Mörikes Familientiere

von Reiner Wild

Tiere haben Eduard Mörike zeit seines Lebens begleitet. „Ich halte mir einen Staaren“, schreibt er im November 1831 – er war seit dem Sommer Pfarrverweser in Eltingen – an Friedrich Theodor Vischer (HKA 11, 231);[1] am Ende des Jahres berichtet er seiner Braut Luise Rau, dass er nun auch einen „artigen Spitzhund“, ein „gescheidtes, wachsames lebhaftes Geschöpf“, beherberge (HKA 11, 235). Er heißt Joli; der Name geht wohl auf Französisch jolie (‚hübsch‘, ‚artig‘, ‚nett‘) zurück, lässt aber auch den im Schwäbischen und darüber hinaus verbreiteten Ausruf des Erstaunens „mein lieber Scholli“ anklingen (der seinerseits auf jolie zurückgehen mag). Gelegentlich wird Joli auch David genannt, mitunter gar Nikodemus. Er begleitete Mörike mehr als zehn Jahre; im Pfarrhaus von Cleversulzbach war er Teil der „HausGenossenschaft“ (HKA 13, 216), zu der neben dem pfarrherrlichen Junggesellen, dessen Mutter und der Schwester Klara auch „der Staar, der Distelfink, der Igel, Hund und Katze“ gehörten (HKA 13, 132). Zeitweise war diese „Menagerie“ (ebd.) noch durch eine „kleine Schildkröte“ erweitert, die Theobald Kerner, der Sohn von Justinus Kerner, aus Italien mitgebracht hatte (HKA 14, 119). Auch zur späteren Familie Mörikes mit der Ehefrau Margarethe, wiederum der Schwester Klara und den beiden Töchtern Franziska und Marie gehörten Tiere – ein Hund, ein Kanarienvogel und eine weiße Katze: „die Kleine [Mörikes jüngere Tochter Marie] strickt ganz still bei meiner Lampe, die weiße Katze auf dem Schoos, kein Laut im Zimmer als das Schnurren dieses Thiers und der Gang der Wanduhr“ (HKA 18, 113). Diese Katze, korrekter: dieser Kater hieß Weißling; sein zweiter und immerhin geheimnisvoller Name  – „The naming of cats is a difficult matter“, wie seit T. S. Eliots Gedicht bekannt ist – war „Waihugebei“ (HKA 18, 232).

Den Tieren gilt viel Aufmerksamkeit; immer wieder berichtet Mörike in seinen Briefen von ihnen. Vor allem der Familie Hartlaub wird regelmäßig und ausführlich von den Tieren erzählt. Abwesende Familienangehörige werden selbstverständlich über die Tiere und ihr Befinden auf dem Laufenden gehalten; so erfährt Klara Mörike nach einem Umzug, den auch Weißling mitmachte: „Die weiße Katze war anfangs ganz unglücklich über unsern Quartierwechsel, lief wie Quecksilber u. mit Geschrei von einer Thür zur Andern; jezt schläft sie wieder in der gewohnten Schneckenform“ (HKA 18, 240). Weißling durfte auch in der Eisenbahn mitfahren, in einem Henkelkorb mit Deckel. Mörike hat es gezeichnet. Auf einer Seite seines ‚Lorcher Hausbuchs‘ ist ein kleines Blatt mit einem Weidenkorb so angeklebt, dass es aufgeklappt werden kann; darunter ist Weißling zu sehen (vgl. HKA 18, 727 f.).[2]

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Aus einem zugehörigen Gedicht, das Mörike an die Familie Hartlaub schickt (und das bisher in keine der Gedichtausgaben Mörikes aufgenommen wurde), ist zudem zu erfahren, dass Weißling noch einen dritten Namen hatte, womit immerhin T. S. Eliots Aussage „a cat must have three different names“ bestätigt wird; bemerkenswert ist jedoch, dass die Familie Mörike, entgegen der Behauptung von T. S. Eliot „And that is the name that you never will guess; / The name that no human research can discover“, diesen dritten Namen kennt:

O Rockebuß, jetzt mußt du dran!
Du fährst mit Sturmeseilen
Im Gretten[3] auf der Eisenbahn
Vier lange, bange Meilen.
Du hörest nicht und siehest nicht,
Und öffnest du dein Augenlicht
So steigst du aus – in Stuegert! [HKA 18, 243]

Mörikes Briefe enthalten eine Fülle von Anekdoten und Berichten über Begebenheiten mit den Tieren. Zu den bekannteren gehört, wie Weißling mit Moriz von Schwind, der Mörike Ende 1868 besuchte, umgesprungen ist. Schwind habe sich, erzählt Mörike seinem Freund Wilhelm Hartlaub, mit einem Buch „zu einem Mittagschlaf auf unserm Sopha“ zurückgezogen, „wir [das Ehepaar Mörike] setzten uns derweil in die untere Stube zu den Hausleuten, hörten ihn aber bald wieder oben herumsteigen: Der Weißling hatte ihn geweckt, indem er ihn, mit einem Sprung auf seinen Bauch, besuchte“. Mit leichtem Spott fügt Mörike hinzu, Schwind sei „seit einem Jahr noch um 3 Finger breit dicker geworden“, weshalb ihm bereits zu einer Diätkur geraten worden sei (HKA 19.1, 80). Weißlings Sprung auf den Bauch des Besuchers hat Mörike, wiederum im ‚Lorcher Hausbuch‘, in einer Zeichnung festgehalten:

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Mörikes Berichte und Anekdoten zeigen ein achtsames und liebevolles, dabei auch spielerisches Verhältnis zu den Tieren, in dem empfindsame Empathie mit dem Tier und bürgerliche Häuslichkeit des 19. Jahrhunderts verbunden sind, was insgesamt durchaus ‚biedermeierlich‘ genannt werden mag. Einige der Tiere, voran der geliebte Joli und in späteren Jahren der Kater Weißling, erhalten indes einen besonderen Status in Mörikes „HausGenossenschaft“. Sie werden zu Familienangehörigen und bekommen dabei menschliche Züge; ihnen werden – in durchaus ironischer Brechung – menschliches Verhalten und menschliches Empfinden zugeschrieben. „Auch einen herzlichen Gruß von mir, David und Fulvien“, schreibt Mörike 1832 in einem Brief an Klara Mörike und stellt damit David alias Joli und seine damalige Katze Fulvia mit ihren Namen in eine Reihe mit sich selbst. Weiter heißt es:

Die leztere ist in kurzer Zeit durch übermäßigen Fraß so stark und groß ‚wie ein Lamm‘ geworden (um mich des Ausdrucks meines Nachbars zu bedienen). Sie verwildert ganz durch ihr Vagiren, und wird, ihrer bäurischen Sitten wegen, von David tief verachtet, der freilich noch immer der noble Junker bleibt, wie Du ihn kennen lerntest. Er hat seit einiger Zeit das Französische angefangen und spricht es bereits abwechselnd mit dem Hündischen. Er wollte neulich der Schwester etwas von seiner Bildung beibringen, aber sie lohnte ihm mit boshaftem Spotte und schielte dabei immer nach dem Vogelkäfigt. [HKA 11, 337]

Auf einer Zeichnung, die dem Bericht folgt, hat Mörike die Lehrstunde zwischen Schwester Katze und Bruder Hund festgehalten, in der sich Fulvia immerhin noch auf Distanz hält, wenn sie für die Bildungsbeflissenheit Jolis nur Spott übrig hat, und sie auch ‚tierischer‘ bleibt, wenn sie statt der Belehrung zu folgen auf ein mögliches Jagdobjekt schielt!

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Als Familienangehörige werden die Tiere auch zu Adressaten der Lyrik Mörikes, wiederum ironisch gebrochen und gelegentlich mit parodistischem Einschlag – so etwa in den beiden an Joli gerichteten Strophen, die Mörike seinem Bruder Karl mitteilt:

2 Verse die Großhund (aber in seinem Dialekt) oft hören muß während er auf meinem Schooß ruht und ich ihm [sic!] liebkose.

Dieses mußt Du warlich spüren
Daß es lauter Liebe ist
Was mein Inneres thut regieren
Weil Du so gehorsam bist,
Dieses labt Dein treues Herz
So in Freude wie in Schmerz.

Deine Seele ist voll Kummer
Weil Du nichts zu fressen hast
Du ergibst Dich nun dem Schlummer
Dieser ist Dein bester Gast.
Diesen ruft Dein treues Herz
So in Freude wie in Schmerz. [HKA 12, 58]

Mörike verwendet eine im 17. und noch im 18. Jahrhundert im Kirchenlied und auch in der Liebeslyrik geläufige Strophenform; er spielt mit Versatzstücken und Vokabular beider Traditionen, vornehmlich der geistlichen, die freilich mit der ‚Tierheit‘ des Angesprochenen konfrontiert werden: „Deine Seele ist voll Kummer / Weil Du nichts zu fressen hast.“

Eine besondere Form der Mitteilung in Mörikes Briefen sind die ‚Musterkärtchen‘, „kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind“, wie Mörike selbst das von ihm kreierte Genre bestimmt (HKA 12, 147). Die Bandbreite des Dargestellten in solchen Musterkärtchen reicht von der bloßen Familienanekdote (mit oftmals scherzhaftem oder komischem Inhalt) bis zu Prosa-Miniaturen, in denen der flüchtige Augenblick einer Erfahrung oder einer Begebenheit festgehalten ist. Auch in den Musterkärtchen wird immer wieder von den Tieren berichtet, so in dem am 25. Februar 1842 an Hartlaub geschickten, in dem Mörike die Inszenierung einer Zeremonie erzählt, mit der er Joli (der ihm offenbar den nötigen Gehorsam verweigert hatte) in einer Art von förmlichen Schenkung aus seiner Obhut entlässt und der Herrschaft seiner Schwester Klara übergibt.[4] Die Musterkärtchen, die mitunter auch ein Gedicht enthalten, weisen auf die von Mörike vor allem in seinen späteren Lebensjahren ausgebildete Alltagslyrik voraus. Mörike begleitet Begebenheiten des privaten, familiären Alltags, wobei die engeren Freunde einbezogen sind, mit scheinbar beiläufigen Gedichten. Anders als in der überkommenen Gelegenheitslyrik, bei der besondere Anlässe wie etwa Geburtstage durch ein Gedicht aus dem Alltag heraus gehoben werden, wird mit diesen Gedichten eine eher alltägliche, nicht notwendigerweise bereits aus sich selbst besondere oder bedeutsame Begebenheit markiert. Mit der Begleitung durch das Gedicht wird die alltägliche Begebenheit zur Inszenierung; der flüchtige Moment wird im Ablauf der Zeit festgehalten und zugleich im Gedicht poetisch ‚aufgehoben‘ und auf Dauer gestellt.[5] Diese Poetisierung des Alltags ist Reaktion auf Modernisierungserfahrungen, Antwort vor allem auf Beschleunigungsprozesse, denen die Erfahrung erfüllter Zeit im Bereich des Privaten poetisch entgegengesetzt wird; sie ist ästhetischer Gegenentwurf zu den Entfremdungserfahrungen der Moderne.

In die Poetisierung des Alltags sind die Tiere einbezogen. In ironischer Brechung, mitunter auch mit skurrilem oder kauzigem Einschlag werden sie in die Inszenierung aufgenommen und avancieren damit zu Mitspielern im inszenierten Alltag. So können die Tiere, voran Joli, dem ja bereits das Gedicht Dieses mußt Du warlich spüren gegolten hat, zu Adressaten von Gedichten werden wie beispielsweise in Impromptu an Joli, dem Vierzeiler von 1837, in dem zudem in der Kombination von Erzählung und Gedicht die Nähe von Musterkärtchen und Mörikes Alltagslyrik deutlich sichtbar ist.

Impromptu an Joli
als er, nach einer Edeltat der Bescheidenheit, von mir, von Clärchen
u. Mutter wechselweise auf den Arm genommen und, bis zu seinem
Überdruß, geliebkost wurde

Die ganz Welt ist in dich verliebt
Und läßt dir keine Ruh,
Und wenn‘s im Himmel Hundle gibt
So sind sie grad wie du! [SW 2, 435]

Als Mitspieler können die Tiere zudem zu Sprechern von Gedichten werden. So gratulieren 1866 Weißling und Sauberschwarz, eine weitere, damals zum Haushalt gehörende Katze, Mörikes Schwester Klara zu ihrem Geburtstag mit einem Gedicht. Es beginnt durchaus ‚kätzisch‘:

Heut in der Frühe weckten
Wir zweie uns und leckten
Die Pelze um und um:
Mit schönen Reverenzen
Dich freundlich zu umschwänzen;
Das ganze Haus weiß ja warum.

Es folgen Danksagungen an Klara Mörike; dabei werden beide Tiere zunehmend ‚menschlicher‘, sie und die Angesprochene rücken einander immer näher:

Du halfest uns vom Tode
Zu einem sichern Brode,
Du gabst uns Dach und Fach.
Wieviel hast du berichtigt,
Wie treulich stets beschwichtigt
Der strengen Hausfrau Weh und Ach!

Du lehrtest selbst die Jugend
Die erste Christentugend,
Daß man ein Tierlein pflegt,
Und wie man – o du Gute! –
Es beinah ohne Rute
Möglichst zur Reinlichkeit bewegt.

Was uns an Lieblichkeiten
Der Schöpfer lieh bescheiden,
Wer würdigt es wie du?
Wer fühlt sich so gemütlich,
Gedankenvoll und friedlich
Hinein in unsere Seelenruh?

In der Schlussstrophe schließlich werden die Glückwünsche dargebracht; Gratulanten und Geburtstagskind sind miteinander vereint:

Jetzt wünschen wir dir eben
Gesundheit langes Leben,
Ein Stübchen obendrein;
Da wollen wir zu dreien
Uns sanfter Tage freuen,
Da wird es wie im Himmel sein. [SW 2, 485 f.]

Bei der Überreichung eines Geburtstagsgeschenks an Mörikes Frau Margarethe 1868 sind gar die Tiere der Familie zusammen mit Tieren der Nachbarschaft zum Chor vereint. Eine „Deputation von lebenden Vierfüßern: unsere weiße Katze [Weißling], der schwarzhaarige Haushund [der damalige Hund Mörikes namens Duxer], die graue Katze vom Haus mit zwei ganz blonden Jungen in ihrem Korb, endlich das bekannte braune Hündlein unseres Nachbars, des Apothekers“ – so im erläuternden Bericht, der wie beim Impromptu an Joli beigegeben ist – spricht ein Gedicht, das so beginnt:

Verehrteste! Du wirst verzeihn,
Wenn sich mit andern Gratulanten,
Die sich des schönen Festes freun,
Zuteuerst auch die Abgesandten
Der fast verächtlich so genannten
Tierwelt um dich zusammenfanden. [SW 2, 494]

Damit nicht genug! Die Atmosphäre im Hause Mörike ist so sehr literarisch durchtränkt und poetisch angeregt, dass jedenfalls der geliebte Joli selbst zum Dichter wird. Zu Mörikes Geburtstag 1841 gibt es ein Gedicht, das von Joli unterzeichnet ist:[6]

Meinem Herrn
zum 8ten
September

Ich mach nicht viele Worte,
Bring Dir auch keine Torte,
Noch sonst ein kostbar Ding;
Hier sind geröste Mandel,
Das ist der ganze Handel,
Und war der Kosten sehr gering.
…………………………….Dein
……………………………………..treuster Joli.

Allerdings bleibt die Verfasserschaft hier trotz der Unterzeichnung durch Joli noch unsicher. Auf der Handschrift ist „von Clärchen“ vermerkt, was auf Klara Mörike als Autorin schließen lässt (wofür auch der Hinweis auf die geringen Kosten des Geschenks sprechen mag); dass Mörike für sich selbst sich ein Geburtstagscarmen schrieb, ist wenig wahrscheinlich, wenngleich auch nicht gänzlich auszuschließen. Deutlich gesicherter ist hingegen die Autorschaft im dem bereits im Jahr zuvor zum Geburtstag der Schwester Klara geschriebenen Gedicht; Aussage und Sprache lassen kaum Zweifel am hündischen Urheber zu:

Joli gratuliert
zum 10. Dez. 1840

Soll ich lang nach Wünschen suchen?
Kurz und gut sei meine Wahl:
„Alle Jahre solch ein Kuchen,
Und zwar wohl noch sechzigmal!
Nämlich mit gesundem Leibe;
Daß kein Elsaß und kein Krauß
Dir das mindste mehr verschreibe,
Denn mit diesen ist es aus.“
Dies ist mein carmen; spar dein Lob,
Mache nicht, daß ich erröte!
Ik bin dwar ein Ilodop,
Aber ik bin kein Oëte. [SW 2, 481]

Joli beherrscht das Metier. Er weiß zu reimen und das Metrum einzuhalten, ihm ist vertraut, dass zum Geburtstagsgedicht gute Wünsche, nicht zuletzt für die Gesundheit, gehören, er kennt den Bescheidenheitstopos, der den Dichter ziert („spar dein Lob, / Mache nicht, dass ich erröte“). Dass er die Namen der Hausärzte der Familie, Elsässer und Krauß, kennt, versteht sich von selbst; allerdings verballhornt er, wohl um des Metrums willen, den einen Namen. Joli ist gebildet, ein poeta doctus; er weiß, dass solch ein Gedicht auch, antikem Wortgebrauch folgend, „carmen“ genannt werden kann. So ist sein Selbstbewusstsein, das ihn mit dem Bescheidenheitstopos spielen lässt, zweifellos berechtigt. Am Schluss, als er von sich selber spricht und sich als Philosoph, nicht als Poet zu erkennen gibt, fällt er – so scheint es – dann doch ins Hündische zurück; er hat Probleme mit der Aussprache menschlicher Laute. Jolis philosophische Richtung lässt das Gedicht kaum erkennen; immerhin plädiert er für Wohlergehen und einen gesunden Körper; die Vermutung liegt nahe, dass er sich, seiner Spezies gemäß, den Kynikern angeschlossen hat. Mit der Selbstbeschreibung als Philosoph setzt sich Joli freilich auch deutlich ab von seinem Herrn, der wahrlich mehr ein Poet als ein Philosoph war. Und nützt er nicht zugleich die Gelegenheit des Geburtstagsgedichts zu einer Persiflage auf die Alltagslyrik seines Herrn und Meisters? Wie auch immer, er erweist sich jedenfalls als durchaus ebenbürtiges Mitglied der mörikeschen „HausGenossenschaft“.


[1] Mörikes Werke und Briefe werden nach der historisch-kritischen Gesamtausgabe unter der Sigle HKA + Band- und Seitenzahl zitiert. In der HKA ist von den beiden geplanten Gedichtbänden bisher lediglich Bd. 1.1: Gedichte. Ausgabe von 1867 (2003) erschienen; die weiteren Gedichte Mörikes werden unter der Sigle SW 2 + Seitenzahl nach der Ausgabe Sämtliche Werke in zwei Bänden zitiert. Zu Mörikes Tieren vgl. die schöne, allerdings nicht ganz fehlerfreie Zusammenstellung Neef: Impromptu an Joli.

[2] Vgl. zu dieser und zur folgenden Abbildung Mörike: Eine phantastische Sudelei, S. 109 u. 110.

[3] „Gretten“: schwäbisch für Weidenkorb.

[4] Vgl. den Kommentar von Albrecht Bergold zu diesem Musterkärtchen auf der Homepage der Mörike-Gesellschaft, http://www.moerike-gesellschaft.de/musterkaertchen_2013.pdf, aufgerufen im März 2013.

[5] Auf den Zusammenhang dieser Alltagslyrik Mörikes mit der bürgerlichen Geselligkeitskultur des 19. Jahrhunderts hat nachdrücklich und überzeugend Wolfgang Braungart aufmerksam gemacht; vgl. z. B. Braungart: Joli gratuliert, S. 226: „Diese Gedichte sind ästhetisch-soziale Handlungen“.

[6] Mörike schickte das Gedicht am 8. September 1841 als Briefbeilage an Hartlaub, vgl. HKA 13, 553; es wurde bisher in keine der Gedichtausgaben Mörikes aufgenommen; der Text folgt hier der Handschrift in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart LBS Cod. hist Q 327,7,77.

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Literaturverzeichnis

Braungart, Wolfgang: Joli gratuliert. Eduard Mörike und sein Hund. In: Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie. Hg. von Martin Huber u. Gerhard Lauer. Tübingen 2000, S. 221–232.

Mörike, Eduard: Eine phantastische Sudelei. Ausgewählte Zeichungen. Hg. von Alexander Reck. Stuttgart 2004.

Mörike, Eduard: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Nach den Originaldrucken zu Lebzeiten Mörikes und nach den Handschriften. Textredaktion: Jost Perfahl. München 1968–1970. Bd. 2. 3. Auflage. Mit Anmerkungen von Helmut Koopmann. Düsseldorf/Zürich 1996. [SW 2]

Mörike, Eduard: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg und in Zusammenarbeit mit dem Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. hg. von Hubert Arbogast, Hans-Henrik Krummacher, Herbert Meyer u. Bernhard Zeller. Stuttgart 1967 ff. [HKA]

Neef, Marliese Eva: Impromptu an Joli (und anderes Getier, größeres und kleineres). Privatdruck. Bingen-Bingerbrück [1998].

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„Schärfer als der Stachel einer Biene“ (Parzival, V. 297,12)

Metapher, Symbol und Maß. Zur erzählerischen Funktionalisierung von Tieren im Mittelalter

Von Kai Lorenz

Auf der Höhe der aggressiven Expansion des Lifestyle-Kaffeefilialisten Starbucks gegen Ende der 1990er Jahre kam in der amerikanischen Umgangssprache der Begriff one-Starbucks-town für eine kleine langweilige rückständige Stadt auf. Der Ausdruck ist damit als modernisierte Variante des bekannten wenn auch anachronistischen Idioms one-horse-town zu lesen. Während sich bis in die 1920er Jahre der Wohlstand und die Fortschrittlichkeit einer Gemeinde tatsächlich bis zu einem gewissen Grad an der Anzahl der von den Einwohnern gehaltenen Pferde ablesen ließen, müsste die Entsprechung seither eher an der Menge an Automobilen bemessen sein, ein solcher Ausdruck existiert aber nicht. Dass one-horse-town heute noch existiert, gebraucht und auch verstanden wird, obwohl der alltäglich reale Kontext, auf dem seine Bedeutung fußt, gänzlich der Vergangenheit angehört, zeugt von der Verankerung seiner Metaphorik im kulturellen Gedächtnis. Im geistigen Bild des Rezipienten entsteht, zusammengesetzt aus eigenen Erinnerungen und Erfahrungen aus Erzählungen, Filmen, Bildern etc., das Bild einer drögen kleinen Stadt und ganz selbstverständlich transponiert dieser die Metaphorik auf die heutigen Verhältnisse – sei es gemessen an Starbucks oder anderen aussagekräftigen Merkmalen. Das Tier, in diesem Fall das Pferd, erscheint damit als Maßeinheit, als Mittel des Menschen um seine Umwelt zu beschreiben und diese Erkenntnisse anderen Individuen verständlich mitteilen zu können. Dies existiert sowohl in der kulturwissenschaftlichen Bedeutung wie im obigen Beispiel, als auch in festgelegten naturwissenschaftlichen Größen, wie der bis heute gebräuchlichen Maßeinheit der Pferdestärke, die sich, obwohl offiziell seit Jahrzehnten durch die Maßeinheit Kilowatt abgelöst, doch hartnäckig im Sprachgebrauch hält. Auch hier ist die Verwendung des Begriffes losgelöst von der Kenntnis der ursprünglich für seine Entstehung ausschlaggebenden Größe. Während bei Ihrer Festlegung durch den schottischen Ingenieur James Watt im 18. Jahrhundert dies eine allgemein verständliche Maßeinheit darstellte, dürfte heute so gut wie niemand, der ein Automobil oder Motorrad kauft, eine Vorstellung von der Kraft eines einzelnen Pferdes haben, da diese nicht länger Bestand des Alltages und der Arbeitswelt sind. Dennoch verbindet auch der heutige Sprecher aus eigenen Erfahrungswerten heraus auch hier eine mehr oder weniger genaue Vorstellung mit dem Bezeichneten.

Die Verwendung von Tieren zur Bezeichnung von naturwissenschaftlichen Größen ist, solange nicht mathematisch genau definiert, ein ebenso ungenaues wie praktikables Vorgehen: ungenau, weil Kraft, Größe und Aussahen der einzelnen Exemplare je nach Rasse, Alter und diversen individuellen Gegebenheiten sehr unterschiedlich ausfallen, praktikabel, weil sie trotz dieser Toleranzen – derer sich Sender um Empfänger ja durchaus bewusst sind – in Zeiten, in denen normierte und weltumspannend standardisierte Maße und Gewichte noch nicht definiert bzw. verfügbar waren, eine verständliche und anschauliche Methode darstellten um derlei Größen zu kommunizieren. Dies geschieht natürlich nicht systematisch, weist zwangsläufig große regionale Differenzen auf, und mit Sicherheit sind viele solcher Vergleiche mittlerweile in Vergessenheit geraten. Wo sie aber ans Tageslicht treten – ob im täglichen Sprachgebrauch oder in älteren schriftlichen Tradierungen –, stehen sie im Kongruenzbereich von Natur- und Kulturwissenschaften und bilden damit ein kleines aber wirkmächtiges Teil im Puzzle der menschlichen Geistesgeschichte.

Literarisch finden solche Tierbezüge nur vergleichsweise spärlichen Niederschlag, denn die Darstellung richtet sich eher auf das hermeneutisch Symbolische. Gerade für die literarischen Zeugnisse des Mittelalters erweist sich aber ein näherer Blick als spannend, denn die existentielle Verflechtung des Menschen mit dem Tier war hier sehr ausgeprägt. Gleichzeitig wird das Mittelalter weithin als naturwissenschaftliches Vakuum begriffen, geprägt durch eine religiöse oder abergläubische Naturdeutung und Weltauffassung, die im Vergleich zu den mathematischen und geographische Schriften der Antike krude wirkt. So schlagen auch viele Wissenschaftsgeschichten wie selbstverständlich einen Bogen über das gesamte Mittelalter hinweg: „Vom Ausgang des klassischen Altertums bis ins 15. Jahrhundert fand naturwissenschaftliches Denken praktisch nicht statt.“ (Huxley 2007, 45) In der Tat war das naturkundliche Wissen durch die antiken Werke geprägt, aber es gab auch eine rege Auseinandersetzung mit den dort enthaltenen Darstellungen, etwa den zoologischen Schriften des Aristoteles (Vgl. Steel et al. 1999). Eigen ist ihr jedoch der hohe Stellenwert der christlichen Ausdeutung: „Im frühen und hohen Mittelalter dominiert das ganz vom typologischen Denken der Theologie geprägte Bild, das auf den Physiologus zurückgeht.“ (Dinzelbacher 2000, 256) In den mittelalterlichen Weltkarten, Bestiarien und Heilkunden finden sich neben den realen Geschöpfen der Welt auch zahlreiche fantastische Kreaturen; medizinische Schriften sind meist eine Mischung aus praktischen Erkenntnissen, Typologie und Rezeption (vgl. Dinzelbacher 2000, 255–292).

In der Dichtung ist der Niederschlag dieser Deutungsmuster eher gering, im Vordergrund stehen Instrumentalisierung und Symbolik: In der Lyrik werden gerne Vögel ins Spiel gebracht, da sie den höfisch repräsentativen Aspekt und erotische Metaphorik gleichzeitig abbilden können, wie etwa in Kürenbergers ich zôch mir einen valken (Kürenberg II,6 [MF, S. 25]) oder Walters Lindenlied (Walther von der Vogelweide, 94ff.). Entsprechend sind Vögel häufig in den dazugehörigen Miniaturen vertreten, sowie die ebenfalls höfisch konnotierten Pferde und Hunde.

In der Epik dominiert zunächst das Pferd. Dies liegt in der Natur der Sache, denn als Literatur einer Gesellschaft, die sich maßgeblich durch die Idee des berittenen Kriegers definiert, sind Pferde alltägliche notwendige Arbeitstiere einerseits und Symbol für Stärke, Beweglichkeit und Herrschaft andererseits. Neben den zahlreichen kurzen topischen Erwähnungen, dass der jeweilige Held auf einem edlen, starken, teuren Pferd unterwegs ist, stechen vor allem zwei Stellen hervor: die vielleicht bekannteste und längste Schilderung eines Pferdes in Hartmanns Erec, in welcher der Erzähler über gut 200 Verse das Ross Enites als in jeder Hinsicht ideal lobt (vgl. Erec, V. 7277-7460), um zum Schluss zu bemerken, dass es eigentlich noch viel mehr zu sagen gäbe, er aber nicht zu lange von Pferden sprechen wolle (vgl. Erec, V. 7450– 7454), sowie die wahrscheinlich als ironisch intertextuelle Antwort lesbare Schilderung von Ades Pferd im Lanzelet, in der der Erzähler im Umkehrschluss die negativen Eigenschaften aufzählt, die das Pferd dieser Dame nicht hat: es beißt nicht, torkelt nicht, hat keinen Herzfehler und keine entzündeten Gelenke (vgl. Lanzelet, V. 1452–1475).

Das Tier erscheint in der Dichtung durch und durch instrumentalisiert, bis auf das Gralspferd Gringuljete im Parzival trägt kaum ein Pferd einen Namen. Dies sollte aber nicht als Geringschätzung im modernen Sinn gelesen werden (es existieren durchaus auch nicht unbedeutende Figuren, die Namenlos bleiben, wogegen im Wigalois sogar der Drache einen Namen trägt). Interessant ist vielmehr, dass in der höfischen Selbstinszenierung, dem artifiziellen Zusammenspiel verschiedenster Akteure, Kreaturen und Zeichensysteme ein sich aus der Tierwelt bekanntes Ordnungsmuster widerspiegelt, über das bereits Konrad Lorenz und später Gilles Deleuze gehandelt haben:

Dabei geht es um die Entdeckung, dass bei Tieren Territorien häufig ein Ausdrucksphänomen sind. Tiere markieren ihre Territorien durch Farben, die sie selbst tragen, oder durch Sound, durch Gesänge und Geräusche. Territorien sind im Konzept der Philosophen keine festgelegten Räume, die besetzt oder unbesetzt sein können, sondern bewegliche Strukturen, die erst durch die Bewegung der Tiere erschaffen werden.  [Riechelmann 2013, 82]

Ebendies führen insbesondere die Artusromane vor: Der hof ist kein Fixpunkt, sondern dort, wo Artus weilt, wo die Melodien erklingen, die Farben gezeigt werden. Feudaladelige Herrschaft ist audiovisuelle Präsenz; arthurische Regeln gelten immer dann und dort, wo ein Artusritter auftaucht. Der einzelne Ritter identifiziert sich durch seine unverwechselbaren Charakteristika mit diesem Prinzip und spielt es während seiner Bewegungen durch die poetische Welt immer wieder durch. Dabei beansprucht er, notfalls mit Gewalt, die Gültigkeit des Systems. Um dies in einem über die Möglichkeiten der menschlichen Physis hinausreichenden Wirkungskreis tun zu können, bedient man sich wiederum des Tieres, das dann seinerseits Träger der zivilisatorischen Symbole wird. Wollte man die Dichtungen des Mittelalters (wie oft praktiziert und kontrovers diskutiert) als Projektionsfolie sehen, mithilfe derer auch moderne Strukturen sichtbar gemacht werden, und dabei noch einmal ein Beispiel wie das eingangs genannte des heutigen wirtschaftlich organisierten Herrschaftssystems heranziehen, ließe sich zeigen, dass dieser Mechanismus auch in der modernen Gesellschaft durchaus nachweisbar ist.

Weitere häufig genannte Tiere sind Hunde, die als Zier- oder Jagdhunde ebenfalls höfisch konnotiert sind, sowie die bereits im Hinblick auf die Lyrik erwähnten Jagdvögel. Auch hier erfüllen diese durch Ihre Kostbarkeit einen herrschaftlich repräsentativen Zweck (so kommt etwa der junge adlige Johfrit auf „einem pferde gemeit“ daher und „ein habich fuotz er ûf der hant“ [Lanzelet, V. 468-470.]), tauchen aber auch in ihrer Symbolik der körperlichen Liebe auf („der minnen vederspil Isôt“ [Tristan, V. 11989.]). Daneben gibt es reichlich Drachen. Wie Riesen oder mit unfairen Mitteln streitende Gegner sind diese instrumentalisiert als unhöfische Gegner, die der Held besiegen muss (vgl. etwa die Drachenkämpfe im Tristan und im Wigalois). Der Löwe erscheint im Lanzelet auch als ein solcher wilder Gegner, der mit roher Gewalt niedergemetzelt wird, im Iwein dagegen als Helfer und Freund des Helden (zur Deutung des Löwen im Iwein vgl. etwa Jaron Lewis 1974, 67–83). Im Herzog Ernst existieren neben diversen Völkern mit phantastischem Körperbau auch Mischwesen zwischen Mensch und Kranich. Diese leben zwar in einer gängigen höfischen Gesellschaftsstruktur, der Versuch des Königs, eine menschliche Braut zu wählen, endet jedoch tragisch, „da als dicke er si kuste, / den snabel stiez er ir in den munt“. (Herzog Ernst, V. 3244f.)

Andere Tiererwähnungen finden sich meist in Form von Essbarem („lewen, bern, rôtwild, / swîn und swaz man jagen will“ [Lanzelet, V. 3992f.]), und, wie im modernen Sprachgebrauch auch, zum Verdeutlichung positiver oder negativer Charaktereigenschaften des Menschen. So erklärt Liddamus im Parzival, sein Gegner könne nicht einmal einem Huhn gefährlich werden, (vgl. Parzival, V. 419,24) und häufig wird auf die Beherztheit des Schweins im Kampf angespielt: ein Ritter ist „küene als ein swîn“ (Lanzelet, V. 3546) oder jagt die unterlegenen Feinde vor „sich her, als ein wildes swîn diu hunt“(Lanzelet, V. 1435). An anderer Stelle fliehen die Gegner vor dem Helden als „cleine vogele vor dem arn“ (Lanzelet, V. 3305). Wie so oft ist auch die Symbolik des Schweins durchaus mehrdeutig, so steht der Eber im Tristan sowohl für die bereits genannte Kraft und Tapferkeit, aber gleichzeitig auch für das offensiv-Sexuelle und die von ihm ausgehende Bedrohung – de facto also für den Protagonisten selbst (vgl. Tristan, V. 13515–13538).

Auch für die äußerliche Erscheinung werden Tiervergleiche herangezogen; so ist die vortreffliche Rüstung „wîz al ein swan“ (Lanzelet, V. 359), während das unattraktive Aussehen Kundrîes folgendermaßen beschrieben wird: sie hat einen Rücken wie ein Maultier, besetzt mit Haaren wie Schweineborsten, eine Nase wie ein Hund, Eberzähne, Ohren wie ein Bär, Hände wie von Affenhaut und Fingernägel, die denen eines Löwen gleichen – der Erzähler merkt an, dass um ihrer Liebe willen keine Zweikämpfe ausgetragen werden (vgl. Parzival, V. 313,16–314,10).

Neben all diesen Möglichkeiten der erzählerischen Nutzung von Tieren existiert aber eben auch noch die eingangs erwähnte und bislang unberücksichtigt gebliebene Variante des Tieres als Maß des physikalischen Verstehens. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Tier hierbei eingesetzt wird, um reale und mathematisch nachvollziehbare Größen greifbar zu machen. Eine der gebräuchlichsten Einheiten hierbei ist der Tagesritt – einem damaligen Publikum war die Distanz und die damit verbunden Anstrengung leicht nachvollziehbar, wenn ein Ritt (je nach Tempo und Beschaffenheit des Geländes) einen oder mehrere Tage dauert. Ein weiteres Beispiel findet sich im Parzival, als der junge Protagonist, dem man eingeschärft hat Gewässer zu meiden, deren Grund er nicht sehen kann, sich nicht traut über einen Bach zu reiten „den hete ein han wol überschriten“ (Parzival, V. 129,8). Die Sprungweite des Hahns ist in einer Gesellschaft in der Nutztiere allgegenwärtig sind ein verlässliches und allgemein verständliches Maß für die geringe Breite des Baches. Im Gegensatz zu dem vorher genannten Tagesritt handelt es sich hierbei aber um ein Bild, das durchaus auch anders leicht zu fassen gewesen wäre. Etwas abstrakter, aber dem gleichen Prinzip folgend erscheint die Streckenangabe: Der Held ritt weiter, als ein Vogel (an einem Stück) fliegen kann (vgl. Parzival, V. 224,20).

Einen noch interessanteren Abschnitt enthält der Lanzelet. Die Größe eines Hügels, genannt Wilder Ballen, verringert sich proportional zur Annäherung des Betrachters: Aus einer Meile Entfernung glaubt man, ein aus Erz gegossenes Pferd zu sehen, reitet man näher heran ergibt sich aus einer halben Meile das Bild eines kleinen Maultieres, bei weiterer Annäherung erscheint der Hügel als ein Hund, dann in der Größe eines Fuchses und schließlich als eine kleine bauchige Vase, die aber so schwer ist, dass niemand sie aufheben kann. Dieses Konstrukt ist bemerkenswert und spielt mit physikalischen Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung – und dies in einer Zeit, in der sich die bildende Kunst mit der Darstellung solcher Perspektiven noch kaum beschäftigt (vgl. Panofsky 1974, 99f.). Dem Publikum vorgetragen eröffnet diese Bildsequenz ein faszinierendes und unglaubliches Gedankenspiel, und um diesen Effekt überhaupt imaginierbar zu machen, bedarf es allgemein bekannter Größen, die der Rezipient in einer fließenden Betrachtung, gleich einer Kamerafahrt, leicht aufrufen kann. Dies wiederum gelingt durch die Orientierung an den Rezipienten vertrauten Größen: den Körpern von Pferd, Maultier, Hund und Fuchs. Im Falle des Wilden Ballens werden diese nicht nur als Vergleichsgrößen herangezogen, sondern untereinander und mit der Blickführung und Bewegung im poetischen Raum dynamisch in Beziehung gesetzt, so dass ein optisches Trugspiel entsteht, das der Erzähler dann durch die Existenz des Balles, bei dem sich wiederum die Masse umgekehrt proportional zur Größe verhält, in ein zusätzliches physikalisches Wunder verwandelt.

Bezüge zu Tieren sind nicht nur eine erzählerische Gestaltungsmöglichkeit, um Charaktereigenschaft hervorzuheben, Superlative zu generieren und Figuren und Figurenräume lebendig und anschaulich werden zu lassen. Sie erweisen sich auch als diachron äußert stabile Konstrukte, deren Dechiffrierbarkeit bis heute ungebrochen ist, obwohl der direkte Bezug der allermeisten Menschen zu den Geschöpfen verschwunden oder auf ein Minimum des ursprünglichen reduziert worden ist. Es wird daher spannend zu beobachten sein, ob sich auch sprachlich die Ablösung der natürlich gegebenen Mensch-Tier Beziehung durch die selbstinitiierte Mensch-Technik Beziehung irgendwann etablieren wird.

Literatur

Primärtexte

Gottfried von Straßburg: Tristan. Hg. von Karl Marold. Unveränderter 4. Abdruck nach dem 3. mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977.

Hartmann von Aue: Erec. Hg. von Manfred Günter Scholz, übersetzt von Susanne Held, Frankfurt a.M. 2007 (= Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 20).

Herzog Ernst. Ein Mittelalterliches Abenteuerbuch, in der mittelhochdeutschen Fassung B nach der Ausgabe von Karl Bartsch mit den Bruchstücken der Fassung A herausgegeben, übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Bernhard Sowinski. Stuttgart 2003 (= RUB 8352).

Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann et al. bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren. Band 1. Stuttgart 1988.

Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik. Übertragen und erläutert von Otto Seel. Zürich 1995.

Deutsche Lyrik des Mittelalters. Auswahl und Übesetzung von Max Wehrli. Zürich 2001.

Riechelmann, Cord: Krähen. Ein Portrait. Berlin 2013 (= Naturkunden 1).

Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet. Hg. von Wolfgang Spiewok, mittelhochdeutsch/ neuhochdeutsch. Greifswald 1997 (= Wodan 71).

Wigalois Wirnt von Grafenberg: Wigalois. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn, übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach. Berlin/New York 2005.

Wolfram von Eschenbach: Parzival, Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung und Sachwort von Wolfgang Spiewok. 2 Bände. Stuttgart 2010 (= RUB 3681/3682).

Sekundärliteratur

Dinzelbacher, Peter (Hg.): Mensch und Tier in der Geschichte Europas. Stuttgart 2000 (= Kröners Taschenausgabe 342).

Huxley, Robert (Hg.): Die großen Naturforscher. Von Aristoteles bis Darwin, aus dem Englischen übersetzt von Frank Auerbach. München 2007.

Ingold, Tim (Hg.): What is an animal? London 1988.

Jaron Lewis, Gertrud: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. Frankfurt a.M. 1974 (= Kanadische Studien zur dt. Sprache und Literatur 11).

Obermaier, Sabine (Hg.): Tiere und Fabelwesen im Mittelalter. Berlin 2009.

Panofsky, Erwin: Die Perspektive als „symbolische Form“. In: Erwin Panofsky. Aufsätze zu den Grundfragen der Kunstwissenschaft. Zusammengestellt und hg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen. Berlin 1974.

Carlos Steel, Guy Guldentops, Pieter Beullens (Hg.): Aristotle’s Animals in the Middle Ages and Renaissance. Leuven 1999 (= Mediaevalia Lovaniensia I/XXVII).

Tiere als Freunde im Mittelalter. Eine Anthologie. Eingeleitet, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Gabriela Kompatscher, Albrecht Classen und Peter Dinzelbacher, Badenweiler 2010.

Briefe über Hunde

Von Ulrich Holbein

Sommer 1983

Mein guter Herbert!

Von Willi hegte ich jederzeit die Opinion, bedürftiger, unerleuchteter, bewegungsfreudiger könne kein Tier, jedenfalls kein Hundetier, sein. Da kann ich nur sagen: abwarten. Gestern hielt ein Bus vor dem Stückhof, heraus sprangen ältere Damen, drei Halbstarke, Babies wurden getragen, Kinder in Kleidchen schüchterten herbei, ein Vietnamesengesicht namens Melanie, ein südindisches Gesicht namens Dominique, mitgebrachte Freunde (Andy!), nicht zuletzt ein Hund: diese alle kamen ihren Sohn, Onkel, Bruder etc. besuchen, den am 6. August mit Frau und zwei Kindern (Neger kommen in Kürze nach) aus Kamerun zurückgekehrten Ewald Rumpf.

Der Hund hub an, in erstaunlicher Geschwindigkeit im Haus herumzulaufen, hin und her und her und hin, drehte stets, kurz bevor er Hindernis erreichte, ab, z.B. vor einer Wand oder vor dem Hindernis Willi, lief dann in eine irgendeine irreale Richtung, knickte manchmal ein, ließ dadurch sich aber gar nicht beirren, sofort weiterzulaufen. Er war fuchsbraun, fast so groß wie Willi, leider unproportionierter. Ansonsten achtundneunzig Jahre alt, Hundejahre. Nun betrachtete ich den tierischen Greis genauer, Gesicht grau, Augen blicklos, Maul hing unerfreulich runter. Man erfuhr, daß er blind sei, daß er taub sei, daß er kein Fleisch mehr fresse, daß er schon immer zur Familie gehört. Trotz seines Alters nimmt er immer noch Anteil an seiner Umwelt, was ich mit diesem Brief bestätigen möchte. Man erfuhr, daß er Kobold heiße.

Hinsichtlich seines Gangs konnte von Abfederung der Pfoten nicht mehr die Rede sein, alte Krallen klirrten über alle Böden. Öffnete irgendwo sich eine Tür, prompt raste Kobold klirrend auf den neuen Raum zu, blieb aber oft auf der Schwelle hängen — bis freundliche Hände halfen. Er versuchte die Treppe in Angriff zu nehmen, nach drei Stufen sank er geschädigt zurück. Pausenlos ging die Jagd durch alle Räume weiter. Nach fünf Minuten gab es keinen Ort der unteren Etage, die dieser Greis nicht abgearbeitet hätte, unbeirrbar, unmüde gab es sich Wiederholungen schon erforschter Rumlaufmöglichkeiten hin. Wollte ich ihn von Teppichen und ebenerdigen Betten entfernen, gehorchte er nicht. Wollte ich ihn hindern, Zimmerschwellen zu überschreiten, vor denen Willi brav halt macht, merkte er nichts davon, stöckelte, klirrte weiter, brach alle zehn Schritte halb, alle neunzig Schritte ganz zusammen. Doch waren überall jene schon erwähnten helfenden Hände. Hättest auch Du geholfen? Oder, wie damals beim Autoanschieben, Dich asozial geweigert? Nach einer Stunde war die Unrast nicht beendet. Nach dreien auch nicht. Wo auch immer jeder der Gäste und Bewohner sich hinbewegte: überall war Er. Es war eine Sie.

Willi wich ihr aus, wenn sie herantorkelte, zweimal erwischte ich sie, wie sie Willi beißen wollte. Als Kater Werner erschien, hub die Greisin besonders schrill zu bellen an, mitten in der Küche. Ihr Geruchssinn funktionierte leider noch. Zielloses Rumgeschnüffel an sich jederzeit wiederholenden Objekten. Manchmal fand Kobolds Bewegungstendenz eine Kreisform. Nach sieben oder fünf Stunden legte sich K. platt irgendwo hin (bzw. keiner half ihr, sie wieder auf die Beine zu stellen) und schlief. Jeder stolperte über sie. Dann biß das Wesen aus dem Schlaf heraus in die Luft. Es schlief zeitweise sehr tief, dann konnte stolpern wer wollte. Es schien nicht zu atmen. Alle sagten: „Sie schläft bloß“. Ich wußte: Kobold war tot oder starb wenigstens.

Später aber, beim Aufbruch, war Kobold wieder klirrend präsent, stieg in den Bus, und schon war der Spuk genauso vorbei wie dieser Brief, samt seiner herzlich verrauschenden Grüße

Ulrich Holbein Mühlehecke

3588 Allmuthshausen Tel. 05681-6908

Liebe Familie Lepper,

es bellt und jault und bellt — und zwar nicht nur doppelt so oft und doppelt so laut wie früher, sondern zig mal öfter und lauter. Nicht einmal in den gesetzlich geschützten Zeiten kann man vor dem Gebell sicher sein. Der neue Hund bellt nicht nur in den Mittagspausen, er hat uns nicht nur schon etliche Mal vor 7 Uhr wachgebellt und Dutzende und Hunderte von konzentrierten Arbeitsstunden verdorben, er bellt nicht nur übertrieben laut, wenn bei Ihnen Autos halten oder bremsen (oft auch dann, wenn Autos nur langsam fahren), sondern auch bei jedem Auto, das bei uns hält. Ich brauche nur Holz zu hacken — und schon bellt es los; wir können uns auf unserem Grundstück nicht bewegen, weder weggehen noch ankommen, ohne daß wir ausgebellt werden. Ihre Hunde „bewachen“ nicht nur Ihr Haus, sondern vor allem unser Haus, einschließlich den öffentlichen Waldweg, Straße und Fußweg nach Rückersfeld, kurz: alles, was in einem Radius von etwa 150 m sich nur unmerklich bewegt, jedes Geräusch und jeder Geruch veranlaßt sofort lästige Bellsalven.

Wir wohnen jetzt das 8. Jahr hier an der Mühlenhecke und sind zufrieden und dankbar hinsichtlich unserer doch sonst sehr erfreulichen Nachbarschaft. Ich habe den hundekotgarnierten Waldweg, die verschmutzten Kleider, nachdem Daisy uns ansprang, und den Umstand, daß Auslauf und Züchtigung der Hunde praktisch neben meinem Schreibtisch stattfindet, stets tolerieren können, da sich dies alles in akzeptablen Grenzen hielt. Seit der bellenden Neuanschaffung aber sehnen wir uns nach jenen friedlichen Zeiten zurück, in denen Ihnen noch eine freundliche Siamkatze als Haustier genügte. Jetzt graut uns schon vor Frühling und Sommer, weil es dann noch länger hell ist und es in der Umgebung noch mehr Geräusche und Gerüche geben wird, die das unzumutbare und unnötige Gebell nur noch haufiger auslösen werden. Eine Ihrerseitige Schwerhörigkeit kann doch kein Grund dafür sein, daß wir einer erhöhten Lärmdosis ausgesetzt werden, zumal es hier wirklich keine Gartendiebe gibt, sondern nur erholungsuchende Spaziergänger und Kinder, die Zettel austragen. Sie und wir wohnen hier am Rand von Allmuthshausen in wunderbar bevorzugter Lage in freier Natur in diesem Waldtal, jenseits von Stadtlärm und Dorflärm — warum muß dieser Frieden von akustischer Umweltverschmutzung nicht nur täglich, sondern stündlich und oft öfter als stündlich unterbrochen werden?

Ich bitte Sie um Verständnis und Abhilfe mit freundlichen Grüßen

Brief an Bodo Schmidt:

29.1.1994

Doch jetzt zu dem neuen Thema. Es führt leider ins Bodenlose. Einem Schneiderianer und Dackelfreund darf man sowas kaum beichten. Schwere Gewissensprüfungen stehen dir bevor. Seit Jahren leide ich unter Gebell. Von zehn Jahren Leben und Bücherschreiben gingen mir glatt drei ersatzlos durch Gebell verloren. Ein Gebell früh um 5 zeigtigt 18 Stunden Unausgeschlafenheit, Unkonzentration und existenziellste Zerknirschung. Da trotz wiederholter Bitten, Klagen und Drohungen Familie Lepper nichts tut, das Gebell abzustellen und ich auf offiziellem Weg nicht recht behalten würde, da es insgesamt und objektiv doch ziemlich selten bellt, reifte nun der Plan, zwei deutsche Schäferhunde mittels schädlicher Leberwurst verstummen zu lassen. Steinmann (also irgendwie du) erklärte sich bereit, die tödliche Wurst herzustellen. Herr Uecker aus Hamburg sorgte für verläßliche Rezeptur. Bitte gehe nicht zur nächsten Polizeidienststelle und denunziere bitte keinesfalls die unschuldigen Komplizen — ich allein bin in dieser Sache der treibende Motor. Noch ist nichts geschehen. Da Steinmann nie kommt, schrieb ich neulich an den Jugendfreund Herbert den folgenden Brief (bitte verzeih mir, daß ich ihm gegenüber Dich nur Ersatzfreund nenne; das muß ich strategisch tun, um ihn in seiner Rolle als dienstbaren Hundeschlächter einzuweisen; selbstredend bist du allein Nr. 1, und mit der Witzfigur Müller verbindet mich bloß seine glatzenförmige Zielscheibe und halt Nostalgie: Darmstadt 1972. Hier also ein Ausschnitt aus meinem Brief Mitte Januar an ihn:

„Leppers gehen nicht auf meinen schriftlichen Vorschlag ein (Diskette nicht mehr lesbar), ihren Hunden jene im Zoohandel erhältlichen Halsbänder anzulegen, die mit der Aussendung verkaftbarer Stromschläge jedem Hund das Bellen erfolgreich abgewöhnen. Aus meinen Briefwechsel mit Steinmann – Stichwort Leberwurst – geht hervor, daß ich auf dem Scheitelpunkt meiner Gebellphobie angekommen bin und jetzt von einem Hamburger Apotheker namens Uecker, der alle 7 Bücher von mir auswendig kennt und mir gestand, er hätte noch bei keinem Autor der Weltliteratur sich sooo verwandt gefühlt, ausreichende Medikamente diskret übersandt bekam und es jetzt nur noch drauf ankommt, eine Boulette im Wald auszulegen, wo täglich um 17 Uhr die beiden deutschen Schäferhunde ohne Aufsicht herumstreunen, seitdem schimpft mein Gewissen mich Mörder. So als spüre ich intuitiv, daß ich eines Tages auch nichtanimalische Wesen (homo sapiensartige Leute), falls sie mir lästig würden, mit Ueckers Hilfe wegschaffen könne, of course ohne jede medikamentöse Spur im Leib. Es stellt sich ein sofortiges, befreiendes Herzversagen ein. Falls Du also mal supersensibel in kosmische Räume abzwitschern möchtest, hab ich hier LSD von erstaunlicher Qualität vorrätig, einen Jubiläumstrip, 1943-1993, doppelt so teuer wie übliche Ware, und falls Du es in diesem Leben vor Frust & Qual nicht mehr aushälst, kannst du dich ebenso vertrauensvoll an Uecker und mich wenden, 20 Tbl. Digimerck 0,1 (dosis letalis) plus 2 Tbl MCP-ratiopharm (gegen das Erbrechen erstgenannter Wirkstoffe), und schon bist du da, wo wir neulich in Darmstadt leider völlig das Grab Greis Müllers zu besuchen versäumten.

Doch zurück zur Leberwurst. Steinmann erklärte sich brieflich bereit, im Wald die inhumane Leberwurst auszulegen. Jetzt aber, wo es ernst wird, scheint er einen Rückzieher zu machen. Jedenfalls hat er zur Zeit unabsehbar viel dort unten zu tun, kann nicht raufkommen. Jetzt eine Frage an Dich — Du ahnst, wie sie lauten könnte. Eingedenk jener schönen Stunden anno 83, in denen Du mit gelben Plastikhandschuhen existenzielle Studien an vollbesetzten Mausefallen triebst, eingedenk ferner deiner etappenweisen Katzenertränkungen und Hinrichtungen diverser Mitbewohner namens Martin, sodann auch eingedenk deiner erprobten Fähigkeiten als ein dem Zeitschmecker Siebeck stets erfolgreich nachstrebenden Bereiter köstlicher Reis- und Fleischgerichte möchte ich Dir die Gelegenheit nicht vorenthalten, dich vom zur Zeit nicht äußerst verläßlichen Steinmann ausstechen zu lassen, in der ordnungsgemäßen Durchführung wichtiger Arbeiten zugunsten meiner ungestörten Weiterarbeit auf literarisch-künstlerischem Gebiet. Immerhin kann ich mir sagen, daß zoologisch zwischen Maus und Hund kein nennenswerter Unterschied sei, bloß ein kleiner Größenunterschied. Erst ein Mensch ist meiner Ansicht nach eine neue Qualität, die ich niemals mit jenen hoffentlich von Dir bereiteten Bouletten umlegen könnte, wollte und würde. Ich weiß nicht mal, ob ich die leckere Dosis letalis in gebratenes Hackfleisch einarbeiten soll, oder in die Frikadellen-Rohmasse? Oder mitbraten? Also schon aus solch küchenspezifischen Gründen sehe ich mich außerstande, das Bellen endlich abzustellen. Eher brächte ich es fertig, ein Taxi zu bestellen und zum Steuerberater zu fahren.“

Anmerkung: Müller will mich nämlich ständig überreden, daß ich einen Steuerbrater bräuchte, doch möchte ich das Thema nicht in diese Richtung erweitern. Jedenfalls sandte er mir postwendend einen Brief mit Thomas Mann-Zitat, der im Alter sich nicht mehr an Menschen erfreuen konnte, sondern nur noch an Hunden. Dann schalt er mich, daß ich oft fernsehe, also dasselbe treibe wie Familie Lepper. Und dann sagte er mir zu, die Frikadelle für mich zu braten, unter der Bedingung, aus der restlichen Fleischmasse Frikadellen für ihn und mich machen, zu gemeinsamem Verzehr — obwohl er genau weiß, daß ich mir als Vegetarier gefalle. Zugleich teilte er mir mit, daß er nach Florida reise, und ich solle unbedingt mit.

Nun weißt du alles, was zum Verständnis meines beiliegenden Briefs an Müller wichtig ist, den ich liebevoll und sorgfältig mit deiner Zunge zu belecken bitte, um ihn alsdann auf dem Weg zur Schulleiterin in einen Hamburger Briefkasten einzuwerfen, 1. auf daß Müller ob des Poststempels staune, wo ich mich überall herumtreibe, und 2. damit du, o Freund, in dieser heiklen Angelegenheit, in der es nun wirklich um Leben & Tod geht, rechtzeitig mitreden kannst. Die Medikamente stehen bereit, sie sind haltbar bis 97. Nebenbei quäle ich mich mit der Entscheidung, ob ich für zehn Tage mit nach Florida soll. Ich erhoffe mir von dir ein Nein zu Florida und ein Ja zur Leberwurst, bzw. eine Beruhigung meines Gewissens aus deiner Sicht, wobei ich zu bedenken bitte, daß das Christentum nie viel für Tiere übrighatte. Wehe, wenn du mich vom Hundemord abhalten möchtest und derweilen selber Würste mampfst.

Verzeihe jetzt schon

Edler Burghard,

Wie kann man nur sooo edel sein und nicht der Dritte im verruchten Bunde sein wollen, und das bloß, um vor Gott ganz prima dazustehen als fleckenlos mahnende Stimme, derweilen ich dann bloß als verunreinigte Seele danebensteh und schamrot mit Mülli in die Hölle muß, und mit Steimann, Ücker, Schmidt, Schopenhauer und Fariduddin Attar, derweilen du mit Reinhold Schneider, Drewermann & Don Camillo „dort, wo es schimmert“ (Klopstock) sitzen darfst, herabschauen auf uns schweißtriefende Orkusbraten? Du hast also noch nie eine Mücke plattgeschlagen und keinesfalls eine Wurst getötet? Folglich dürfte ich auch mein Brot nicht mehr mit dir brechen dürfen? Darf ich wenigstens Mäuse bekämpfen? Nachts flitzen und rammeln sie mir stundenlang überm Kopf herum.

Diffizile theologische Probleme eröffnest du: Falls ich die Boulette auslege, kannst du keinen Tee mehr mit mir trinken. Falls ich mich für den Rest meines Lebens jeden Morgen ab 5 wachbellen lasse, um alsdann ganztägig übernächtigt und unkonzentriert am Schreibtisch zu leiden, alle paar Minuten vom Gebell zusammenschrecke, obwohl ich allein 1993 über 8000.- DM für zusätzliche Lärmschutzfenster ausgab, was kaum half, falls mir also auch von den nächsten zehn Jahren vier rundweg fortgebellt werden und mein chef d’oeuvre, z.B. „Isis entschleiert“, unabsehbar vertagt wird, dann kannst du weiterhin mit mir Tee trinken!?!? Von Herbert erhoffte und erbat ich mir bereits vor Jahren brieflich „die bedingungslose Unterstützung meiner fraglichsten Tendenzen“ und der Gute gewährte sie mir reichlich.

Deine abgrundtiefenpsychologische Kompaktdeutung unserer virtuell unvermeidlichen und dreifach auskostbaren Lebenswurstiaden sind in ihrer glänzenden Stringenz und inneren Logik unschlagbar, plausibel, unwiderlegbar und vieles mehr, dennoch scheinen mir deine Ausführungen von deiner abgebremsten sexuellen Energie nicht nur angefärbt, sondern durch und durch imprägniert zu sein; deine Formulierungen triefen und leuchten von einer Geilheit, die ein Normalgenießer vermutlich zeitlebens nie und nimmermehr genießen darf — hybrid, verrucht! Wenns nach dir ginge, müßten alle Leute, die je in und um und bei Darmstadt wohnten, Afterverkehr üben — das geht Müller und mir entschieden zu weit, bitteschön! Zwischen uns – hiermit seis reumütig gebeichtet – war praktisch gar nichts; seit 73 sind wir in aufrichtiges Bedauern verstrickt, nicht schwul zu sein. Immer wenn ich ihn zu küssen versuchte (bei Begrüßungen), wich er angewidert aus und betonte, er liebe nur meinen Geist, von dem er – unter uns gesagt – nicht viel mitkriegt. Er sieht mich bevorzugt als Mensch, nicht als Literat. Allenfalls saßen wir mal in einer Badewanne, oder er führte mir Dias mit Nacktbildern diverser Freundinnen vor, derweilen wir uns vergebens zu kraulen und zu erregen versuchten. Wir hockten nackt am Projektor; lediglich die Brille behielt er auf, um den bleichen Hintern seiner Urholden Elke wenigstens halbwegs sehen zu können.

Nie gelang es mir, diesem Mann das Fleischessen ernsthaft abzugewöhnen, trotz eines Riesenaufgebots an Verekelungsmethoden, edlen Zitatsammlungen (schier aus dem Hause des Heiligen Burghard) und beispiellosem Vorleuchten. In diesem Punkt halten Müller und Schmid mir gegenüber deutlich zusammen. Beide essen Wurst, beide sind etwas älter als ich, leiden an Haarausfall, wollen nicht mein Privatsekretär werden und beide lieben hartkantige popular music. Lehrer Müller unterrichtet sogar E-Gitarre. Obwohl ich ihn bereits 1973 in Debussy einweihte und er auch eine Zeit lang so tat, als hätte es geklappt, hört er jetzt ausschließlich Phil Collins, Nirvana — ich muß nachfragen, was für Gruppen er z.Z. präferiert. Auch Steinmann verhüllt nur schlecht seine Klassikferne. Und Ücker raucht sogar. Du siehst, einsamer als ich kann man gar nicht sein. Keiner will mit mir Hunde töten gehn, d.h. der dienstbare Herbert will und würde schon, aber im Grunde schaudert es mich ja selber davor. Ich möchte bloß, daß nicht gebellt wird, und das ist bisher durch nichts zu erzielen.

Bedenklich bleibt lediglich dies, daß du keinen Tee mehr mit mir trinken möchtest, bloß weil ich eine Fliege am Beinchen zu verletzen erwog. Einem Freund möcht ich beichten können: „Ich hab soeben leider meine Oma geschlachtet“ und dann nicht von der Tür gewiesen werden, sondern in deiner Küche Asyl genießen, vor den Nachstellungen Derricks und Harry Kleins. Sonst können wir uns ja gleich so ungnädig anraunzen wie Dr. Treher und ich uns. Was vielleicht nicht ohne Interesse wäre. Gäbe es ein Thema, anhand dessen wir uns brieflich restlos zerstreiten könnten? Das würde ich gern erforschen = provozieren, nur wie? So eine billige Lebenswurst dürfte da nicht ausreichen.

Da ich in Gedanken bereits Daisy und Shanya (so heißen heut deutsche Schäferhunde selbst bei Fam. Lepper) vergiftet habe, kann ich die Tat aufgrund deiner Unterstützung noch so unausgeführt lassen, im Innern und vor Gott bin ich bereits schuldig geworden und hab im Herzen die Ehe gebrochen, derweilen es draußen weiterbellt — wie kann man nur aufseiten aggressiv dressierter Natur fechten, statt zur Literaturgeschichte und ihren Bedingungen (Stille) zu halten?

Vorspruch:

Und es kann doch auch nicht zu Deiner Zunft gehören, daß Freundschaft da immer dem Beruf geopfert werden muß. Was hab ich nur an mir, daß ich immer nur zur Spottfigur reiche? Wieviel Schmidts werden noch kommen, bis ich ihnen die Nulpe endgültig abnehme und zur finalsten Briefvorlage herhalte? Jedes Mäusevergiften im Feuilleton, jede Freundschaftstrübung als Rundbrief bei den Kollegen, — (Herbert Müller brieflich am 29.2.94 an mich)

Mein entzahnter Burghard,

Nulpe und Pulpa verliefen sich im Wald — besten Dank für die gurgelnden und spritzenden Berichte deiner genußvoll vorverlegten Pseudokastration: Selbstverständlich wäre nichts davon nötig gewesen! Seit 1880 kann jeder Zahn, außer ein paradontös hervorwackelnder oder abgrundtief vereiterter, prinzipiell gerettet werden, kraft raffinierter Wurzelbehandlung. Nur verdienen halt die Ärzte – sowieso stets im Bunde mit Kukident – mit der Ersatzproduktion wesentlich mehr als mit Zahnrettung, und so werden denn pro Jahr in der BRD 60 Millionen Zähne gezogen, 59 Millionen unnötigerweise! Ich könnte Storys erzählen. Wenn ich jedesmal auf den Rat meiner Dentisten gehört hätte, stünde ich bereits jetzt mit Hollywood-Blendax-Vollprothese vor dir, statt gelbe, marode Originalsubstanz vorweisen zu können. Als Hilfspfleger im Stadtkrankenhaus Kassel konnte ich psychisch unangefochten Sammelurin einsammeln und durchs Nierensteingitter gießen, randvolle Schieber leeren, im WC auf Marabubeinen stehende, neunzigjährige, moribunde Hängeärsche abwischen, wobei mir auf Kniekehlenhöhe Hodenbeutel ungepflegt in die Quere baumelten, den Geruch von Fistelabsaugsaft ertragen — mein Brechzentrum wurde erst dann gekitzelt, als es die flamingofarben-schneeweißen Gebisse der Patienten von Belag und Algenbewuchs zu befreien galt. Lieber mümmele ich für den Rest meiner Tage Grießbrei, als daß ich solche Objekte, samt Hakenkonstruktion in mein Maul hineinließe. Unser nächstes Teetrinken wird also doppelt getrübt sein: Du wirst mich schlürfend verdächtigen, daß vor dir ein Hundemörder sitze, und ich werde gucken, ob dir beim Lachen verdächtiges Metall aus der Lücke blitzt — oft verändern ja Prothesen die Physiognomie nachdrücklich, formen komplette Mundpartien gespenstisch um, immer ins noch Mißglücktere hinein; man steht dann vor einem Wolkenkratzer und sehnt sich nach dem Tante-Emma-Laden, der da vorher stand und den man sich gedanklich kaum noch rekonstruieren kann. Deine Alpträume können sich also noch steigern. Die Probleme beginnen stets erst nach der Extraktion. Aber was nimmt der Mensch nicht alles in Kauf, um 19jährige Pobacken auf Augenhöhe sich gegeneinander bewegen zu sehen, beim wiederholten Spritzenaufziehen, anläßlich harter, einfach nicht betäubbarer Brocken. Ich bitte um weiterführende Berichte. Und jetzt kommt etwas, was dich hoffentlich von jedem Teppich fegen wird: An genau derselben von dir bezeichenten Stelle im Mund – falls ich nicht links und rechts verwechselte – wurde auch mir – noch dazu praktisch zeitgleich! – etwas Ersetzbares aus dem Kiefer gehebelt, allerdings – Verzeihung – nicht gleich zwei Backenzähne, sondern bloß einer, dafür ohne die Zugabe eines halbierten Gesäßes bzw. hing da ein weißer Kittel drüber. Hoffentlich hast du dir die Beutestücke geben lassen, auf daß wir demnächst die drei Zähne vergleichen können. Ich kann beurteilen, ob es nötig war, die deinen zu ziehen. Bei mir war es absolut unnötig. Ich hatte bloß ein schlechtes Gewissen gegenüber Dr. Fried. Weil ich ihm bereits mehrmals Frust bereitet habe, indem ich ihn nichts ziehen ließ, wollte ich ihm ein kleines Erfolgserlebnis am Feierabend gönnen; es war schon 18 Uhr 30. Außerdem saß ein gewisser Werner im Wartezimmer, der mich chauffiert hatte, und dem wollte ich einen Beweis mitbringen, daß sich sein Aufwand an Hilfe und Zeit gelohnt habe und der dann auch bewundernd reagierte, als ich ihm plötzlich einen Zahn aus dunkelrotem Läppchen hervorsteigen ließ. Werner fuhr mich dann zu meinen Eltern, die soeben mit Oma, 89, Antje und Georg am Abendbrottisch saßen, Pizza o.ä. aßen und denen manch ein Brocken im Halse steckenblieb, als ich den Zahn, der machtvoll alle viere von sich streckte, in die kauende Runde hielt und aus den Tiefen des Schlundes blutstillende Watte hervorzog. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn offenbar riß ich damit die Wunde neu auf und blutete nun vier Stunden lang wie ein Schwein, wobei nun auch ich einen permanenten Blutwurstgeschmack (Blutwurst, die rituelle Lieblingsspeise meines nekrophilen Vaters H. Holbein) im Maul hatte, was für einen Vollblutvegetarier eine ganz besonders infame Zumutung darstellt. Nachts nach 23 Uhr stand ich dann eine halbe Stunde an einer Bushaltestelle im Ödland von Wabern, spuckte aus, da klatschte ein Schwall Herzblut aufs desolate Pflaster, was die busfahrenden Frühaufsteher von Wabern garantiert veranlaßt hat, völlig verstört die nächste Mordkommision anzuklingeln (Oberinspektor Derrick).

Nebenbei entnahm ich deinen Ausführungen, daß du doch noch realen Erfüllungen entgegenlebst, nämlich kußfeste Prothetik erhoffst. Also irgendwie werd ich aus deiner halb simulierten, halb wundgepeitschten Asketik immer noch nicht so richtig schlau. Wahrscheinlich gehen wir noch nicht genügend ins Detail. Vermutlich bist du jener jungfräuliche Eunuch, der beneidenswertere Wonnen zu fühlen vermag als ein dumpfer Pascha mit dreihundertköpfigem Harem. Kierkegaard hats glaub ich auch so gemacht.

Jetzt noch ein bißchen Kleckerkram: 1. Many thanks für die Mosaik-Enthüllung (wird eingearbeitet) 2. Bitte meditativ die Briefmarke betrachten — Mülli im Profil erschreckend ähnlich; und so einen soll ich besteigen? 3. Am 18.4. um 10 Uhr 11 treffe ich auf dem HBH Hamburg ein, bitte schon den Teppich ausrollen und mit Schulchor plus Joghurta Packovska den Knallmasse-Dichter empfangen, bzw. rufe ich dich ganz zwanglos mal nachmittags an, falls ich freie Telefonzellen finde. Falls du zwischenzeitlich den Zettelverkäufer Achsel inspiriert hast, daß am 18. oder 19. abends ich in seinem Laden lesen soll, so bin ich hierzu gern bereit. Er soll mich dann anrufen — es kann nämlich niemals der Autor der werbende oder vorschlagende Teil sein, schon gar nicht ich, der ich nicht äußerst gern vorlese, doch gern die Summen für die mir tatsächlich noch fehlenden Schmidtbücher drücke. Übrigens habe ich in Hamburg noch keine Unterkunft, auch keinerlei zwingenden Termin, zugleich vermute ich, daß diesmal sich das nicht so günstig fügt mit schwesterlich leerstehender Wohnung mit Pappeln vorm Fenster. Zur Not müßte ich zum Giftmischer Ücker ausweichen, der mich gern einlüde, aber unter einer Xanthippe leidet, die ihm sogar Briefwechsel mit mir verbot. 4. Du fichst also weiterhin auf der Seite radaumachender Köter, statt auf der Seite sensitiver Dichter und Denker, deren ouevre aufgrund permanenten Gebells partout nicht richtig anschwellen kann? Heut stand auf einmal Frau Lepper von nebenan in meinem Arbeitszimmer, sie hatte sich aus Versehn ausgesperrt und wollt nun bei mir den Klempner anrufen, daß er ihr das Haus irgendwie aufmacht. Ich wagte das Thema Hunde nicht anzusprechen. (Ich an Burghard Schmid, 19.3.1994)

18.15.2035 — Computer-Uhr defekt. In Wirklichkeit schreiben wir den 4.4.94. Vorsprüche: — entzahnte Kiefern schnattern —

     Goethe: An Schwager Kronos, vertont von Schubert (Franz)

— und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgeben – weit von den Sternen abgerissen – von Johanniswürmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt — alle einander verhüllt, jeder einsam und sein eignes Leben nur fühlend durch die warme pulsierende Hand des Freundes, die er im Dunkeln hält.

                    Jean Paul: „Hesperus“, 1794

Ein Freund ist jemand, zu dem man immer kommen kann.

                 Wahlspruch Herbert Müllers seit 1973

Am Bahnhofseingang ein Pfarrer und vier Nonnen: schlechtes Omen! Den ganzen Nachmittag über hatte ein Hund aus der Nachbarschaft schauerlich geheult. Ich beneide die starken Naturen, die in solchen Augenblicken auf so etwas nicht achten.

        Reinhold Schneider — nein: Gustave Flaubert: Reise in den Orient,

                                                   22.10.1849

 — ein Dackel brüllte —

         Arno Schmid irgendwo

Geliebter Madenmörder!

Unglaublich, wie wir uns durchschauen. Ich weiß genau, warum dein Brief mit Tesa rundum wasserdicht und madenfest versiegelt war, derart, daß ich mit Messern statt vom Rand her sehr seitlich – auf Adressenhöhe – in die Sendung eindringen mußte. Du ahntest etwas von der Wurffreude bundesdeutscher Postangestellter, und sahst bereits das kostbare Odol-Schild sich metallen aus dem Brief hervorsicheln — many thanks!

Falls du auf einen Nebeneffekt deines Asketentums baust, nämlich dir (durch Kontemplation der Pobacken deiner Zahnassistentin) kein Aids einzuhandeln, so muß ich dich in diesem Punkt verunsichern. In einem TV-Report wurde aufgedeckt, daß 600 Aidsfälle weder Bluter noch Fixer noch Afterverkehrer noch Fremdgeher sind, sondern Kukident-Anwärter. Auch Dr. Struensee gehört zu denen, die die Winkelstücke ihrer Bohrer nicht desinfizieren. Das dauert nämlich 40 teure Minuten in einer Apparatur, die erst 18 % aller Zahnärzte sich überhaupt anschaffen; das würde alles nur das Durchschleusen der Patientenherde verlangsamen. Folglich entlädt jeder Bohrer beim Bohren verläßlich die Blut- und Speichelreste des Vorgängers in deinen unschuldigen Mund. Vertiefe dich also in die Kismet-Gesichter des Wartezimmers. Achte darauf, daß vor dir nie junge kopulierfreudige Patienten drankommen, sondern stets einsame Kriegswitwen, bei denen allerdings wiederum kaum gebohrt werden muß. Falls dich nicht auf diese Weise dein Schicksal ereilt, dann doch wohl durch den im Jahre 2005 flächendeckend auch beim Menschen ausbrechenden Rinderwahnsinn, zuzüglich Schweinepest.

Doch nun zu einem ebenso ernsthaften Thema: Du darfst – ohne bei mir vorher zutraulich um Erlaubnis zu fragen – Maden morden und Türken aus dem Fenster werfen, sogar obdachlose Dichterfürsten ausladen, nur ich und Mülli dürfen nichts, höchstens wichsen, nicht aber Lärmquellen abdrehen, die nachweislich meine Magengeschwüre weitertreiben, also mein Ableben vorverlegen (und ewig bellen die Hunde über meinen Tod hinaus), und das nur weil in meinem Fall hirnlos jaulende, keifende, kläffende, fiepende NATUR den prinzipiell pazifistischen, immerhin mit Notwehrmitteln versehenen GEIST besiegen soll, wenns nach dir ginge. Du darfst im Lauf des Lebens 40 Schweine töten (jeder Deutsche zerkaut im Jahr ein halbes), ich aber null Hunde, die laut Darwin & Grzimek um nichts höher stehn als Schweine. Na gut, Maden stehn nicht ganz so hoch, doch kommt – falls Menschenähnlichkeit als Kriterium der Tötungshemmung fortfällt – da wieder das Kriterium der ausgelöschten Individuenzahl ins Spiel. Ich lasse einen einzelnen Hund (der Gedanke allein/kann tödlich sein) vollständig am Leben, du aber spielst de facto und in natura Saddam und streust Giftgas über deinen wimmelnden, vom Sperma weichgemachten Perser (Dschingis Kahn mußte zu erobernde Perserstädte immer erst sturmreif machen). Du mißt mich und dich mit zweierlei Zollstock — kein Schwein will auf meiner Seite fechten, das find ich fies. „Ich trete die Kelter allein.“ Meinen Aufenthalt in Kassel nutzte ich für den Besuch eines Zooladens, dort erkundigte ich mich nach Hundehalsbändern, die mittels Elektroimpuls Hunden das Bellen aberziehen — der Fachhändler sah mich feindlich an, als hätte ich Zyklon B verlangt, solche Waren führe er nicht, das wär ja genauso, als wolle man einem Menschen das Sprechen abgewöhnen, Bellen sei Kommunikation — er betrachtete meine leidgezeichnete, allein heut nacht 4 x wachgebellte, jetzt kopfwehbehaftet und totenbleich herumsitzende, zu konzentrierter literarischer Produktion deshalb seit Wochen komplett unfähige Person als Tierschinder und hätte jederzeit in dir einen beredten, also an meinem Unglück mitschuldigen Eideshelfer gefunden, soviel zu Motiv Nr. 1. Nun ging ich noch ein wenig durch den Gestank des Ladens, beobachtete einen Opa, der Zierfische kaufte, die glitzernden Minitierchen nämlich in einem prall wassergefüllten Zellophanbeutel abtransportierte, und schon kam Briefmotiv Nr. 2 in Sicht: Neben einem Stapel Schokolade für Hunde stieg ein Stapel weißer Schokolade für Hunde auf — und weit und breit kein Neger.

Der geprellte Purzel

Skrupel eines Lebensretters

Von Ulrich Holbein

Nicht nur rette ich pro Tag ein Frühstücksei vor dem sicheren Verzehrtwerden durch mich, nicht nur bleiben durch meinen unfanatischen Vegetarismus im Lauf von 75 Lebensjahren genau dreißig Schweine am Leben; denn jeder Bundesbürger frißt pro Jahr eine halbe Sau. Sondern neulich rettete ich sogar recht aktiv einem Huhn das Leben! Einem Huhn! Ich! Obwohl ich mich eigentlich eher als Ästhet betrachte, im Sinne Körkegooohrs (so wird nämlich der Genosse von Prinz Hamlet und Lars von Trier ausgeprochen!) und erst in zweiter Linie als DLRG-Schein-Besitzer. Ich rettete es nicht indirekt, per Salatverzehr, nein, äußerst direkt rettete ich es. Nicht, daß nochmal Herr Schmidt von mir sagt, ich sei zerfressen von Menschenhaß, nur weil ich mal beiläufig geäußert habe, es gäbe in Köln ziemlich viele Leute.

Das aber mit der Rettung eines Huhns kam so: Siebenschläfer stehen unter Naturschutz. Nichts gegen unfreiwillige Haustiere, aber allein diesen Sommer habe ich im Holzzelt meines Schlafzimmers, auf das neulich im September ganz besonders dicke Eicheln prasselten, hierbei sogar Schindeln perforierten, woraus der bäuerliche Schluß gezogen wurde, ein harter Winter steht bevor, zumal die Wildgänse heuer ziemlich früh und zügig vorbeikamen, auf dem Weg von Dänemark über Köln nach Ägypten, und sich nicht lang aufhielten rund ums Knüllköpfchen, kurz: Beim Aussetzen meines allnächtlich dank Lebendfalle gefangenen Siebenschläfers, auf daß er mir nicht länger nebens Kopfkissen kacke, komme ich an zwölf Truthähnen vorbei — neuerdigns sind’s nur noch zwei. Was aber ein anderes Kapitel wäre. Überdies komme ich kurz vor EDEKA und ersatzlos zugemachter Poststelle am Gehöft des Bauern Nickel vorbei, jenes, der neulich die vorletzte Dorflinde abschlug mit der Begründung: „Is doch nur Unkraut. Wächst doch widder nach, das Zeuch!“ Allwo Dackel Purzel, der mit der Zornesfalte, mich diesmal nicht anblaffte, sondern hohem Alter zum Trotz eins der freilaufenden Hühner in der Schnauze hielt, so schuldlos wie bissig. Gakeleja, mit herabhängenden Flügeln, ließ reglos das Massaker über sich ergehn.

Statt nun aber den ewigen heiligen Kreislauf allen Sterbens, Werdens und Stoffwechselns durchlaufen zu lassen, wie er nun mal immer und allerorten abrollt, verweigerte ich Mutti Natur den Kotau und griff ein: Zornwurst Purzel, als ich mit möglichst zoologischer Drohgebärde heranfegte, ließ los und schwirrte ab. Ich klingelte dann bei Nickels. Die kamen teigbleich und banal hervor und guckten auf meinen Zeigefinger, den ich in Richtung Huhn hielt. Immer noch in Angststarre saß es da, im Kreis seiner gelassenen Federn. Und starrte unnachahmlich unbeteiligt in eine metaphysische Ferne, als sein eigenes Standbild. Frau Nickel nahm’s auf den Arm, das steife Opfer, in das langsam wieder Leben kam, und entließ es zu den anderen Hühnern. Gerupft, aber sichtlich ohne unangenehme Erinnerungen, rannte es hierhin und dahin, besinnungslos, pickte irgendwo hin, so wahllos wie möglich, warf ruckhaft das Geklunkere herum. So bin ich nun mal. Der geborene Hühnerretter.

Hinterher kamen mir dann Skrupel: Wieso focht ich auf Seiten von Nickels perverser Bratpfanne? Statt aufseiten der natürlichen Triebe eines unverdorbenen Dackels! Ach ja: heirate, du wirst es bereuen, heirate nicht, du wirst es auch bereuen, tu keins von beidem, du wirst alles bereuen. Worauf bereits Körkegoooohr aufmerksam machte. Fazit: Leute kenne ich, die heilen und retten ständig die Welt. Ich für meinen Teil rettete für den Anfang immerhin ein Huhn. Möge Shiva mir’s vergelten. Falls ich an den glaube, und um auch den zu retten, glaube ich natürlich sehr an ihn. Und um mich im nächsten Leben gackernd von einem Menschen retten zu lassen, der in diesem Leben Purzel heißt.

Herr und Hund – Ein Mann in Nöten

Von Dominik Nüse

Auf stürmischer See

Es soll um Tiere gehen, darum, wie sie dargestellt werden, ob sie Projektionen menschlicher Verhaltenweisen sind, ob sie fabelhaft-politisch miss- und gebraucht werden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine sich selten bietende Bühne für einen Erzähltext Thomas Manns, das ansonsten eher selten Aufmerksamkeit erfährt: Die Idylle Herr und Hund. Es lohnt sich, durchaus ein-, zwei-, dreimal seinen Blick auf ein literarisches Werk zu werfen, das man immer wieder abtat als „nette“ Geschichte, zumal auch ihr Verfasser sie wiederholt als bloße Fingerübung einordnete – der Weg der Rezeption war damit vorgegeben (vgl. Orlik 1997, 100 ff.). In der Tat ist die Idylle für jemanden wie Thomas Mann beinahe nur eine Fingerübung, doch ganz so zufällig und willkürlich, wie es den Anschein hat, ist die Geschichte um Herr und Hund nicht geraten.

Man mag die Geschichte als politische Fabel deuten wollen, als ein dezidiert subtil-literarisches politisches Statement Thomas Manns zur 1918/1919 aktuellen politischen Situation in Deutschland – oder als eine Korrektur seiner Betrachtungen eines Unpolitischen, mit denen er sich in die Nesseln gesetzt hatte, von den wirren, kruden und holprig vorgebrachten Argumentationsketten bis hin zu seinen Schlussfolgerungen – sie erwiesen sich just in dem Moment, als das Buch in Druck ging, am Tag der Kapitulation, als schlichtweg falsch.

Der pessimistische Romantiker steht seit 1918 einer Welt gegenüber, die sich durch die Zäsur des Krieges radikal von der Welt des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Die geschichtliche Wirklichkeit der Gegenwart ist mit dem von Nietzsche und Schopenhauer im vergangenen Jahrhundert entwickelten und von Thomas Mann an dieser Welt erfolgreich erprobten Instrumentarium der Geschichtsrezeption nicht mehr erfassbar. Thomas Manns Mechanismen der geschichtlichen Erfahrung besitzen keine Ordnungskraft mehr, da sich ihnen die Realität als eine vollkommen fremde nicht mehr fügt. [Wißkirchen 1986, 44]

Es wird lange dauern, bis sich Mann von diesem Schock erholt, bis er der Geschichte und den Geschichtsläufen wieder Herr wird und mit dem Zauberberg, den Josef-Romanen und nicht zuletzt mit Doktor Faustus zu im wahrsten Sinne des Wortes klassischer Leistung zurückfindet. Doch nach den Betrachtungen und vor den abschließenden Arbeiten am Zauberberg erleben wir einen Mann, der sich nicht nur der Tierwelt sondern auch okkultistischen Fragen stellt. Insofern schwimmt er gemeinsam mit vielen Landsleuten auf einer Welle, die ihn auf stürmischer See abbringt vom Ufer des Verstehens, und mitten auf See bleibt ihm nichts anderes übrig als zu beobachten – letztlich und am Ende des Tages die wohl effizienteste Form des Überlebens, zumindest aber unabdingbare Voraussetzung desselben.

Ein Mann in Nöten

Da steht Thomas Mann vor den Scherben einer Arbeit, die er eigentlich nie wirklich in Angriff nehmen wollte, mit der er dann aber doch als geistigen Dienst an der Waffe seinen Frieden schloss und sich als patriotischer Soldat in Worten dem Kriege anschloss: Es stand schließlich nichts geringeres auf dem Spiel als das Schicksal einer Kulturnation wie Deutschland, die sich Zivilnationen wie Frankreich feindlich gegenübersah. Nun, es unterlag die „Kulturnation“ gegen die politische Avantgarde der Westnationen. (vgl. Görtemaker 2005, 29 f.) Weitaus schlimmer als diese Niederlage muss für Thomas Mann die Tatsache gewesen sein, dass sein Bruder Heinrich mit seinen Analysen und Voraussagungen Recht behalten hatte. Wie auch immer – es gibt sicherlich eine ganze Menge spannender Facetten an Thomas Mann, die in dieser Situation, die als Epochenzäsur gelten kann, zum Tragen kommen. Wir wollen uns hier ein wenig psychologisierend, dabei aber nicht die Texte aus den Augen verlierend, mit einem Mann beschäftigen, der über 90 Seiten hinweg den Ballast eines welterklärenden-allwissenden Erzählers abwarf, der doch auf anregende Weise so spielend leicht mit philosophischen, wissenschaftlichen Theorien jonglieren konnte und eine von großem Selbstbewusstsein strotzende Deutungshoheit für sich reklamierte, wie es nach ihm zwar auch noch einige andere Schriftsteller taten, von denen jedoch kaum einer die beanspruchte Rolle ausfüllen konnte. Von all dem aber ist in Herr und Hund nichts zu spüren – und für viele, nicht nur Zeitgenossen, ist es „[m]erkwürdig zu sehen, wie die kleine, weltabgewandte Hundegeschichte neben den großen Weltereignissen herläuft.“ (de Mendelssohn 1982, 70)

Schauen wir uns einmal an, was Thomas Mann in seinem Text Merkwürdiges tut. Die Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Aus entsprechenden Tagebucheinträgen und Äußerungen seiner Kinder (vgl. Orlik 1997) gab es Bauschan, so der Name des Hundes, wirklich im Leben der Manns. Geschildert wird die Ruhe, die Einsamkeit, die Möglichkeit der inneren Einkehr, die der Erzähler bei den alltäglichen Gassi-Runden mit seinem Hund empfindet. Es gibt zeitlose Landschafts- und Naturschilderungen, die beinahe naiv wirken und erkennbar an Stifter geschult sind, es gibt Grzimeks Tierbeobachtungen vorwegnehmende Passagen, es gibt Andeutungen einer Beschreibung des Verhältnissen von Herr und Hund zueinander und nicht zuletzt auch eine Schilderung eines Treffens Bauschans mit einem anderen Hund. Leise, zurückhaltend, naiv-staunend – vielleicht sind dies die Attribute, mit denen die Hauptcharakteristika des Textes zu beschreiben sind. Thomas Mann psychologisiert nicht, nein, er versucht nicht krampfhaft zu verstehen, was sein Hund, mit dem er schon so viel Zeit verbracht hat, „denkt“, versucht ihn auch nicht zu vermenschlichen. Liebevoll akzeptiert er seine Schrullen, weil er weiß, dass es nur für den Menschen Schrulligkeiten sind. Thomas Mann bedient sich hier keines allwissenden Erzählers, der die Welt als Ganzes und im Ganzen versteht, nein, er installiert einen Ich-Erzähler, der die nüchterne Beobachtung des Hundes betreibt, dessen Wesenszüge ihn zu Staunen zu Nicht-Verstehen bringen. So lesen wir folgende Exklamation:

Wunderliche Seele! So nah befreundet und doch so fremd, so abweichend in gewissen Punkten, daß unser Wort sich als unfähig erweist, ihrer Logik gerecht zu werden. [H 35]

Immer wieder erlebt der Erzähler die bange Ungewissheit, die jeder Hundebesitzer kennt, wenn fremde Hunde aufeinander treffen. Werden sie sich verstehen oder gibt es Unfrieden? Bauschan bildete da keine Ausnahme. Durch Beobachtung versucht Mann zu entschlüsseln welche Kriterien bei einer solchen Begegnung eine Rolle spielen und wovon es abhängt, ob die Sache friedlich ausgeht. Wie er selber zugibt, konnte er noch nach Jahren mit einer gewissen Beklommenheit nicht sicher einschätzen, wie sein Bauschan letztlich auf fremde Hunde reagieren würde. Zu undurchsichtig blieben ihm die Empfindungen, Verhaltensregeln und Rituale der Vierbeiner, als dass er sie je ganz durchschaut hätte. Die Begrüßung, das Umkreisen und das Beschnüffeln Flanke an Flanke. Schließlich der ungewisse Moment, in dem sich entscheidet, ob beide gutmütig auseinandergehen mögen. Begegnungen mit stets unsicherem Ausgang. (vgl. H 35).

Eine ganz ähnliche Formulierung, die explizit Zweifel an seiner eigenen Fähigkeit, die Natur adäquat umfassen und beschreiben zu können, findet sich im Kapitel „Das Revier“, in dem er sich zahlreichen Naturschilderungen hingibt:

Nachdem ich nun auch auf die Zone des Flusses näher eingegangen, habe ich die ganze Gegend beschrieben und, soviel ich sehe, alles getan, um sie anschaulich zu machen. Sie gefällt mir gut in der Beschreibung, aber als Natur gefällt sie mir doch noch besser. Sie ist immerhin genauer und vielfältiger in dieser Sphäre, wie ja auch Bauschan selbst in Wirklichkeit wärmer, lebendiger und lustiger ist als sein magisches Spiegelbild. [62 f.]

Und dieser Gegensatz, der nicht auflösbar zu sein scheint, ist einfach da. Nein, es geht nicht primär darum, Bauschan zu vermenschlichen oder ihn vielleicht zu einer Metapher politischer, soziologischer Erkenntnisse zu machen – nein, er ist als Hund gerechtfertigt, in seiner Natur ernst genommen. Er ist ein Hund, der zwar instinktiv und lernend das Wesen des Menschen erkennen mag und dessen Absichten zu durchschauen scheint (vgl. H 25). Dem Menschen hingegen bleibt oft nur wortloses Staunen – wie auch dem Hund, betrachtet er die Verhaltensweisen des Menschen. Es ist dies ein beinahe pantheistischer, sicher aber völlig bukolischer Gedanke: Das Aufgehen in der Natur als Wunsch des Erzählers, wie er beispielhaft in der Jagdszene zum Ausdruck kommt, in der der Erzähler gemeinsam mit Bauschan einem Hasen auf der Spur ist und sich nichts weiter wünscht, dieser möge ihn „für einen Baum halten“ (H 85). Die neue Leichtigkeit des Seins – neu zumindest für jemanden wie Thomas Mann. Er wird diese Leichtigkeit schnell wieder aufgeben, und auch dies wird in der Erzählung bereits antizipiert, wenn der Erzähler über all jene reflektiert, die den Weg in die Natur gefunden haben, ihre Häuser jedoch nach einiger Zeit verfallen lassen, weil sie der Natur, dem Ent-Rücktsein von der Welt nicht dauerhaft standhalten konnten. Doch noch ist sein Naturerleben, das nur gemeinsam mit Bauschan möglich ist (vgl. S, 74f.), stark und ermöglicht ihm Ausflüge in eine Welt ohne Sorge und Kampf. In den Zeiten zwischen einzelnen Gassi-Runden hat der Erzähler „gesorgt und gekämpft“ hat „Schwierigkeit überwunden, daß es nur so knirschte“ (H 74).

Da ist es die Jagd mit Bauschan, die mich zerstreut und erheitert, die mir die Lebensgeister weckt und mich für den Rest des Tages, an dem noch manches zu leisten ist, wieder instand setzt. [H 74]

Der Begriff „Dankbarkeit“ fällt gleich im nächsten Satz. Dankbarkeit für diese Möglichkeit, die ihm Bauschan bietet. Dankbarkeit Diese ist wohl auch als Hauptmotivation dieses Textes auszumachen. Als Leser erfreut man sich an diesem unaufgeregten Text – versteckte Zitatübernahmen finden sich hier, bis auf die Nachahmung stifterscher Naturbeschreibung, kaum – so dass man nicht ständig überlegen muss, woher nun dieses oder jene Zitat wohl stammen möge. Schön, ja idyllisch – diesen Text kann man bei Sonnenschein im freien lesen, ohne die Gelehrtenbibliothek mit sich herumtragen zu müssen. Wie erbaulich muss das für einen Hundebesitzer sein, gerade wenn das Herrchen ein ansonst so komplizierter Kopfmensch ist.

Alles, nur nichts Apollinisches!

Wie müssen wir uns Bauschan vorstellen? Ein Schoßhund war er jedenfalls nicht, eher ein rustikaler Typ, der einen gerne durch Feld, Wald und Wiesen begleitet. Und mit viel Kraft in den Hinterläufen, denn er soll ein auffallend guter Springer gewesen sein. Von dieser Fertigkeit, so schildert es Thomas Mann, machte Bauschan aber nur dann Gebrauch, wenn er unter einem Hindernis nicht hindurchlaufen oder -kriechen konnte. Er war also klug genug, sich nur bei ernst zu nehmenden Hindernissen wirklich anzustrengen. Bauschan freute sich über Lob und Zuneigung und bemühte sich, es seinem Herrn recht zu machen (vgl. H 32 ff.). Befehle befolgte er jedoch nur dann, wenn sie Sinn ergaben, nicht allein um eines reinen Kunststückchens willen.

Wenn es darauf ankommt, so nimmt er jedes Hindernis – ist es allzu hoch, um im freien Sprunge bewältigt zu werden, so klettert er anspringend hinauf und lässt sich jenseits hinunterfallen, genug, er nimmt es. Aber das Hindernis muss ein wirkliches Hindernis sein, das heißt ein solches, unter dem man nicht durchlaufen oder durchschlüpfen kann: sonst würde Bauschan es als verrückt empfinden, darüber wegzuspringen. [H 33 f.]

Ein wahrer Verächter der second nature – ein Hund, völlig im Reinen mit sich und der Natur (vgl. 70). Wir finden niemanden im Text, der hier eine ironische und in letzter Instanz wissende und erklärende Haltung einnimmt. Wir erleben einen Thomas Mann, der völlig verunsichert ist, für den mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ausgang eine ganze Welt, ein Werte- und Politiksystem zusammengebrochen, auf dem er sein Leben und sein bisheriges Werk aufgebaut hatte.

Nie hat Thomas wieder je so rein beobachtet, nie so naturalistisch gestaltet – und doch steht Thomas Mann mit seinem Idyll mitten in den so philosophischen und psychologischen Zeittendenzen und nähert sich den zeitgenössischen philosophischen Fragen nach Status des Seienden, nach einer tragfähigen Begrifflichkeit und nach Gewissheit der Erkenntnis. [Orlik 1997, 144]

Die tiefe Dankbarkeit, mit der der Erzähler das Versinken in die Natur und die Zweisamkeit mit seinem Hund empfindet, und die Sehnsucht, den Sorgen, Noten und Kämpfen des Alltags zu entkommen, sprechen Bände. In den Naturerfahrungen ahnt er, was die Welt im Inneren zusammenhält.

Für meine Person bekenne ich gern, […] daß wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist. Sie kann mich […] in einen Zustand so tiefer organischer Träumerei, so weiter Abwesenheit von mir selbst versetzen, daß jedes Zeitgefühl mir abhanden kommt und Langeweile zum nichtigen Begriff wird, da Stunden in solcher Vereinigung und Gesellschaft mir wie Minuten vergehen. [H 55]

Es ist wichtig zu erwähnen, dass dies nur und ausschließlich im Pakt mit Bauschan realisierbar ist: Als sein Hund aufgrund innerer Blutungen zur Beobachtung 14 Tage in einer Tierklinik verbringen muss, stellt sich diese neue Situation dem Erzähler folgendermaßen dar:

[M]eine Spaziergänge waren fortan, was ungesalzene Speisen dem Gaumen sind; sie gewährten mir nur wenig Vergnügen. Kein stiller Freudensturm herrschte bei meinem Ausgang […]. Der Park schien mir öde, ich langweilte mich.“ [H 74]

Mit sich alleine kann er wenig anfangen – lassen sich die Sorgen nicht vertreiben, schlimmer noch: Langeweile breitet sich aus. Vielleicht, so schießt ein kühner Gedanke durch die Hirnwendungen des Schreibers, hätte Edmund Husserl seinen an Hugo von Hoffmannsthal gerichteten Brief (vgl. Sloterdijk 2009, 29–31) an Thomas Mann schreiben sollen – und in ihm einen dankbareren Empfänger für sein Projekt des scheintoten Denkers, eines durch und durch fähigen Phänomenologen gefunden. Auch wenn Mann Husserl weder erwähnt noch auf ihn anspielt, und auch wenn die Beziehung zwischen dem Philosophen und dem Dichter wohl zurecht nicht ausgiebig erforscht worden ist, hier, in Herr und Hund, ließe sich eine anschauliche Umschreibung des für Husserls Phänomenologie zentralen philosophischen Konstrukts der Epoché finden: Die reine vorurteilsfreie, von allem Weltlichen und Psychologischem gelöste Betrachtung und Beschreibung der Dinge. Nicht zuletzt durch Freuds psychologische Erkenntnisse und die Erfahrung des Ersten Weltkriegs scheint der Mensch weiter von sich entfernt zu sein als je zuvor. Die Chimäre des Guten, Edlen, Schönen – wie brüchig hat sich dieser Anspruch aller Kulturmenschen erwiesen! Einen Ausweg hieraus und einen Weg zurück zu sich und einem harmonischen Ausgleich zwischen sich und der Welt in der bewussten Abkehr von der Welt zu suchen, dies erschien für Thomas Mann als gangbarer Weg; ganz sicher auch inspiriert durch Schopenhauers Schrift Über das metaphysische Bedürfniß des Menschen – in der Natur, in den Tieren sind Wille und Intellekt noch eins, und Blumen, Pflanzen und Tiere haben Teil an der „unbewußten Allwissenheit der großen Mutter“ (vgl. Schopenhauer 1946, 175).

Franz Orlik sieht in der Wendung Thomas Manns hin zum Topos des Tieres eine Parallele zur zeitgenössisch boomenden Tierpsychologie und -philosophie (vgl. Orlik 1997, 137 ff.). Mit Bauschan tritt ein kulturunabhängiges Lebewesen in den Blick des Dichters, der zudem ‚mit sich im reinen’ ist. Der Hund ist für den Erzähler der Türöffner zu einer bukolischen, intakten Naturwelt, einem „Zaubergarten“ gleich (H 46), in dem er seine Mitte findet, sein kann, wie er ist, bis ihn die Forderungen der Welt lauter und lauter werdend, an sein Pflichtgefühl erinnern. In dem Hund erblickt er die naive Unschuld eines von keinerlei scheiternder Kultur und widersprüchlicher Moral betrübten Wesens. Eine Vermenschlichung des Hundes und seiner Handlungsweisen kommen daher, wie bereits eingangs festgestellt, nicht in Frage: Der Hund ist als Hund gerechtfertigt und wird als solcher ernst genommen. Nicht der Hund hat ein Defizit – nein, frei nach Nietzsche ließe sich sagen: Der Mensch hat den Tierverstand verloren.

Es gibt Deutungen, die in dieser Erzählung eine Fabel sehen wollen und dem Hund somit eine symbolisch-politische Funktion zuschreiben. Diese Lesarten mögen sicherlich reizvoll sein – doch sie bleiben nicht die einzig möglichen. Von gelegentlichen Anthropomorphisierungen abgesehen, schreibt Mann Bauschan, wollen wir im Metaphorischen bleiben, vielleicht am ehesten die Rolle des Fährmanns zu. Des Fährmanns, der seinen Passagier zuverlässig in eine verzauberte, okkulte, nicht vollständig zu ergründende, jedoch ganzheitlich zu erfahrende und -spürende Welt führt – ihn allerdings auch wieder mit zurückbringt. Bauschan ermöglicht dem Erzähler die Erdung, die Bestätigung seiner immer noch vorhanden Fähigkeit, mit dem natürlichen Leben in Kontakt zu treten – eine Basis, auf der er seinen zerbrochenen, verlorenen Bezug zur geistig-moralischen, politisch-sozialen Welt neu aufnehmen kann.

Denn jeder Spaziergang, jede Epoché, findet ihr Ende. Und so essentiell Bauschans Beitrag zum gelingenden Naturgenuss und zum Aufbau eines neuen, Manns literarisches Schaffen tragenden Orientierungsgefüges auch gewesen sein mag – wir können diesen Beitrag nach all den Schilderungen kaum hoch genug schätzen –, so notwenig ist die Einsicht des Erzählers, dass es auch eine Zeit gibt, die seine Anwesenheit in der Welt der Sorgen, Nöte und der Hysterien verlangt: Bauschan hat „das Eindringen der Welt in das Haus nicht verhindern können, mit fürchterlicher Stimme hat er Einspruch erhoben und sich ihr entgegengestellt.“ (H 63). Allein, es nützte nichts. Was bleibt, ist ein bukolisches Stück, weit mehr als nur eine literarische Fingerübung, und die Hoffnung und Vorfreude auf den nächsten Tag: „Morgen wieder, Bauschan’, sage ich, ‚falls ich nicht in die Welt gehen muss.“ (H 97)

Literatur

Primärliteratur

Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt a.M. 1991.

Mann, Thomas: Herr und Hund. Ein Idyll. In: Ders. Unordnung und frühes Leid. Erzählungen 1919-1930. Frankfurt a.M. 1991. (nachgewiesen mit der Sigle H).

Schopenhauer, Arthur: Sämtliche Werke. Nach der ersten, von Julius Frauenstädt besorgten Gesamtausgabe neu bearbeitet und hg. von Arthur Hübscher. Wiesbaden 1946.

Sloterdijk, Peter: Scheintot im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung. Frankfurt a.M. 2009.

Sekundärliteratur

de Mendelssohn, Peter: Nachbemerkungen zu Thomas Mann. Band 2. Frankfurt a.M. 1982.

Görtemaker, Manfred: Thomas Mann und die Politik. Frankfurt a.M. 2005.

Orlik, Franz: Das Sein im Text. Analysen zu Thomas Manns Wirklichkeitsverständnissen und ihrem Wandel. Würzburg 1997.

Wißkirchen, Hans: Zeitgeschichte im Roman. zu Thomas Manns Zauberberg und Doktor Faustus. Bern 1986 (= Thomas Mann Studien 6).

Der Mops im literarischen Bestiarium

Mit zwei unveröffentlichten Gedichten von Friedrich Rückert

Von Reinhold Münster

Logbuch der Wissenschaften
60. Jahrgang
5. Januar 2013

Den ersten Besuch in Bamberg hatte ich mir anders vorgestellt. An diesem Tag drückte die Hitze des Sommers auf das Gemüt, in der Ferne kündigte sich mit Donnergrollen ein Unwetter an. Die Gassen schienen fast ausgestorben zu sein. Endlich tauchte am Rande der Innenstadt ein kleines Straßencafé auf. Die Tische waren verwaist. Ich suchte einen Platz im Schatten der Häuserwände und bestellte einen großen Cappuccino, um die erschlafften Lebensgeister aufzumuntern, doch bald wirkte die Stille auf mich.

Plötzlich, wie auch sonst in der modernen Literatur, riss mich ein unheimliches Geräusch aus meinem leichten Dösen. Ich fuhr hoch. Ein rascher Blick um mich: keine Bewegung, nichts, niemand. Die Fenster in der kleinen Straßenschlucht waren geschlossen. Der Lärm ging in ein lautes Schnarchen über. Da entdeckte ich den Täter – einen feisten Mops, der sich im Schatten unter meinen Stuhl häuslich eingerichtet hatte, tief und fest schlummerte und im Schlaf nach Beute schnappte.

In diesem Augenblick erwachte der Wissenschaftler in mir, alle Müdigkeit war gewichen. Der Mops als Zeichen (für Stil)? Als Symbol? Als Metapher? Als Allegorie? Als Genderproblematik? Als wissenschaftliche Tatsache? Als kulturelle Ikone? Als „Weißwurstmarzipanschweinkampfstier“ – so die Zusammenfassung der Beschreibung aus Brehms Tierleben? Ich beschloss, mich dem Problem zu widmen und notierte in das Logbuch der Wissenschaften die folgenden Fragen: Was wusste ich über den Mops? Wo kam er her? Worin bestand seine kulturelle Leistung für die Menschen? Wo geht er hin?

Mein Wissen über den Mops – die erste Frage ließ sich einfach beantworten – bewegte sich auf keinem besonders hohen wissenschaftlichen Niveau, griff auf die direkte, empirische Beobachtung zurück: Vier Beine, ein geringelter Schwanz, kupierte Ohren, ein schwarzes, flaches Gesicht, in diesem Fall zu einer beigen Färbung des Fells getragen. So lag er fett und schwer schnaufend da.

Es blieb nur eine Lösung: Ich schleppte mich zur Staatsbibliothek den Berg hinauf, bestellte die gängigen Nachschlagewerke, deren Stapel langsam auf dem Tisch anwuchsen. Der erste Band war – für Bamberg nicht verwunderlich – die frühchristliche Naturkunde des Physiologus. Schön sprach der Physiologus vom Charadrius, von den Eselskentauren, dem Einhorn, dem Enhydris und dem Ichneumon, dem Antholops, dem Hydrippos, sogar von der Ameise, nicht aber vom Mops; er erwähnte ihn mit keiner Silbe. Schön sprach der Physiologus auch vom Baum Peridexion, behandelte aber nicht die Frage, ob der Mops nicht an diesem immer wieder sein Hinterbein anhob und so den Fortbestand der Fauna sicherte.

Auch die Lektüre moderner Bestiarien blieb ernüchternd. Franz Blei behauptete, er habe alle lebenden Tiere in sein Bestiarium literaricum aufgenommen. „Den Nutzen dieses kurz und bündig abgefassten Bestiariums wird der Tierfreund und -feind beim Durchblättern also gleich mit Vergnügen bemerken.“ Dabei befleißigte er sich, so seine Aussage, des damaligen Standards wissenschaftlicher Objektivität: „Aller Kritik unserer Viecher habe ich mich enthalten, wie man merkt: Wir müssen sie hinnehmen, wie Gott sie geschaffen. Ihm allein die Ehre und die Verantwortung.“ Blei neigte zu unzulässigen Verallgemeinerungen, besonders in der Frage nach der Intelligenz der Tiere: „Denn gerade das, was einige von unseren heutigen Tieren behaupten, das tun sie gar nicht: denken.“ Dabei blieb er ein kritischer Beobachter, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen können: „Der Benn ist ein giftiger Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.“ Oder: „Die Courthsmahler ist eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt.“ Den Mops jedoch sucht der geneigte Leser vergeblich. War er so diskreditiert, dass ihn Blei zu denjenigen Tieren rechnete, die vom Bacillus imbecillus befallen gewesen seien?

Fritz Raddatz, Prachtleierschwanz und Spezialist für biographische Forschungen zum jungen Goethe in Frankfurt, beschäftigte sich im Bestiarium der deutschen Literatur mehr mit Mollusken, bunten Vögeln, Fischen und schleimenden Geschöpfen aus unterschiedlichen Gewässern. Kein Dichter, auch keine alte Jungfer waren es ihm wert, mit einem Mops verglichen zu werden.

Die Gesamtschau bisher war enttäuschend verlaufen: Die gängigen Bestiarien von der Antike und dem Mittelalter bis zur Gegenwart wussten nichts vom Mops zu berichten.

Wo also kam er her (zweite Frage)? Drei Theorien konkurrierten bisher um die wissenschaftliche Anerkennung und Verifizierung. Bernhard-Victor von Bülow behauptete, die Heimat des Mopses liege in Europa. „Als Herr des Waldes durchstreifte der Mops einst Europa zwischen dem Ural und Fichtelgebirge. Heute weiden nur wenige wilde Möpse in unbewohnten Waldungen Nordschwedens.“ Knochenfunde aus der Zeit um 1500 erhärteten den Befund. (Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer die Ausgräber waren. Ich vermute: Gilbert und Henry aus dem Hause Bülow.) Der Mops galt und gilt bis heute als gefährdete Art, so Bülows Meinung: „Ende des 16. Jahrhunderts galten die mächtigen Mopsschaufeln noch als beliebte Jagdtrophäe.“ Da der wilde und scheue Waldmops Wälder verwüstete, Vogelnester ausnahm und Rotwild riss, wurde er eingefangen und domestiziert. Bülow erkannte hier indirekt einen wichtigen Aspekt literarischer Moderne seit der Aufklärung: die Domestizierung der Wildnis, die dem Nutzkalkül unterworfen werden sollte. „Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich 14-Ender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten.“ Teile des Wildbestandes sollen in der Gegenwart nach Südafrika ausgewandert sein; einige seltene Exemplare wurden von Bülow noch in den achtziger Jahren an der Wesermündung gesichtet.

Die zweite Theorie verlagerte die Herkunft des Mopses auf den Ursprungskontinent des Homo sapiens. Sie besagte, dass der Mops im 17. Jahrhundert von Südafrika nach Europa, besonders in die Niederlande und nach England gekommen sei. Am Kap der Guten Hoffnung hätten Wilhelm III. von Oranien und Maria von Oranien-Nassau die Vierbeiner aufgegriffen und mit zu ihrer Krönung (1689) ins Vereinte Königreich genommen, wobei die Möpse wie die Fangemeinde der niederländischen Nationalmannschaft Schals in Orange getragen haben sollen. (Ein Vergleich beider Gruppen liegt mir fern, denn der Mops Pompey soll seinem Herrn während eines Überfalls im Heerlager von Hermigny durch lautes Lärmen den Sieg gerettet haben.)

Viele Wissenschaftler favorisierten eine dritte Theorie. Sie behauptete die Herkunft des Mopses aus China. Dort hatte er sich hochgezüchtet zum Molosserhund und gelangte vor mehr als 2.000 Jahren an den chinesischen Kaiserhof, wobei er mehr oder weniger sein heutiges Aussehen annahm. Gerne lag er dort auf rotseidenen Kissen mit goldenen Troddeln. Aktiv stritt er mit Dschingis Khan in dessen Heer und gelangte mit seinem Feldherrn auch nach Europa. Eindeutig dürfte sein, dass der Mops mit den Entwicklungen in der Alten Welt verbunden ist. Für die Bestätigung der Theorie sprechen einige Fakten, die eng mit der dritten Frage verbunden sind und mit ihr diskutiert werden sollen.

Der Mops trat als kampferprobter und mutiger Held auch in die Geschichte der europäischen Literatur und Kunst ein. 1717, in der Schlacht von Belgrad gegen die Heere der Türken, verteidigte er seinen Herrn, den Feldmarschall Herzog Karl Alexander, als Prinz Eugen schon längst vom Schlachtfeld verschwunden war. Im Zuge der militärischen Bewegungen wurde der Mops auf dem Kampfplatz schlicht vergessen. Heldenhaft suchte er den Weg durch die feindlichen Linien und gelangte heil nach Württemberg.

Elf Tage lang ist er gerannt,
von Belgrad heim ins Schwabenland!

So heißt es in einem Gedicht, das bei seinem Ableben verfasst wurde. Es dürfte in der Literaturgeschichte nicht häufig vorkommen, dass Casualcarmina wie Epicedien auf einen Mops gesungen wurden. (Hier öffnet sich eine Forschungslücke in der deutschen Literaturwissenschaft, die sich sicherlich durch einige Doktorarbeiten schließen ließe.)

Das Motiv des menschliche Fähigkeiten überschreitenden Kämpfers behielt seinen Reiz bis weit in die Weimarer Republik. So ließ Paul Scheerbart seinen Band Mopsiaden mit einem klar positionierten Vierzeiler beginnen:

Für den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Also sprach der Mops: Ich halte mich für den Übermenschen. Dieser Witz kam im Jahr 1920 a) ziemlich spät und b) mit miserablen Reimen daher. Gerade der Mops verweigert sich dem Reim. Als Reimworte kennt die Literaturgeschichte bis heute lediglich: Klops, Drops, Hops und obs. Das ist dürftig bis beschämend. Aus meiner Sicht war es aber nicht der einzige Grund, warum deutsche Poeten den Mops wenig in ihr Herz geschlossen haben.

Im Barock ein kriegerischer Held, im Rokoko ein Frauenheld im Boudoir: Hier zeigte sich die Anpassungsfähigkeit des Tieres. Der zärtliche Gleim widmete ihm zwei vergnügliche Gedichte; eins ist abgedruckt bei Felicitas Noeske (Mops Epitaphium), das andere findet sich im Versuch in scherzhaften Liedern unter dem bezeichnenden Titel Das Möpschen. Schon der Diminutiv deutet an, dass der Vierbeiner über eine gewisse Naivität verfügt. Das niedliche Möpschen wurde von Philemon ausgesandt, die Schöne zu bewachen. Während es diese Aufgabe auf dem Schoß der Dame wahrnimmt und Zucker leckt, entspinnt sich ein kleiner Dialog, während dessen der Held überlistet wird. Die Musa iocosa hatte wohl ihre Finger im Spiel. Das Mädchen, so verrät es der Mops, solle nur mit Philemon spielen und scherzen, nicht mit anderen Männern Vertraulichkeiten und Küsse austauschen. Sollte dieser Fall eintreten – und er wird sich kurze Zeit später in einer anderen Geschichte (1796) ereignen –, dann komme es zum Hauen und Stechen, zum Bellen und Beißen:

Ich bin ein treuer Diener,
Drum hütet Euch vor Möpschen!
Ich leide keinen Fremden,
Der Euch die Wangen streichelt,
Der etwa seine Lippen
Auf Eure Lippen drücket!

Die spröde Schöne weiß jedoch den klugen Ausweg. Wenn aber eine Freundin sie küssen würde, was dann? Da muss ich meinen Herrn fragen, lautet die prompte Antwort. Und schon ist der Mops losgelaufen und hat Platz gemacht für neue Scherze.

Wichtig für den Fortgang der Geschichte und kulturellen Leistung des Mopses wurde in dem Zusammenhang von Eros und kontrollierender Macht – von Michel Foucault völlig unbeachtet – Fortunée, der Wächter von Joséphine de Beauharnais. Die Fama berichtete, dass in ihrer Hochzeitsnacht Napoleon von dem Tier ins Schienbein, andere sprechen vom Wadenbein, gewissen wurde, als dieser ins Brautbett klettern wollte. Knurrte Fortunée dabei „In Tyrannis“? Die Frage ist bis heute nicht beantwortet, auch nicht diejenige, ob damit in die Trompete für die Erhebung der europäischen Völker gebellt wurde.

Eine neue Konstellation entstand: Die jungen Mädchen liebten den Mops, er galt als ihr Gespiele, als ihr Wächter, als ihr Kuscheltier im Bett. Die jungen Männer, allen voran Napoleon, hassten den Mops als Konkurrenten, aber auch als Revolutionär und weiterhin tapferem Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne. Ein starker Beleg für diesen Abscheu vor dem Mops findet sich in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Das Märchen). Goethes Ablehnung jeglicher revolutionärer Umtriebe kann als bekannt vorausgesetzt werden; es geht hier nur um die literarische Rolle des Mopses. Dieser opferte sein Leben, um die Geschichte – als Erlösungsgeschehen, Herr Scheerbart! – voranzutreiben. Die schöne Lilie fragte: „Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?“ Sie spielte mit dem Tier, dem sie das Leben zur Hälfte wieder geschenkt hatte, betrachtet es mit Wohlgefallen, drückte es an ihr Herz und so weiter. Der Jüngling sah dies mit scheelen Augen und wachsendem Verdruss: „[…] aber endlich, da sie das hässliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen küsste, verging ihm alle Geduld“, und er beschimpfte den Mops als „widernatürliche Missgeburt“. Keine Biographie, die mir bekannt ist, berichtet davon, dass Goethe ein Haustier besaß.

Mit der aufgezeigten, erotischen Komponente spielt heute noch das Bild der niederländischen Malerin Nastja Holtfreter: Frau mit Möpsen. Die Blicke einer alten Jungfer, die keine genetische Schönheit ist, signalisieren Begehren, die beiden Möpse, die sie in den Armen vor dem Busen hält, signalisieren Aggression und Missmut.

So waren es Männer des 19. Jahrhunderts, die immer wieder schlecht vom Mops und seinen Fähigkeiten sprachen. Den Höhepunkt der Kampagne beschreibt eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Das junge Mädchen, das gilt auch für die hübsche Erzählung Horacker von Wilhelm Raabe, verwandelte sich nun in die alte Jungfer. Der Mops sei alter Damen Freude, dichtete Busch in seinem Naturgeschichtlichen Alphabet: Eine alte Vettel taucht ein Biskuit in ihre Tasse, ein fetter Mops auf dem Tisch stehend, wartet schon auf die Leckerei. Drastisch führte Busch seine Kritik des Mopses und seines Frauchens in Die Strafe der Faulheit aus:

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Das wurde dabei fett und dick. Einen Braten wie diesen wollte sich der Hundefänger nicht entgehen lassen, fing den Mops und fraß ihn auf. Die Haut verkaufte er an das Fräulein für zwei Goldstücke. Das letzte Bild: Schnick mit einer Brezel im Maul.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
– Wer dick und faul, hat selten Glück.

Buschs schwarze Pädagogik dürfte bekannt sein, sein Hass auf die Lehrer und die bürgerliche Gesellschaft auch. Und besonders viel Liebesglück schien in seinem Leben auch nicht Platz genommen zu haben. Die Botschaft für die Leser war klar, so Felicitas Noeske: Armen Kerlen wird das Fell abgezogen. „Irgendwann folgte der Grande Révolution der Grillabend.“

In diesem Kontext fügen sich die beiden Gedichte von Friedrich Rückert problemlos ein, die im Stadtarchiv Schweinfurt (Sammlung Rückert) zu finden sind.[1] Rückert pflegte im Gegensatz zu Busch ein mehr praktisches Verhältnis zu Haustieren. Dies kann ein ganz kleiner Exkurs zeigen. In Zur Ehre der Gans (Lyrische Gedichte. Haus und Jahr) wird von einer jungen Liebe berichtet. Nach dem ersten Abschied vom Geliebten fütterte das Mädchen ein Gänschen. Nach einiger Zeit schrieb sie sehnsüchtig:

Liebster, komm! das Gänschen fett
Ist genug gepfropfet,
Und die Federchen ins Bett
Sind bereits gestopfet.

Gänse scheinen im Hause Rückert ein Lieblingsgericht gewesen zu sein. Ganz realistisch heißt es dazu (Das Männlein in der Gans), fast im Stile eines Wilhelm Busch:

Die Köchin wetzt das Messer,
Sonst schneidt‘ es ja nicht;
Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
Als dass man sie sticht;
Wir wollen sie nehmen und schlachten
Zum Braten auf Weihnachten.

Dem Mops ergeht es nicht viel besser. Wie bei Busch gehörte für Rückert der Mops als gesellschaftliches Zeichen zu den alten Damen (Sammlung Rückert, A II 71d–430):

Willst du als Ehrenangebinde
Höflichern Mannes Namen tragen,
Musst du die junge Frau nach ihrem Kinde
Nach ihrem Mops die alte Jungfer fragen.

Wem der gute Rat gelten sollte, ließ sich nicht feststellen. Auch im zweiten Gedicht bleibt unklar, wer die Totengräberin des Mopses sei. Rudolf Kreutner vermutete, dass es sich um die kapriziöse Tochter Marie handeln könnte. Das Gedicht ohne Titel (Sammlung Rückert, A II 71a–270):

Und als ihr Lieblingsvieh gestorben war, der Mops,
Befahl sie daß im Garten mans begrabe;
Im Grünen stinkt es nun, als obs
Im Zimmer nicht schon gnug gestunken habe.

Damit wäre der Weg, den der Mops in der menschlichen Kultur durchschritt, fast gedeutet: Ein Lebenslauf in absteigender Linie. Christian Morgensterns Beschreibung des Mopses zielte weit an der literarischen Wirklichkeit vorbei (Mopsleben):

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
um von sotanen vorteilhaften Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.

Wer außer Morgenstern hätte je einen Mops in solch lächerlicher Position gesehen? Der Mops als meditierendes Wesen, als kleiner Buddha? Sein Weg in Europa war ein anderer: Vom barocken Helden über den Helden im Bett der jungen Mädchen, zum Tröster alter Jungfern, am Ende zur ausgestopften Haut, zum Braten oder zur stinkenden Leiche. Sic transit gloria mundi. Geht noch mehr?

Natürlich! Auf so viel an Verachtung, auf so viel an Hass, denen der Mops ausgesetzt war, kam die Versprachlichung des Hundes, seine Auflösung in eine Sprachstruktur, die Reduktion als Träger eines phonetischen Merkmals, des Vokals „o“. Ernst Jandl (der künstliche baum) verwandelte den Mops, aber auch Gott und Otto in ein Sprachspiel des Univokalismus. Dass dabei dem literarischen Mops das Kotzen ankam, entspricht wohl seiner früheren revolutionären und kämpferischen Natur. Seine Reaktion war:

ottos mops hopst fort

Doch wo „hopst“ er hin? „Bitte Geduld! Nur noch zwei Minuten!“ Dann ist auch die letzte Frage in ihren Grundzügen umrissen. Im Jahr 1971 landete die Raumfähre „Wotan I“ auf der Mondoberfläche. Die erste Einstellung der Kamera zeigte die Mondfähre, im Hintergrund lag gut erkennbar die Erde. Vorn im Staub des Mondes saßen zwei Möpse, die bunte Welt seelenruhig betrachtend. Bülow druckte das Protokoll in seinen Untersuchungen ab:

Worte des Sprechers während der Live-Übertragung aus dem Weltraum: „Das sind wohl die bisher eindrucksvollsten Farbfernsehbilder von der Mondoberfläche. Im Hintergrund rechts die Erde, unser blauer Planet, links die Landefähre.
Unter 68 Astronauten, die in die engere Wahl kamen, hatten sich Meyer und Pöhlmann als die härtesten erwiesen. Allerdings höre ich eben, dass Pöhlmanns Puls auf 160 gestiegen ist, Meyers liegt noch bei 92.
Dieses Bild wird sich uns für immer einprägen – ein Bild, das jetzt im Augenblick von über 300 Millionen Menschen rund um den Erdball empfangen wird. Meyer und Pöhlmann, Deutschland ist stolz auf euch.“

War der Mops von Fräulein Lunden (James Krüss) heimlich in die Rüstung von Pöhlmann gestiegen, da sein Puls so hoch lag? Ich weiß es nicht. Müde winkte ich den beiden Raumfahrern zu und wünschte ihnen viel Glück für den weiteren Lebensweg. „Lebt wohl, Möpse. Ein lustigeres Leben als auf der Erde findet ihr überall!“

Ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. Ganz leise sprach eine weibliche Stimme zu mir: „Wir schließen in fünf Minuten.“ Ich erhob mich vom Lesetisch in der Bibliothek, streckte meine Glieder, löschte das Licht und beschloss mich von den Anstrengungen des Tages im nächsten Weinhaus mit „möpselndem Wein“ zu stärken.

Man erzählte später, ich hätte mir diese Geschichten lediglich ausgedacht, und einige Kollegen gingen so weit, mir anzudichten, ich hätte eine Schwäche für Alkohol, aber das ist eine gemeine Lüge! Heiliger Ijon Tichý bitt für mich! Aber so sind die Menschen: Sie glauben lieber den unwahrscheinlichsten Unfug als korrekte Tatsachen, die ich mir hier dazulegen erlaubt habe.

Literatur:

Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur. Hamburg 1995.

Wilhelm Busch: Sämtliche Werke. Gütersloh 1982.

Johann W. L. Gleim: Sämmtliche Werke. Bd. 1. Halberstadt 1811.

Johann Wolfgang von Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. HA Bd. 6. München 1982.

Ernst Jandl: poetische werke. Bd. 4. München 1997.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher. Frankfurt a.M. 1978.

Loriot: Gesammelte Prosa: Zürich 2006.

Loriot: Möpse und Menschen. Zürich 1983.

Felicitas Noeske: Das Mops-Buch. Frankfurt a.M. 2001.

Physiologus: Hanau 1981.

Fritz Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Reinbek bei Hamburg 2012.

Friedrich Rückert: Poetische Werke. Bd. 2. Frankfurt a.M. 1882.

Friedrich Rückert: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Schweinfurt 1999.

Paul Scheerbart: Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Stuttgart 1990.

Karin Tebbe: Der Mops – eine nutzlose Kreatur? Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg 294 (9/2009).

Kurt Tucholsky: Das Wirtshaus im Spessart. In: Panter, Tiger & Co. Reinbek bei Hamburg 1954.

Brehms Tierleben. 1827. Zitiert nach: Focus online. Zugriff, 23.11.2012. 17:40 (Der Mops, ein Wunder der Natur).

Wikipedia.org: Mops. Zugriff: 23.11.2012, 13:30.


[1] Hier die einzige Fußnote: Ich danke Herrn Dr. Rudolf Kreutner von der Friedrich-Rückert-Gesellschaft für das Auffinden und die Druckerlaubnis der beiden Gedichte.

Das Tier erscheint im Anthropozän

Animal fantasy als Teil der Literarischen Fantastik am Beispiel von Helmut Kraussers Die wilden Hunde von Pompeii

Von Ulf Abraham

1.  Kraussers Geschichte als Genremix und all-age-Fantastik

Von Genres zu sprechen, ist in Bezug auf die Literatur der Postmoderne nötiger denn je. Man muss sich nur darüber klar sein, dass es sich bei dem Gelände, das man mit solchen Genrebegriffen vermessen will, nicht um festes Land handelt, sondern eher um ein Gefüge von Eisschollen, die in Bewegung sind. Sie verschieben sich gegeneinander, zerbrechen in Teile, wer­den anderswo wieder zusammengeschoben und verschwinden, wenn sie zu klein sind, gelegentlich ganz. Ein Text, an dem man diese Dynamik der Überlagerung von Genres besonders gut zeigen kann, ist Helmut Kraussers Geschichte Die wilden Hunde von Pompeii (2004). Mit traditionellen Genrebegriffen, die statisch gedacht sind, kommt man dem Werk nicht bei; das hat Hans-Peter Ecker (2009) gezeigt. Lesen kann man den Text als „Abenteuergeschichte, Bildungs­roman, Entwicklungsroman, Fabel, Fantasygespinst, Kinderbuch, Legende, Meditation, Novelle, Parabel, Parodie, Phantastik, Rhapsodie, Sozialstudie, Tiergeschichte, Thriller, Tragikomödie oder als Vexierspiel“ (ebd., 198).

Nun sind die Gattungskonzepte, auf denen solche Zuordnungen beruhen (könnten), keine Schubladen, in die man die Werke steckt und damit erklärt hat, sondern lediglich „Werkzeuge“ (ebd.). Ein besonders produktives, im Kontext der Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts wichtiges Werkzeug ist, wie Ecker ebenfalls zeigt, das medienübergreifende Genrekonzept des „Monomythos“, das Hollywoods Filmindustrie stark beeinflusst hat; Kraussers Figurenarsenal und Handlungsdesign lässt sich auf dieser Folie sehr überzeugend erklären. Vorliegender Beitrag möchte nun einer von Ecker nur am Rande aufgeworfenen Frage nachgehen, nämlich derjenigen der „Transponierung der Heldenerzählung ins Tiermilieu“ (ebd., 209). Das tangiert aus der oben zitierten Genreauswahl nicht nur die „Tiergeschichte“, sondern auch das „Fantasygespinst“, die „Phantastik“ und vor allem das „Kinderbuch“.

Auf den ersten Blick verweist das Tiermilieu in die Kinderliteratur. Und in der Tat ist Die wilden Hunde von Pompeii bislang Helmut Kraussers einziges Werk, das man in Leseempfehlungen für Kinder und Jugendliche finden kann. So empfiehlt die Datenbank Leseforum Bayern (http://www.leseforum.bayern.de/) den Text für „Jahrgangsstufe 6-10“, in den Fächern Deutsch und Latein: „Der fesselnde und unterhaltsame Roman quillt über von Ideen und Anspielungen und stellt die unterschiedlichsten Hundecharaktere und Menschen aus Pompeii vor“. Es wird verwiesen auf „Parallelen zum Bildungsroman, die ‛Aventiure’ von Parzival (jenseitsorientiert) und Gawan (diesseitsorientiert)“, auf „Kennzeichen der Fabel“, aber auch auf „sehr detaillierte Beobachtungen sozialer Verhaltensweisen und aktueller Probleme“, auf Rita Mae Browns „Katzenkrimis“, „eine Reihe unterhaltsamer und herzzerreißender Liebesgeschichten“ sowie „zahlreiche Anspielungen auf die römische Antike“, besonders Ovids Metamorphosen (ebd.).

Die ganze Fülle der intertextuellen Bezüge und symbolischen Lesarten auszuschöpfen, dürfte allerdings weder im Unterricht noch in diesem Beitrag möglich sein. Der Text, den Krausser scheinbar bescheiden, tatsächlich aber doppelsinnig eine Geschichte nennt, ist damit ein Musterbeispiel für das, was die Kinderliteratur­wissenschaft „Mehrfachadres­sierung“ (vgl. Bonacker [Hg.] 2004) nennt: Lernende der Jahrgangsstufen 5/6, für deren Deutsch- und Lateinunterricht das Buch bereits empfohlen wird, werden nicht alles erfassen können oder zu schätzen wissen; und erwachsene Leser/-innen, solche mit philologischer Bildung zumal, werden es aus teilweise anderen Gründen interessant finden. Genau das ist aber ein Kennzeichen guter Literatur für Kinder und Jugendliche. Das gilt besonders für die von allen Altersgruppen einschließlich der Erwachsenen geschätzte Literarische Fantastik, die der neueren Fachliteratur zufolge nicht ein historisches, v. a. der Romantik und dem 19. Jahrhundert zuzuordnendes „Genre“ ist, sondern ein die Literaturgeschichte seit der Antike durchziehender „Modus“ des Literarischen, das eine ganze Reihe dynamischer Genres ausgebildet hat (vgl. Abraham 2012, 42–49). Gestaltwandelgeschichten seit Ovid, Gefährdung der Ordnung durch Risse in der (Alltags-)Wirklichkeit, Durch- und Übergänge in andere Wirklichkeiten, Ich-Spaltungen und Verdoppelungen, Bewusst­seinserweiterung durch Drogen oder Zauberei und immer wieder Tierfiguren in verschiedenen (menschlichen, göttlichen, teuflischen) Funktionen und symbolischer Aufladung – all das bündelt Kraussers Geschichte wie ein Brennglas.

2. Tierfiguren in der Literatur

Ohne Tierfiguren bzw. -gestalten kommt nicht nur die Kinder- und Jugend­literatur (vgl. Bonacker [Hg.] 2011), sondern die Literatur überhaupt nicht aus. Das ist im Blick auf unterschiedlichste literarische Gattungen und Genres offensichtlich: Antike Mythen, (Volks-)Märchen, Fabeln, Abenteuer- und Reiseromane, Krimis und vor allem fantastische Werke der vergangenen zweihundert und Fantasy-Texte der letzten achtzig Jahre nehmen damit nicht nur immer wieder bewährte symbolische und allegorische Ausdrucksmöglichkeiten auf, sondern sie reflektieren eine anthropologische Grundtatsache: Der Mensch definiert sich wesentlich im Verhältnis zum Tier, ja: als Tier; „man‘s relation­ship with the rest of the animal kingdom strikes a deep chord of imaginative recognition in the human consciousness“, schreibt Ann Swinfen (1984, 12) in ihrer Verteidigung der Fantasy (In defense of fantasy). Intelligente sprechende Tiere („talking beasts“) nehmen ein langes Kapitel darin ein (vgl. ebd., 12–43). Die animal fantasy habe die Beschränkung der Fabel, in der Tiere “as human types or as the embodiment of simple human characteristics“ (ebd., 13) Verwendung fänden, längst überwunden. Bevölkern Tiere, etwa als Verwandlungsprodukte bei Ovid, seit der Antike die Literatur, so wird mit dem Erstarken der Literarischen Fantastik seit der Romantik ein Figurentypus häufiger, der tierische Identität mit menschlicher Denk- und Sprachfähigkeit paart. Und das ist nicht nur eine literaturgeschichtliche, sondern eine weit über die kulturelle Praxis Literatur hinausweisende Entwicklung: Je stärker der Mensch seine Gewohnheiten, Lebensbedingungen und auf die Ressourcen der Natur gerichteten Interessen über den Globus verbreitet und die Natur, die er vorfindet, verändert, desto mehr gewinnen in der Literatur und in anderen Künsten nicht-anthropozentrische Perspektiven an Interesse.

Ist E.T.A. Hoffmanns Kater Murr (1819/21) noch eher eine tierische persona für die Ansichten seines Schöpfers, so emanzipiert sich in der animal fantasy des 20. Jahrhunderts gleichsam das Tier – und mit ihm das Genre: Ist noch der vielleicht berühmteste Vorfahr der animal fantasy, A.A. Milnes Winnie the Pooh (1926), ein „Kinderbuch“, so hat die Absetzbewegung vom Kind als alleiniger ‛Ziel­gruppe’ schon begonnen: Bereits in Nils Holgersson nimmt Selma Lagerlöf 1907 eine „Vogelperspektive“ im wörtlichen Sinn auf den Menschen und seine Welt ein und öffnet damit den Horizont der Kinderliteratur. In der vom Menschen – von seiner Architektur und Logistik, seinem Raubbau, seinem Müll und seinem (mit Krausser gesagt) Kolmonox-Output – dominierten Welt setzt animal fantasy nicht mehr auf den Niedlichkeitsfaktor und hat auch nicht nur die Fabel-Funktion, menschliche Untugenden zu verkörpern. Sie kann die menschliche Kultur und Barbarei von einem grundsätzlich anderen Standpunkt aus beleuchten. Der Geologe Paul J. Crutzen hat vorgeschlagen, die Schreibung der Erdgeschichte um ein neues Zeitalter zu ergänzen, das Anthropozän, dessen Einsetzen um 1800 sich an Daten festmachen lasse (Entwicklung der Biomasse, des globalen Klimas, der Übersäuerung der Ozeane usw.): Erscheint – mit Max Frisch gesagt – der Mensch im Holozän, so das Tier als autonomer Protagonist im Anthropozän.

3. Die wilden Hunde von Pompeii als animal fantasy

Damit stehen Tierfiguren als Protagonisten in Interaktion mit Menschen und/oder mit anderen Tier(art)en ihrer literarischen Welt im Modus des Fantastischen, der ihnen höhere Intelligenz zuschreibt, für eine andere Sicht auf die Wirklichkeit und teilweise auch andere Grundwerte und Formen des Empfindens und Urteilens. Im Krimigenre schafft das, wie die Mrs. Murphy– und Sister Jane-Krimis der Rita Mae Brown oder die Wanzen-Krimis von Paul Shipton zeigen, interessante Möglichkeiten der Brechung genretypischer Schemata. Weit über ein einzelnes Genre hinaus macht aber der Reiz, den das Erzählen aus tierischer Perspektive hat, alte und neue Werke der animal fantasy zu Texten für praktisch alle „Zielgruppen“, wie James Stone (1980) am Beispiel eines wichtigen Referenztextes zeigt: „The Rabbitness of Watership Down“ ist von anthropologischem Interesse. Vom traditionellen Bilderbuch, das Tiere in Kleidung steckt und/oder auf andere Weise verniedlicht (etwa Beatrix Potter: The Tale of Peter Rabbit, 1902), entfernt sich ein solcher Umgang mit dem Tier im „all-ages-Genre“ (Bonacker 2007) der animal fantasy seit Richard Adams’ Klassiker immer weiter. Bereits bei Adams aber scheint nicht nur die Grausamkeit des Mythos und des Märchens auf, sondern auch die gedankliche Tradition des Staatsromans seit Thomas Morus, der ja ebenfalls wesentlich in die Geschichte der Literarischen Fantastik gehört (vgl. Abraham 2012, 74 f.): Es geht in Watership Down um Gesellschaftsmodelle und damit um politische Kategorien wie Macht und Herrschaft, letztlich um die philosophische Kategorie der besten Staatsform; das Werk ist eine „quest for the ideal community“ (Swinfen 1984, 41). Verhandelt wird das Schicksal der rabbitness.

Bei Krausser ist das, zwar mit einem Augenzwinkern, aber in durchaus blutigem Ernst, die Hundlichkeit (WH 13). Und das ist mehr als eine Verbeugung vor einem Klassiker des Genres; es ist die Erinnerung daran, dass Literatur sich der Tierfiguren seit jeher, und besonders ausgeprägt seit dem Entstehen der animal fantasy als crossover genre (Copeland 2003, 288) bedient hat, um die conditio humana zu verhandeln. Dass das Menschliche sich dabei im Tierischen zeigt, ist nur scheinbar ein Paradox. Während etwa Tierfiguren bei Kafka fast stets einen Außenseiterstatus haben und Tiergeschichten damit „Künstlergeschichten“ (vgl. Jagow/Jahraus 2008, 546) sind, zeigt die animal fantasy das Tier als Träger und Verteidiger aller Werte, die die Geschichte des Abendlandes überhaupt hervorbringen und (nicht) verteidigen konnte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Kaninchen bei Adams sind nicht nur bedroht von der Ausrottung durch Menschen, die Bauland gewinnen wollen und Gift auslegen, den Bau ausräuchern, Bulldozer einsetzen; sie sind auf ihrer Flucht ins Exil auch bedroht durch einen Diktator, der die rabbitness mit Füßen tritt, seine Untertanen versklavt und eine brutale SS-artige Spezialtruppe unterhält, die Abweichler foltert und Ausreißer wieder einfängt. Ähnlich brutal ist der Diktator Mandrake in einem Genreklassiker, nämlich in William Horwoods Maulwurfroman Duncton Wood von 1979 (Der Stein von Duncton, 1984). Das Mittsommerfest, das die Maulwürfe von Duncton seit Generationen an dem großen Stein feiern, den sie um seinen Segen bitten, lässt er bei Todesstrafe verbieten.

Kraussers Diktator Ferox, der (An-)Führer der „Besserwölfe“, steht deutlich in dieser Tradition. Anklänge an faschistische Machthaber sind auch hier unübersehbar: Ferox nennt die seinen, die er als eine bewusst herangezüchtete Elite versteht (vgl. WH 49 f. u. 53) die „Besserwölfe“, als deren gottgleiches Oberhaupt (vgl. WH 57) er sich fühlt. Das Blut der Mastinos, von denen er abstammt, verleiht ihm eine pseudo-arische Sonderstellung. Die minderwertige Rasse, von der die „Besserwölfe“ als die selbsternannten Beherrscher von Pompeii sich abheben sollen, sind die wilden Füchse. Sie sind die Juden, Roma und Sinti von Pompeii; wenn auch im weiteren Sinne zur Hundheit gehörig, haben sie Hundlichkeit nicht verdient:

Füchse sind im weitesten Sinne auch Hunde, werden aber von Hunden nicht wie solche behandelt. Sie genießen einen miserablen Ruf, riechen aufdringlich, gelten als schmutzig und tückisch, manche sollen eine Krankheit übertagen, die Tollwut genannt wird. Sie sind bevorzugt nachts unterwegs, lichtscheues Gesindel […] [WH 129 f.]

Füchse spielen in der animal fantasy diese Rolle schon länger: „Trau niemals einem Fuchs. Sieht aus wie ein Hund, verhält sich wie eine Katze“, warnt der Mentor des jungen Katers Sammy seinen Schützling in Erin Hunters erstem Warrior Cats-Roman (In die Wildnis, 89). Hunters Katzenclans sind ebenso wie Kraussers Hundebanden ausgesprochen xenophob. Das Motiv ist zentral auch in einem anderen Klassiker der animal fantasy, in Garry Kilworths genre­parodistischer Serie Gewiefte Wiesel: Die herrschenden Hermeline sehen auf die Wiesel herab, die sie zu versklaven versuchen. Die Wiesel wiederum teilen mit den Hermelinen die Ansicht, der Abschaum der Tierwelt seien die Ratten (vgl. z. B. Sucht die Donnereiche, 44).

Solche Genremerkmale, zumal wenn sie parodistisch pointiert werden, zeigen eine Paradoxie: Einerseits sehen Tiere als Protagonisten die Welt grundsätzlich anders und nehmen Menschen als Schädlinge wahr, andererseits verfallen sie im Versuch, im Rahmen eines literarischen Weltentwurfs eine Kultur auszubilden, in so gut wie alle Fehler, die Menschen je gemacht haben. Die Stammeskulturen der Hunde bei Krausser, der Katzen bei Hunter, der Hermeline bei Kilworth oder der Maulwürfe bei Horwood leiden an Herrschaft ohne Legitimation und Aus­grenzung des Anderen und Fremden, und zwar bis hin zur Selbstzerstörung ihrer Lebensgrundlagen.

4. Diskurse der literarischen Fantastik in Die wilden Hunde von Pompeii

Diese Paradoxie hat mit der Art zu tun, wie die Literarische Fantastik etwas über die Wirklichkeit zu sagen hat – auch oder gerade weil sie sie nicht wiedergeben will. Die Weigerung, sich an die Gegebenheiten, Normen, Konventionen und physika­lischen Gesetze der Realität zu halten, bedeutet nicht, dass es keine Beziehung zu dieser gäbe; eine solche wird vielmehr hergestellt über die Beteiligung an verschiedenen Diskurse, wie sie eine Gesellschaft im Alltag, in den Medien und in den Wissenschaften führt (vgl. Abraham 2012, 158–161).

Die von einer Kultur über die sie im Ganzen betreffenden strittigen Fragen geführten Diskurse zeichnen sich abstrakt gesagt aus durch

–         Serien ähnlicher Aussagen,

–         „Einschreibung“ durch deren Wiederholung,

–         Grenzen des Sagbaren (es gibt immer auch Tabus) und

–         ein „Archiv“, das u. a. literarische Texte enthält (vgl. Keller 2008, 136).

Das schließt Literatur jeder Art ein, ist aber doch (wie Krausser zeigt) für die Fantastik besonders spannend. Marianne Wünsch (1991, 62) kritisiert zu Recht, die bisherige Fantastik-Theorie habe ihren Gegenstand zu sehr isoliert und aus seinen historischen Kontexten herausgenommen. Aber diese Kritik, die sich auf ausgeblendete literatur- und geistesgeschichtliche Kontexte bezieht, greift noch zu kurz. Erst recht wurden meist sozial- und technikgeschichtliche Kontexte ausgeblendet, so als entstehe Literarische Fantastik im Anschluss an andere, schon vorliegende Fantastik, aber weithin ohne Bezug zur umgebenden Welt. Angewandt auf Kraussers Text, würde eine solche Betrachtungsweise zwar zulassen, das Ovid‘sche Motiv des Gestaltwandels zu erkennen („nichts behält seine Gestalt“ [WH 138]; „alles verwandelt sich“ [WH 209]) und weitere intertextuelle Anspielungen zu würdigen, aber es könnte nicht erkannt werden, dass ein fantastisches Werk Antworten auf Fragen wie die folgenden bereit hält (vgl. auch Abraham 2012, 159 f.):

1. Welche Formen der Teilhabe an Macht und politischer Entscheidung sind einer zunehmend komplexen Welt angemessen? Und wie gehen wir global mit Machthabern um, die scheindemokratisch Menschenrechte verletzen und sich dabei jede „Einmischung“ verbieten (politischer Diskurs)?

2. Wie vereinbaren wir die Werte unserer Kultur mit den immer wieder aufbrechenden Ressentiments gegen das Andere und Fremde und mit den dadurch besonders in den zwei Jahrzehnten um 2000 verbrämten sozialen Verteilungskämpfen (ethischer Diskurs)?

3. Wohin hat uns der „Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) mit seiner Kultur des Triebverzichts geführt, wenn unter einer zivilisatorischen Oberfläche doch das Monströse lauert (psychologischer Diskurs)?

4. Wie können wir Vielfalt als Bereicherung (statt Heterogenität als Gefahr) erleben und gestalten, ohne die dann unvermeidlichen Konflikte zu scheuen? Wie das ‛Fremde’ integrieren, ohne das ‛Eigene’ aufzugeben (interkultureller Diskurs)?

5. Wie können wir kognitionswissenschaftlichen und lern-psychologischen Einsichten Rechnung tragen, denen zufolge Belehrung weitgehend sinnlos ist und Lernen eigentätig und selbstgesteuert sein sollte, wenn doch gleichzeitig die Globalisierung auch in der Bildung eine immer stärkere Steuerung erzwingt? Und was ist Meisterschaft (modisch gesagt: „Kompetenz“) als Ergebnis von Lernen und Aneignung (pädagogischer Diskurs)?

6. Wie können wir die Medien verantwortlich nutzen, ohne ständig der Ver­suchung zu erliegen, Wirklichkeit allzu selektiv darzustellen? Und was bedeutet es zu wissen, dass Medien und Kommunikationstechnologien unsere Wahrneh­mung formen (Medien-Diskurs)?

7. Wie können wir im 21. Jahrhunderts, da die uns umgebende „Natur“ immer mehr eine von uns bereits veränderte ist, noch von „Natur-Schutz“ sprechen? Und wie gehen wir mit den im zivilisatorischen Prozess unvermeidlichen Verteilungskämpfen um? (Zivilisations-Diskurs)?

Um das vorwegzunehmen: Die wilden Hunde von Pompeii mischen sich in alle sieben Diskurse ein, selbst (wenn auch nur beiläufig) in die beiden letzt­genannten.

Zu 1.: Die Machtfrage in der tierischen Bevölkerung der Ruinen von Pompeii bestimmt Handlung und Figurenkonstellation: Die Hunde rivalisieren nach außen mit den Füchsen und zerfallen im Inneren in zunächst zwei Gruppen (die Touristenschmarotzer und die Ferox-Anhänger), wobei sich im Lauf der Handlung eine eigenständige dritte Gruppe um Kaffeekanne und seinen Freund Saxo herausbildet. Ausdrücklich geht es immer wieder um Ressourcenverteilung und Bleiberechte; parodistisch wird damit ein zentrales Motiv der animal fantasy seit Watership Down verhandelt (vgl. v. a. Erin Hunters Warrior Cats-Romane). Das Streben nach Dominanz und Definitionsgewalt über die Situation vereinnahmt fast alle Akteure bei Krausser in einem solchen Ausmaß, dass sie die gleichsam globale Gefahr einer erneuten Vernichtung Pompeiis (durch einen vom Orakel vorhergesagten Vesuvausbruch) gar nicht wahrnehmen; nur Kaffeekanne, der durch sein abgespaltenes „totes Fünftel“ einen Draht zur Welt der Geisterhunde hat, weiß davon und kann die Welt (vorläufig) retten. Die dominanten „Besserwölfe“ dagegen sind besetzt vom Eigeninteresse des Machterhalts und würden, auf sich gestellt, vermutlich mit Pompeii untergehen. Wie andere tierische Herrscher in der animal fantasy, etwa die Hermeline in Garry Kilworths Thunder Oak (1997), verkörpern sie die zutiefst menschliche Möglichkeit der Herrschaft als bornierte Ausübung von Macht und Gewalt.

Zu 2.: Daneben kennt die animal fantasy auch die Idee der legitimen Herrschaft. Felix Saltens Bambi in dem gleichnamigen Buch von 1923, das durch Walt Disney zu Weltruhm kam, wächst als Rehkitz in dem Wald auf, über den sein Vater als „Prinz des Waldes“ herrscht. Bevor es dessen Nachfolge antreten kann, muss Bambi sich unterordnen, durch Schaden klug werden, durch Nachahmung und Beobachtung lernen, kurz: eine Sozialisation durchlaufen. Ähnlich, nur weniger betulich, stellt sich die Schule der Wildnis in Hunters Warrior Cats-Romanen dar: Im „DonnerClan“, der im Gegensatz zum diktatorisch regierten „SchattenClan“ eine Anführerin mit Legitimation und Autorität hat, gibt es wie in allen Clans ein Prinzip der Verteilung junger Katzen auf bewährte Krieger, die zu Mentoren ernannt werden. Diesen schuldet man absoluten Gehorsam (vgl. z. B. In die Wildnis, 49), und sie vermitteln nicht nur Kampftechniken, sondern das kulturel­le Gedächtnis des Clans und damit seine bewahrens- und verteidigenswerte Gruppenidentität. Der ehemalige Hauskater Sammy, eingeführt in dieses Gedächtnis, entdeckt sich neu: „Ich weiß jetzt, wer ich bin.“ (In die Wildnis, 144). Ähnlich geht es dem jungen Helden Bracken in Horwoods Der Stein von Duncton: Nach seiner Flucht aus dem Herrschaftsbereich des Diktators Mandrake trifft er auf den ebenfalls ins Exil gegangenen Ältesten Hulver, der ihn nicht nur Gelassenheit lehrt, sondern auch die uralten Lieder, mit denen Generationen den Stein angesungen haben. Die Verbundenheit mit der Geschichte gibt ihm die Kraft, die er für den Widerstand gegen den Gewalt­herrscher braucht.

Solche Aspekte der animal fantasy sind zum einen ein Beitrag zum pädagogischen Diskurs (vgl. weiter unten), zum andern berühren sie aber ein ethisches Problem: Es geht um die Weitergabe von Verantwortung für das Gemeinwesen und das Hintanstellen egoistischer Interessen, auch solcher der Selbsterhaltung: Beim Beutemachen dürfen Hunters Jäger-Katzen beispielsweise nicht fressen, bevor der Nahrungsvorrat für den Clan aufgefüllt ist. Dem jungen Kater Sammy fällt das schwer. Ebenso schwer tut sich der junge Maulwurf Bracken bei Horwood damit, dass er allein mit seinem Mentor Hulver, der zur Strafe dann prompt getötet wird, das Mittsommerfest feiern soll: Sie tun es für die Gemeinschaft, nicht für sich.

Auch dieses Thema schlägt Krausser an: Zunächst erhält der Welpe Kaffeekanne Unterricht beim alten Plin, dessen Gedächtnis nicht mehr das beste ist, aber im Prinzip zweitausend Jahre zurückreicht: Den Markplatz nennt er „Forum“ (WH 28); sein Name verweist auf Plinius den Älteren (ca. 23–79 n. Chr.), Historiker und Autor der Naturalis historia, und dessen Neffen, den Politiker Plinius den Jüngeren (61/62–um 114 n. Chr.). Zum ethischen Diskurs gehört aber nicht nur die Thematik des verantwortungsvollen Umgangs mit dem Wissen (Plinius d. Ä.) und der Macht (Plinius d. J.), sondern auch die Verantwortung für die nächste Generation. Man betrachte das Verhalten des alten Lehrers Plin angesichts der von der Stadtverwaltung schließlich angeordneten Deportation der wilden Hunde: „Der weise alte Hund beruhigte die Welpen, man fahre an einen schönen Ort, wo es Futter gebe und klares kühles Wasser aus Leitungen.“ (WH 173) Darf man Kinder anlügen? Wie der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak (1878–1942) seine Kinder nach Treblinka begleitet, so steigt Plin mit seinen Welpen auf den Lastwagen.

Zu 3.: Psychologie ist allgegenwärtig in Kraussers Geschichte. Mit dem ge­walttätigen „Es“, das seit zweitausend Jahren in einer Bleikammer in „Unterird“ eingeschlossen ist, wird Freud geradezu zitiert (vgl. WH 217); auch „Der Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) wird hier thematisch. Aber der psychologische Diskurs wird auch noch anders geführt. Im Lauf der Hand­lung stellt sich heraus, dass Diktator Ferox früher ein ängstlicher Hund war. Die Viper Clabauta, deren Biss Kaffeekanne als Welpe zu vier Fünfteln überlebt hat (vgl. WH 75 – wie Harry Potter den Angriff Voldemorts), erzählt mit einiger Süffisanz die Geschichte seiner Heldwerdung: „Er sagte, er wolle ein anderer sein. Er haßte sich.“ (WH 78). Zum brutalen Machthaber, der nichts und niemanden fürchtet, avanciert er erst nach seiner Rückkehr aus einer ominösen Fledermaushöhle. Die Dunkelheit dort hat alle Angst von ihm „weggefressen“ (WH 80). Anführer kann er sein, und alle Kämpfe auf dem Weg dorthin konnte er gewinnen, weil er keine Angst mehr kennt. Er kann die Angst nun funktiona­lisieren, sie ist auf seiner Seite; seine ganze Herrschaft beruht darauf. (Sein Vorfahr ist, am Anfang der animal fantasy als Genre, General Woundwort in Watership Down.) Macht ist mehr als zur Hälfte Psychologie. Ferox hat damit aber auch einen lebenserhaltenden Instinkt eingebüßt: Selbst angesichts der offenkundigen Übermacht der nach Pompeii wieder einrückenden Hunde flieht er nicht und wird getötet.

Zu 4.: Die von den „Besserwölfen“ verachteten und auch von anderen Hunden gemiedenen Füchse unter ihrer Anführerin Vespa sind das ‛Andere’, ‛Fremde’ in der Gesellschaft von Pompeii. Sie laufen gleichsam ohne Staatsbürgerschaft in der Hundheit und ohne offizielles Bleiberecht, aber auf der Basis einer Art amtlicher Duldung herum. Im Lauf der Handlung stellen sie sich aber als Träger uralter Weisheit heraus: Kaffeekanne und Saxo, die auf der Suche nach der vom alten Plin empfohlenen „Villa der Mysterien“ auf Vespa treffen, klärt diese darüber auf, dass das alte Gebäude in Sichtweite nicht die richtige Villa sei; „die andere, wahre, trügen wir bei uns, wie auch, teilweise, in uns“ (WH 134). Erst wer sie gefunden und betreten habe, sei erwachsen (vgl. WH 135). In der Tat durchleben die beiden jungen Hunde gerade ihre Adoleszenz. Saxo, der Kaffeekanne etwas voraus ist, entdeckt vor diesem die Sexualität: „[E]r beobachtete Calista auf eine ganz und gar schamlose Weise, er schnupperte gierig und verdrehte die Augen.“ (WH 125) In Form der von der Viper gesammelten Giftpilze nehmen sie Drogen und haben ein psy­chedelisches Erlebnis (vgl. WH 136–139). Weder die Wissensschule des alten Plin noch der Kasernenhof des Ferox hat sie etwas gelehrt, was ihnen jetzt helfen könnte; die Füchsin war es. „Erwachsen zu werden war spektakulär“ (WH 136). Im Übrigen greift auch die Schlange Clabauta mehrfach hilfreich ein. In aller Vorsicht kann man folgern: Als interkulturelle bietet die tierische Gesellschaft von Pompeii einer nachwachsenden Generation mehr Lern- und Entfaltungs­chancen. Interkulturalität bietet einen Mehrwert an Weltwissen und kultureller Vielfalt. Der dem Kioskbesitzer entlaufene zahme Hund Vitello entdeckt später die von ihrem Stamm als Anführerin verstoßene Füchsin als Partnerin.

Zu 5.: Unterricht bei Plin umfasst „Draußenkunde, Ortskunde, Menschenkunde, Hundekunde“ und, etwas weiter im Curriculum, „Früher- und Ganzfrüherkunde“ (vgl. WH 22). Der Unterricht, den später Ferox erteilt (vgl. WH 53), ist anderer Art; die Fächer heißen „Kraft, Schnelligkeit, Kampfkunst, Disziplin und Ausdauer“. Hinzu kommt (möglicherweise als Reminiszenz an William Goldings Lord of the Flies, 1954) „Chorgesang“. Ein wichtiges Grundmotiv der animal fantasy, das des Aufwachsens und der Sozialisation, wird hier aufgenommen und amüsant parodiert. Unter dieser parodistischen Oberfläche wird allerdings durchaus ernsthaft ein pädagogischer Diskurs geführt. Wie lernt ein junger Hund, was er zum (Über-)Leben braucht? Durch Beobachtung und Nachahmung (z. B. wie die hübsche Hündin Calista eine Blume ins Maul nehmen, um die Touristen zu betören)? Durch das Gespräch mit Plin, der das Weltwissen der Alten belehrend weitergibt (z. B. darüber, „was Touristen sind“ [WH 22])? Durch Erzählungen (z. B. indem der fahrende Hunde-Sänger Valta den Ursprungsmythos von Vesuvius und Vesuvia erzählt [vgl. WH 32–34])? Oder durch Abrichtung (z. B. wenn Ferox, weil Hunde Eidechsen verachten, Eidechsenfressen anordnet [vgl. WH 54 f.])? Die Geschichte der Pädagogik, vom sokratischen Gespräch bis zum Behaviorismus, ist darin im hegelschen Doppelsinn aufgehoben.

Zu 6.: Die erwähnte Analyse des Textes als Monomythos-Parodie (Ecker 2009) lässt bereits die darin implizierte Auseinandersetzung Kraussers mit der wahrnehmungsprägenden Rolle der Medien erkennen. Aber auch zur Stellung der Literatur und ihrer Medien im kulturellen Gedächtnis positioniert sich der Text nur an der Oberfläche parodistisch. „Es gibt keine wahren Geschichten.“, sagt Clabauta apodiktisch. „Was existiert, ist das eine, was darüber erzählt wird, das andere.“ (WH 81) Das ist schon beinahe eine (de-)konstruktivistische Theorie der Medien. Homer, der „blinde Sänger“, ist einer (zweifellos also unwahren) Geschichte des fahrenden Valta zufolge eine Schöpfung der Götter, die es seinerzeit leid waren, dass niemand außer ihnen imstande sei, „[n]eue Welten zu erschaffen“ (WH 239).

Zu 7.: Auch hinsichtlich eines Diskurses über den Prozess der Zivilisation lässt sich eine parodistische Oberfläche (z. B. die tödliche „Kolmonox“-Höhle, die die Helden auf ihrem Weg zur Rettung ihrer Welt nicht passieren können, vgl. WH 225) von einer darunter liegenden Schicht ernsthafter Auseinandersetzung unterscheiden. Diese wird v. a. deutlich in der Differenz der wilden (jagenden) Hunde und der zahmen, fett und bequem gewordenen Hunde vom Typ Vitello T.: Dazwischen stehen die herrenlosen, aber von der Zivilisation (konkret von den Gaben und Abfällen der Touristen) lebenden Hunde von Pompeii. Die Welt der Menschen, die anpassungswilligen und anbiederungsfähigen Hunden ein Auskommen bietet, wird aber gleichzeitig in ihrer Ausbeutungsmentalität gezeigt: Die Hundefänger kommen immer montags, um Nachschub für ihre (verbotenen, aber florierenden) Gladiatorenkämpfe einzusammeln. Die Hunde­würde wird dabei mit Füßen getreten. Wie eng das Schicksal der Hunde seit zweitausend Jahren mit der menschlichen Zivilisation verknüpft ist, zeigen die „Geisterhunde“, die die Handlung mit distanzierten Kommentaren begleiten. Ähnlich wie die intelligenten Riesenfaultiere in Isabel Allendes Die Stadt der wilden Götter (2002) beweisen sie ihre höhere Einsicht gerade darin, dass sie sich aus den Händeln derer heraushalten, die die Erde so zahlreich bevölkert haben, dass sie sich gegenseitig im Weg sind. Imaginiert man eine archaische, friedliche Tierart von höherer Intelligenz – wie z. B. auch die Drachen in Cornelia Funkes Drachenreiter (1997) –, so zeigt sich schnell: Im Anthropozän haben sie keine Chance.

5. Resümee

Krausser erzählt nicht nur eine spannende, witzige Geschichte, sondern er lässt auch Geschichte (als Geistes-, Kultur- Politik-, und Naturgeschichte) Revue passieren. Parodien auf einige Genrekonzepte, darunter das vor allem den Film prägende des Monomythos, liefert er nebenbei; der Text erschöpft sich aber darin nicht. Überspitzt könnte man sagen, es gehe Krausser in dieser „Geschichte“ um nichts Geringeres als die Vor- und Frühgeschichte des Anthropozän: Ist es im Altertum noch der Vesuv, der Pompeii auslöscht, also die Natur, so können Kraussers nach „Unterird“ abgestiegene hündische Helden die „Wanderbeben“, die sich erneut unter dem Vulkan gefährlich versammelt haben, zum Abzug bewegen; aber eine Lösung ist das nicht. Natur als dem Menschen fremd gegenüberstehende Größe gibt es im Anthropozän ohnehin nicht mehr. Die wahre Katastrophe ist die menschliche Natur.

Wie alle animal fantasy nutzt Die wilden Hunde von Pompeii Tierfiguren in doppelter Weise: als Spiegel menschlicher Kultur und Barbarei und als Träger einer radikal anderen, sozusagen anthropo-exzentrischen Sicht auf die Welt: „the animals serve as mirrors or models of human behaviour, but at the same time they are also true animals in their own right“ (Swinfen 1984, 43).

Parodistisch ist Kraussers Text allerdings am Ende auch in Bezug auf das Genre der animal fantasy, dessen Erzählkonventionen und charakteristische Motive (Macht, Herrschaft und Freiheitskampf, Rivalität der Tierarten und Xenophobie, Angst und Mut, Verhältnis zum Menschen) er bündelt und durch eine zwischen Komik und Tragik changierende Drastik der Darstellung überbietet. Ohne dafür die Spannungs- und Unterhaltungsfunktion zu opfern, die das Genre auszeich­net, nutzt Krausser es, um im Modus der Fantastik Perspektiven auf drängende Probleme des Anthropozän zu eröffnen.

Anhang

Autor, Titel (Publikationsjahr), ggf. Übersetzung

Tierfigur(en) Handlung

Lagerlöf, Selma: Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige (1907). Dt. von Gisela Perlet: Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Stuttgart 2011.

Gänse

Der 14-jährige Bauernjunge Nils wird zur Strafe für einen bösen Streich von einem Wichtelmännchen in seinesgleichen verwandelt. Mit dem zahmen Gänserich Martin zusammen schließt sich der winzige Nils den Wildgänsen auf ihrem Zug nach Lappland an. Er lernt ganz Schweden kennen, erlebt gefährliche Abenteuer, muss sich oft in moralischen Fragen entscheiden und bewährt sich dabei, so dass er am Ende wieder ein Mensch werden darf.

Salten, Felix: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. Berlin 1923

Rehe

Ein Rehkitz wächst heran, lernt von den älteren Rehen, gerät mehrmals in Lebensgefahr, wird von einem Jäger angeschossen, bewährt sich und beerbt schließlich seinen Vater als „Prinz des Waldes“.

Milne, Alan Alexander: Winnie the Pooh (1926). Dt. von Harry Rowohlt: Pu der Bär. Hamburg 1999.

Bär, Esel, Tiger, Känguru, Eule

Im Hundert-Morgen-Wald leben die Freunde des Menschenkindes Christopher Robin, die unterschiedliche menschliche Züge verkörpern und zusammen verschiedene Abenteuer erleben.

Adams, Richard: Watership Down (1972). Dt. von Egon Strohm: Unten am Fluss. Frankfurt/M. 1975.

wilde Kaninchen

Aus einem Kaninchenbau flüchten einige Bewohner vor den Menschen, weil der junge Fiver eine apokalyptische Vision hatte. Tatsächlich wird der Bau ausgeräuchert und die verbleibenden Bewohner werden getötet. Am Ende einer langen Wanderschaft, die im Kampf gegen einen Diktator gipfelt, finden die Flüchtlinge einen besseren Ort zum Leben.

Horwood, William: Duncton Wood (1979). Dt. von Karin Polz: Der Stein von Duncton. Stuttgart 1984 [Bd. 1 der Reihe Duncton Chronicles].

Maulwürfe

Die Maulwürfe von Duncton, die das zu weit oben am Berg gelegene „alte System“ vor langer Zeit aufgegeben haben und nur noch einmal im Jahr zum Mitsommerfest am gro­ßen Stein hinaufklettern, werden vom bru­talen Mandrake einer zynischen Herrschaft unterworfen, die mit allen Traditionen bricht. Der Jungwurf Bracken, schwächlich aber intelligent, wächst mit Hilfe des uralten Hulver zum Verteidiger der alten Werte heran. Unterstützt wird er von Rebecca, der Tochter des Diktators.

Shipton, Paul: Bug Muldoon and the Garden of Fear (1995). Dt. von Andreas Steinhöfel: Die Wanze. Ein Insektenkrimi. Frankfurt/M. 1997.

Wanzen, Ameisen, Wespen

Wanze Muldoon ist Privatdetektiv. Als er den Auftrag erhält, eine Gruppe separatis­tischer Ameisen, die den gesamten Ameisenstaat in Aufruhr versetzt, ausfindig zu machen, muss er seinen ganzen Spürsinn aufbieten. Dabei stößt er auf geheime Verbindungen zwischen Ameisen und Wespen, von denen allen im Garten lebenden Insekten große Gefahr droht.

Oppel, Kenneth: Silver Wing (1997). Dt. von Klaus Wei­mann: Silberflügel. Weinheim 2004 [Bd. 1 der Bat Trilogy].

Fledermäuse, Ratten, Tauben

Die Fledermauskolonie der Silberflügel zieht sich den Zorn der gefürchteten Eulen zu, deren Gesetz (niemals nach Sonnenaufgang draußen sein) ein Junge namens Schatten gebrochen hat. Ihren Baumhort brennen die Eulen nieder, weil die Älteste der Kolonie den Jungen nicht herausgeben will. Während des gefährlichen Zugs nach Süden ins Winterquartier bewährt sich dann Schatten im Kampf gegen kannibalische Riesenfledermäuse, die aus einem Zoo ausgebrochen sind.

Kilworth, Garry D.: Thunder Oak (1997). Dt. von Irene Bonhorst: Sucht die Donnereiche. München 2005 [Bd. 1 der Reihe Gewiefte Wiesel].

Hermeline, Wiesel, Ratten

Auf einer menschenverlassenen Insel herr­schen die Hermeline. Eine Gruppe gesetzlo­ser Wiesel um den gewieften Sylber lehnt sich gegen sie auf. Als die Dämme der Insel zu brechen drohen, fassen die Wiesel den tollkühnen Plan, die Menschen zu Hilfe zu holen.

Brown, Rita Mae: Pawing Through the Past (2000). Dt. von Margarete Längsfeld: Rache auf leisen Pfoten. Frankfurt/M. 2001.

Katzen, Hund

In der Kleinstadt Crozet sind mehrere Morde aufzuklären, die alle mit einem Ehemaligentreffen der High School zu tun haben; so wird ein unbeliebter Weiberheld erschossen. Die Katzen Mrs. Murphy und Pewter sowie der Hund Tucker sind an der Aufklärung des Falles entscheidend beteiligt.

Brown, Rita Mae: The Hunt Ball (2005). Dt. von Margarete Längsfeld: Dem Fuchs auf den Fersen. Frankfurt/M. 2009.

Hunde, Füchse

Als beim Halloweenball ein Mitglied des Reiterballs tot aufgefunden wird, nimmt Sister Jane, die Vorsitzende des Jagdvereins, wie gewohnt die Spur auf. Ihr zur Seite stehen die Rot- und Graufüchse um Inky und Charlene und die Leithunde um Diana.

Hunter, Erin: Into the Wild (2003). Dt. von Klaus Wie­mann: In die Wildnis. Wein­heim 2008 [Bd. 1 der Warrior Cats-Reihe].

wilde Katzen, Hauskater, Ratten, Füchse

Ein junger Hauskater wird von einem der vier wilden Katzenclans, die um die Vorherr­schaft im Wald streiten, als Kämpfer rekrutiert; er erlebt seine Verwandlung in das Clanmitglied „Feuerpfote“ als Rückkehr zu seiner eigentlichen Bestimmung. Als ein anderer Clan mit Hilfe von Traditionsbrüchen Jagdrechte für die ganze Welt durchsetzen will und auch vor Vertreibung nicht zurückschreckt, ist die Stunde der Bewährung gekommen.

Krausser, Helmut: Die wil­den Hunde von Pompeii. Eine Geschichte. Reinbek bei Hamburg 2004.

wilde Hunde, Füchse, Fledermäuse, Schlange

Ein Welpe wächst unter den wilden Hunden auf, die in den Ruinen von Pompeii leben; von seinem Erzieher, dem alten Hund Plin, wird er irrtümlich Kaffeekanne getauft (cave canem). Er gerät zwischen die Fronten: Eine Gruppe bettelt die Touristen an, eine andere, die sich outlaws nennt, bekämpft dieses Verhalten und macht lieber Jagd, z. B. auf wilde Füchse. Ihr Anführer (Ferox) ist ein grausamer Diktator, den Kaffeekanne mit Hilfe neu gewonnener Freunde und magi­scher Mittel am Ende besiegt.

Funke, Cornelia: Drachen­reiter. Hamburg 1997.

Drachen, Ratten

Die Silberdrachen (echsenähnliche, intelli­gente und gutartige Lebewesen) sind nahezu ausgestorben; eine der letzten Gruppen muss ihre Zuflucht, ein schottisches Tal, verlassen und will den legendären „Saum des Him­mels“ (Himalaja) erreichen. Die Helden (der junge Drache Lung, der Menschenjunge Ben und das Koboldmädchen Schwefelfell) helfen ihnen dabei, wobei sie in große Gefahr geraten. Ihr Hauptgegner ist der von einem Alchemisten erschaffene künstliche Drache Nesselbrand.

Allende, Isabel: La ciudad de las bestias (2002). Dt. von Svenja Becker: Die Stadt der wilden Götter. Frankfurt/M. 2002.

Riesenfaul­tiere

Die Jugendlichen Alexander (Enkel einer National Geographic-Reporterin) und Nadia (Tochter eines einheimischen Führers) sind an einer Expedition in den Amazonas-Dschungel beteiligt, auf der hochintelligente Tiere entdeckt werden, die aussehen wie Riesenfaultiere. Die beiden Jugendlichen entdecken unterwegs ihre von indianischen Totemtieren herrührende Identität als Jaguar und Adler.

Literatur

WH = Helmut Krausser: Die wilden Hunde von Pompeii. Eine Geschichte. Reinbek bei Hamburg 2004.

Abraham, Ulf: Fantastik in Literatur und Film. Eine Einführung für Schule und Hochschule. Berlin 2012.

Bonacker, Maren (Hg.): Peter Pans Kinder. Doppelte Adressiertheit in phantastischen Texten. Trier 2004.

—: Writing for children of all ages. Wenn Kinderbücher Grenzen sprengen. In: Dies. (Hg.): Das Kind im Leser. Phantastische Texte als all-ages-Lektüre. Tagungsband zum wissenschaftlichen Symposium „Pinocchios Freunde“, 7. bis 9. Mai 2004. Trier 2007, S. IX–XV.

— (Hg.): Hasenfuß und Löwenherz. Tiere und Tierwesen in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Wetzlar 2011.

Copeland, Marion: Crossover Animal Fantasy Series: Crossing Cultural and Species as Well as Age Boundaries. In: Society & Animals (Leiden) 11 (2003), H. 3, S. 287–298.

Crutzen, Paul J.: Geology of Mankind. In: Nature 415 (2002), H. 3, S. 23.

Ecker, Hans-Peter: Figuren- und Handlungsdesign als Parodie des so genannten Monomythos. Helmut Kraussers Die wilden Hunde von Pompeii. In: Claude D. Conter u. Oliver Jahraus (Hg.): Sex – Tod – Genie. Beiträge zum Werk von Helmut Krausser. Göttingen 2009, S. 197–209.

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. 2., um eine Einleitung vermehrte Aufl. Bern/München 1969.

Jahraus, Oliver u. Bettina von Jagow: Kafkas Tier- und Künstlergeschichten. In: Dies. (Hg.): Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen 2008, S. 530–552.

Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. 2. Aufl. Wiesbaden 2008.

Stone, James S.: The Rabbitness of Watership Down. In: English Quarterly 13 (1980), S. 37–46.

Swinfen, Ann: In defense of fantasy. A study of the genre in English and American literature since 1943. London 1984.

Wünsch, Marianne: Die fantastische Literatur der Frühen Moderne (1830-1930). Definition – Denkgeschichtlicher Kontext – Strukturen. München 1991.