„Schärfer als der Stachel einer Biene“ (Parzival, V. 297,12)

Metapher, Symbol und Maß. Zur erzählerischen Funktionalisierung von Tieren im Mittelalter

Von Kai Lorenz

Auf der Höhe der aggressiven Expansion des Lifestyle-Kaffeefilialisten Starbucks gegen Ende der 1990er Jahre kam in der amerikanischen Umgangssprache der Begriff one-Starbucks-town für eine kleine langweilige rückständige Stadt auf. Der Ausdruck ist damit als modernisierte Variante des bekannten wenn auch anachronistischen Idioms one-horse-town zu lesen. Während sich bis in die 1920er Jahre der Wohlstand und die Fortschrittlichkeit einer Gemeinde tatsächlich bis zu einem gewissen Grad an der Anzahl der von den Einwohnern gehaltenen Pferde ablesen ließen, müsste die Entsprechung seither eher an der Menge an Automobilen bemessen sein, ein solcher Ausdruck existiert aber nicht. Dass one-horse-town heute noch existiert, gebraucht und auch verstanden wird, obwohl der alltäglich reale Kontext, auf dem seine Bedeutung fußt, gänzlich der Vergangenheit angehört, zeugt von der Verankerung seiner Metaphorik im kulturellen Gedächtnis. Im geistigen Bild des Rezipienten entsteht, zusammengesetzt aus eigenen Erinnerungen und Erfahrungen aus Erzählungen, Filmen, Bildern etc., das Bild einer drögen kleinen Stadt und ganz selbstverständlich transponiert dieser die Metaphorik auf die heutigen Verhältnisse – sei es gemessen an Starbucks oder anderen aussagekräftigen Merkmalen. Das Tier, in diesem Fall das Pferd, erscheint damit als Maßeinheit, als Mittel des Menschen um seine Umwelt zu beschreiben und diese Erkenntnisse anderen Individuen verständlich mitteilen zu können. Dies existiert sowohl in der kulturwissenschaftlichen Bedeutung wie im obigen Beispiel, als auch in festgelegten naturwissenschaftlichen Größen, wie der bis heute gebräuchlichen Maßeinheit der Pferdestärke, die sich, obwohl offiziell seit Jahrzehnten durch die Maßeinheit Kilowatt abgelöst, doch hartnäckig im Sprachgebrauch hält. Auch hier ist die Verwendung des Begriffes losgelöst von der Kenntnis der ursprünglich für seine Entstehung ausschlaggebenden Größe. Während bei Ihrer Festlegung durch den schottischen Ingenieur James Watt im 18. Jahrhundert dies eine allgemein verständliche Maßeinheit darstellte, dürfte heute so gut wie niemand, der ein Automobil oder Motorrad kauft, eine Vorstellung von der Kraft eines einzelnen Pferdes haben, da diese nicht länger Bestand des Alltages und der Arbeitswelt sind. Dennoch verbindet auch der heutige Sprecher aus eigenen Erfahrungswerten heraus auch hier eine mehr oder weniger genaue Vorstellung mit dem Bezeichneten.

Die Verwendung von Tieren zur Bezeichnung von naturwissenschaftlichen Größen ist, solange nicht mathematisch genau definiert, ein ebenso ungenaues wie praktikables Vorgehen: ungenau, weil Kraft, Größe und Aussahen der einzelnen Exemplare je nach Rasse, Alter und diversen individuellen Gegebenheiten sehr unterschiedlich ausfallen, praktikabel, weil sie trotz dieser Toleranzen – derer sich Sender um Empfänger ja durchaus bewusst sind – in Zeiten, in denen normierte und weltumspannend standardisierte Maße und Gewichte noch nicht definiert bzw. verfügbar waren, eine verständliche und anschauliche Methode darstellten um derlei Größen zu kommunizieren. Dies geschieht natürlich nicht systematisch, weist zwangsläufig große regionale Differenzen auf, und mit Sicherheit sind viele solcher Vergleiche mittlerweile in Vergessenheit geraten. Wo sie aber ans Tageslicht treten – ob im täglichen Sprachgebrauch oder in älteren schriftlichen Tradierungen –, stehen sie im Kongruenzbereich von Natur- und Kulturwissenschaften und bilden damit ein kleines aber wirkmächtiges Teil im Puzzle der menschlichen Geistesgeschichte.

Literarisch finden solche Tierbezüge nur vergleichsweise spärlichen Niederschlag, denn die Darstellung richtet sich eher auf das hermeneutisch Symbolische. Gerade für die literarischen Zeugnisse des Mittelalters erweist sich aber ein näherer Blick als spannend, denn die existentielle Verflechtung des Menschen mit dem Tier war hier sehr ausgeprägt. Gleichzeitig wird das Mittelalter weithin als naturwissenschaftliches Vakuum begriffen, geprägt durch eine religiöse oder abergläubische Naturdeutung und Weltauffassung, die im Vergleich zu den mathematischen und geographische Schriften der Antike krude wirkt. So schlagen auch viele Wissenschaftsgeschichten wie selbstverständlich einen Bogen über das gesamte Mittelalter hinweg: „Vom Ausgang des klassischen Altertums bis ins 15. Jahrhundert fand naturwissenschaftliches Denken praktisch nicht statt.“ (Huxley 2007, 45) In der Tat war das naturkundliche Wissen durch die antiken Werke geprägt, aber es gab auch eine rege Auseinandersetzung mit den dort enthaltenen Darstellungen, etwa den zoologischen Schriften des Aristoteles (Vgl. Steel et al. 1999). Eigen ist ihr jedoch der hohe Stellenwert der christlichen Ausdeutung: „Im frühen und hohen Mittelalter dominiert das ganz vom typologischen Denken der Theologie geprägte Bild, das auf den Physiologus zurückgeht.“ (Dinzelbacher 2000, 256) In den mittelalterlichen Weltkarten, Bestiarien und Heilkunden finden sich neben den realen Geschöpfen der Welt auch zahlreiche fantastische Kreaturen; medizinische Schriften sind meist eine Mischung aus praktischen Erkenntnissen, Typologie und Rezeption (vgl. Dinzelbacher 2000, 255–292).

In der Dichtung ist der Niederschlag dieser Deutungsmuster eher gering, im Vordergrund stehen Instrumentalisierung und Symbolik: In der Lyrik werden gerne Vögel ins Spiel gebracht, da sie den höfisch repräsentativen Aspekt und erotische Metaphorik gleichzeitig abbilden können, wie etwa in Kürenbergers ich zôch mir einen valken (Kürenberg II,6 [MF, S. 25]) oder Walters Lindenlied (Walther von der Vogelweide, 94ff.). Entsprechend sind Vögel häufig in den dazugehörigen Miniaturen vertreten, sowie die ebenfalls höfisch konnotierten Pferde und Hunde.

In der Epik dominiert zunächst das Pferd. Dies liegt in der Natur der Sache, denn als Literatur einer Gesellschaft, die sich maßgeblich durch die Idee des berittenen Kriegers definiert, sind Pferde alltägliche notwendige Arbeitstiere einerseits und Symbol für Stärke, Beweglichkeit und Herrschaft andererseits. Neben den zahlreichen kurzen topischen Erwähnungen, dass der jeweilige Held auf einem edlen, starken, teuren Pferd unterwegs ist, stechen vor allem zwei Stellen hervor: die vielleicht bekannteste und längste Schilderung eines Pferdes in Hartmanns Erec, in welcher der Erzähler über gut 200 Verse das Ross Enites als in jeder Hinsicht ideal lobt (vgl. Erec, V. 7277-7460), um zum Schluss zu bemerken, dass es eigentlich noch viel mehr zu sagen gäbe, er aber nicht zu lange von Pferden sprechen wolle (vgl. Erec, V. 7450– 7454), sowie die wahrscheinlich als ironisch intertextuelle Antwort lesbare Schilderung von Ades Pferd im Lanzelet, in der der Erzähler im Umkehrschluss die negativen Eigenschaften aufzählt, die das Pferd dieser Dame nicht hat: es beißt nicht, torkelt nicht, hat keinen Herzfehler und keine entzündeten Gelenke (vgl. Lanzelet, V. 1452–1475).

Das Tier erscheint in der Dichtung durch und durch instrumentalisiert, bis auf das Gralspferd Gringuljete im Parzival trägt kaum ein Pferd einen Namen. Dies sollte aber nicht als Geringschätzung im modernen Sinn gelesen werden (es existieren durchaus auch nicht unbedeutende Figuren, die Namenlos bleiben, wogegen im Wigalois sogar der Drache einen Namen trägt). Interessant ist vielmehr, dass in der höfischen Selbstinszenierung, dem artifiziellen Zusammenspiel verschiedenster Akteure, Kreaturen und Zeichensysteme ein sich aus der Tierwelt bekanntes Ordnungsmuster widerspiegelt, über das bereits Konrad Lorenz und später Gilles Deleuze gehandelt haben:

Dabei geht es um die Entdeckung, dass bei Tieren Territorien häufig ein Ausdrucksphänomen sind. Tiere markieren ihre Territorien durch Farben, die sie selbst tragen, oder durch Sound, durch Gesänge und Geräusche. Territorien sind im Konzept der Philosophen keine festgelegten Räume, die besetzt oder unbesetzt sein können, sondern bewegliche Strukturen, die erst durch die Bewegung der Tiere erschaffen werden.  [Riechelmann 2013, 82]

Ebendies führen insbesondere die Artusromane vor: Der hof ist kein Fixpunkt, sondern dort, wo Artus weilt, wo die Melodien erklingen, die Farben gezeigt werden. Feudaladelige Herrschaft ist audiovisuelle Präsenz; arthurische Regeln gelten immer dann und dort, wo ein Artusritter auftaucht. Der einzelne Ritter identifiziert sich durch seine unverwechselbaren Charakteristika mit diesem Prinzip und spielt es während seiner Bewegungen durch die poetische Welt immer wieder durch. Dabei beansprucht er, notfalls mit Gewalt, die Gültigkeit des Systems. Um dies in einem über die Möglichkeiten der menschlichen Physis hinausreichenden Wirkungskreis tun zu können, bedient man sich wiederum des Tieres, das dann seinerseits Träger der zivilisatorischen Symbole wird. Wollte man die Dichtungen des Mittelalters (wie oft praktiziert und kontrovers diskutiert) als Projektionsfolie sehen, mithilfe derer auch moderne Strukturen sichtbar gemacht werden, und dabei noch einmal ein Beispiel wie das eingangs genannte des heutigen wirtschaftlich organisierten Herrschaftssystems heranziehen, ließe sich zeigen, dass dieser Mechanismus auch in der modernen Gesellschaft durchaus nachweisbar ist.

Weitere häufig genannte Tiere sind Hunde, die als Zier- oder Jagdhunde ebenfalls höfisch konnotiert sind, sowie die bereits im Hinblick auf die Lyrik erwähnten Jagdvögel. Auch hier erfüllen diese durch Ihre Kostbarkeit einen herrschaftlich repräsentativen Zweck (so kommt etwa der junge adlige Johfrit auf „einem pferde gemeit“ daher und „ein habich fuotz er ûf der hant“ [Lanzelet, V. 468-470.]), tauchen aber auch in ihrer Symbolik der körperlichen Liebe auf („der minnen vederspil Isôt“ [Tristan, V. 11989.]). Daneben gibt es reichlich Drachen. Wie Riesen oder mit unfairen Mitteln streitende Gegner sind diese instrumentalisiert als unhöfische Gegner, die der Held besiegen muss (vgl. etwa die Drachenkämpfe im Tristan und im Wigalois). Der Löwe erscheint im Lanzelet auch als ein solcher wilder Gegner, der mit roher Gewalt niedergemetzelt wird, im Iwein dagegen als Helfer und Freund des Helden (zur Deutung des Löwen im Iwein vgl. etwa Jaron Lewis 1974, 67–83). Im Herzog Ernst existieren neben diversen Völkern mit phantastischem Körperbau auch Mischwesen zwischen Mensch und Kranich. Diese leben zwar in einer gängigen höfischen Gesellschaftsstruktur, der Versuch des Königs, eine menschliche Braut zu wählen, endet jedoch tragisch, „da als dicke er si kuste, / den snabel stiez er ir in den munt“. (Herzog Ernst, V. 3244f.)

Andere Tiererwähnungen finden sich meist in Form von Essbarem („lewen, bern, rôtwild, / swîn und swaz man jagen will“ [Lanzelet, V. 3992f.]), und, wie im modernen Sprachgebrauch auch, zum Verdeutlichung positiver oder negativer Charaktereigenschaften des Menschen. So erklärt Liddamus im Parzival, sein Gegner könne nicht einmal einem Huhn gefährlich werden, (vgl. Parzival, V. 419,24) und häufig wird auf die Beherztheit des Schweins im Kampf angespielt: ein Ritter ist „küene als ein swîn“ (Lanzelet, V. 3546) oder jagt die unterlegenen Feinde vor „sich her, als ein wildes swîn diu hunt“(Lanzelet, V. 1435). An anderer Stelle fliehen die Gegner vor dem Helden als „cleine vogele vor dem arn“ (Lanzelet, V. 3305). Wie so oft ist auch die Symbolik des Schweins durchaus mehrdeutig, so steht der Eber im Tristan sowohl für die bereits genannte Kraft und Tapferkeit, aber gleichzeitig auch für das offensiv-Sexuelle und die von ihm ausgehende Bedrohung – de facto also für den Protagonisten selbst (vgl. Tristan, V. 13515–13538).

Auch für die äußerliche Erscheinung werden Tiervergleiche herangezogen; so ist die vortreffliche Rüstung „wîz al ein swan“ (Lanzelet, V. 359), während das unattraktive Aussehen Kundrîes folgendermaßen beschrieben wird: sie hat einen Rücken wie ein Maultier, besetzt mit Haaren wie Schweineborsten, eine Nase wie ein Hund, Eberzähne, Ohren wie ein Bär, Hände wie von Affenhaut und Fingernägel, die denen eines Löwen gleichen – der Erzähler merkt an, dass um ihrer Liebe willen keine Zweikämpfe ausgetragen werden (vgl. Parzival, V. 313,16–314,10).

Neben all diesen Möglichkeiten der erzählerischen Nutzung von Tieren existiert aber eben auch noch die eingangs erwähnte und bislang unberücksichtigt gebliebene Variante des Tieres als Maß des physikalischen Verstehens. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Tier hierbei eingesetzt wird, um reale und mathematisch nachvollziehbare Größen greifbar zu machen. Eine der gebräuchlichsten Einheiten hierbei ist der Tagesritt – einem damaligen Publikum war die Distanz und die damit verbunden Anstrengung leicht nachvollziehbar, wenn ein Ritt (je nach Tempo und Beschaffenheit des Geländes) einen oder mehrere Tage dauert. Ein weiteres Beispiel findet sich im Parzival, als der junge Protagonist, dem man eingeschärft hat Gewässer zu meiden, deren Grund er nicht sehen kann, sich nicht traut über einen Bach zu reiten „den hete ein han wol überschriten“ (Parzival, V. 129,8). Die Sprungweite des Hahns ist in einer Gesellschaft in der Nutztiere allgegenwärtig sind ein verlässliches und allgemein verständliches Maß für die geringe Breite des Baches. Im Gegensatz zu dem vorher genannten Tagesritt handelt es sich hierbei aber um ein Bild, das durchaus auch anders leicht zu fassen gewesen wäre. Etwas abstrakter, aber dem gleichen Prinzip folgend erscheint die Streckenangabe: Der Held ritt weiter, als ein Vogel (an einem Stück) fliegen kann (vgl. Parzival, V. 224,20).

Einen noch interessanteren Abschnitt enthält der Lanzelet. Die Größe eines Hügels, genannt Wilder Ballen, verringert sich proportional zur Annäherung des Betrachters: Aus einer Meile Entfernung glaubt man, ein aus Erz gegossenes Pferd zu sehen, reitet man näher heran ergibt sich aus einer halben Meile das Bild eines kleinen Maultieres, bei weiterer Annäherung erscheint der Hügel als ein Hund, dann in der Größe eines Fuchses und schließlich als eine kleine bauchige Vase, die aber so schwer ist, dass niemand sie aufheben kann. Dieses Konstrukt ist bemerkenswert und spielt mit physikalischen Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung – und dies in einer Zeit, in der sich die bildende Kunst mit der Darstellung solcher Perspektiven noch kaum beschäftigt (vgl. Panofsky 1974, 99f.). Dem Publikum vorgetragen eröffnet diese Bildsequenz ein faszinierendes und unglaubliches Gedankenspiel, und um diesen Effekt überhaupt imaginierbar zu machen, bedarf es allgemein bekannter Größen, die der Rezipient in einer fließenden Betrachtung, gleich einer Kamerafahrt, leicht aufrufen kann. Dies wiederum gelingt durch die Orientierung an den Rezipienten vertrauten Größen: den Körpern von Pferd, Maultier, Hund und Fuchs. Im Falle des Wilden Ballens werden diese nicht nur als Vergleichsgrößen herangezogen, sondern untereinander und mit der Blickführung und Bewegung im poetischen Raum dynamisch in Beziehung gesetzt, so dass ein optisches Trugspiel entsteht, das der Erzähler dann durch die Existenz des Balles, bei dem sich wiederum die Masse umgekehrt proportional zur Größe verhält, in ein zusätzliches physikalisches Wunder verwandelt.

Bezüge zu Tieren sind nicht nur eine erzählerische Gestaltungsmöglichkeit, um Charaktereigenschaft hervorzuheben, Superlative zu generieren und Figuren und Figurenräume lebendig und anschaulich werden zu lassen. Sie erweisen sich auch als diachron äußert stabile Konstrukte, deren Dechiffrierbarkeit bis heute ungebrochen ist, obwohl der direkte Bezug der allermeisten Menschen zu den Geschöpfen verschwunden oder auf ein Minimum des ursprünglichen reduziert worden ist. Es wird daher spannend zu beobachten sein, ob sich auch sprachlich die Ablösung der natürlich gegebenen Mensch-Tier Beziehung durch die selbstinitiierte Mensch-Technik Beziehung irgendwann etablieren wird.

Literatur

Primärtexte

Gottfried von Straßburg: Tristan. Hg. von Karl Marold. Unveränderter 4. Abdruck nach dem 3. mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977.

Hartmann von Aue: Erec. Hg. von Manfred Günter Scholz, übersetzt von Susanne Held, Frankfurt a.M. 2007 (= Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 20).

Herzog Ernst. Ein Mittelalterliches Abenteuerbuch, in der mittelhochdeutschen Fassung B nach der Ausgabe von Karl Bartsch mit den Bruchstücken der Fassung A herausgegeben, übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Bernhard Sowinski. Stuttgart 2003 (= RUB 8352).

Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann et al. bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren. Band 1. Stuttgart 1988.

Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik. Übertragen und erläutert von Otto Seel. Zürich 1995.

Deutsche Lyrik des Mittelalters. Auswahl und Übesetzung von Max Wehrli. Zürich 2001.

Riechelmann, Cord: Krähen. Ein Portrait. Berlin 2013 (= Naturkunden 1).

Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet. Hg. von Wolfgang Spiewok, mittelhochdeutsch/ neuhochdeutsch. Greifswald 1997 (= Wodan 71).

Wigalois Wirnt von Grafenberg: Wigalois. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn, übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach. Berlin/New York 2005.

Wolfram von Eschenbach: Parzival, Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung und Sachwort von Wolfgang Spiewok. 2 Bände. Stuttgart 2010 (= RUB 3681/3682).

Sekundärliteratur

Dinzelbacher, Peter (Hg.): Mensch und Tier in der Geschichte Europas. Stuttgart 2000 (= Kröners Taschenausgabe 342).

Huxley, Robert (Hg.): Die großen Naturforscher. Von Aristoteles bis Darwin, aus dem Englischen übersetzt von Frank Auerbach. München 2007.

Ingold, Tim (Hg.): What is an animal? London 1988.

Jaron Lewis, Gertrud: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. Frankfurt a.M. 1974 (= Kanadische Studien zur dt. Sprache und Literatur 11).

Obermaier, Sabine (Hg.): Tiere und Fabelwesen im Mittelalter. Berlin 2009.

Panofsky, Erwin: Die Perspektive als „symbolische Form“. In: Erwin Panofsky. Aufsätze zu den Grundfragen der Kunstwissenschaft. Zusammengestellt und hg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen. Berlin 1974.

Carlos Steel, Guy Guldentops, Pieter Beullens (Hg.): Aristotle’s Animals in the Middle Ages and Renaissance. Leuven 1999 (= Mediaevalia Lovaniensia I/XXVII).

Tiere als Freunde im Mittelalter. Eine Anthologie. Eingeleitet, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Gabriela Kompatscher, Albrecht Classen und Peter Dinzelbacher, Badenweiler 2010.

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Der Mops im literarischen Bestiarium

Mit zwei unveröffentlichten Gedichten von Friedrich Rückert

Von Reinhold Münster

Logbuch der Wissenschaften
60. Jahrgang
5. Januar 2013

Den ersten Besuch in Bamberg hatte ich mir anders vorgestellt. An diesem Tag drückte die Hitze des Sommers auf das Gemüt, in der Ferne kündigte sich mit Donnergrollen ein Unwetter an. Die Gassen schienen fast ausgestorben zu sein. Endlich tauchte am Rande der Innenstadt ein kleines Straßencafé auf. Die Tische waren verwaist. Ich suchte einen Platz im Schatten der Häuserwände und bestellte einen großen Cappuccino, um die erschlafften Lebensgeister aufzumuntern, doch bald wirkte die Stille auf mich.

Plötzlich, wie auch sonst in der modernen Literatur, riss mich ein unheimliches Geräusch aus meinem leichten Dösen. Ich fuhr hoch. Ein rascher Blick um mich: keine Bewegung, nichts, niemand. Die Fenster in der kleinen Straßenschlucht waren geschlossen. Der Lärm ging in ein lautes Schnarchen über. Da entdeckte ich den Täter – einen feisten Mops, der sich im Schatten unter meinen Stuhl häuslich eingerichtet hatte, tief und fest schlummerte und im Schlaf nach Beute schnappte.

In diesem Augenblick erwachte der Wissenschaftler in mir, alle Müdigkeit war gewichen. Der Mops als Zeichen (für Stil)? Als Symbol? Als Metapher? Als Allegorie? Als Genderproblematik? Als wissenschaftliche Tatsache? Als kulturelle Ikone? Als „Weißwurstmarzipanschweinkampfstier“ – so die Zusammenfassung der Beschreibung aus Brehms Tierleben? Ich beschloss, mich dem Problem zu widmen und notierte in das Logbuch der Wissenschaften die folgenden Fragen: Was wusste ich über den Mops? Wo kam er her? Worin bestand seine kulturelle Leistung für die Menschen? Wo geht er hin?

Mein Wissen über den Mops – die erste Frage ließ sich einfach beantworten – bewegte sich auf keinem besonders hohen wissenschaftlichen Niveau, griff auf die direkte, empirische Beobachtung zurück: Vier Beine, ein geringelter Schwanz, kupierte Ohren, ein schwarzes, flaches Gesicht, in diesem Fall zu einer beigen Färbung des Fells getragen. So lag er fett und schwer schnaufend da.

Es blieb nur eine Lösung: Ich schleppte mich zur Staatsbibliothek den Berg hinauf, bestellte die gängigen Nachschlagewerke, deren Stapel langsam auf dem Tisch anwuchsen. Der erste Band war – für Bamberg nicht verwunderlich – die frühchristliche Naturkunde des Physiologus. Schön sprach der Physiologus vom Charadrius, von den Eselskentauren, dem Einhorn, dem Enhydris und dem Ichneumon, dem Antholops, dem Hydrippos, sogar von der Ameise, nicht aber vom Mops; er erwähnte ihn mit keiner Silbe. Schön sprach der Physiologus auch vom Baum Peridexion, behandelte aber nicht die Frage, ob der Mops nicht an diesem immer wieder sein Hinterbein anhob und so den Fortbestand der Fauna sicherte.

Auch die Lektüre moderner Bestiarien blieb ernüchternd. Franz Blei behauptete, er habe alle lebenden Tiere in sein Bestiarium literaricum aufgenommen. „Den Nutzen dieses kurz und bündig abgefassten Bestiariums wird der Tierfreund und -feind beim Durchblättern also gleich mit Vergnügen bemerken.“ Dabei befleißigte er sich, so seine Aussage, des damaligen Standards wissenschaftlicher Objektivität: „Aller Kritik unserer Viecher habe ich mich enthalten, wie man merkt: Wir müssen sie hinnehmen, wie Gott sie geschaffen. Ihm allein die Ehre und die Verantwortung.“ Blei neigte zu unzulässigen Verallgemeinerungen, besonders in der Frage nach der Intelligenz der Tiere: „Denn gerade das, was einige von unseren heutigen Tieren behaupten, das tun sie gar nicht: denken.“ Dabei blieb er ein kritischer Beobachter, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen können: „Der Benn ist ein giftiger Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.“ Oder: „Die Courthsmahler ist eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt.“ Den Mops jedoch sucht der geneigte Leser vergeblich. War er so diskreditiert, dass ihn Blei zu denjenigen Tieren rechnete, die vom Bacillus imbecillus befallen gewesen seien?

Fritz Raddatz, Prachtleierschwanz und Spezialist für biographische Forschungen zum jungen Goethe in Frankfurt, beschäftigte sich im Bestiarium der deutschen Literatur mehr mit Mollusken, bunten Vögeln, Fischen und schleimenden Geschöpfen aus unterschiedlichen Gewässern. Kein Dichter, auch keine alte Jungfer waren es ihm wert, mit einem Mops verglichen zu werden.

Die Gesamtschau bisher war enttäuschend verlaufen: Die gängigen Bestiarien von der Antike und dem Mittelalter bis zur Gegenwart wussten nichts vom Mops zu berichten.

Wo also kam er her (zweite Frage)? Drei Theorien konkurrierten bisher um die wissenschaftliche Anerkennung und Verifizierung. Bernhard-Victor von Bülow behauptete, die Heimat des Mopses liege in Europa. „Als Herr des Waldes durchstreifte der Mops einst Europa zwischen dem Ural und Fichtelgebirge. Heute weiden nur wenige wilde Möpse in unbewohnten Waldungen Nordschwedens.“ Knochenfunde aus der Zeit um 1500 erhärteten den Befund. (Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer die Ausgräber waren. Ich vermute: Gilbert und Henry aus dem Hause Bülow.) Der Mops galt und gilt bis heute als gefährdete Art, so Bülows Meinung: „Ende des 16. Jahrhunderts galten die mächtigen Mopsschaufeln noch als beliebte Jagdtrophäe.“ Da der wilde und scheue Waldmops Wälder verwüstete, Vogelnester ausnahm und Rotwild riss, wurde er eingefangen und domestiziert. Bülow erkannte hier indirekt einen wichtigen Aspekt literarischer Moderne seit der Aufklärung: die Domestizierung der Wildnis, die dem Nutzkalkül unterworfen werden sollte. „Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich 14-Ender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten.“ Teile des Wildbestandes sollen in der Gegenwart nach Südafrika ausgewandert sein; einige seltene Exemplare wurden von Bülow noch in den achtziger Jahren an der Wesermündung gesichtet.

Die zweite Theorie verlagerte die Herkunft des Mopses auf den Ursprungskontinent des Homo sapiens. Sie besagte, dass der Mops im 17. Jahrhundert von Südafrika nach Europa, besonders in die Niederlande und nach England gekommen sei. Am Kap der Guten Hoffnung hätten Wilhelm III. von Oranien und Maria von Oranien-Nassau die Vierbeiner aufgegriffen und mit zu ihrer Krönung (1689) ins Vereinte Königreich genommen, wobei die Möpse wie die Fangemeinde der niederländischen Nationalmannschaft Schals in Orange getragen haben sollen. (Ein Vergleich beider Gruppen liegt mir fern, denn der Mops Pompey soll seinem Herrn während eines Überfalls im Heerlager von Hermigny durch lautes Lärmen den Sieg gerettet haben.)

Viele Wissenschaftler favorisierten eine dritte Theorie. Sie behauptete die Herkunft des Mopses aus China. Dort hatte er sich hochgezüchtet zum Molosserhund und gelangte vor mehr als 2.000 Jahren an den chinesischen Kaiserhof, wobei er mehr oder weniger sein heutiges Aussehen annahm. Gerne lag er dort auf rotseidenen Kissen mit goldenen Troddeln. Aktiv stritt er mit Dschingis Khan in dessen Heer und gelangte mit seinem Feldherrn auch nach Europa. Eindeutig dürfte sein, dass der Mops mit den Entwicklungen in der Alten Welt verbunden ist. Für die Bestätigung der Theorie sprechen einige Fakten, die eng mit der dritten Frage verbunden sind und mit ihr diskutiert werden sollen.

Der Mops trat als kampferprobter und mutiger Held auch in die Geschichte der europäischen Literatur und Kunst ein. 1717, in der Schlacht von Belgrad gegen die Heere der Türken, verteidigte er seinen Herrn, den Feldmarschall Herzog Karl Alexander, als Prinz Eugen schon längst vom Schlachtfeld verschwunden war. Im Zuge der militärischen Bewegungen wurde der Mops auf dem Kampfplatz schlicht vergessen. Heldenhaft suchte er den Weg durch die feindlichen Linien und gelangte heil nach Württemberg.

Elf Tage lang ist er gerannt,
von Belgrad heim ins Schwabenland!

So heißt es in einem Gedicht, das bei seinem Ableben verfasst wurde. Es dürfte in der Literaturgeschichte nicht häufig vorkommen, dass Casualcarmina wie Epicedien auf einen Mops gesungen wurden. (Hier öffnet sich eine Forschungslücke in der deutschen Literaturwissenschaft, die sich sicherlich durch einige Doktorarbeiten schließen ließe.)

Das Motiv des menschliche Fähigkeiten überschreitenden Kämpfers behielt seinen Reiz bis weit in die Weimarer Republik. So ließ Paul Scheerbart seinen Band Mopsiaden mit einem klar positionierten Vierzeiler beginnen:

Für den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Also sprach der Mops: Ich halte mich für den Übermenschen. Dieser Witz kam im Jahr 1920 a) ziemlich spät und b) mit miserablen Reimen daher. Gerade der Mops verweigert sich dem Reim. Als Reimworte kennt die Literaturgeschichte bis heute lediglich: Klops, Drops, Hops und obs. Das ist dürftig bis beschämend. Aus meiner Sicht war es aber nicht der einzige Grund, warum deutsche Poeten den Mops wenig in ihr Herz geschlossen haben.

Im Barock ein kriegerischer Held, im Rokoko ein Frauenheld im Boudoir: Hier zeigte sich die Anpassungsfähigkeit des Tieres. Der zärtliche Gleim widmete ihm zwei vergnügliche Gedichte; eins ist abgedruckt bei Felicitas Noeske (Mops Epitaphium), das andere findet sich im Versuch in scherzhaften Liedern unter dem bezeichnenden Titel Das Möpschen. Schon der Diminutiv deutet an, dass der Vierbeiner über eine gewisse Naivität verfügt. Das niedliche Möpschen wurde von Philemon ausgesandt, die Schöne zu bewachen. Während es diese Aufgabe auf dem Schoß der Dame wahrnimmt und Zucker leckt, entspinnt sich ein kleiner Dialog, während dessen der Held überlistet wird. Die Musa iocosa hatte wohl ihre Finger im Spiel. Das Mädchen, so verrät es der Mops, solle nur mit Philemon spielen und scherzen, nicht mit anderen Männern Vertraulichkeiten und Küsse austauschen. Sollte dieser Fall eintreten – und er wird sich kurze Zeit später in einer anderen Geschichte (1796) ereignen –, dann komme es zum Hauen und Stechen, zum Bellen und Beißen:

Ich bin ein treuer Diener,
Drum hütet Euch vor Möpschen!
Ich leide keinen Fremden,
Der Euch die Wangen streichelt,
Der etwa seine Lippen
Auf Eure Lippen drücket!

Die spröde Schöne weiß jedoch den klugen Ausweg. Wenn aber eine Freundin sie küssen würde, was dann? Da muss ich meinen Herrn fragen, lautet die prompte Antwort. Und schon ist der Mops losgelaufen und hat Platz gemacht für neue Scherze.

Wichtig für den Fortgang der Geschichte und kulturellen Leistung des Mopses wurde in dem Zusammenhang von Eros und kontrollierender Macht – von Michel Foucault völlig unbeachtet – Fortunée, der Wächter von Joséphine de Beauharnais. Die Fama berichtete, dass in ihrer Hochzeitsnacht Napoleon von dem Tier ins Schienbein, andere sprechen vom Wadenbein, gewissen wurde, als dieser ins Brautbett klettern wollte. Knurrte Fortunée dabei „In Tyrannis“? Die Frage ist bis heute nicht beantwortet, auch nicht diejenige, ob damit in die Trompete für die Erhebung der europäischen Völker gebellt wurde.

Eine neue Konstellation entstand: Die jungen Mädchen liebten den Mops, er galt als ihr Gespiele, als ihr Wächter, als ihr Kuscheltier im Bett. Die jungen Männer, allen voran Napoleon, hassten den Mops als Konkurrenten, aber auch als Revolutionär und weiterhin tapferem Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne. Ein starker Beleg für diesen Abscheu vor dem Mops findet sich in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Das Märchen). Goethes Ablehnung jeglicher revolutionärer Umtriebe kann als bekannt vorausgesetzt werden; es geht hier nur um die literarische Rolle des Mopses. Dieser opferte sein Leben, um die Geschichte – als Erlösungsgeschehen, Herr Scheerbart! – voranzutreiben. Die schöne Lilie fragte: „Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?“ Sie spielte mit dem Tier, dem sie das Leben zur Hälfte wieder geschenkt hatte, betrachtet es mit Wohlgefallen, drückte es an ihr Herz und so weiter. Der Jüngling sah dies mit scheelen Augen und wachsendem Verdruss: „[…] aber endlich, da sie das hässliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen küsste, verging ihm alle Geduld“, und er beschimpfte den Mops als „widernatürliche Missgeburt“. Keine Biographie, die mir bekannt ist, berichtet davon, dass Goethe ein Haustier besaß.

Mit der aufgezeigten, erotischen Komponente spielt heute noch das Bild der niederländischen Malerin Nastja Holtfreter: Frau mit Möpsen. Die Blicke einer alten Jungfer, die keine genetische Schönheit ist, signalisieren Begehren, die beiden Möpse, die sie in den Armen vor dem Busen hält, signalisieren Aggression und Missmut.

So waren es Männer des 19. Jahrhunderts, die immer wieder schlecht vom Mops und seinen Fähigkeiten sprachen. Den Höhepunkt der Kampagne beschreibt eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Das junge Mädchen, das gilt auch für die hübsche Erzählung Horacker von Wilhelm Raabe, verwandelte sich nun in die alte Jungfer. Der Mops sei alter Damen Freude, dichtete Busch in seinem Naturgeschichtlichen Alphabet: Eine alte Vettel taucht ein Biskuit in ihre Tasse, ein fetter Mops auf dem Tisch stehend, wartet schon auf die Leckerei. Drastisch führte Busch seine Kritik des Mopses und seines Frauchens in Die Strafe der Faulheit aus:

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Das wurde dabei fett und dick. Einen Braten wie diesen wollte sich der Hundefänger nicht entgehen lassen, fing den Mops und fraß ihn auf. Die Haut verkaufte er an das Fräulein für zwei Goldstücke. Das letzte Bild: Schnick mit einer Brezel im Maul.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
– Wer dick und faul, hat selten Glück.

Buschs schwarze Pädagogik dürfte bekannt sein, sein Hass auf die Lehrer und die bürgerliche Gesellschaft auch. Und besonders viel Liebesglück schien in seinem Leben auch nicht Platz genommen zu haben. Die Botschaft für die Leser war klar, so Felicitas Noeske: Armen Kerlen wird das Fell abgezogen. „Irgendwann folgte der Grande Révolution der Grillabend.“

In diesem Kontext fügen sich die beiden Gedichte von Friedrich Rückert problemlos ein, die im Stadtarchiv Schweinfurt (Sammlung Rückert) zu finden sind.[1] Rückert pflegte im Gegensatz zu Busch ein mehr praktisches Verhältnis zu Haustieren. Dies kann ein ganz kleiner Exkurs zeigen. In Zur Ehre der Gans (Lyrische Gedichte. Haus und Jahr) wird von einer jungen Liebe berichtet. Nach dem ersten Abschied vom Geliebten fütterte das Mädchen ein Gänschen. Nach einiger Zeit schrieb sie sehnsüchtig:

Liebster, komm! das Gänschen fett
Ist genug gepfropfet,
Und die Federchen ins Bett
Sind bereits gestopfet.

Gänse scheinen im Hause Rückert ein Lieblingsgericht gewesen zu sein. Ganz realistisch heißt es dazu (Das Männlein in der Gans), fast im Stile eines Wilhelm Busch:

Die Köchin wetzt das Messer,
Sonst schneidt‘ es ja nicht;
Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
Als dass man sie sticht;
Wir wollen sie nehmen und schlachten
Zum Braten auf Weihnachten.

Dem Mops ergeht es nicht viel besser. Wie bei Busch gehörte für Rückert der Mops als gesellschaftliches Zeichen zu den alten Damen (Sammlung Rückert, A II 71d–430):

Willst du als Ehrenangebinde
Höflichern Mannes Namen tragen,
Musst du die junge Frau nach ihrem Kinde
Nach ihrem Mops die alte Jungfer fragen.

Wem der gute Rat gelten sollte, ließ sich nicht feststellen. Auch im zweiten Gedicht bleibt unklar, wer die Totengräberin des Mopses sei. Rudolf Kreutner vermutete, dass es sich um die kapriziöse Tochter Marie handeln könnte. Das Gedicht ohne Titel (Sammlung Rückert, A II 71a–270):

Und als ihr Lieblingsvieh gestorben war, der Mops,
Befahl sie daß im Garten mans begrabe;
Im Grünen stinkt es nun, als obs
Im Zimmer nicht schon gnug gestunken habe.

Damit wäre der Weg, den der Mops in der menschlichen Kultur durchschritt, fast gedeutet: Ein Lebenslauf in absteigender Linie. Christian Morgensterns Beschreibung des Mopses zielte weit an der literarischen Wirklichkeit vorbei (Mopsleben):

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

Wer außer Morgenstern hätte je einen Mops in solch lächerlicher Position gesehen? Der Mops als meditierendes Wesen, als kleiner Buddha? Sein Weg in Europa war ein anderer: Vom barocken Helden über den Helden im Bett der jungen Mädchen, zum Tröster alter Jungfern, am Ende zur ausgestopften Haut, zum Braten oder zur stinkenden Leiche. Sic transit gloria mundi. Geht noch mehr?

Natürlich! Auf so viel an Verachtung, auf so viel an Hass, denen der Mops ausgesetzt war, kam die Versprachlichung des Hundes, seine Auflösung in eine Sprachstruktur, die Reduktion als Träger eines phonetischen Merkmals, des Vokals „o“. Ernst Jandl (der künstliche baum) verwandelte den Mops, aber auch Gott und Otto in ein Sprachspiel des Univokalismus. Dass dabei dem literarischen Mops das Kotzen ankam, entspricht wohl seiner früheren revolutionären und kämpferischen Natur. Seine Reaktion war:

ottos mops hopst fort

Doch wo „hopst“ er hin? „Bitte Geduld! Nur noch zwei Minuten!“ Dann ist auch die letzte Frage in ihren Grundzügen umrissen. Im Jahr 1971 landete die Raumfähre „Wotan I“ auf der Mondoberfläche. Die erste Einstellung der Kamera zeigte die Mondfähre, im Hintergrund lag gut erkennbar die Erde. Vorn im Staub des Mondes saßen zwei Möpse, die bunte Welt seelenruhig betrachtend. Bülow druckte das Protokoll in seinen Untersuchungen ab:

Worte des Sprechers während der Live-Übertragung aus dem Weltraum: „Das sind wohl die bisher eindrucksvollsten Farbfernsehbilder von der Mondoberfläche. Im Hintergrund rechts die Erde, unser blauer Planet, links die Landefähre.
Unter 68 Astronauten, die in die engere Wahl kamen, hatten sich Meyer und Pöhlmann als die härtesten erwiesen. Allerdings höre ich eben, dass Pöhlmanns Puls auf 160 gestiegen ist, Meyers liegt noch bei 92.
Dieses Bild wird sich uns für immer einprägen – ein Bild, das jetzt im Augenblick von über 300 Millionen Menschen rund um den Erdball empfangen wird. Meyer und Pöhlmann, Deutschland ist stolz auf euch.“

War der Mops von Fräulein Lunden (James Krüss) heimlich in die Rüstung von Pöhlmann gestiegen, da sein Puls so hoch lag? Ich weiß es nicht. Müde winkte ich den beiden Raumfahrern zu und wünschte ihnen viel Glück für den weiteren Lebensweg. „Lebt wohl, Möpse. Ein lustigeres Leben als auf der Erde findet ihr überall!“

Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. Ganz leise sprach eine weibliche Stimme zu mir: „Wir schließen in fünf Minuten.“ Ich erhob mich vom Lesetisch in der Bibliothek, streckte meine Glieder, löschte das Licht und beschloss mich von den Anstrengungen des Tages im nächsten Weinhaus mit „möpselndem Wein“ zu stärken.

Man erzählte später, ich hätte mir diese Geschichten lediglich ausgedacht, und einige Kollegen gingen so weit, mir anzudichten, ich hätte eine Schwäche für Alkohol, aber das ist eine gemeine Lüge! Heiliger Ijon Tichý bitt für mich! Aber so sind die Menschen: Sie glauben lieber den unwahrscheinlichsten Unfug als korrekte Tatsachen, die ich mir hier dazulegen erlaubt habe.

Literatur:

Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur. Hamburg 1995.

Wilhelm Busch: Sämtliche Werke. Gütersloh 1982.

Johann W. L. Gleim: Sämmtliche Werke. Bd. 1. Halberstadt 1811.

Johann Wolfgang von Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. HA Bd. 6. München 1982.

Ernst Jandl: poetische werke. Bd. 4. München 1997.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher. Frankfurt a.M. 1978.

Loriot: Gesammelte Prosa: Zürich 2006.

Loriot: Möpse und Menschen. Zürich 1983.

Felicitas Noeske: Das Mops-Buch. Frankfurt a.M. 2001.

Physiologus: Hanau 1981.

Fritz Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Reinbek bei Hamburg 2012.

Friedrich Rückert: Poetische Werke. Bd. 2. Frankfurt a.M. 1882.

Friedrich Rückert: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Schweinfurt 1999.

Paul Scheerbart: Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Stuttgart 1990.

Karin Tebbe: Der Mops – eine nutzlose Kreatur? Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg 294 (9/2009).

Kurt Tucholsky: Das Wirtshaus im Spessart. In: Panter, Tiger & Co. Reinbek bei Hamburg 1954.

Brehms Tierleben. 1827. Zitiert nach: Focus online. Zugriff, 23.11.2012. 17:40 (Der Mops, ein Wunder der Natur).

Wikipedia.org: Mops. Zugriff: 23.11.2012, 13:30.


[1] Hier die einzige Fußnote: Ich danke Herrn Dr. Rudolf Kreutner von der Friedrich-Rückert-Gesellschaft für das Auffinden und die Druckerlaubnis der beiden Gedichte.