegenüber seiner Umwelt verlernt Murr nach und nach tierische Verhaltensweisen, wobei die Affirmation des Kapitalismus als lediglich oberflächliche ‚Veredelung‘ dargestellt wird, als deren unvermeidliche Kehrseite der Sadismus – Murr lässt Hunde vom Diener mit Steinen beschießen und erfreut sich an deren Schmerzen (vgl. NL 13) – auftritt:

Kurz: der Reichtum machte Murr äußerlich [Hervorh. im Orig.] fein, vornehm im Benehmen – aristokratisch, sagte der Diener. […] Murr pfauchte nur noch ganz selten, miaute überhaupt nicht mehr, spazierte aufrecht, steifbeinig und langsam, verlernte das Umherschielen und lauernde Umherkriechen, das ärmere Katzen so unsympathisch macht, und streifte überhaupt all die verhungerten Manieren ab, die andere in Nahrungssorgen lebende Geschöpfe so auffällig an sich tragen. In seinem Denken und Empfinden aber wurde Murr immer eingebildeter, gefühlloser und roher gegen andere, je mehr ihm seine Umgebung schmeichelte. [NL 13]

Die Kopie des menschlichen aufrechten Ganges und der Manieren der Reichen macht den Kater zu einer grotesk überzeichneten Persiflage eines Kapitalisten. In der ersten Illustration zu Murr Dyckerpott ist der übergewichtige Kater zu sehen, der vor der Dyckerpottschen Villa aufrecht stehend mit erhobener Tatze Auftreten, Haltung und Gebärden eines Menschen aus der Oberklasse imitiert:

Götsch_01[Abbildung 1]

Im Gegensatz zu fast allen anderen Vertretern der herrschenden Klasse in Nauckes Luftreise ist Murr jedoch nicht komplett eindimensional negativ dargestellt. An ihm zeigt sich die Einsamkeit und Tristesse der Oberschicht, obwohl die Erzählhaltung natürlich ganz im Sinne sozialistischer Ideologie keinen Zweifel daran lässt, dass es sich hierbei nicht um ein bemitleidenswertes Phänomen handelt. Entsprechende Szenen lassen sich nicht vollkommen unter die literarische Vermittlung der Weisheit, dass Geld allein auch nicht glücklich macht, subsumieren. Murr wird in Ansätzen auch individueller Freiraum zugestanden. So ist der Beginn eines danach häufiger praktizierten, absurden Pseudo-Such-Rituals, das in gewisser Weise Murrs skurrile Antwort auf die Jagd als Oberklassensport ist, noch im Bereich des Authentischen verwurzelt. Murr sehnt sich nach Ruhe und Abstand: „So versteckte er sich einst hinter dem wilden, rankenden Weine der Veranda, um einmal ungestreichelt und ungehütet zu träumen.“ (NL 14)

Die Reue des geplagten Gespenster-Katers über seinen Lebenswandel setzt erst im Jenseits ein und kommt damit im Sinne marxistischer Philosophie eindeutig zu spät. Die auf einer Illustration zu sehende Inschrift auf dem Dyckerpottschen Grabstein, mit welcher Murr Dyckerpott endet, ist nicht nur für die Armen im Text, sondern auch für die jungen Rezipienten nur als Ausdruck des puren Zynismus zu deuten:

Götsch_02[Abbildung 2]

Im letzten epilogartigen Kapitel von Nauckes Luftreise muss Rebold Federkiel als Angeklagter sein Buch Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten vor einem Richter verteidigen, wobei der Großteil der merkwürdigen Gesellschaft vom Anfang des Textes zu seiner Verteidigung als Zeugen auftritt. Als Murr sein vorheriges Leben bereut und sich darüber beklagt, dass ihm keine Ruhe zuteilwerde, wendet sich der Richter lapidar mit dem Hinweis, dass sein Jammern keinen Sinn mehr habe, da es zu spät sei, dem nächsten Zeugen zu (vgl. NL 128). Vergebung ist in Grötzschs Text für Kapitalisten und ehemals kapitalistische Kater nicht vorgesehen. Am Ende steht mit der wilden Verfolgungsjagd aller auf den unverbesserlichen notorischen Lügner Hukupukl bis in die Wüste ein humoristisches Bild, das einen sehr starken Kontrast zur unheimlichen Atmosphäre des Eingangskapitels bildet. Dass auch Murr Dyckerpott mit Ausdauer hinter dem Affen her rennt, zeigt den wahrscheinlich einzigen Vorteil seiner ewigen Existenz als Geist: Er spürt sein Gewicht nicht mehr.

Abbildungen

[Abbildung 1] Aus: Grötzsch, Robert: Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten. Geschichten für Arbeiterkinder. Zeichnerische Ausstattung von Robert Langbein, Dresden. Dresden-A.: Druck und Verlag von Kaden & Comp. o. J. [1908], S 8.

[Abbildung 2] Aus: Grötzsch, Robert: Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten. Geschichten für Arbeiterkinder. Zeichnerische Ausstattung von Robert Langbein, Dresden. Dresden-A.: Druck und Verlag von Kaden & Comp. o. J. [1908], S. 17.

Primärliteratur

Grötzsch, Robert: Nauckes Luftreise und andere Wunderlichkeiten. Geschichten für Arbeiterkinder. Zeichnerische Ausstattung von Robert Langbein, Dresden. Dresden-A.: Druck und Verlag von Kaden & Comp. o. J. [1908]

Sekundärliteratur                   

Altner, Manfred (Hg.): Das proletarische Kinderbuch. Dokumente zur Geschichte der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur. Dresden: VEB Verlag der Kunst 1988.

Altner, Manfred: Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik. Frankfurt a.M./Bern/New York/Paris: Peter Lang 1991 (= Studien zur Germanistik und Anglistik 9).

Altner, Manfred: Sächsische Lebensbilder. Literarische Streifzüge durch die Lößnitz, die Lausitz, Leipzig und Dresden. 1. Auflage. Radebeul: Edition Reintzsch 2001.

Christ, Karl: Sozialdemokratie und Volkserziehung. Die Bedeutung des Mannheimer Parteitags der SPD im Jahre 1906 für die Entwicklung der Bildungspolitik und Pädagogik der deutschen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Bern: Herbert Lang und Frankfurt a.M.: Peter Lang 1975 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe XI, Pädagogik, Bd. 24).

Kunze, Horst u. Heinz Wegehaupt (Hg.): Spiegel proletarischer Kinder- und Jugendliteratur 1870-1936. 1. Auflage. Berlin – DDR: Der Kinderbuchverlag 1985.

Marquardt, Valentin: Sozialdemokratische Jugendschriftendiskussion um die Jahrhundertwende. Ein Ansatz zur Grundlegung der Erziehung von proletarischen Kindern und Jugendlichen mit Hilfe des Mediums „Literatur“. Bielefeld: B. Kleine Verlag o. J. (= Wissenschaftliche Reihe 28).

Weiß, Johannes u. Jens Wonneberger: Dichter Denker Literaten aus sechs Jahrhunderten in Dresden. 1. Auflage. Dresden: Verlag Die Scheune 1997.

Wild, Reiner (Hg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1990. [Darin: Eckhardt, Juliane: Imperialismus und Kaiserreich, S. 179-219.]

Wolgast, Heinrich: Das Elend unserer Jugendliteratur. Ein Beitrag zur künstlerischen Erziehung der Jugend. Hg. von Elisabeth Arndt-Wolgast und Walter Flacke. 7. Auflage. Worms: Verlag Ernst Wunderlich o.J.

Zetkin, Clara: Sozialdemokratie und Volkserziehung. [Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Korreferat zum Referat „Sozialdemokratie und Volkserziehung“ auf dem Parteitag der SPD vom 23.-29. September 1906 in Mannheim. Der Lautstand wurde behutsam dem heutigen Sprachgebrauch angeglichen.] In: Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Mannheim vom 23. bis 29. September 1906 sowie Bericht über die 4. Frauenkonferenz am 22. u. 23. September 1906 in Mannheim. Berlin: Buchhandlung Vorwärts 1906, S. 347-359. In: Becker, Jürgen (Hg.): Die Diskussion um das Jugendbuch. Ein forschungsgeschichtlicher Überblick von 1890 bis heute. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1986 (= Wege der Forschung 457), S. 47-65.

Zetkin, Clara: Kunst und Proletariat. In: ‚Die Gleichheit‘, 21. Jg., 1910/11, Beilage zu Nr. 8. In: Zetkin, Clara: Über Literatur und Kunst. Zusammengestellt und herausgegeben von Emilia Zetkin-Milowidowa. Berlin: Henschelverlag 1955, S. 100–114.

Zetkin, Clara: Ein Dichter der Revolution. In: ‚Die Gleichheit‘, 1910, Beilage zu Nr. 19, und 1907, Nr. 24. In: Zetkin, Clara: Über Literatur und Kunst. Zusammengestellt und herausgegeben von Emilia Zetkin-Milowidowa. Berlin: Henschelverlag 1955, S. 80–89.


[1] Die Vereinigten Deutschen Prüfungsausschüsse wenden sich auf einer Tagung 1906 gegen „Tendenz im Sinne des absichtlichen Werbens [Hervorh. im Orig.] für einen außerhalb der Kunst liegenden Zweck“ (Wolgast o.J., 283) und stellen klar, dass die Ablehnung von Tendenzliteratur nicht mit der Forderung nach kompletter Neutralität zu verwechseln ist: „Dichtungen, die bei voller Wahrung der Gesetze künstlerischen Gestaltens zugleich eine religiöse, moralische oder patriotische Wirkung [Hervorh. im Orig.] auf den Leser ausüben, sind, sofern sie im übrigen der Aufnahmefähigkeit jugendlicher Leser gerecht werden, als Jugendlektüre unbedingt zu empfehlen.“ (ebd.).

[2] Hier differieren die Angaben in der Sekundärliteratur: Auch Altner sieht 1988 in einer DDR-Publikation zum proletarischen Kinderbuch Der große Krach als erstes sozialistisches Kinderbuch (vgl. Altner 1988, 35; 543), während Kunze/Wegehaupt in ihrer DDR-Publikation zur proletarischen Kinder- und Jugendliteratur Ein Märchentraum. Die Königin der Arbeit beim Feste der Zwerge im Erdschatzreiche (1870) von F. S. Liebisch nennen (vgl. Kunze/Wegehaupt 1985, 17). Altner selbst wiederum schreibt in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1991: „Die bereits vor der Jahrhundertwende beginnende Entwicklung [zu einem Neuansatz des Märchens, Anm. JE] durch Franz Seraph Liebigs ‚Ein Märchentraum‘ (1870) setzte sich über den Dänen Carl Ewald (1856–1908) und Robert Grötzsch (1882–1946) bis zum ersten Weltkrieg und auch danach noch fort.“ (Altner 1991, 184).

Der geprellte Purzel

Skrupel eines Lebensretters

Von Ulrich Holbein

Nicht nur rette ich pro Tag ein Frühstücksei vor dem sicheren Verzehrtwerden durch mich, nicht nur bleiben durch meinen unfanatischen Vegetarismus im Lauf von 75 Lebensjahren genau dreißig Schweine am Leben; denn jeder Bundesbürger frißt pro Jahr eine halbe Sau. Sondern neulich rettete ich sogar recht aktiv einem Huhn das Leben! Einem Huhn! Ich! Obwohl ich mich eigentlich eher als Ästhet betrachte, im Sinne Körkegooohrs (so wird nämlich der Genosse von Prinz Hamlet und Lars von Trier ausgeprochen!) und erst in zweiter Linie als DLRG-Schein-Besitzer. Ich rettete es nicht indirekt, per Salatverzehr, nein, äußerst direkt rettete ich es. Nicht, daß nochmal Herr Schmidt von mir sagt, ich sei zerfressen von Menschenhaß, nur weil ich mal beiläufig geäußert habe, es gäbe in Köln ziemlich viele Leute.

Das aber mit der Rettung eines Huhns kam so: Siebenschläfer stehen unter Naturschutz. Nichts gegen unfreiwillige Haustiere, aber allein diesen Sommer habe ich im Holzzelt meines Schlafzimmers, auf das neulich im September ganz besonders dicke Eicheln prasselten, hierbei sogar Schindeln perforierten, woraus der bäuerliche Schluß gezogen wurde, ein harter Winter steht bevor, zumal die Wildgänse heuer ziemlich früh und zügig vorbeikamen, auf dem Weg von Dänemark über Köln nach Ägypten, und sich nicht lang aufhielten rund ums Knüllköpfchen, kurz: Beim Aussetzen meines allnächtlich dank Lebendfalle gefangenen Siebenschläfers, auf daß er mir nicht länger nebens Kopfkissen kacke, komme ich an zwölf Truthähnen vorbei — neuerdigns sind’s nur noch zwei. Was aber ein anderes Kapitel wäre. Überdies komme ich kurz vor EDEKA und ersatzlos zugemachter Poststelle am Gehöft des Bauern Nickel vorbei, jenes, der neulich die vorletzte Dorflinde abschlug mit der Begründung: „Is doch nur Unkraut. Wächst doch widder nach, das Zeuch!“ Allwo Dackel Purzel, der mit der Zornesfalte, mich diesmal nicht anblaffte, sondern hohem Alter zum Trotz eins der freilaufenden Hühner in der Schnauze hielt, so schuldlos wie bissig. Gakeleja, mit herabhängenden Flügeln, ließ reglos das Massaker über sich ergehn.

Statt nun aber den ewigen heiligen Kreislauf allen Sterbens, Werdens und Stoffwechselns durchlaufen zu lassen, wie er nun mal immer und allerorten abrollt, verweigerte ich Mutti Natur den Kotau und griff ein: Zornwurst Purzel, als ich mit möglichst zoologischer Drohgebärde heranfegte, ließ los und schwirrte ab. Ich klingelte dann bei Nickels. Die kamen teigbleich und banal hervor und guckten auf meinen Zeigefinger, den ich in Richtung Huhn hielt. Immer noch in Angststarre saß es da, im Kreis seiner gelassenen Federn. Und starrte unnachahmlich unbeteiligt in eine metaphysische Ferne, als sein eigenes Standbild. Frau Nickel nahm’s auf den Arm, das steife Opfer, in das langsam wieder Leben kam, und entließ es zu den anderen Hühnern. Gerupft, aber sichtlich ohne unangenehme Erinnerungen, rannte es hierhin und dahin, besinnungslos, pickte irgendwo hin, so wahllos wie möglich, warf ruckhaft das Geklunkere herum. So bin ich nun mal. Der geborene Hühnerretter.

Hinterher kamen mir dann Skrupel: Wieso focht ich auf Seiten von Nickels perverser Bratpfanne? Statt aufseiten der natürlichen Triebe eines unverdorbenen Dackels! Ach ja: heirate, du wirst es bereuen, heirate nicht, du wirst es auch bereuen, tu keins von beidem, du wirst alles bereuen. Worauf bereits Körkegoooohr aufmerksam machte. Fazit: Leute kenne ich, die heilen und retten ständig die Welt. Ich für meinen Teil rettete für den Anfang immerhin ein Huhn. Möge Shiva mir’s vergelten. Falls ich an den glaube, und um auch den zu retten, glaube ich natürlich sehr an ihn. Und um mich im nächsten Leben gackernd von einem Menschen retten zu lassen, der in diesem Leben Purzel heißt.

„Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte.“

Eine Tiererzählung aus Ehm Welks Die stillen Gefährten und die Ironie des Unpolitischen

Von Thomas Lehner

Der Schriftsteller Ehm Welk (1884–1966) ist heute kaum mehr bekannt. Besonders gilt das für den Süden Deutschlands, da die alte kulturelle Nord-Süd-Trennung mittlerweile wieder gegenüber dem Ost-West-Unterschied überwiegt. Aus Biesenbrow bei Angermünde in der Uckermark stammend, lebte Ehm Welk zuletzt im mecklenburgischen Bad Doberan. Aber es geht gar nicht um geographische Größen.

Eine Hinwendung zu literaturwissenschaftlichen Fragen lohnt sich bei Ehm Welk besonders – liegt hier doch ein Gesamtwerk vor, das von erstaunlicher Vielfalt und Qualität ist, und das dennoch meist nur auf die berühmte und erfolgreiche „Kummerow-Trilogie“ der Romane Die Heiden von Kummerow (1937), Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer (1938) und Die Gerechten von Kummerow (1943) reduziert wird.[1]

Die Heiden von Kummerow „gelangten mit über 730 000 verkauften Exemplaren auf Rang drei der bestverkauften Romane im Dritten Reich […].“[2] Man muss sich dabei vor Augen halten, dass der Autor dieses so außerordentlich erfolgreichen Romans keineswegs ein Sympathisant oder gar Profiteur des NS-Regimes war. Im Gegenteil: Ehm Welk hatte sich als couragierter Bürger erwiesen, als er im April 1934 in der Grünen Post, einer Wochenzeitung des Berliner Ullstein-Verlags, einen Leitartikel direkt an den „Herrn Reichsminister“ richtete. Mit diesem offenen Brief[3] griff er Goebbels an – und musste dafür kurzzeitig ins Konzentrationslager.

Erst ab 1937 durfte er wieder veröffentlichen, allerdings nur ,Unpolitisches‘. Ehm Welk schrieb nun Romane und Erzählungen. So entstanden in dichter Folge fiktionale Texte, die an der Oberfläche tatsächlich unpolitisch waren, ihrem Autor keine neuen Schwierigkeiten mit dem Regime einbrachten – und ungemeinen Erfolg hatten. In einem jüngst erschienenen Lexikon werden Welks Werke charakterisiert als

Heimatromane, die vom Erwachsenwerden, von gesellschaftlicher Ausgrenzung, von Ungerechtigkeit und Verzweiflung handeln, aber auch Lebensfreude, unbezwingbaren Humor und ländlichen Stolz ausstrahlen. Von der Blut-und-Boden-Literatur der NS-Barden waren diese Romane weit entfernt. Vielleicht kamen sie deshalb bei den Lesern so gut an.[4]

 Auch Christian Adam stellt fest: „Bei allen Anklängen an konventionelle Heimatliteratur – Welk denkt und schreibt anders.“[5]

Neben der „Kummerow-Trilogie“ hat Ehm Welk zahlreiche Erzählungen über Tiere und Menschen veröffentlicht. Zu nennen sind hier die beiden Bände Die wundersame Freundschaft (1940) und Die stillen Gefährten (1943). Der ausgesprochene Tier- und Menschenfreund Welk sagte einmal über sie: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[6]

Die Erzählung Ehm Welks, um die es in diesem Beitrag geht, soll kurz in den Kontext gestellt werden, in dem sie 1943 im eigentlich auf Sportbücher spezialisierten Wilhelm Limpert-Verlag Berlin erschienen ist. Es handelt sich dabei um den Band mit dem Titel Die stillen Gefährten[7], den Ehm Welk verfasst und herausgegeben hat. Anlass dieser Veröffentlichung war der zehnte Jahrestag des „Reichstierschutzgesetzes“ vom 24. November 1933. Dieses Gesetz gehört nach einem Urteil in einer Dissertation aus dem Jahr 2012 zu jenen Tier- und Naturschutzgesetzen, „die als fortschrittlich angesehen werden können und in vielen Fällen nach wie vor Bestand haben oder die Grundlage heutiger Gesetze bilden.“[8] Allerdings weist Ehm Welks Band Die stillen Gefährten nicht gerade den Charakter einer Festschrift auf. Wie schon der Titel andeutet, herrschen zurückgenommene Töne vor. Eher leise Anklage statt offener Jubel – so lässt sich der Tenor pointiert beschreiben. Es ist ein gehöriger Irrtum, wenn Heinz Wittenberg im Vorwort zu diesem Band meint, dieser sei „sozusagen eine Feierrede zur Würdigung des großen [Gesetzgebungs-]Werkes.“[9] Dass es sich anders verhält, wird bei der folgenden Analyse der den Band eröffnenden Erzählung – Ehm Welk erzählt nämlich, statt Sonntagsreden zu halten – deutlich werden.

Das Buch präsentiert sich als ausgesprochen vielfältige Mischung unterschiedlicher Textsorten fiktionaler und nicht-fiktionaler Art. So ist beispielsweise das Tierschutzgesetz ebenso abgedruckt wie eine Sammlung von Anekdoten; Erfahrungsberichte mit dokumentarischem Anspruch und Erzählungen wechseln einander ab; außerdem sind Tiergedichte verschiedener Klassiker eingestreut. Zahlreiche Fotografien zeigen Tiere und zumeist junge Menschen in friedlicher Eintracht. Der Krieg hinterlässt insofern Spuren, als die Pferde hier „Kameraden“ (W 83) sind.

So zeitenthoben sich die Gesamtanlage des Bandes trotz des Jubiläums ausnimmt, so unklar ist dem Leser in einigen Fällen auch der fiktionale Status mancher Textbeiträge. Ganz besonders gilt das für die hier näher interessierende Erzählung mit dem zweiteiligen Titel Ein Tierleben. Die Geschichte des Fuchswallachs „Ella“ (W 10–23), die den Band eröffnet. Schon ihr Titel signalisiert: Die beschriebene Gemischtheit und Unbestimmtheit, die Gattungsfragen ebenso wie die Rolle des Einzeltextes innerhalb des gesamten Bandes betrifft, setzt sich auf der Inhaltsebene dieser Erzählung fort. Gegensätze stoßen unvermittelt aufeinander. Ein Wallach namens „Ella“ muss als ziemlich erstaunliches Phänomen gelten, biologisch jedenfalls als unmögliches Geschöpf.

Solche Zweideutigkeit, die jegliche Rezeptionsroutine von Beginn an unterläuft, wird im Erzähleingang weiter verstärkt: „Es mag zuvor gesagt werden, daß diese Geschichte keine sogenannte Tierdichtung ist, sondern nur ein Ausschnitt aus dem nüchternen Leben um uns.“ (W 10) Damit ist ein dokumentarischer Anspruch formuliert, der im Anschluss an die Erzählung nochmals unmissverständlich bekräftigt wird, wo es heißt: „Die Geschichte von dem Pferd ,Ätna‘ ist wahr.“(W 24)[10]

Sehr geballt wird hier der alten Unterstellung, nach der die Dichter lügen, entgegengearbeitet. Das entspricht der pädagogischen Absicht des ganzen Buches, auf breite Leserschichten einzuwirken, müsste aber nicht in solch auffälliger Weise mehrfach betont werden, wenn nicht gleich am Beginn des Bandes ein derart hybrider und doppelsinniger Text stehen würde. Oder wohl besser umgekehrt: Gerade die prominente Platzierung dieser Geschichte um den Wallach namens „Ella/Ätna“ mahnt den Leser zu einer sehr genauen, uneigentlichen Lektüre. Das zeigt sich nicht nur auf der Ebene des Gesamtbandes und der Zuordnung seiner einzelnen Bestandteile zueinander, sondern selbst in Details der Wortwahl: Das Experimentieren mit den Möglichkeiten poetologischer Lizenz gipfelt im oben zitierten Erzähleingang in der ironisch getönten Bescheidenheitsgeste, die in dem Wörtchen „nur“ verborgen ist. Im Schlusssatz wird es, diesmal in Gestalt von „lediglich“ und mit inhaltlichem Bezug, erneut auftauchen (vgl. W 23). So bildet es einen Rahmen um die Geschichte.

Mit all diesen Feinheiten aber wird die Erzählung von Anfang an in ein Licht gerückt, das sie keineswegs als so harmlos erscheinen lässt, wie man bei flüchtigem Lesen meinen könnte. Wie sich das auch an einzelnen Stellen innerhalb des Textes zeigt, möchte ich nun entlang des Handlungsganges näher beleuchten.

Ein Ich-Erzähler beobachtet einen Kutscher, der seinen steckengebliebenen Mistwagen wieder flottbringen möchte und dazu sein Zugpferd antreibt. Nach dem meta-literarischen Erzählbeginn geht es ohne weitere Verzögerung szenisch weiter, könnte man demnach meinen. Aber das täuscht, wie ein genauer Blick auf den ersten erzählenden Satz des Textes zeigt: „Eines Vormittags im Spätherbst schreckte mich ein helles Menschengebrüll, das mit einem tiefen, anscheinend tierischen Stöhnen abwechselte, aus der Arbeit und rief mich in den Garten.“ (W 10)

Ganz in Übereinstimmung mit den bereits aufgezeigten Vertauschungen und Unbestimmtheiten werden verschiedene Arten der Artikulation chiastisch einander zugeordnet: Das Tier stöhnt, der Mensch brüllt. Wie der aufmerksam gewordene Ich-Erzähler sofort intuitiv bemerkt, ist die Welt tatsächlich aus den Fugen, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aus dem Gleichgewicht geraten. Allgemein kann man folgern: Die Ordnung ist gestört.

Die Intervention des Ich-Erzählers bringt nun die Ursache für die so menschliche Lautäußerung des Tieres ans Licht: „[D]ie arme Kreatur hatte unter dem breiten Kumt an Hals und Brust und auf dem Rücken unter dem Sielenzeug handbreite wunde und vereiterte Stellen, so daß das Leder im nackten Fleische saß. Bei jeder neuen Berührung durchzuckte ein wilder Schmerz das Tier […].“ (W 11) Die tierfreundliche Einstellung des Erzählers führt nun dazu, dass er der Sache auf den Grund geht. Seine Nachforschungen führen ihn zum Besitzer des Pferdes und dieser erweist sich als Vertreter eines bestimmten Typs: Er ist, „wie die meisten Nutztierhalter, ein Sachbesitzer“ (W 11) und entsprechend vor allem daran interessiert, dass seine Besitzgüter Gewinn abwerfen bzw. keine Kosten verursachen. Daher hat er auch keine besondere Mühe darauf verwandt, sein Pferd wieder richtig gesund zu machen; es muss seine relative Nutzlosigkeit gerade dadurch büßen, dass es nur schlechtes Futter bekommt und kaum gepflegt wird, wie er dem Ich-Erzähler ohne Unrechtsbewusstsein berichtet.

Ein Verweis auf den Tierschutz oder gar eine Anzeige erscheinen dem Ich-Erzähler wenig aussichtsreich zu sein, wie er in einer Anrede an ein imaginäres Gegenüber darlegt:

Ich weiß, ich hätte auf Grund der vorliegenden Tatsachen die Weiterverwendung des Pferdes vor dem Wagen sofort verhindern müssen. In der Stadt, auf der Straße, wäre es auch leicht gewesen, es zu erzwingen. Auf dem Lande jedoch war ich machtlos, denn kein Kutscher lässt sich auf das Gebot eines einzelnen Fremden ein Pferd ausspannen, weil es ,ein bißchen was im Fell hat‘. [W 13]

Dieser Argumentationsgang mag innerhalb der Diegese plausibel erscheinen und als Leser folgt man ihm auch gerne. Jedoch: Eine gehörige Sprengkraft erhält diese Darlegung, wenn man den Kontext bedenkt, in dem sie steht – und hierbei zeigt sich wiederum das schillernde Wechselspiel zwischen Fiktion und Dokumentation, das Ehm Welk so virtuos handhabt: Ausgerechnet in einer Publikation, die das „Reichstierschutzgesetz“ als Errungenschaft des NS-Regimes feiern soll, sind solche Aussagen zu finden, die der kodifizierten Rechtlichkeit in der Praxis lediglich durchschlagende Wirkungslosigkeit bescheinigen. Gegenüber eingefahrenen Gewohnheiten und gesinnungslosem Profitstreben, ja erst recht gegenüber systematischen Verstößen, wie sie hier offensichtlich vorliegen, erweist sich die Gerechtigkeit als nicht einklagbar. Solch ein Gesetz, mit dem die Ordnung nicht wieder hergestellt werden kann, ist wertlos und das Rechtssystem, auf dem es fußt, ohne Legitimation.

In diesem rechtsfreien Raum greift der Tierfreund nun, statt auf papiertigerige Paragraphen zu setzen, zum einzig angemessenen Mittel, der Eigeninitiative. Kurzerhand kauft er den abgehalfterten Wallach, diese bis über die Grenzen hinaus geschundene Kreatur, und setzt, als Amateur im doppelten Sinne des Worts, sogleich alles an die Wiederherstellung des Tieres. Es wird im Stall eines befreundeten Bauern untergebracht und hingebungsvoll versorgt. Nach einem Vierteljahr avanciert der durchschlagende Erfolg zum Dorfgespräch, denn „schließlich sah auch der Zweifler, daß Schonung, Reinhaltung und Behandlung des Übels Herr werden würden.“ (W 16)

Hierauf folgt unmittelbar eine bemerkenswerte Leseranrede: „Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte. Vielleicht war sie es aber für den Wallach.“ (W 16) Wiederum erinnert dies an die Bekräftigung, die Geschichte sei tatsächlich so geschehen. Aus diesem  exemplarischen Status heraus formuliert der Ich-Erzähler seine didaktische Absicht: „[…] ich bemühte mich, den Bauern den Nutzen einer guten Behandlung der Tiere zu deuten. Die Wirkung blieb ein mitleidiges Lächeln […].“ (W 17) An dieser kurzen Textstelle wird deutlich, welche Strategie der Ich-Erzähler anwendet und mit welchen sprachlichen Mitteln Ehm Welk das verkehrte Verhältnis zwischen Mensch und Tier kennzeichnet: Die Argumentation des leidenschaftlichen Tierfreundes und reflektierenden Empirikers[11] macht sich taktisch die utilitaristische, einseitig ökonomistische Denkweise der Bauern zu eigen, die nicht bereit sind, im Tier ein Mitgeschöpf zu sehen. Mitleid bringen sie stattdessen, fehladressiert, dem Fremden entgegen. Im sozialen Milieu des Dorfes sieht dieser sich, als intellektueller Städter abgestempelt, auch nach der erfolgreichen Wiederherstellung „Ellas“ eingefahrenen Ressentiments gegenüber. In einer konsequent-grotesken Weiterdrehung seiner Denkstruktur fordert der Vorbesitzer des Wallachs eine Nachzahlung, da der vor einigen Monaten gezahlte Kaufpreis für so ein schönes und kräftiges Pferd – nunmehr bestes Animalkapital – doch viel zu niedrig gewesen sei.

An diesem Punkt scheint die Handlung an ihr natürliches Ziel gelangt – die Geschichte vom Wallach „Ella“ hat ein gutes Ende gefunden. Aber die Aufmerksamkeit des Tierfreundes richtet sich nun auf die Vorgeschichte seines Pferdes; es zeigt sich hier ein emphatisches Interesse an der Kreatur, das nochmals gegen jene kollektive Gleichgültigkeit, die das Tier zur Ware degradiert, positioniert wird:

[…] ich mußte den Versuch machen, herauszubekommen, wie dieses Pferdeleben verlaufen war. Vielleicht gelang es nicht, wer kümmert sich schon um die Vergangenheit einer Ware, sie wird geschätzt und gehandelt nach ihrem augenblicklichen Zustand. [W 18]

Damit soll dem Wallach namens „Ella“ nach der körperlichen Gesundheit letztlich auch seine Identität wiedergegeben werden – ein Unterfangen, das durch den „verdrehten Namen“ (W 19) besonders dringlich erscheint.

Der nun folgende Teil der Erzählung bringt eine kunstvolle Veränderung im Erzählablauf mit sich: Berichtet wird fortan rückläufig, als analytische Erschließung bis zum Ausgangspunkt dieses Pferdelebens. So entsteht in starker Raffung ein Panorama der Geschichte über die Inflationszeit bis zurück zum Ersten Weltkrieg. Im Verlauf dieser Recherche erweist sich der ungewöhnliche Name als eine Verballhornung der mimetischen Namensgebung „Ätna“, wie das Fohlen „wegen seiner feurigen Ausbrüche“ (W 20) ursprünglich genannt worden war. Die Individualität des Pferdes, das „von einem Reitpferd und eleganten Springer zum Mistwagenpferd gemacht“ wurde (W 22), hat der Tierfreund damit wieder in ihr Recht gesetzt.

Der Abschluss der Geschichte wie des Pferdelebens soll nach dem Wunsch des Ich-Erzählers nun wieder zum Ausgangspunkt zurückführen, aber den Leuten, die den Hof des Wallachs mittlerweile bewirtschaften, kann er das Pferd nicht anvertrauen. So bleibt es bei einem friedlichen (es wird nicht für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg eingezogen) und würdevollen Lebensabend in der Obhut des Ich-Erzählers, der am Ende die Moral dieser „wahren“ Geschichte den immer noch dem reinen Besitzdenken verhafteten Dorfbewohnern entgegenhält:

Von mir aber sagten sie jetzt, daß ich einen Blick für Pferde habe. Und glaubten es nicht, als sie hörten, daß es nicht das Auge des Pferdekenners war, das die Geschichte verursachte, sondern daß lediglich das Herz eines Tierfreundes ausreichte, einen recht handgreiflichen Nutzen zu schaffen.[12] [W 23]

Diese Moral mit ihrer Betonung des Herzens beschreibt einen paradoxen Vorgang: Gerade und nur aus idealistischer Zuwendung bessern sich die Dinge und daraus kann letztlich sogar ein „handgreiflicher Nutzen“, eine bezifferbare Größe resultieren. Dieser wäre dabei ein keinesfalls störendes Nebenresultat; als ursprüngliche Motivation muss er wegen seiner verkürzenden Perspektive aber in jedem Fall als schädlich gelten. Damit wird die Einseitigkeit des rein „anthropozentrischen bzw. ökonomistischen Argument[s]“,[13] wie man in der Tierethik sagen würde, aufgezeigt. Der Tenor der Moral zielt also insgesamt auf eine Aufhebung solcher Gegensätze, da eine einseitige Ausrichtung auf Zweckrationalität, wie sie der Vorbesitzer des Pferdes verkörpert, die Wurzel des Übels ist. Der aufklärerische Impetus des Ich-Erzählers hingegen ist untrennbar mit voraussetzungsloser Anteilnahme am Tierschicksal gepaart. Und gerade deshalb – sowohl wegen seiner Intellektualität wie auch wegen seiner Sensibilität dem Mitgeschöpf gegenüber – steht der Ich-Erzähler in der Gesellschaft isoliert. Demnach bleibt die Versöhnung von (auch scheinbaren) Gegensätzen, wie sie die Erzählung von Anfang an mit literarischen Mitteln ausstellt, innerhalb wie außerhalb der Diegese ein Versprechen für die Zukunft. In verderbter Zeit, in der das positiv gesetzte Recht versagt, bleibt vorerst nur die ethisch begründete Eigeninitiative als Ausweg.

Bei einem Autor, der offiziell auf unpolitische Texte festgelegt war, lässt dies aufhorchen. Offensichtlich hat Ehm Welk diese Erzählung mit Unschuldsmiene ganz im Sinne einer unverfälschten Volksaufklärung (ein Begriff, der in der Amtsbezeichnung des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ die denkbar größte Pervertierung erfahren hatte) verfasst – und nicht nur als unbedarfter Tierfreund. Auch und gerade dieser Sinn schwingt mit, wenn Ehm Welk über seine Tiererzählungen der 1940er Jahre, ganz ohne Ironie, äußerte: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[14]

Literatur

Primärliteratur

Welk, Ehm: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Sekundärliteratur

Adam, Christian: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010.

Dirscherl, Stefan: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012.

Reich, Konrad: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980.

Sarkowicz, Hans u. Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon. Berlin 2011.

Schürmann, Monika: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001.

Wuketits, Franz M.: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen. In: Bernd Janowski/Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30.


[1] Monika Schürmann urteilt: „Ein übergroßer Anteil der Welk-Sekundärliteratur widmet sich diesen drei vor 1945 entstandenen Romanen […].“ Siehe Monika Schürmann: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001, S. 14.

[2] Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010, S. 168.

[3] Abgedruckt in: Konrad Reich: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980, S. 215–218.

[4] [Art.] Welk, Ehm. In: Hans Sarkowicz/Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon.

Berlin 2011, S. 619–622, hier S. 621.

[5] Adam 2010, S. 170.

[6] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

[7] Ehm Welk: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Fortan zitiert unter der Sigle W.

[8] Stefan Dirscherl: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012, S. 205. – Auf Ehm Welks Die stillen Gefährten geht Dirscherl leider nicht ein; im Literatur- und Quellenverzeichnis fehlt Welks Name völlig.

[9] Heinz Wittenberg: Vorwort. In: Welk 1943, S. 6f., hier S. 6. – Wittenberg unterzeichnet das Vorwort als „Beiratsmitglied des Tierschutzvereins für Berlin und Umgebung e.V.“ sowie als „Herausgeber des Deutschen Tierschutz-Bildkalenders“.

[10] „Ätna“ ist der ursprüngliche Name des Wallachs „Ella“.

[11] Er spricht an einer Stelle davon, „tierpsychologische Studien“ zu betreiben (W 11).

[12] Erstaunlich ist die gleichlautende Bewertung von Auge und Herz in der – ebenfalls 1943 veröffentlichten – Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, die Ehm Welk damals mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gekannt hat.

[13] Franz M. Wuketits: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen.

In: Bernd Janowski u. Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30, hier S. 27.

[14] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

Herr und Hund – Ein Mann in Nöten

Von Dominik Nüse

Auf stürmischer See

Es soll um Tiere gehen, darum, wie sie dargestellt werden, ob sie Projektionen menschlicher Verhaltenweisen sind, ob sie fabelhaft-politisch miss- und gebraucht werden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine sich selten bietende Bühne für einen Erzähltext Thomas Manns, das ansonsten eher selten Aufmerksamkeit erfährt: Die Idylle Herr und Hund. Es lohnt sich, durchaus ein-, zwei-, dreimal seinen Blick auf ein literarisches Werk zu werfen, das man immer wieder abtat als „nette“ Geschichte, zumal auch ihr Verfasser sie wiederholt als bloße Fingerübung einordnete – der Weg der Rezeption war damit vorgegeben (vgl. Orlik 1997, 100 ff.). In der Tat ist die Idylle für jemanden wie Thomas Mann beinahe nur eine Fingerübung, doch ganz so zufällig und willkürlich, wie es den Anschein hat, ist die Geschichte um Herr und Hund nicht geraten.

Man mag die Geschichte als politische Fabel deuten wollen, als ein dezidiert subtil-literarisches politisches Statement Thomas Manns zur 1918/1919 aktuellen politischen Situation in Deutschland – oder als eine Korrektur seiner Betrachtungen eines Unpolitischen, mit denen er sich in die Nesseln gesetzt hatte, von den wirren, kruden und holprig vorgebrachten Argumentationsketten bis hin zu seinen Schlussfolgerungen – sie erwiesen sich just in dem Moment, als das Buch in Druck ging, am Tag der Kapitulation, als schlichtweg falsch.

Der pessimistische Romantiker steht seit 1918 einer Welt gegenüber, die sich durch die Zäsur des Krieges radikal von der Welt des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Die geschichtliche Wirklichkeit der Gegenwart ist mit dem von Nietzsche und Schopenhauer im vergangenen Jahrhundert entwickelten und von Thomas Mann an dieser Welt erfolgreich erprobten Instrumentarium der Geschichtsrezeption nicht mehr erfassbar. Thomas Manns Mechanismen der geschichtlichen Erfahrung besitzen keine Ordnungskraft mehr, da sich ihnen die Realität als eine vollkommen fremde nicht mehr fügt. [Wißkirchen 1986, 44]

Es wird lange dauern, bis sich Mann von diesem Schock erholt, bis er der Geschichte und den Geschichtsläufen wieder Herr wird und mit dem Zauberberg, den Josef-Romanen und nicht zuletzt mit Doktor Faustus zu im wahrsten Sinne des Wortes klassischer Leistung zurückfindet. Doch nach den Betrachtungen und vor den abschließenden Arbeiten am Zauberberg erleben wir einen Mann, der sich nicht nur der Tierwelt sondern auch okkultistischen Fragen stellt. Insofern schwimmt er gemeinsam mit vielen Landsleuten auf einer Welle, die ihn auf stürmischer See abbringt vom Ufer des Verstehens, und mitten auf See bleibt ihm nichts anderes übrig als zu beobachten – letztlich und am Ende des Tages die wohl effizienteste Form des Überlebens, zumindest aber unabdingbare Voraussetzung desselben.

Ein Mann in Nöten

Da steht Thomas Mann vor den Scherben einer Arbeit, die er eigentlich nie wirklich in Angriff nehmen wollte, mit der er dann aber doch als geistigen Dienst an der Waffe seinen Frieden schloss und sich als patriotischer Soldat in Worten dem Kriege anschloss: Es stand schließlich nichts geringeres auf dem Spiel als das Schicksal einer Kulturnation wie Deutschland, die sich Zivilnationen wie Frankreich feindlich gegenübersah. Nun, es unterlag die „Kulturnation“ gegen die politische Avantgarde der Westnationen. (vgl. Görtemaker 2005, 29 f.) Weitaus schlimmer als diese Niederlage muss für Thomas Mann die Tatsache gewesen sein, dass sein Bruder Heinrich mit seinen Analysen und Voraussagungen Recht behalten hatte. Wie auch immer – es gibt sicherlich eine ganze Menge spannender Facetten an Thomas Mann, die in dieser Situation, die als Epochenzäsur gelten kann, zum Tragen kommen. Wir wollen uns hier ein wenig psychologisierend, dabei aber nicht die Texte aus den Augen verlierend, mit einem Mann beschäftigen, der über 90 Seiten hinweg den Ballast eines welterklärenden-allwissenden Erzählers abwarf, der doch auf anregende Weise so spielend leicht mit philosophischen, wissenschaftlichen Theorien jonglieren konnte und eine von großem Selbstbewusstsein strotzende Deutungshoheit für sich reklamierte, wie es nach ihm zwar auch noch einige andere Schriftsteller taten, von denen jedoch kaum einer die beanspruchte Rolle ausfüllen konnte. Von all dem aber ist in Herr und Hund nichts zu spüren – und für viele, nicht nur Zeitgenossen, ist es „[m]erkwürdig zu sehen, wie die kleine, weltabgewandte Hundegeschichte neben den großen Weltereignissen herläuft.“ (de Mendelssohn 1982, 70)

Schauen wir uns einmal an, was Thomas Mann in seinem Text Merkwürdiges tut. Die Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Aus entsprechenden Tagebucheinträgen und Äußerungen seiner Kinder (vgl. Orlik 1997) gab es Bauschan, so der Name des Hundes, wirklich im Leben der Manns. Geschildert wird die Ruhe, die Einsamkeit, die Möglichkeit der inneren Einkehr, die der Erzähler bei den alltäglichen Gassi-Runden mit seinem Hund empfindet. Es gibt zeitlose Landschafts- und Naturschilderungen, die beinahe naiv wirken und erkennbar an Stifter geschult sind, es gibt Grzimeks Tierbeobachtungen vorwegnehmende Passagen, es gibt Andeutungen einer Beschreibung des Verhältnissen von Herr und Hund zueinander und nicht zuletzt auch eine Schilderung eines Treffens Bauschans mit einem anderen Hund. Leise, zurückhaltend, naiv-staunend – vielleicht sind dies die Attribute, mit denen die Hauptcharakteristika des Textes zu beschreiben sind. Thomas Mann psychologisiert nicht, nein, er versucht nicht krampfhaft zu verstehen, was sein Hund, mit dem er schon so viel Zeit verbracht hat, „denkt“, versucht ihn auch nicht zu vermenschlichen. Liebevoll akzeptiert er seine Schrullen, weil er weiß, dass es nur für den Menschen Schrulligkeiten sind. Thomas Mann bedient sich hier keines allwissenden Erzählers, der die Welt als Ganzes und im Ganzen versteht, nein, er installiert einen Ich-Erzähler, der die nüchterne Beobachtung des Hundes betreibt, dessen Wesenszüge ihn zu Staunen zu Nicht-Verstehen bringen. So lesen wir folgende Exklamation:

Wunderliche Seele! So nah befreundet und doch so fremd, so abweichend in gewissen Punkten, daß unser Wort sich als unfähig erweist, ihrer Logik gerecht zu werden. [H 35]

Immer wieder erlebt der Erzähler die bange Ungewissheit, die jeder Hundebesitzer kennt, wenn fremde Hunde aufeinander treffen. Werden sie sich verstehen oder gibt es Unfrieden? Bauschan bildete da keine Ausnahme. Durch Beobachtung versucht Mann zu entschlüsseln welche Kriterien bei einer solchen Begegnung eine Rolle spielen und wovon es abhängt, ob die Sache friedlich ausgeht. Wie er selber zugibt, konnte er noch nach Jahren mit einer gewissen Beklommenheit nicht sicher einschätzen, wie sein Bauschan letztlich auf fremde Hunde reagieren würde. Zu undurchsichtig blieben ihm die Empfindungen, Verhaltensregeln und Rituale der Vierbeiner, als dass er sie je ganz durchschaut hätte. Die Begrüßung, das Umkreisen und das Beschnüffeln Flanke an Flanke. Schließlich der ungewisse Moment, in dem sich entscheidet, ob beide gutmütig auseinandergehen mögen. Begegnungen mit stets unsicherem Ausgang. (vgl. H 35).

Eine ganz ähnliche Formulierung, die explizit Zweifel an seiner eigenen Fähigkeit, die Natur adäquat umfassen und beschreiben zu können, findet sich im Kapitel „Das Revier“, in dem er sich zahlreichen Naturschilderungen hingibt:

Nachdem ich nun auch auf die Zone des Flusses näher eingegangen, habe ich die ganze Gegend beschrieben und, soviel ich sehe, alles getan, um sie anschaulich zu machen. Sie gefällt mir gut in der Beschreibung, aber als Natur gefällt sie mir doch noch besser. Sie ist immerhin genauer und vielfältiger in dieser Sphäre, wie ja auch Bauschan selbst in Wirklichkeit wärmer, lebendiger und lustiger ist als sein magisches Spiegelbild. [62 f.]

Und dieser Gegensatz, der nicht auflösbar zu sein scheint, ist einfach da. Nein, es geht nicht primär darum, Bauschan zu vermenschlichen oder ihn vielleicht zu einer Metapher politischer, soziologischer Erkenntnisse zu machen – nein, er ist als Hund gerechtfertigt, in seiner Natur ernst genommen. Er ist ein Hund, der zwar instinktiv und lernend das Wesen des Menschen erkennen mag und dessen Absichten zu durchschauen scheint (vgl. H 25). Dem Menschen hingegen bleibt oft nur wortloses Staunen – wie auch dem Hund, betrachtet er die Verhaltensweisen des Menschen. Es ist dies ein beinahe pantheistischer, sicher aber völlig bukolischer Gedanke: Das Aufgehen in der Natur als Wunsch des Erzählers, wie er beispielhaft in der Jagdszene zum Ausdruck kommt, in der der Erzähler gemeinsam mit Bauschan einem Hasen auf der Spur ist und sich nichts weiter wünscht, dieser möge ihn „für einen Baum halten“ (H 85). Die neue Leichtigkeit des Seins – neu zumindest für jemanden wie Thomas Mann. Er wird diese Leichtigkeit schnell wieder aufgeben, und auch dies wird in der Erzählung bereits antizipiert, wenn der Erzähler über all jene reflektiert, die den Weg in die Natur gefunden haben, ihre Häuser jedoch nach einiger Zeit verfallen lassen, weil sie der Natur, dem Ent-Rücktsein von der Welt nicht dauerhaft standhalten konnten. Doch noch ist sein Naturerleben, das nur gemeinsam mit Bauschan möglich ist (vgl. S, 74f.), stark und ermöglicht ihm Ausflüge in eine Welt ohne Sorge und Kampf. In den Zeiten zwischen einzelnen Gassi-Runden hat der Erzähler „gesorgt und gekämpft“ hat „Schwierigkeit überwunden, daß es nur so knirschte“ (H 74).

Da ist es die Jagd mit Bauschan, die mich zerstreut und erheitert, die mir die Lebensgeister weckt und mich für den Rest des Tages, an dem noch manches zu leisten ist, wieder instand setzt. [H 74]

Der Begriff „Dankbarkeit“ fällt gleich im nächsten Satz. Dankbarkeit für diese Möglichkeit, die ihm Bauschan bietet. Dankbarkeit Diese ist wohl auch als Hauptmotivation dieses Textes auszumachen. Als Leser erfreut man sich an diesem unaufgeregten Text – versteckte Zitatübernahmen finden sich hier, bis auf die Nachahmung stifterscher Naturbeschreibung, kaum – so dass man nicht ständig überlegen muss, woher nun dieses oder jene Zitat wohl stammen möge. Schön, ja idyllisch – diesen Text kann man bei Sonnenschein im freien lesen, ohne die Gelehrtenbibliothek mit sich herumtragen zu müssen. Wie erbaulich muss das für einen Hundebesitzer sein, gerade wenn das Herrchen ein ansonst so komplizierter Kopfmensch ist.

Alles, nur nichts Apollinisches!

Wie müssen wir uns Bauschan vorstellen? Ein Schoßhund war er jedenfalls nicht, eher ein rustikaler Typ, der einen gerne durch Feld, Wald und Wiesen begleitet. Und mit viel Kraft in den Hinterläufen, denn er soll ein auffallend guter Springer gewesen sein. Von dieser Fertigkeit, so schildert es Thomas Mann, machte Bauschan aber nur dann Gebrauch, wenn er unter einem Hindernis nicht hindurchlaufen oder -kriechen konnte. Er war also klug genug, sich nur bei ernst zu nehmenden Hindernissen wirklich anzustrengen. Bauschan freute sich über Lob und Zuneigung und bemühte sich, es seinem Herrn recht zu machen (vgl. H 32 ff.). Befehle befolgte er jedoch nur dann, wenn sie Sinn ergaben, nicht allein um eines reinen Kunststückchens willen.

Wenn es darauf ankommt, so nimmt er jedes Hindernis – ist es allzu hoch, um im freien Sprunge bewältigt zu werden, so klettert er anspringend hinauf und lässt sich jenseits hinunterfallen, genug, er nimmt es. Aber das Hindernis muss ein wirkliches Hindernis sein, das heißt ein solches, unter dem man nicht durchlaufen oder durchschlüpfen kann: sonst würde Bauschan es als verrückt empfinden, darüber wegzuspringen. [H 33 f.]

Ein wahrer Verächter der second nature – ein Hund, völlig im Reinen mit sich und der Natur (vgl. 70). Wir finden niemanden im Text, der hier eine ironische und in letzter Instanz wissende und erklärende Haltung einnimmt. Wir erleben einen Thomas Mann, der völlig verunsichert ist, für den mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ausgang eine ganze Welt, ein Werte- und Politiksystem zusammengebrochen, auf dem er sein Leben und sein bisheriges Werk aufgebaut hatte.

Nie hat Thomas wieder je so rein beobachtet, nie so naturalistisch gestaltet – und doch steht Thomas Mann mit seinem Idyll mitten in den so philosophischen und psychologischen Zeittendenzen und nähert sich den zeitgenössischen philosophischen Fragen nach Status des Seienden, nach einer tragfähigen Begrifflichkeit und nach Gewissheit der Erkenntnis. [Orlik 1997, 144]

Die tiefe Dankbarkeit, mit der der Erzähler das Versinken in die Natur und die Zweisamkeit mit seinem Hund empfindet, und die Sehnsucht, den Sorgen, Noten und Kämpfen des Alltags zu entkommen, sprechen Bände. In den Naturerfahrungen ahnt er, was die Welt im Inneren zusammenhält.

Für meine Person bekenne ich gern, […] daß wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist. Sie kann mich […] in einen Zustand so tiefer organischer Träumerei, so weiter Abwesenheit von mir selbst versetzen, daß jedes Zeitgefühl mir abhanden kommt und Langeweile zum nichtigen Begriff wird, da Stunden in solcher Vereinigung und Gesellschaft mir wie Minuten vergehen. [H 55]

Es ist wichtig zu erwähnen, dass dies nur und ausschließlich im Pakt mit Bauschan realisierbar ist: Als sein Hund aufgrund innerer Blutungen zur Beobachtung 14 Tage in einer Tierklinik verbringen muss, stellt sich diese neue Situation dem Erzähler folgendermaßen dar:

[M]eine Spaziergänge waren fortan, was ungesalzene Speisen dem Gaumen sind; sie gewährten mir nur wenig Vergnügen. Kein stiller Freudensturm herrschte bei meinem Ausgang […]. Der Park schien mir öde, ich langweilte mich.“ [H 74]

Mit sich alleine kann er wenig anfangen – lassen sich die Sorgen nicht vertreiben, schlimmer noch: Langeweile breitet sich aus. Vielleicht, so schießt ein kühner Gedanke durch die Hirnwendungen des Schreibers, hätte Edmund Husserl seinen an Hugo von Hoffmannsthal gerichteten Brief (vgl. Sloterdijk 2009, 29–31) an Thomas Mann schreiben sollen – und in ihm einen dankbareren Empfänger für sein Projekt des scheintoten Denkers, eines durch und durch fähigen Phänomenologen gefunden. Auch wenn Mann Husserl weder erwähnt noch auf ihn anspielt, und auch wenn die Beziehung zwischen dem Philosophen und dem Dichter wohl zurecht nicht ausgiebig erforscht worden ist, hier, in Herr und Hund, ließe sich eine anschauliche Umschreibung des für Husserls Phänomenologie zentralen philosophischen Konstrukts der Epoché finden: Die reine vorurteilsfreie, von allem Weltlichen und Psychologischem gelöste Betrachtung und Beschreibung der Dinge. Nicht zuletzt durch Freuds psychologische Erkenntnisse und die Erfahrung des Ersten Weltkriegs scheint der Mensch weiter von sich entfernt zu sein als je zuvor. Die Chimäre des Guten, Edlen, Schönen – wie brüchig hat sich dieser Anspruch aller Kulturmenschen erwiesen! Einen Ausweg hieraus und einen Weg zurück zu sich und einem harmonischen Ausgleich zwischen sich und der Welt in der bewussten Abkehr von der Welt zu suchen, dies erschien für Thomas Mann als gangbarer Weg; ganz sicher auch inspiriert durch Schopenhauers Schrift Über das metaphysische Bedürfniß des Menschen – in der Natur, in den Tieren sind Wille und Intellekt noch eins, und Blumen, Pflanzen und Tiere haben Teil an der „unbewußten Allwissenheit der großen Mutter“ (vgl. Schopenhauer 1946, 175).

Franz Orlik sieht in der Wendung Thomas Manns hin zum Topos des Tieres eine Parallele zur zeitgenössisch boomenden Tierpsychologie und -philosophie (vgl. Orlik 1997, 137 ff.). Mit Bauschan tritt ein kulturunabhängiges Lebewesen in den Blick des Dichters, der zudem ‚mit sich im reinen’ ist. Der Hund ist für den Erzähler der Türöffner zu einer bukolischen, intakten Naturwelt, einem „Zaubergarten“ gleich (H 46), in dem er seine Mitte findet, sein kann, wie er ist, bis ihn die Forderungen der Welt lauter und lauter werdend, an sein Pflichtgefühl erinnern. In dem Hund erblickt er die naive Unschuld eines von keinerlei scheiternder Kultur und widersprüchlicher Moral betrübten Wesens. Eine Vermenschlichung des Hundes und seiner Handlungsweisen kommen daher, wie bereits eingangs festgestellt, nicht in Frage: Der Hund ist als Hund gerechtfertigt und wird als solcher ernst genommen. Nicht der Hund hat ein Defizit – nein, frei nach Nietzsche ließe sich sagen: Der Mensch hat den Tierverstand verloren.

Es gibt Deutungen, die in dieser Erzählung eine Fabel sehen wollen und dem Hund somit eine symbolisch-politische Funktion zuschreiben. Diese Lesarten mögen sicherlich reizvoll sein – doch sie bleiben nicht die einzig möglichen. Von gelegentlichen Anthropomorphisierungen abgesehen, schreibt Mann Bauschan, wollen wir im Metaphorischen bleiben, vielleicht am ehesten die Rolle des Fährmanns zu. Des Fährmanns, der seinen Passagier zuverlässig in eine verzauberte, okkulte, nicht vollständig zu ergründende, jedoch ganzheitlich zu erfahrende und -spürende Welt führt – ihn allerdings auch wieder mit zurückbringt. Bauschan ermöglicht dem Erzähler die Erdung, die Bestätigung seiner immer noch vorhanden Fähigkeit, mit dem natürlichen Leben in Kontakt zu treten – eine Basis, auf der er seinen zerbrochenen, verlorenen Bezug zur geistig-moralischen, politisch-sozialen Welt neu aufnehmen kann.

Denn jeder Spaziergang, jede Epoché, findet ihr Ende. Und so essentiell Bauschans Beitrag zum gelingenden Naturgenuss und zum Aufbau eines neuen, Manns literarisches Schaffen tragenden Orientierungsgefüges auch gewesen sein mag – wir können diesen Beitrag nach all den Schilderungen kaum hoch genug schätzen –, so notwenig ist die Einsicht des Erzählers, dass es auch eine Zeit gibt, die seine Anwesenheit in der Welt der Sorgen, Nöte und der Hysterien verlangt: Bauschan hat „das Eindringen der Welt in das Haus nicht verhindern können, mit fürchterlicher Stimme hat er Einspruch erhoben und sich ihr entgegengestellt.“ (H 63). Allein, es nützte nichts. Was bleibt, ist ein bukolisches Stück, weit mehr als nur eine literarische Fingerübung, und die Hoffnung und Vorfreude auf den nächsten Tag: „Morgen wieder, Bauschan’, sage ich, ‚falls ich nicht in die Welt gehen muss.“ (H 97)

Literatur

Primärliteratur

Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt a.M. 1991.

Mann, Thomas: Herr und Hund. Ein Idyll. In: Ders. Unordnung und frühes Leid. Erzählungen 1919-1930. Frankfurt a.M. 1991. (nachgewiesen mit der Sigle H).

Schopenhauer, Arthur: Sämtliche Werke. Nach der ersten, von Julius Frauenstädt besorgten Gesamtausgabe neu bearbeitet und hg. von Arthur Hübscher. Wiesbaden 1946.

Sloterdijk, Peter: Scheintot im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung. Frankfurt a.M. 2009.

Sekundärliteratur

de Mendelssohn, Peter: Nachbemerkungen zu Thomas Mann. Band 2. Frankfurt a.M. 1982.

Görtemaker, Manfred: Thomas Mann und die Politik. Frankfurt a.M. 2005.

Orlik, Franz: Das Sein im Text. Analysen zu Thomas Manns Wirklichkeitsverständnissen und ihrem Wandel. Würzburg 1997.

Wißkirchen, Hans: Zeitgeschichte im Roman. zu Thomas Manns Zauberberg und Doktor Faustus. Bern 1986 (= Thomas Mann Studien 6).

Das Tier erscheint im Anthropozän

Animal fantasy als Teil der Literarischen Fantastik am Beispiel von Helmut Kraussers Die wilden Hunde von Pompeii

Von Ulf Abraham

1.  Kraussers Geschichte als Genremix und all-age-Fantastik

Von Genres zu sprechen, ist in Bezug auf die Literatur der Postmoderne nötiger denn je. Man muss sich nur darüber klar sein, dass es sich bei dem Gelände, das man mit solchen Genrebegriffen vermessen will, nicht um festes Land handelt, sondern eher um ein Gefüge von Eisschollen, die in Bewegung sind. Sie verschieben sich gegeneinander, zerbrechen in Teile, wer­den anderswo wieder zusammengeschoben und verschwinden, wenn sie zu klein sind, gelegentlich ganz. Ein Text, an dem man diese Dynamik der Überlagerung von Genres besonders gut zeigen kann, ist Helmut Kraussers Geschichte Die wilden Hunde von Pompeii (2004). Mit traditionellen Genrebegriffen, die statisch gedacht sind, kommt man dem Werk nicht bei; das hat Hans-Peter Ecker (2009) gezeigt. Lesen kann man den Text als „Abenteuergeschichte, Bildungs­roman, Entwicklungsroman, Fabel, Fantasygespinst, Kinderbuch, Legende, Meditation, Novelle, Parabel, Parodie, Phantastik, Rhapsodie, Sozialstudie, Tiergeschichte, Thriller, Tragikomödie oder als Vexierspiel“ (ebd., 198).

Nun sind die Gattungskonzepte, auf denen solche Zuordnungen beruhen (könnten), keine Schubladen, in die man die Werke steckt und damit erklärt hat, sondern lediglich „Werkzeuge“ (ebd.). Ein besonders produktives, im Kontext der Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts wichtiges Werkzeug ist, wie Ecker ebenfalls zeigt, das medienübergreifende Genrekonzept des „Monomythos“, das Hollywoods Filmindustrie stark beeinflusst hat; Kraussers Figurenarsenal und Handlungsdesign lässt sich auf dieser Folie sehr überzeugend erklären. Vorliegender Beitrag möchte nun einer von Ecker nur am Rande aufgeworfenen Frage nachgehen, nämlich derjenigen der „Transponierung der Heldenerzählung ins Tiermilieu“ (ebd., 209). Das tangiert aus der oben zitierten Genreauswahl nicht nur die „Tiergeschichte“, sondern auch das „Fantasygespinst“, die „Phantastik“ und vor allem das „Kinderbuch“.

Auf den ersten Blick verweist das Tiermilieu in die Kinderliteratur. Und in der Tat ist Die wilden Hunde von Pompeii bislang Helmut Kraussers einziges Werk, das man in Leseempfehlungen für Kinder und Jugendliche finden kann. So empfiehlt die Datenbank Leseforum Bayern (http://www.leseforum.bayern.de/) den Text für „Jahrgangsstufe 6-10“, in den Fächern Deutsch und Latein: „Der fesselnde und unterhaltsame Roman quillt über von Ideen und Anspielungen und stellt die unterschiedlichsten Hundecharaktere und Menschen aus Pompeii vor“. Es wird verwiesen auf „Parallelen zum Bildungsroman, die ‛Aventiure’ von Parzival (jenseitsorientiert) und Gawan (diesseitsorientiert)“, auf „Kennzeichen der Fabel“, aber auch auf „sehr detaillierte Beobachtungen sozialer Verhaltensweisen und aktueller Probleme“, auf Rita Mae Browns „Katzenkrimis“, „eine Reihe unterhaltsamer und herzzerreißender Liebesgeschichten“ sowie „zahlreiche Anspielungen auf die römische Antike“, besonders Ovids Metamorphosen (ebd.).

Die ganze Fülle der intertextuellen Bezüge und symbolischen Lesarten auszuschöpfen, dürfte allerdings weder im Unterricht noch in diesem Beitrag möglich sein. Der Text, den Krausser scheinbar bescheiden, tatsächlich aber doppelsinnig eine Geschichte nennt, ist damit ein Musterbeispiel für das, was die Kinderliteratur­wissenschaft „Mehrfachadres­sierung“ (vgl. Bonacker [Hg.] 2004) nennt: Lernende der Jahrgangsstufen 5/6, für deren Deutsch- und Lateinunterricht das Buch bereits empfohlen wird, werden nicht alles erfassen können oder zu schätzen wissen; und erwachsene Leser/-innen, solche mit philologischer Bildung zumal, werden es aus teilweise anderen Gründen interessant finden. Genau das ist aber ein Kennzeichen guter Literatur für Kinder und Jugendliche. Das gilt besonders für die von allen Altersgruppen einschließlich der Erwachsenen geschätzte Literarische Fantastik, die der neueren Fachliteratur zufolge nicht ein historisches, v. a. der Romantik und dem 19. Jahrhundert zuzuordnendes „Genre“ ist, sondern ein die Literaturgeschichte seit der Antike durchziehender „Modus“ des Literarischen, das eine ganze Reihe dynamischer Genres ausgebildet hat (vgl. Abraham 2012, 42–49). Gestaltwandelgeschichten seit Ovid, Gefährdung der Ordnung durch Risse in der (Alltags-)Wirklichkeit, Durch- und Übergänge in andere Wirklichkeiten, Ich-Spaltungen und Verdoppelungen, Bewusst­seinserweiterung durch Drogen oder Zauberei und immer wieder Tierfiguren in verschiedenen (menschlichen, göttlichen, teuflischen) Funktionen und symbolischer Aufladung – all das bündelt Kraussers Geschichte wie ein Brennglas.

2. Tierfiguren in der Literatur

Ohne Tierfiguren bzw. -gestalten kommt nicht nur die Kinder- und Jugend­literatur (vgl. Bonacker [Hg.] 2011), sondern die Literatur überhaupt nicht aus. Das ist im Blick auf unterschiedlichste literarische Gattungen und Genres offensichtlich: Antike Mythen, (Volks-)Märchen, Fabeln, Abenteuer- und Reiseromane, Krimis und vor allem fantastische Werke der vergangenen zweihundert und Fantasy-Texte der letzten achtzig Jahre nehmen damit nicht nur immer wieder bewährte symbolische und allegorische Ausdrucksmöglichkeiten auf, sondern sie reflektieren eine anthropologische Grundtatsache: Der Mensch definiert sich wesentlich im Verhältnis zum Tier, ja: als Tier; „man‘s relation­ship with the rest of the animal kingdom strikes a deep chord of imaginative recognition in the human consciousness“, schreibt Ann Swinfen (1984, 12) in ihrer Verteidigung der Fantasy (In defense of fantasy). Intelligente sprechende Tiere („talking beasts“) nehmen ein langes Kapitel darin ein (vgl. ebd., 12–43). Die animal fantasy habe die Beschränkung der Fabel, in der Tiere “as human types or as the embodiment of simple human characteristics“ (ebd., 13) Verwendung fänden, längst überwunden. Bevölkern Tiere, etwa als Verwandlungsprodukte bei Ovid, seit der Antike die Literatur, so wird mit dem Erstarken der Literarischen Fantastik seit der Romantik ein Figurentypus häufiger, der tierische Identität mit menschlicher Denk- und Sprachfähigkeit paart. Und das ist nicht nur eine literaturgeschichtliche, sondern eine weit über die kulturelle Praxis Literatur hinausweisende Entwicklung: Je stärker der Mensch seine Gewohnheiten, Lebensbedingungen und auf die Ressourcen der Natur gerichteten Interessen über den Globus verbreitet und die Natur, die er vorfindet, verändert, desto mehr gewinnen in der Literatur und in anderen Künsten nicht-anthropozentrische Perspektiven an Interesse.

Ist E.T.A. Hoffmanns Kater Murr (1819/21) noch eher eine tierische persona für die Ansichten seines Schöpfers, so emanzipiert sich in der animal fantasy des 20. Jahrhunderts gleichsam das Tier – und mit ihm das Genre: Ist noch der vielleicht berühmteste Vorfahr der animal fantasy, A.A. Milnes Winnie the Pooh (1926), ein „Kinderbuch“, so hat die Absetzbewegung vom Kind als alleiniger ‛Ziel­gruppe’ schon begonnen: Bereits in Nils Holgersson nimmt Selma Lagerlöf 1907 eine „Vogelperspektive“ im wörtlichen Sinn auf den Menschen und seine Welt ein und öffnet damit den Horizont der Kinderliteratur. In der vom Menschen – von seiner Architektur und Logistik, seinem Raubbau, seinem Müll und seinem (mit Krausser gesagt) Kolmonox-Output – dominierten Welt setzt animal fantasy nicht mehr auf den Niedlichkeitsfaktor und hat auch nicht nur die Fabel-Funktion, menschliche Untugenden zu verkörpern. Sie kann die menschliche Kultur und Barbarei von einem grundsätzlich anderen Standpunkt aus beleuchten. Der Geologe Paul J. Crutzen hat vorgeschlagen, die Schreibung der Erdgeschichte um ein neues Zeitalter zu ergänzen, das Anthropozän, dessen Einsetzen um 1800 sich an Daten festmachen lasse (Entwicklung der Biomasse, des globalen Klimas, der Übersäuerung der Ozeane usw.): Erscheint – mit Max Frisch gesagt – der Mensch im Holozän, so das Tier als autonomer Protagonist im Anthropozän.

3. Die wilden Hunde von Pompeii als animal fantasy

Damit stehen Tierfiguren als Protagonisten in Interaktion mit Menschen und/oder mit anderen Tier(art)en ihrer literarischen Welt im Modus des Fantastischen, der ihnen höhere Intelligenz zuschreibt, für eine andere Sicht auf die Wirklichkeit und teilweise auch andere Grundwerte und Formen des Empfindens und Urteilens. Im Krimigenre schafft das, wie die Mrs. Murphy– und Sister Jane-Krimis der Rita Mae Brown oder die Wanzen-Krimis von Paul Shipton zeigen, interessante Möglichkeiten der Brechung genretypischer Schemata. Weit über ein einzelnes Genre hinaus macht aber der Reiz, den das Erzählen aus tierischer Perspektive hat, alte und neue Werke der animal fantasy zu Texten für praktisch alle „Zielgruppen“, wie James Stone (1980) am Beispiel eines wichtigen Referenztextes zeigt: „The Rabbitness of Watership Down“ ist von anthropologischem Interesse. Vom traditionellen Bilderbuch, das Tiere in Kleidung steckt und/oder auf andere Weise verniedlicht (etwa Beatrix Potter: The Tale of Peter Rabbit, 1902), entfernt sich ein solcher Umgang mit dem Tier im „all-ages-Genre“ (Bonacker 2007) der animal fantasy seit Richard Adams’ Klassiker immer weiter. Bereits bei Adams aber scheint nicht nur die Grausamkeit des Mythos und des Märchens auf, sondern auch die gedankliche Tradition des Staatsromans seit Thomas Morus, der ja ebenfalls wesentlich in die Geschichte der Literarischen Fantastik gehört (vgl. Abraham 2012, 74 f.): Es geht in Watership Down um Gesellschaftsmodelle und damit um politische Kategorien wie Macht und Herrschaft, letztlich um die philosophische Kategorie der besten Staatsform; das Werk ist eine „quest for the ideal community“ (Swinfen 1984, 41). Verhandelt wird das Schicksal der rabbitness.

Bei Krausser ist das, zwar mit einem Augenzwinkern, aber in durchaus blutigem Ernst, die Hundlichkeit (WH 13). Und das ist mehr als eine Verbeugung vor einem Klassiker des Genres; es ist die Erinnerung daran, dass Literatur sich der Tierfiguren seit jeher, und besonders ausgeprägt seit dem Entstehen der animal fantasy als crossover genre (Copeland 2003, 288) bedient hat, um die conditio humana zu verhandeln. Dass das Menschliche sich dabei im Tierischen zeigt, ist nur scheinbar ein Paradox. Während etwa Tierfiguren bei Kafka fast stets einen Außenseiterstatus haben und Tiergeschichten damit „Künstlergeschichten“ (vgl. Jagow/Jahraus 2008, 546) sind, zeigt die animal fantasy das Tier als Träger und Verteidiger aller Werte, die die Geschichte des Abendlandes überhaupt hervorbringen und (nicht) verteidigen konnte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Kaninchen bei Adams sind nicht nur bedroht von der Ausrottung durch Menschen, die Bauland gewinnen wollen und Gift auslegen, den Bau ausräuchern, Bulldozer einsetzen; sie sind auf ihrer Flucht ins Exil auch bedroht durch einen Diktator, der die rabbitness mit Füßen tritt, seine Untertanen versklavt und eine brutale SS-artige Spezialtruppe unterhält, die Abweichler foltert und Ausreißer wieder einfängt. Ähnlich brutal ist der Diktator Mandrake in einem Genreklassiker, nämlich in William Horwoods Maulwurfroman Duncton Wood von 1979 (Der Stein von Duncton, 1984). Das Mittsommerfest, das die Maulwürfe von Duncton seit Generationen an dem großen Stein feiern, den sie um seinen Segen bitten, lässt er bei Todesstrafe verbieten.

Kraussers Diktator Ferox, der (An-)Führer der „Besserwölfe“, steht deutlich in dieser Tradition. Anklänge an faschistische Machthaber sind auch hier unübersehbar: Ferox nennt die seinen, die er als eine bewusst herangezüchtete Elite versteht (vgl. WH 49 f. u. 53) die „Besserwölfe“, als deren gottgleiches Oberhaupt (vgl. WH 57) er sich fühlt. Das Blut der Mastinos, von denen er abstammt, verleiht ihm eine pseudo-arische Sonderstellung. Die minderwertige Rasse, von der die „Besserwölfe“ als die selbsternannten Beherrscher von Pompeii sich abheben sollen, sind die wilden Füchse. Sie sind die Juden, Roma und Sinti von Pompeii; wenn auch im weiteren Sinne zur Hundheit gehörig, haben sie Hundlichkeit nicht verdient:

Füchse sind im weitesten Sinne auch Hunde, werden aber von Hunden nicht wie solche behandelt. Sie genießen einen miserablen Ruf, riechen aufdringlich, gelten als schmutzig und tückisch, manche sollen eine Krankheit übertagen, die Tollwut genannt wird. Sie sind bevorzugt nachts unterwegs, lichtscheues Gesindel […] [WH 129 f.]

Füchse spielen in der animal fantasy diese Rolle schon länger: „Trau niemals einem Fuchs. Sieht aus wie ein Hund, verhält sich wie eine Katze“, warnt der Mentor des jungen Katers Sammy seinen Schützling in Erin Hunters erstem Warrior Cats-Roman (In die Wildnis, 89). Hunters Katzenclans sind ebenso wie Kraussers Hundebanden ausgesprochen xenophob. Das Motiv ist zentral auch in einem anderen Klassiker der animal fantasy, in Garry Kilworths genre­parodistischer Serie Gewiefte Wiesel: Die herrschenden Hermeline sehen auf die Wiesel herab, die sie zu versklaven versuchen. Die Wiesel wiederum teilen mit den Hermelinen die Ansicht, der Abschaum der Tierwelt seien die Ratten (vgl. z. B. Sucht die Donnereiche, 44).

Solche Genremerkmale, zumal wenn sie parodistisch pointiert werden, zeigen eine Paradoxie: Einerseits sehen Tiere als Protagonisten die Welt grundsätzlich anders und nehmen Menschen als Schädlinge wahr, andererseits verfallen sie im Versuch, im Rahmen eines literarischen Weltentwurfs eine Kultur auszubilden, in so gut wie alle Fehler, die Menschen je gemacht haben. Die Stammeskulturen der Hunde bei Krausser, der Katzen bei Hunter, der Hermeline bei Kilworth oder der Maulwürfe bei Horwood leiden an Herrschaft ohne Legitimation und Aus­grenzung des Anderen und Fremden, und zwar bis hin zur Selbstzerstörung ihrer Lebensgrundlagen.

4. Diskurse der literarischen Fantastik in Die wilden Hunde von Pompeii

Diese Paradoxie hat mit der Art zu tun, wie die Literarische Fantastik etwas über die Wirklichkeit zu sagen hat – auch oder gerade weil sie sie nicht wiedergeben will. Die Weigerung, sich an die Gegebenheiten, Normen, Konventionen und physika­lischen Gesetze der Realität zu halten, bedeutet nicht, dass es keine Beziehung zu dieser gäbe; eine solche wird vielmehr hergestellt über die Beteiligung an verschiedenen Diskurse, wie sie eine Gesellschaft im Alltag, in den Medien und in den Wissenschaften führt (vgl. Abraham 2012, 158–161).

Die von einer Kultur über die sie im Ganzen betreffenden strittigen Fragen geführten Diskurse zeichnen sich abstrakt gesagt aus durch

–         Serien ähnlicher Aussagen,

–         „Einschreibung“ durch deren Wiederholung,

–         Grenzen des Sagbaren (es gibt immer auch Tabus) und

–         ein „Archiv“, das u. a. literarische Texte enthält (vgl. Keller 2008, 136).

Das schließt Literatur jeder Art ein, ist aber doch (wie Krausser zeigt) für die Fantastik besonders spannend. Marianne Wünsch (1991, 62) kritisiert zu Recht, die bisherige Fantastik-Theorie habe ihren Gegenstand zu sehr isoliert und aus seinen historischen Kontexten herausgenommen. Aber diese Kritik, die sich auf ausgeblendete literatur- und geistesgeschichtliche Kontexte bezieht, greift noch zu kurz. Erst recht wurden meist sozial- und technikgeschichtliche Kontexte ausgeblendet, so als entstehe Literarische Fantastik im Anschluss an andere, schon vorliegende Fantastik, aber weithin ohne Bezug zur umgebenden Welt. Angewandt auf Kraussers Text, würde eine solche Betrachtungsweise zwar zulassen, das Ovid‘sche Motiv des Gestaltwandels zu erkennen („nichts behält seine Gestalt“ [WH 138]; „alles verwandelt sich“ [WH 209]) und weitere intertextuelle Anspielungen zu würdigen, aber es könnte nicht erkannt werden, dass ein fantastisches Werk Antworten auf Fragen wie die folgenden bereit hält (vgl. auch Abraham 2012, 159 f.):

1. Welche Formen der Teilhabe an Macht und politischer Entscheidung sind einer zunehmend komplexen Welt angemessen? Und wie gehen wir global mit Machthabern um, die scheindemokratisch Menschenrechte verletzen und sich dabei jede „Einmischung“ verbieten (politischer Diskurs)?

2. Wie vereinbaren wir die Werte unserer Kultur mit den immer wieder aufbrechenden Ressentiments gegen das Andere und Fremde und mit den dadurch besonders in den zwei Jahrzehnten um 2000 verbrämten sozialen Verteilungskämpfen (ethischer Diskurs)?

3. Wohin hat uns der „Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) mit seiner Kultur des Triebverzichts geführt, wenn unter einer zivilisatorischen Oberfläche doch das Monströse lauert (psychologischer Diskurs)?

4. Wie können wir Vielfalt als Bereicherung (statt Heterogenität als Gefahr) erleben und gestalten, ohne die dann unvermeidlichen Konflikte zu scheuen? Wie das ‛Fremde’ integrieren, ohne das ‛Eigene’ aufzugeben (interkultureller Diskurs)?

5. Wie können wir kognitionswissenschaftlichen und lern-psychologischen Einsichten Rechnung tragen, denen zufolge Belehrung weitgehend sinnlos ist und Lernen eigentätig und selbstgesteuert sein sollte, wenn doch gleichzeitig die Globalisierung auch in der Bildung eine immer stärkere Steuerung erzwingt? Und was ist Meisterschaft (modisch gesagt: „Kompetenz“) als Ergebnis von Lernen und Aneignung (pädagogischer Diskurs)?

6. Wie können wir die Medien verantwortlich nutzen, ohne ständig der Ver­suchung zu erliegen, Wirklichkeit allzu selektiv darzustellen? Und was bedeutet es zu wissen, dass Medien und Kommunikationstechnologien unsere Wahrneh­mung formen (Medien-Diskurs)?

7. Wie können wir im 21. Jahrhunderts, da die uns umgebende „Natur“ immer mehr eine von uns bereits veränderte ist, noch von „Natur-Schutz“ sprechen? Und wie gehen wir mit den im zivilisatorischen Prozess unvermeidlichen Verteilungskämpfen um? (Zivilisations-Diskurs)?

Um das vorwegzunehmen: Die wilden Hunde von Pompeii mischen sich in alle sieben Diskurse ein, selbst (wenn auch nur beiläufig) in die beiden letzt­genannten.

Zu 1.: Die Machtfrage in der tierischen Bevölkerung der Ruinen von Pompeii bestimmt Handlung und Figurenkonstellation: Die Hunde rivalisieren nach außen mit den Füchsen und zerfallen im Inneren in zunächst zwei Gruppen (die Touristenschmarotzer und die Ferox-Anhänger), wobei sich im Lauf der Handlung eine eigenständige dritte Gruppe um Kaffeekanne und seinen Freund Saxo herausbildet. Ausdrücklich geht es immer wieder um Ressourcenverteilung und Bleiberechte; parodistisch wird damit ein zentrales Motiv der animal fantasy seit Watership Down verhandelt (vgl. v. a. Erin Hunters Warrior Cats-Romane). Das Streben nach Dominanz und Definitionsgewalt über die Situation vereinnahmt fast alle Akteure bei Krausser in einem solchen Ausmaß, dass sie die gleichsam globale Gefahr einer erneuten Vernichtung Pompeiis (durch einen vom Orakel vorhergesagten Vesuvausbruch) gar nicht wahrnehmen; nur Kaffeekanne, der durch sein abgespaltenes „totes Fünftel“ einen Draht zur Welt der Geisterhunde hat, weiß davon und kann die Welt (vorläufig) retten. Die dominanten „Besserwölfe“ dagegen sind besetzt vom Eigeninteresse des Machterhalts und würden, auf sich gestellt, vermutlich mit Pompeii untergehen. Wie andere tierische Herrscher in der animal fantasy, etwa die Hermeline in Garry Kilworths Thunder Oak (1997), verkörpern sie die zutiefst menschliche Möglichkeit der Herrschaft als bornierte Ausübung von Macht und Gewalt.

Zu 2.: Daneben kennt die animal fantasy auch die Idee der legitimen Herrschaft. Felix Saltens Bambi in dem gleichnamigen Buch von 1923, das durch Walt Disney zu Weltruhm kam, wächst als Rehkitz in dem Wald auf, über den sein Vater als „Prinz des Waldes“ herrscht. Bevor es dessen Nachfolge antreten kann, muss Bambi sich unterordnen, durch Schaden klug werden, durch Nachahmung und Beobachtung lernen, kurz: eine Sozialisation durchlaufen. Ähnlich, nur weniger betulich, stellt sich die Schule der Wildnis in Hunters Warrior Cats-Romanen dar: Im „DonnerClan“, der im Gegensatz zum diktatorisch regierten „SchattenClan“ eine Anführerin mit Legitimation und Autorität hat, gibt es wie in allen Clans ein Prinzip der Verteilung junger Katzen auf bewährte Krieger, die zu Mentoren ernannt werden. Diesen schuldet man absoluten Gehorsam (vgl. z. B. In die Wildnis, 49), und sie vermitteln nicht nur Kampftechniken, sondern das kulturel­le Gedächtnis des Clans und damit seine bewahrens- und verteidigenswerte Gruppenidentität. Der ehemalige Hauskater Sammy, eingeführt in dieses Gedächtnis, entdeckt sich neu: „Ich weiß jetzt, wer ich bin.“ (In die Wildnis, 144). Ähnlich geht es dem jungen Helden Bracken in Horwoods Der Stein von Duncton: Nach seiner Flucht aus dem Herrschaftsbereich des Diktators Mandrake trifft er auf den ebenfalls ins Exil gegangenen Ältesten Hulver, der ihn nicht nur Gelassenheit lehrt, sondern auch die uralten Lieder, mit denen Generationen den Stein angesungen haben. Die Verbundenheit mit der Geschichte gibt ihm die Kraft, die er für den Widerstand gegen den Gewalt­herrscher braucht.

Solche Aspekte der animal fantasy sind zum einen ein Beitrag zum pädagogischen Diskurs (vgl. weiter unten), zum andern berühren sie aber ein ethisches Problem: Es geht um die Weitergabe von Verantwortung für das Gemeinwesen und das Hintanstellen egoistischer Interessen, auch solcher der Selbsterhaltung: Beim Beutemachen dürfen Hunters Jäger-Katzen beispielsweise nicht fressen, bevor der Nahrungsvorrat für den Clan aufgefüllt ist. Dem jungen Kater Sammy fällt das schwer. Ebenso schwer tut sich der junge Maulwurf Bracken bei Horwood damit, dass er allein mit seinem Mentor Hulver, der zur Strafe dann prompt getötet wird, das Mittsommerfest feiern soll: Sie tun es für die Gemeinschaft, nicht für sich.

Auch dieses Thema schlägt Krausser an: Zunächst erhält der Welpe Kaffeekanne Unterricht beim alten Plin, dessen Gedächtnis nicht mehr das beste ist, aber im Prinzip zweitausend Jahre zurückreicht: Den Markplatz nennt er „Forum“ (WH 28); sein Name verweist auf Plinius den Älteren (ca. 23–79 n. Chr.), Historiker und Autor der Naturalis historia, und dessen Neffen, den Politiker Plinius den Jüngeren (61/62–um 114 n. Chr.). Zum ethischen Diskurs gehört aber nicht nur die Thematik des verantwortungsvollen Umgangs mit dem Wissen (Plinius d. Ä.) und der Macht (Plinius d. J.), sondern auch die Verantwortung für die nächste Generation. Man betrachte das Verhalten des alten Lehrers Plin angesichts der von der Stadtverwaltung schließlich angeordneten Deportation der wilden Hunde: „Der weise alte Hund beruhigte die Welpen, man fahre an einen schönen Ort, wo es Futter gebe und klares kühles Wasser aus Leitungen.“ (WH 173) Darf man Kinder anlügen? Wie der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak (1878–1942) seine Kinder nach Treblinka begleitet, so steigt Plin mit seinen Welpen auf den Lastwagen.

Zu 3.: Psychologie ist allgegenwärtig in Kraussers Geschichte. Mit dem ge­walttätigen „Es“, das seit zweitausend Jahren in einer Bleikammer in „Unterird“ eingeschlossen ist, wird Freud geradezu zitiert (vgl. WH 217); auch „Der Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) wird hier thematisch. Aber der psychologische Diskurs wird auch noch anders geführt. Im Lauf der Hand­lung stellt sich heraus, dass Diktator Ferox früher ein ängstlicher Hund war. Die Viper Clabauta, deren Biss Kaffeekanne als Welpe zu vier Fünfteln überlebt hat (vgl. WH 75 – wie Harry Potter den Angriff Voldemorts), erzählt mit einiger Süffisanz die Geschichte seiner Heldwerdung: „Er sagte, er wolle ein anderer sein. Er haßte sich.“ (WH 78). Zum brutalen Machthaber, der nichts und niemanden fürchtet, avanciert er erst nach seiner Rückkehr aus einer ominösen Fledermaushöhle. Die Dunkelheit dort hat alle Angst von ihm „weggefressen“ (WH 80). Anführer kann er sein, und alle Kämpfe auf dem Weg dorthin konnte er gewinnen, weil er keine Angst mehr kennt. Er kann die Angst nun funktiona­lisieren, sie ist auf seiner Seite; seine ganze Herrschaft beruht darauf. (Sein Vorfahr ist, am Anfang der animal fantasy als Genre, General Woundwort in Watership Down.) Macht ist mehr als zur Hälfte Psychologie. Ferox hat damit aber auch einen lebenserhaltenden Instinkt eingebüßt: Selbst angesichts der offenkundigen Übermacht der nach Pompeii wieder einrückenden Hunde flieht er nicht und wird getötet.

Zu 4.: Die von den „Besserwölfen“ verachteten und auch von anderen Hunden gemiedenen Füchse unter ihrer Anführerin Vespa sind das ‛Andere’, ‛Fremde’ in der Gesellschaft von Pompeii. Sie laufen gleichsam ohne Staatsbürgerschaft in der Hundheit und ohne offizielles Bleiberecht, aber auf der Basis einer Art amtlicher Duldung herum. Im Lauf der Handlung stellen sie sich aber als Träger uralter Weisheit heraus: Kaffeekanne und Saxo, die auf der Suche nach der vom alten Plin empfohlenen „Villa der Mysterien“ auf Vespa treffen, klärt diese darüber auf, dass das alte Gebäude in Sichtweite nicht die richtige Villa sei; „die andere, wahre, trügen wir bei uns, wie auch, teilweise, in uns“ (WH 134). Erst wer sie gefunden und betreten habe, sei erwachsen (vgl. WH 135). In der Tat durchleben die beiden jungen Hunde gerade ihre Adoleszenz. Saxo, der Kaffeekanne etwas voraus ist, entdeckt vor diesem die Sexualität: „[E]r beobachtete Calista auf eine ganz und gar schamlose Weise, er schnupperte gierig und verdrehte die Augen.“ (WH 125) In Form der von der Viper gesammelten Giftpilze nehmen sie Drogen und haben ein psy­chedelisches Erlebnis (vgl. WH 136–139). Weder die Wissensschule des alten Plin noch der Kasernenhof des Ferox hat sie etwas gelehrt, was ihnen jetzt helfen könnte; die Füchsin war es. „Erwachsen zu werden war spektakulär“ (WH 136). Im Übrigen greift auch die Schlange Clabauta mehrfach hilfreich ein. In aller Vorsicht kann man folgern: Als interkulturelle bietet die tierische Gesellschaft von Pompeii einer nachwachsenden Generation mehr Lern- und Entfaltungs­chancen. Interkulturalität bietet einen Mehrwert an Weltwissen und kultureller Vielfalt. Der dem Kioskbesitzer entlaufene zahme Hund Vitello entdeckt später die von ihrem Stamm als Anführerin verstoßene Füchsin als Partnerin.

Zu 5.: Unterricht bei Plin umfasst „Draußenkunde, Ortskunde, Menschenkunde, Hundekunde“ und, etwas weiter im Curriculum, „Früher- und Ganzfrüherkunde“ (vgl. WH 22). Der Unterricht, den später Ferox erteilt (vgl. WH 53), ist anderer Art; die Fächer heißen „Kraft, Schnelligkeit, Kampfkunst, Disziplin und Ausdauer“. Hinzu kommt (möglicherweise als Reminiszenz an William Goldings Lord of the Flies, 1954) „Chorgesang“. Ein wichtiges Grundmotiv der animal fantasy, das des Aufwachsens und der Sozialisation, wird hier aufgenommen und amüsant parodiert. Unter dieser parodistischen Oberfläche wird allerdings durchaus ernsthaft ein pädagogischer Diskurs geführt. Wie lernt ein junger Hund, was er zum (Über-)Leben braucht? Durch Beobachtung und Nachahmung (z. B. wie die hübsche Hündin Calista eine Blume ins Maul nehmen, um die Touristen zu betören)? Durch das Gespräch mit Plin, der das Weltwissen der Alten belehrend weitergibt (z. B. darüber, „was Touristen sind“ [WH 22])? Durch Erzählungen (z. B. indem der fahrende Hunde-Sänger Valta den Ursprungsmythos von Vesuvius und Vesuvia erzählt [vgl. WH 32–34])? Oder durch Abrichtung (z. B. wenn Ferox, weil Hunde Eidechsen verachten, Eidechsenfressen anordnet [vgl. WH 54 f.])? Die Geschichte der Pädagogik, vom sokratischen Gespräch bis zum Behaviorismus, ist darin im hegelschen Doppelsinn aufgehoben.

Zu 6.: Die erwähnte Analyse des Textes als Monomythos-Parodie (Ecker 2009) lässt bereits die darin implizierte Auseinandersetzung Kraussers mit der wahrnehmungsprägenden Rolle der Medien erkennen. Aber auch zur Stellung der Literatur und ihrer Medien im kulturellen Gedächtnis positioniert sich der Text nur an der Oberfläche parodistisch. „Es gibt keine wahren Geschichten.“, sagt Clabauta apodiktisch. „Was existiert, ist das eine, was darüber erzählt wird, das andere.“ (WH 81) Das ist schon beinahe eine (de-)konstruktivistische Theorie der Medien. Homer, der „blinde Sänger“, ist einer (zweifellos also unwahren) Geschichte des fahrenden Valta zufolge eine Schöpfung der Götter, die es seinerzeit leid waren, dass niemand außer ihnen imstande sei, „[n]eue Welten zu erschaffen“ (WH 239).

Zu 7.: Auch hinsichtlich eines Diskurses über den Prozess der Zivilisation lässt sich eine parodistische Oberfläche (z. B. die tödliche „Kolmonox“-Höhle, die die Helden auf ihrem Weg zur Rettung ihrer Welt nicht passieren können, vgl. WH 225) von einer darunter liegenden Schicht ernsthafter Auseinandersetzung unterscheiden. Diese wird v. a. deutlich in der Differenz der wilden (jagenden) Hunde und der zahmen, fett und bequem gewordenen Hunde vom Typ Vitello T.: Dazwischen stehen die herrenlosen, aber von der Zivilisation (konkret von den Gaben und Abfällen der Touristen) lebenden Hunde von Pompeii. Die Welt der Menschen, die anpassungswilligen und anbiederungsfähigen Hunden ein Auskommen bietet, wird aber gleichzeitig in ihrer Ausbeutungsmentalität gezeigt: Die Hundefänger kommen immer montags, um Nachschub für ihre (verbotenen, aber florierenden) Gladiatorenkämpfe einzusammeln. Die Hunde­würde wird dabei mit Füßen getreten. Wie eng das Schicksal der Hunde seit zweitausend Jahren mit der menschlichen Zivilisation verknüpft ist, zeigen die „Geisterhunde“, die die Handlung mit distanzierten Kommentaren begleiten. Ähnlich wie die intelligenten Riesenfaultiere in Isabel Allendes Die Stadt der wilden Götter (2002) beweisen sie ihre höhere Einsicht gerade darin, dass sie sich aus den Händeln derer heraushalten, die die Erde so zahlreich bevölkert haben, dass sie sich gegenseitig im Weg sind. Imaginiert man eine archaische, friedliche Tierart von höherer Intelligenz – wie z. B. auch die Drachen in Cornelia Funkes Drachenreiter (1997) –, so zeigt sich schnell: Im Anthropozän haben sie keine Chance.

5. Resümee

Krausser erzählt nicht nur eine spannende, witzige Geschichte, sondern er lässt auch Geschichte (als Geistes-, Kultur- Politik-, und Naturgeschichte) Revue passieren. Parodien auf einige Genrekonzepte, darunter das vor allem den Film prägende des Monomythos, liefert er nebenbei; der Text erschöpft sich aber darin nicht. Überspitzt könnte man sagen, es gehe Krausser in dieser „Geschichte“ um nichts Geringeres als die Vor- und Frühgeschichte des Anthropozän: Ist es im Altertum noch der Vesuv, der Pompeii auslöscht, also die Natur, so können Kraussers nach „Unterird“ abgestiegene hündische Helden die „Wanderbeben“, die sich erneut unter dem Vulkan gefährlich versammelt haben, zum Abzug bewegen; aber eine Lösung ist das nicht. Natur als dem Menschen fremd gegenüberstehende Größe gibt es im Anthropozän ohnehin nicht mehr. Die wahre Katastrophe ist die menschliche Natur.

Wie alle animal fantasy nutzt Die wilden Hunde von Pompeii Tierfiguren in doppelter Weise: als Spiegel menschlicher Kultur und Barbarei und als Träger einer radikal anderen, sozusagen anthropo-exzentrischen Sicht auf die Welt: „the animals serve as mirrors or models of human behaviour, but at the same time they are also true animals in their own right“ (Swinfen 1984, 43).

Parodistisch ist Kraussers Text allerdings am Ende auch in Bezug auf das Genre der animal fantasy, dessen Erzählkonventionen und charakteristische Motive (Macht, Herrschaft und Freiheitskampf, Rivalität der Tierarten und Xenophobie, Angst und Mut, Verhältnis zum Menschen) er bündelt und durch eine zwischen Komik und Tragik changierende Drastik der Darstellung überbietet. Ohne dafür die Spannungs- und Unterhaltungsfunktion zu opfern, die das Genre auszeich­net, nutzt Krausser es, um im Modus der Fantastik Perspektiven auf drängende Probleme des Anthropozän zu eröffnen.

Anhang

Autor, Titel (Publikationsjahr), ggf. Übersetzung

Tierfigur(en) Handlung

Lagerlöf, Selma: Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige (1907). Dt. von Gisela Perlet: Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Stuttgart 2011.

Gänse

Der 14-jährige Bauernjunge Nils wird zur Strafe für einen bösen Streich von einem Wichtelmännchen in seinesgleichen verwandelt. Mit dem zahmen Gänserich Martin zusammen schließt sich der winzige Nils den Wildgänsen auf ihrem Zug nach Lappland an. Er lernt ganz Schweden kennen, erlebt gefährliche Abenteuer, muss sich oft in moralischen Fragen entscheiden und bewährt sich dabei, so dass er am Ende wieder ein Mensch werden darf.

Salten, Felix: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. Berlin 1923

Rehe

Ein Rehkitz wächst heran, lernt von den älteren Rehen, gerät mehrmals in Lebensgefahr, wird von einem Jäger angeschossen, bewährt sich und beerbt schließlich seinen Vater als „Prinz des Waldes“.

Milne, Alan Alexander: Winnie the Pooh (1926). Dt. von Harry Rowohlt: Pu der Bär. Hamburg 1999.

Bär, Esel, Tiger, Känguru, Eule

Im Hundert-Morgen-Wald leben die Freunde des Menschenkindes Christopher Robin, die unterschiedliche menschliche Züge verkörpern und zusammen verschiedene Abenteuer erleben.

Adams, Richard: Watership Down (1972). Dt. von Egon Strohm: Unten am Fluss. Frankfurt/M. 1975.

wilde Kaninchen

Aus einem Kaninchenbau flüchten einige Bewohner vor den Menschen, weil der junge Fiver eine apokalyptische Vision hatte. Tatsächlich wird der Bau ausgeräuchert und die verbleibenden Bewohner werden getötet. Am Ende einer langen Wanderschaft, die im Kampf gegen einen Diktator gipfelt, finden die Flüchtlinge einen besseren Ort zum Leben.

Horwood, William: Duncton Wood (1979). Dt. von Karin Polz: Der Stein von Duncton. Stuttgart 1984 [Bd. 1 der Reihe Duncton Chronicles].

Maulwürfe

Die Maulwürfe von Duncton, die das zu weit oben am Berg gelegene „alte System“ vor langer Zeit aufgegeben haben und nur noch einmal im Jahr zum Mitsommerfest am gro­ßen Stein hinaufklettern, werden vom bru­talen Mandrake einer zynischen Herrschaft unterworfen, die mit allen Traditionen bricht. Der Jungwurf Bracken, schwächlich aber intelligent, wächst mit Hilfe des uralten Hulver zum Verteidiger der alten Werte heran. Unterstützt wird er von Rebecca, der Tochter des Diktators.

Shipton, Paul: Bug Muldoon and the Garden of Fear (1995). Dt. von Andreas Steinhöfel: Die Wanze. Ein Insektenkrimi. Frankfurt/M. 1997.

Wanzen, Ameisen, Wespen

Wanze Muldoon ist Privatdetektiv. Als er den Auftrag erhält, eine Gruppe separatis­tischer Ameisen, die den gesamten Ameisenstaat in Aufruhr versetzt, ausfindig zu machen, muss er seinen ganzen Spürsinn aufbieten. Dabei stößt er auf geheime Verbindungen zwischen Ameisen und Wespen, von denen allen im Garten lebenden Insekten große Gefahr droht.

Oppel, Kenneth: Silver Wing (1997). Dt. von Klaus Wei­mann: Silberflügel. Weinheim 2004 [Bd. 1 der Bat Trilogy].

Fledermäuse, Ratten, Tauben

Die Fledermauskolonie der Silberflügel zieht sich den Zorn der gefürchteten Eulen zu, deren Gesetz (niemals nach Sonnenaufgang draußen sein) ein Junge namens Schatten gebrochen hat. Ihren Baumhort brennen die Eulen nieder, weil die Älteste der Kolonie den Jungen nicht herausgeben will. Während des gefährlichen Zugs nach Süden ins Winterquartier bewährt sich dann Schatten im Kampf gegen kannibalische Riesenfledermäuse, die aus einem Zoo ausgebrochen sind.

Kilworth, Garry D.: Thunder Oak (1997). Dt. von Irene Bonhorst: Sucht die Donnereiche. München 2005 [Bd. 1 der Reihe Gewiefte Wiesel].

Hermeline, Wiesel, Ratten

Auf einer menschenverlassenen Insel herr­schen die Hermeline. Eine Gruppe gesetzlo­ser Wiesel um den gewieften Sylber lehnt sich gegen sie auf. Als die Dämme der Insel zu brechen drohen, fassen die Wiesel den tollkühnen Plan, die Menschen zu Hilfe zu holen.

Brown, Rita Mae: Pawing Through the Past (2000). Dt. von Margarete Längsfeld: Rache auf leisen Pfoten. Frankfurt/M. 2001.

Katzen, Hund

In der Kleinstadt Crozet sind mehrere Morde aufzuklären, die alle mit einem Ehemaligentreffen der High School zu tun haben; so wird ein unbeliebter Weiberheld erschossen. Die Katzen Mrs. Murphy und Pewter sowie der Hund Tucker sind an der Aufklärung des Falles entscheidend beteiligt.

Brown, Rita Mae: The Hunt Ball (2005). Dt. von Margarete Längsfeld: Dem Fuchs auf den Fersen. Frankfurt/M. 2009.

Hunde, Füchse

Als beim Halloweenball ein Mitglied des Reiterballs tot aufgefunden wird, nimmt Sister Jane, die Vorsitzende des Jagdvereins, wie gewohnt die Spur auf. Ihr zur Seite stehen die Rot- und Graufüchse um Inky und Charlene und die Leithunde um Diana.

Hunter, Erin: Into the Wild (2003). Dt. von Klaus Wie­mann: In die Wildnis. Wein­heim 2008 [Bd. 1 der Warrior Cats-Reihe].

wilde Katzen, Hauskater, Ratten, Füchse

Ein junger Hauskater wird von einem der vier wilden Katzenclans, die um die Vorherr­schaft im Wald streiten, als Kämpfer rekrutiert; er erlebt seine Verwandlung in das Clanmitglied „Feuerpfote“ als Rückkehr zu seiner eigentlichen Bestimmung. Als ein anderer Clan mit Hilfe von Traditionsbrüchen Jagdrechte für die ganze Welt durchsetzen will und auch vor Vertreibung nicht zurückschreckt, ist die Stunde der Bewährung gekommen.

Krausser, Helmut: Die wil­den Hunde von Pompeii. Eine Geschichte. Reinbek bei Hamburg 2004.

wilde Hunde, Füchse, Fledermäuse, Schlange

Ein Welpe wächst unter den wilden Hunden auf, die in den Ruinen von Pompeii leben; von seinem Erzieher, dem alten Hund Plin, wird er irrtümlich Kaffeekanne getauft (cave canem). Er gerät zwischen die Fronten: Eine Gruppe bettelt die Touristen an, eine andere, die sich outlaws nennt, bekämpft dieses Verhalten und macht lieber Jagd, z. B. auf wilde Füchse. Ihr Anführer (Ferox) ist ein grausamer Diktator, den Kaffeekanne mit Hilfe neu gewonnener Freunde und magi­scher Mittel am Ende besiegt.

Funke, Cornelia: Drachen­reiter. Hamburg 1997.

Drachen, Ratten

Die Silberdrachen (echsenähnliche, intelli­gente und gutartige Lebewesen) sind nahezu ausgestorben; eine der letzten Gruppen muss ihre Zuflucht, ein schottisches Tal, verlassen und will den legendären „Saum des Him­mels“ (Himalaja) erreichen. Die Helden (der junge Drache Lung, der Menschenjunge Ben und das Koboldmädchen Schwefelfell) helfen ihnen dabei, wobei sie in große Gefahr geraten. Ihr Hauptgegner ist der von einem Alchemisten erschaffene künstliche Drache Nesselbrand.

Allende, Isabel: La ciudad de las bestias (2002). Dt. von Svenja Becker: Die Stadt der wilden Götter. Frankfurt/M. 2002.

Riesenfaul­tiere

Die Jugendlichen Alexander (Enkel einer National Geographic-Reporterin) und Nadia (Tochter eines einheimischen Führers) sind an einer Expedition in den Amazonas-Dschungel beteiligt, auf der hochintelligente Tiere entdeckt werden, die aussehen wie Riesenfaultiere. Die beiden Jugendlichen entdecken unterwegs ihre von indianischen Totemtieren herrührende Identität als Jaguar und Adler.

Literatur

WH = Helmut Krausser: Die wilden Hunde von Pompeii. Eine Geschichte. Reinbek bei Hamburg 2004.

Abraham, Ulf: Fantastik in Literatur und Film. Eine Einführung für Schule und Hochschule. Berlin 2012.

Bonacker, Maren (Hg.): Peter Pans Kinder. Doppelte Adressiertheit in phantastischen Texten. Trier 2004.

—: Writing for children of all ages. Wenn Kinderbücher Grenzen sprengen. In: Dies. (Hg.): Das Kind im Leser. Phantastische Texte als all-ages-Lektüre. Tagungsband zum wissenschaftlichen Symposium „Pinocchios Freunde“, 7. bis 9. Mai 2004. Trier 2007, S. IX–XV.

— (Hg.): Hasenfuß und Löwenherz. Tiere und Tierwesen in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Wetzlar 2011.

Copeland, Marion: Crossover Animal Fantasy Series: Crossing Cultural and Species as Well as Age Boundaries. In: Society & Animals (Leiden) 11 (2003), H. 3, S. 287–298.

Crutzen, Paul J.: Geology of Mankind. In: Nature 415 (2002), H. 3, S. 23.

Ecker, Hans-Peter: Figuren- und Handlungsdesign als Parodie des so genannten Monomythos. Helmut Kraussers Die wilden Hunde von Pompeii. In: Claude D. Conter u. Oliver Jahraus (Hg.): Sex – Tod – Genie. Beiträge zum Werk von Helmut Krausser. Göttingen 2009, S. 197–209.

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. 2., um eine Einleitung vermehrte Aufl. Bern/München 1969.

Jahraus, Oliver u. Bettina von Jagow: Kafkas Tier- und Künstlergeschichten. In: Dies. (Hg.): Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen 2008, S. 530–552.

Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. 2. Aufl. Wiesbaden 2008.

Stone, James S.: The Rabbitness of Watership Down. In: English Quarterly 13 (1980), S. 37–46.

Swinfen, Ann: In defense of fantasy. A study of the genre in English and American literature since 1943. London 1984.

Wünsch, Marianne: Die fantastische Literatur der Frühen Moderne (1830-1930). Definition – Denkgeschichtlicher Kontext – Strukturen. München 1991.

Im Zeichen des Affen

Literatursatiren auf die menschliche Subjektwerdung (von Wilhelm Hauff, Erich Kästner und Paul Maar)

Von Stefan Neuhaus (Koblenz)

Für Hans-Peter Ecker

Vorbemerkung

„Das Subjekt konstituiert sich im Diskurs“ (Zima 2000, 15), und es ist auch dieser Diskurs, der das Subjekt wieder de-konstituieren kann, wobei freilich zunächst ein Subjekt und eine Auffassung über seinen Status gegeben sein müssen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die „Autoreflexivität“ (Zima 2000, 22), also das Reflektieren des eigenen Subjektstatus, für die Konstitution eines Selbst-Bewusstseins, also eines Sich-Selbst-Bewusstwerdens unabdingbar ist und somit die Voraussetzung dafür, nicht das Objekt der Handlungen anderer, sondern das Subjekt des eigenen Handelns sein zu können. Das kritische Hinterfragen des Subjektstatus der Zeitgenossen gehört konstitutiv zur Literatur, die mögliche Realitäten simuliert und damit den Leser-Subjekten hilft, mögliche eigene Optionen durchzuspielen. Als das Gegenteil eines menschlichen Subjekts im emphatischen Sinn lässt sich in der Literatur der Affe sehen, auch wenn Biologen und Tierfreunde eine solche Aussage nicht gern lesen werden. In der Literatur handelt es sich, das sei zum Trost gesagt, ja nicht um reale Affen, sondern um Figuren, die als komplexe Zeichen angelegt sind. In den nun vorgestellten Beispielen dienen Affen als satirische literarische Zeichen und es werden die Gründe hierfür zu diskutieren sein.

Dazu sei bemerkt: Die konventionalisierte Bedeutung des Affen als Symbol ist überwiegend negativ. Der Affe gilt als: „Symbol der Mimikry, des Teufels bzw. des Bösen, des Sexualtriebes und der Verantwortungslosigkeit. – Relevant für die Symbolbildung sind a) die biologische Nähe zwischen A[ffe] und Mensch, b) die Fähigkeit des A[ffen] zur Nachahmung (des Menschen), c) das triebgesteuerte Verhalten des A[ffen]“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Hinzufügen könnte man noch die äußere und motorische Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch. Vor diesem Hintergrund ist die nachfolgend skizzierte Verwendung des Affen als Motiv differenziert und komplex. Das Lexikon literarischer Symbole nennt bereits zahlreiche Beispiele, etwa aus der sich für die Verwendung von Tiermotiven anbietenden Gattung der Fabel (vgl. Butzer/Jacob 2008, 8 f.). Daemmrichs Themen und Motive in der Literatur fasst zusammen, welche Motivverwendung in der Literatur bekannt ist, und verweist auf dem Affen symbolisch verwandte Tiere:

Metaphern von gebildeten Affen, Affenmenschen, scharfsinnigen Flöhen und scheinbar naiven, aber begabten Katzen und Mäusen profilieren häufig kritische Darstellungen des gesellschaftlichen Verfalls (E.T.A. Hoffmann, Poe, Raabe, Kafka, Beyse). Sie dienen fernerhin der Kontrastierung von begnadetem Schaffen und poetischer Nachahmung, wahrer Empfindung und oberflächlichem Kunstgenuß. [Daemmrich 1995, 245]

Da es außerdem genauere Arbeiten zum Motiv des Affen in der Literatur gibt, werden exemplarische Beispiele abseits der besonders bekannten Texte gewählt, der bekannteste (und somit ausgelassene) wäre zweifellos Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie von 1917.[1]

Der Mensch als Affe (Hauff)

Nachfolgend wird es um die satirische oder zumindest humoristische Inszenierung der Figur des Affen gehen, ohne sie bereits auf die genannten Stichwörter (wie den ‚gesellschaftlichen Verfall‘) festzulegen. Hier das erste Beispiel:

Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigtem Haar und schrecklicher Miene, unglaublich schnell an den Fenstern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah. Der alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung, und erzählte abends im Bierkeller, daß er selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden, als den Fremden. „Es ist nur schade“, setzte er hinzu, „daß er so wenig in Gesellschaft kommt; doch, ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig Deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter.“ [Hauff 1981, 739 f.]

Die Passage stammt aus Wilhelm Hauffs Erzählung Der Affe als Mensch, die Teil des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1827 unter dem Titel Der Sheik von Alessandria und seine Sklaven ist.[2] Hauff verzichtet nicht nur darauf, die Verkleidung des Orang Utans als Pointe zu verwenden, er stellt die wahre Identität des ‚jungen Engländers‘ sogar deutlich aus, indem er der Erzählung einen entsprechenden Titel gibt, der sich allerdings als doppeldeutig entpuppt. Mit den Affen sind auch die Bewohner der Stadt mit dem sprechenden Namen Grünwiesel gemeint, ein Ort in der Tradition Schildas und Krähwinkels. Hauffs Text ist also eine Kleinstadtsatire und eine Bürgersatire, in der „nicht in erster Linie die Natur des A[ffen], sondern die Kultur des Menschen kritisierbar gemacht wird“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Die Ironie wird noch befeuert durch den Rahmen: Ein Deutscher erzählt die Geschichte im Orient, die Perspektive von Eigenem und Fremdem wird also umgekehrt. Nicht das Fremde erscheint als fremd, sondern das Eigene soll als fremd erscheinen, sofern sich der Leser nicht mit Figuren wie dem Bürgermeister identifizieren kann, der durch die Erklärung des (wiederum als fremd markierten) älteren, distinguierten Herrn aus Berlin, den Sprach- und Gesellschaftsunterricht mit der Peitsche durchführen zu müssen, „völlig befriedigt“ ist. Der Schluss des Zitats verrät auch den Grund: Der Bürgermeister ist eitel und hofft, durch die Beziehung zu dem wohlhabenden Fremden an sozialem Prestige zu gewinnen.

Dem Leser ist die Situation von Anfang an klar und sein Wissensvorsprung erlaubt es ihm, das satirisch gezeichnete Treiben der Gesellschaft Grünwiesels zu verfolgen und zu verlachen. Auch in der Rahmenhandlung wird eine entsprechende Lehre aus der Geschichte gezogen:

Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und auch die jungen Männer lachten mit. „Es muß doch sonderbare Leute geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik und Mufti in Alessandria, als in Gesellschaft des Oberpfarrers, des Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!“ „Da hast du gewiß recht gesprochen“, erwiderte der junge Kaufmann; „in Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes, wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perser müßte es schrecklich sein, dort zu leben.“ [Hauff 1981, 753]

Noch bevor Charles Darwin seine Evolutionstheorie aufstellt und die Biologie nachweist, dass die menschliche „DNA zu 98% mit der des Bonobo und des gemeinen Chimpansen identisch ist“ (Richter 2005, 603), führt Hauff literarisch-praktisch vor, dass die kulturelle Codierung des Menschen seine Tierähnlichkeit nur oberflächlich verbirgt. Freilich gab es auch für Hauff Vorbilder: Der junge Schwabe lernte in dem Fall besonders von E.T.A. Hoffmann, auf den im Text bereits mit der Bezeichung ‚ödes Haus‘ – für das Haus, in dem der ältere Herr mit dem Affen wohnt – angespielt wird (vgl. Hoffmann 1985). Hoffmanns von einem Affen handelnde Erzählung Nachricht von einem gebildeten jungen Mann aus den Fantasiestücken in Callot’s Manier von 1814 wird Hauff aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt gewesen sein (vgl. Richter 2005, 614).

Der Affe als Mensch (Kästner)

In die „lange Tradition“, den Affen „als satirische Figur“ einzusetzen, „um die menschliche Gesellschaft zu kritisieren“ (Richter 2005, 622), reiht sich als neueres Beispiel Erich Kästners Gedicht Die Entwicklung der Menschheit von 1931 ein. Wie Hauffs Erzählung wird auch dieser Text im Kontext der Motivgeschichte des Affen bisher offenbar nicht beachtet. Zunächst scheint es ganz einleuchtend, dem Text wenig Bedeutung zu geben, da Kästner die Bezeichnung pejorativ verwendet; die erste und die letzte Strophe des Gedichts lauten:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

[…]

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen. [Kästner 1998, 75 f.]

So einfach die Verwendung des Motivs wirkt, so komplex ist das hier behandelte Thema – eben nichts Geringeres als die Entwicklung der Menschheit; man darf die Überschrift des Texts durchaus ernstnehmen. Kästner erzählt zunächst die Zivilisationsgeschichte, um zum Schluss die Errungenschaften der Menschheit mit dieser Schlusspointe – einem komisch wirkenden Kontrast – zunichte zu machen. Er zeigt den Riss im Subjekt selbst, zwischen den zivilisierten und den archaischen, tierischen Anteilen. Das spricht nicht gegen das Tier, im Gegenteil. Es verfällt gerade die vom Tier zu unterscheidende Möglichkeit, mit freiem Willen das Böse zu wollen und zu tun, dem satirischen Gelächter und damit der Kritik. Weder steht Literatur in einem Abbildungsverhältnis noch hat Satire einen Realismus fördernden Effekt, wenn man einmal davon absieht, dass Satire die Wahrheit hinter dem Sichtbaren aufzudecken versucht.

Der Affe im Menschen (Maar)

Altersgemäß etwas weniger satirisch und eher humoristisch ist die Verwendung des Affen-Motivs in Paul Maars erster Buchveröffentlichung aus dem symbolträchtigen Jahr 1968 – Der tätowierte Hund, das dritte und letzte Beispiel dieses Beitrags.[3] Der später durch die Figur des Sams berühmt gewordene Autor arrangiert kleinere Erzählungen zu einem Zyklus und versieht sie mit einer Rahmenhandlung. In dieser Rahmenhandlung und in der ersten Erzählung kommen zwei Affen mit den sprechenden Namen Schlevian und Kukuk vor, die zunächst einem Nusshändler seinen Sack mit Nüssen stehlen, sich dann selbst betrügen und schließlich wieder Frieden schließen (vgl. Maar 1998, 14–31). Die Streiche der Affen erinnern an Wilhelm Buschs Fipps, der Affe von 1879, eine berühmte Bildergeschichte, die der ausgebildete Kunsterzieher Maar sicher gekannt haben wird (Busch 1987). Anders als Schlevian oder Kukuk muss der Affe Fipps sterben, allerdings lässt bereits bei Busch die Satire auf die menschlichen Widerparts des Affen keinen Zweifel, wer hier dem Gelächter der LeserInnen verfallen soll.

Die beiden Affen bei Maar sind Identifikationsfiguren für die kindlichen LeserInnen; das Egoistisch-Anarchische der Figuren wird abgefedert durch die Komik der Handlung, durch die Dummheit des Nusshändlers, der es sich selbst zuzuschreiben hat, dass er bestohlen wird, durch die geistreichen Streiche der beiden Affen und den Lerneffekt, dass es besser ist, den ‚gefundenen‘ Sack mit Nüssen miteinander zu teilen. Diese letztlich pädagogische Botschaft ergibt sich zwanglos aus den Streichen der beiden Affen, die bei Maar aufgrund ihres Primatendaseins also gerade nicht zu Kontrastfiguren, sondern zu Doppelgängerfiguren der menschlichen LeserInnen werden. Eigentlich ist der Nusshändler viel näher an der Vorstellung vom Affen, wie sie Hauff oder Kästner zelebrieren; schon der erste Satz der Binnenerzählung Wie der Affe Schlevian und der Affe Kukuk dem Nusshändler einen Sack Nüsse stahlen lautet: „Die anderen Leute hatten den Nusshändler gewarnt“ (Maar 1998, 14). Der verlässt sich aber auf seinen „Haselnussstecken“ (Maar 1998, 15), mit dem er die Affen auch tatsächlich züchtigt, weil sie versuchen, seinen Sack mit Nüssen zu stehlen (vgl. Maar 1998, 17). Damit wird eine Urszene früherer Kindheiten evoziert; die Prügelstrafe für Kinder, die etwas angestellt hatten, war zu der Zeit der Erstveröffentlichung durchaus noch üblich, verfiel aber zunehmend der Kritik. Indem Maar die Affen, als Stellvertreterfiguren für Kinder, über den prototypisch negativen Erwachsenen triumphieren lässt, plädiert er also gleichzeitig gegen die Prügelstrafe und außerdem für Klugheit und Witz gegenüber roher Gewalt.

Dennoch kommen auch die beiden Affen zum Schluss nicht ungestraft davon. Es ergeht ihnen wie dem Zauberlehrling in Goethes gleichnamigem Gedicht. Schlevian und Kukuk beschließen, dass sie kleinere Ohren haben wollen, damit weniger über sie gelacht wird. Sie wollen den Zauberer Abra Kadabrax bitten, ihre Ohren zu schrumpfen. Der ist aber nicht zuhause und sie steigen durch ein offenes Fenster ins Haus ein. Dort finden sie „in einer Nische […] ein goldenes Kästchen“ (Maar 1998, 122), also einen prototypischen Gegenstand, der ein Geheimnis verbirgt. Darin liegt dann auch der Zauberstab, mit dem die beiden Affen allerlei Unsinn anstellen, wobei sie trotz der Fehlversuche nicht lernen, die Finger davon zu lassen: „Aber das Spiel mit dem Zauberstab reizte sie zu sehr […]“ (Maar 1998, 127). Der zurückgekehrte Zauberer ist erbost und macht sich an die Bestrafung: Er verwandelt die Affen schließlich in ein Bild und in einen Hund, die miteinander verschmelzen – fertig ist der titelgebende tätowierte Hund, der aber nicht, wie es der Zauberer möchte, als Haus- und Hofhund beim Zauberer bleiben wird, sondern schnell aus der Tür und in den Urwald flüchtet (vgl. Maar 1998, 136 ff.). Fortan erzählt der Hund – wie in diesem Fall dem Löwen – Geschichten, die auf seinem Fell eintätowiert sind. Auf seinem linken Ohr befindet sich ein tätowierter Hund, „der auf das linke Ohr des Hundes tätowiert ist, der auf dem Ohr des Hundes eintätowiert ist, der auf meinem Ohr tätowiert ist“, und da „ist natürlich wieder ein tätowierter Hund tätowiert!“ (Maar 1998, 141 f.) Die Tätowierung des Hundes wird so zur Geschichte in der Geschichte und damit zum metafiktionalen Verweis auf das soeben gelesene Buch wie auf die Leistung von Literatur überhaupt, durch Konstruktionen wie diesen Märchenzyklus Assoziationsräume zu eröffnen. Trotz der Bestrafung der beiden Affen mündet das Buch also nicht in einen moralischen Lehrsatz, eher im Gegenteil, ist doch nur durch das Experiment mit dem Zauberstab der tätowierte Hund entstanden und auch durch das nicht an vorgegebene Moralvorstellungen gebundene Ausprobieren der Phantasie das eben gelesene Buch.

Aufschlussreich ist die von Maar vorgenommene Umwertung des Affen-Motivs, indem er die beiden Affen zu einem tätowierten Hund verschmelzen lässt; der Hund gilt traditionell „als symbol[ischer] Garant personaler Identität“ (Butzer/Jacob 2008, 9). Mit dieser Umcodierung hat die Verwendung des Motivs einen vorläufigen End- und Höhepunkt erreicht: Das ehemals Böse wird zum Guten, weil es als reflektierter Teil des Eigenen in die eigene Subjektentwicklung integriert werden kann.

Fazit: Von Affen und Menschen, nicht nur in der Literatur

Der Affe bekommt in den zitierten Texten eine paradigmatische Kontrast-, Doppelgänger- und Spiegelfunktion zum Menschen zugewiesen, die er bei Maar schließlich integrierend überwindet. Texte wie die hier kurz vorgestellten führen eine paradigmatische Leistung von Literatur vor, die Michail Bachtin am Beispiel der Werke Dostojewskijs so beschrieben hat:

Der Mensch fällt niemals mit sich selbst zusammen. Die Identitätsformel A=A ist auf ihn nicht anwendbar. Laut Dostojewskij vollzieht sich das wahre Leben der Person gleichsam an der Stelle der Nichtidentität des Menschen mit sich selbst; dort wo er den Bereich seiner selbst als eines dinglichen Seins, das man belauschen, bestimmen und gegen seinen Willen hinter seinem Rücken voraussagen kann, überschreitet. Das wirkliche Leben der Person ist nur im Dialog zugänglich, dem sie sich antwortend in Freiheit öffnet. [Bachtin 1969, 99f .]

Auch die anderen Wissenschaften haben den Affen längst als Objekt der Betrachtung entdeckt: „Um 2000: Der Affe hat Konjunktur. Die Fülle der Publikationen über Tiere im allgemeinen und Affen im besonderen aus der Hand von Primatologen, Anthropologen, Kulturwissenschaftlern und Schriftstellern ist kaum noch zu überblicken“ (Richter 2005, 624). Anders als in anderen Wissenschaften eröffnen der Gegenstand der Literatur und der besondere Blick der Literaturwissenschaft einen Dialog oder auch einen, mit einem anderen Wort Bachtins, ‚polyphonen‘ Diskursraum (Bachtin 1969, 86 ff.), in dem Erkenntnisse möglich sind, die von den lesenden und interpretierenden Subjekten selbst abhängen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Figur des Affen ist in der Literatur nicht das personifizierte Böse oder Triebhafte, sondern eine Doppelgänger-, Spiegel- und Kontrastfigur des Menschen, dessen Subjektwerdung und Subjektstatus kritisch hinterfragt werden. Der Affe bei Hauff ist die reine Kreatur, das Tier, das nicht anders kann als es selbst zu sein und bei dem alle Versuche, es in einen Menschen umzuwandeln, entweder scheitern müssen oder doch nur in der narzisstischen Projektion Erfolg haben. Die Pointe von Kästners Gedicht liegt darin, dass er die Perspektive umkehrt und nicht den Affen als maskierten Menschen, sondern den Menschen als maskierten Affen entlarvt, um ihm vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten der Subjektwerdung weiterhin brach liegen. Maar hebt den Gegensatz zwischen Affen und Mensch auf, denn sein Text inszeniert die Chancen, die sich durch das Integrieren des Kreatürlichen für die Subjektkonstitution ergeben. Alle Texte eröffnen einen Dialog mit dem Leser über die Frage, wo er sich selbst positionieren, wie er seinen Subjektstatus sehen und entwickeln möchte – einen Dialog im Zeichen des Affen, dessen natürliche wie literarisch inszenierte Komik auch signalisiert, dass es eine wichtige Voraussetzung für diese Subjektwerdung ist, weder die Literatur noch sich selbst zu ernst zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Aus dem Russ. übers. u. mit einem Nachw. von Alexander Kaempfe. München 1969 (= Reihe Hanser 31).

Busch, Wilhelm: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Bd. 4. Hamburg 1987.

Butzer, Günter u. Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart/Weimar 2008.

Daemmrich, Horst S. u. Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2., überarb. u. erw. Aufl. Tübingen/Basel 1995.

Hauff, Wilhelm: Der Affe als Mensch. In: Ders.: Werke. Bd. 1. Romane – Märchen – Gedichte. Hg. von Hermann Engelhard. Essen 1981, S. 736–753.

Hoffmann, E.T.A.: Das öde Haus. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 3: Nachtstücke. Klein Zaches, genannt Zinnober. Prinzessin Brambilla. Werke 1816-1820. Hg. von Hartmut Steinecke unter Mitarb. von Gerhard Allroggen. Frankfurt/Main 1985, S. 163–198.

Kästner, Erich: Werke. Bd. 1: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. Hg. von Harald Hartung in Zusammenarbeit mit Nicola Brinkmann. München 1998.

Maar, Paul: Der tätowierte Hund. Hamburg 1998 (= Oetinger Auslese), S. 14–31.

Neuhaus, Stefan: Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff: Werk und Wirkung. Göttingen 2002.

Richter, Virginia: „Blurred Copies of himself“: Der Affe als Grenzfigur zwischen Mensch und Tier in der europäischen Literatur seit der Frühen Neuzeit. In: Hartmut Böhme (Hg.): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar 2005, S. 603–624.

Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen/ 2000 (= UTB 2176).


[1] Zu Kafka und anderen bekannten Beispielen der internationalen Literatur vgl. Richter 2005; für den Hinweis auf diesen Beitrag danke ich Uta Schaffers; zu Kafkas Erzählung vgl. S. 607, 620 u. 622 ff.

[2] Zu Hauffs literarischen Strategien und Techniken vgl. Neuhaus 2002.

[3] Für den Hinweis auf den (von mir vergessenen) Maar-Text danke ich Alec Neuhaus.

Frau Hoppegartens Pferdepark

Von Kathrin Schrocke

Im Rahmen meines Germanistik-Studiums war ich einige Jahre Hilfskraft bei Professor Ecker. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern, das wir seinerzeit führten. Darin ging es um Kinderbücher – und um die Tatsache, dass in Herrn Eckers Kindheit Kinderbücher offenbar keine Rolle gespielt hatten. Auf diesem Gebiet war er absolut unbedarft. Vielleicht liegt es an diesem erschütternden Bekenntnis, dass ich nach meinem Studium Kinder- und Jugendbuchautorin wurde. Und in meinen Texten (über Menschen und Pferde) gerne auf alte und neue Kinderbücher verweise.

Der vergilbte Zettel hing am Informationsbrett unseres Einkaufscenters, und wenn nicht genau daneben die Werbung für den emotionalen Fernseher gepappt hätte, wäre er mir wahrscheinlich überhaupt nicht aufgefallen.

Alle in meiner Klasse hatten den emotionalen Fernseher. Nur meine Eltern waren zu geizig oder zu altmodisch oder ganz einfach zu fies, mir einen zu kaufen. Der emotionale Fernseher war von Experten extra für uns Kinder entwickelt worden. Es gab ihn in den Farben Neongelb, Ozeanblau, Lovelypink und Metallicgrün. Auf Lovelypink stand ich natürlich am meisten – aber eigentlich hatte ich es auf den neongelben abgesehen, weil der perfekt zu den Leuchtsternen an meiner Zimmerdecke passte.

Der emotionale Fernseher schaltete sich automatisch ab, wenn Sendungen liefen, die nicht für Kinder gedacht waren. Er konnte außerdem in 30 verschiedenen Stimmen sprechen. Wenn man ihn anmachte, sagte er „Hi! Schön, dass du wieder vorbeischaust!“ Wenn man ihn ausschaltete, gähnte er und sagte: „Echt schade, dass du gehst! Aber sicher sehen wir uns bald schon wieder!“

Am tollsten aber war, dass der emotionale Fernseher genau aufzeichnete, was man guckte. Er errechnete dann das perfekte Fernsehprogramm, und sobald man anschaltete und er einen begrüßt hatte, gab er einem Empfehlungen und Fernsehtipps für die ganze Woche, und man konnte sicher sein, nie mehr in seinem Leben etwas zu versäumen.

Am meisten aber sehnte ich mich nach dem emotionalen Fernseher, weil ich endlich eine Glotze ganz für mich alleine haben wollte. Neben mir gab es da nämlich noch meine Brüder Lucki und Jan – Lucki war vier, Jan war 13 und ich mit zehn Jahren in der Mitte. Es gab keine einzige Sendung, die uns alle drei gleichermaßen interessierte – und ständig stritten wir uns über das Programm.

Aber ich wollte ja eigentlich von dem gelben Zettel erzählen, und von Frau Hoppegartens Pferdepark.

Auf dem Zettel stand in fein säuberlicher Schrift:

Mädchen oder Junge mit schöner Stimme zum Vorlesen gesucht!“ Darunter war ein Pferd gezeichnet und dann stand da eine Telefonnummer.

Mit Nebenjobs kannte ich mich aus. In den letzten Ferien hatte ich auf das Schrei-Baby unserer Nachbarin aufgepasst und den Hund der verwirrten Frau Reinicke Gassi geführt. Für jemand Fremden hatte ich noch nie gearbeitet. Auf der anderen Seite stand da das Wort Mädchen, eine schöne Stimme hatte ich auch – und die Ferien waren so lang, dass ich Abwechslung gut gebrauchen konnte. Also riss ich den Zettel ab und rief von zu Hause aus an.

Eine Frau Hoppegarten war am anderen Ende.

„Ja, eine schöne Stimme hast du schon mal!“, stellte sie fest, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Liest du denn auch gerne vor?“

Ich wurde ein bisschen rot. Lieber sah ich fern oder spielte Computer. Aber das brauchte Frau Hoppegarten ja nicht zu wissen. „Ich liebe Bücher!“, sagte ich also etwas übertrieben und mein Bruder Lucki, der nur in einer Spiderman-Unterhosen bekleidet an mir vorbeispazierte, sah mich an wie eine Außerirdische.

„Sehr gut!“, sagte Frau Hoppegarten zufrieden. „Hast du Zeit, morgen Vormittag bei mir vorbeizuschauen? Ich dachte so an sechs, sieben Stunden.“ Sechs, sieben Stunden! Das war ganz schön lange.

„Und was soll ich Ihnen vorlesen?“, fragte ich. Bestimmt gab es irgendwo einen Haken. Vielleicht musste ich Frau Hoppegarten schnulzige Liebesromane vorlesen. Bücher, in denen Frauen sich in einen wunderschönen Arzt mit langen Wimpern verlieben, aber so heimlich, dass er nichts davon merkt. Meine Lüneburg-Oma las solche Bücher und erzählte die Handlung am Kaffeetisch in Zeitlupe nach. Ich hatte mir geschworen, niemals in meinem Leben einen Liebesroman zu lesen.

Vielleicht aber war es sogar noch schlimmer. Vielleicht war Frau Hoppegarten eine schrecklich kluge Frau, der ich komplizierte Wälzer von Nobelpreisträgern vorlesen musste. Bücher mit tausend Seiten, gespickt mit Fremdwörtern, die ich noch nie gehört hatte, und einer Handlung, die so langweilig war, dass einem während dem Vorlesen das Gesicht einschlief.

Frau Hoppegarten lachte leise in den Hörer. „Nein, nein!“, sagte sie. „Es geht nicht um mich. Du sollst meinen Pferden vorlesen. Sie lieben Bücher über alles. Und der Junge, der ihnen normalerweise vorliest, hat morgen seinen freien Tag.“

Lucki kam aus der Küche zurück gerast. Ein halber Schokokuss klebte ihm auf der Stirn. Ein bisschen davon auch in den Haaren. „Spongebob fängt an!“, krähte er und verschwand im Wohnzimmer.

Hatte ich da eben richtig gehört? Ich sollte Frau Hoppegartens Pferden vorlesen?

Entweder war die Frau verrückt oder die Leitung gestört. Oder ich hatte sie ganz einfach falsch verstanden.

Wahrscheinlich hatte sie gesagt: „Du musst meinem Ferdi vorlesen!“ Und ich hatte mir das mit den Pferden nur zusammengereimt.

Ferdi war die Abkürzung von Ferdinand, und vielleicht hatte sie einen Mann, der Ferdi hieß.

„Am besten komme ich morgen einfach vorbei!“, schlug ich vor, ehe es zu weiteren Missverständnissen kam. Frau Hoppegarten erklärte mir den Weg, ich legte auf und ging ins Wohnzimmer, um mit Lucki und Jan “Avatar – der Herr der Elemente“ im Nachmittagsprogramm zu sehen.

*

Am nächsten Tag radelte ich mit meinem Mountainbike zu Frau Hoppegartens Pferdepark.

Der Hof befand sich nicht direkt im Dorf, sondern ein gutes Stück außerhalb, neben der verfallenen Kapelle. Hier war vor Uhrzeiten einmal das Pfarrhaus gewesen – und darin eine kleine Bücherei. Ich musste am Weiher vorbeiradeln, dann links über den Schotterweg, den Hügel hoch bis zum Feldkreuz an der Kuppe. Und tatsächlich sah ich es plötzlich, als ich am höchsten Punkt angelangt war: Eingebettet in die blühende Landschaft lag das Anwesen zu meinen Füßen. Es war wirklich der alte Pfarrhof, der zu einem Pferdehof umgebaut worden war. Im Zentrum stand noch das hübsche kleine Fachwerkhaus mit dem strohgedeckten Dach. Daneben befand sich der Heuschober, in dem vor fünfzig Jahren eine Bücherei eingerichtet gewesen war. Nachdem der Pfarrer gestorben und die Kapelle bei einem Blitzschlag halb abgebrannt war, hatte die Gemeinde das Haus und den Anbau verfallen lassen. Eine zeitlang hatten die Pfadfinder im Obstgarten hinter dem Pfarrhaus campiert, und im Winter gab es manchmal einen Weihnachtsbasar auf dem Gelände.

Ich stieg vom Rad ab und schob es den Rest des Holperwegs in Richtung Hof hinunter.

Die Sonne brannte heiß herab, die Luft um mich herum flirrte. Ein bisschen sah das alte Pfarrhaus mitsamt der niedergebrannten Kapelle und den leeren Weideplätzen aus wie eine Fata Morgana.

„Dann wollen wir mal!“, sagte ich zu mir selbst. Das ist ein Spruch, den meine Lüneburg-Oma immer sagt, wenn sie eine Arbeit zu erledigen hat. Und Arbeit stand an. Ich sollte schließlich Ferdi vorlesen!

Allerdings war weit und breit kein Ferdi zu sehen. Kein Mensch tummelte sich dort drüben am Haus. Der Stall wirkte verlassen, das Haus unbewohnt. Alles schien sonderbar ausgestorben.

Mir wurde mulmig zumute. Ich hätte meinen Eltern doch von meinem Vorhaben erzählen sollen. Sie wussten nicht einmal, wo ich war.

Ich stellte mein Mountainbike am Gartenzaun ab und trat unschlüssig in die Einfahrt. Und da hörte ich es: die sanfte Stimme einer alten Frau. Die Worte wurden vom Wind zu mir herüber getragen: „Als Fräulein Honig das Arbeitszimmer betrat, stand Fräulein Knüppelkuh mit ungeduldiger und finsterer Miene neben ihrem gewaltigen Schreibtisch. Ja, Fräulein Honig, sagte sie, was wollen Sie? Sie sehen ja heute früh vollkommen aufgelöst aus. Haben diese kleinen Stinker Sie mit Papierkügelchen beschossen?

Offenbar las die alte Dame eine Geschichte vor. Ein Liebesroman war das auf jeden Fall nicht. Und bestimmt auch nicht das Buch eines Nobelpreisträgers. Ehrlich gesagt war ich erleichtert.

Neugierig folgte ich den Worten und ging langsam um das Haus herum. Bienen summten durch die Luft, es roch nach Rosen und überreifen Äpfeln.

Ich bog um die Ecke, in den hinteren Teil des Gartens und blieb wie angewurzelt stehen.

Den Anblick werde ich wohl nie vergessen – nicht mal, wenn ich hundertzwölf werde und nicht mehr weiß, dass auf jeden Montag ein Dienstag folgt, und auf jeden Dienstag ein Mittwoch!

In einem hölzernen Liegestuhl saß die alte Frau Hoppegarten, gemütlich mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien. Ihr graues Haar war offen und reichte bis zur Hüfte, und es steckte eine riesige rote Blüte darin. Sie trug eine gepunktete Kittelschürze und war barfuß.

Ein paar Meter neben dem Liegestuhl, direkt im Pfarrgarten mit den Obstbäumen, standen die Pferde. Es waren insgesamt sechs, sie hatten sich unter den Apfelbäumen ein schattiges Plätzchen gesucht und lauschten Frau Hoppegartens Erzählung. Ich weiß nicht, ob ihr jemals ein Pferd dabei beobachtet habt, wie es sich vorlesen lässt. Ich auf jeden Fall nicht. Ich wusste, dass Pferde galoppieren, springen, wiehern und kacken. Aber ein Pferd, das ganz verzückt den Worten einer alten Dame lauscht… so was hatte die Welt noch nicht gesehen!

„Das Mädchen, das vorliest!“, sagte Frau Hoppegarten in dem Moment, als sie mich erblickte. Die Pferde sahen neugierig auf, eines gab einen unzufriedenen Laut von sich, und zwei drehten sich einfach weg und zeigten mir ihren Rücken. Frau Hoppegarten war noch nicht am Kapitelende angelangt und die Pferde schienen nicht erfreut über die plötzliche Störung. Dennoch legte die alte Dame das Buch zur Seite, stand auf, strich sich die Falten aus der Kittelschürze und trat auf mich zu.

„Du bist also Matilda?“, fragte sie und sah freundlich zu mir herab.

Ich nickte und starrte auf die Blüte in ihrem Haar.

„Zuerst stelle ich dir die Pferde vor!“, entschied Frau Hoppegarten und nahm mich bei der Hand. Sie zog mich hinter sich her zu einem schwarzen Hengst. Es war mit Abstand das älteste Pferd in der Runde und sah ganz schön mitgenommen aus. Das eine Auge war blind, das Fell struppig und der Körper eingefallen. Dennoch machte das Tier einen zufriedenen Eindruck. „Black Beauty!“ , flüsterte mir Frau Hoppegarten zu. „Er hat ein schwieriges und arbeitsreiches Leben hinter sich. Von seinem früheren Besitzer wurde er schrecklich gequält, bis ein netter Stallbursche ihn aufgenommen hat. Am liebsten lauscht er deshalb Märchen mit glücklichem Ende.“

Ich nickte verdutzt. Black Beauty kannte ich aus dem Fernseher. Aber der hier schien mir irgendwie anders zu sein.

Schon war Frau Hoppegarten weiter gegangen. „Darf ich dir den kleinen Onkel vorstellen? Er ist immer gut gelaunt und für Streiche aufgeschlossen. Er liebt Kinderbücher über alles.“ Der Apfelschimmel sah mich aus gutmütigen Augen an. Kleiner Onkel… hieß so nicht das Pferd von Pippi Langstrumpf? Ich konnte mich an die Szene im Film erinnern als Pippi Langstrumpf ihr Pferd mit den bloßen Händen hochgehoben hatte! Frau Hoppegarten fand es wohl witzig, ihre Tiere nach berühmten Pferden aus Fernsehserien zu benennen.

Als ich vor dem nächsten Pferd stand, schnappte ich erst mal nach Luft. Was bitte sollte das denn sein? Der riesenhafte Schimmel hatte ein Stirnband um den Kopf, auf dem die Buchstaben MM zu lesen waren. Außerdem kaute er auf einer Butterstulle. MM … ich kannte leckere M&Ms aus der Fernsehwerbung im Kinderkanal. Vielleicht also warb der schmatzende Gaul für Schokonüsse.

„Milchmann ist lustig und humorvoll. Traurige Geschichten kann er nicht leiden! Am besten liest du ihm irgendwelche Lausbubengeschichten oder Witzebücher vor!“, bat mich Frau Hoppegarten, stellte sich auf die Zehenspitzen und fuhr dem großen Pferd mit der Hand durch die Mähne. Aber noch ehe ich diesen sonderbaren Milchmann genauer mustern konnte, hatte sie mich schon weitergeschoben. „Flicka ist etwas ungezähmt und wild!“, mahnte sie mich, als wir vor dem stattlichen Rotfuchs standen. „Eigentlich ist er in der Wildnis aufgewachsen, inzwischen hat er sich aber an die Menschen gewöhnt. Nur hin und wieder geht sein Freiheitsdrang mit ihm durch. Flicka steht wahnsinnig auf Abenteuergeschichten!“

„Ach so…“, ich nickte verdutzt.

Beim nächsten Pferd traf mich fast der Schlag. Sah ich richtig? Das konnte sich doch nur um einen Aprilscherz handeln! Ein muskulöses schwarzes Pferd stand vor mir. Und es trug eindeutig farbige Rollschuhe an allen vier Hufen!

„Negro Kaballo, das Zirkuspferd!“, stellte Frau Hoppegarten vor. „Er ist viel gereist in seinem Leben. Wenn du ihm Reiseführer und Berichte aus fremden Ländern vorliest, ist er mehr als glücklich.“

Ich war sprachlos. Niemals würden mir meine Brüder das glauben. Ein Pferd auf Rollschuhen, das war einfach nur plemplem.

„Und hier ist unser sensibelstes Pferdchen!“, sagte Frau Hoppegarten und ihre Stimme bekam einen sanften Klang. Ein strahlend weißer Schimmel graste ein Stück entfernt von den anderen und hatte uns den Rücken zugekehrt. Vorsichtig stupste Frau Hoppegarten das Tier an. Mit einer anmutigen Bewegung drehte es sich um.

Gut, es trug keine Rollschuhe und auch kein Stirnband. Aber es hatte ein Horn direkt am Hirn.

„Das letzte Einhorn!“, flüsterte Frau Hoppegarten verträumt. „Es liebt Fantasybücher. Aber bitte nichts mit Vampiren.“

Ich sah Frau Hoppegarten an. Dann wanderte mein Blick zu der seltsamen Pferdegruppe zurück, und wieder hin zu Frau Hoppegarten.

„Ich glaube, jetzt brauche ich erst mal einen Schnaps!“, sagte ich. Das sagt meine Lüneburg-Oma immer, wenn irgendetwas passiert, das ihre Knie zum Wackeln bringt. Dabei trinkt sie überhaupt keinen Schnaps, sondern höchstens mal ein Glas Holundersirup.

„Schnaps bekommst du bei mir natürlich nicht!“, sagte Frau Hoppegarten und lachte. „Aber einen Eistee kann ich dir machen. Danach zeige ich dir die Bücherei, und dann kannst du mit dem Vorlesen beginnen.“

*

Die Bücherei befand sich im Pfarrhaus, und sie war bis auf den letzten Winkel mit Büchern vollgestopft. Die Bücher standen in Regalen oder zu Türmen aufeinandergestapelt mitten im Raum. Manche dieser Büchertürme reichten bis hoch zur Decke und schaukelten hin und her, als würden sie bei der kleinsten Bewegung polternd zusammen brechen. Einige Bücher lagen auf Tischen, auf Kommoden oder einfach auf dem Boden herum. Es gab alte und neue Bücher, große und kleine. Es gab zerfledderte Taschenbücher und nagelneue Bücher aus festem Karton. Es gab Bildbände und Reiseführer, Gedichtsammlungen und Kinderliteratur. Es gab dicke Märchenbücher und dünne Comic-Heftchen. Es gab Krimis, Liebesromane und Science-Fiction-Reihen. Es gab Kochbücher mit Fotos von leckeren Gerichten darin, und Babybücher mit niedlichen Zeichnungen und jeder Menge Glitzer. Es gab Mädchenbücher und Jungenbücher, und Bücher, die einfach jedem gefielen, egal ob Mädchen oder Junge, egal ob jung oder alt.

Es gab so viele Bücher, dass mir ganz schwindelig davon wurde.

„Und wo wohnen Sie?“, fragte ich Frau Hoppegarten zögernd. Sie konnte ja kaum in einer Bücherei übernachten. Kein Mensch lebte in einer Wohnung, die nur aus Büchern bestand.

„Mein Zimmer ist oben!“, sagte Frau Hoppegarten und zeigte die Stiege hoch. „Aber meistens bin ich hier unten und suche nach guten Geschichten. Hast du Lust, ein paar Bücher für die Pferde auszusuchen?“

Das brauchte Frau Hoppegarten mir nicht zweimal zu sagen. Es gab hier wirklich jede Menge Auswahl und ich wusste nun ja, wonach ich suchen sollte. Ich blieb bestimmt eine ganze Stunde im Haus. Stieg auf Leitern und Hocker, angelte in den obersten Regalfächern nach versteckten Büchern und zauberte unter den Tisch gerutschte Romane hervor. Um die Mittagszeit war ich mit meiner Suche fertig. Ich hatte für jedes Pferd ein Vorlesebuch ausgewählt konnte mir aber nicht vorstellen, dass sie den Inhalt verstehen würden.

Ich fing mit Black Beauty, dem halbblinden Arbeitspferd an. Für ihn hatte ich ein wunderschönes Märchenbuch entdeckt, und las daraus die Erzählung von Däumelinchen. Die Sonne stand hoch am Horizont, ich cremte mir die Nasenspitze mit Sunlotion ein, hockte mich auf den Zaun der Pferdekoppel und begann mit dem Lesen. Black Beauty stand ein paar Meter von mir entfernt und ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Mit jeder Zeile, die ich ihm vorlas, trottete er zutraulich näher heran. Bis er am Schluss direkt neben mir stand und ich ihm freundlich die Mähne kraulen konnte.

Nach dem Happy End kam der kleine Onkel an die Reihe, und für ihn hatte ich sogar zwei Geschichten ausgewählt. Zwei komplette Bücher mit Olchi-Abenteuern! Olchis rülpsen und furzen und lieben Müll. Gemeinsam mit der Sonne war ich weitergewandert. Jetzt hockte ich vor dem Stall auf dem Boden und sämtliche Pferde saßen im Kreis um mich herum. Ab und zu kam Frau Hoppegarten vorbei und versorgte uns mit frisch gepflückten Kirschen. Immer wenn die Olchis etwas Ekliges machten, nickten die Pferde begeistert mit dem Kopf. Und obwohl die Vorlesung allein für den kleinen Onkel bestimmt war, blieben alle bis zum allerletzten Punkt hinter dem allerletzten Satz der Geschichte sitzen. Meine anfängliche Angst war unbegründet. Die Pferde verstanden jedes Wort!

Für Milchmann mit seinem Stirnband hatte ich das Buch „Alice im Wunderland“ entdeckt. Und tatsächlich lachte das riesige weiße Pferd sich schlapp, als es von der Grinsekatze und dem verrückten Hutmacher hörte. Auch die anderen Pferde fanden das toll – wir waren der Sonne inzwischen vor das alte Pfarrhaus gefolgt, ich hockte in einem quietschenden Schaukelstuhl und die Pferde grasten gemütlich im Garten. Aber immer wenn es lustig wurde hoben sie zeitgleich den Kopf, um gemeinsam aus Leibeskräften zu wiehern.

Der Nachmittag brach an, und die Zeit rannte davon. Wie im Flug waren die ersten Stunden mit den Pferden vergangen! Flicka, das leuchtend rote Wildpferd war jetzt an der Reihe. Er schien es zu ahnen, denn ungeduldig scharrte er mit dem Huf. Für ihn hatte ich in der Bücherei das Abenteuerbuch „Die Schatzinsel“ entdeckt, und diesmal gab es eine echte Premiere. Denn ich hockte mich einfach auf Flickas Rücken und las, während er durch die blühenden Felder galoppierte. Die Welt flog wie eine Kulisse an uns vorbei, aber unbeirrt las ich weiter und weiter. Ich las von dem Jungen Jim, von dem fiesen Einbeinigen und dem trunksüchtigen Seemann. Ich las von dem gestohlenen Geld, von der Suche nach den Piraten und von der Insel, auf der der Schatz versteckt worden war. Hin und wieder überlegte ich, ob ich vielleicht träumte. War das meine Fantasie oder Wirklichkeit? Aber ja, der Ritt, der Sonnenschein und die seltsame Lesung – all das schien tatsächlich zu passieren! Nach einer halben Stunde war es genug, und Flicka brachte mich in fröhlichem Trab zurück zu seinen Kollegen.

Anschließend war Negro Kaballo dran, wir waren wieder auf dem Hof und ich griff nach dem Buch mit asiatischen Reisegeschichten. Ich las dem Zirkuspferd ein Kapitel über Thailand vor. Und stellt euch mal vor, was ich und die Pferde da erfahren mussten: In Thailand gilt es als unhöflich, sich zur Begrüßung oder zum Abschied die Hand zu geben!

Thailand war weit weg, wir waren auf der anderen Seite der Welt, und die Sonne ging langsam aber sicher unter. Bald war es sechs, und dann musste ich wieder heim, sonst gab es ein riesiges Donnerwetter!

Frau Hoppegarten hatte mir eine Strickweste umgelegt. Ein frischer Abendwind kühlte die Luft und die Grillen in den Gräsern zirpten. Wir hockten jetzt gemütlich dort, wo ich heute Morgen auf die lustige Gruppe gestoßen war – im hinteren Teil des schönen Gartens.

Nun saß ich in Frau Hoppegartens Liegestuhl, hatte ein Buch auf den Knien und las fröhlich weiter Seite um Seite. Frau Hoppegarten hatte ein Lagerfeuer angemacht und die Pferde standen gemütlich darum herum. Andächtig lauschten sie meiner Geschichte.

Es war die letzte für diesen Tag, und ich hatte sie für das scheue Einhorn ausgewählt. Ich hatte mich für eines der wenigen Bücher entschieden, das ich bereits selber kannte: Harry Potter, der Zauberlehrling, der bei seinen fiesen Verwandten unter der Treppe haust. Fast jedes Kind liebt diese Geschichte und auch bei den Pferden kam sie ziemlich gut an. Black Beauty wirkte auf einmal viel jünger als heute Morgen. Sein schwarzes Fell glänzte im Feuerschein, seine Ohren waren neugierig aufgestellt und er schnaubte zufrieden. Der kleine Onkel hatte ein breites Grinsen aufgesetzt und Flicka lag zahm wie ein Hund zu meinen Füßen. Milchmann, das weiße Pferd mit dem Stirnband am Kopf, lehnte ganz lässig am Apfelbaum und spuckte ein paar Kirschkerne durch die Gegend. Negro Kaballo hatte sich auf ein Bein gestellt und bestätigte jeden meiner vorgelesenen Sätze mit einem leisen Wiehern. Und das Einhorn, für das ich die Geschichte ausgewählt hatte, kam langsam immer näher zu mir heran gepirscht, bis sein strahlendes weißes Horn fast die Buchseite berührte!

Dann war das Kapitel zu Ende und meine Stimme rau. Außerdem war es halb sieben und meine Eltern würden einen Aufstand machen. Ich musste dringend los.

„Jetzt ist es genug mit der Vorleserei!“, entschied auch Frau Hoppegarten und nahm mir das Buch aus der Hand. „Der Junge, der ihnen normalerweise vorliest, kann morgen mit dem nächsten Kapitel aus Harry Potter beginnen. Als Dankeschön bekommst du noch etwas von mir. Aber nicht jetzt, sondern irgendwann später.“ Für mich war das ok. Der Nachmittag war so verrückt gewesen, dass ich überhaupt nicht an eine Bezahlung dachte.

Ich verabschiedete mich von jedem einzelnen Pferd. Klopfte ihnen freundschaftlich auf die Seite und tippte ihnen zum Abschied auf die Stirn.

Frau Hoppegarten führte mich zurück zu meinem Fahrrad. Ich schüttelte ihr freundlich die Hand, schließlich war sie kein Pferd, und wir waren auch nicht in Thailand. Und dann radelte ich schnurstracks davon.

*

Als ich später mit meinen Brüdern und meinen Eltern auf der Terrasse saß und wir grillten, erzählte ich von meinem Ausflug zu Frau Hoppegartens Pferdepark.

„Stark!“, schrie Lucki. „Ich will das Turbopferd mit den Rollschuhen kennenlernen!“

„Vielleicht war das Pferd mit dem Horn ein Rhinozeros!“, überlegte Jan, an seiner eigenen Vermutung zweifelnd.

„Du warst ohne uns zu fragen den ganzen Tag bei einer alten Frau mit Rhinozeros und hast ihr vorgelesen?“, fragte Mama entsetzt.

„Ich habe nicht ihr, sondern den Pferden vorgelesen!“, antwortete ich leise. Meine Mutter hörte endgültig zu essen auf. Offenbar machte dieser Hinweis das Ganze nicht besser.

„Das alte Pfarrhaus ist doch unbewohnt!“, sagte Papa und sah mich stirnrunzelnd an. „Matilda, musst du denn immer solche Märchen erzählen?“

„Das alte Pfarrhaus ist jetzt ein Pferdepark!“, beteuerte ich. „Mit Ställen und Weiden und einer Bibliothek, extra für die Tiere.“

Meine Eltern wechselten einen Blick, als wäre ich verrückt geworden. Dann setzten sie uns drei Kinder ins Auto und fuhren den ganzen Weg, den ich eben in Rekordzeit mit dem Fahrrad nach Hause gestrampelt war, wieder zurück. Wir mussten am Weiher vorbeifahren, dann links über den Schotterweg, den Hügel hoch bis zum Feldkreuz auf der Kuppe.

Das alte Pfarrhaus lag im Mondschein unter uns. Die Weide und die eingezäunte Koppel waren weg. Der Heuschober war kein Pferdestall mehr, sondern ein verfallenes, olles Brettergebäude. Der Liegestuhl und der Schaukelstuhl waren aus dem Garten verschwunden, das Obst war auf den Bäumen verfault, die Rosen in der Einfahrt vertrocknet und die Haustür hing schief in der Angel.

Vorsichtig trat mein Papa ins Haus. „Sag ich doch! Unbewohnt und leer!“, murmelte er, und klang dabei irgendwie erleichtert.

Ich stand verblüfft in dem verlassenen Raum. Kein einziges Buch weit und breit. Und überhaupt keine Möbel.

Hatte ich vielleicht doch nur alles geträumt? Hatte sich meine Fantasie selbständig gemacht und war der komplette Nachmittag nur in meinem Kopf geschehen?

Dann ging ich die Treppe nach oben. Hier gab es ein Zimmer mit einem verlassenen Bett, darüber hing das Foto eines Mädchens. Das Bild war schwarz-weiß und bestimmt fünfzig Jahre alt. Das Mädchen darauf trug ein gepunktetes Kleid. Es hatte langes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und darin steckte eine riesige Blüte.

Neben dem Bett stand ein lovelypinker Karton mit einer neongelben Schleife darum. Mein Name stand darauf, in der gleichen sauberen Schrift wie auf dem Zettel im Einkaufscenter.

Ich trug das Geschenk vorsichtig die Stufen hinab. Der Karton war schwer und ich war sicher, dass Frau Hoppegarten etwas ganz besonderes für mich ausgesucht hatte.

Es konnte durchaus der emotionale Fernseher sein.

Vielleicht waren es aber auch jede Menge Bücher.

[Erstveröffentlichung: Amina Paul (d. i. Kathrin Schrocke): Frau Hoppegartens Pferdepark. In: Traumpferde & Ponyträume. Hg. von Stefanie Letschert. Würzburg 2012, S. 71–88.]

Zum Weiterlesen:

 Andersen, Hans Christian: Tommelise. In: Eventyr, fortalte for Born. Kopenhagen 1835, S. 5–28.

 Beagle, Peter S.: The last Unicorn. London 1968.

 Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London 1865.

 Dahl, Roald: Matilda. London 1989.

 Dietl, Erhard: Die Olchis sind da. Hamburg 1990.

 Kästner, Erich: Der 35. Mai. Hamburg 1931.

 Lindgren, Astrid: Pippi Langstrump. Stockholm 1945.

 O´Hara, Mary: My friend Flicka. Philadelphia 1941.

 Rosenboom, Hilke: Ein Pferd Namens Milchmann. Hamburg 2005.

 Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Philosopher`s Stone. London 1997.

 Sewell, Anna: Black Beauty. The Autobiography of a Horse. London 1877.

 Stevenson, Robert Louis: Treasure Island. London 1883.