Ungebetene Gäste

Ungeziefer im Luftkriegsroman

Von Florian Hoppe

Der Mensch lebt mit Tieren, ob er will oder nicht. Noch vor der ersten Domestizierung waren sie sein unerwünschter Begleiter, war er dem heute sogenannten Ungeziefer (nicht nur verschiedensten Insekten, sondern auch Würmern und Schlangen sowie kleineren Säugetieren wie Mäusen und Ratten) doch Gastgeber und Wirt. Er verabscheute sie lange vor allem als Nahrungsdiebe (sämtliche Blutsaugeraktivität sei hier dem Mundraub zugerechnet), bevor er sie als Überträger von Krankheiten (bzw., wie im Fall der Ratte, als deren Wirt) zu fürchten begann. Hinzu kam die ungeliebte Erinnerung an die Endlichkeit des eigenen Lebens, die in einem früheren Beitrag bereits angesprochen wurde: „Letztlich steht das Insekt, die Made, die Fliege, das Gewürm für die Vergänglichkeit schlechthin, sieht doch das irdische Schicksal des Menschen unweigerlich dessen Ende als Fraß der Würmer vor.“ (Thomas Homscheid in diesem Blog)

Der Mensch hat in vergangenen Jahrhunderten umfängliche und vielfach erfolgreiche Anstrengungen unternommen, die Parasiten aus seinem Lebensumfeld zu verbannen. Man kann dies nicht zuletzt zu den zivilisatorischen Erfolgen einer Gesundheitspolitik zählen, die sich von der frühneuzeitlichen Miasmentheorie und vergleichbaren Vorstellungen befreit hatte. Dennoch gibt es gesellschaftliche Extremsituationen, die es unmöglich machen, moderne Hygienestandards aufrechtzuerhalten, und die einen Schritt zurück hinter diese Errungenschaften mit sich bringen, so etwa Naturkatastrophen oder Kriege.

Begegnen entsprechende Schilderungen bei der – auch literarischen – Beschreibung der Zustände an der Front und auf den Schlachtfeldern, so sorgt dies weder für Erstaunen noch für Befremden. Denn am Kriegsschauplatz als quasi außerzivilisatorischem Ort fällt dieser Zivilisationsbruch nicht aus dem Rahmen. Erzählte der klassische Kriegsroman (exemplarisch zwei Stellen aus Gert Ledigs Die Stalinorgel) nicht von Soldaten, die in den Feuerpausen einen aussichtslosen Kampf gegen Läuse und anderes Kleinstgetier führen („Manchmal zogen sie [drei deutsche Soldaten] sich aus, krochen wie nackte Einsiedler in ihrem Loch umher und suchten in ihren Uniformen nach kleinen, speckig glänzenden Tieren“, Ledig 1955, 14), und von Leichen, die Fliegen und anderes Ungeziefer nähren („Zurück blieb ein Toter, über dem die Mücken tanzten, bis man ihn fand“, Ledig 1955, 22), würde ihm ein wichtiges Element fehlen.

Erfolgt der Einbruch des parasitären Lebens aber im Herz der urbanen menschlichen Lebenswelt, wie im Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs geschehen, so ist damit nicht nur eine Krise der Hygiene verbunden, sondern auch eine des modernen Selbstverständnisses – zumal, wenn mit den Deutschen ein Volk betroffen ist, das ein ganz besonderes Programm der Säuberung und Hygiene verfolgte (Sebald 2001, 41). So hat Sebald darauf hingewiesen, dass es angesichts dieser Tatsache kaum verwunderlich ist, dass das „schlagartige Überhandnehmen der an den ungeborgenen Leichen gedeihenden parasitären Kreatur“ (Sebald 2001, 41), das auf die Bombenangriffe folgte, kaum literarischen Widerhall gefunden hat.

Einigermaßen explizit wurde in dieser Hinsicht in der unmittelbaren Nachkriegszeit nur Hans Erich Nossack in seinem Bericht vom „Untergang“ Hamburgs im Rahmen der Operation Gomorrha im Sommer 1943:

Ratten und Fliegen beherrschten die Stadt. Frech und fett tummelten sich die Ratten auf den Straßen. Aber noch ekelerregender waren die Fliegen. Große, grünschillernde, wie man sie nie gesehen hatte. Klumpenweise wälzten sie sich auf dem Pflaster, saßen an den Mauerresten sich begattend übereinander und wärmten sich müde und satt an den Splittern der Fensterscheiben [Nossack 1976, 52f.]

Die Frechheit der Ratten ebenso wie die Tatsache, dass man solche Fliegen noch nie gesehen hatte, verdeutlichen hier den Einbruch des Fremdartigen, des ganz konkret Außer-Gewöhnlichen. Auffällig ist aber auch, dass Nossack das eigentlich Unerhörte nicht anspricht: woran sich die Tiere laben, wovon sie satt sind. Andere Beschreibungen der Zustände in Hamburg werden da deutlicher und sprechen von einer „Frau mit dem zerrissenen Leib, auf dessen herausgequollenen Eingeweiden in blauen Trauben die Fliegen saßen“ (zitiert nach Hage 2003, 31).

Wo dieser Aspekt der Trümmerwüsten nach den Bombenangriffen überhaupt zur Sprache kommt – noch dazu meist erst viele Jahre nach dem Krieg –, bleibt die Schilderung meist in Andeutungen stecken, in lediglich kleinen Hinweisen auf das anscheinend Unaussprechliche. So erwähnt Thomas Bernhard in Die Ursache eher beiläufig, die ganze Stadt (Salzburg) sei „voller Ratten“ (Bernhard 2004, 69). Woher diese Explosion des parasitären Lebens kommt, wird nur klar, weil er kurz zuvor anspricht, dass man unter den „wiederaufgebauten Gebäuden der Einfachheit halber die meisten Toten liegen gelassen“ habe (Bernhard 2004, 68). Deshalb habe jahrelang Verwesungsgeruch über der Stadt gehangen; überhaupt ist der Tod im Bombenkrieg für Bernhard vor allem auch eine olfaktorische Erfahrung, wenn er vom „eigentümliche[n] Geruch des totalen Krieges“ (Bernhard 2004, 26) spricht, der neben dem Pulverdampf gerade auch „der Geruch von verbrannten Tier- und Menschenfleisch“ (Bernhard 2004, 29) ist. Bei Nossack, der Ähnliches beschreibt, findet sich auch die Reaktion der Menschen darauf: „In uns erwachte plötzlich eine Gier nach Parfüm“ (Nossack 1976, 53).

Wirklich anschaulich wird das parasitäre Leben auf und in den Opfern der Bomben erst dort, wo die Einbindung konkreter Dokumente einen unverstellten Blick auf die Realitäten erlaubt. So integriert Hubert Fichte in Detlevs Imitationen „Grünspan“ Teile der „Ergebnisse pathologischer-anatomischer Untersuchungen“, die der Pathologe Siegfried Gräff an Opfern der Operation Gomorrha vorgenommen hatte. Die untersuchten Leichen stellen sich dabei als jene „großen Behälter von Wurmbrut“ dar, als die Johann Heinrich Zedler in seinem Universal-Lexicon im 18. Jahrhundert bereits den lebenden menschlichen Körper sah (Zedler 1749, 100):

Die Bauchhöhle lässt sich gut schneiden, unter ihr wimmelt es von Maden. […] Zwischen den Stücken werden wenige kriechende Maden und Kokons gefunden. […] Infolge Hitzezermürbung und sekundärer Fäulnis fehlen Teile insbesondere der Bauchhöhle. Ortsanwesenheit von Ratten läßt an eine Beteiligung der Ratten bei der Zerstörung denken. [Fichte zitiert nach Hage 2003, 151–153; vgl. auch Gräff 1955]

Es scheint, als sei diese unterkühlte, medizinische-nüchterne Sprache der einzige mögliche Weg, sich dem furchtbaren Gegenstand zu nähern, seiner gleichzeitig Herr und gerecht zu werden; ähnlich ist Gerd Ledig in Vergeltung bei seiner Beschreibung der unmittelbaren Auswirkungen der Bomben vorgegangen:

In dieser Stunde wurden noch mehr erschlagen. Ein ungeborenes Kind im Mutterleib von einer Hausmauer. Der französische Kriegsgefangene Jean Pierre von einem Gewehrkolben. Sechs Schüler des Humanistischen Gymnasiums am Flakgeschütz von einem Rohrkrepierer. Ein paar hundert Namenlose auch. Nennenswert war das nicht. In diesen sechzig Minuten wurde zerrissen, zerquetscht, erstickt. Was dann noch übrigblieb, wartete auf morgen [Ledig 1956, 9]

„Die Sprache versagt vor der Größe des Grauens“, schreibt Fichte (zitiert nach Hage 2003, 150) – für eine literarische, poetische Sprache mag dies sicherlich zutreffen; dass eine reduzierte klinische Sprache das Grauen jedoch durchaus wiederzugeben vermag, beweisen Ledig und auch Fichte selbst.

Zwar handelt es sich bei Ratten, Fliegen und anderem Ungeziefer um klassische Vanitas-Symbole, doch spielt die Erinnerung an die Vergänglichkeit allen menschlichen Lebens an den angesprochenen Textpassagen nur eine untergeordnete Rolle. Denn im vielfach als „apokalyptisch“ beschriebenen Umfeld des Bombenkriegs bedarf die Endlichkeit des Lebens keiner Erinnerung: Sie ist omnipräsent und nicht zu übersehen – in abgerissenen Körperteilen sowie in verbrannten, verbrühten, verstümmelten, zerquetschten und zerfetzten Körpern. Jörg Friedrich beschreibt sie in ihrem Grad der Unkenntlichkeit nicht zu Unrecht als nur mehr „Zustände“, die aus den Trümmern geborgen werden (Friedrich 2003, 512) – und nicht zu übersehen (vgl. z.B. Bernhard 2004, 28, und Ledig 1956, 7–9 u.ö.). Vielmehr dokumentiert die Anwesenheit von Ungeziefer, das sich von den Leichen auf und unter den Trümmern nährt (was vorausgesetzt werden kann, auch wenn es nicht explizit angesprochen ist), den Zusammenbruch der Ordnung bzw. die Unmöglichkeit, in der Extremsituation an den üblichen Begräbnis- und Trauerritualen festzuhalten. Viele Leichen konnten nach schweren Luftangriffen nicht sofort geborgen werden, teils fehlte es bereits an der nötigen Infrastruktur und Organisation, um die Toten, die in den Straßen lagen, zu sammeln und zu begraben. Häufig aber reichten auch die Kapazitäten der Friedhöfe schlicht nicht aus, um geregelte Aufbahrungen und Bestattungen zu ermöglichen, ganz davon zu schweigen, dass viele der Toten so entstellt und/oder bereits so verwest waren, dass sie ohnehin nicht mehr identifiziert werden konnten (vgl. Süß 2011, 444–451). Mit diesen Zuständen war Ungezieferbefall verbunden, was wiederum mit massiver Seuchengefahr einherging. Die Folge waren Massenbegräbnisse und vor allem auch Massenverbrennungen – zentral wie auf dem Dresdner Altmarkt (nachdem die Idee von Massengräbern in den städtischen Parks wegen der genannten Seuchengefahr verworfen worden war) oder direkt in den Kellern per Flammenwerfer wie in Pforzheim oder ebenfalls in Dresden (vgl. Süß 2011, 453, und Taylor 2004, 400–402). Auch diese Szenen haben vereinzelt Eingang in die Literatur gefunden, z.B. in Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five:

Daher wurde eine neue Arbeitsmethode eingeführt. Die Leichen wurden nicht mehr heraufgebracht. Sondern sie wurden dort, wo sie waren, von Soldaten mit Flammenwerfern eingeäschert. Die Soldaten standen draußen und warfen einfach das Feuer hinein. [Vonnegut 2005, 207; erwähnt sei hier, dass Vonnegut dies nicht selbst erlebte, auch wenn er als Kriegsgefangener während der Angriffe in Dresden war und an den Leichenbergungen und Massenverbrennungen beteiligt war; vgl. Vonnegut 2007, 18]

Es steht außer Frage, dass es im Rahmen dieser anonymen, quasi technischen Abfertigung der Opfer an Möglichkeiten zu individueller/gesellschaftlicher Trauer mangelte. Ob sich aus dieser fehlenden Möglichkeit zur Abschiednahme und damit verbunden eventuell einer nicht ausreichenden Eingliederung der Toten in das kollektive Gedächtnis auf das vermeintliche Schweigen der deutschen Schriftsteller zum Bombenkrieg schließen lässt, das Sebald festgestellt haben wollte (vgl. Sebald 2003), kann hier nicht diskutiert werden. Vielmehr scheint es, dass die Sprache zwar nicht in Gänze vor diesem Gegenstand kapitulierte, aber doch keine adäquaten ästhetischen Ausdrucksformen dafür fand. Als Beleg hierfür mögen die zitierten Stellen dienen, die sich zur Darstellung der Bombenkriegsfolgen erfolgreich einer unterkühlten Laborsprache oder gar des außerliterarischen Dokuments bedienen.

Als weiteres Argument sei abschließend angeführt, dass es der Literatur – auch relativ unmittelbar nach dem Krieg – doch möglich war, die (Über)Lebenden und die Toten in den Trümmern gewissermaßen zu versöhnen und Ersteren eine Art Abschied zu ermöglichen: Wolfgang Borchert beschreibt in Nachts schlafen die Ratten doch eben jene Situation, in der ein Toter, der unter den Trümmern liegt, nicht bestattet werden kann. Der Junge Jürgen wacht an den Überresten des Hauses, in dem er und sein Bruder lebte, damit keine Ratten zu seinem Bruder gelangen, der tot unter den Trümmern liegt.

Es ist kein Zufall, dass Borchert Ratten wählt, ist die Ratte doch ein „anthropologisches Tier, ein Tier, das in besonderer Weise in seiner metaphysischen Funktion Aufschluss über menschliche Ängste gibt“ (Bodenburg 2012, 161). Die Ratte ist Hinweis auf die fortgesetzte Unerreichbarkeit der Leiche ebenso wie auf ihren zu vermutenden Zustand. So kommt hier die Angst vor dem angesprochenen Zivilisationsbruch ebenso zum Ausdruck wie jene vor einem unter Umständen nicht möglichen Abschied mit den gewohnten gesellschaftlichen Ritualen. Zwar kann man in Jürgens Ausharren an der Ruine und seiner Sorge um den Bruder eine Art Trauerarbeit sehen; diese nimmt aber in ihrer Fruchtlosigkeit paradoxe Züge an. Das eigentliche Loslassen und die langsame Abschiednahme ermöglicht erst ein älterer Mann, der Jürgen davon überzeugt, dass er seine Wache abends guten Gewissens beenden könne, da die Ratten nachts doch schliefen. Indem das parasitäre, außerzivilisatorische Element zivilisiert wird, indem Jürgen quasi eine nächtliche Arbeitspause des Ungeziefers suggeriert wird, erhält er die Möglichkeit, den Ort des Schreckens zu verlassen – besänftigt, dass sowohl er als auch sein Bruder zumindest zeitweise ruhen können.

Literatur

Primärtexte

Bernhard, Thomas: Die Ursache. Eine Andeutung. Salzburg 2004.

Borchert, Wolfgang: Nachts schlafen die Ratten doch. In: ders.: Das Gesamtwerk. Mit einem biographischen Nachwort von Bernhard Meyer-Marwitz. Reinbek bei Hamburg 1949, 216–219.

Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm. Hg. v. Volker Hage. Frankfurt a.M. 2003.

Ledig, Gert: Die Stalinorgel. Hamburg 1955.

Ledig, Gert: Vergeltung. Roman. Frankfurt a.M. 1956.

Nossack, Hans Erich: Der Untergang. Frankfurt a.M. 1976.

Vonnegut, Kurt: Schlachthof 5. Frankfurt a.M. 2005.

Sekundärliteratur

Art. Wurmtheorie. In: Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, hrsg. von Johann Heinrich Zedler, Bd. 60, Leipzig 1749, 100–167.

Bodenburg, Julia: Tier und Mensch. Zur Disposition des Humanen und Animalischen in Literatur, Philosophie und Kultur um 2000. Freiburg 2012.

Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. Frankfurt a.M./Zürich/Wien 2003.

Gräff, Siegfried: Tod im Luftangriff. Ergebnisse pathologisch-anatomischer Untersuchungen anläßlich der Angriffe auf Hamburg in den Jahren 1943–45. 2., erw. Ausgabe. Hamburg 1955.

Sebald, Winfried G.: Luftkrieg und Literatur. 4. Aufl. Frankfurt a.M. 2003.

Süß, Dietmar: Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England. München 2011.

Taylor, Frederick: Dresden. Tuesday 13 February 1945. London 2004.

Vonnegut, Kurt: A Man without a Country. New York 2007.

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Mörikes Familientiere

von Reiner Wild

Tiere haben Eduard Mörike zeit seines Lebens begleitet. „Ich halte mir einen Staaren“, schreibt er im November 1831 – er war seit dem Sommer Pfarrverweser in Eltingen – an Friedrich Theodor Vischer (HKA 11, 231);[1] am Ende des Jahres berichtet er seiner Braut Luise Rau, dass er nun auch einen „artigen Spitzhund“, ein „gescheidtes, wachsames lebhaftes Geschöpf“, beherberge (HKA 11, 235). Er heißt Joli; der Name geht wohl auf Französisch jolie (‚hübsch‘, ‚artig‘, ‚nett‘) zurück, lässt aber auch den im Schwäbischen und darüber hinaus verbreiteten Ausruf des Erstaunens „mein lieber Scholli“ anklingen (der seinerseits auf jolie zurückgehen mag). Gelegentlich wird Joli auch David genannt, mitunter gar Nikodemus. Er begleitete Mörike mehr als zehn Jahre; im Pfarrhaus von Cleversulzbach war er Teil der „HausGenossenschaft“ (HKA 13, 216), zu der neben dem pfarrherrlichen Junggesellen, dessen Mutter und der Schwester Klara auch „der Staar, der Distelfink, der Igel, Hund und Katze“ gehörten (HKA 13, 132). Zeitweise war diese „Menagerie“ (ebd.) noch durch eine „kleine Schildkröte“ erweitert, die Theobald Kerner, der Sohn von Justinus Kerner, aus Italien mitgebracht hatte (HKA 14, 119). Auch zur späteren Familie Mörikes mit der Ehefrau Margarethe, wiederum der Schwester Klara und den beiden Töchtern Franziska und Marie gehörten Tiere – ein Hund, ein Kanarienvogel und eine weiße Katze: „die Kleine [Mörikes jüngere Tochter Marie] strickt ganz still bei meiner Lampe, die weiße Katze auf dem Schoos, kein Laut im Zimmer als das Schnurren dieses Thiers und der Gang der Wanduhr“ (HKA 18, 113). Diese Katze, korrekter: dieser Kater hieß Weißling; sein zweiter und immerhin geheimnisvoller Name  – „The naming of cats is a difficult matter“, wie seit T. S. Eliots Gedicht bekannt ist – war „Waihugebei“ (HKA 18, 232).

Den Tieren gilt viel Aufmerksamkeit; immer wieder berichtet Mörike in seinen Briefen von ihnen. Vor allem der Familie Hartlaub wird regelmäßig und ausführlich von den Tieren erzählt. Abwesende Familienangehörige werden selbstverständlich über die Tiere und ihr Befinden auf dem Laufenden gehalten; so erfährt Klara Mörike nach einem Umzug, den auch Weißling mitmachte: „Die weiße Katze war anfangs ganz unglücklich über unsern Quartierwechsel, lief wie Quecksilber u. mit Geschrei von einer Thür zur Andern; jezt schläft sie wieder in der gewohnten Schneckenform“ (HKA 18, 240). Weißling durfte auch in der Eisenbahn mitfahren, in einem Henkelkorb mit Deckel. Mörike hat es gezeichnet. Auf einer Seite seines ‚Lorcher Hausbuchs‘ ist ein kleines Blatt mit einem Weidenkorb so angeklebt, dass es aufgeklappt werden kann; darunter ist Weißling zu sehen (vgl. HKA 18, 727 f.).[2]

Mörike_01

Aus einem zugehörigen Gedicht, das Mörike an die Familie Hartlaub schickt (und das bisher in keine der Gedichtausgaben Mörikes aufgenommen wurde), ist zudem zu erfahren, dass Weißling noch einen dritten Namen hatte, womit immerhin T. S. Eliots Aussage „a cat must have three different names“ bestätigt wird; bemerkenswert ist jedoch, dass die Familie Mörike, entgegen der Behauptung von T. S. Eliot „And that is the name that you never will guess; / The name that no human research can discover“, diesen dritten Namen kennt:

O Rockebuß, jetzt mußt du dran!
Du fährst mit Sturmeseilen
Im Gretten[3] auf der Eisenbahn
Vier lange, bange Meilen.
Du hörest nicht und siehest nicht,
Und öffnest du dein Augenlicht
So steigst du aus – in Stuegert! [HKA 18, 243]

Mörikes Briefe enthalten eine Fülle von Anekdoten und Berichten über Begebenheiten mit den Tieren. Zu den bekannteren gehört, wie Weißling mit Moriz von Schwind, der Mörike Ende 1868 besuchte, umgesprungen ist. Schwind habe sich, erzählt Mörike seinem Freund Wilhelm Hartlaub, mit einem Buch „zu einem Mittagschlaf auf unserm Sopha“ zurückgezogen, „wir [das Ehepaar Mörike] setzten uns derweil in die untere Stube zu den Hausleuten, hörten ihn aber bald wieder oben herumsteigen: Der Weißling hatte ihn geweckt, indem er ihn, mit einem Sprung auf seinen Bauch, besuchte“. Mit leichtem Spott fügt Mörike hinzu, Schwind sei „seit einem Jahr noch um 3 Finger breit dicker geworden“, weshalb ihm bereits zu einer Diätkur geraten worden sei (HKA 19.1, 80). Weißlings Sprung auf den Bauch des Besuchers hat Mörike, wiederum im ‚Lorcher Hausbuch‘, in einer Zeichnung festgehalten:

Mörike_02

Mörikes Berichte und Anekdoten zeigen ein achtsames und liebevolles, dabei auch spielerisches Verhältnis zu den Tieren, in dem empfindsame Empathie mit dem Tier und bürgerliche Häuslichkeit des 19. Jahrhunderts verbunden sind, was insgesamt durchaus ‚biedermeierlich‘ genannt werden mag. Einige der Tiere, voran der geliebte Joli und in späteren Jahren der Kater Weißling, erhalten indes einen besonderen Status in Mörikes „HausGenossenschaft“. Sie werden zu Familienangehörigen und bekommen dabei menschliche Züge; ihnen werden – in durchaus ironischer Brechung – menschliches Verhalten und menschliches Empfinden zugeschrieben. „Auch einen herzlichen Gruß von mir, David und Fulvien“, schreibt Mörike 1832 in einem Brief an Klara Mörike und stellt damit David alias Joli und seine damalige Katze Fulvia mit ihren Namen in eine Reihe mit sich selbst. Weiter heißt es:

Die leztere ist in kurzer Zeit durch übermäßigen Fraß so stark und groß ‚wie ein Lamm‘ geworden (um mich des Ausdrucks meines Nachbars zu bedienen). Sie verwildert ganz durch ihr Vagiren, und wird, ihrer bäurischen Sitten wegen, von David tief verachtet, der freilich noch immer der noble Junker bleibt, wie Du ihn kennen lerntest. Er hat seit einiger Zeit das Französische angefangen und spricht es bereits abwechselnd mit dem Hündischen. Er wollte neulich der Schwester etwas von seiner Bildung beibringen, aber sie lohnte ihm mit boshaftem Spotte und schielte dabei immer nach dem Vogelkäfigt. [HKA 11, 337]

Auf einer Zeichnung, die dem Bericht folgt, hat Mörike die Lehrstunde zwischen Schwester Katze und Bruder Hund festgehalten, in der sich Fulvia immerhin noch auf Distanz hält, wenn sie für die Bildungsbeflissenheit Jolis nur Spott übrig hat, und sie auch ‚tierischer‘ bleibt, wenn sie statt der Belehrung zu folgen auf ein mögliches Jagdobjekt schielt!

Mörike_03

Als Familienangehörige werden die Tiere auch zu Adressaten der Lyrik Mörikes, wiederum ironisch gebrochen und gelegentlich mit parodistischem Einschlag – so etwa in den beiden an Joli gerichteten Strophen, die Mörike seinem Bruder Karl mitteilt:

2 Verse die Großhund (aber in seinem Dialekt) oft hören muß während er auf meinem Schooß ruht und ich ihm [sic!] liebkose.

Dieses mußt Du warlich spüren
Daß es lauter Liebe ist
Was mein Inneres thut regieren
Weil Du so gehorsam bist,
Dieses labt Dein treues Herz
So in Freude wie in Schmerz.

Deine Seele ist voll Kummer
Weil Du nichts zu fressen hast
Du ergibst Dich nun dem Schlummer
Dieser ist Dein bester Gast.
Diesen ruft Dein treues Herz
So in Freude wie in Schmerz. [HKA 12, 58]

Mörike verwendet eine im 17. und noch im 18. Jahrhundert im Kirchenlied und auch in der Liebeslyrik geläufige Strophenform; er spielt mit Versatzstücken und Vokabular beider Traditionen, vornehmlich der geistlichen, die freilich mit der ‚Tierheit‘ des Angesprochenen konfrontiert werden: „Deine Seele ist voll Kummer / Weil Du nichts zu fressen hast.“

Eine besondere Form der Mitteilung in Mörikes Briefen sind die ‚Musterkärtchen‘, „kleine, selbsterlebte Anekdoten, hauptsächl. charakteristische Züge aus unserer nächsten Umgebung, ohne viel Witz, wenn sie nur lustig oder bezeichnend sind“, wie Mörike selbst das von ihm kreierte Genre bestimmt (HKA 12, 147). Die Bandbreite des Dargestellten in solchen Musterkärtchen reicht von der bloßen Familienanekdote (mit oftmals scherzhaftem oder komischem Inhalt) bis zu Prosa-Miniaturen, in denen der flüchtige Augenblick einer Erfahrung oder einer Begebenheit festgehalten ist. Auch in den Musterkärtchen wird immer wieder von den Tieren berichtet, so in dem am 25. Februar 1842 an Hartlaub geschickten, in dem Mörike die Inszenierung einer Zeremonie erzählt, mit der er Joli (der ihm offenbar den nötigen Gehorsam verweigert hatte) in einer Art von förmlichen Schenkung aus seiner Obhut entlässt und der Herrschaft seiner Schwester Klara übergibt.[4] Die Musterkärtchen, die mitunter auch ein Gedicht enthalten, weisen auf die von Mörike vor allem in seinen späteren Lebensjahren ausgebildete Alltagslyrik voraus. Mörike begleitet Begebenheiten des privaten, familiären Alltags, wobei die engeren Freunde einbezogen sind, mit scheinbar beiläufigen Gedichten. Anders als in der überkommenen Gelegenheitslyrik, bei der besondere Anlässe wie etwa Geburtstage durch ein Gedicht aus dem Alltag heraus gehoben werden, wird mit diesen Gedichten eine eher alltägliche, nicht notwendigerweise bereits aus sich selbst besondere oder bedeutsame Begebenheit markiert. Mit der Begleitung durch das Gedicht wird die alltägliche Begebenheit zur Inszenierung; der flüchtige Moment wird im Ablauf der Zeit festgehalten und zugleich im Gedicht poetisch ‚aufgehoben‘ und auf Dauer gestellt.[5] Diese Poetisierung des Alltags ist Reaktion auf Modernisierungserfahrungen, Antwort vor allem auf Beschleunigungsprozesse, denen die Erfahrung erfüllter Zeit im Bereich des Privaten poetisch entgegengesetzt wird; sie ist ästhetischer Gegenentwurf zu den Entfremdungserfahrungen der Moderne.

In die Poetisierung des Alltags sind die Tiere einbezogen. In ironischer Brechung, mitunter auch mit skurrilem oder kauzigem Einschlag werden sie in die Inszenierung aufgenommen und avancieren damit zu Mitspielern im inszenierten Alltag. So können die Tiere, voran Joli, dem ja bereits das Gedicht Dieses mußt Du warlich spüren gegolten hat, zu Adressaten von Gedichten werden wie beispielsweise in Impromptu an Joli, dem Vierzeiler von 1837, in dem zudem in der Kombination von Erzählung und Gedicht die Nähe von Musterkärtchen und Mörikes Alltagslyrik deutlich sichtbar ist.

Impromptu an Joli
als er, nach einer Edeltat der Bescheidenheit, von mir, von Clärchen
u. Mutter wechselweise auf den Arm genommen und, bis zu seinem
Überdruß, geliebkost wurde

Die ganz Welt ist in dich verliebt
Und läßt dir keine Ruh,
Und wenn‘s im Himmel Hundle gibt
So sind sie grad wie du! [SW 2, 435]

Als Mitspieler können die Tiere zudem zu Sprechern von Gedichten werden. So gratulieren 1866 Weißling und Sauberschwarz, eine weitere, damals zum Haushalt gehörende Katze, Mörikes Schwester Klara zu ihrem Geburtstag mit einem Gedicht. Es beginnt durchaus ‚kätzisch‘:

Heut in der Frühe weckten
Wir zweie uns und leckten
Die Pelze um und um:
Mit schönen Reverenzen
Dich freundlich zu umschwänzen;
Das ganze Haus weiß ja warum.

Es folgen Danksagungen an Klara Mörike; dabei werden beide Tiere zunehmend ‚menschlicher‘, sie und die Angesprochene rücken einander immer näher:

Du halfest uns vom Tode
Zu einem sichern Brode,
Du gabst uns Dach und Fach.
Wieviel hast du berichtigt,
Wie treulich stets beschwichtigt
Der strengen Hausfrau Weh und Ach!

Du lehrtest selbst die Jugend
Die erste Christentugend,
Daß man ein Tierlein pflegt,
Und wie man – o du Gute! –
Es beinah ohne Rute
Möglichst zur Reinlichkeit bewegt.

Was uns an Lieblichkeiten
Der Schöpfer lieh bescheiden,
Wer würdigt es wie du?
Wer fühlt sich so gemütlich,
Gedankenvoll und friedlich
Hinein in unsere Seelenruh?

In der Schlussstrophe schließlich werden die Glückwünsche dargebracht; Gratulanten und Geburtstagskind sind miteinander vereint:

Jetzt wünschen wir dir eben
Gesundheit langes Leben,
Ein Stübchen obendrein;
Da wollen wir zu dreien
Uns sanfter Tage freuen,
Da wird es wie im Himmel sein. [SW 2, 485 f.]

Bei der Überreichung eines Geburtstagsgeschenks an Mörikes Frau Margarethe 1868 sind gar die Tiere der Familie zusammen mit Tieren der Nachbarschaft zum Chor vereint. Eine „Deputation von lebenden Vierfüßern: unsere weiße Katze [Weißling], der schwarzhaarige Haushund [der damalige Hund Mörikes namens Duxer], die graue Katze vom Haus mit zwei ganz blonden Jungen in ihrem Korb, endlich das bekannte braune Hündlein unseres Nachbars, des Apothekers“ – so im erläuternden Bericht, der wie beim Impromptu an Joli beigegeben ist – spricht ein Gedicht, das so beginnt:

Verehrteste! Du wirst verzeihn,
Wenn sich mit andern Gratulanten,
Die sich des schönen Festes freun,
Zuteuerst auch die Abgesandten
Der fast verächtlich so genannten
Tierwelt um dich zusammenfanden. [SW 2, 494]

Damit nicht genug! Die Atmosphäre im Hause Mörike ist so sehr literarisch durchtränkt und poetisch angeregt, dass jedenfalls der geliebte Joli selbst zum Dichter wird. Zu Mörikes Geburtstag 1841 gibt es ein Gedicht, das von Joli unterzeichnet ist:[6]

Meinem Herrn
zum 8ten
September

Ich mach nicht viele Worte,
Bring Dir auch keine Torte,
Noch sonst ein kostbar Ding;
Hier sind geröste Mandel,
Das ist der ganze Handel,
Und war der Kosten sehr gering.
…………………………….Dein
……………………………………..treuster Joli.

Allerdings bleibt die Verfasserschaft hier trotz der Unterzeichnung durch Joli noch unsicher. Auf der Handschrift ist „von Clärchen“ vermerkt, was auf Klara Mörike als Autorin schließen lässt (wofür auch der Hinweis auf die geringen Kosten des Geschenks sprechen mag); dass Mörike für sich selbst sich ein Geburtstagscarmen schrieb, ist wenig wahrscheinlich, wenngleich auch nicht gänzlich auszuschließen. Deutlich gesicherter ist hingegen die Autorschaft im dem bereits im Jahr zuvor zum Geburtstag der Schwester Klara geschriebenen Gedicht; Aussage und Sprache lassen kaum Zweifel am hündischen Urheber zu:

Joli gratuliert
zum 10. Dez. 1840

Soll ich lang nach Wünschen suchen?
Kurz und gut sei meine Wahl:
„Alle Jahre solch ein Kuchen,
Und zwar wohl noch sechzigmal!
Nämlich mit gesundem Leibe;
Daß kein Elsaß und kein Krauß
Dir das mindste mehr verschreibe,
Denn mit diesen ist es aus.“
Dies ist mein carmen; spar dein Lob,
Mache nicht, daß ich erröte!
Ik bin dwar ein Ilodop,
Aber ik bin kein Oëte. [SW 2, 481]

Joli beherrscht das Metier. Er weiß zu reimen und das Metrum einzuhalten, ihm ist vertraut, dass zum Geburtstagsgedicht gute Wünsche, nicht zuletzt für die Gesundheit, gehören, er kennt den Bescheidenheitstopos, der den Dichter ziert („spar dein Lob, / Mache nicht, dass ich erröte“). Dass er die Namen der Hausärzte der Familie, Elsässer und Krauß, kennt, versteht sich von selbst; allerdings verballhornt er, wohl um des Metrums willen, den einen Namen. Joli ist gebildet, ein poeta doctus; er weiß, dass solch ein Gedicht auch, antikem Wortgebrauch folgend, „carmen“ genannt werden kann. So ist sein Selbstbewusstsein, das ihn mit dem Bescheidenheitstopos spielen lässt, zweifellos berechtigt. Am Schluss, als er von sich selber spricht und sich als Philosoph, nicht als Poet zu erkennen gibt, fällt er – so scheint es – dann doch ins Hündische zurück; er hat Probleme mit der Aussprache menschlicher Laute. Jolis philosophische Richtung lässt das Gedicht kaum erkennen; immerhin plädiert er für Wohlergehen und einen gesunden Körper; die Vermutung liegt nahe, dass er sich, seiner Spezies gemäß, den Kynikern angeschlossen hat. Mit der Selbstbeschreibung als Philosoph setzt sich Joli freilich auch deutlich ab von seinem Herrn, der wahrlich mehr ein Poet als ein Philosoph war. Und nützt er nicht zugleich die Gelegenheit des Geburtstagsgedichts zu einer Persiflage auf die Alltagslyrik seines Herrn und Meisters? Wie auch immer, er erweist sich jedenfalls als durchaus ebenbürtiges Mitglied der mörikeschen „HausGenossenschaft“.


[1] Mörikes Werke und Briefe werden nach der historisch-kritischen Gesamtausgabe unter der Sigle HKA + Band- und Seitenzahl zitiert. In der HKA ist von den beiden geplanten Gedichtbänden bisher lediglich Bd. 1.1: Gedichte. Ausgabe von 1867 (2003) erschienen; die weiteren Gedichte Mörikes werden unter der Sigle SW 2 + Seitenzahl nach der Ausgabe Sämtliche Werke in zwei Bänden zitiert. Zu Mörikes Tieren vgl. die schöne, allerdings nicht ganz fehlerfreie Zusammenstellung Neef: Impromptu an Joli.

[2] Vgl. zu dieser und zur folgenden Abbildung Mörike: Eine phantastische Sudelei, S. 109 u. 110.

[3] „Gretten“: schwäbisch für Weidenkorb.

[4] Vgl. den Kommentar von Albrecht Bergold zu diesem Musterkärtchen auf der Homepage der Mörike-Gesellschaft, http://www.moerike-gesellschaft.de/musterkaertchen_2013.pdf, aufgerufen im März 2013.

[5] Auf den Zusammenhang dieser Alltagslyrik Mörikes mit der bürgerlichen Geselligkeitskultur des 19. Jahrhunderts hat nachdrücklich und überzeugend Wolfgang Braungart aufmerksam gemacht; vgl. z. B. Braungart: Joli gratuliert, S. 226: „Diese Gedichte sind ästhetisch-soziale Handlungen“.

[6] Mörike schickte das Gedicht am 8. September 1841 als Briefbeilage an Hartlaub, vgl. HKA 13, 553; es wurde bisher in keine der Gedichtausgaben Mörikes aufgenommen; der Text folgt hier der Handschrift in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart LBS Cod. hist Q 327,7,77.

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Literaturverzeichnis

Braungart, Wolfgang: Joli gratuliert. Eduard Mörike und sein Hund. In: Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie. Hg. von Martin Huber u. Gerhard Lauer. Tübingen 2000, S. 221–232.

Mörike, Eduard: Eine phantastische Sudelei. Ausgewählte Zeichungen. Hg. von Alexander Reck. Stuttgart 2004.

Mörike, Eduard: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Nach den Originaldrucken zu Lebzeiten Mörikes und nach den Handschriften. Textredaktion: Jost Perfahl. München 1968–1970. Bd. 2. 3. Auflage. Mit Anmerkungen von Helmut Koopmann. Düsseldorf/Zürich 1996. [SW 2]

Mörike, Eduard: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg und in Zusammenarbeit mit dem Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. hg. von Hubert Arbogast, Hans-Henrik Krummacher, Herbert Meyer u. Bernhard Zeller. Stuttgart 1967 ff. [HKA]

Neef, Marliese Eva: Impromptu an Joli (und anderes Getier, größeres und kleineres). Privatdruck. Bingen-Bingerbrück [1998].

Die mit den Tieren reden

Anmerkungen zur Tierkommunikation im Internet

Von Wolfgang Settekorn

1. Sprechende Tiere, Sprechen zu Tieren, Kommunikation mit Tieren

Die Nachricht, dass es in dem Fest-Blog für Hans-Peter Ecker um „Tiere aus kulturwissenschaftlicher Perspektive“ gehen soll, ließ mich als Sprach- und Kommunikationswissenschaftler an Formen der Kommunikation mit Tieren denken: zuerst an sprechende Tiere, wie Odins Raben Hugin und Nunin, an die Schlange im Paradies (1. Mose 3,1-6) oder an Bileams Esel (4. Mose 22, 28-30); aus neuerer Zeit dann an „Der sprechende Hund“ bei Loriot. Da die genannten Beispiele jedoch einen nur verschwindend geringen Teil jener sprechenden Tiere bieten, wie sie Loetscher (1992), Huth (2006) und Dichtl (2008) ausführlich behandeln, schien dieser Weg etwas ausgetreten.

Dann wies das Giotto-Bild mit der Vogelpredigt des Heiligen Franz von Assisi auf der Umschlagseite der von Hans-Peter Ecker 1999 herausgegebenen Legendensammlung auf einen anderen Aspekt hin, geht es hier doch um menschliche Rede zu Tieren und damit um eine ganz spezifische Konzeption des Verhältnisses von Mensch und Tier, die christliche Nächstenliebe auf die Natur und ihre Wesen bezieht und sie in ein tätiges Mitgefühl einschließt.

Schließlich bin ich auf den noch recht neuen Bereich der „Tierkommunikation“ gestoßen und dabei nochmals auf Franz von Assisi, weil er dort oft als historisches Vorbild genannt wird. Die vorwiegend weiblichen Betreiber der „Tierkommunikation“ bringen in ihrer Selbstdarstellung, ihrem Selbstverständnis und ihrer Praxis die beiden Phänomene der sprechenden Tiere und des Sprechens mit Tieren zu einem eigenen Ansatz zusammen und verbinden ihn mit dem Anspruch einer neuen kulturellen Dimension im Verhältnis von Mensch und Tier. Diese Art der Mensch-Tier-Kommunikation, die in den USA Ende des 20 Jahrhunderts entwickelt, dann in Europa übernommen und verbreitet wurde, steht im Zentrum dieses Beitrags.

2. Tierkommunikation im Internet

Das Suchwort „Tierkommunikation“ lieferte bei google.de im Juni 2013 in 0,21 Sekunden 456.000 Treffer. Auch wenn bei weitem nicht alle einschlägig sind und die Zahl der Wiederholungen recht groß ist, „Tierkommunikation“ findet im Internet viel Beachtung. Dass zudem viele Treffer Anzeigen sind, zeigt auch ein reges wirtschaftliches Interesse an ihr.

2.1 Was ist Tierkommunikation?

Tierkommunikation gilt nach dem Bekunden ihrer Betreiber als eine Form, in der Tiere aller Art mit Menschen kommunizieren; sie verspricht Lösungen von Problemen im Umgang von Mensch und Tier. Die Tierkommunikatorin Anna Katinka Witte gibt auf ihrer Website (http://www.animalwhisperer.de/tierkommunikation.html) eine kurze und bündige Auskunft:

Tierkommunikation heißt: Mit Tieren sprechen. Ich gehe also in ein intensives Gespräch mit Ihrem Tier, bei dem es sich zu seiner Lebenssituation und allem, was ihm sonst wichtig ist, mitteilen kann. Desweiteren ist es mir als Medium natürlich möglich, dem Tier Ihre Fragen zu stellen. Voraussetzung hierfür ist allerdings die Bereitschaft Ihres Tieres dazu!

Etwas ausführlicher sieht Barbara Franke (http://www.tierkommunikation.eu/was-ist-tierkommunikation.html) „Tierkommunikation“ im breiteren Rahmen telepathischer Kommunikation:

Bei der Tierkommunikation handelt es sich um eine telepatische [sic] Kommunikation mit Tieren, die schon bei Naturvölkern als eine Möglichkeit angesehen wurde täglich mit allem Lebendigen zu kommunizieren.Nicht nur die Schamanen und die Weisen der Naturvölker benutzen die Telepathie[,] um sich mit der Natur und allem Leben zu verbinden, sondern auch ganze Volksstämme wie die Aborigines benutzen die Telepathie zur Verständigung untereinander, sogar über große Distanzen.Jedem gesprochenen Wort geht ein Gedanke, ein Bild oder ein Gefühl voran.Dies auf telepatische [sic] Weise zu vermitteln ist eine allen Geschöpfen angeborene Fähigkeit, die vor allem viele unserer Kinder noch beherrschen, die ihnen aber im Laufe ihrer Entwicklung durch das gesprochene Wort ersetzt wird und damit verkümmert.Durch die Erziehung in unserer hochtechnisierten Welt geriet diese Gabe immer mehr in Vergessenheit. Jedoch können wir dieses Wissen durch bestimmte Übungen wieder in unser Bewusstsein rufen.

Als Kernpunkte telepathischer Tierkommunikation gelten demzufolge:

Angeborenheit der tiertelepathischen Kompetenz;

● deren Verbreitung und Einsatz bei Naturvölkern;

● deren Verlust oder Vergessen durch (modernen und westlichen?) Prozess von Enkulturation und Zivilisation;

Möglichkeit zur (Wiederer-) Weckung dieser Fähigkeiten;

animalischer Universalismus (die Kompetenz zur Tierkommunikation für alle Lebewesen).

Diese Kernpunkte finden sich so oder ähnlich auf den meisten der Tierkommunikation gewidmeten Websites wieder.

2.2 Abundanz und Schweigen im Netz: Fehlende Einträge bei Wikipedia

So zahlreich die Hinweise zur Tierkommunikation auch ausfallen, so bedeckt hält sich Wikipedia. „Animal Communication “ ist für die englische Version „any transfer of information on the part of one or more animals that has an effect on the current or future behaviour of another animal” (en.wikipedia.org/wiki/Animal_communication). Sie ist damit Teil der Zoosemiotik, die ausdrücklich von den „anthroposemiotics” (als „the study of human communication”) abgesetzt wird. Von der bei der „Tierkommunikation” betriebenen Kommunikation zwischen Mensch und Tier findet man hier nichts.

Der abundanten Internetaktivität von Betreibern der Tierkommunikation steht das Schweigen der größten Online-Enzyklopädie entgegen. Dies könnte auf einen Clash in der Netzkultur hinweisen, bei dem eine sich als „seriös“ verstehende Einrichtung dieser Form der Kommunikation die Anerkennung verweigert. Umso verständlicher ist es dann, dass die Neuen und Alternativen in ihren Medien- und Internetauftritten um öffentliche Aufmerksamkeit und um Anerkennung buhlen. Hinweise zu eigenen öffentlichen Medienauftritten und zu medialer Berichterstattung in Presse und Fernsehen (oft mit entsprechenden bei YouTube einsehbaren Videos über sie) sind deshalb auf den Websites von Tierkommunikatoren fester legitimatorischer Bestandteil, – ganz abgesehen von zahlreichen eigenen Vorträgen und Beiträgen bei YouTube.

2.3 Eine erste offizielle Tierkommunikatorin in Deutschland: Gudrun Weerasinghe

Ein Beispiel liefert hier Gudrun Weerasinghe, die als Tierkommunikatorin mit einem eigenen Beitrag in der deutschsprachigen Version von Wikipedia vertreten ist (http://de.wikipedia.org/wiki/Gudrun_Weerasinghe). Über ihren Eintrag führt bei Wikipedia zumindest ein indirekter Weg zur Tierkommunikation.

Gudrun Weerasinghe (* 20. Februar 1954 in Essen; † 7. Dezember 2010 ebenda) war eine deutsche Tierkommunikatorin, Autorin und seit 1985 freischaffende bildende Künstlerin, die sowohl durch Fernsehauftritte und Presseartikel, [sic] als auch durch Kunstausstellungen im In- und Ausland bekannt wurde.

Dieser Einstieg nennt mit dem Hinweis auf ihre Tätigkeit als Tierkommunikatorin, Autorin und bildende Künstlerin drei biographisch relevante Tätigkeitsbereiche. Der Hinweis auf Fernsehauftritte, Presseartikel und Kunstausstellungen charakterisiert sie als national wie international bekannte Person. Ihre mediale Präsenz wird dann noch ausdrücklich belegt mit Hinweisen auf Auftritte in öffentlich-rechtlichen Medien bei teilweise recht bekannten Moderatoren oder Talkmastern (Jürgen von der Lippe; Johannes B. Kerner).

Die weiteren biographischen Angaben zeichnen einen mit Schulbildung, Studium und Lehrberuf zunächst recht „normalen“ Lebenslauf, der mit dem Hinweis auf einen zweiten Wohnsitz in den Arabischen Emiraten und auf ihre Tätigkeit in den dortigen königlichen Ställen eine eigene Note bekommt.

Hinsichtlich der Neigung zur Tierkommunikation zieht der Artikel eine durchgängige Linie. Sie beginnt mit einer kindlichen Fähigkeit zur Wahrnehmung tierischer Befindlichkeiten, die im weiteren Verlauf durch Aufenthalte in Afrika und Asien durch „die Lehren der Urvölker“ bereichert wurde. Darin kommt ein zivilisationskritischer Aspekt zum Ausdruck. Der Hinweis auf den seit 1996 einsetzenden Einfluss der amerikanischen Tierkommunikation in Deutschland führte zu einer Art Coming Out: „Als die Tierkommunikationsbewegung (Animal Communication) ca. 1996 von Amerika nach Deutschland übergriff, machte sie ihre mentalen Fähigkeiten öffentlich.“

Recht ausführlich werden die von ihr ausgeübten Vorgehensweisen und Methoden sowie weitere tierbezogenen Aktivitäten geschildert, wobei dem Umgang mit Pferden eine besondere Rolle zukommt. Wie sie bei tierkommunikativen Eingriffen vorgegangen ist, zeigt ein Video mit dem Fall des aggressiven Hängebauchschweins Fred, das durch eine weinrote Decke, Erdbeeren, Kuchen, Sahnekuchen und „Matsche“ besänftigt wird. (http://www.myvideo.de/watch/5580775/Gudrun_Weerasinghe_Tierkommunikation) In einigen anderen Videos nimmt sie selbst zu ihren Praktiken der Tierkommunikation Stellung.

2.4. Ad fontes: „founding pioneer, Animal Communication Specialist, Penelope Smith“

Über die Gründerin und Vorreiterin der Tierkommunikation informiert eine Reihe von Websites zur Tierkommunikation. Immer wieder wird dort Penelope Smith als Pionierin, Vorbild, Lehrerin oder Anleiterin genannt, so auch bei Christine Tetau, die in ihren biographischen Auskünften auf ihrer Website schreibt (http://www.tierkommunikation.de/biographie.html):

Ich absolvierte die Ausbildung zur Tierkommunikatorin und später Lehrerin für Tierkommunikation nach Penelope Smith. Die US-Amerikanerin ist die Pionierin auf diesem Gebiet und ihr Buch „Gespräche mit Tieren“, erschienen im Reichel-Verlag, gilt als Standardwerk unter interessierten Tierfreunden.

Smith selbst feiert auf ihrer Website (http://www.animaltalk.net/) „the 35 year anniversary of the classic, foundation book Animal Talk”. Es liegt in 7. Auflage vor; die erste war 1978 erschienen. Die deutsche Übersetzung ist neben anderen Publikationen von Penelope Smith bei dem auf Spiritualität, Esoterik, Tierkommunikation und Gesundheit spezialisierten Reichel-Verlag unter dem Titel Gespräche mit Tieren. Praxisbuch Tierkommunikation erschienen; mir liegt ein Exemplar der vierten Auflage von 2007 vor.

2.4.1 Gespräche mit Tieren

In den beiden ersten Kapiteln geht Smith auf Grundlagen und Konzepte der Tierkommunikation ein. Sie behandelt zunächst die Frage „Wie Tiere kommunizieren“ (Kapitel 1), propagiert dann das Postulat der allen Wesen angeborenen Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation mit Tieren. Mit dem Spracherwerb und durch Intervention Erwachsener werde sie im Prozess der Enkulturation unterdrückt und verdrängt und gehe zumeist gänzlich verloren. Im zweiten Kapitel geht es um das Ziel „Die Fähigkeit wiedergewinnen, telepathisch zu kommunizieren“. Die weiteren Kapitel des Buches dienen der Anleitung zur Kommunikation mit Tieren.

Die Grundüberlegungen der beiden ersten Kapitel finden sich im Kern sowohl inhaltlich wie auch in der argumentativen Anlage auf fast allen Websites von Tierkommunikatorinnen. Deshalb gehe ich etwas ausführlicher auf diese zwei Kapitel ein.

2.4.1.1 Versetzung/Empathie; Angeborenheit telepathisch-kommunikativer Fähigkeiten/Verlust durch Spracherwerb und Enkulturation

Unter der Kapitelüberschrift „Die angeborene Fähigkeit, telepathisch zu kommunizieren“ verweist Smith zunächst auf eigene frühkindliche Erfahrungen:

Wie die meisten Kinder liebte auch ich als Kind Tiere. Es machte mir Spaß, sie zu streicheln, sie zu beobachten und ihnen nahe zu sein. Ganz intuitiv war ich fähig, das zu fühlen, was sie fühlten, und verstand, was sie brauchten. Ich konnte so gut wie sie in sie hineinschlüpfen und so sein wie sie. [Smith 2007, 12]

Diese Erfahrung formuliert sie dann in ein universelles Postulat um:

Allen Wesen ist es angeboren, miteinander zu kommunizieren und sich untereinander zu verstehen. Alle oder fast alle kleinen Kinder kennen die mentale oder telepathische Kommunikation mit anderen aus einer anderen Gattung. Bevor sie sprechen lernen, kommunizieren sie, neben Körpergesten, hauptsächlich auf diese Art.
Aber sobald Kinder lernen zu sprechen, neigen sie dazu, ihre Fähigkeiten mittels Gedanken zu kommunizieren, zu unterdrücken, weil die Sprache von Erwachsenen besonders hoch geschätzt und gefördert wird und größte Aufmerksamkeit bekommt. So verblasst die Fähigkeit zur Telepathie wie jede andere Fähigkeit, die nie benutzt wird. Außerdem werten die Eltern und andere Erwachsene Äußerungen von Kindern wie „unser Hund hat mir von seinem Bauchweh erzählt“ häufig als bloße Erfindung oder Übertreibung ab oder bestrafen das Kind als Lügner. […] Daher unterdrücken sie diese Fähigkeit oder sie verschwindet einfach, weil man eine Fähigkeit nicht aufrecht erhalten kann, die es nicht geben kann. Und so hören sie auf, ihre Tiergefährten als denkende und fühlende Wesen anzusehen. [ebd., 13]

Smith bezieht hier eine nativistische Position und grenzt sich explizit von behavioristischen Ansätzen ab; hier scheint die von Noam Chomsky eingeleitete „kognitive Wende“ durchzuschlagen.

2.4.1.2 Telepathie und Zivilisationskritik

Tierkommunikation gilt ihren meist weiblichen Betreibern als telepathische Kommunikation; Smith definiert sie wie folgt:

Die Silbe „Tele“ hat etwas mit Entfernung zu tun, „pathie“ bezieht sich auf das Fühlen. Es handelt sich hierbei […] um eine Fähigkeit, die den Wesen jeder Spezies inklusive dem Menschen angeboren ist. Telepathie ist […] eine Verknüpfung, ein direkter Zugang zu der Seele aller Wesen. Es ist eine geistige Verständigung, die ohne den Kopf einzuschalten funktioniert; es ist das Wissen, was der andere gerade denkt, fühlt und erlebt, so hautnah, dass fast das eine Wesen zu dem anderen wird.
[…] Es ist die Erfahrung, eine direkte Übertragung von Bildern, Gefühlen und Vorstellungen von Individuen zu empfangen […]. Telepathische Kommunikation vollzieht sich über weite Entfernungen durch Wände und andere Hindernisse hindurch. [ebd., 27]

Die Hinwendung zur telepathischen Tierkommunikation erfolgte bei Smith kurz nach dem Antritt eines durch behavioristische Ansätze geprägten Studiums der Psychologie im Jahr 1964. Schnell wendet sie sich von diesem Ansatz ab, der „den geistigen Aspekt in Abrede“ stellt (Smith 2007, 32) und kehrt „zurück zu einem erneut lebendigen Verständnis meiner selbst und allen Lebens um mich herum“ (ebd., 33).

Deutlicher kann die spirituelle Grundorientierung der Tierkommunikation kaum zum Ausdruck kommen, die in den Biographien ihrer Betreiber nach deren eigenem Bekunden zu Brüchen, Um- und Neuorientierungen geführt hat. Nicht selten wird dies in einer Weise berichtet, die an die Bekehrung des Saulus zum Paulus erinnert, und so die Hinwendung zum neuen und richtigen „Glauben“ sowie zu der damit verbundenen Lebens- und Handlungsweise geschildert. Damit kommt zugleich das persönliche Bekenntnis zu dem neuen/jetzigen Glauben zum Ausdruck.

Auf welchem Weg man auch zur Tierkommunikation kommt, man wird ein neuer Mensch: „Dies ist ein spiritueller Weg, der eine Veränderung bedeutet, ein Ablegen von gesellschaftlich anerzogenen Mustern und Gewohnheiten.“ (ebd., 33) So jedenfalls sehen es die Tierkommunikatorinnen und Tierkommunikatoren.

2.4.1.3 Persönliche Erzählungen zur Kommunikation mit (meist individualisierten) Tieren

Wie Smith ausführlich berichtet, war dieser Wandel bei ihr durch die enge Beziehung zu ihrem Kater Fritzi ausgelöst worden; beide schliefen „wie zwei ineinander liegende Mondsicheln […] Fritzi und ich verstanden einander aufs Tiefste“ (ebd.,31). Sofort nach ihrem Wegzug „bekam Fritzi mehrere Krankheitsattacken an Nieren und Darm und verstarb einige Monate später.“

Nach dem argumentativen Muster „post hoc ergo propter hoc“ werden Krankheit und Tod des Tieres auf den Wegzug der Verfasserin zurückgeführt. Sie selbst argumentiert als zutiefst Betroffene und als Gewährsfrau. Dabei spielt eine doppelte Individualisierung bzw. Personalisierung durch namentliche Nennung eine Rolle: die des berichtenden, namentlich bekannten Ich (Penelope Smith) und die des mit Namen (Fritzi) genannten Tieres (Kater). Bei der Durchsicht weiterer Websites zur Tierkommunikation zeigt sich, dass diese Individualisierung bzw. Personalisierung durch namentliche Nennung von Mensch und Tier die gesamten Texte und Darstellungen durchzieht. Denn wie bei Smith sind auch sie von unzähligen persönlichen Erlebnisberichten im Umgang mit Menschen und in der Regel mit Geschichten von namentlich benannten Tieren durchsetzt.

2.4.1.4 Franz von Assisi als Helfer

Dabei taucht dann auch Franz von Assisi, als angerufener und hilfsbereiter Nothelfer auf. Smith lässt einen Jerry Ryan mit einem Bericht zu Wort kommen, der „von einer Erfahrung [erzählt], die die Rolle der Liebe und den Glauben an Wunder beschreibt“ (ebd., 52): „Ich bitte jedes Mal, wenn ich zu den Tieren Kontakt aufnehme, den heiligen San Franziskus von Assisi um seine Unterstützung, damit ich ihnen das geben kann, was sie benötigen.“ Als eine Frau telefonisch um Hilfe bittet, weil ein in ihre Wohnung geflogener Kolibri nicht mehr ins Freie kommt, bittet er „San Franziskus und alle da oben […], dem kleinen Vogel den Weg in die Freiheit und Sicherheit zu zeigen.“ Eine Weile später ruft die Frau zurück und berichtet mit einer gewissen Ehrfurcht, „dass es scheine, als sei der Vogel von unsichtbaren Händen zu dem offenen Fenster getragen worden. Auch ich war in Ehrfurcht; ich hatte ihr nicht gesagt, dass ich San Franziskus um Hilfe gebeten hatte.“ (ebd., 53). Hier wird ebenfalls nach dem Muster „post hoc ergo propter hoc“ geschlossen.

2.4.2. Mischung von Mensch und Tier

Das Bild auf der Umschlagseite der Gespräche mit Tieren verdeutlicht optisch ein Konzept der Tier-Mensch-Beziehung, die beide miteinander vermengt und sie auf eine Stufe stellt. Tier und Mensch werden hier als konzeptuelle Einheit dargestellt:

https://i0.wp.com/www.reichel-verlag.de/Bilder/L/978-3-926388-69-8.jpg

Man kennt derlei Verbindungen aus Märchen, Sage und bildender Kunst, und die kleine Meerjungfrau von Andersen dürfte ein mit anderen Nixen weithin bekanntes Beispiele sein.

Doch anders als bei einer See- oder Meerjungfrau und bei anderen Nixen ist die Komposition des Mensch-Tier-Wesens auf dem Titelbild zu Gespräche mit Tieren nicht horizontal und additiv (oben Jungfrau, unten Fisch), sondern vertikal und durchgängig (die eine Hälfte Frau, die andere Hälfte Katze); das neue Wesen ist weniger nur „Tier + Mensch“ sondern eher „sowohl Mensch als auch Tier“. Konzeptuell lässt sich das mit dem Ansatz des „Conceptual Blending“ als „Conceptual Integration“ beschreiben (http://markturner.org/blending.html; http://en.wikipedia.org/wiki/Conceptual_blending) und in der Bildlichkeit als „visual blend“ (http://www.tulane.edu/~howard/LangIdeo/Rohrer/Rohrer.html). Dabei geht es um einen Effekt, der z. B. im Deutschen bei der Komposition „Butterbrot“ eintritt: Das dabei evozierte Konzept geht über die Summe der Bedeutungen der Lexeme „Butter“ und „Brot“ hinaus; es hat weitere konzeptuelle Elemente wie „Schneiden von Brotscheiben“, „Verwendung eines Messers oder Spatels“, „Abtragen eines Teils eines Stücks Butter“, „Auftragen von Butter auf die Scheibe(n)“. Ähnliches soll wohl für das Bild der „Katzenfrau“ gelten.

3. Wege zur Tierkommunikation: biografische Selbstauskünfte

Dem tierkommunikativen Verständnis nach haben die Beziehungen zwischen Mensch und Tier eigene kommunikative Funktionen, die sich im Leben der beteiligten Wesen vor allem in entscheidenden Situationen niederschlagen. Das jedenfalls bringen Tierkommunikatoren in den wohl als obligatorisch eingeschätzten Selbstauskünften im Internet immer wieder zum Ausdruck. Sie informieren darüber, welche Person und welcher Werdegang hinter dem jeweiligen Betreiber der Seite stecken. Da diese Selbstauskünfte zentrale und für wichtig gehaltene Aspekte der Tierkommunikation zur Sprache bringen, sollen einige zu Wort kommen. Ich habe dazu Seiten ausgewählt, die im ersten Halbjahr 2013 mehr oder weniger regelmäßig bei google.de bei den Ergebnissen zum Suchwort „Tierkommunikation“ unter den ersten zehn Treffern waren. Auch wenn die so erzielten Resultate nicht unbedingt „repräsentativ“ sein können, symptomatisch sind sie allemal.

3.1 Die Ländliche durch ihr Pferd und ihr Herz Bekehrte Karin Schwarzer schreibt:

Ich bin 1974 geboren und zusammen mit vielen verschiedenen Tierarten auf einem Bauernhof aufgewachsen. Dadurch habe ich viel Zeit in der Natur mit Tieren verbracht. Meine berufliche Laufbahn hat als Bürokauffrau und Bilanzbuchhalterin begonnen. Doch dann hat mein Pferd mich durch viele schwierige Situationen auf etwas aufmerksam gemacht: Ich muss einen neuen Weg gehen. Ich bin dem Ruf meines Herzens gefolgt und wurde Tiertelepathin. Seit dem Jahr 2005 bin ich hauptberufliche Tierkommunikatorin und Lehrerin für Tierkommunikation. [http://www.tierkommunikation.co/ueber-mich/ueber-mich.html]

3.2 Bei der durch eine Stute auf den Weg gebrachten „Meisterin“ Christine Tetau heißt es:

Aufgewachsen mit Tieren, die als gleichwertige Mitglieder der Familie betrachtet wurden, hielt ich meine Fähigkeit, sie zu verstehen, zunächst für Intuition oder Einfühlungsvermögen. Nach einem einschneidenden Erlebnis mit meiner Stute Sheila im Frühjahr 1999 beschloss ich schließlich, dem Thema größere Aufmerksamkeit zu widmen. Ich absolvierte die Ausbildung zur Tierkommunikatorin und später Lehrerin für Tierkommunikation nach Penelope Smith. [http://www.tierkommunikation.de/biographie.html]

Diese Ausbildung war offensichtlich so erfolgreich, dass sich andere bei Frau Tetau zur Tierkommunikatorin ausbilden ließen, so Maren Lubrich und Yvonne Sebestyen.

3.3 Die vormalige Skeptikerin Maren Lubrich bekundet:

Obwohl ich mein ganzes Leben mit Tieren aufgewachsen bin und immer offen für das Unvorstellbare war, fiel es mir schwer an Tierkommunikation zu glauben. Dass Tiere eine Seele und ein intensives Gefühlsleben haben[,] war mir natürlich klar. […] Als es jedoch unserer Hündin Mati länger nicht gut ging […], beschloss ich, die Tierkommunikation einmal auszuprobieren. […] Weiterhin skeptisch suchte ich mir im Internet eine Frau heraus, die uns garantiert nicht kennen konnte[,] und schrieb ihr eine Email [sic] nebst einem Foto von Mati. In einem darauf folgenden Telefonat erzählte sie mir, wie sich unsere Tiere untereinander verstanden, wer welches Verhältnis zu wem hatte und vieles mehr. Und wir bekamen den erhofften Hinweis auf Matis Unwohlsein. [http://www.tierkommunikation-rosengarten.de/]

3.4 Die auf zwei Kater hörende Yvonne Sebestyen schreibt:

Zur telepathischen Kommunikation mit Tieren kam ich durch ein Schlüsselerlebnis mit meinen beiden Katern Anton und Fistus. Als ich am Abholtag in ihr Tierheimgehege kam, schaute mich Anton, der größere der beiden, an und schickte mir in Gedanken deutlich die Worte: „Du hast aber ganz schön lange gebraucht.“ […] Durch das Schlüsselerlebnis mit Anton neugierig geworden, bat ich meine spätere Mentorin Christine Tetau bald darauf zu einem Hausbesuch, um zu erfahren, ob ich noch etwas besser machen konnte. Die Erkenntnisse aus diesem Gespräch entfachten meine Neugier erst recht, so dass ich beschloß [sic], selbst die Tierkommunikation zu erlernen, um meine Kater besser zu verstehen. [http://www.versteh-dein-tier.de/meinweg.htm]

Die drei letzten Auskünfte lassen ein Muster erkennen, das der Meister-Jünger- oder Lehrer-Schüler-Beziehung im Neue Testament ähnelt, wobei hier Tiere die Bekehrung auslösen. Bei mehrfachem Durchlauf des Musters kommt es wie in unseren Fällen zur Missionierung und Verbreitung des ‚neuen Glaubens Tierkommunikation‘. Die Medien seiner Verbreitung reichen von der Mund-zu-Mund-Propaganda bis hin zum Internet. Dort ist Tierkommunikation über die Websites ihrer Betreiber, deren Selbstdarstellungen, sowie in Beiträgen zu YouTube und in dort dokumentierten Auftritten in Radio- und Fernsehsendungen sehr gut vertreten. Ein Blick auf die Hinweise, die amazon.de in der Sparte „Bücher“ zu dem Suchwort „Tierkommunikation“ liefert, zeigt, dass dies auch für den Printbereich zutrifft. Viele drängt es dazu, ihre Fähigkeiten und Erfahrungen einem breiteren Publikum gegen Bezahlung zugänglich zu machen. Dies gilt nicht nur für Publikationen, sondern auch für Beratungen und Kurse über Tierkommunikation oder zur schritt- und stufenweisen Einführung in sie.

3.5 Die auf ihre sterbende Hündin hörende Susa Zwernemann berichtet von sich:

Als meine kleine Mischlingshündin Lisa verstarb[,] hatte sie die Botschaft an mich die Tierkommunikation zu vertiefen und zu intensivieren, da ich vielen Tieren und Menschen dadurch helfen könne. Ich war bemüht ihrem Rat zu folgen, hatte jedoch Hemmungen, anderen die Mitteilungen der Tiere darzustellen. Ich fühlte mich lange Zeit, trotz nachprüfbarer Ergebnisse, unsicher in den Aussagen und kommunizierte nur für Freunde und Bekannte[,] die verblüfft waren. [http://www.tierkommunikation.info/ueber_mich.html]

 Ihrer Einschätzung nach hat die Tierkommunikation einige Zeit gebraucht, um sich in einer breiteren Öffentlichkeit durchzusetzen. Das lässt vermuten, dass es eine mehr oder weniger große Skepsis gegenüber dieser neuen Art des kommunikativen Umgangs mit Tieren gegeben hat und wohl weiterhin noch gibt.

Damals ging man noch nicht so frei mit dieser Art von Kommunikation um wie heute. Ich blieb also lieber im Hintergrund und entwickelte in dieser Zeit autodidaktisch meine eigene Art mit Tieren zu kommunizieren anstatt es nach bestimmten Ritualen anderen nachzuahmen. [ebd.]

3.6 Die promovierte Ex-Psycholinguistin Dr. Sabrina Hinneberg zeigt, dass auch Akademiker den Weg zur Tierkommunikation finden können:

Die Liebe zu den Tieren und die Freude an Sprache begleiten mich schon mein ganzes Leben lang. Nachdem ich mich viele Jahre als Psycholinguistin intensiv mit der Kommunikation von Mensch zu Mensch befasst habe, lernte ich die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Tier und Mensch kennen: die Tierkommunikation. Seitdem hat sich mein Leben wunderbar verändert: Ich kann nun meine Herzensthemen Tiere und Sprache miteinander verbinden und die berührende Erfahrung der Kommunikation mit Tieren an andere Menschen weitergeben. [http://www.rederaum.com/zur_person.html]

Frau Hinneberg listet neben ihrem Werdegang heilerische und esoterische Qualifikationen auf: „Forschung & Lehre am Institut für Psycholinguistik & Sprechwissenschaft (Universität München); Sprachtherapeutin für Erwachsene & Kinder; Trainerin & Coach für Rhetorik & Kommunikation; Redakteurin & Lektorin; Tiermedium seit 2005“. Weiterhin:

Zusätzliche Aus- & Weiterbildungen:
– Tierkommunikation (bei Dr. Lysa Jean Farmer, Maria Hubert, Dr. Nicole Schöffmann)
– Tierlichtheilung
– Divine Healing© Stufe I & II
– Magnified Healing©
– Kabbala
– Aura-Reading (bei Dr. Lysa Jean Farmer)
– Aura-Sound Klangpädagogik (bei Dr. Lysa Jean Farmer)
– Aura-Soma© Beraterin der Stufe III (bei Khushbu Rita Deutschmann)
– Heilen mit Symbolen und Informationsübertragung durch Körbler‘sche Zeichen (bei Roswitha Stark)
– Schulung der Wahrnehmung (bei Yvonne Grevenitz)
– Energieausgleich durch Nummerologie (bei Ida Linner)
– Workshop „Equine Healing“ (bei Margrit Coates)
– Bachblütentherapie-Seminar B1 (bei Mechthild Scheffer) [ebd.]

Solche Auflistungen vielfacher, breiter und vielseitiger Bereiche von Ausbildungen, Aktivitäten und oft auch von Dienstleistungsangeboten sind bei Selbstdarstellungen im Bereich der Tierkommunikation gängig. Sie dienen zur Aufwertung der jeweiligen Person und zur Einbettung der tierkommunikativen Aktivitäten in einen breiteren esoterischen, spirituellen und heilerischen Kontext. Die Nennung von Lehrern soll den Eindruck von Seriosität vermitteln, aber auch den einer vielfältigen und breiten Kompetenz nach dem Motto: „viel hilft viel“; zudem wird Vertrauenswürdigkeit suggeriert. Mit der Breite des Angebots steigen nicht zuletzt auch die Verdienstmöglichkeiten.

Nicht alle sind dabei so selbstkritisch wie Peter Demel, der in seiner äußerst knappen Selbstpräsentation schreibt:

Ich könnte noch erwähnen, dass ich ein [sic] Abschluß in Naturwissenschaften an der Universität Heidelberg gemacht habe, aber aus diesem Grund sind Sie ganz bestimmt nicht auf dieser Webseite [sic]. [http://www.tierkommunikation-tierheilung.de/ueber-mich.html].

Hinweise auf akademische Abschlüsse und Werdegänge dienen dennoch als positive und aufwertende Merkmale.

3.7 Die Kooperative: Ilka Erraoui (vormals: Müller) ist in ihren Selbstauskünften vergleichsweise sparsam und nüchtern und spricht von sich selbst in der dritten Person. Zu ihrem „Werdegang mit Tieren“ erfährt man auf ihrer Website:

2004 – 2007 Ausbildung zur Tierkommunikatorin nach Penelope Smith
2005 bei der amerikanischen Tierkommunikatorin Amelia Kinkade
2006 / 2007 Ausbildung zur osteopathischen Pferdetherapeutin nach Welter-Böller
2006 Gründung von Kommunikation zwischen Mensch und Tier
2006 – heute Professionelle Tierkommunikation

Arbeit
Als Tierkommunikatorin nutzt Ilka das Wissen und das medizinische Verständnis[,] um in den Kommunikationen neben den psychischen auch die physische [sic] Probleme der Tiere besser abklären und einschätzen zu können.“ [http://www.die-sprache-der-tiere.de/4.html].

Ganz deutlich ist folgender Hinweis:

Die Arbeit mit Tieren ersetzt keine tierärztliche Beratung oder Behandlung, ist jedoch eine ernst zu nehmende Ergänzung. Es werden keine medizinischen Diagnosen gestellt. Jedoch wird gerne zwischen Tier und Halter, auf Wunsch auch zwischen den behandelnden Tiermedizinern oder Therapeuten vermittelt. [ebd.]

Ähnlich klärende und wohl vor falschen Erwartungen und möglicherweise auch vor Klagen schützende Hinweise findet man auch auf den Unterseiten zur Tierkommunikation; Frau Erraoui geht hier insofern weiter, als sie auf ihrer Seite nicht nur Kontaktadressen von Tierärzten und -kliniken aufführt, sondern zudem auf einen Film bei YouTube verweist, in dem sie mit einer Tierärztin auftritt (http://www.youtube.com/watch?v=NiE8LQc0vjw).

3.8 Von kindlicher Tierliebe zum Beruf führte der Weg von Cathrin Seibt. Sie hat mit dem Verständnis und der Unterstützung ihrer Eltern ihren Kleinmädchentraum vom Zusammensein und Umgang mit Tieren verwirklicht, ist Tierpflegerin und schließlich Tierkommunikatorin geworden:

Am 05.09.1980 in Hamburg geboren, war sehr früh klar, wohin mich mein Weg führt. Im Alter von 4 Jahren war ich auf einem Familienurlaub in der Lüneburger Heide plötzlich verschwunden. Mein Vater fand mich zwischen den Beinen eines Pferdes, mit dem ich tags zuvor Freundschaft geschlossen hatte. „Schecki“ und ich schliefen fest aneinander gekuschelt. […] Meine Arbeit mit Tieren wurde zum Beruf, als ich endlich verstand, dass „Beruf“ von „Berufung“ kommt. [… ] Während meiner Zeit im Wildpark begann meine Ausbildung zur Tierkommunikatorin. [http://www.tierisch-verstehen.de/mein-profil]

Auf der Startseite (http://www.tierisch-verstehen.de/) berichtet sie über ihren Auftritt in der TV-Sendung des NDR „Mein Nachmittagvom 2.1.2012.

3.9 Fazit

Die zitierten biografischen Selbstauskünfte zeigen, dass einige auf ein oft namentlich genanntes Tier „gehört“ haben und dadurch mit Tieren zur Tierkommunikation kamen. Bei anderen geschah dies durch Hinweise dritter Personen. Fast alle hatten, oft schon von Kindesbeinen an, Umgang mit Tieren. Eine hat den Mädchentraum mit dem Weg zur Tierkommunikation verwirklicht und war nicht, wie andere, von dort abgekommen, um dann erst auf den Weg zur Tierkommunikation zu finden.

Deutlich ist auch der Bezug auf Penelope Smith als Autorität und direkte oder indirekte Lehrerin; ihre Ansichten, Thesen und Praktiken hat sie an ihre Schülerinnen weitergeben, die sie dann in einer Art Kette von Schülern und Schülerinnen selbst weitergereicht haben. Dabei fungieren Hinweise in der Art „Ausbildung durch bzw. nach Penelope Smith“ oder der Verweis auf andere Personen und Verfahren in ihrer Nachfolge als Qualifikationsausweis. Liest man mehrere Websites der Tierkommunikation, entsteht der Eindruck eines zusehends dichter gespannten und ausgedehnten Netzwerks ihrer Betreiber.

4. Tierkommunikation als Forschungsgegenstand?

Die vorgängigen Ausführungen sollten auf die Tierkommunikation als aktuelles, relativ junges Phänomen hinweisen, über das die verschiedensten Medien berichten und das sich im Internet zusehends ausbreitet. Wenn zudem bei amazon.de in der Rubrik „Bücher“ das Suchwort „Tierkommunikation“ 65 Seiten lang Titelhinweise gibt, lässt dies – auch wenn nicht alle Titel einschlägig sind – ein steigendes verlegerisches Interesse an dieser Sparte erkennen – und dabei offensichtlich auch an Büchern von Tierkommunikatoren. Und das gilt nicht nur für Verlage, die auf Esoterika spezialisiert sind. Ein Blick auf die Einbände dieser Bücher lässt auf drei große Zielgruppen schließen: zum einen spiritualistisch-esoterisch Interessierte wie beim Titelbild des Buchs von Penelope Smith (s. o.); zum anderen Reiter, Pferdeliebhaber und -besitzer wie bei dem Buch Tierisch gute Gespräche von Amelia Kinkade; und schließlich Halter von Klein- und Haustieren, wie im Fall von Karen Pryor, darunter auch tierliebende Kinder.

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Dieser Zusammenhang könnte von kulturwissenschaftlichem Interesse sein: Welche Bilder von Tieren und Menschen und von ihren Beziehungen werden hier entworfen? Wie „funktionieren“ sie? Gibt es bei all dem eine Art immanenter sozialer und sozialpsychologischer Strukturierung? Sind bei allen Gemeinsamkeiten der Gruppen kulturelle und soziale Differenzierung erkennbar? Wenn ja, welche?

Bei den Lesern wird dabei neben der Liebe zu Tieren gerade im Fall der Pferde ein nicht geringes ökonomisches Interesse angesprochen, da der im Zuge größeren Wohlstands zusehends verbreitete Reitsport und die gesteigerte Pferdehaltung weit mehr finanziellen Aufwand erfordern als die Anschaffung, Haltung und Pflege von Klein- und Haustieren.

So nimmt es nicht Wunder, wenn Kritiker wie Wolfgang Hund und Colin Goldner auf der Website der Fachzeitschrift Cavallo vor tierheilerischen und tierkommunikativen Aktivitäten warnen.

Das Urteil von Colin Goldner fällt dabei harsch aus:

Telepathische Tierkommunikation halte ich für zynische Geschäftemacherei mit den Nöten besorgter Pferdehalter. Wird sie zu diagnostischen oder therapeutischen Zwecken eingesetzt, reicht das schon fast an den Rand des Kriminellen. Völlig indiskutabel ist telepathische Kommunikation mit toten Tieren, die aus dem Jenseits Rat und Lebenshilfe geben oder mitteilen, wann und wie sie wiedergeboren werden. […] Die einen glauben tatsächlich an ihre vermeintlichen Fähigkeiten; die anderen wissen, dass es solche gar nicht gibt und sie ihren Kunden nur Humbug verkaufen. Von außen kann man kaum erkennen, ob es sich bei der einzelnen Anbieterin eher um einen Fall für den Psychiater oder für den Staatsanwalt handelt.

Wolfgang Hund ist etwas konzilianter, dann aber ebenso eindeutig ablehnend:

Ich würde die beiden Sachen trennen. Bei der Tierkommunikation kann es ja tatsächlich sehr sensible Menschen geben, die unbewusst kleinste körpersprachliche Regungen des Pferds lesen und interpretieren. Das machen wir übrigens im Alltag alle ständig mit unserem Gegenüber.

Das legt die Frage nahe, ob manche der beschriebenen Phänomene durch Spiegelneurone erklärbar sein könnten (Bauer 2005; http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelneuron). Das aber ist ein weites Feld …

5. Am Schluss eine belletristische Lektüreempfehlung zum Themenbereich

Der 2012 bei C.H. Beck erschienene Roman Traurige Therapeuten von Ingomar von Kieseritzky sei zu solch lustvoller Lektüre empfohlen, wie ich sie selber hatte. Tiere und ihre Therapeuten spielen darin eine ganz zentrale Rolle; es geht, wenn man so will, auch um Tierkommunikation. Der Klappentext verspricht wahrlich nicht zu viel:

Herr Singram ist mit der besten aller Welten mehr als unzufrieden und zieht sich enttäuscht und leicht angeschlagen in ein Sanatorium zurück, um endlich schriftlich zu fixieren, welche Lebensmanöver er mit Hilfe von Frauen, Tieren und weltflüchtigen Compagnons bestanden hat. Lässt seine Erinnerungsfähigkeit nach, versenkt er sich in die anekdotischen Tagebücher seiner Vorfahren, die alle eine Schwäche für Tiere hatten – Urgroßvater Irin war Zobeljäger, sein Sohn Edward unterhielt in England einen Privatzoo; dessen Sohn malt die Tiere – berühmt ist seine „Arche Noah sticht in See“ […].

Literatur

Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg 2005.

Dichtl, Fritz: Sprechende Tiere in Literatur und visuellen Medien. Eine volkskundliche Untersuchung zur Beziehung Mensch – Tier. Diss. Augsburg. Philologisch-Historische Fakultät. Europäische Ethnologie / Volkskunde 2008.

Ecker, Hans-Peter: Legenden. Heiligengeschichten vom Altertum bis zur Gegenwart. Ditzingen 1999.

Goldner, Kevin: Vorsicht Tierheilpraktiker. „Alternativveterinäre“. Diagnose- und Behandlungsverfahren. Aschaffenburg 2006 .

Huth, Anne: Sprechende Tiere in Literatur und Film. Ein Überblick anhand ausgewählter Beispiele. Studienarbeit. 2006.

Kieseritzky, Ingomar von: Traurige Therapeuten. Roman. München 2012.

Loetscher, Hugo: Der predigende Hahn. Das literarisch-moralische Nutztier. Zürich 1992.

Smith, Penelope: Gespräche mit Tieren. Praxisbuch Tierkommunikation. (Engl. Originalausgabe 1999). 4. Aufl. Weilersbach 2007.