Ungebetene Gäste

Ungeziefer im Luftkriegsroman

Von Florian Hoppe

Der Mensch lebt mit Tieren, ob er will oder nicht. Noch vor der ersten Domestizierung waren sie sein unerwünschter Begleiter, war er dem heute sogenannten Ungeziefer (nicht nur verschiedensten Insekten, sondern auch Würmern und Schlangen sowie kleineren Säugetieren wie Mäusen und Ratten) doch Gastgeber und Wirt. Er verabscheute sie lange vor allem als Nahrungsdiebe (sämtliche Blutsaugeraktivität sei hier dem Mundraub zugerechnet), bevor er sie als Überträger von Krankheiten (bzw., wie im Fall der Ratte, als deren Wirt) zu fürchten begann. Hinzu kam die ungeliebte Erinnerung an die Endlichkeit des eigenen Lebens, die in einem früheren Beitrag bereits angesprochen wurde: „Letztlich steht das Insekt, die Made, die Fliege, das Gewürm für die Vergänglichkeit schlechthin, sieht doch das irdische Schicksal des Menschen unweigerlich dessen Ende als Fraß der Würmer vor.“ (Thomas Homscheid in diesem Blog)

Der Mensch hat in vergangenen Jahrhunderten umfängliche und vielfach erfolgreiche Anstrengungen unternommen, die Parasiten aus seinem Lebensumfeld zu verbannen. Man kann dies nicht zuletzt zu den zivilisatorischen Erfolgen einer Gesundheitspolitik zählen, die sich von der frühneuzeitlichen Miasmentheorie und vergleichbaren Vorstellungen befreit hatte. Dennoch gibt es gesellschaftliche Extremsituationen, die es unmöglich machen, moderne Hygienestandards aufrechtzuerhalten, und die einen Schritt zurück hinter diese Errungenschaften mit sich bringen, so etwa Naturkatastrophen oder Kriege.

Begegnen entsprechende Schilderungen bei der – auch literarischen – Beschreibung der Zustände an der Front und auf den Schlachtfeldern, so sorgt dies weder für Erstaunen noch für Befremden. Denn am Kriegsschauplatz als quasi außerzivilisatorischem Ort fällt dieser Zivilisationsbruch nicht aus dem Rahmen. Erzählte der klassische Kriegsroman (exemplarisch zwei Stellen aus Gert Ledigs Die Stalinorgel) nicht von Soldaten, die in den Feuerpausen einen aussichtslosen Kampf gegen Läuse und anderes Kleinstgetier führen („Manchmal zogen sie [drei deutsche Soldaten] sich aus, krochen wie nackte Einsiedler in ihrem Loch umher und suchten in ihren Uniformen nach kleinen, speckig glänzenden Tieren“, Ledig 1955, 14), und von Leichen, die Fliegen und anderes Ungeziefer nähren („Zurück blieb ein Toter, über dem die Mücken tanzten, bis man ihn fand“, Ledig 1955, 22), würde ihm ein wichtiges Element fehlen.

Erfolgt der Einbruch des parasitären Lebens aber im Herz der urbanen menschlichen Lebenswelt, wie im Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs geschehen, so ist damit nicht nur eine Krise der Hygiene verbunden, sondern auch eine des modernen Selbstverständnisses – zumal, wenn mit den Deutschen ein Volk betroffen ist, das ein ganz besonderes Programm der Säuberung und Hygiene verfolgte (Sebald 2001, 41). So hat Sebald darauf hingewiesen, dass es angesichts dieser Tatsache kaum verwunderlich ist, dass das „schlagartige Überhandnehmen der an den ungeborgenen Leichen gedeihenden parasitären Kreatur“ (Sebald 2001, 41), das auf die Bombenangriffe folgte, kaum literarischen Widerhall gefunden hat.

Einigermaßen explizit wurde in dieser Hinsicht in der unmittelbaren Nachkriegszeit nur Hans Erich Nossack in seinem Bericht vom „Untergang“ Hamburgs im Rahmen der Operation Gomorrha im Sommer 1943:

Ratten und Fliegen beherrschten die Stadt. Frech und fett tummelten sich die Ratten auf den Straßen. Aber noch ekelerregender waren die Fliegen. Große, grünschillernde, wie man sie nie gesehen hatte. Klumpenweise wälzten sie sich auf dem Pflaster, saßen an den Mauerresten sich begattend übereinander und wärmten sich müde und satt an den Splittern der Fensterscheiben [Nossack 1976, 52f.]

Die Frechheit der Ratten ebenso wie die Tatsache, dass man solche Fliegen noch nie gesehen hatte, verdeutlichen hier den Einbruch des Fremdartigen, des ganz konkret Außer-Gewöhnlichen. Auffällig ist aber auch, dass Nossack das eigentlich Unerhörte nicht anspricht: woran sich die Tiere laben, wovon sie satt sind. Andere Beschreibungen der Zustände in Hamburg werden da deutlicher und sprechen von einer „Frau mit dem zerrissenen Leib, auf dessen herausgequollenen Eingeweiden in blauen Trauben die Fliegen saßen“ (zitiert nach Hage 2003, 31).

Wo dieser Aspekt der Trümmerwüsten nach den Bombenangriffen überhaupt zur Sprache kommt – noch dazu meist erst viele Jahre nach dem Krieg –, bleibt die Schilderung meist in Andeutungen stecken, in lediglich kleinen Hinweisen auf das anscheinend Unaussprechliche. So erwähnt Thomas Bernhard in Die Ursache eher beiläufig, die ganze Stadt (Salzburg) sei „voller Ratten“ (Bernhard 2004, 69). Woher diese Explosion des parasitären Lebens kommt, wird nur klar, weil er kurz zuvor anspricht, dass man unter den „wiederaufgebauten Gebäuden der Einfachheit halber die meisten Toten liegen gelassen“ habe (Bernhard 2004, 68). Deshalb habe jahrelang Verwesungsgeruch über der Stadt gehangen; überhaupt ist der Tod im Bombenkrieg für Bernhard vor allem auch eine olfaktorische Erfahrung, wenn er vom „eigentümliche[n] Geruch des totalen Krieges“ (Bernhard 2004, 26) spricht, der neben dem Pulverdampf gerade auch „der Geruch von verbrannten Tier- und Menschenfleisch“ (Bernhard 2004, 29) ist. Bei Nossack, der Ähnliches beschreibt, findet sich auch die Reaktion der Menschen darauf: „In uns erwachte plötzlich eine Gier nach Parfüm“ (Nossack 1976, 53).

Wirklich anschaulich wird das parasitäre Leben auf und in den Opfern der Bomben erst dort, wo die Einbindung konkreter Dokumente einen unverstellten Blick auf die Realitäten erlaubt. So integriert Hubert Fichte in Detlevs Imitationen „Grünspan“ Teile der „Ergebnisse pathologischer-anatomischer Untersuchungen“, die der Pathologe Siegfried Gräff an Opfern der Operation Gomorrha vorgenommen hatte. Die untersuchten Leichen stellen sich dabei als jene „großen Behälter von Wurmbrut“ dar, als die Johann Heinrich Zedler in seinem Universal-Lexicon im 18. Jahrhundert bereits den lebenden menschlichen Körper sah (Zedler 1749, 100):

Die Bauchhöhle lässt sich gut schneiden, unter ihr wimmelt es von Maden. […] Zwischen den Stücken werden wenige kriechende Maden und Kokons gefunden. […] Infolge Hitzezermürbung und sekundärer Fäulnis fehlen Teile insbesondere der Bauchhöhle. Ortsanwesenheit von Ratten läßt an eine Beteiligung der Ratten bei der Zerstörung denken. [Fichte zitiert nach Hage 2003, 151–153; vgl. auch Gräff 1955]

Es scheint, als sei diese unterkühlte, medizinische-nüchterne Sprache der einzige mögliche Weg, sich dem furchtbaren Gegenstand zu nähern, seiner gleichzeitig Herr und gerecht zu werden; ähnlich ist Gerd Ledig in Vergeltung bei seiner Beschreibung der unmittelbaren Auswirkungen der Bomben vorgegangen:

In dieser Stunde wurden noch mehr erschlagen. Ein ungeborenes Kind im Mutterleib von einer Hausmauer. Der französische Kriegsgefangene Jean Pierre von einem Gewehrkolben. Sechs Schüler des Humanistischen Gymnasiums am Flakgeschütz von einem Rohrkrepierer. Ein paar hundert Namenlose auch. Nennenswert war das nicht. In diesen sechzig Minuten wurde zerrissen, zerquetscht, erstickt. Was dann noch übrigblieb, wartete auf morgen [Ledig 1956, 9]

„Die Sprache versagt vor der Größe des Grauens“, schreibt Fichte (zitiert nach Hage 2003, 150) – für eine literarische, poetische Sprache mag dies sicherlich zutreffen; dass eine reduzierte klinische Sprache das Grauen jedoch durchaus wiederzugeben vermag, beweisen Ledig und auch Fichte selbst.

Zwar handelt es sich bei Ratten, Fliegen und anderem Ungeziefer um klassische Vanitas-Symbole, doch spielt die Erinnerung an die Vergänglichkeit allen menschlichen Lebens an den angesprochenen Textpassagen nur eine untergeordnete Rolle. Denn im vielfach als „apokalyptisch“ beschriebenen Umfeld des Bombenkriegs bedarf die Endlichkeit des Lebens keiner Erinnerung: Sie ist omnipräsent und nicht zu übersehen – in abgerissenen Körperteilen sowie in verbrannten, verbrühten, verstümmelten, zerquetschten und zerfetzten Körpern. Jörg Friedrich beschreibt sie in ihrem Grad der Unkenntlichkeit nicht zu Unrecht als nur mehr „Zustände“, die aus den Trümmern geborgen werden (Friedrich 2003, 512) – und nicht zu übersehen (vgl. z.B. Bernhard 2004, 28, und Ledig 1956, 7–9 u.ö.). Vielmehr dokumentiert die Anwesenheit von Ungeziefer, das sich von den Leichen auf und unter den Trümmern nährt (was vorausgesetzt werden kann, auch wenn es nicht explizit angesprochen ist), den Zusammenbruch der Ordnung bzw. die Unmöglichkeit, in der Extremsituation an den üblichen Begräbnis- und Trauerritualen festzuhalten. Viele Leichen konnten nach schweren Luftangriffen nicht sofort geborgen werden, teils fehlte es bereits an der nötigen Infrastruktur und Organisation, um die Toten, die in den Straßen lagen, zu sammeln und zu begraben. Häufig aber reichten auch die Kapazitäten der Friedhöfe schlicht nicht aus, um geregelte Aufbahrungen und Bestattungen zu ermöglichen, ganz davon zu schweigen, dass viele der Toten so entstellt und/oder bereits so verwest waren, dass sie ohnehin nicht mehr identifiziert werden konnten (vgl. Süß 2011, 444–451). Mit diesen Zuständen war Ungezieferbefall verbunden, was wiederum mit massiver Seuchengefahr einherging. Die Folge waren Massenbegräbnisse und vor allem auch Massenverbrennungen – zentral wie auf dem Dresdner Altmarkt (nachdem die Idee von Massengräbern in den städtischen Parks wegen der genannten Seuchengefahr verworfen worden war) oder direkt in den Kellern per Flammenwerfer wie in Pforzheim oder ebenfalls in Dresden (vgl. Süß 2011, 453, und Taylor 2004, 400–402). Auch diese Szenen haben vereinzelt Eingang in die Literatur gefunden, z.B. in Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five:

Daher wurde eine neue Arbeitsmethode eingeführt. Die Leichen wurden nicht mehr heraufgebracht. Sondern sie wurden dort, wo sie waren, von Soldaten mit Flammenwerfern eingeäschert. Die Soldaten standen draußen und warfen einfach das Feuer hinein. [Vonnegut 2005, 207; erwähnt sei hier, dass Vonnegut dies nicht selbst erlebte, auch wenn er als Kriegsgefangener während der Angriffe in Dresden war und an den Leichenbergungen und Massenverbrennungen beteiligt war; vgl. Vonnegut 2007, 18]

Es steht außer Frage, dass es im Rahmen dieser anonymen, quasi technischen Abfertigung der Opfer an Möglichkeiten zu individueller/gesellschaftlicher Trauer mangelte. Ob sich aus dieser fehlenden Möglichkeit zur Abschiednahme und damit verbunden eventuell einer nicht ausreichenden Eingliederung der Toten in das kollektive Gedächtnis auf das vermeintliche Schweigen der deutschen Schriftsteller zum Bombenkrieg schließen lässt, das Sebald festgestellt haben wollte (vgl. Sebald 2003), kann hier nicht diskutiert werden. Vielmehr scheint es, dass die Sprache zwar nicht in Gänze vor diesem Gegenstand kapitulierte, aber doch keine adäquaten ästhetischen Ausdrucksformen dafür fand. Als Beleg hierfür mögen die zitierten Stellen dienen, die sich zur Darstellung der Bombenkriegsfolgen erfolgreich einer unterkühlten Laborsprache oder gar des außerliterarischen Dokuments bedienen.

Als weiteres Argument sei abschließend angeführt, dass es der Literatur – auch relativ unmittelbar nach dem Krieg – doch möglich war, die (Über)Lebenden und die Toten in den Trümmern gewissermaßen zu versöhnen und Ersteren eine Art Abschied zu ermöglichen: Wolfgang Borchert beschreibt in Nachts schlafen die Ratten doch eben jene Situation, in der ein Toter, der unter den Trümmern liegt, nicht bestattet werden kann. Der Junge Jürgen wacht an den Überresten des Hauses, in dem er und sein Bruder lebte, damit keine Ratten zu seinem Bruder gelangen, der tot unter den Trümmern liegt.

Es ist kein Zufall, dass Borchert Ratten wählt, ist die Ratte doch ein „anthropologisches Tier, ein Tier, das in besonderer Weise in seiner metaphysischen Funktion Aufschluss über menschliche Ängste gibt“ (Bodenburg 2012, 161). Die Ratte ist Hinweis auf die fortgesetzte Unerreichbarkeit der Leiche ebenso wie auf ihren zu vermutenden Zustand. So kommt hier die Angst vor dem angesprochenen Zivilisationsbruch ebenso zum Ausdruck wie jene vor einem unter Umständen nicht möglichen Abschied mit den gewohnten gesellschaftlichen Ritualen. Zwar kann man in Jürgens Ausharren an der Ruine und seiner Sorge um den Bruder eine Art Trauerarbeit sehen; diese nimmt aber in ihrer Fruchtlosigkeit paradoxe Züge an. Das eigentliche Loslassen und die langsame Abschiednahme ermöglicht erst ein älterer Mann, der Jürgen davon überzeugt, dass er seine Wache abends guten Gewissens beenden könne, da die Ratten nachts doch schliefen. Indem das parasitäre, außerzivilisatorische Element zivilisiert wird, indem Jürgen quasi eine nächtliche Arbeitspause des Ungeziefers suggeriert wird, erhält er die Möglichkeit, den Ort des Schreckens zu verlassen – besänftigt, dass sowohl er als auch sein Bruder zumindest zeitweise ruhen können.

Literatur

Primärtexte

Bernhard, Thomas: Die Ursache. Eine Andeutung. Salzburg 2004.

Borchert, Wolfgang: Nachts schlafen die Ratten doch. In: ders.: Das Gesamtwerk. Mit einem biographischen Nachwort von Bernhard Meyer-Marwitz. Reinbek bei Hamburg 1949, 216–219.

Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm. Hg. v. Volker Hage. Frankfurt a.M. 2003.

Ledig, Gert: Die Stalinorgel. Hamburg 1955.

Ledig, Gert: Vergeltung. Roman. Frankfurt a.M. 1956.

Nossack, Hans Erich: Der Untergang. Frankfurt a.M. 1976.

Vonnegut, Kurt: Schlachthof 5. Frankfurt a.M. 2005.

Sekundärliteratur

Art. Wurmtheorie. In: Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, hrsg. von Johann Heinrich Zedler, Bd. 60, Leipzig 1749, 100–167.

Bodenburg, Julia: Tier und Mensch. Zur Disposition des Humanen und Animalischen in Literatur, Philosophie und Kultur um 2000. Freiburg 2012.

Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. Frankfurt a.M./Zürich/Wien 2003.

Gräff, Siegfried: Tod im Luftangriff. Ergebnisse pathologisch-anatomischer Untersuchungen anläßlich der Angriffe auf Hamburg in den Jahren 1943–45. 2., erw. Ausgabe. Hamburg 1955.

Sebald, Winfried G.: Luftkrieg und Literatur. 4. Aufl. Frankfurt a.M. 2003.

Süß, Dietmar: Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England. München 2011.

Taylor, Frederick: Dresden. Tuesday 13 February 1945. London 2004.

Vonnegut, Kurt: A Man without a Country. New York 2007.

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