Allianz der Marginalisierten. Helmut Kraussers Gedicht „Die Sache mit dem Zwergchamäleon“ aus Sicht der Animal Studies

„Daß der Mensch das edelste Geschöpf sei[,] läßt sich auch schon daraus abnehmen,
daß es ihm noch kein anderes Wesen widersprochen hat.“

Georg Christoph Lichtenberg

(Lichtenberg 1967, 282)

Zwar hat die Beschäftigung etwa der Literaturwissenschaft mit Tieren speziell als Motiven und Figuren in Texten schon eine lange Geschichte und sind gattungsbezogene Untersuchungen zu Tierfabel, -geschichte, -märchen, -epos keine Neuheit, jedoch hat mittlerweile eine Verlagerung auf den Bereich der Wissensgeschichte und eine interdisziplinäre Ausweitung (auf andere Künste und Wissenschaften) stattgefunden, die beispielsweise auch auf grundsätzliche Fragen der Bestimmung des Menschen ausgehend vom Tier bzw. in Relation zum Tier zielt. Folgende konkrete Fragestellungen, Arbeits- und Bezugsfelder dieser sich derzeit formierenden Forschungsrichtung lassen sich unter anderen benennen:

  • Welches Zeichen-/semiotische Potenzial haben die in Texten oder anderen Artefakten dargestellten Tiere? Was codieren sie? Dienen sie als Projektion oder Spiegel für Menschliches? Fungieren sie als Symbole, Allegorien oder Metaphern für etwas anderes?
  • Wie werden Tiere in literarischen Texten, anderen Artefakten, Wissenschaften/wissenschaftlichen Texten/Abbildungen/Modellen usw. repräsentiert? Werden sie beispielsweise dämonisiert oder verkörpern sie Alterität; liefern sie das Vorbild für (utopische/dystopische) Gesellschaftskonstrukte; werden sie vermenschlicht oder werden – umgekehrt – Menschen vertiert? Wie erzählen Wissenschaften (Philosophie, Zoologie, Rechtswissenschaft usw.) von Tieren?
  • Geschichte des Zusammenlebens von Menschen und Tieren: Domestizierung; Nutzung oder Ausbeutung von Tieren (z. B. als Nahrungsmittel, als ‚Arbeiter‘, für wissenschaftliche Experimente, als Therapie-Tiere); Rolle von Tieren als Opfer (z. B. des Krieges, der Industrie); Geschichte des Tierschutzes; Räume und Institutionen der Begegnungen zwischen Menschen und Tieren (z. B. Ausstellung/Präsentation in Zoos oder Naturkundemuseen, Reisen/Expeditionen etc.)
  • Tierethik
  • Speziesismus: Lassen sich hier beispielsweise Parallelen zu Rassismus oder Sexismus oder Verknüpfungen von Tierschutzdebatten und u. a. Frauenrechtsbewegungen herstellen?
  • Natur (und Wildnis) vs. Kultur: Werden Tiere als Inbegriffe von Natur/Natürlichkeit und Wesen jenseits der Kultur oder als Teil der Kultur dargestellt? Werden Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier in den Vordergrund gerückt oder wird eine klare Grenzziehung (nach welchen Kriterien?) zwischen beiden priorisiert?
  • Mensch-Tier-Interaktion, anknüpfend an die Agency-Theorie: Können Tiere als Akteure, (willentlich) Handelnde aufgefasst werden?
  • Wissensgeschichte: Wann bestand welches Wissen vom Tier, in welchen Bereichen, durch welche Einflüsse? Inwiefern partizipieren Literatur und andere Künste an der Konstitution des Wissens vom Tier? Inwiefern begegnen Tiere als Gegenstände von Wissensbildung und lässt sich das jeweils erkennbare Wissen über Tiere letztlich als anthropozentrisch konstruiert und als Wissen vom Menschen auslegen? Welche Beziehung besteht zum gesellschaftlichen oder kulturellen Kontext?

Um den Rat „Theorie trennt, Empirie vereint“ von Hans-Peter Ecker zu beherzigen, belassen wir es bei diesem kurzen Aufriss einiger möglicher Fragestellungen – die Beiträge werden diese auf konkrete Gegenstände übertragen – und wenden uns einem Gedicht des von ihm wie von uns geschätzten Helmut Krausser zu:

Die Sache mit dem Zwergchamäleon

– Iff hab waf fiffen den Fähnen – kannft du ma nachfehn?
– Oh, tatsächlich, da sitzt ein Zwergchamäleon.
– Efft? Waf mafft dafn da?
– Jetzt wird es beige, jetzt rot… Gott ist das süüüß.
– Mein Fahnfleif ift ganf gefwollen. Maff daf weg!
– Ich finde, daß es dir überaus gut steht.
– Trotfdem!
– Es wird sich von Essensresten ernähren.
– Keine Difkuffion! Fiehf rauf!
– Wie denn? Es krallt sich fest.
– Benütf eine Pinfette!
– Da würde ich ihm aber sicher wehtun.
– Feif drauf! Fieh mir daf Feifvieh auf den Fähnen!
– Schau! Jetzt wird es ganz weiß vor Angst.
– Daf ift mir wurft. Au! Ef hat mir in die Funge gebiffen!
– Stimmt. Jetzt wird es wieder rot. Hach, wie süß…
– Fluff jetft! Gib mir einen Fahnftocher!
– Nein! Wenn du das tust, lass ich mich scheiden!

Foweit die Fituation.
Feitdem lebe iff mit einem Fwergchamäleon fiffen meinen Vorderfähnen.
Fungenkrebf wäre flimmer, fagt meine Frau. Daf ftimmt. Aber waf flimm
iff: daff fie dauernd daf Vieh ftreicheln muff, wenn wir bumfen.

(Krausser 2003, 46)

Der Text, der eine Herausforderung auch für geübte Rezitatoren darstellt, inszeniert den Einbruch des Animalischen ins wohlgeordnete Zwischenmenschliche zunächst ganz wörtlich: Das Miniaturreptil, das auch realweltlich in einer – ausgeprägten – Zahnlücke Platz fände, ist auf einmal da, unübersehbar und vor allem unüberhörbar, sobald der männliche Dialogpartner den Mund öffnet. Mitten in der Zivilisation – die Szene könnte sich am heimischen Frühstückstisch abspielen, sind doch Zahnstocher und Pinzette greifbar –, sieht er sich in eine unfreiwillige und schmerzhafte Verbindung mit einem der exotischsten Tiere schlechthin gezwungen. Er reagiert zunächst, wie es der abendländische homo faber, der dem Konzept eines geschlossenen Körpers anhängt, das eine klare Trennung zwischen Ich und Außenwelt vornimmt, eben tut: Der als unangenehm erlebte Zustand soll schnellstmöglich abgestellt werden, notfalls mit Gewalt bis hin zur Auslöschung des Anderen. Eventuelle – etwa ästhetische – Vorzüge der neuen ungewohnten Situation werden nicht eruiert. Die Beziehung zum Tier als Symbiose zu interpretieren – zur optischen Attraktion käme noch die Kariesprophylaxe hinzu – kommt ihm nicht in den Sinn.

Jedoch hat der Mann hier seine Rechnung ohne die Frau gemacht, die ebenso gegendert reagiert wie er: Das kleine Tier entlockt ihr zunächst den Ausruf „Gott ist das süüüß“ und mobilisiert in ihr anschließend Schutzinstinkte: Nicht nur weigert sie sich, ihm eventuell Schmerzen zuzufügen, sie droht wegen einer – aus Sicht des Mannes – Lappalie wie der im Raum stehenden Tötung des Zwergchamäleons sogar mit Scheidung. Mit diesem Verhalten stellt sie sich in die Tradition des vornehmlich weiblich codierten Tierschutzes. Während der Blick des Mannes auf das Tier von Nutzerwägungen (Schmerzvermeidung und vollständige Wiedererlangung der Sprachfähigkeit, die ihn vom Tier unterscheidet) geprägt ist, nimmt die Frau es zunächst ästhetisch und dann empathisch war – was der ‚Ungerechtigkeit‘ entspricht, dass knopfäugigen Robben der größte tierschützerische Furor gewidmet wird. Die Frau stellt sich also im Konflikt zwischen Mann und Zwergchamäleon gegen die eigene Spezies und den Ehepartner auf die Seite des bedrohten Tieres, dem sie sich so nahe fühlt, dass sie im Verlauf des Gedichts sogar seine Farbveränderungen nicht nur ästhetisch, sondern auch als Ausdruck von Empfindungen deutet.

Angesichts der Allianz der anthropo- und phallozentrisch Marginalisierten, also des im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus wehrhaften Tiers und der es bedingungslos unterstützenden Frau, bleibt dem Mann keine andere Möglichkeit als sich mit der Situation zu arrangieren – was freilich keinen Sinneswandel in ihm auslöst, beklagt er doch die veränderte Sexualpraxis, indem er mit Gottfried Benns Was schlimm ist ein berühmtes Gedicht eines bekennenden Phallozentrikers zitiert.

Bleibt noch die Frage, was die Frau, abgesehen von seiner Niedlichkeit und der Identifikation mit einem anderen Opfer patriarchaler Weltsicht, so für das Zwergchamäleon einnimmt. Ist es die Faszination für das Animalische? Nimmt das Chamäleon beim Beißen Blut auf und wird somit im Text auf den verborgene sexuelle Sehnsüchte verkörpenden Vampir angespielt, wobei dann der Zahnstocher die Mikroentsprechung zum zur Pfählung eingesetzten Pflock darstellen würde? Jedenfalls gelingt es der Frau letztlich, die Erfüllung ihrer mit dem Tier verbundenen Bedürfnisse durchzusetzen, namentlich eine Sexualität, die das Triebhafte als Niedliches integriert. Und welches Tier könnte die generelle Ambivalenz des Animalischen, sein Oszillieren zwischen faszinierender Bedrohlichkeit und rührender Unterlegenheit, zwischen Othering und Anthropomorphisierung besser verkörpern als das seine Farbe wechselnde Chamäleon?

 Denise Dumschat-Rehfeldt und Martin Rehfeldt

Zitierte Literatur:

  • Lichtenberg, Georg Christoph: Sudelbuch D. In: Ders.: Schriften und Briefe. Band 1. München 1967.
  • Krausser, Helmut: Strom. 99 neue Gedichte. ’99 – ’03. Reinbek bei Hamburg 2003.

 Literaturhinweise (Auswahl):

  • Borgards, Roland: Tiere in der Literatur – Eine methodische Standortbestimmung. In: Das Tier an sich. Disziplinenübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz. Hg. von Herwig Grimm u. Carola Otterstedt. Göttingen 2012, S. 87–118.
  • Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Hg. von Chimaira. Arbeitskreis für Human-Animal Studies. Bielefeld 2011.
  • Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in Kunst, Wissenschaft und Geschichte. Hg von  Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien u. Heike Fuhlbrügge. Berlin 2007.
  • Representing Animals. Hg. von Nigel Rothfels. Indiana 2002.
  • The Animals Reader: The Essential Classic and Contemporary Writings. Hg. von Linda Kalof u. Amy Fitzgerald. London 2007.
  • Weil, Kari: Thinking Animals. Why Animal Studies Now? Columbia 2012.
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