Idefix und die Goten

Ein Beitrag zur literatur- und editionskritischen Tierforschung

Von Rudolf Stöber

Idefix gilt nach landläufiger Lesart als die knuffige, aber eher unwichtige Nebenfigur einer uralten Überlieferung, die bei Ausgrabungen in den Latrinen von Lutetia gefunden wurde; sie ließ sich inzwischen auf ca. 50 Schriftrollen erweitern, wurde unter dem Namen „Asterix“ in einem handlichen Format und textkritisch ediert und hat seither Generationen von Lateinlehrern erfreut.

Es wird Aufgabe dieses Festblocks sein, festzuhalten (deshalb Festblock) dass Idefix nichts weniger als eine unwichtige Nebenfigur ist. Er (sie?) ist 1. gar keine Figur und 2. schon gar nicht unwichtig. Vielmehr unterstreicht der Hund den faustischen Charakter des Kleinen Dicken, der in apokrypher Überlieferung (Gotenkriege) bisweilen als „Obelus“ tituliert wird; bekannter ist dieser als „Obelix“, der seinen Obolus für den Fortgang der Geschichte leistet – er selbst hingegen sieht sich als tragende Figur (s. Asterix und Kleopatra).

0. Nebenbemerkung: Die nullte Nebenbemerkung ist per se Unsinn. Denn eine Null darf man weder promovieren noch habilitieren noch kann man sie ordinieren, weder zu einer Kardinal-Zahl, noch zu einer Ordinalzahl. Egal, was der Duden sagt.

1. Nebenbemerkung: Die Methode dieses Beitrags ist die des hermeneutischen Zirkels; der ist kein elitärer Zirkel, sondern eher ein egalitärer Kreislauf. Es geht darum, vom Vorverständnis zum Verständnis zu kommen und über das gewonnene Verständnis das Vorverständnis des Textes zu revidieren, bis durch wiederholte neue Lektüre das Vorverständnis das Verständnis an Verständigkeit überholt hat. Die Methodiker streiten jedoch, ob links oder rechts überholt werden darf. Die herrschende Lehre (Leere?) präferiert das Linksfahrgebot, es soll aber schon zu hermeneutischen Geisterfahrten gekommen sein, bei denen die Prämissen nicht nur das Verständnis überholten, sondern ihm frontal entgegenkamen. Zudem ist der hermeneutische Zirkel von der kulturwissenschaftlich präferierten Methode des lauten Denkens zu unterscheiden, das wiederum wesentlich elaborierter ist als halblautes Gebrabbel. Auch die idefixinische Überlieferung ist voll von halblautem Gebrabbel und lautem Denken. Es reicht von „Gna, gna, gna…“ bis zu „Sie sind ja alle so blöd und ich bin ihr Chef“.

Zurück zur Hauptargumentation: Idefix ist einerseits schnell, insbesondere fix in seiner Jagd auf Knochen. Die jedoch nagt der kleine Kläffer so gründlich ab, dass das retardierende Ritual bei keinem der Schlussgelage fehlen darf. Nun widerspricht Gründlichkeit generell der Schnelligkeit. Schon dies zeigt uns an, dass Idefix nicht als Konkretum zu verstehen ist, sondern als canidomorphe Personifikation oder Allegorie. Beides erfüllt in der apokryphen Überlieferung eine wichtige Funktion. Nur oberflächliche Hermeneuten würden sie bildlich nehmen: als nicht zu leugnenden Beleg dafür, dass Obelix auf den Hund gekommen ist.

2. Nebenbemerkung: An dieser Stelle scheint es angeraten, die Methoden des halblauten Gebrabbels, des lauten Denkens und des hermeneutischen Zirkels zu einem Mehrmethoden-Design zu verbinden. Ich habe auch erwogen, die Triangulation einer Doppelblindstudie in Ansatz zu bringen. Der eingetragene Verein der „Hinterbliebenen der Kriegsblindenhörspiele“ sollte die Studie finanzieren. Als der Vorstand jedoch „Triangel“ hörte, zog er seine Finanzierung mit der Begründung zurück, die Triangel sei mit dem Schellenbaum verwandt, der wiederum sei purer Militarismus, und bevor nicht die letzte Schalmei zu himmlischen Flugscharen aufsteigen und aus Holzköpfen Xylophone geschnitzt würden, beteilige man sich nicht.

Zurück zur Hauptargumentation: Ruft man „Idefix!“, kommt er der Überlieferung nach angerannt. Dabei ist er, wie oben festgestellt, kein konkreter Hund, auch kein schneller Gedanke, sondern eine fixe Idee. Genauer, er ist die Idée fixe des Obelix. Er steht mithin für die Tiefenpsychologie eines erfolgreichen Ökonomen (Hinkelsteine) der späten Hallstadtzeit. Er steckt irgendwo zwischen dem Ich, Es und Über-Ich, also in uns allen. Er verkörpert die faustische Natur des Obelix, die Gelehrten streiten sich jedoch, ob hier Faust I oder Faust II gemeint sei. Der Verfasser dieses Beitrags ist hingegen – trotz anhaltendem akademischen Widerstand – nachzuweisen gewillt, dass es sich dabei nicht um Faust I oder II, sondern um die Ur-Faust handelt.

3. Nebenbemerkung: Wie man seit Spengler weiß, gibt es faustische und apollinische Kulturen. Die apollinischen Kulturen könnten auch die alexandrinischen genannt werden. Darauf wird zurückzukommen sein. Die faustischen stehen in jedem Fall höher als die alexandrinischen (apollinischen), vor allem ist ihre Kultur nicht so degeneriert wie die späterer Zivilisationen. Hermeneutisch ist dies eindeutig anhand der Überlieferung – Asterix und die Goten – nachzuweisen. Dieser Band ist einer der wenigen, die in ihrer populären Titelgebung richtig benannt sind. Denn die meisten Rollen (Bände) müssten eigentlich Idefix und Kleopatra, Idefix und die Normannen etc. heißen.

Der Titel Idefix und die Goten passt jedoch nicht, weil Idefix in der Überlieferung nicht auftaucht. Nur bei dem obligatorischen Schlussgelage knabbert er hingebungsvoll, überaus gründlich und keineswegs vorschnell an seinem Knochen. Die Forschung hat lange gerätselt, warum das so ist bzw. welche versteckte Botschaft die uns unbekannten Verfasser überliefern wollten.

1. Nebenbemerkung zur 3. Nebenbemerkung: Es sollte schon bemerkt worden sein, dass Goscinny und Uderzo nicht die Verfasser, sondern nur die kritischen Editoren der Rollen sind. Ich glaube jedoch, an geeigneter Stelle, dem renommierten Jahrbuchfüraufdenhundgekommenepiratenforschung, den Nachweis geführt zu haben, dass es sich anders verhält. Da dieses Jahrbuch aber unlängst vor Korsika versenkt wurde – man weiß leider nicht, ob es die „’öme“, die „Gallie’“ oder korsischer Käse waren –, möchte ich die Argumente kurz rekapitulieren.

2. Nebenbemerkung zur 3. Nebenbemerkung: Piraten kapitulieren oder rekapitulieren nie, sondern sie versenken sich selbst. Das ist gerade wieder einmal in der Politik, insbesondere im Landtag von NRW zu sehen. Sie nennen das Geplansche „liquid democracy“.

3. Nebenbemerkung zur 3. Nebenbemerkung: Es handelt sich bei „Goten“ vermutlich um einen Verschreiber, denn aus altdeutsch-germanistischer Perspektive sind sie schon lange nicht mehr die Goten, sondern die Guten. Das beweist sich jeden Tag auf’s neue, wenn wir in Todesverachtung auf der ERBA Leberkäse in uns hineinzwängen, weil wir immer noch auf die Hilfsexpedition warten, die ein germanistischer Kollege organisieren wollte.

1. Nebenbemerkung zur 3. Nebenbemerkung der 3. Nebenbemerkung: Inzwischen war die Expedition da. Unter Führung von General HP Edger und Adjudantin Viola schlug sich das Expeditionskorps wacker (ohne Steine) zu uns durch. Die lobenswerte Großtat wird mit Chili con Carne, Streuselkuchen, sauerländischem Bier und Enthusiasmus auf ewig ihren Platz in den Annalen des Bamberger Instituts für Kommunikationswissenschaft behalten. Wir sind also nicht mehr auf den Hund gekommen und kommen mithin auf denselben, hier den gedankenschnellen Zwergterrier, zurück.

 Zurück zur Hauptargumentation: Warum also trägt der Band Asterix und die Goten seinen Namen zurecht? Weil Idefix nicht vorkommt.

6. Nebenbemerkung: die vierte und fünfte waren nicht so wichtig, wurden daher gestrichen.

7. Nebenbemerkung: Das stellte die Idefix-Forschung lange vor ein großes Problem. Denn Asterix [eigentlich Idefix] und Kleopatra (s. u.) wurde fälschlich als Band 2, Asterix und die Goten als Band 7 nummeriert. Durch dendrochronologische Untersuchungen der Schmutztitel Verso kam nämlich heraus, dass der sogenannte Band 2 erst MCMLXV unter dem Propheten Ehapa entstanden ist, während der sogenannte Band 7 schon MCMLXIII von Egmont verkündet wurde.

 Zurück zur Hauptargumentation: Warum kommt Idefix nicht in den „Goten“ vor? Weil der ganze Band eine Idée fixe ist. Die Goten haben nämlich die fixe Idee, den größten Führer aller großen Führer in endlosen Kriegen zu küren. Weil die Goten seit Spengler eindeutig zu den faustischen Kulturen zu zählen sind, könnte das Faustische an Obelix in Idefix und die Goten nicht funktionieren. Nur darum wurde Idefix in dieser Rolle nicht überliefert! In der Heimat des Faustischen, in die es die Ur-Faust Obelix auf der Suche nach dem Druiden Miraculix verschlug, brauchte es keine Idée fixe der Faust: Man lebt sie in den Asterixinischen Kriegen aus (besonders eindrücklich in der Schlacht der zwei Besiegten). Dass dabei die Westgoten im Osten wohnen, hat nicht nur die Ur-Faust (Obelix) verwirrt, sondern auch Generationen von Lateinlehrern. In Asterix und die Goten kommt die Ur-Faust also zu sich selbst. „Faust is coming home“.

Der reziproke Beweis lässt sich mit Asterix und Kleopatra führen. Dieser Band müsste eigentlich Idefix und Kleopatra heißen: Sie hat eine süße Nase und er ist soo ein süßer, kleiner Hund. Wenn Idefix bei den Goten nicht in personam canem auftaucht, weil die Goten nicht zu Faust bekehrt werden müssen, so ist er im sog. Kleopatra-Band die tragende Figur, weil der ägyptisch-alexandrinischen (apollinischen) Kultur – im Gegensatz zu den faustischen Kulturen – der bzw. die Faust nahe gebracht werden muss!

Q.E.D.

1. Nachbemerkung: Diese zwingenden Folgerungen sind auch als Methodenbeitrag zu verstehen. Sie beweisen, dass die Triangulation von halblautem Gebrabbel, lautem Denken und hermeneutischen Zirkelschlüssen erheblich zielführender ist als empirische Sozialstatistik: Nur so konnte aus dem Nichts (Idefix fehlt bei den Goten) ein weitreichender Schluss (Ur-Faust is coming home) gezogen werden.

2. Nachbemerkung: Wenn ich dies schreibe, ist die Welt laut Maya-Kalender schon untergegangen. Aber erstens wissen wir seit den Peanuts, dass die Welt heute nicht untergehen kann, denn in Australien ist schon morgen. Zweitens wurde von den Maya-Kundigen übersehen, dass es längst eine revidierte Fassung des Biene Maja-Kalenders gibt, von der Biene Willi. Demnach wurde Doomsday auf Ende Februar 2013 verlegt: nach Vorlesungsschluss und allen Prüfungen. Wo kämen wir denn hin, wenn wegen eines läppischen Weltuntergangs FlexNow!-Einträge unterbleiben müssten.

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Der Kragenbär als Sinnbild des einsam Zufriedenen

Anmerkungen zu Robert Gernhardts Verszyklus Animalerotica

Von Markus Behmer

Sechs einfache Strichzeichnungen, fünf sind nahezu identisch. Ein dicker, sitzender Bär ist zu sehen, von hinten. Strichelungen neben seinem Körper deuten an: Er zittert, vielmehr vibriert; der Bär bebt. Nur das dritte Bild ist anders: Er hat sein Gesicht gewendet, blickt den Betrachter an, schaut etwas irritiert, ertappt, aber nicht unfreundlich, eher verschämt-konzentriert. Und sein Gesicht, im nächsten Bild sein Hinterkopf sind farblich verändert, wirken gerötet in der Schwarz-Weiß-Schattierung. Darunter stehen insgesamt elf Worte; ein Satz, ein Reim – ein Gedicht. Ein Schelmenstück mit Tiefgang: „ Der Kragenbär / der holt sich / munter / einen nach / dem andern / runter“ (Gernhardt/Bernstein 1976, 63-65).

Robert Gernhardt war es, der dem Kragenbär hier 1976 ein zeichnerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Der animalische Autoerotiker als stillvergnügt-hedonistische Kunstfigur. Der Vers bildet den – einzig illustrierten – Schlusspunkt in einer Abfolge von insgesamt 14 Kurzgedichten, die zusammen ein skurriles Panoptikum vermenschlicht-tierischen Sexualverhaltens ergeben: der Zyklus Animalerotica.

 Über Selbstbefriedigung zu sprechen, sie gar zu zeigen, war noch in den prüden 50er Jahren geradezu tabuisiert. Masturbation? Oh, na. Nie! Dann kam die „sexuelle Revolution“ der 60er, Oswald Kolles Aufklärungsfilme (1968-1972), „Dr. Sommers“ (alias Moritz Goldsteins) Ratgeberkolumne Was dich bewegt ab 1969 in der Bravo (die übrigens noch 1972 wegen der Sommer-Aussage, Onanie mache „weder krank noch schwul noch unfruchtbar“ auf den Index kam). Aufklärungsbücher wie Günter Amendts Sexfront (1970) oder Alex Comforts The Joy of Sex (1972) wurden schließlich Bestseller, Henry Millers Romane Kult. Zeit also, auch Autoerotik aus den Schmuddelecken zu befreien, sie bildlich zu zeigen. Während Robert Mapplethorpes Fotos masturbierender Männer noch zum Skandal taugten, zeigt es uns Gernhardt in animalischer Übertragung.

Warum aber ist es gerade ein Kragenbär (zoologisch Ursus thibetanus), der da wichst? Möglich, dass die Zeichnung auf einem konkreten Naturerlebnis, einer Zoobeobachtung Gernhardts beruht. Gut denkbar jedenfalls, dass ein Kragenbär selbst den zeichnenden Dichter inspiriert haben könnte, wie Fotos des asiatischen Zottels zeigen (siehe hier  und hier).

Doch wären andere Protagonisten überhaupt vorstellbar? Sie könnten eventuell andere Konnotationen auslösen, andere Assoziationsketten in Gang setzen. Ein egosexierendes Karnickel etwa könnte an einen Zeugungsstreik in den Zeiten der Überbevölkerung gemahnen, eine autoerotisch aktive Tse-Tse-Fliege würde wohl kaum Empathie ermöglichen, bei einem Wal wäre sicher die auto-haptische Handhabung mindestens höchst diffizil (wiewohl Gernhardt auch sein Sexualverhalten treffend charakterisiert: „Der WAL vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“, ebd. 63), und holte sich da etwa, horribile dictu, ein Professor munter …, es wäre einfach zu explizit, platt. Aber warum nicht zum Beispiel ein Löwe, ein Gorilla, ein Känguru?

Nun, vielleicht hat es zoologische, artenspezifische Gründe? Kragenbären sind außerhalb der Paarungszeit Einzelgänger – und die Paarungszeit ist kurz, nur etwa zwei Monate im Jahr. Zudem ist der Bestand gefährdet (vgl. wwf-arten.wwf.de). Wenig Gelegenheit also für den Bären, eine Beischlafpartnerin zu finden. Was soll er also tun, der männliche Thibetanus, wenn ihn die Sehnsucht packt, wohin mit seiner Libido?

Näher liegt allerdings, dass Gernhardt nicht auf biologische Gegebenheiten als vielmehr auf symbolische Verknüpfungen anspielt. Ist doch der Bär z.B. ein häufiges Motiv der Heraldik: ein kraftstrotzender, wohl auch lendenstarker Einzelgänger, wie er uns in den Wappen beispielsweise von Berlin, Bern und Madrid (oder auch des gegenwärtigen Papstes) entgegentritt.

In der Traumdeutung steht der Bär übrigens für „besitzergreifende Liebe“ (traumdeuter.ch). In Fabeln ist Meister Petz meist ein gutmütiger, oft naiver Gesell, in Alan Alexander Milnes Geschichten aus dem Hundert-Morgen-Wald ist Winnie Puuh gleichfalls etwas tumb, sehr bequem, liebenswert und in Rudyard Kiplings Dschungelbuch, mehr noch in Walt Disneys Trickfilmklassiker liebt es Balu gemütlich. In Christian Fürchtegott Gellerts Gedicht Der Tanzbär (1746) ist er eine geschundene Kreatur (die zwar aus ihrer Unfreiheit fliehen kann, aber auf Dauer keinen Anschluss mehr zu ihren Artgenossen findet), ähnlich auch oft in John Irvings frühen Romanen – von Setting Free the Bears (1968) bis hin zu The World According to Garp (1978) und The Hotel New Hampshire (1981) –, wo die Bären aber auch zum guten Hausfreund mutieren – und teils ihrer eigenen Wege gehen. Kurzum: Häufig sind Bären literarische Figuren. Kaum einmal werden sie charakterisiert als wilde, gar böse Raubtiere. Oft hingegen bergen sie Identifikationspotential, tragen menschliche Züge, wirken gemütlich, in sich ruhend. Knuddelig-riesige Teddys. Knuts, die nur selten zum „Problembär“ mutieren. Mithin sauber-unschuldige Projektionsflächen für dann gar nicht mehr schmutzige Selbstbefriedigungsphantasien. Gut gewählt, Herr Gernhardt: Masturbation wird über die animalische Apotheose nur allzu menschlich.

Wehe aber der Mensch kommt ihm, dem Bären, zu nahe, geht gar eine Beziehung mit ihm ein. Die griechische Mythologie hält – wie so oft – ein mahnendes Beispiel parat: Das Schicksal der Polyphonte. Sie lästerte über die vielen Liebeshändel der Aphrodite und schloss sich deren Rivalin an, der jungfräulichen Artemis. Aphrodite rächte sich furchtbar, machte, dass sich Polyphonte leidenschaftlich verliebte – eben in einen Bären. Von ihm gebar sie zwei Söhne, die Giganten Agrius und Oreius: halb Tier, halb Mensch und ganze Unholde. Zeus bestrafte ihre blutigen Untaten, ließ sie in Geier verwandeln – und ihre arme Mutter in einen Unglücksvogel, die Nachteule. Ach Bär, hättest du dich doch nur mit dir selbst vergnügt.

Oder trifft Gernhardt eine politische Aussage? Sehen wir in seinen sechs Zeichnungen den russischen Bären, der sich, ermattet im Kalten Krieg, zur Ruhe setzen und sich statt waffenprotzendem Männlichkeitsgebarens friedlicheren Beschäftigungen hingeben – sich auf sich selbst konzentrieren, innere Probleme lösen – möge? Oder ist es gar ökonomisch gemeint? Entspanne dich, du Börsentier. Lass’ Druck abfallen – anstatt stets auf fallende Kurse zu setzen.

In Robert Gernhardts Schaffen kommen übrigens oft Tiere vor, ein ganzer Zoo, ein wahres Bestiarium kommt da zusammen, wiewohl das ihm oft zugeschriebene berühmte „Motto“ der „Neuen Frankfurter Schule“ „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ von seinem Weggefährten F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle) stammt (vgl. echolog.de). Doch sei’s drum: Wer wagte, diese Aussage auf unser Gedicht übertragend, nun noch den Bär zu kritisieren?

Im Buch steht das Kragenbär-Poem, wie berichtet, in einem kleinen Zyklus. Thematisiert sind immer wieder gestörte Kommunikationsakte. Nahezu alle Paarbeziehungen im Gernhardt’schen Animalerotica-Rondo sind problematisch – „Der PELIKAN steht wie gelähmt / nie hat ihn jemand so beschämt, / wie jener feiste Kolibri, / der ihn des Pubertierens zieh“ – oder gar fatal: „Der HABICHT fraß die Wanderratte/ nachdem er sie geschändet hatte“ (Gernhard/Bernstein 1976, 64).

Auch an vielen anderen Stellen des Werks stehen Probleme der Verständigung im Fokus, nicht nur in der Tierwelt. So in „Fünf Vierzeiler[n]“, deren letzter hier exemplarisch angeführt sei: „Die Basis sprach zum Überbau: / ‚Du bist ja heut schon wieder blau!’ / Da sprach der Überbau zur Basis: / ‚Was is?’“ (ebd. 140).

Nur die Alleinstehenden – sind es Autisten? – wirken mit sich im Reinen: „Der BÄR schaut seinen Ziesemann / nie ohne stille Demut an.“ Und: „Der MOPS hat seinen Zeugungstrieb / ganz schrecklich gern und furchtbar lieb“ (ebd. 63) Und unser Kragenbär; er wirkt glücklich oder mindestens „munter“.

So kann man als eine Kernaussage des Werks festhalten: Am Glücklichsten ist der Mensch (das Tier) alleine.  Doch muss das so sein? Wenigstens ein entfernter Artverwandter unseres Kragenbärs genießt (im ersten der Animalerotica-Verse) durchaus die Zweisamkeit: „Der NASENBÄR sprach zu der Bärin / ‚Ich will dich jetzt was Schönes lehren!’ / Worauf er ihr ins Weiche griff / und dazu ‚La Paloma’ pfiff.“ (ebd.)

Zitierte Literatur:

Gernhardt, Robert u. F. W. Bernstein: Besternte Ernte. Gedichte aus fünfzehn Jahren. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1976.