Der in eine Grasmücke verwandelte Zaunkönig

Zu einem Titelkupfer-Gedicht Sigmund von Birkens

Hans Peter Ecker zum 60. Geburtstag

von  Hartmut Laufhütte

In den Jahren 1675 und 1679 erschienen in Frankfurt am Main die beiden Hauptteile des berühmten kunsttheoretischen und -historischen Lehrwerkes L’Academia Todesca Oder Teutsche Academie der Edlen Bau– Bild– und Malerey-Künste Joachim von Sandrarts (1606-1688), 1675, 1679 und 1680 drei Ergänzungswerke.[1]

Am Erscheinungsbild der 1675 erschienenen Teile des Werkes[2] hat der Nürnberger Dichter und Historiograph Sigmund von Birken (1626-1681) erheblichen Anteil; zu diesem und den späteren hat er überdies eine stattliche Anzahl von Gedichten beigesteuert.[3] Als Abschluß der Vorrede und Erklärung des Titelkupfers des dritten Teils des zweiten Hauptteils – das ganzseitige Bild stellt Athene / Minerva als Schutzgottheit der Wissenschaften und Künste dar – ist dieses Gedicht Birkens gedruckt:[4]

                   Die Kunstvorsteherin
                             Pallas
–            redet/ vom KupferTitelblat
–                dieses Dritten Theils/
           Zur Kunstliebenden Jugend.

Komm/ Jugend/ die du trägst das Feuer in den Sinnen/
den Pinsel in der Hand. Jch/ Haupt der Pierinnen/
ich Pallas führe dich in diesen Kunst-palast/
wo du des Geistes Speiß in Mäng zu finden hast.
Auf/ schwing dich über dich/ kreuch nicht so an der Erde.                                   (5)
Reit/ wie Bellerofon/ auf unsrem Pegas-Pferde/
und flieg den Sternen zu/ setz Adler-Augen ein:
Du must sonst/ Dürer nicht/ ein Albrer Tüncher seyn.
Ein Mensch/ des Himmels Kind/ soll nach dem Himmel fliegen.
Jhr Ursprung kan allein die hohe Seel vergnügen.                                                (10)
Wer nicht geht immerfort/ Wer steht/ der geht zurück.
Bleib vor der Pforte nicht/ tritt ein/ und such dein Glück/
der Kunst Vollkommenheit. Hier lerne recht beseelen
die Kunst, die Poesy der Mahlerey vermählen/
das Leben mit der Farb. Hier ist der grosse Saal/                                                 (15)
da deine Sinnen schärft die dreygedritte Zahl/
der Hauf der Künstinnen/ die hoch-erleuchte Schule.
Hier such und mach amour, hier/ Männer-Jugend/ buhle/
setz die Gedanken hoch. Mach Göttinnen dir hold/
des Mägde-Pöbels lach/ nicht wehle Bley für Gold.                                             (20)
Man sagt/ das VögelVolk einst einen Reichstag hielten:
Einn König über sich sie zu erwehlen zielten/
und dieser solt es seyn/ den seiner Flügel Zug
am höchsten tragen würd in windgeschwindem Flug.
Was hatte da zu thun die Grasmück/ ô die schlaue?                                           (25)
Sie dacht: den Schwingen hier/ den schwachen/ ich nicht traue.
Jch bin auch klein: jedoch ist groß mein hoher Muht.
Es kan oft thun die List/ was die Gewalt nicht thut.
Als nun der Adler flog/ saß sie ihm auf den Nacken/
und als unsichtbar-hoch er schwung die Flügel-Flacken/                                   (30)
flog sie noch über ihn: ihr nutzte diese List/
daß sie im Fittig-Reich noch König heißt und ist.
O Jüngling/ folge nach! Schau hier den Adler fliegen/
den König dieser Kunst/ Er liebet diß Betrügen/
siht gern/ wann nach der Höh dein Pinsel trägt begier.                                     (35)
Er will daß du durch das/ was er dir schreibet für/
was dir sein Sinn gebahr/ durch diese Künste-Regeln/
mögst über Jhn hinauf bis an die Wolcken segeln.
Er bricht allhier die Bahn: geh du auf diesem Weg.
Das End von deinem Lauf/ wird seyn der Sternen-Steg.

                                              Der Erwachsene

Das Gedicht ist – als einziger der zahlreichen von ihm gelieferten Gedichttexte im ganzen Werk – durch die Unterschrift als von Sigmund von Birken verfaßt deklariert.[5] Aus Repräsentationsgründen hat er mit dem Namen unterzeichnet, den er als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft führte.[6] Sein letztes Arbeitsbuch, das sich erhalten hat, weil er vor der vorgesehenen Übertragung der in ihm enthaltenen Gedichte in die verschiedenen nach Gegenständen und Adressatengruppen separierten Sammlungen gestorben ist,[7] das Buch S. v. B. Dichterey-Sachen, enthält eine von Birken selbst dem November 1679 zugewiesene handschriftliche Version des Gedichtes; sie hätte in die Sammlung S. v. B. Birken-Wälder aufgenommen werden sollen.[8] Das Manuskript ermöglicht die Korrektur mehrerer Fehler der pompösen, aber wenig sorgfältigen Druckfassung.[9]

Die Adhortatio der Musenvorsteherin an die künftigen Maler ist in heroischen Alexandrinern ausgeführt. Im ersten Teil (v. 1-20) und im Schlußabschnitt (v. 33-40) nimmt ihre Rede innerhalb des Sandrartischen Lehrwerkes auf ebendieses bezug: in den Palast- und sonstigen Gebäudemetaphern dort (v. 3, 12, 17), in den Ortsadverbien dort (v. 13, 15, 18) und hier (v. 33, 39). Zuletzt wird das Werk gar ausdrücklich benannt: durch diese Künste-Regeln (v. 37). Die Adhortatio ist zunächst in den Anreden und Kontrastierungen des ersten Gedichtteils präsent. Nach der Präsentation eines Gleichnisses, das beispielhaftes Verhalten vorstellt (v. 21-32) kulminiert sie dann im Schlußabschnitt (v. 33-40).

Der erste Teil trägt damals geläufige Ansichten vor und arbeitet mit geläufigen Bildern. So ist das Feuer (v. 1) ein übliches Bild für Inspiration und geistige Aktivität; in Gedichten Birkens wird es immer wieder verwendet.[10] Varianten der Nahrungsmetapher für das Material, an dessen Bearbeitung sich geistige bzw. künstlerische Fähigkeiten ausbilden (v. 4), sind ebenfalls häufig anzutreffen.[11]

In der Folge der Verse 5-8 sind mehrere Motive und Bilder kombiniert: Die Aufforderung, nicht an der Erde zu kleben, sondern sich in geistiger bzw. künstlerischer Tätigkeit zu erheben, ist seit der Antike geläufig und auch in Birkens Gedichten immer wieder anzutreffen.[12] Hier wird die Ermahnung spezifiziert durch die Aufforderung an die Malereiadepten, es dem korinthischen Heros, Chimärentöter und Himmelsstürmer Bellerophon gleichzutun, dem es gelungen war, das Flügelroß Pegasos zu reiten, das den Musenquell Hippokrene freigescharrt hatte: alles in vielen Gedichten Birkens verwertet.[13] Der Sternenhimmel, den ins Spiel zu bringen von beiden Bildfeldern her nahelag, ist ein vielverwendetes Bild für die Ewigkeit. Hier ist die Aufforderung an den künstlerischen Nachwuchs, sich den Sternen zu nähern, eine motivierende Lockung mit dem Ewigkeitsruhm, den künstlerisches Schaffen dem Künstler selbst und den in seinen Werken Gefeierten gewähre: ein Zentralmotiv der impliziten Poetik zahlreicher Gedichte Birkens.[14] Zu all dem fügt sich der Hinweis auf den Adler, von dem man glaubte – und u. a. darin seinen Rang in der Tierwelt und seine Eignung als Sinnbild sah –, er allein könne in die Sonne blicken, verjünge sich dadurch und leite auch seine Jungen zur Ausbildung dieser Fähigkeit an. Zur Verdeutlichung des Zieles, auf das es hinzustreben gilt, wird der damals als der größte unter den deutschen Malern geltende Albrecht Dürer ins Spiel gebracht, aber auch die Gegenposition, die einzunehmen bleibe, wenn es am Streben nach den Sternen fehle.

Die Verse 9f. fassen die Tendenz der voraufgegangenen Rede der Pallas prägnant zusammen und fügen das bisher überwiegend mythologisch Verbildlichte in einen auch christlich akzeptablen Bedeutungsrahmen – für Birken absolut notwendig –: Das höchste dem schöpferischen Menschen im Diesseits erreichbare Ziel ist eine Art des Schaffens, die im Rahmen des auf Erden Möglichen dem Schaffen Gottes entspricht. Das kann sich vollziehen als weises politisches Handeln – die Herrscher und Regenten der Zeit sahen sich und galten als Stellvertreter und Sachwalter Gottes auf Erden – oder als künstlerisches Gestalten. Gottesdienst war es immer. Beide Arten des Handelns näherten die Seele des solcherart Handelnden schon zu Lebzeiten ihrem „Ursprung“ (v. 9) an, wie Birken nicht nur hier behauptet.[15] Die Wahrnehmung der Vollkommenheit des Kunstwerks, die Sandrarts Werk ermöglicht (v. 13), die in der Analogie zur Vollkommenheit der Schöpfung Gottes besteht, ist das höchste im Diesseits vom schöpferischen Menschen erfahrbare Glück (v. 12).

An konkreterer Programmatik fehlt es freilich auch nicht. Die Verse 13-15 lassen erkennen, daß dem Autor Harsdörffers Konzept der Gemeinschaft, des Zusammenspiels der Künste wohlvertraut war.[16] Die Verbildlichung des Verhältnisses des Kunstadepten zu seiner durch die Musen repräsentierten Kunst (v. 18-20) als Liebesverhältnis begegnet sowohl in der Sandrartschen Academie als auch in Birkens Gedichten mehrfach.[17] In den Kontrastierungen der Verse 19f. erhält der erste Gedichtteil einen Abschluß, der denjenigen der Versgruppe 5-8 aufnimmt und verstärkt.

Der interessanteste Teil des Gedichtes bzw. der das Ganze strukturierenden Adhortatio beginnt mit v. 21. Eine damals wie heute bekannte Fabel wird dem didaktischen Anliegen des Gedichtes bzw. demjenigen des Sandrartschen Werkes dienstbar gemacht. Es ist die Fabel / das Märchen vom kleinen Zaunkönig, der den großen und mächtigen Adler überlistet und statt seiner zum – wenn auch nicht von den anderen Vögeln anerkannten – König derselben avanciert. Nach Plutarch, der die Geschichte knapp andeutet, handelt es sich um eine Äsopische Fabel.[18] In den verschiedenen Sammlungen Aesop zugeschriebener Fabeln kommt diese aber nicht vor. Daß sie alt ist, erweist freilich die Tatsache, daß schon Aristoteles von der Feindschaft zwischen Adler und Zaunkönig weiß.[19]

Kaum ausführlicher als Aristoteles ist Plinius, der im Buch X der Naturalis historia im Kapitel über die Vögel mitteilt:

Sunt enim quaedam iis bella amicitiaeque, unde adfectus, praeter illa quae de quibusque eorum suis diximus locis. dissident olores et aquilae, corvus et chloreus noctu invicem ova exquirentes, simili modo corvus et miluus, illo praeripiente huic cibos, cornices atque noctua, aquilae et trochilus, si credimus, quoniam rex appellatur avium […].[20]

Aus dem 12. Jahrhundert stammt diese Erzählung:

Condixerunt inter se aves, ut illa regiae celsitudinis gloriam sortiretur, quae sublimi volatu omnes alias vinceret. Parra igitur sub ascella aquilae latitans opportunitatem ex tempore nacta est. Cum enim aquila Jovis penetralibus vicinior dominium sibi vendicaret, ausa est parra capiti aquilae insidere, victricem se esse asserens.[21]

Wir wissen nicht, wie gut die ornithologischen Kenntnisse des Autors waren; schwerlich aber wird er den listigen Geniestreich der Schleiereule oder dem Grünspecht zugetraut haben.[22]

Eindeutig um den Zaunkönig geht es in dem deutschsprachigen Gedicht Der Vögel Gespräch, das die bis dahin ausführlichste Erzählung von der Überlistung des Adlers durch den Zaunkönig bietet.[23]

In der Emblematik des 16. Jahrhunderts ist Bekanntheit der Erzählung ebenso kenntlich wie beim Jesuitendramatiker Jacob Bidermann.[24]

Auch Schiller setzt Bekanntschaft mit ihr bei Zuschauern und Lesern voraus, wenn er 1781 in der zweiten Szene des ersten Aufzugs des unterdrückten Bogens B der Erstfassung seines Dramas Die Räuber den späteren Räuber und vermeintlichen Anführer der Bande, Moriz Spiegelberg, gegenüber dem noch reumütig auf die Verzeihung seines Vaters hoffenden Karl Moor renommieren läßt:

Bruder! Bruder! Itzt wollen wir erst anfangen zu leben. Danks deinem Kopf, daß ich dich brauchen kann. Du hängst dich an den Adler Spiegelburg wie der Zaunkönig und kommst mit ihm zur Sonne.[25]

Die Fabel war demnach in der griechischen und römischen Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit bekannt und für literarische Weiterverwendung verfügbar. Die Dokumentation von Bolte und Polívka erweist, daß sie nicht nur im europäischen Kulturkreis verbreitet war.[26]

In jüngerer Zeit ist die Zaunkönig-Fabel vor allem durch die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bekannt geworden, allerdings erst in späteren Ausgaben.[27] Sie hat in dieser Erscheinungsform einen distanzierenden Rahmen –

In den alten Zeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. […] Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand, jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen, und bei einigen wie Musik ohne Worte.

– und ist mit zahlreichen ‚Übersetzungen‘ von Vogelstimmen und allerlei anderen Einlagerungen durchsetzt. Der eigentliche Vorgang, auch er recht aufgeschwellt, lautet:

Es kam aber den Vögeln in den Sinn, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zu ihrem König wählen. […].

Die Vögel wollten sich nun über die Sache besprechen, und an einem schönen Maimorgen kamen sie alle aus Wäldern und Feldern zusammen, Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling, was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören läßt; auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar. […].

Es ward aber beschlossen, daß der König sein sollte, der am höchsten fliegen könnte. […].

Es ward nun beschlossen, sie wollten gleich an diesem schönen Morgen aufsteigen, damit niemand hinterher sagen könnte: „Ich wäre wohl noch höher geflogen, aber der Abend kam, da konnte ich nicht mehr.“ Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich also die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg da von dem Felde auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Fittichschlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze Wolke dahinzöge. Die kleinen Vögel aber blieben bald zurück, konnten nicht weiter und fielen wieder auf die Erde. Die größeren hielten’s länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun, der stieg so hoch, daß er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Und als er sah, daß die andern nicht zu ihm herauf konnten, so dachte er: „Was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König“, und fing an, sich wieder herabzulassen. Die Vögel unter ihm riefen ihm alle gleich zu: „Du must unser König sein, keiner ist höher geflogen als du.“

„Ausgenommen ich“, schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Und da er nicht müde war, so stieg er auf und stieg so hoch, daß er Gott auf seinem Stuhle konnte sitzen sehen. Als er aber so weit gekommen war, legte er seine Flügel zusammen, sank herab und rief unten mit feiner, durchdringender Stimmte: „König bün ick! König bün ick!“

Die Erzählung wird weitergeführt. Die anderen Vögel akzeptieren das erlistete Ergebnis nicht. So kommt es zu einem zweiten Wettbewerb: „Der sollte ihr König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte.“ Abermals gewinnt der Namenlose, weil er – nur er ist dazu klein genug – in ein Mäuseloch kriecht. Daraufhin beschließen die anderen Vögel, ihn in diesem Loch gefangen zu halten; die Eule wird als Wache davorgestellt. Aber ihr Vorsatz, zum Schlaf immer nur das eine Auge zu schließen und mit dem anderen das Loch zu bewachen, wird schließlich von der Müdigkeit besiegt. So kann der Kleine entkommen, mit bösen Folgen für die Eule:

Von der Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tage sehen lassen, sonst sind die andern Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Fell. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus, haßt aber und verfolgt die Mäuse, weil sie solche böse Löcher machen. Auch der kleine Vogel läßt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen: „König bün ick!“ Und deshalb nennen ihn die andern Vögel aus Spott Zaunkönig.

In dieser Erzählung ist das Zentralmotiv, die Überlistung des Adlers durch den kleinen Vogel, dem das seinen Namen einbrachte, durch die variierende Verdoppelung, die zahlreichen Vogelrufimitationen und die distanzierende Einleitung stark aufgeschwemmt: alles jüngeren Datums.

In Birkens Gedicht spielt nur das Kernmotiv eine Rolle. Welche Quelle seiner Einbeziehung der Fabel zugrunde gelegen hat, ist nicht zu erkennen. Es gibt auch nur diese eine Bezugnahme in seinem ganzen Werk.

Zwar erweist die Dokumentation von Bolte und Polívka, daß der listige kleine Vogel nicht in allen Varianten der Erzählung der Zaunkönig ist: Rotkehlchen, Kuckuck, Habicht, Nachtigall, Hänfling, Kolibri, sogar die Fledermaus können seinen Platz einnehmen.[28] Dennoch verwundert es zunächst, daß Birken, der sicher Plinius, vielleicht auch Der Vögel Gespräch gekannt hat, nicht den Zaunkönig, sondern „die Grasmück“ siegen läßt. Vermutlich war der Grund dafür die in einem alternierenden Rhythmus nicht behebbare Sperrigkeit des Wortes Zaunkönig. Es ist zu vermuten, daß der Austausch mit Bedacht vorgenommen worden ist, weil beide Vögel zur Singvogelgruppe der Pfriemenschnäbler gehören und sich zwar ein wenig hinsichtlich ihrer Größe, gar nicht aber hinsichtlich ihrer Lebensweise unterscheiden. Daß eigentlich doch der Zaunkönig gemeint ist, erweist v. 32.

Viel interessanter als die Umbenennung des kleinen Protagonisten in Birkens Adaption der alten Fabel ist die Funktionalisierung derselben, die er vorgenommen hat. Sie wird nach der – partiell als zitierte Rede der Grasmücke durchgeführten – Erzählung des Kernmotivs (v. 21-32) in den Versen 33-38 kenntlich. Plutarch hatte das Verhalten des Zaunkönigs als Negativbeispiel für das Verhalten eines jungen Politikers dargestellt. Birkens Verse präsentieren ein positives Vorbild. Sie enthalten die Aufforderung, sich von dem erzählten Beispiel zu einem Verhalten motivieren zu lassen, das der für die gesamte Kunstproduktion der Frühen Neuzeit maßgeblichen Strategie der aemulatio entspricht. Man hatte sich an den großen Vorbildern der Tradition zu orientieren und zu üben, um sie – verehrungsvoll – zu überbieten. Nicht nur Birkens lyrische Produktion verdankt ihre Eigenart, auch ihre partielle Neuartigkeit, diesem Bestreben. Das, was im 18. Jahrhundert in polemischer Abgrenzung der alten Ästhetik entgegengesetzt wurde, das – angeblich – von keiner Traditionsorientierung belastete und behinderte Schaffen aus eigener Gesetzlichkeit des produktiven individuellen Ingeniums, war gänzlich undenkbar. Der Leistungserweis aller Kunst bestand damals darin, daß sie sich fähig zeigte, die klassischen Vorbilder zugleich zu tradieren und zu überbieten und die eigene Produktion als temporären Höhepunkt in die Traditionskette einzureihen.[29]

Der Adler in Birkens Beispiel steht für Joachim von Sandrart, wie er in anderen Texten für Vergil, Horaz, Ovid, Aristoteles, Plato, Opitz und andere Größen stehen kann; und in der zaunköniglichen Grasmücke soll sich der angeredete Nachwuchskünstler erkennen. Es liegt in der Logik dieser Funktionalisierung der alten Fabel, daß der Adler nicht deswegen überwunden wird, weil er nicht mehr kann, und daß er seinen Überwinder nicht haßt und verfolgt und zu einem Leben im Unterholzgestrüpp zwingt, sondern daß er im Gegenteil des (noch) Kleineren Verhalten ausdrücklich begrüßt und gutheißt (v. 33-35). So kann am Ende deutlich ausgesprochen werden, worauf das Ganze hinausläuft: Wer als bildender Künstler etwas werden will, wird aufgefordert, das vom Meister Sandrart bereitgestellte Lehrbuch zu benutzen, um schließlich den Lehrer zu übertreffen und sich selbst wie jener der Ewigkeit einzuschreiben. Die Kunst selbst in Gestalt ihrer Schutzgottheit ist die für eine solche Aufforderung höchstlegitimierte Instanz.

Als Gratulationsgabe zum Festtag eines jüngeren ehemaligen Mitarbeiters, der längst selbst zu den Adlern gehört, aber wie auch der Gratulant einst ein listiger Zaunkönig gewesen ist, scheint mir die Erinnerung an diesen alten Appell besonders gut geeignet.


[1] Sämtliche Teile des Werkes sind in einem opulenten Nachdruck zugänglich: Joachim von Sandrart: Teutsche Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste. Nürnberg 1675-1680. In ursprünglicher Form neu gedruckt mit einer Einleitung von Christian Klemm. 3 Bde. Nördlingen 1994 und 1995.

[2] Das ist außer dem nachträglich ernannten ersten Hauptteil das Heft LebensLauf und Kunst-Werke Des WolEdlen und Gestrengen Herrn Joachims von Sandrart/ auf Stockau/ Hochfürstl. Pfalz-Neuburgischen Rahts: zu schuldigster Beehrung und Dankbarkeit/ beschrieben und übergeben von Desselben Dienst-ergebenen Vettern und Discipeln. Nürnberg/ Gedruckt bey Johann-Philipp Miltenbergern/ Jm Jahr Christi. 1675. Beide Werke sind in Bd. 1 der Neuausgabe enthalten.

[3] Sie sind mitgeteilt in Bd. 2 der Ausgabe: Sigmund von Birken. Werke und Korrespondenz. Hrsg. von Klaus Garber, Ferdinand von Ingen, Hartmut Laufhütte und Johann Anselm Steiger, mitbegründet von Dietrich Jöns (†) [künftig: WuK]. Zu Birkens Anteil am Erscheinungsbild des Werkes s. Christian Klemm: Joachim von Sandrart. Kunstwerke und Lebenslauf. Berlin 1986; ders.: Sigmund von Birken und Joachim von Sandrart. Zur Entstehung der Teutschen Academie und zu anderen Beziehungen von Literat und Maler. In: „der Franken Rom“. Nürnbergs Blütezeit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Hrsg. von John Roger Paas. Wiesbaden 1995, S. 289-313.

[4]Der Teutschen Academie Zweyten Haupt-Theils Dritter Theil: Welcher zuvorderst Der Edlen Mahler-Kunst rechten Grund/ Eigenschafften/ und Geheimnisse/ durch gewisse Regeln/ Unterweis– und Beschreibungen erörtert []. Nürnberg/ Gedruckt bey Christian Siegismund Frobergern. ANNO CHRISTI M. DC. LXXIX. In der Neuausgabe in Bd. 2. Das Bild ist dem Titelblatt vorgefügt; das Gedicht steht auf S. 9f.

[5] Es gibt eine Ausnahme: In dem 1675 gedruckten, von Birken bearbeiteten Ergänzungsheft LebensLauf und Kunst-Werke (wie Anm. 2) hat Birken auf S. 15-17 seine schon in den frühen fünfziger Jahren verfaßten Epigramme auf Joachim von Sandrarts Monatsbilder und dessen Darstellungen von Tag und Nacht eingefügt. Die vierzehn Epigramme, deutschsprachige Bearbeitungen lateinischer Vorgaben von Caspar Barlaeus, die ebenfalls mitabgedruckt wurden, sind als Manuskriptfassungen (Texte Nr. 104 und 105) auch in Birkens Gedichte-Sammlung S. v. B. Birken-Wälder überliefert: WuK. Bd. 2, S. 132-136; 653-668. Im LebensLauf sind Birkens Gedichte so eingeführt:

Diesen Lateinischen Zeilen theils nachahmend/ hat folgender Zeit H. Sigmund von Birken/ Com. Pal. Caes. über solche schöne Erfindungen/ deme sie sonders wol gefallen/ dieselbigen damit bässer als Barlaeus exprimirend/ hiesige hochTeutsche Unterschrifften verfasset.

[6] In diese Gesellschaft war Birken 1658 aufgenommen worden; s. [Georg Neumark]: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum. Oder Ausführlicher Bericht/ Von der Hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft Anfang/ Absehn/ Satzungen/ Eigenschaft/ und deroselben Fortpflanzung/ mit schönen Kupfern ausgeziehret/ samt einem vollkommenen Verzeichnüß/ aller dieses Palmen-Ordens Mitglieder Derer Nahmen/ Gewächsen und Worten/ hervorgegeben Von dem Sprossenden. Zufinden bey Joh. Hoffman Kunsth. in Nürnb. Drukkts/ Joachim. Heinrich. Schmid in Weinmar/ F. S. Hof-Buchdr. (Nachdruck, hrsg. von Martin Bircher. München 1970), S. 401.

[7] Sigmund von Birken starb am 12.6.1681; ihm wurde diese Nachrufschrift gewidmet: [Martin Limburger]: Die Betrübte Pegnesis/ Den Leben/ Kunst- und Tugend-Wandel Des Seelig-Edlen Floridans/ H. Sigm. von Birken/ Com. Pal. Caes. Durch 24 Sinn-bilder/ in Kupfern Zur schuldigen Nach-Ehre/ fürstellend/ Und mit Gespräch– und Reim-Gedichten erklärend/ Durch ihre Blumen-Hirten. Nürnberg/ drukkts Christian Sigm. Froberg. Zu finden daselbst bey Joh. Jac. von Sandrart/ und in Frankfurt und Leipzig bey David Funken/ Kunst– und Buchhändlern. 1683. (Nachdruck der zweiten Auflage 1684 mit einem Nachwort von Dietrich Jöns. Hildesheim / New York 1993).

[8]S. v. B. Dichterey-Sachen: PBlO.B.3.2.1, S. 71f. Zu diesem Arbeitsbuch s. WuK. Bd. 1: Floridans Amaranten-Garte. Hrsg. von Klaus Garber und Hartmut Laufhütte. In Zusammenarbeit mit Ralf Schuster. Tübingen 2009, Einleitung, S. CXXXVII-CXL. In WuK. Bd. 2 (wie Anm. 3), Nr. 414, S. 476f., 1196f.

[9] In der Druckfassung heißt es in v. 16 ihre statt deine, in v. 23 der statt den, in v. 24 wird statt würd, in v. 30 erschwung statt erschwung, in v. 31 noch statt hoch. Wahrscheinlich wäre auch in v. 8 der Manuskriptbefund wirst (statt müst in der Druckfassung) vorzuziehen.

[10] Die Gedichte Nr. 247, 257, 418 und 419 der Sammlung S. v. B. Birken-Wälder (WuK. Bd. 2, S. 338f., 325f., 480 und 480-482; 904-907, 920-922, 1201 und 1202-1204) und Nr. 237 der Sammlung Floridans Amaranten-Garte (WuK. Bd. 1, S. 423-425, 872-876) enthalten die Feuer-Metapher schon im Titel oder in einem der ersten Verse.

[11] S. in der Sammlung S. v. B. Birken-Wälder (WuK. Bd. 2) in den Gedichten Nr. 13, v. 47-49 (S. 19), Nr. 26, v. 12f. (S. 43) und Nr. 267, v. 16 (S. 339).

[12] Besonders bekannt sind die entsprechenden Passagen in den Einleitungsabschnitten der Schriften CatilinaeConivratio (1.1f.) und BellvmIvgvrthinvm (1.1-5) des Sallust; s. C. Sallvsti Crispi Catilina. Ivgvrtha. Fragmenta ampliora. Post A. W. Ahlberg edidit Alphonsvs Kvrfess. Editio tertia stereotypica. Lipsiae in aedibvs B. G. Tevbnerianis MCMLVII, S. 2, 53. In zahlreichen Gedichten Birkens finden sich Variationen dieses Motivs; s. z. B. WuK. Bd. 2, Nr. 1, v. 12 (S. 3), Nr. 2, v. 2f. (S. 4); WuK. Bd. 14 (Prosapia / Biographia. Hrsg. von Dietrich Jöns und Hartmut Laufhütte. Tübingen 1988) in dem Gedicht DankLied, vor die Geist– und Leibliche Geburt (S. 14, 64). Das Lied steht auch in der handschriftlich geführten Gedichte-Sammlung Psalterium Betulianum (PBlO.B.3.3.3, Nr. 43, 81v-83v), gedruckt in Birkens Nachrufschrift auf seine erste, 1670 verstorbene Ehefrau, Sigmunds von Birken Com. Pal. Caes. Todes-Gedanken und Todten-Andenken: vorstellend eine Tägliche Sterb-bereitschaft und Zweyer Christl. Matronen Seelige SterbReise Nürnberg/ zu finden bey Johann Kramern. Gedruckt in Bayreuth/ durch Johann Gebhard. A. C. 1670., S. 25-30, und schließlich in der Nachrufschrift Die Betrübte Pegnesis (wie Anm. 7), S. 54-59.

[13] Zu Bellerophon und Pegasus s. Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Auf der Grundlage von Pauly’s Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet und hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer. Stuttgart 1964-1975. Bd. 1, Sp. 856-858; Bd. 4, Sp. 582.

[14] Das beginnt früh mit dem Gedicht, mit welchem sich der junge Sigmund Betulius für die Krönung zum Poeta Laureatus durch den Comes Palatinus Martinus Goskius, den Leibarzt Herzog Augusts des Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg, bedankte; s. Prosapia / Biographia (WuK. Bd. 14; wie Anm. 12), Str. 10, S. 35. Das Motiv begegnet in sehr vielen Gedichten Birkens.

[15] Vgl. Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst/ oder Kurze Anweisung zur Teutschen Poesy/ mit Geistlichen Exempeln: verfasset durch Ein Mitglied der höchstlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft Den Erwachsenen. Samt dem Schauspiel Psyche und Einem Hirten-Gedichte. Nürnberg/ Verlegt durch Christof Riegel. Gedruckt bey Christof Gerhard. A.C. M DC LXXIX. (Nachdruck Hildesheim / New York 1973), Vorrede, § 24:

Rechtschaffene Poeten/ die sich erinnern/ daß ihre Kunst vom Himmel einfließe/ daß diese Kunst-Ergebenen vor alters für die allein-Weißen gehalten/ und von dem Weltweißen-Vatter Plato Väter und Fürsten der Weißheit/ größer als Menschen und kleiner als Götter/ ja Söhne der Götter und Göttlich genennt worden:

[16] Auch das Gedicht „Es dichten ja zugleich/ der Mahler und Poet“ am Ende (S. 78) des 9. Kapitels im 3. Buch des 1. Teils im 1. Hauptteil (1675) der Academie, das mit der Überschrift Der Redner, Poet und Mahler auch in der Sammlung S. v. B. Birken-Wälder enthalten ist (Nr. 377, S. 438, 1130f.), stellt diese Programmatik vor. Vgl. Vorrede und DerMahlkunstBeschlußGesang in Georg Philipp Harsdörffers Singspiel SEELEWJG im 4. Teil (1644) der Gesprächspiele (Nachdruck, hrsg. von Irmgard Böttcher. Tübingen 1968, S. 492f. [536f.], 620-622 [664-666]).

[17] In den Gedichten „Hier, Iugend, geh zur Schule“ am Ende des 3. Kapitels im 3. Buch des 1. Teils im 1. Hauptteil (1675) der Academie, S. 65, und „Hieher/ zum besten Tanz! Apollo spielet auf.“ am Ende des vorletzten Kapitels im 3. Teil des 2. Hauptteils (1679) der Academie, S. 86. Das erste Gedicht steht mit der Überschrift Auf einen antiken Leuchter., das zweite mit der Überschrift Danzbelustigung der Virtuosen Jugend. auch in der Sammlung S. v. B. Birken-Wälder (WuK. Bd. 2, Nr. 417, S. 479f., 1200f.). Diese Sammlung enthält eine ganze Anzahl von Gedichten, in welchen das Motiv eine Rolle spielt.

[18] Plutarch: Praecepta gerendae reipublicae 12.806e/f; s. Plutarch. Moralia. Vol. X. With an english translation by Harold North Fowler. Cambridge, Mass. / London 2002 (zuerst 1936), S. 200f.: „τούτων οὖ ἔχεσθαι δεῖ τῶν ἀνδρῶν καὶ τούτοις ἐμφύεσθαι, μή, καθάπερ ὁ Αἰσώπου βασιλίσκος ἐπὶ τῶν ὤμων τοῦ ἀετοῦ κομισθεὶς αἰφνίδιον ἐξέπτη καὶ προέφθασεν“.

[19] Aristoteles: Historia animalium 9.c.11; s. Aristotle. History of animals. Books VII-X. edited and translated by D. M. Bulme. Prepared for publication by Allan Gotthelf. Cambridge, Mass. / London 1991, S. 270: „ὀ δὲ τροχίλος λόχμας καὶ τρώγλας οἰκεῖ· δυσάλωτος δὲ καὶ δραπέτης καὶ τὸ ἦθος ἀσθενής, εὐβίοτος δὲ καὶ τεχνικός. καλεῖται δὲ πρέσβυς καὶ βασιλεύς· διὸ καὶ τὸν ἀετὸν αὐτῷ φασὶ πολεμεῖν. [Der Zaunkönig bewohnt Dickicht und Höhlen; er ist schwer zu fangen und schwach von Natur, aber behaglich lebend und kunstfertig. Er wird ‚Alter‘ und ‚König‘ genannt, weshalb ihm auch, wie man erzählt, der Adler feind wurde.]

[20] C. Plini Secvndi Natvralis Historia Libri XXXVII. Post Lvdovici Iani obitvm itervm edidit Carolvs Mayhoff. Vol. II. Libri VII-XV. Editio Stereotypica Editionis Prioris (MCMIX). Stuttgart 1967. Buch X.74, 203f. Die Übersetzung:

Es gibt nämlich zwischen ihnen Kriege und Freundschaften und entsprechende Leidenschaften außer denen, über die wir an bestimmten Stellen schon gehandelt haben. Es vertragen sich nicht Schwäne und Adler sowie Rabe und Grünspecht, die bei Nacht gegenseitig auf ihre Eier aus sind. Ähnlich ist es mit dem Raben und dem Falken, von denen der eine dem anderen die Nahrung raubt, mit den Krähen und der Eule, den Adlern und dem Zaunkönig, wenn wir’s glauben, weil er König der Vögel genannt wird.

[21] Alexander Neckam: De naturis rerum 1.78; zitiert nach: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Neu bearbeitet von Johannes Bolte und Georg Polívka. Bd. 3 (Nr. 121-225). 3. Nachdruckauflage. Hildesheim / New York 1982, S. 280. Die Übersetzung:

Die Vögel verabredeten miteinander, der solle den Ruhm königlicher Hoheit erlangen, der durch seine Flughöhe alle anderen besiegen werde. Die Parra hat daher, unter der Achsel des Adlers versteckt, überraschend ihre Chance genutzt. Denn als der Adler, schon nahe dem Heiligtum Jupiters, die Herrschaft für sich beanspruchte, wagte es die Parra, sich auf den Kopf des Adlers zu setzen und zu behaupten, sie sei die Siegerin.

[22] Das sind die geläufigen Übersetzungen des Namens „parra“; s. Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet von Karl Ernst Georges. Nachdruck der achten verbesserten und vermehrten Auflage von Heinrich Georges. Hannover 1959. Bd. 2, Sp. 1483.

[23] S. Bolte / Polívka (wie Anm. 21), S. 280. Das Gedicht ist vollständig mitgeteilt von Franz Pfeiffer in: Germania. Vierteljahrschrift für deutsche Altertumskunde 6 (1861), S. 80-106.

[24] S. Emblemata. Handbuch der Sinnbildkunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Hrsg. von Arthur Henkel und Albrecht Schöne. Taschenausgabe. Stuttgart / Weimar 1996, Sp. 779. Der dort gegebene Hinweis auf Horaz, C.II. 20, v.1f., ist irreführend. Zu Bidermann s. Bolte / Polívka (wie Anm. 21), S. 280.

[25]Schillers Werke. Nationalausgabe. Bd. 3: Die Räuber. Hrsg. von Herbert Stubenrauch. Weimar 1953, S. 253.

[26] S. Bolte / Polívka (wie Anm. 21), S. 280-283.

[27] Sie war erstmals in der Ausgabe von 1840 enthalten; s. Bolte / Polívka (wie Anm. 21), S. 278. Die Zitate nach: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Nach der großen Ausgabe von 1857, textkritisch revidiert, kommentiert und durch Register erschlossen. Hrsg. von Hans-Jörg Uther. 3 Bde. München 1996. Bd. 3: Märchen 145-200; Kinderlegenden 1-10, Nr. 171, S. 75-78.

[28] Bolte / Polívka (wie Anm. 21), S. 282f.

[29] S. Hartmut Laufhütte: Horaz im Birkenwald.Sigmund von Birken als Übersetzer. In: Literatur – Geschichte – Österreich. Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte. Thematische Festschrift zur Feier des 70. Geburtstags von Herbert Zeman. In Zusammenarbeit mit Wynfried Kriegleder hrsg. von Christoph Fackelmann. Wien / Berlin 2011, S. 490-511.

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Das Gernhardtsche Bestiarium

Ein Beitrag zur Gernhardtphilologie

Von Helmut Glück

A. Ziele

Dieser Beitrag befasst sich mit der Tierwelt in Robert Gernhardts lyrischem Werk. Er schreibt einen Festschriftbeitrag fort, der diesem allzu früh vollendeten Dichter gewidmet war.[1] Dort war  Gernhardt (unter anderem) als Naturlyriker gewürdigt worden. Diese Würdigung wird im Folgenden vertieft, um Hans-Peter Ecker zu würdigen. Es werden nur Gedichte und Texte zu Bildgeschichten und Bildgedichten erfasst. [2] Gernhardts Prosawerke bleiben ausgeblendet, die Bildgeschichten Schnuffis Abenteuer[3] (entstanden 1964-1967) ebenfalls, weil Schnuffi zoologisch nicht recht einzuordnen ist.[4]  Vermutlich war Schnuffi ein Nilpferd.

Textgrundlagen waren vor allen Gernhardts Gesammelte Gedichte (2005) und der Band Vom Schönen, Guten, Baren (1997). Zusätzlich wurde Gernhardts wohl wichtigster Gedichtband durchgesehen, der Wörtersee (1981), dessen Inhalt in den Gesammelten Gedichten nicht komplett enthalten ist.

Die Fauna in Die Wahrheit über Arnold Hau wurde in die Untersuchung einbezogen. Sie geht allerdings nicht vollständig auf Gernhardts Konto; der Anteil seiner Mit-Autoren F. W. Bernstein und Friedrich Karl Waechter ist heute im Einzelnen nicht mehr festzustellen. Wie mir Lutz Hagestedt brieflich mitteilte, kann immerhin das Fallschwein[5] (Sus caducus) eindeutig F. K. Waechter zugeordnet werden. Die Belege aus der Hau-Trilogie stammen also nicht unbedingt vom realen Gernhardt, sondern einem ideellen Gesamtgernhardt: jede einzelne der dort erwähnten Kreaturen könnte von ihm erfunden worden sein. Bei selteneren und einigen exotischen Tieren sind den deutschen Tiernamen die lateinischen Bezeichnungen der Zoologen beigegeben. In einigen Fällen ließ die Zoologie die Dichtung im Stich; in solchen Fällen wurde eine passende lateinische Bezeichnung geprägt. Beim Prägen solcher Bezeichnungen waren Thomas Baier und Annette Glück-Schmidt dem Autor behilflich, wofür ihnen gedankt sei. Für eventuelle Mängel bin ich jedoch allein verantwortlich.

B. Gernhardt als Zoologe und Naturlyriker

Schon früh, nämlich im Zyklus der Hau-Gedichte, findet sich das Gedicht Tierwelt – Wunderwelt. Dort beschrieb Gernhardt die Betteneule (Ulula  pulvinaris), die im Plumeau nistet samt ihrer Brut und auf Plattdeutsch unkt, sobald es (das Bett? Was sonst?) quietscht: „Dat geit nit gut, dat geit nit gut“.[6] In diesem Gedicht kommen auch der schweigende Kragenbär[7] (Ursus thibetanus), der später in einem Vierzeiler und einer Handzeichung[8] des Dichters Karriere machte (vgl. dazu den Beitrag von Markus Behmer), dazuhin Schnabeltier[9] (Ornithorhynchus anatinus), Habicht[10] (Accipiter gentilis) und Wanderratte[11] (Rattus norvegicus) vor. Neben dem Kragenbären bleiben sie eher blasse Figuren.

Dem Tierfreund Gernhardt war kein Lebewesen zu gering für einen Reim. Nicht nur der stolze Adler[12] (Aquila) und der Greif[13] waren ihm poetischer Vorwurf, nein, auch alltägliche und verachtete, dabei aber nützliche Mitgeschöpfe wie das gemeine Haushuhn (Gallina domestica plebeia). Das ganze Tierreich, nicht nur die kleine Schar der seit alters besungenen Großvögel, Großkatzen und Pegasusartigen spielt in seinem lyrischen Schaffen eine Rolle. Allerdings bleiben manche Tiere bemerkenswert konturlos, z. B. die Tiere aus der Tiefe[14], die noch nie gesehen oder beschrieben wurden, oder das Tier, das die Schöne liebt[15] und von ihr schlimm gemobbt wird. Selbst das Untier hat er mit einem bebilderten Distichon bedacht:

Aus dem Nordmeere steigt des Untiers schreckliche Fratze
Selbst zu Tode erschreckt sinkt es gebrochen hinab.[16]

Gernhardts Tiere sollen im Folgenden vorgestellt werden,  eingeteilt in Abschnitte, die der zoologischen Taxonomie folgen.

C. Säugetiere

Mit den Säugetieren (Mammaliae, ca. 5400 Arten) befasst sich die Mammalogie. Dieser Ausdruck beruht, wie die zoologischen Termini insgesamt, auf lateinischen und griechischen Etyma; lat. mamma heißt ‚(weibliche) Brust; Euter, Zitze’. Die Säugetiere nehmen in Gernhardts Werk, soweit die Tierwelt betroffen ist, den breitesten Raum ein. Das ist nicht verwunderlich, weil sie großenteils Landbewohner und gut sichtbar sind, außerdem – soweit sie es zum Haustier gebracht haben – Partner, Mitarbeiter und Nahrungsmittel des Menschen.

Hund und Katze

Ganz vorn in der Vorkommenshäufigkeit stehen Katze[17] und Kater[18] sowie der Hund[19] (Canis lupus) mit den Untergliederungen Windhund[20], Kampfhund[21], Pudel[22], Mops[23], Spitz[24], Spaniel[25], Hühnerhund[26], Höllenhund[27] (Zerberus; eine Allegorie auf den Literaturkritiker), Schweinehund[28] und Seehund[29] (Phoca vitulina). Letzterer wird nur aus Gründen der Wortbildung hier genannt, denn er gehört zur Gattung der Robben (dazu gleich Näheres), nicht derjenigen der Caniden. Die Dominanz der Katzen und der Hunden in Gernhardts Gedichtwelt dürfte ganz praktische Gründe gehabt haben, denn der Dichter lebte lange Zeit in Frankfurt wie in Montaio in Wohngemeinschaft mit Katzen und war zeitweise Besitzer und Halter eines Hundes.

Das Pferd

Ein weiteres domestiziertes Säugetier, das Gernhardt vielfach bedichtete, ist das Pferd.[30] Bei ihm ist das Pferd nicht nur ein lyrisches Schwergewicht, sondern auch ein Anstoß für ein Bekenntnis zu einer grammatischen Neuerung, nämlich der Verlaufsform (die Progressiv-Konstruktion):

In R. [Recklinghausen] ist jeder am Flüchten.
Selbst Pferde gehn auf die Reise
Doch sosehr sich die Guten auch sputen
die Armen laufen im Kreise (LG 159).[31]

In diesem Gedicht ist Gernhardts Mit-Leiden mit dem wehrlosen Mitgeschöpf greifbar, und das nicht nur, aber auch in einem gekonnten Binnenreim (Gutensputen). Wer kann, flieht Recklinghausen: nur die wehrlosen Pferde werden von brutalisierten Rennstallbesitzern dazu gezwungen, sinnlos im Kreis herumzurennen, gerade so, wie es die internationalen Automobilkonzerne mit Sebastian Vettel machen, der wenigstens nicht laufen muss, sondern in einem kleinen bunten Auto im Kreis herumfahren darf.[32]

Andere Haustiere

Viele weitere domestizierte Tiere  sind nicht nur lyrisch von Belang, sondern auch essbar oder anderweitig nützlich, weil sie Leder oder Wolle liefern, die dem Menschen zur Bekleidung dienen. Im einzelnen sind das der Ochse[33], die Kuh[34] samt dem Kalb[35], das Lama[36], dann Sau[37], Schwein[38], Warzenschwein[39] und Trüffelschwein[40], weiterhin Hammel[41], Bock[42] und Schaf[43] samt Lamm[44] und Lämmchen[45]. Eher unscheinbar als lyrische Nutztiere sind Hase[46] und Kaninchen.[47] In der realen Welt werden sie in Hinterhöfen oder Kinderzimmern gehalten und sollen der Erziehung der nachwachsenden Generation zu Verantwortung und Sauberkeit oder aber der menschlichen Ernährung dienen. Der Hamster[48] ist allenfalls zu Ersterem verwendbar. Sie alle kommen bei Gernhardt selten vor, ebenso der Esel[49], der zwar nicht als Haustier zum Knuddeln, aber als Lasttier und als Rohstoff für italienische Salami verwendbar ist.

Wildtiere

Neben diesen höheren Säugetieren, die es zum Haus- oder Hofgenossen des Menschen gebracht haben, steht eine bunte Reihe von Tieren, die im Freien oder im Zoo zuhause sind. In den Regenwäldern und Savannen der Tropen sind Affe[50], Nilpferd[51], Giraffe[52], Nashorn[53], Hyäne[54], Stachelschwein[55] und Erdmännchen[56] zuhause, ebenso einige Großkatzen, nämlich  der Löwe[57], der Tiger[58], der Panther[59] und der wieselschnelle Jagdgepard.[60] Auch der malträtierte Tapir[61] und der Mantelpavian[62] samt seinem Harem gehören zur Tierwelt der Tropen. Der Elefant kommt lediglich in einem Bildgedicht vor.[63]

Die Wälder, Felder, Fluren und Berge der gemäßigten Zonen bevölkerte Gernhardt mit Hirsch[64], Reh[65], Gemse[66], Bergziege[67], Fuchs[68], Bär[69], Eisbär[70], Bambusbärin[71], Waschbär[72], Wolf[73] und Werwolf[74], Wildschwein[75], Eichhörnchen[76], Frettchen[77] sowie Dachs[78] und Dächsin[79], an den dort fließenden Flüssen ließ er Otter[80] und Biber[81] planschen. Auch der Bilch[82] (das Wort kommt aus dem Slowenischen, auf deutsch auch: Schlafmaus)[83], die Haselmaus (Muscardinus avellanarius, ein nachtaktiver Bilch)[84], die Brandmaus (Apodemus agrarius)[85] aus der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) und der Wombat[86] (aus der Klasse der Vombatidea, der Plumpbeutler) waren dem Dichter nicht zu gering für einen Reim. Schließlich gab er dem Elch[87], dem Nerz[88] und dem Zobel[89], die vorzugsweise in der unwirtlichen Tundra des Nordens leben, lyrische Präsenz. Von den Meeressäugern hat Gernhardt lediglich den Wal[90] und die Robbe[91] bedichtet.

Maus[92], Hausmaus[93] und Brandmaus[94], Igel[95], Fledermaus[96] und Ratte[97] kann man keiner einzelnen Klimazone zuordnen. Unter den Tieren dieser Gruppe war Gernhardt offenbar die possierliche Maus am liebsten, denn sie kommt – nach Hund und Katze – am häufigsten in seinen Gedichten vor.

D. Vögel

Nach den Säugetieren sind die Vögel in Gernhardts Gedichten am häufigsten vertreten. Von den Vögeln (Aves) gibt es 10.600 Arten auf der Erde, also etwa doppelt so viele wie bei den Säugetieren. Bei Gernhardt kommen gut drei Dutzend davon vor.  Die Vögel sind in seiner Lyrik oft für das Positive und die gute Laune zuständig, denn sie sind Frühlingsboten (Zugvögel, z. B. Amsel[98] [die Drossel fehlt!], Buchfink[99], Star[100] und Schwalbe[101]). Andere Vögel sind Symbole für hohe Werte wie die Freiheit (Möwe[102]), die Verführung (Nachtigall[103]), den Weltfrieden (Taube[104]), die Weisheit (Eule), den Familiensinn (Glucke samt Küchlein[105]) und die Familienplanung (Storch[106]), um nur einige zu nennen. Die Eule selbst fehlt allerdings in Gernhardts Gedichten, aber die Eulenvögel sind mit Kauz[107], Waldkauz[108] und Ohreule[109] ordentlich vertreten.

Vom Adler[110], dem König der Lüfte, war eingangs schon die Rede. Kleinere Greifvögel sind Habicht[111], Weihe[112], Falke[113], Bussard[114], Kondor[115] und Geier[116]. Zu den Rabenvögeln gehören Rabe[117], Eichelhäher[118] und Krähe[119], die Wasservögel sind durch Schwan[120], Pelikan[121], Gans[122] und Ganter[123], die Graugans[124], Schwan[125], Ente[126], Königspinguin[127], Kronenkranich[128] und Wasserhuhn[129] gut verteten. Die Reiher[130] (Ardeidae) sind keine Wasservögel, sondern gehören zur Familie der Schreitvögel (Ciconiiformes) und leben an Binnengewässern, denn sie ernähren sich von Süßwasserfischen. Auch das vom Namen dieses Vogels abgeleitete Verb (reihern) ist bei Gernhardt belegt:

Wenn mit großen Feuerwerken
Bürger froh das Dunkel feiern
Sich mit Bier und Fleischwurst stärken
Und in die Rabatten reihern.[131]

Weitere Vögel, die in Gernhardts lyrischem Werk eine Rolle spielen, sind Kiebitz[132], Meise[133],  Spatz[134], Sperber[135], Fasan[136], Mauersegler[137], Specht[138], Kleiber[139], Papagei[140], Hahn[141], Huhn[142], Haselhuhn[143], Birkhuhn[144], Wiedehopf[145], Zeisig[146] und die madegassische Sumpfamsel.[147] Auch im Fregattvogel[148], einem kleptoparasitischen Südseevogel aus der Ordnung der Ruderfüßler entdeckte Gernhardt poetisches Potential. Dem Marabu und seinen gräßlich missratenen Jungen hat er eine Bildergeschichte gewidmet.[149]

E. Spinnen, Krebse, Fische

Zwei weitere Klassen von Lebewesen sind ausgesprochen schwach vertreten in Gernhardts lyrischem Schaffen, nämlich die Spinne[150] und der Krebs.[151] Die Spinne gehört zu den Arachnidae, von denen ca. 38.000 Arten bekannt sind, Krebs, Krabbe[152] und Hummer[153] sind Mitglied der Crustaceae, die ca. 58.000 Arten umfassen. Sie treten jeweils nur einmal auf. Von den Fischen (Pisces, ca. 31.000 Arten) kommen gerade einmal vier Arten vor:  Hecht[154], Karpfen[155], Barsch[156] und Aal.[157] Der Dichter hielt diese drei Familien offenkundig für peripher. Immerhin findet sich im späten Hau eine depressive Ballade vom Fisch, die wir wegen des Ringelnatz-Tones Gernhardt zuschreiben möchten:

Der Fisch streicht durch die Wellen
Im nassen Element
Kein Dichter kann erhellen
Was ihm im Herzen brennt

Er hastet durch die Wogen
Es ist schon tiefe Nacht
Sein Weib hat ihn betrogen
Sein Kind hat ihn verlacht

Von Schmerz wird er getrieben
Der Gram wirft ihn an Land
Man fand ihn früh um sieben
Im heißen Sand am Strand.[158]

F. Reptilien und Lurche

Die Reptilien (Reptiliae, ca. 95000 Arten) und die Lurche (Amphibiae, ca. 7000 Arten) sind im Vergleich zu den Arachnidae, den Krustentieren und den Fischen besser vertreten in Gernhardts Gedichten. Dort finden sich immerhin acht Arten aus diesen beiden Familien: die Ringelnatter[159] und andere Schlangen[160], der Frosch[161], die Kröte[162], der Molch[163],  der Lurch[164], der Salamander[165] (ein Schwanzlurch), das Krokodil[166] und die Echse.[167]

G. Insekten

Noch etwas häufiger fanden die Insekten (Insectae, Kerbtiere, fast eine Million Arten) bei Gernhardt lyrische Beachtung, nämlich in zehn Fällen. Im einzelnen sind das die Fliege[168], die Schmeißfliege, die Zecke[169], die Libelle[170],  der Schmetterling[171] samt seiner Larve, der Raupe[172],  der Falter[173], das Taubenschwänzchen[174], die Biene[175] und die Hornisse.[176] Auch der Holzwurm, der nächtens tickt[177] (Anobium punctatum, gemeiner oder gewöhnlicher Nagekäfer), gehört zu den Insekten, obwohl er „Wurm“ heißt.

H. Neozoen

Einige seltene und bisher zoologisch nicht erfasste Arten führte Gernhardt in die Gegenwartsliteratur ein, nämlich: den Kastenfrosch[178] (Rana incapsulata), der quacken kann, den Stacheldrachen[179] (Draco spinosus), das erbsengroße Grabbeltier (Reptile ciceriforme)[180], den Haubenbären[181] (Ursus pilleatus), das Lörracher Regentier[182] (Animal pluvialis), den bösen grauen Schindelhund[183] (Canis scandularis), die Zirbelente[184] (Anas pinealis), die Wüstenkröte[185] (Bufo desertalis), die im Meer lebt, das Zwiebelhuhn[186] (Gallus cepalis), das herrliche Weltenhuhn[187] (Gallus universalis magnificus), die Schmuddelente[188] (Anas lutosa), den Kupferschieferhering (Clupea cyprioscandularis)[189], den Wasserhahn (Gallus aquosus) und das Wasserhuhn (Gallina aquosa)[190], Mimis Ostergeier (Vultur pascalis)[191], den Staugsaubären (Ursus pulvisugens)[192], den madegassischen Ansaugpanther (Pardus madegassicus adsugens)[193] und den Mördermarder (Mustela sicaria)[194].

Gerade diese Neozoen, die in Mitteleuropa bislang unbekannt waren, verdienten nähere Beachtung und Betrachtung, gerade hier warten neue und große Herausforderungen für die Gernhardtphilologie. Doch mehr als eine Katalogisierung kann hier nicht geboten werden.

I. Gernhardt als Phonologe und Tierstimmenimitator

Erwähnenswert ist schließlich die Verbindung, die der Dichter zwischen der Tierwelt und der Phonologie, genauer: dem Vokalismus des Deutschen herstellte. Er knüpfte dabei an Ernst Jandl an, der nur bis zum O gekommen war.  Ottos kotzender Mops hat dem Österreicher Ruhm und Anerkennung verschafft, ihn als Volksdichter verewigt.  Gernhardt ging weiter: vom O zum E, I, U und A. Er war – seit Baudelaire – der erste,  der den Klangraum der primären Kardinalvokale zwischen Annas Gans, Gudruns Luchs, Gittis Hirsch und Enzensbergers Exegeten lyrisch ausleuchtete.[195] Erst Gernhardts systematische Ausführung der Jandlschen Idee zeigt den artikulationsphonetischen Raum, in dem Ottos Mops unterwegs war, erst der Kontrast zwischen Mops, Gans, Luchs, Hirsch und Enzensberger arbeitet den inneren Bau dieses komplexen Systems heraus. Allerdings auch nicht mehr als das; die sekundären Kardinalvokale blieben auch bei Gernhardt unbeachtet. Gedichtanfänge wie Klärchäns Bär ächzt, Röbörts Stör röhrt oder Günthürs Hühnchün rülpst blieben der literarischen Welt deshalb erspart; das habe ich bereits früher angemerkt.[196] Eher unsystematisch griff Gernhardt das Thema in dem Liedfragment Zum Muttertag[197] noch einmal auf, in dem Wörter mit vielen Es (Erdbeerbecher) und As (Schamhaaransatz), aber auch solche mit vielen Bs (Braunbärbabies) und Kas (Kaktushecke) vorkommen: der Weg von den Vokalen zu den Konsonanten war gebahnt. Auch diesen Weg ging Gernhardt nicht bis zu seinem Ende, aber doch weiter als der erwähnte Enzensberger, der in seinem Gedicht A das B zwar streifte, aber im wesentlichen doch beim A stehenblieb.

K. Fazit

Ich konnte hier vielleicht nicht alle, auf jeden Fall aber die meisten höheren und weniger hohen Arten von Tieren vorstellen, die Gernhardts Lyrik bevölkern. Wo man hinhört, blökt, mauzt, faucht, bellt, kläfft, jault, winselt, brüllt, wiehert, brummt, gackert, kräht, gurrt, schnattert, trompetet, grunzt, röhrt, piepst, summt, fiept, quakt, zwitschert, quiekt und knurrt es.[198] Gernhardt schrieb nicht einfach Tiergedichte, sondern führte die Naturlyrik des 18. Jahrhunderts dekonstruierend in die Postmoderne. Dieser substantielle Teil des Gernhardtschen Werks konnte hier nur katalogisiert und oberflächlich vermessen werden. Es bietet der künftigen Gernhardtphilologie große Herausforderungen, die – im guten Sinne transdisziplinär – von der Poetik in die Zoologie, die Linguistik und die Pataphysik[199] reichen.

Quellen

Achterbahn. Ein Lesebuch. Insel-Bücherei Nr. S 2001. Frankfurt a. M. 2012.

BE       Besternte Ernte. Gedichte aus fünfzehn Jahren. Von R. Gernhardt und F. W. Bernstein. In: F. W. Bernstein – R. Gernhardt – F. K. Waechter, Die Drei. Frankfurt a. M. 1981. Teil 2.

GG      Gesammelte Gedichte 1954-2004. Frankfurt a. M. 2005.

Hau    Die Wahrheit über Arnold Hau. Hg. von R. Gernhardt – F. W. Bernstein – F. K. Waechter. In: F. W. Bernstein – R. Gernhardt – F. K. Waechter, Die Drei. Frankfurt a. M. 1981. Teil 1.

IG        Im Glück und anderswo. Gedichte. Frankfurt a. M. 2002.

LG      Lichte Gedichte. Zürich 1997.

SSA     Schnuffis sämtliche Abenteuer. Zürich 1986.

SGB    Vom Schönen, Guten, Baren. Bildergeschichten und Bildgedichte. Zürich 1997.

WS      Wörtersee. Frankfurt a. M. 1981.

Literatur

Bellmann, Günther, Slawisch/Deutsch (Schwerpunkte). In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Hg. von Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger. 4 Bde. Berlin, New York ²1998-2004, Bd. 4, 2004, 3229-3259.

Dornseiff, Franz, Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. Siebte unveränderte Auflage. Berlin, New York 1970.

Enzensberger, Hans Magnus, A. In: Kiosk. Neue Gedichte. Frankfurt a. M. 1995, S. 89f.

Glück, Helmut, Gernhardt als Glottomane. Über die nächsten Aufgaben der Gern­hardt­phi­lo­lo­gie. In: Alles über den Künstler. Zum Werk von Ro­bert Gernhardt. Hg. von Lutz Ha­ge­stedt. Frank­furt a. M. 2003, S. 270–286.


[1] Glück 2003.

[2] Die verwendeten Abkürzungen sind am Ende des Beitrags erläutert.

[3] SGB 63-75.

[4] „Nach dem 12. Biere / ähneln sich alle Tiere“: Dämon Alkohol, SGB 372.

[5] Aus Haus Tierskizzenbuch, Hau 93. Dieses Wesen geht auf F. K. Waechter zurück.

[6] Tierwelt – Wunderwelt, GG 18.

[7] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 88; Animalerotica, GG 50.

[8] Munter, munter!, SGB 376. Kolorierte Variationen zu diesem Bildergedicht schmücken dem Umschlag des Bandes „Vom Schönen, Guten, Baren“.

[9] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 89. Das Schnabeltier ist ein eierlegendes Säugetier aus der Gruppe der Kloakentiere (Monotremata).

[10] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[11] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[12] Vergebliches Wünschen, GG 80; Erzählung, GG. 159; Lied vom Kriegen, GG 744; Ballade von der Endlichkeit des Ruhm, GG. 787-789; Die Vögel, GG 812 (Fischadler); SGB 168 (Herr Adler); Adler und Tadler, SGB 548; Aus der Welt der Technik, WS 232.

[13] Aus der Welt der Technik, WS 232.

[14] Umgang mit Tieren aus der Tiefe, GG 132.

[15] Alles über die Schöne und das Tier, SGB 584.

[16] Tiefsee-Distichon, SGB 517.

[17] Katzengedichte, GG 274 f.; Katz und Maus, GG 278; Katze in Pflege, GG 293; Durch Schwaben, GG 333; Welt, Raum und Zeit (über betagte Katzen), GG 130; Für Pumper (über eine pissende Katze); Das Rosten und die Ewigkeit, GG 419 f.; Mäusegedicht, GG 437; Dämmerung, GG 487; Viel und leicht, GG 489; Gespräch über Schönheit, GG 517; Zwei Getreue, GG 645; Aufforderung zur Teilnahme, GG 645 f.; Verfrühtes Dunkel, GG 648; Abendruhe, GG 659; Abendfütterung 18 Uhr, GG 669; Schlafenszeit, GG 689; Abendgedicht, GG 708; Katzenleben, GG 716; Hin und weg, GG 716 f.; Drei Miniaturen: Bei Konstanz. Herbst, GG 771; Von der Laufrichtung, GG 772; Als wir die Katze einschläfern lassen mussten, GG 802; Die Katze, GG 813 f.; Der lange Abschied von Billie, GG 816; Ein Staatsdichter verkündet das Ende der Literatur, GG 840; Was gut tut, GG 884; Die Tränentiere, SGB 322-326; Wenn Katzen Fernsehen hätten, SGB 356; Nein, diese Katzen!, SGB 374; Alles über den Konsul, SGB 395; Da da da, SGB 431; Es ist ein Maus entsprungen, SGB 453; Katz und Maus, SGB 499; Die Katze und das All, SGB 503; Katz und Kunst, SGB 556, Der Tag beginnt mit hellem Licht, Achterbahn 89.

[18] Begegnung in Gaiole in Chianti, GG 655.

[19] Scheiternde Hunde, SGB 253; Der Bund (mit dem Nachbarshund), GG 118 f.; Die Geburt, GG 456; Mittagsruhe, GG 642; Abendgang, GG 644; Zwei Getreue, GG 645; Verfrühtes Dunkel, GG 648; Morgenlektion, GG 649; Abendruhe, GG 659; Schlaflos um 2 Uhr 30, GG 660; Beispiel Bella zum zweiten, GG 665; Abendfütterung 18 Uhr, GG 669; Couplet vom Hauptstadtroman, GG 674; Schlafenszeit, GG 689; 30. Juni 1997, zwölf Uhr mittags, GG 706; Abendgedicht, GG 708; Hunde und Bilder, GG 714; Vita da cani GG 714 f.; Meinem Hunde gesagt, GG 785 f.; Glückspilz, GG 787; Frieder, GG 806 f.; Frau mit Askan, GG 810 f.; Die Katze, GG 813 f.: Der Hund, GG 814 f.; Einige Worte zum Bild Die brennende Giraffe von Salvador Dali oder Warum man besagtes Bild nicht schlecht machen kann, GG 839 f.; Morgen eines Dichters, GG 846; Mein Hund und mein Sohn, GG 864; Die Vögel oder Ginnheimer Feld-, Wald- und Wiesengedicht, GG 865; Gesang vom Hundchen (Anstandswauwau), GG 866 f.; Nachdem er von seiner Krankheit erfahren hatte, GG 876 f.; Was gut tut, GG 884; 7. August, Wahnsinn, GG 893; Große Anrufung des Heiligen Franziskus (Jagdhund), GG 904-906, hier: 906; Die Tränentiere, SGB 322-326; Weisheit des Westens, SGB 478; Traurige Folgen des Reimzwangs, SGB 536; Entschiedene Warnung, manchen Dingen allzu sehr auf den Grund zu gehen, SGB 547; Ein Hundeleben, SGB 585.

[20] Goldene Worte, GG 434 f.

[21] Berliner Zehner, Nr. 5, GG 683.

[22] Schopenhauers Pudel liest Hegel, SGB 292; Der vorlaute Pudel, SGB 598.

[23] Mopsens Machtwort, SGB 466.

[24] Komödiantenschicksal, SGB 545.

[25] Eviva el Wortspiel, SGB 580.

[26] Beispiel Bella zum ersten, GG 664.

[27] Rezensentenschelte, SGB 463.

[28] Neujahrsballade, SGB 501.

[29] Amnesie, GG 435 f.

[30] Erlebnis auf einer Rheinreise, GG 76; Umgang mit Tieren, GG 87; Pharaos Fluch, GG 101; Die kaiserliche Botschaft. Ein Nonsenzgedicht [sic], in GG 135 (Schimmel, Rappen); Indianergedicht, GG 158; Du (über ein Wolkenpferd), GG 179 f.; Im Nebel, GG 482; Gastlichkeit in Recklinghausen Abt. 6: Die Trabrennbahn, GG 546; Des Knaben Plunderhorn, GG 754; Drei Miniaturen: Bei Konstanz. Herbst, GG 771; Gesang vom Gedicht, GG 849 (dort: Roß); Gesang vom Hundchen (Pegasus), GG 866 f.; Leider nicht auf der Messe: dieses Buch, SGB 511; Blicke, SGB 576, Pferde-Schmählied, WS 89-91Neulich bei Monterchie, SGB 279; Jubiläum II: 20 Jahre 68. Ein Polizeipferd erinnert sich mal wieder, SGB 321; Fürs Poesiealbum, SGB 480.

[31] LG 159.

[32] IG 83-85.

[33] Goldene Worte, GG 434 f.; Die Geburt, GG 456; Bitte an durchreisende Verehrer, GG 470.

[34] Amnesie, GG 435 f.: Drei Miniaturen: Bei Konstanz. Herbst, GG 771; Hannover-Bremen, Eine Winterreise-Trilogie, GG 778 f.; Delacroix, WS 128-130.

[35] Der Untergang von Halberstadt, GG 35 f.; Goldene Worte, GG 434 f.; Bitte an durchreisende Verehrer, GG 470; Er und ich, GG S.473; Von der Gewissheit, GG 903, Psalm, WS 165.

[36] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 88.

[37] Fatum, GG 308.

[38] SGB 173; Trost im Gedicht (über ein gedachtes Trüffelschwein), GG S, 137 f.; Beziehungsgespräch, GG 193; Der Doppelgänger, GG 270; Der Schattenwerfer, SGB 415; Weisheit des Westens, SGB 478; Schweinchen Problem, SGB 485.

[39] Die Wetterwendische, GG 39; Der Tiger-Report, Nr. 8, GG 363.

[40] Trost im Gedicht, GG 137 f.

[41] Durch Niederbayern, GG S, 334 f.

[42] Stadtnacht, GG 307; Fatum, GG 308; Neulich in der Philharmonie, SGB 560; Psalm, WS 165 (Leitbock).

[43] Durch Niederbayern, GG S, 334 f.; Choral (hier geht es um das Gotteslamm), GG 475; Frankfurt/Main – Zürich, 5. 5. 95, im Gegenlicht; Drei Miniaturen: Bei Konstanz. Herbst, GG 771; Hannover-Bremen, Eine Winterreise-Trilogie, GG 778 f.; Ist doch wahr!, SGB 507; Wie das Schaf zu seinem gestreiften Fell kam, Hau 148 f.; Der bestrafte Schäfer, Hau 150 f.

[44] Fatum, GG 308.

[45] Von den Wölfen, GG 663.

[46] Kurzes Wiedersehn auf dem Flughafen, GG 39; Bilden Sie mal noch einen Satz mit …, GG S.87; Wettlauf, GG 393;Tote Hose, GG 666; Meinem Hunde gesagt, GG 785 f.; Was wäre, wenn, SGB 416; Chines und Has – ein Vergleich, SGB 435; Zeichenschule I, WS 44, Lied, WS 49.

[47] Alles Verlierer, GG 789 f.; Rabbit on the run, GG 795 (Kulturkaninchen Robert); Die Macht des Willens, SGB 209.

[48] Die großen Monologe, GG 102; Die Tränentiere, SGB 322-326.

[49] Die Geburt, GG 456; Störung, GG 663; Grenzen der Kunst, SGB 468.

[50] Der unbedarfte Aff’, SGB 218 f.; Lied vom Kriegen, GG 744 (nur metaphorisch: jdm. den Affen geben).

[51] Meine Frau, GG 752 f.

[52] Einige Worte zum Bild „Die brennende Giraffe“ von Salvador Dali oder Warum man besagtes Bild nicht schlecht machen kann, GG 839 f.

[53] Der Tiger-Report, Nr. 5, GG 362; Neues vom Nashorn, SGB 380.

[54] Hyänen, GG 397.

[55] Morgendlicher Fund, GG 651; Einfach beschämend!, SGB 539.

[56] Zoo-Impressionen, GG 34.

[57] Aus einem Verständigungstext, SGB 228; Welt des Sports, SGB 369; Subtil, SGB 250; Zoo-Impressionen, GG 34; Sommer in Montaio, 4.8.79, GG 140, Goldene Worte, GG 434 f.; Grenzen der Kunst, SGB 468.

[58] Der Tiger-Report, Nr. 1, GG 359; Tierwelt – Wunderwelt, Hau 89.

[59] Der Tiger-Report, Nr.7, GG 363; Drama in der Steppe, SGB 371.

[60] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[61] Amor und der Tapir. Ein Bilderbogen nach Wilhelm Busch, SGB 398 f.

[62] Affentheater, SGB 442.

[63] Reim und Wirklichkeit, SGB 476.

[64] Animalerotica, GG 50; Ottos Mops ond so fort, GG 521-523; Groß, größer, am größten. Drei Oden, WS 166 (Damhirsch).

[65] Ach Erika, GG 164 f.; Stadtnacht, GG 307; Durch Schwaben, GG 333; Reise in den Schmerz, GG 411 f.; Groß, größer, am größten. Drei Oden, WS 166; Ein Sonntag, WS 246.

[66] Amnesie, GG 435 f.; Frage und Antwort, WS 244; Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87 f. (Gams und Gamsbock).

[67] Hommage à Nietzsche, Hau 169 f.

[68] Vom Fuchs und der Gans, GG 81; Jakobinischer Wandersmann, Abt. II, GG 366; Vom Fuchs und dem Eichelhäher, GG 516; Rabbit on the run, GG 795; Kamerad Tier, SGB 528.

[69] Die kaiserliche Botschaft. Ein Nonsenzgedicht [sic], GG 135; Aus einem Bärenbuch, SGB 205 (ausgesetzter Bär); Bär Bertel oder: Die Kunst des Blumenpflückens, SGB 265; Kamerad Tier, SGB 528; Die Sprache des Bären, WS 294 f.

[70] Polare Probleme, SGB 515.

[71] Nacht- und Reiselied einer schwebenden Bambusbärin, Achterbahn, 85.

[72] Waschbärs Ende, SGB 449.

[73] Gespräch mit dem Wolf, GG 454; Von den Wölfen, GG 663; Fahrt in die Nacht des Landes der Kindheit, GG 777; Lied ohne Worte. San Francesco predigt dem Wolf von Gubbio, SGB 470; Zum Heulen, SGB 573.

[74] Der Werwolf, SGB 482.

[75] Stirb und werde, SGB 447; Groß, größer, am größten. Drei Oden, WS 166.

[76] Lauf der Dinge oder Ballade von den alternden Männern in diesen bewegten Zeiten, GG 377 f.; Memento, GG 495 (hier aus rhythmischen Gründen in der Form „Eichhorn“); Fahrt in die Nacht des Landes der Kindheit, GG 777.

[77] Die Nacht, die Braut, der Tag, WS 292; Folgen der Trunksucht, GG 74, dort nur in der Ableitung frettchenhaft.

[78] Kamerad Tier, SGB 528.

[79] Animalerotica, GG 50; Goldene Worte, GG 434 f.; Im Dachsfigurenkabinett, SGB 268.

[80] Bruder Otter, GG 484-486.

[81] Vergebliches Wünschen, GG 80; Das Opfer, SGB 370; Energiepolitik, SGB 383; Was wäre, wenn (2), SGB 420 f.; Beispiel Biber, SGB 512; Mitte des Lebens, SGB 532; All about Petz, SGB 567.

[82] Die großen Monologe, GG. 102.

[83] Bellmann 2004, 3257.

[84] Die großen Monologe, GG. 103.

[85] Die Mäuse, GG 429

[86] Die großen Monologe, GG. 103.

[87] Das Gleichnis, GG 27; Robert Gernhardt an F. W. Bernstein, WS 253 f.; Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[88] Sonett vom Kampf der Generationen, GG 1002; Komödiantenschicksal, SGB 545.

[89] Vergebliches Wünschen, GG 81.

[90] Dreh es, o Seele, GG 42 (Grönlandwal); Grenzen der Kunst, SGB 468.

[91] Stoppt die Mörderrobben!, SGB 305; Na bitte!, SGB 488.

[92] Der Atelierbesuch, GG 77; Der Zähe, GG 267; Katz und Maus, GG 278; Gespräch über Schönheit, GG 517; Zwischen Mannheim und Groß-Gerau, GG. 533; Von der Laufrichtung, GG 772; Mutter Natur oder Variationen über eine Zeile von Friedrich Klopstock oder In zwanzig Strophen um das Thema Nummer eins, GG 820-823, hier: 823; Ein Staatsdichter verkündet das Ende der Literatur, GG 840; Hiob vor dem Spiegel, GG 896-898, hier: 898; Katz und Maus, SGB 499; Landmaus und Stadtmaus, WS S, 238 f.

[93] Wenn Katzen Fernsehen hätten SGB 356.

[94] Die Mäuse, GG 405.

[95] Ballade vom Gemach, GG 43; Wettlauf, GG 393; Meinem Hunde gesagt, GG 785 f.; Gesang vom Gedicht, GG 849; Ach aber ach, SGB 282.

[96] Sturmskizze, GG 718; SGB 103.

[97] Der Zähe, GG 267; Morgen in Unna, GG 331 f.; Kleine Antwort, GG. 413; Tier im Glück, GG 733; Neulich in Sachsenhausen, SGB 260 (Kanalratte); Der Beweis, SGB 381; Wie ich’s gern hätt’, SGB 410; Hokuspokus, SGB 486.

[98] Was der Tag bringt, GG 460; Natur-Blues, GG 480 f.; Moin, Moin, Morgenstern (Riesenamsel), WS 138.

[99] Große Anrufung des Heiligen Franziskus (Jagdhund), GG 904-906, hier: 906.

[100] Erzählung, GG 159; Robert Gernhardt an F. W. Bernstein, WS 253 f.

[101] Der Sommer in Montaio, 26. 7. 79, GG 139; Der ICE hat eine Bremsstörung hinter Karlsruhe, GG 532; Mittägliche Rast, GG 646; Resignative Reime, GG 717; Robert Gernhardt an F. W. Bernstein, WS 253 f.

[102] Das vierzehnte Jahr. Montaieser Elegie, 13. Stück, GG 219 f.; Auf Rügen, morgens, GG 691; Morgen eines Dichters, GG 846.

[103] Und es gibt Tiere, GG 166; Tierwelt – Wunderwelt, Hau 88.

[104] Jakobinischer Wandersmann, Abt. II, GG 366; Schön und gut und klar und wahr, GG 437; Tier im Glück, GG 733.

[105] Dichter und Vogel, GG 657. Für die mitlesende Jugend: Küchlein ist ein altes Wort für Küken; beides bezeichnet das goldgelbe Hühnerkind.

[106] Schöpfer und Geschöpfe, GG 280.

[107] Natur-Blues, GG 480 f.

[108] Erzählung, GG. 159.

[109] Die Vögel, GG 406.

[110] Dichter und Vogel, GG 657.

[111] Umgang mit Tieren, eins, GG 820-823, hier: 822; Umgang mit Tieren, GG S.87; Erzählung, GG. 159; Dichter und Vogel, GG 657.

[112] Eine schöne Vorstellung, GG 704; 3. September. Toscana terapia zum ersten, GG 898.

[113] Zur Beherzigung, GG 306 f.; Dichter und Vogel, GG 657.

[114] Bussard an der Bahnstrecke Augsburg-Ulm, GG 334; Septembersee, GG 487 f.

[115] Erzählung, GG. 159.

[116] Lilith, GG 105 f.; Dichter und Vogel, GG 657.

[117] Die Vögel, GG 406; Bei Betrachtung des Vandalenlagers, SGB 483, Mein sei mein ganzes Herz, WS 227-229.

[118] Vom Fuchs und dem Eichelhäher, GG 516.

[119] Beginn der Sommerzeit 96, GG 482; 11. Januar 1998 – er fährt an der Berliner Reichstagsbaustelle vorbei (Nebelkrähe), GG 722; Drei Miniaturen: Bei Konstanz. Herbst, GG 771; Die Vögel oder Ginnheimer Feld-, Wald- und Wiesengedicht (Rabenkrähe), GG 865.

[120] Schwanengesang, GG 70; Tretboote auf dem Main, GG 205; Mutter Natur oder Variationen über eine Zeile von Friedrich Klopstock oder In zwanzig Strophen um das Thema Nummer eins, GG 820-823, hier: 822; Schwanenlied, SGB 564; Schwanengesang, WS 10.

[121] Die Vögel, GG 812.

[122] Vom Fuchs und der Gans, GG 81; Ottos Mops ond so fort, GG 521-523; Jeden Herbst dasselbe, SGB 436.

[123] Kamerad Tier, SGB 528.

[124] Zoo-Impressionen, GG 34 f.

[125] Couplet vom Hauptstadtroman, GG 674; Auf Rügen, morgens, GG 691.

[126] An die Herren, GG 152; Couplet vom Hauptstadtroman, GG 674; Kurzer Aufenthalt in und um Krems a. d. Donau i. d. Wachau, GG 691 f.; Tübinger Feststellung, GG 769; Neulich am Ufer, SGB 586.

[127] Polare Probleme, SGB 515.

[128] Zoo-Impressionen, GG 34 f.

[129] Eine merkwürdige Begegnung im Schlosspark von Herrnsheim, GG. 324. Das Wasserhuhn heißt auch Blässhuhn (Fulica atra) und gehört zur Familie der Rallen.

[130] Reiher an der Bahnstrecke Augsburg-Ulm, GG 333; Im Nebel, GG 482; Frankfurt/Main – Zürich, 5. 5. 95, im Gegenlicht, GG 530 f.; Vorzeichen, GG 584 f.; Nach der Nacht, GG 689; Die Vögel, GG 812; Nachricht von der Chemotherapie (hier in der Bedeutung des Verbs reihern), GG 886.

[131] Samstagabendfieber, WS 269.

[132] Frankfurt/Main – Zürich, 5. 5. 95, im Gegenlicht, GG 530 f.

[133] Folgen der Trunksucht, GG 74.

[134] Der Atelierbesuch, GG 77; Katzengedichte, GG 274 f.; Ein Glück (über einen Spatzentod), GG 572; Beispiel Bella zum ersten (über einen Spatzenschwarm), GG 664.

[135] Erzählung, GG. 159; Die Tanzenden. Für Johanna Knorr, WS 191-193.

[136] Frankfurt/Main – Zürich, 5. 5. 95, im Gegenlicht, GG 530 f.

[137] 1. 6. Samstagmorgen, GG 593; Schwaches Bild, SGB 226.

[138] Indianergedicht, GG 158; Fritz, Freund und Augur (Grünspecht), GG S.599; Grenzen der Kunst, SGB 468.

[139] Frau mit Askan, GG 810 f.

[140] Eine merkwürdige Begegnung im Schlosspark von Herrnsheim, GG. 324.

[141] Störung, GG 663; Urworte. Optisch: Liebe, Peep, GG 824; Feuer und Flamme, SGB 450; Neujahrsballade, SGB 501; Der entlarvte Hahn, SGB 542; Schwanenlied, SGB 564.

[142] Giuseppes Botschaft, GG 708 f.; Urworte. Optisch: Liebe, Peep, GG 824; Feuer und Flamme, SGB 450, Der entlarvte Hahn, SGB 542.

[143] Umgang mit Tieren, GG 87.

[144] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[145] Was wäre, wenn, GG 702 f.

[146] Viel und leicht, GG 489.

[147] SGB 83.

[148] Beim Anblick des Fregattvogels, GG 225 f.

[149] Vater und Söhne, SGB 397.

[150] Im Netz, GG 772 f.; Volksmund, SGB 459.

[151] Sonett im Krebs, GG 848.

[152] Groß, größer, am größten. Drei Oden, WS 167.

[153] Folgen der Trunksucht, GG 74.

[154] Der Atelierbesuch, GG 77; Schöpfer und Geschöpfe, GG 280; Frauen von heute und ihre Hüte im Urteil der Zeit genossen, SGB 568.

[155] Geständnis, GG 167; Frauen von heute und ihre Hüte im Urteil der Zeit genossen, SGB 568.

[156] Ebd.

[157] Ebd.

[158] Ballade vom Fisch, Hau 145.

[159] Pomm Fritz. Ein humoristischer Gedichtzyklus, GG 48.

[160] Morgendlicher Ausgang, GG 641; Der Forscher und die Schlange, SGB 384.

[161] Was ich heut sah, GG 84.; Froschmann, wohin?, SGB 524; Benn im Bild. Versuch einer Visualisierung des Gedichts „Einsamer nie -“ von Gottfried Benn, WS 131-137; Die Tanzenden. Für Johanna Knorr, WS 191-193.

[162] Liebesgedicht, GG. 186.

[163] Der ewige Molch, SGB 571.

[164] Schöpfer und Geschöpfe, GG 280.

[165] Sucher auch sie, SGB 527.

[166] Bitte um Verständnis, SGB 458.

[167] Verfrühtes Dunkel, GG 648.

[168] Kurze Rede zum vermeintlichen Ende einer Fliege, GG 486; Fliegengedicht, GG 717; Im Netz, GG 772 f.; Der Herr der Fliegen, SGB 441.

[169] Der Hund, GG 814 f.

[170] Septembersee, GG 487 f.

[171] Memento, GG 495 („Schmetterlingsgaukeln“); Memento mori, SGB 494.

[172] Wie das berühmte Raupenbild entstand, SGB 475.

[173] Doch da ist noch ein Falter. Ein Couplet, GG 72. Reimwörter sind dort Alter, Walter und Psalter. Weiterhin: Liebesgedicht, GG. 186; Dämmerung, GG 487; Mittagsruhe, GG 648.

[174] 8. Oktober. Toscana terapia zum fünften, GG 907: „Tou-bän-schwänz-gen. Che parola grossa per un insetto cosi piccolo“.

[175] Wärme, Stille, Kühle, GG 444; Verfrühtes Dunkel, GG 648; Über die Unmöglichkeit, von der Stille zu reden, GG 705; Die Lehre der letzten Hornisse, GG 718; Invasion der Bienenfresser, GG 901 f.

[176] Die Lehre der letzten Hornisse, GG 718; Alles Verlierer, GG 789 f.

[177] Schlaflos um 4 Uhr 30, GG 660.

[178] Wieder was gelernt, SGB 562.

[179] Ein Ratschlag, SGB 473.

[180] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 87.

[181] Ebd.

[182] Ebd. 89.

[183] Ebd.

[184] Ebd.

[185] Ebd.

[186] Ebd.

[187] GG 19 f.

[188] Tierwelt – Wunderwelt, Hau 89.

[189] Der Tiger-Report, Nr. 6, GG 362

[190] BE 7.

[191] Osterballade, GG 244. „Ostergeier“ beruht scheinbar auf einem Aussprachfehler des Kleinkinds Mimi, das eigentlich „Ostereier“ sagen wollte. Das denken jedenfalls Mimis Eltern, bis der Ostergeier niederfährt, Mimi packt und mitnimmt.

[192] Vertreter-Elend, SGB 110. Hier ist dem Dichter womöglich ein Schreibfehler unterlaufen, denn der abgebildete Staugsaubär versucht offensichtlich, einer Hausfrau einen Staubsauger anzudrehen.

[193] SGB 81.

[194] Der Mördermarder, GG. 75 f.

[195] LG 128-130.

[196] Glück 2003, 276 f.

[197] W 275

[198] Weitere einschlägige Verben finden sich bei Dornseiff 1970, Nr. 7/33.

[199] Der Wikipedia-Artikel „Liste fiktiver Tiere“ (Aufruf am 20. 5. 2013) berücksichtigt Gernhardts Neozoen nicht, was einmal mehr zeigt, dass man Wikipedia-Artikel nicht zitieren sollte: sie sind mitunter unzuverlässig.

Der Mops im literarischen Bestiarium

Mit zwei unveröffentlichten Gedichten von Friedrich Rückert

Von Reinhold Münster

Logbuch der Wissenschaften
60. Jahrgang
5. Januar 2013

Den ersten Besuch in Bamberg hatte ich mir anders vorgestellt. An diesem Tag drückte die Hitze des Sommers auf das Gemüt, in der Ferne kündigte sich mit Donnergrollen ein Unwetter an. Die Gassen schienen fast ausgestorben zu sein. Endlich tauchte am Rande der Innenstadt ein kleines Straßencafé auf. Die Tische waren verwaist. Ich suchte einen Platz im Schatten der Häuserwände und bestellte einen großen Cappuccino, um die erschlafften Lebensgeister aufzumuntern, doch bald wirkte die Stille auf mich.

Plötzlich, wie auch sonst in der modernen Literatur, riss mich ein unheimliches Geräusch aus meinem leichten Dösen. Ich fuhr hoch. Ein rascher Blick um mich: keine Bewegung, nichts, niemand. Die Fenster in der kleinen Straßenschlucht waren geschlossen. Der Lärm ging in ein lautes Schnarchen über. Da entdeckte ich den Täter – einen feisten Mops, der sich im Schatten unter meinen Stuhl häuslich eingerichtet hatte, tief und fest schlummerte und im Schlaf nach Beute schnappte.

In diesem Augenblick erwachte der Wissenschaftler in mir, alle Müdigkeit war gewichen. Der Mops als Zeichen (für Stil)? Als Symbol? Als Metapher? Als Allegorie? Als Genderproblematik? Als wissenschaftliche Tatsache? Als kulturelle Ikone? Als „Weißwurstmarzipanschweinkampfstier“ – so die Zusammenfassung der Beschreibung aus Brehms Tierleben? Ich beschloss, mich dem Problem zu widmen und notierte in das Logbuch der Wissenschaften die folgenden Fragen: Was wusste ich über den Mops? Wo kam er her? Worin bestand seine kulturelle Leistung für die Menschen? Wo geht er hin?

Mein Wissen über den Mops – die erste Frage ließ sich einfach beantworten – bewegte sich auf keinem besonders hohen wissenschaftlichen Niveau, griff auf die direkte, empirische Beobachtung zurück: Vier Beine, ein geringelter Schwanz, kupierte Ohren, ein schwarzes, flaches Gesicht, in diesem Fall zu einer beigen Färbung des Fells getragen. So lag er fett und schwer schnaufend da.

Es blieb nur eine Lösung: Ich schleppte mich zur Staatsbibliothek den Berg hinauf, bestellte die gängigen Nachschlagewerke, deren Stapel langsam auf dem Tisch anwuchsen. Der erste Band war – für Bamberg nicht verwunderlich – die frühchristliche Naturkunde des Physiologus. Schön sprach der Physiologus vom Charadrius, von den Eselskentauren, dem Einhorn, dem Enhydris und dem Ichneumon, dem Antholops, dem Hydrippos, sogar von der Ameise, nicht aber vom Mops; er erwähnte ihn mit keiner Silbe. Schön sprach der Physiologus auch vom Baum Peridexion, behandelte aber nicht die Frage, ob der Mops nicht an diesem immer wieder sein Hinterbein anhob und so den Fortbestand der Fauna sicherte.

Auch die Lektüre moderner Bestiarien blieb ernüchternd. Franz Blei behauptete, er habe alle lebenden Tiere in sein Bestiarium literaricum aufgenommen. „Den Nutzen dieses kurz und bündig abgefassten Bestiariums wird der Tierfreund und -feind beim Durchblättern also gleich mit Vergnügen bemerken.“ Dabei befleißigte er sich, so seine Aussage, des damaligen Standards wissenschaftlicher Objektivität: „Aller Kritik unserer Viecher habe ich mich enthalten, wie man merkt: Wir müssen sie hinnehmen, wie Gott sie geschaffen. Ihm allein die Ehre und die Verantwortung.“ Blei neigte zu unzulässigen Verallgemeinerungen, besonders in der Frage nach der Intelligenz der Tiere: „Denn gerade das, was einige von unseren heutigen Tieren behaupten, das tun sie gar nicht: denken.“ Dabei blieb er ein kritischer Beobachter, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen können: „Der Benn ist ein giftiger Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.“ Oder: „Die Courthsmahler ist eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt.“ Den Mops jedoch sucht der geneigte Leser vergeblich. War er so diskreditiert, dass ihn Blei zu denjenigen Tieren rechnete, die vom Bacillus imbecillus befallen gewesen seien?

Fritz Raddatz, Prachtleierschwanz und Spezialist für biographische Forschungen zum jungen Goethe in Frankfurt, beschäftigte sich im Bestiarium der deutschen Literatur mehr mit Mollusken, bunten Vögeln, Fischen und schleimenden Geschöpfen aus unterschiedlichen Gewässern. Kein Dichter, auch keine alte Jungfer waren es ihm wert, mit einem Mops verglichen zu werden.

Die Gesamtschau bisher war enttäuschend verlaufen: Die gängigen Bestiarien von der Antike und dem Mittelalter bis zur Gegenwart wussten nichts vom Mops zu berichten.

Wo also kam er her (zweite Frage)? Drei Theorien konkurrierten bisher um die wissenschaftliche Anerkennung und Verifizierung. Bernhard-Victor von Bülow behauptete, die Heimat des Mopses liege in Europa. „Als Herr des Waldes durchstreifte der Mops einst Europa zwischen dem Ural und Fichtelgebirge. Heute weiden nur wenige wilde Möpse in unbewohnten Waldungen Nordschwedens.“ Knochenfunde aus der Zeit um 1500 erhärteten den Befund. (Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer die Ausgräber waren. Ich vermute: Gilbert und Henry aus dem Hause Bülow.) Der Mops galt und gilt bis heute als gefährdete Art, so Bülows Meinung: „Ende des 16. Jahrhunderts galten die mächtigen Mopsschaufeln noch als beliebte Jagdtrophäe.“ Da der wilde und scheue Waldmops Wälder verwüstete, Vogelnester ausnahm und Rotwild riss, wurde er eingefangen und domestiziert. Bülow erkannte hier indirekt einen wichtigen Aspekt literarischer Moderne seit der Aufklärung: die Domestizierung der Wildnis, die dem Nutzkalkül unterworfen werden sollte. „Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich 14-Ender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten.“ Teile des Wildbestandes sollen in der Gegenwart nach Südafrika ausgewandert sein; einige seltene Exemplare wurden von Bülow noch in den achtziger Jahren an der Wesermündung gesichtet.

Die zweite Theorie verlagerte die Herkunft des Mopses auf den Ursprungskontinent des Homo sapiens. Sie besagte, dass der Mops im 17. Jahrhundert von Südafrika nach Europa, besonders in die Niederlande und nach England gekommen sei. Am Kap der Guten Hoffnung hätten Wilhelm III. von Oranien und Maria von Oranien-Nassau die Vierbeiner aufgegriffen und mit zu ihrer Krönung (1689) ins Vereinte Königreich genommen, wobei die Möpse wie die Fangemeinde der niederländischen Nationalmannschaft Schals in Orange getragen haben sollen. (Ein Vergleich beider Gruppen liegt mir fern, denn der Mops Pompey soll seinem Herrn während eines Überfalls im Heerlager von Hermigny durch lautes Lärmen den Sieg gerettet haben.)

Viele Wissenschaftler favorisierten eine dritte Theorie. Sie behauptete die Herkunft des Mopses aus China. Dort hatte er sich hochgezüchtet zum Molosserhund und gelangte vor mehr als 2.000 Jahren an den chinesischen Kaiserhof, wobei er mehr oder weniger sein heutiges Aussehen annahm. Gerne lag er dort auf rotseidenen Kissen mit goldenen Troddeln. Aktiv stritt er mit Dschingis Khan in dessen Heer und gelangte mit seinem Feldherrn auch nach Europa. Eindeutig dürfte sein, dass der Mops mit den Entwicklungen in der Alten Welt verbunden ist. Für die Bestätigung der Theorie sprechen einige Fakten, die eng mit der dritten Frage verbunden sind und mit ihr diskutiert werden sollen.

Der Mops trat als kampferprobter und mutiger Held auch in die Geschichte der europäischen Literatur und Kunst ein. 1717, in der Schlacht von Belgrad gegen die Heere der Türken, verteidigte er seinen Herrn, den Feldmarschall Herzog Karl Alexander, als Prinz Eugen schon längst vom Schlachtfeld verschwunden war. Im Zuge der militärischen Bewegungen wurde der Mops auf dem Kampfplatz schlicht vergessen. Heldenhaft suchte er den Weg durch die feindlichen Linien und gelangte heil nach Württemberg.

Elf Tage lang ist er gerannt,
von Belgrad heim ins Schwabenland!

So heißt es in einem Gedicht, das bei seinem Ableben verfasst wurde. Es dürfte in der Literaturgeschichte nicht häufig vorkommen, dass Casualcarmina wie Epicedien auf einen Mops gesungen wurden. (Hier öffnet sich eine Forschungslücke in der deutschen Literaturwissenschaft, die sich sicherlich durch einige Doktorarbeiten schließen ließe.)

Das Motiv des menschliche Fähigkeiten überschreitenden Kämpfers behielt seinen Reiz bis weit in die Weimarer Republik. So ließ Paul Scheerbart seinen Band Mopsiaden mit einem klar positionierten Vierzeiler beginnen:

Für den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Also sprach der Mops: Ich halte mich für den Übermenschen. Dieser Witz kam im Jahr 1920 a) ziemlich spät und b) mit miserablen Reimen daher. Gerade der Mops verweigert sich dem Reim. Als Reimworte kennt die Literaturgeschichte bis heute lediglich: Klops, Drops, Hops und obs. Das ist dürftig bis beschämend. Aus meiner Sicht war es aber nicht der einzige Grund, warum deutsche Poeten den Mops wenig in ihr Herz geschlossen haben.

Im Barock ein kriegerischer Held, im Rokoko ein Frauenheld im Boudoir: Hier zeigte sich die Anpassungsfähigkeit des Tieres. Der zärtliche Gleim widmete ihm zwei vergnügliche Gedichte; eins ist abgedruckt bei Felicitas Noeske (Mops Epitaphium), das andere findet sich im Versuch in scherzhaften Liedern unter dem bezeichnenden Titel Das Möpschen. Schon der Diminutiv deutet an, dass der Vierbeiner über eine gewisse Naivität verfügt. Das niedliche Möpschen wurde von Philemon ausgesandt, die Schöne zu bewachen. Während es diese Aufgabe auf dem Schoß der Dame wahrnimmt und Zucker leckt, entspinnt sich ein kleiner Dialog, während dessen der Held überlistet wird. Die Musa iocosa hatte wohl ihre Finger im Spiel. Das Mädchen, so verrät es der Mops, solle nur mit Philemon spielen und scherzen, nicht mit anderen Männern Vertraulichkeiten und Küsse austauschen. Sollte dieser Fall eintreten – und er wird sich kurze Zeit später in einer anderen Geschichte (1796) ereignen –, dann komme es zum Hauen und Stechen, zum Bellen und Beißen:

Ich bin ein treuer Diener,
Drum hütet Euch vor Möpschen!
Ich leide keinen Fremden,
Der Euch die Wangen streichelt,
Der etwa seine Lippen
Auf Eure Lippen drücket!

Die spröde Schöne weiß jedoch den klugen Ausweg. Wenn aber eine Freundin sie küssen würde, was dann? Da muss ich meinen Herrn fragen, lautet die prompte Antwort. Und schon ist der Mops losgelaufen und hat Platz gemacht für neue Scherze.

Wichtig für den Fortgang der Geschichte und kulturellen Leistung des Mopses wurde in dem Zusammenhang von Eros und kontrollierender Macht – von Michel Foucault völlig unbeachtet – Fortunée, der Wächter von Joséphine de Beauharnais. Die Fama berichtete, dass in ihrer Hochzeitsnacht Napoleon von dem Tier ins Schienbein, andere sprechen vom Wadenbein, gewissen wurde, als dieser ins Brautbett klettern wollte. Knurrte Fortunée dabei „In Tyrannis“? Die Frage ist bis heute nicht beantwortet, auch nicht diejenige, ob damit in die Trompete für die Erhebung der europäischen Völker gebellt wurde.

Eine neue Konstellation entstand: Die jungen Mädchen liebten den Mops, er galt als ihr Gespiele, als ihr Wächter, als ihr Kuscheltier im Bett. Die jungen Männer, allen voran Napoleon, hassten den Mops als Konkurrenten, aber auch als Revolutionär und weiterhin tapferem Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne. Ein starker Beleg für diesen Abscheu vor dem Mops findet sich in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Das Märchen). Goethes Ablehnung jeglicher revolutionärer Umtriebe kann als bekannt vorausgesetzt werden; es geht hier nur um die literarische Rolle des Mopses. Dieser opferte sein Leben, um die Geschichte – als Erlösungsgeschehen, Herr Scheerbart! – voranzutreiben. Die schöne Lilie fragte: „Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?“ Sie spielte mit dem Tier, dem sie das Leben zur Hälfte wieder geschenkt hatte, betrachtet es mit Wohlgefallen, drückte es an ihr Herz und so weiter. Der Jüngling sah dies mit scheelen Augen und wachsendem Verdruss: „[…] aber endlich, da sie das hässliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen küsste, verging ihm alle Geduld“, und er beschimpfte den Mops als „widernatürliche Missgeburt“. Keine Biographie, die mir bekannt ist, berichtet davon, dass Goethe ein Haustier besaß.

Mit der aufgezeigten, erotischen Komponente spielt heute noch das Bild der niederländischen Malerin Nastja Holtfreter: Frau mit Möpsen. Die Blicke einer alten Jungfer, die keine genetische Schönheit ist, signalisieren Begehren, die beiden Möpse, die sie in den Armen vor dem Busen hält, signalisieren Aggression und Missmut.

So waren es Männer des 19. Jahrhunderts, die immer wieder schlecht vom Mops und seinen Fähigkeiten sprachen. Den Höhepunkt der Kampagne beschreibt eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Das junge Mädchen, das gilt auch für die hübsche Erzählung Horacker von Wilhelm Raabe, verwandelte sich nun in die alte Jungfer. Der Mops sei alter Damen Freude, dichtete Busch in seinem Naturgeschichtlichen Alphabet: Eine alte Vettel taucht ein Biskuit in ihre Tasse, ein fetter Mops auf dem Tisch stehend, wartet schon auf die Leckerei. Drastisch führte Busch seine Kritik des Mopses und seines Frauchens in Die Strafe der Faulheit aus:

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Das wurde dabei fett und dick. Einen Braten wie diesen wollte sich der Hundefänger nicht entgehen lassen, fing den Mops und fraß ihn auf. Die Haut verkaufte er an das Fräulein für zwei Goldstücke. Das letzte Bild: Schnick mit einer Brezel im Maul.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
– Wer dick und faul, hat selten Glück.

Buschs schwarze Pädagogik dürfte bekannt sein, sein Hass auf die Lehrer und die bürgerliche Gesellschaft auch. Und besonders viel Liebesglück schien in seinem Leben auch nicht Platz genommen zu haben. Die Botschaft für die Leser war klar, so Felicitas Noeske: Armen Kerlen wird das Fell abgezogen. „Irgendwann folgte der Grande Révolution der Grillabend.“

In diesem Kontext fügen sich die beiden Gedichte von Friedrich Rückert problemlos ein, die im Stadtarchiv Schweinfurt (Sammlung Rückert) zu finden sind.[1] Rückert pflegte im Gegensatz zu Busch ein mehr praktisches Verhältnis zu Haustieren. Dies kann ein ganz kleiner Exkurs zeigen. In Zur Ehre der Gans (Lyrische Gedichte. Haus und Jahr) wird von einer jungen Liebe berichtet. Nach dem ersten Abschied vom Geliebten fütterte das Mädchen ein Gänschen. Nach einiger Zeit schrieb sie sehnsüchtig:

Liebster, komm! das Gänschen fett
Ist genug gepfropfet,
Und die Federchen ins Bett
Sind bereits gestopfet.

Gänse scheinen im Hause Rückert ein Lieblingsgericht gewesen zu sein. Ganz realistisch heißt es dazu (Das Männlein in der Gans), fast im Stile eines Wilhelm Busch:

Die Köchin wetzt das Messer,
Sonst schneidt‘ es ja nicht;
Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
Als dass man sie sticht;
Wir wollen sie nehmen und schlachten
Zum Braten auf Weihnachten.

Dem Mops ergeht es nicht viel besser. Wie bei Busch gehörte für Rückert der Mops als gesellschaftliches Zeichen zu den alten Damen (Sammlung Rückert, A II 71d–430):

Willst du als Ehrenangebinde
Höflichern Mannes Namen tragen,
Musst du die junge Frau nach ihrem Kinde
Nach ihrem Mops die alte Jungfer fragen.

Wem der gute Rat gelten sollte, ließ sich nicht feststellen. Auch im zweiten Gedicht bleibt unklar, wer die Totengräberin des Mopses sei. Rudolf Kreutner vermutete, dass es sich um die kapriziöse Tochter Marie handeln könnte. Das Gedicht ohne Titel (Sammlung Rückert, A II 71a–270):

Und als ihr Lieblingsvieh gestorben war, der Mops,
Befahl sie daß im Garten mans begrabe;
Im Grünen stinkt es nun, als obs
Im Zimmer nicht schon gnug gestunken habe.

Damit wäre der Weg, den der Mops in der menschlichen Kultur durchschritt, fast gedeutet: Ein Lebenslauf in absteigender Linie. Christian Morgensterns Beschreibung des Mopses zielte weit an der literarischen Wirklichkeit vorbei (Mopsleben):

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

Wer außer Morgenstern hätte je einen Mops in solch lächerlicher Position gesehen? Der Mops als meditierendes Wesen, als kleiner Buddha? Sein Weg in Europa war ein anderer: Vom barocken Helden über den Helden im Bett der jungen Mädchen, zum Tröster alter Jungfern, am Ende zur ausgestopften Haut, zum Braten oder zur stinkenden Leiche. Sic transit gloria mundi. Geht noch mehr?

Natürlich! Auf so viel an Verachtung, auf so viel an Hass, denen der Mops ausgesetzt war, kam die Versprachlichung des Hundes, seine Auflösung in eine Sprachstruktur, die Reduktion als Träger eines phonetischen Merkmals, des Vokals „o“. Ernst Jandl (der künstliche baum) verwandelte den Mops, aber auch Gott und Otto in ein Sprachspiel des Univokalismus. Dass dabei dem literarischen Mops das Kotzen ankam, entspricht wohl seiner früheren revolutionären und kämpferischen Natur. Seine Reaktion war:

ottos mops hopst fort

Doch wo „hopst“ er hin? „Bitte Geduld! Nur noch zwei Minuten!“ Dann ist auch die letzte Frage in ihren Grundzügen umrissen. Im Jahr 1971 landete die Raumfähre „Wotan I“ auf der Mondoberfläche. Die erste Einstellung der Kamera zeigte die Mondfähre, im Hintergrund lag gut erkennbar die Erde. Vorn im Staub des Mondes saßen zwei Möpse, die bunte Welt seelenruhig betrachtend. Bülow druckte das Protokoll in seinen Untersuchungen ab:

Worte des Sprechers während der Live-Übertragung aus dem Weltraum: „Das sind wohl die bisher eindrucksvollsten Farbfernsehbilder von der Mondoberfläche. Im Hintergrund rechts die Erde, unser blauer Planet, links die Landefähre.
Unter 68 Astronauten, die in die engere Wahl kamen, hatten sich Meyer und Pöhlmann als die härtesten erwiesen. Allerdings höre ich eben, dass Pöhlmanns Puls auf 160 gestiegen ist, Meyers liegt noch bei 92.
Dieses Bild wird sich uns für immer einprägen – ein Bild, das jetzt im Augenblick von über 300 Millionen Menschen rund um den Erdball empfangen wird. Meyer und Pöhlmann, Deutschland ist stolz auf euch.“

War der Mops von Fräulein Lunden (James Krüss) heimlich in die Rüstung von Pöhlmann gestiegen, da sein Puls so hoch lag? Ich weiß es nicht. Müde winkte ich den beiden Raumfahrern zu und wünschte ihnen viel Glück für den weiteren Lebensweg. „Lebt wohl, Möpse. Ein lustigeres Leben als auf der Erde findet ihr überall!“

Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. Ganz leise sprach eine weibliche Stimme zu mir: „Wir schließen in fünf Minuten.“ Ich erhob mich vom Lesetisch in der Bibliothek, streckte meine Glieder, löschte das Licht und beschloss mich von den Anstrengungen des Tages im nächsten Weinhaus mit „möpselndem Wein“ zu stärken.

Man erzählte später, ich hätte mir diese Geschichten lediglich ausgedacht, und einige Kollegen gingen so weit, mir anzudichten, ich hätte eine Schwäche für Alkohol, aber das ist eine gemeine Lüge! Heiliger Ijon Tichý bitt für mich! Aber so sind die Menschen: Sie glauben lieber den unwahrscheinlichsten Unfug als korrekte Tatsachen, die ich mir hier dazulegen erlaubt habe.

Literatur:

Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur. Hamburg 1995.

Wilhelm Busch: Sämtliche Werke. Gütersloh 1982.

Johann W. L. Gleim: Sämmtliche Werke. Bd. 1. Halberstadt 1811.

Johann Wolfgang von Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. HA Bd. 6. München 1982.

Ernst Jandl: poetische werke. Bd. 4. München 1997.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher. Frankfurt a.M. 1978.

Loriot: Gesammelte Prosa: Zürich 2006.

Loriot: Möpse und Menschen. Zürich 1983.

Felicitas Noeske: Das Mops-Buch. Frankfurt a.M. 2001.

Physiologus: Hanau 1981.

Fritz Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Reinbek bei Hamburg 2012.

Friedrich Rückert: Poetische Werke. Bd. 2. Frankfurt a.M. 1882.

Friedrich Rückert: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Schweinfurt 1999.

Paul Scheerbart: Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Stuttgart 1990.

Karin Tebbe: Der Mops – eine nutzlose Kreatur? Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg 294 (9/2009).

Kurt Tucholsky: Das Wirtshaus im Spessart. In: Panter, Tiger & Co. Reinbek bei Hamburg 1954.

Brehms Tierleben. 1827. Zitiert nach: Focus online. Zugriff, 23.11.2012. 17:40 (Der Mops, ein Wunder der Natur).

Wikipedia.org: Mops. Zugriff: 23.11.2012, 13:30.


[1] Hier die einzige Fußnote: Ich danke Herrn Dr. Rudolf Kreutner von der Friedrich-Rückert-Gesellschaft für das Auffinden und die Druckerlaubnis der beiden Gedichte.

Talente, die ich gerne hätte

von Bernhard Setzwein

für Hans-Peter Ecker zum Sechzigsten

Einmal
so den Hals recken können
wie die Gerbera,
um Ausschau zu halten
nach dem,
was noch kommt,

Und so
im Gras liegen
wie die Katze,
die ganze Existenz nur mehr
Konzentration und
Gespanntheit
hin auf das Eine,
das da geraschelt hat
im Lebensgebüsch.
(Und dabei lag sie eben noch
mit zusammengekniffenen Augen
als die fauligste Hingestrecktheit
aller nur denkbaren Hingestrecktheiten
unter der Sonne
im Hof.)

Sich,
ins Gras fallen lassen können
wie ein reifer Apfel,
das einzige Geräusch der Welt,
bei dem niemand erschrickt.

So perfekt unauffällig sein
wie die zehntausendste Sardelle
in einem Fischschwarm.
Und doch einmal im Leben
dafür sorgen,
daß der ganze Schwarm
die Richtung ändert.

Und dann wieder vorsichtig sein
wie der Hirsch,
der erst beim allerletzten Büchsenlicht
aus der Deckung tritt.
(Hauptsache es reicht aus,
daß hinterm Zielfernrohr
einer blaß wird vor Neid und erkennt,
was für ein prächtiger Bursche man gewesen wäre).

Nach dem Weibchen trällern können,
wie nur die Amsel
trunken drollig trällert,

und selbst im Dunkel nach Hause finden
mit der Zielsicherheit der Fledermaus.

Menschen erschrecken können,
so wie die Ringelnatter erschreckt,
nämlich ganz ohne Vorsatz
und gewissermaßen
wider Willen
(dafür aber
umso effektvoller).

Sich so wenig aus Nässe machen
wie das Gras
am tau-feuchten Morgen.

Und anbeterisch sein
wie die Sonnenblume,
und in diesem Anbetertum
überhaupt nicht wählerisch.

Die hohe Kunst
des Beleidigtseins zelebrieren
wie das Entenweibchen,
das wieder keinen Erpel abgekriegt hat.

Wenn schon angefressen sein,
dann so
wie der Steinpilz
im Wald
(nämlich würdevoll angefressen).

Und auf gar keinen Fall emsig sein
wie die Ameisen!

Dann schon lieber
frech wie die Spatzen,
die im Tiefflug
eine Runde drehen
durch die Eisdiele.

Im Zeichen des Affen

Literatursatiren auf die menschliche Subjektwerdung (von Wilhelm Hauff, Erich Kästner und Paul Maar)

Von Stefan Neuhaus (Koblenz)

Für Hans-Peter Ecker

Vorbemerkung

„Das Subjekt konstituiert sich im Diskurs“ (Zima 2000, 15), und es ist auch dieser Diskurs, der das Subjekt wieder de-konstituieren kann, wobei freilich zunächst ein Subjekt und eine Auffassung über seinen Status gegeben sein müssen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die „Autoreflexivität“ (Zima 2000, 22), also das Reflektieren des eigenen Subjektstatus, für die Konstitution eines Selbst-Bewusstseins, also eines Sich-Selbst-Bewusstwerdens unabdingbar ist und somit die Voraussetzung dafür, nicht das Objekt der Handlungen anderer, sondern das Subjekt des eigenen Handelns sein zu können. Das kritische Hinterfragen des Subjektstatus der Zeitgenossen gehört konstitutiv zur Literatur, die mögliche Realitäten simuliert und damit den Leser-Subjekten hilft, mögliche eigene Optionen durchzuspielen. Als das Gegenteil eines menschlichen Subjekts im emphatischen Sinn lässt sich in der Literatur der Affe sehen, auch wenn Biologen und Tierfreunde eine solche Aussage nicht gern lesen werden. In der Literatur handelt es sich, das sei zum Trost gesagt, ja nicht um reale Affen, sondern um Figuren, die als komplexe Zeichen angelegt sind. In den nun vorgestellten Beispielen dienen Affen als satirische literarische Zeichen und es werden die Gründe hierfür zu diskutieren sein.

Dazu sei bemerkt: Die konventionalisierte Bedeutung des Affen als Symbol ist überwiegend negativ. Der Affe gilt als: „Symbol der Mimikry, des Teufels bzw. des Bösen, des Sexualtriebes und der Verantwortungslosigkeit. – Relevant für die Symbolbildung sind a) die biologische Nähe zwischen A[ffe] und Mensch, b) die Fähigkeit des A[ffen] zur Nachahmung (des Menschen), c) das triebgesteuerte Verhalten des A[ffen]“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Hinzufügen könnte man noch die äußere und motorische Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch. Vor diesem Hintergrund ist die nachfolgend skizzierte Verwendung des Affen als Motiv differenziert und komplex. Das Lexikon literarischer Symbole nennt bereits zahlreiche Beispiele, etwa aus der sich für die Verwendung von Tiermotiven anbietenden Gattung der Fabel (vgl. Butzer/Jacob 2008, 8 f.). Daemmrichs Themen und Motive in der Literatur fasst zusammen, welche Motivverwendung in der Literatur bekannt ist, und verweist auf dem Affen symbolisch verwandte Tiere:

Metaphern von gebildeten Affen, Affenmenschen, scharfsinnigen Flöhen und scheinbar naiven, aber begabten Katzen und Mäusen profilieren häufig kritische Darstellungen des gesellschaftlichen Verfalls (E.T.A. Hoffmann, Poe, Raabe, Kafka, Beyse). Sie dienen fernerhin der Kontrastierung von begnadetem Schaffen und poetischer Nachahmung, wahrer Empfindung und oberflächlichem Kunstgenuß. [Daemmrich 1995, 245]

Da es außerdem genauere Arbeiten zum Motiv des Affen in der Literatur gibt, werden exemplarische Beispiele abseits der besonders bekannten Texte gewählt, der bekannteste (und somit ausgelassene) wäre zweifellos Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie von 1917.[1]

Der Mensch als Affe (Hauff)

Nachfolgend wird es um die satirische oder zumindest humoristische Inszenierung der Figur des Affen gehen, ohne sie bereits auf die genannten Stichwörter (wie den ‚gesellschaftlichen Verfall‘) festzulegen. Hier das erste Beispiel:

Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigtem Haar und schrecklicher Miene, unglaublich schnell an den Fenstern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah. Der alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung, und erzählte abends im Bierkeller, daß er selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden, als den Fremden. „Es ist nur schade“, setzte er hinzu, „daß er so wenig in Gesellschaft kommt; doch, ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig Deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter.“ [Hauff 1981, 739 f.]

Die Passage stammt aus Wilhelm Hauffs Erzählung Der Affe als Mensch, die Teil des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1827 unter dem Titel Der Sheik von Alessandria und seine Sklaven ist.[2] Hauff verzichtet nicht nur darauf, die Verkleidung des Orang Utans als Pointe zu verwenden, er stellt die wahre Identität des ‚jungen Engländers‘ sogar deutlich aus, indem er der Erzählung einen entsprechenden Titel gibt, der sich allerdings als doppeldeutig entpuppt. Mit den Affen sind auch die Bewohner der Stadt mit dem sprechenden Namen Grünwiesel gemeint, ein Ort in der Tradition Schildas und Krähwinkels. Hauffs Text ist also eine Kleinstadtsatire und eine Bürgersatire, in der „nicht in erster Linie die Natur des A[ffen], sondern die Kultur des Menschen kritisierbar gemacht wird“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Die Ironie wird noch befeuert durch den Rahmen: Ein Deutscher erzählt die Geschichte im Orient, die Perspektive von Eigenem und Fremdem wird also umgekehrt. Nicht das Fremde erscheint als fremd, sondern das Eigene soll als fremd erscheinen, sofern sich der Leser nicht mit Figuren wie dem Bürgermeister identifizieren kann, der durch die Erklärung des (wiederum als fremd markierten) älteren, distinguierten Herrn aus Berlin, den Sprach- und Gesellschaftsunterricht mit der Peitsche durchführen zu müssen, „völlig befriedigt“ ist. Der Schluss des Zitats verrät auch den Grund: Der Bürgermeister ist eitel und hofft, durch die Beziehung zu dem wohlhabenden Fremden an sozialem Prestige zu gewinnen.

Dem Leser ist die Situation von Anfang an klar und sein Wissensvorsprung erlaubt es ihm, das satirisch gezeichnete Treiben der Gesellschaft Grünwiesels zu verfolgen und zu verlachen. Auch in der Rahmenhandlung wird eine entsprechende Lehre aus der Geschichte gezogen:

Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und auch die jungen Männer lachten mit. „Es muß doch sonderbare Leute geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik und Mufti in Alessandria, als in Gesellschaft des Oberpfarrers, des Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!“ „Da hast du gewiß recht gesprochen“, erwiderte der junge Kaufmann; „in Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes, wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perser müßte es schrecklich sein, dort zu leben.“ [Hauff 1981, 753]

Noch bevor Charles Darwin seine Evolutionstheorie aufstellt und die Biologie nachweist, dass die menschliche „DNA zu 98% mit der des Bonobo und des gemeinen Chimpansen identisch ist“ (Richter 2005, 603), führt Hauff literarisch-praktisch vor, dass die kulturelle Codierung des Menschen seine Tierähnlichkeit nur oberflächlich verbirgt. Freilich gab es auch für Hauff Vorbilder: Der junge Schwabe lernte in dem Fall besonders von E.T.A. Hoffmann, auf den im Text bereits mit der Bezeichung ‚ödes Haus‘ – für das Haus, in dem der ältere Herr mit dem Affen wohnt – angespielt wird (vgl. Hoffmann 1985). Hoffmanns von einem Affen handelnde Erzählung Nachricht von einem gebildeten jungen Mann aus den Fantasiestücken in Callot’s Manier von 1814 wird Hauff aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt gewesen sein (vgl. Richter 2005, 614).

Der Affe als Mensch (Kästner)

In die „lange Tradition“, den Affen „als satirische Figur“ einzusetzen, „um die menschliche Gesellschaft zu kritisieren“ (Richter 2005, 622), reiht sich als neueres Beispiel Erich Kästners Gedicht Die Entwicklung der Menschheit von 1931 ein. Wie Hauffs Erzählung wird auch dieser Text im Kontext der Motivgeschichte des Affen bisher offenbar nicht beachtet. Zunächst scheint es ganz einleuchtend, dem Text wenig Bedeutung zu geben, da Kästner die Bezeichnung pejorativ verwendet; die erste und die letzte Strophe des Gedichts lauten:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

[…]

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen. [Kästner 1998, 75 f.]

So einfach die Verwendung des Motivs wirkt, so komplex ist das hier behandelte Thema – eben nichts Geringeres als die Entwicklung der Menschheit; man darf die Überschrift des Texts durchaus ernstnehmen. Kästner erzählt zunächst die Zivilisationsgeschichte, um zum Schluss die Errungenschaften der Menschheit mit dieser Schlusspointe – einem komisch wirkenden Kontrast – zunichte zu machen. Er zeigt den Riss im Subjekt selbst, zwischen den zivilisierten und den archaischen, tierischen Anteilen. Das spricht nicht gegen das Tier, im Gegenteil. Es verfällt gerade die vom Tier zu unterscheidende Möglichkeit, mit freiem Willen das Böse zu wollen und zu tun, dem satirischen Gelächter und damit der Kritik. Weder steht Literatur in einem Abbildungsverhältnis noch hat Satire einen Realismus fördernden Effekt, wenn man einmal davon absieht, dass Satire die Wahrheit hinter dem Sichtbaren aufzudecken versucht.

Der Affe im Menschen (Maar)

Altersgemäß etwas weniger satirisch und eher humoristisch ist die Verwendung des Affen-Motivs in Paul Maars erster Buchveröffentlichung aus dem symbolträchtigen Jahr 1968 – Der tätowierte Hund, das dritte und letzte Beispiel dieses Beitrags.[3] Der später durch die Figur des Sams berühmt gewordene Autor arrangiert kleinere Erzählungen zu einem Zyklus und versieht sie mit einer Rahmenhandlung. In dieser Rahmenhandlung und in der ersten Erzählung kommen zwei Affen mit den sprechenden Namen Schlevian und Kukuk vor, die zunächst einem Nusshändler seinen Sack mit Nüssen stehlen, sich dann selbst betrügen und schließlich wieder Frieden schließen (vgl. Maar 1998, 14–31). Die Streiche der Affen erinnern an Wilhelm Buschs Fipps, der Affe von 1879, eine berühmte Bildergeschichte, die der ausgebildete Kunsterzieher Maar sicher gekannt haben wird (Busch 1987). Anders als Schlevian oder Kukuk muss der Affe Fipps sterben, allerdings lässt bereits bei Busch die Satire auf die menschlichen Widerparts des Affen keinen Zweifel, wer hier dem Gelächter der LeserInnen verfallen soll.

Die beiden Affen bei Maar sind Identifikationsfiguren für die kindlichen LeserInnen; das Egoistisch-Anarchische der Figuren wird abgefedert durch die Komik der Handlung, durch die Dummheit des Nusshändlers, der es sich selbst zuzuschreiben hat, dass er bestohlen wird, durch die geistreichen Streiche der beiden Affen und den Lerneffekt, dass es besser ist, den ‚gefundenen‘ Sack mit Nüssen miteinander zu teilen. Diese letztlich pädagogische Botschaft ergibt sich zwanglos aus den Streichen der beiden Affen, die bei Maar aufgrund ihres Primatendaseins also gerade nicht zu Kontrastfiguren, sondern zu Doppelgängerfiguren der menschlichen LeserInnen werden. Eigentlich ist der Nusshändler viel näher an der Vorstellung vom Affen, wie sie Hauff oder Kästner zelebrieren; schon der erste Satz der Binnenerzählung Wie der Affe Schlevian und der Affe Kukuk dem Nusshändler einen Sack Nüsse stahlen lautet: „Die anderen Leute hatten den Nusshändler gewarnt“ (Maar 1998, 14). Der verlässt sich aber auf seinen „Haselnussstecken“ (Maar 1998, 15), mit dem er die Affen auch tatsächlich züchtigt, weil sie versuchen, seinen Sack mit Nüssen zu stehlen (vgl. Maar 1998, 17). Damit wird eine Urszene früherer Kindheiten evoziert; die Prügelstrafe für Kinder, die etwas angestellt hatten, war zu der Zeit der Erstveröffentlichung durchaus noch üblich, verfiel aber zunehmend der Kritik. Indem Maar die Affen, als Stellvertreterfiguren für Kinder, über den prototypisch negativen Erwachsenen triumphieren lässt, plädiert er also gleichzeitig gegen die Prügelstrafe und außerdem für Klugheit und Witz gegenüber roher Gewalt.

Dennoch kommen auch die beiden Affen zum Schluss nicht ungestraft davon. Es ergeht ihnen wie dem Zauberlehrling in Goethes gleichnamigem Gedicht. Schlevian und Kukuk beschließen, dass sie kleinere Ohren haben wollen, damit weniger über sie gelacht wird. Sie wollen den Zauberer Abra Kadabrax bitten, ihre Ohren zu schrumpfen. Der ist aber nicht zuhause und sie steigen durch ein offenes Fenster ins Haus ein. Dort finden sie „in einer Nische […] ein goldenes Kästchen“ (Maar 1998, 122), also einen prototypischen Gegenstand, der ein Geheimnis verbirgt. Darin liegt dann auch der Zauberstab, mit dem die beiden Affen allerlei Unsinn anstellen, wobei sie trotz der Fehlversuche nicht lernen, die Finger davon zu lassen: „Aber das Spiel mit dem Zauberstab reizte sie zu sehr […]“ (Maar 1998, 127). Der zurückgekehrte Zauberer ist erbost und macht sich an die Bestrafung: Er verwandelt die Affen schließlich in ein Bild und in einen Hund, die miteinander verschmelzen – fertig ist der titelgebende tätowierte Hund, der aber nicht, wie es der Zauberer möchte, als Haus- und Hofhund beim Zauberer bleiben wird, sondern schnell aus der Tür und in den Urwald flüchtet (vgl. Maar 1998, 136 ff.). Fortan erzählt der Hund – wie in diesem Fall dem Löwen – Geschichten, die auf seinem Fell eintätowiert sind. Auf seinem linken Ohr befindet sich ein tätowierter Hund, „der auf das linke Ohr des Hundes tätowiert ist, der auf dem Ohr des Hundes eintätowiert ist, der auf meinem Ohr tätowiert ist“, und da „ist natürlich wieder ein tätowierter Hund tätowiert!“ (Maar 1998, 141 f.) Die Tätowierung des Hundes wird so zur Geschichte in der Geschichte und damit zum metafiktionalen Verweis auf das soeben gelesene Buch wie auf die Leistung von Literatur überhaupt, durch Konstruktionen wie diesen Märchenzyklus Assoziationsräume zu eröffnen. Trotz der Bestrafung der beiden Affen mündet das Buch also nicht in einen moralischen Lehrsatz, eher im Gegenteil, ist doch nur durch das Experiment mit dem Zauberstab der tätowierte Hund entstanden und auch durch das nicht an vorgegebene Moralvorstellungen gebundene Ausprobieren der Phantasie das eben gelesene Buch.

Aufschlussreich ist die von Maar vorgenommene Umwertung des Affen-Motivs, indem er die beiden Affen zu einem tätowierten Hund verschmelzen lässt; der Hund gilt traditionell „als symbol[ischer] Garant personaler Identität“ (Butzer/Jacob 2008, 9). Mit dieser Umcodierung hat die Verwendung des Motivs einen vorläufigen End- und Höhepunkt erreicht: Das ehemals Böse wird zum Guten, weil es als reflektierter Teil des Eigenen in die eigene Subjektentwicklung integriert werden kann.

Fazit: Von Affen und Menschen, nicht nur in der Literatur

Der Affe bekommt in den zitierten Texten eine paradigmatische Kontrast-, Doppelgänger- und Spiegelfunktion zum Menschen zugewiesen, die er bei Maar schließlich integrierend überwindet. Texte wie die hier kurz vorgestellten führen eine paradigmatische Leistung von Literatur vor, die Michail Bachtin am Beispiel der Werke Dostojewskijs so beschrieben hat:

Der Mensch fällt niemals mit sich selbst zusammen. Die Identitätsformel A=A ist auf ihn nicht anwendbar. Laut Dostojewskij vollzieht sich das wahre Leben der Person gleichsam an der Stelle der Nichtidentität des Menschen mit sich selbst; dort wo er den Bereich seiner selbst als eines dinglichen Seins, das man belauschen, bestimmen und gegen seinen Willen hinter seinem Rücken voraussagen kann, überschreitet. Das wirkliche Leben der Person ist nur im Dialog zugänglich, dem sie sich antwortend in Freiheit öffnet. [Bachtin 1969, 99f .]

Auch die anderen Wissenschaften haben den Affen längst als Objekt der Betrachtung entdeckt: „Um 2000: Der Affe hat Konjunktur. Die Fülle der Publikationen über Tiere im allgemeinen und Affen im besonderen aus der Hand von Primatologen, Anthropologen, Kulturwissenschaftlern und Schriftstellern ist kaum noch zu überblicken“ (Richter 2005, 624). Anders als in anderen Wissenschaften eröffnen der Gegenstand der Literatur und der besondere Blick der Literaturwissenschaft einen Dialog oder auch einen, mit einem anderen Wort Bachtins, ‚polyphonen‘ Diskursraum (Bachtin 1969, 86 ff.), in dem Erkenntnisse möglich sind, die von den lesenden und interpretierenden Subjekten selbst abhängen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Figur des Affen ist in der Literatur nicht das personifizierte Böse oder Triebhafte, sondern eine Doppelgänger-, Spiegel- und Kontrastfigur des Menschen, dessen Subjektwerdung und Subjektstatus kritisch hinterfragt werden. Der Affe bei Hauff ist die reine Kreatur, das Tier, das nicht anders kann als es selbst zu sein und bei dem alle Versuche, es in einen Menschen umzuwandeln, entweder scheitern müssen oder doch nur in der narzisstischen Projektion Erfolg haben. Die Pointe von Kästners Gedicht liegt darin, dass er die Perspektive umkehrt und nicht den Affen als maskierten Menschen, sondern den Menschen als maskierten Affen entlarvt, um ihm vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten der Subjektwerdung weiterhin brach liegen. Maar hebt den Gegensatz zwischen Affen und Mensch auf, denn sein Text inszeniert die Chancen, die sich durch das Integrieren des Kreatürlichen für die Subjektkonstitution ergeben. Alle Texte eröffnen einen Dialog mit dem Leser über die Frage, wo er sich selbst positionieren, wie er seinen Subjektstatus sehen und entwickeln möchte – einen Dialog im Zeichen des Affen, dessen natürliche wie literarisch inszenierte Komik auch signalisiert, dass es eine wichtige Voraussetzung für diese Subjektwerdung ist, weder die Literatur noch sich selbst zu ernst zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Aus dem Russ. übers. u. mit einem Nachw. von Alexander Kaempfe. München 1969 (= Reihe Hanser 31).

Busch, Wilhelm: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Bd. 4. Hamburg 1987.

Butzer, Günter u. Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart/Weimar 2008.

Daemmrich, Horst S. u. Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2., überarb. u. erw. Aufl. Tübingen/Basel 1995.

Hauff, Wilhelm: Der Affe als Mensch. In: Ders.: Werke. Bd. 1. Romane – Märchen – Gedichte. Hg. von Hermann Engelhard. Essen 1981, S. 736–753.

Hoffmann, E.T.A.: Das öde Haus. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 3: Nachtstücke. Klein Zaches, genannt Zinnober. Prinzessin Brambilla. Werke 1816-1820. Hg. von Hartmut Steinecke unter Mitarb. von Gerhard Allroggen. Frankfurt/Main 1985, S. 163–198.

Kästner, Erich: Werke. Bd. 1: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. Hg. von Harald Hartung in Zusammenarbeit mit Nicola Brinkmann. München 1998.

Maar, Paul: Der tätowierte Hund. Hamburg 1998 (= Oetinger Auslese), S. 14–31.

Neuhaus, Stefan: Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff: Werk und Wirkung. Göttingen 2002.

Richter, Virginia: „Blurred Copies of himself“: Der Affe als Grenzfigur zwischen Mensch und Tier in der europäischen Literatur seit der Frühen Neuzeit. In: Hartmut Böhme (Hg.): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar 2005, S. 603–624.

Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen/ 2000 (= UTB 2176).


[1] Zu Kafka und anderen bekannten Beispielen der internationalen Literatur vgl. Richter 2005; für den Hinweis auf diesen Beitrag danke ich Uta Schaffers; zu Kafkas Erzählung vgl. S. 607, 620 u. 622 ff.

[2] Zu Hauffs literarischen Strategien und Techniken vgl. Neuhaus 2002.

[3] Für den Hinweis auf den (von mir vergessenen) Maar-Text danke ich Alec Neuhaus.

Allianz der Marginalisierten. Helmut Kraussers Gedicht „Die Sache mit dem Zwergchamäleon“ aus Sicht der Animal Studies

„Daß der Mensch das edelste Geschöpf sei[,] läßt sich auch schon daraus abnehmen,
daß es ihm noch kein anderes Wesen widersprochen hat.“

Georg Christoph Lichtenberg

(Lichtenberg 1967, 282)

Zwar hat die Beschäftigung etwa der Literaturwissenschaft mit Tieren speziell als Motiven und Figuren in Texten schon eine lange Geschichte und sind gattungsbezogene Untersuchungen zu Tierfabel, -geschichte, -märchen, -epos keine Neuheit, jedoch hat mittlerweile eine Verlagerung auf den Bereich der Wissensgeschichte und eine interdisziplinäre Ausweitung (auf andere Künste und Wissenschaften) stattgefunden, die beispielsweise auch auf grundsätzliche Fragen der Bestimmung des Menschen ausgehend vom Tier bzw. in Relation zum Tier zielt. Folgende konkrete Fragestellungen, Arbeits- und Bezugsfelder dieser sich derzeit formierenden Forschungsrichtung lassen sich unter anderen benennen:

  • Welches Zeichen-/semiotische Potenzial haben die in Texten oder anderen Artefakten dargestellten Tiere? Was codieren sie? Dienen sie als Projektion oder Spiegel für Menschliches? Fungieren sie als Symbole, Allegorien oder Metaphern für etwas anderes?
  • Wie werden Tiere in literarischen Texten, anderen Artefakten, Wissenschaften/wissenschaftlichen Texten/Abbildungen/Modellen usw. repräsentiert? Werden sie beispielsweise dämonisiert oder verkörpern sie Alterität; liefern sie das Vorbild für (utopische/dystopische) Gesellschaftskonstrukte; werden sie vermenschlicht oder werden – umgekehrt – Menschen vertiert? Wie erzählen Wissenschaften (Philosophie, Zoologie, Rechtswissenschaft usw.) von Tieren?
  • Geschichte des Zusammenlebens von Menschen und Tieren: Domestizierung; Nutzung oder Ausbeutung von Tieren (z. B. als Nahrungsmittel, als ‚Arbeiter‘, für wissenschaftliche Experimente, als Therapie-Tiere); Rolle von Tieren als Opfer (z. B. des Krieges, der Industrie); Geschichte des Tierschutzes; Räume und Institutionen der Begegnungen zwischen Menschen und Tieren (z. B. Ausstellung/Präsentation in Zoos oder Naturkundemuseen, Reisen/Expeditionen etc.)
  • Tierethik
  • Speziesismus: Lassen sich hier beispielsweise Parallelen zu Rassismus oder Sexismus oder Verknüpfungen von Tierschutzdebatten und u. a. Frauenrechtsbewegungen herstellen?
  • Natur (und Wildnis) vs. Kultur: Werden Tiere als Inbegriffe von Natur/Natürlichkeit und Wesen jenseits der Kultur oder als Teil der Kultur dargestellt? Werden Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier in den Vordergrund gerückt oder wird eine klare Grenzziehung (nach welchen Kriterien?) zwischen beiden priorisiert?
  • Mensch-Tier-Interaktion, anknüpfend an die Agency-Theorie: Können Tiere als Akteure, (willentlich) Handelnde aufgefasst werden?
  • Wissensgeschichte: Wann bestand welches Wissen vom Tier, in welchen Bereichen, durch welche Einflüsse? Inwiefern partizipieren Literatur und andere Künste an der Konstitution des Wissens vom Tier? Inwiefern begegnen Tiere als Gegenstände von Wissensbildung und lässt sich das jeweils erkennbare Wissen über Tiere letztlich als anthropozentrisch konstruiert und als Wissen vom Menschen auslegen? Welche Beziehung besteht zum gesellschaftlichen oder kulturellen Kontext?

Um den Rat „Theorie trennt, Empirie vereint“ von Hans-Peter Ecker zu beherzigen, belassen wir es bei diesem kurzen Aufriss einiger möglicher Fragestellungen – die Beiträge werden diese auf konkrete Gegenstände übertragen – und wenden uns einem Gedicht des von ihm wie von uns geschätzten Helmut Krausser zu:

Die Sache mit dem Zwergchamäleon

– Iff hab waf fiffen den Fähnen – kannft du ma nachfehn?
– Oh, tatsächlich, da sitzt ein Zwergchamäleon.
– Efft? Waf mafft dafn da?
– Jetzt wird es beige, jetzt rot… Gott ist das süüüß.
– Mein Fahnfleif ift ganf gefwollen. Maff daf weg!
– Ich finde, daß es dir überaus gut steht.
– Trotfdem!
– Es wird sich von Essensresten ernähren.
– Keine Difkuffion! Fiehf rauf!
– Wie denn? Es krallt sich fest.
– Benütf eine Pinfette!
– Da würde ich ihm aber sicher wehtun.
– Feif drauf! Fieh mir daf Feifvieh auf den Fähnen!
– Schau! Jetzt wird es ganz weiß vor Angst.
– Daf ift mir wurft. Au! Ef hat mir in die Funge gebiffen!
– Stimmt. Jetzt wird es wieder rot. Hach, wie süß…
– Fluff jetft! Gib mir einen Fahnftocher!
– Nein! Wenn du das tust, lass ich mich scheiden!

Foweit die Fituation.
Feitdem lebe iff mit einem Fwergchamäleon fiffen meinen Vorderfähnen.
Fungenkrebf wäre flimmer, fagt meine Frau. Daf ftimmt. Aber waf flimm
iff: daff fie dauernd daf Vieh ftreicheln muff, wenn wir bumfen.

(Krausser 2003, 46)

Der Text, der eine Herausforderung auch für geübte Rezitatoren darstellt, inszeniert den Einbruch des Animalischen ins wohlgeordnete Zwischenmenschliche zunächst ganz wörtlich: Das Miniaturreptil, das auch realweltlich in einer – ausgeprägten – Zahnlücke Platz fände, ist auf einmal da, unübersehbar und vor allem unüberhörbar, sobald der männliche Dialogpartner den Mund öffnet. Mitten in der Zivilisation – die Szene könnte sich am heimischen Frühstückstisch abspielen, sind doch Zahnstocher und Pinzette greifbar –, sieht er sich in eine unfreiwillige und schmerzhafte Verbindung mit einem der exotischsten Tiere schlechthin gezwungen. Er reagiert zunächst, wie es der abendländische homo faber, der dem Konzept eines geschlossenen Körpers anhängt, das eine klare Trennung zwischen Ich und Außenwelt vornimmt, eben tut: Der als unangenehm erlebte Zustand soll schnellstmöglich abgestellt werden, notfalls mit Gewalt bis hin zur Auslöschung des Anderen. Eventuelle – etwa ästhetische – Vorzüge der neuen ungewohnten Situation werden nicht eruiert. Die Beziehung zum Tier als Symbiose zu interpretieren – zur optischen Attraktion käme noch die Kariesprophylaxe hinzu – kommt ihm nicht in den Sinn.

Jedoch hat der Mann hier seine Rechnung ohne die Frau gemacht, die ebenso gegendert reagiert wie er: Das kleine Tier entlockt ihr zunächst den Ausruf „Gott ist das süüüß“ und mobilisiert in ihr anschließend Schutzinstinkte: Nicht nur weigert sie sich, ihm eventuell Schmerzen zuzufügen, sie droht wegen einer – aus Sicht des Mannes – Lappalie wie der im Raum stehenden Tötung des Zwergchamäleons sogar mit Scheidung. Mit diesem Verhalten stellt sie sich in die Tradition des vornehmlich weiblich codierten Tierschutzes. Während der Blick des Mannes auf das Tier von Nutzerwägungen (Schmerzvermeidung und vollständige Wiedererlangung der Sprachfähigkeit, die ihn vom Tier unterscheidet) geprägt ist, nimmt die Frau es zunächst ästhetisch und dann empathisch war – was der ‚Ungerechtigkeit‘ entspricht, dass knopfäugigen Robben der größte tierschützerische Furor gewidmet wird. Die Frau stellt sich also im Konflikt zwischen Mann und Zwergchamäleon gegen die eigene Spezies und den Ehepartner auf die Seite des bedrohten Tieres, dem sie sich so nahe fühlt, dass sie im Verlauf des Gedichts sogar seine Farbveränderungen nicht nur ästhetisch, sondern auch als Ausdruck von Empfindungen deutet.

Angesichts der Allianz der anthropo- und phallozentrisch Marginalisierten, also des im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus wehrhaften Tiers und der es bedingungslos unterstützenden Frau, bleibt dem Mann keine andere Möglichkeit als sich mit der Situation zu arrangieren – was freilich keinen Sinneswandel in ihm auslöst, beklagt er doch die veränderte Sexualpraxis, indem er mit Gottfried Benns Was schlimm ist ein berühmtes Gedicht eines bekennenden Phallozentrikers zitiert.

Bleibt noch die Frage, was die Frau, abgesehen von seiner Niedlichkeit und der Identifikation mit einem anderen Opfer patriarchaler Weltsicht, so für das Zwergchamäleon einnimmt. Ist es die Faszination für das Animalische? Nimmt das Chamäleon beim Beißen Blut auf und wird somit im Text auf den verborgene sexuelle Sehnsüchte verkörpenden Vampir angespielt, wobei dann der Zahnstocher die Mikroentsprechung zum zur Pfählung eingesetzten Pflock darstellen würde? Jedenfalls gelingt es der Frau letztlich, die Erfüllung ihrer mit dem Tier verbundenen Bedürfnisse durchzusetzen, namentlich eine Sexualität, die das Triebhafte als Niedliches integriert. Und welches Tier könnte die generelle Ambivalenz des Animalischen, sein Oszillieren zwischen faszinierender Bedrohlichkeit und rührender Unterlegenheit, zwischen Othering und Anthropomorphisierung besser verkörpern als das seine Farbe wechselnde Chamäleon?

 Denise Dumschat-Rehfeldt und Martin Rehfeldt

Zitierte Literatur:

  • Lichtenberg, Georg Christoph: Sudelbuch D. In: Ders.: Schriften und Briefe. Band 1. München 1967.
  • Krausser, Helmut: Strom. 99 neue Gedichte. ’99 – ’03. Reinbek bei Hamburg 2003.

 Literaturhinweise (Auswahl):

  • Borgards, Roland: Tiere in der Literatur – Eine methodische Standortbestimmung. In: Das Tier an sich. Disziplinenübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz. Hg. von Herwig Grimm u. Carola Otterstedt. Göttingen 2012, S. 87–118.
  • Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Hg. von Chimaira. Arbeitskreis für Human-Animal Studies. Bielefeld 2011.
  • Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in Kunst, Wissenschaft und Geschichte. Hg von  Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien u. Heike Fuhlbrügge. Berlin 2007.
  • Representing Animals. Hg. von Nigel Rothfels. Indiana 2002.
  • The Animals Reader: The Essential Classic and Contemporary Writings. Hg. von Linda Kalof u. Amy Fitzgerald. London 2007.
  • Weil, Kari: Thinking Animals. Why Animal Studies Now? Columbia 2012.