„Schärfer als der Stachel einer Biene“ (Parzival, V. 297,12)

Metapher, Symbol und Maß. Zur erzählerischen Funktionalisierung von Tieren im Mittelalter

Von Kai Lorenz

Auf der Höhe der aggressiven Expansion des Lifestyle-Kaffeefilialisten Starbucks gegen Ende der 1990er Jahre kam in der amerikanischen Umgangssprache der Begriff one-Starbucks-town für eine kleine langweilige rückständige Stadt auf. Der Ausdruck ist damit als modernisierte Variante des bekannten wenn auch anachronistischen Idioms one-horse-town zu lesen. Während sich bis in die 1920er Jahre der Wohlstand und die Fortschrittlichkeit einer Gemeinde tatsächlich bis zu einem gewissen Grad an der Anzahl der von den Einwohnern gehaltenen Pferde ablesen ließen, müsste die Entsprechung seither eher an der Menge an Automobilen bemessen sein, ein solcher Ausdruck existiert aber nicht. Dass one-horse-town heute noch existiert, gebraucht und auch verstanden wird, obwohl der alltäglich reale Kontext, auf dem seine Bedeutung fußt, gänzlich der Vergangenheit angehört, zeugt von der Verankerung seiner Metaphorik im kulturellen Gedächtnis. Im geistigen Bild des Rezipienten entsteht, zusammengesetzt aus eigenen Erinnerungen und Erfahrungen aus Erzählungen, Filmen, Bildern etc., das Bild einer drögen kleinen Stadt und ganz selbstverständlich transponiert dieser die Metaphorik auf die heutigen Verhältnisse – sei es gemessen an Starbucks oder anderen aussagekräftigen Merkmalen. Das Tier, in diesem Fall das Pferd, erscheint damit als Maßeinheit, als Mittel des Menschen um seine Umwelt zu beschreiben und diese Erkenntnisse anderen Individuen verständlich mitteilen zu können. Dies existiert sowohl in der kulturwissenschaftlichen Bedeutung wie im obigen Beispiel, als auch in festgelegten naturwissenschaftlichen Größen, wie der bis heute gebräuchlichen Maßeinheit der Pferdestärke, die sich, obwohl offiziell seit Jahrzehnten durch die Maßeinheit Kilowatt abgelöst, doch hartnäckig im Sprachgebrauch hält. Auch hier ist die Verwendung des Begriffes losgelöst von der Kenntnis der ursprünglich für seine Entstehung ausschlaggebenden Größe. Während bei Ihrer Festlegung durch den schottischen Ingenieur James Watt im 18. Jahrhundert dies eine allgemein verständliche Maßeinheit darstellte, dürfte heute so gut wie niemand, der ein Automobil oder Motorrad kauft, eine Vorstellung von der Kraft eines einzelnen Pferdes haben, da diese nicht länger Bestand des Alltages und der Arbeitswelt sind. Dennoch verbindet auch der heutige Sprecher aus eigenen Erfahrungswerten heraus auch hier eine mehr oder weniger genaue Vorstellung mit dem Bezeichneten.

Die Verwendung von Tieren zur Bezeichnung von naturwissenschaftlichen Größen ist, solange nicht mathematisch genau definiert, ein ebenso ungenaues wie praktikables Vorgehen: ungenau, weil Kraft, Größe und Aussahen der einzelnen Exemplare je nach Rasse, Alter und diversen individuellen Gegebenheiten sehr unterschiedlich ausfallen, praktikabel, weil sie trotz dieser Toleranzen – derer sich Sender um Empfänger ja durchaus bewusst sind – in Zeiten, in denen normierte und weltumspannend standardisierte Maße und Gewichte noch nicht definiert bzw. verfügbar waren, eine verständliche und anschauliche Methode darstellten um derlei Größen zu kommunizieren. Dies geschieht natürlich nicht systematisch, weist zwangsläufig große regionale Differenzen auf, und mit Sicherheit sind viele solcher Vergleiche mittlerweile in Vergessenheit geraten. Wo sie aber ans Tageslicht treten – ob im täglichen Sprachgebrauch oder in älteren schriftlichen Tradierungen –, stehen sie im Kongruenzbereich von Natur- und Kulturwissenschaften und bilden damit ein kleines aber wirkmächtiges Teil im Puzzle der menschlichen Geistesgeschichte.

Literarisch finden solche Tierbezüge nur vergleichsweise spärlichen Niederschlag, denn die Darstellung richtet sich eher auf das hermeneutisch Symbolische. Gerade für die literarischen Zeugnisse des Mittelalters erweist sich aber ein näherer Blick als spannend, denn die existentielle Verflechtung des Menschen mit dem Tier war hier sehr ausgeprägt. Gleichzeitig wird das Mittelalter weithin als naturwissenschaftliches Vakuum begriffen, geprägt durch eine religiöse oder abergläubische Naturdeutung und Weltauffassung, die im Vergleich zu den mathematischen und geographische Schriften der Antike krude wirkt. So schlagen auch viele Wissenschaftsgeschichten wie selbstverständlich einen Bogen über das gesamte Mittelalter hinweg: „Vom Ausgang des klassischen Altertums bis ins 15. Jahrhundert fand naturwissenschaftliches Denken praktisch nicht statt.“ (Huxley 2007, 45) In der Tat war das naturkundliche Wissen durch die antiken Werke geprägt, aber es gab auch eine rege Auseinandersetzung mit den dort enthaltenen Darstellungen, etwa den zoologischen Schriften des Aristoteles (Vgl. Steel et al. 1999). Eigen ist ihr jedoch der hohe Stellenwert der christlichen Ausdeutung: „Im frühen und hohen Mittelalter dominiert das ganz vom typologischen Denken der Theologie geprägte Bild, das auf den Physiologus zurückgeht.“ (Dinzelbacher 2000, 256) In den mittelalterlichen Weltkarten, Bestiarien und Heilkunden finden sich neben den realen Geschöpfen der Welt auch zahlreiche fantastische Kreaturen; medizinische Schriften sind meist eine Mischung aus praktischen Erkenntnissen, Typologie und Rezeption (vgl. Dinzelbacher 2000, 255–292).

In der Dichtung ist der Niederschlag dieser Deutungsmuster eher gering, im Vordergrund stehen Instrumentalisierung und Symbolik: In der Lyrik werden gerne Vögel ins Spiel gebracht, da sie den höfisch repräsentativen Aspekt und erotische Metaphorik gleichzeitig abbilden können, wie etwa in Kürenbergers ich zôch mir einen valken (Kürenberg II,6 [MF, S. 25]) oder Walters Lindenlied (Walther von der Vogelweide, 94ff.). Entsprechend sind Vögel häufig in den dazugehörigen Miniaturen vertreten, sowie die ebenfalls höfisch konnotierten Pferde und Hunde.

In der Epik dominiert zunächst das Pferd. Dies liegt in der Natur der Sache, denn als Literatur einer Gesellschaft, die sich maßgeblich durch die Idee des berittenen Kriegers definiert, sind Pferde alltägliche notwendige Arbeitstiere einerseits und Symbol für Stärke, Beweglichkeit und Herrschaft andererseits. Neben den zahlreichen kurzen topischen Erwähnungen, dass der jeweilige Held auf einem edlen, starken, teuren Pferd unterwegs ist, stechen vor allem zwei Stellen hervor: die vielleicht bekannteste und längste Schilderung eines Pferdes in Hartmanns Erec, in welcher der Erzähler über gut 200 Verse das Ross Enites als in jeder Hinsicht ideal lobt (vgl. Erec, V. 7277-7460), um zum Schluss zu bemerken, dass es eigentlich noch viel mehr zu sagen gäbe, er aber nicht zu lange von Pferden sprechen wolle (vgl. Erec, V. 7450– 7454), sowie die wahrscheinlich als ironisch intertextuelle Antwort lesbare Schilderung von Ades Pferd im Lanzelet, in der der Erzähler im Umkehrschluss die negativen Eigenschaften aufzählt, die das Pferd dieser Dame nicht hat: es beißt nicht, torkelt nicht, hat keinen Herzfehler und keine entzündeten Gelenke (vgl. Lanzelet, V. 1452–1475).

Das Tier erscheint in der Dichtung durch und durch instrumentalisiert, bis auf das Gralspferd Gringuljete im Parzival trägt kaum ein Pferd einen Namen. Dies sollte aber nicht als Geringschätzung im modernen Sinn gelesen werden (es existieren durchaus auch nicht unbedeutende Figuren, die Namenlos bleiben, wogegen im Wigalois sogar der Drache einen Namen trägt). Interessant ist vielmehr, dass in der höfischen Selbstinszenierung, dem artifiziellen Zusammenspiel verschiedenster Akteure, Kreaturen und Zeichensysteme ein sich aus der Tierwelt bekanntes Ordnungsmuster widerspiegelt, über das bereits Konrad Lorenz und später Gilles Deleuze gehandelt haben:

Dabei geht es um die Entdeckung, dass bei Tieren Territorien häufig ein Ausdrucksphänomen sind. Tiere markieren ihre Territorien durch Farben, die sie selbst tragen, oder durch Sound, durch Gesänge und Geräusche. Territorien sind im Konzept der Philosophen keine festgelegten Räume, die besetzt oder unbesetzt sein können, sondern bewegliche Strukturen, die erst durch die Bewegung der Tiere erschaffen werden.  [Riechelmann 2013, 82]

Ebendies führen insbesondere die Artusromane vor: Der hof ist kein Fixpunkt, sondern dort, wo Artus weilt, wo die Melodien erklingen, die Farben gezeigt werden. Feudaladelige Herrschaft ist audiovisuelle Präsenz; arthurische Regeln gelten immer dann und dort, wo ein Artusritter auftaucht. Der einzelne Ritter identifiziert sich durch seine unverwechselbaren Charakteristika mit diesem Prinzip und spielt es während seiner Bewegungen durch die poetische Welt immer wieder durch. Dabei beansprucht er, notfalls mit Gewalt, die Gültigkeit des Systems. Um dies in einem über die Möglichkeiten der menschlichen Physis hinausreichenden Wirkungskreis tun zu können, bedient man sich wiederum des Tieres, das dann seinerseits Träger der zivilisatorischen Symbole wird. Wollte man die Dichtungen des Mittelalters (wie oft praktiziert und kontrovers diskutiert) als Projektionsfolie sehen, mithilfe derer auch moderne Strukturen sichtbar gemacht werden, und dabei noch einmal ein Beispiel wie das eingangs genannte des heutigen wirtschaftlich organisierten Herrschaftssystems heranziehen, ließe sich zeigen, dass dieser Mechanismus auch in der modernen Gesellschaft durchaus nachweisbar ist.

Weitere häufig genannte Tiere sind Hunde, die als Zier- oder Jagdhunde ebenfalls höfisch konnotiert sind, sowie die bereits im Hinblick auf die Lyrik erwähnten Jagdvögel. Auch hier erfüllen diese durch Ihre Kostbarkeit einen herrschaftlich repräsentativen Zweck (so kommt etwa der junge adlige Johfrit auf „einem pferde gemeit“ daher und „ein habich fuotz er ûf der hant“ [Lanzelet, V. 468-470.]), tauchen aber auch in ihrer Symbolik der körperlichen Liebe auf („der minnen vederspil Isôt“ [Tristan, V. 11989.]). Daneben gibt es reichlich Drachen. Wie Riesen oder mit unfairen Mitteln streitende Gegner sind diese instrumentalisiert als unhöfische Gegner, die der Held besiegen muss (vgl. etwa die Drachenkämpfe im Tristan und im Wigalois). Der Löwe erscheint im Lanzelet auch als ein solcher wilder Gegner, der mit roher Gewalt niedergemetzelt wird, im Iwein dagegen als Helfer und Freund des Helden (zur Deutung des Löwen im Iwein vgl. etwa Jaron Lewis 1974, 67–83). Im Herzog Ernst existieren neben diversen Völkern mit phantastischem Körperbau auch Mischwesen zwischen Mensch und Kranich. Diese leben zwar in einer gängigen höfischen Gesellschaftsstruktur, der Versuch des Königs, eine menschliche Braut zu wählen, endet jedoch tragisch, „da als dicke er si kuste, / den snabel stiez er ir in den munt“. (Herzog Ernst, V. 3244f.)

Andere Tiererwähnungen finden sich meist in Form von Essbarem („lewen, bern, rôtwild, / swîn und swaz man jagen will“ [Lanzelet, V. 3992f.]), und, wie im modernen Sprachgebrauch auch, zum Verdeutlichung positiver oder negativer Charaktereigenschaften des Menschen. So erklärt Liddamus im Parzival, sein Gegner könne nicht einmal einem Huhn gefährlich werden, (vgl. Parzival, V. 419,24) und häufig wird auf die Beherztheit des Schweins im Kampf angespielt: ein Ritter ist „küene als ein swîn“ (Lanzelet, V. 3546) oder jagt die unterlegenen Feinde vor „sich her, als ein wildes swîn diu hunt“(Lanzelet, V. 1435). An anderer Stelle fliehen die Gegner vor dem Helden als „cleine vogele vor dem arn“ (Lanzelet, V. 3305). Wie so oft ist auch die Symbolik des Schweins durchaus mehrdeutig, so steht der Eber im Tristan sowohl für die bereits genannte Kraft und Tapferkeit, aber gleichzeitig auch für das offensiv-Sexuelle und die von ihm ausgehende Bedrohung – de facto also für den Protagonisten selbst (vgl. Tristan, V. 13515–13538).

Auch für die äußerliche Erscheinung werden Tiervergleiche herangezogen; so ist die vortreffliche Rüstung „wîz al ein swan“ (Lanzelet, V. 359), während das unattraktive Aussehen Kundrîes folgendermaßen beschrieben wird: sie hat einen Rücken wie ein Maultier, besetzt mit Haaren wie Schweineborsten, eine Nase wie ein Hund, Eberzähne, Ohren wie ein Bär, Hände wie von Affenhaut und Fingernägel, die denen eines Löwen gleichen – der Erzähler merkt an, dass um ihrer Liebe willen keine Zweikämpfe ausgetragen werden (vgl. Parzival, V. 313,16–314,10).

Neben all diesen Möglichkeiten der erzählerischen Nutzung von Tieren existiert aber eben auch noch die eingangs erwähnte und bislang unberücksichtigt gebliebene Variante des Tieres als Maß des physikalischen Verstehens. Der wesentliche Unterschied ist, dass das Tier hierbei eingesetzt wird, um reale und mathematisch nachvollziehbare Größen greifbar zu machen. Eine der gebräuchlichsten Einheiten hierbei ist der Tagesritt – einem damaligen Publikum war die Distanz und die damit verbunden Anstrengung leicht nachvollziehbar, wenn ein Ritt (je nach Tempo und Beschaffenheit des Geländes) einen oder mehrere Tage dauert. Ein weiteres Beispiel findet sich im Parzival, als der junge Protagonist, dem man eingeschärft hat Gewässer zu meiden, deren Grund er nicht sehen kann, sich nicht traut über einen Bach zu reiten „den hete ein han wol überschriten“ (Parzival, V. 129,8). Die Sprungweite des Hahns ist in einer Gesellschaft in der Nutztiere allgegenwärtig sind ein verlässliches und allgemein verständliches Maß für die geringe Breite des Baches. Im Gegensatz zu dem vorher genannten Tagesritt handelt es sich hierbei aber um ein Bild, das durchaus auch anders leicht zu fassen gewesen wäre. Etwas abstrakter, aber dem gleichen Prinzip folgend erscheint die Streckenangabe: Der Held ritt weiter, als ein Vogel (an einem Stück) fliegen kann (vgl. Parzival, V. 224,20).

Einen noch interessanteren Abschnitt enthält der Lanzelet. Die Größe eines Hügels, genannt Wilder Ballen, verringert sich proportional zur Annäherung des Betrachters: Aus einer Meile Entfernung glaubt man, ein aus Erz gegossenes Pferd zu sehen, reitet man näher heran ergibt sich aus einer halben Meile das Bild eines kleinen Maultieres, bei weiterer Annäherung erscheint der Hügel als ein Hund, dann in der Größe eines Fuchses und schließlich als eine kleine bauchige Vase, die aber so schwer ist, dass niemand sie aufheben kann. Dieses Konstrukt ist bemerkenswert und spielt mit physikalischen Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung – und dies in einer Zeit, in der sich die bildende Kunst mit der Darstellung solcher Perspektiven noch kaum beschäftigt (vgl. Panofsky 1974, 99f.). Dem Publikum vorgetragen eröffnet diese Bildsequenz ein faszinierendes und unglaubliches Gedankenspiel, und um diesen Effekt überhaupt imaginierbar zu machen, bedarf es allgemein bekannter Größen, die der Rezipient in einer fließenden Betrachtung, gleich einer Kamerafahrt, leicht aufrufen kann. Dies wiederum gelingt durch die Orientierung an den Rezipienten vertrauten Größen: den Körpern von Pferd, Maultier, Hund und Fuchs. Im Falle des Wilden Ballens werden diese nicht nur als Vergleichsgrößen herangezogen, sondern untereinander und mit der Blickführung und Bewegung im poetischen Raum dynamisch in Beziehung gesetzt, so dass ein optisches Trugspiel entsteht, das der Erzähler dann durch die Existenz des Balles, bei dem sich wiederum die Masse umgekehrt proportional zur Größe verhält, in ein zusätzliches physikalisches Wunder verwandelt.

Bezüge zu Tieren sind nicht nur eine erzählerische Gestaltungsmöglichkeit, um Charaktereigenschaft hervorzuheben, Superlative zu generieren und Figuren und Figurenräume lebendig und anschaulich werden zu lassen. Sie erweisen sich auch als diachron äußert stabile Konstrukte, deren Dechiffrierbarkeit bis heute ungebrochen ist, obwohl der direkte Bezug der allermeisten Menschen zu den Geschöpfen verschwunden oder auf ein Minimum des ursprünglichen reduziert worden ist. Es wird daher spannend zu beobachten sein, ob sich auch sprachlich die Ablösung der natürlich gegebenen Mensch-Tier Beziehung durch die selbstinitiierte Mensch-Technik Beziehung irgendwann etablieren wird.

Literatur

Primärtexte

Gottfried von Straßburg: Tristan. Hg. von Karl Marold. Unveränderter 4. Abdruck nach dem 3. mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin/New York 1977.

Hartmann von Aue: Erec. Hg. von Manfred Günter Scholz, übersetzt von Susanne Held, Frankfurt a.M. 2007 (= Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 20).

Herzog Ernst. Ein Mittelalterliches Abenteuerbuch, in der mittelhochdeutschen Fassung B nach der Ausgabe von Karl Bartsch mit den Bruchstücken der Fassung A herausgegeben, übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Bernhard Sowinski. Stuttgart 2003 (= RUB 8352).

Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann et al. bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren. Band 1. Stuttgart 1988.

Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik. Übertragen und erläutert von Otto Seel. Zürich 1995.

Deutsche Lyrik des Mittelalters. Auswahl und Übesetzung von Max Wehrli. Zürich 2001.

Riechelmann, Cord: Krähen. Ein Portrait. Berlin 2013 (= Naturkunden 1).

Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet. Hg. von Wolfgang Spiewok, mittelhochdeutsch/ neuhochdeutsch. Greifswald 1997 (= Wodan 71).

Wigalois Wirnt von Grafenberg: Wigalois. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn, übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach. Berlin/New York 2005.

Wolfram von Eschenbach: Parzival, Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung und Sachwort von Wolfgang Spiewok. 2 Bände. Stuttgart 2010 (= RUB 3681/3682).

Sekundärliteratur

Dinzelbacher, Peter (Hg.): Mensch und Tier in der Geschichte Europas. Stuttgart 2000 (= Kröners Taschenausgabe 342).

Huxley, Robert (Hg.): Die großen Naturforscher. Von Aristoteles bis Darwin, aus dem Englischen übersetzt von Frank Auerbach. München 2007.

Ingold, Tim (Hg.): What is an animal? London 1988.

Jaron Lewis, Gertrud: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. Frankfurt a.M. 1974 (= Kanadische Studien zur dt. Sprache und Literatur 11).

Obermaier, Sabine (Hg.): Tiere und Fabelwesen im Mittelalter. Berlin 2009.

Panofsky, Erwin: Die Perspektive als „symbolische Form“. In: Erwin Panofsky. Aufsätze zu den Grundfragen der Kunstwissenschaft. Zusammengestellt und hg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen. Berlin 1974.

Carlos Steel, Guy Guldentops, Pieter Beullens (Hg.): Aristotle’s Animals in the Middle Ages and Renaissance. Leuven 1999 (= Mediaevalia Lovaniensia I/XXVII).

Tiere als Freunde im Mittelalter. Eine Anthologie. Eingeleitet, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Gabriela Kompatscher, Albrecht Classen und Peter Dinzelbacher, Badenweiler 2010.

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„Schräge Vögel“

Tiere in der Sprache und im Wörterbuch

von Rolf Bergmann

1. Einleitung

 „Schräge Vögel“ in einem Traum von Universität:

Die erträumte Universität würde also weniger als Organisation belangvoll sein, denn als eine Lebensform, die man sich für einige Jahre oder immer wieder oder, in einigen Fällen, auf Dauer zu eigen machte. Alles Organisatorische, die Finanzen und die Studienordnungen, die Gremien und die Evaluationen wären bloß, was sie tatsächlich sind: Mittel zum Zweck freier, kreativer wissenschaftlicher Arbeit von Lehrenden und Studierenden. Eine solche Universität würde Stars ebenso gut aushalten können wie schräge Vögel, sie würde Zeit geben, ja auch Muße zulassen, und sie würde vom Irrtum als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis wissen. Wirklich gereizt aber würde eine solche Universität reagieren auf Denkfaulheit und Reflexionsverweigerung, auf Gelangweiltheit und Opportunismus. Und sie wäre wohl nicht seit Generationen strukturell unterfinanziert.

So formulierte der Münchner Germanist Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, im Jahre 2008 seinen Traum von Universität (ZEIT Campus online, 18.01.2008, S. 3).

„Stars“ und „schräge Vögel“ sieht Strohschneider offensichtlich nicht als Regelfall, aber doch als Ausnahmemöglichkeiten, die unter den Lehrenden und den Studierenden vorkommen können und die eine Universität auch sollte aushalten können. Was immer Peter Strohschneider mit „schräge[n] Vögel[n]“ in der Universität gemeint haben könnte – ich möchte davon ausgehen, dass Hans-Peter Ecker sich für schräge Vögel innerhalb und außerhalb der Universität und deshalb auch für den Ausdruck schräge Vögel interessiert und hoffe daher, dass ihm der folgende sprachwissenschaftliche Beitrag zu seinem ‘tierischen’ Festblog willkommen ist. Mir ist bewusst, dass der hier gewählte Einstieg ins wissenschaftlich gemeinte Thema dem Ganzen auch einen Sitz im universitären Leben gibt und beim Leser der folgenden Ausführungen Assoziationen zu lebenden Personen also nicht ganz ausgeschlossen werden können.

Schräge Vögel im Wörterbuch:

Laut DUW bezeichnet das Wort Vogel ein “zweibeiniges Wirbeltier mit einem Schnabel, zwei Flügeln und einem mit Federn bedeckten Körper, das im Allgemeinen fliegen kann” und schräg “von einer [gedachten] senkrechten od. waagerechten Linie in einem spitzen od. stumpfen Winkel abweichend”. Beide Bedeutungen liegen in der Verbindung schräge Vögel offensichtlich nicht vor, vielmehr ist hier die im DUW jeweils an zweiter Stelle genannte Bedeutung realisiert: Bei Vogel “(salopp, oft scherzh.): durch seine Art auffallender Mensch: ein lustiger, lockerer, komischer, seltsamer, schräger, linker V[ogel)” und bei schräg “von der Norm, vom Üblichen, Erwarteten abweichend [u. daher nicht akzeptiert]: er ist ein ganz schräger Vogel.” Diese Bedeutungen sind an ganz bestimmte Kollokationen gebunden. Nur in Verbindung mit Adjektiven wie seltsam, komisch usw. bezeichnet Vogel Menschen, und nur in Verbindung mit Personenbezeichnungen wie Vogel, Typ hat schräg die Bedeutung ‘von der Norm abweichend’.

Als Bezeichnungen für Menschen begegnen noch weitere Tierbezeichnungen mit Attributen oder ohne; so spricht man von tollen Hechten, lahmen Enten, alten Hasen, schwarzen Schafen, süßen Bienen, flotten Käfern, schlauen Füchsen, albernen Hühnern, harten Hunden und so weiter oder es werden Menschen als Affe, Esel, Gans, Schwein oder Ochse bezeichnet.

Im Folgenden soll mit Hilfe von Wörterbuchbefunden den semantischen und pragmatischen Aspekten dieser Verwendungen von Tierbezeichnungen etwas nachgegangen werden. Dem Anlass und dem Medium dieser Ausführungen entsprechend wird keine systematische Vollständigkeit angestrebt; es soll vielmehr darum gehen, vertraute Phänomene des sprachlichen Umgangs mit den Bezeichnungen von Tieren breiter zu veranschaulichen, sprachwissenschaftlich einzuordnen und so weit möglich auch unter sprachhistorischem Aspekt zu erläutern.

2. Tierbezeichnungen und ihre Bedeutung

Wenn hier konsequent von Tierbezeichnungen gesprochen wird, wird damit die alltagsprachliche Verwendung des Ausdrucks Tiername für Wörter wie Hecht, Hase ganz bewusst vermieden. Tiernamen haben wie alle Eigennamen Monoreferenz und Direktreferenz (Nübling 2012, 17 f.). Das heißt, der Hundename Diva bezeichnet ein individuelles Tier (Monoreferenz), und er bezeichnet es ohne den Weg über eine lexikalische Bedeutung (Direktreferenz). Die Beziehung zwischen dem Eigennamen und dem damit bezeichneten Denotat muss erlernt und gewusst werden. Beschreiben kann man diese Beziehung nur im Rückgriff auf andere definite Einheiten, so etwa in der Form, dass von dem als Hund der Familie B identifizierten Tier gesagt wird, es heiße Diva.

Wörter wie Hecht, Hase sind nicht Namen für Individuen, sondern Bezeichnungen für Arten oder Familien von Tieren; Wörter wie Vögel oder Fische bezeichnen Klassen oder Gruppen von Tieren. Die Wörterbuchangaben zu derartigen Wörtern zeigen eine große Übereinstimmung mit Angaben in Enzyklopädien (Übereinstimmungen vom Autor durch Fettsatz hervorgehoben):

DUW: Vogel “zweibeiniges Wirbeltier mit einem Schnabel, zwei Flügeln und einem mit Federn bedeckten Körper, das im Allgemeinen fliegen kann”.

Wikipedia: “Die Vögel sind traditionell eine Klasse der Wirbeltiere, deren Vertreter als gemeinsame Merkmale unter anderem Flügel, eine aus Federn bestehende Körperbedeckung und einen Schnabel aufweisen”.

DUW: Fisch “im Wasser lebendes, durch Kiemen atmendes Wirbeltier mit einem von Schuppen bedeckten Körper u. Flossen, mit deren Hilfe es sich fortbewegt”.

Wikipedia: “Fische (Pisces) (von lateinisch piscis „Fisch“) sind aquatisch lebende Wirbeltiere, die mit Kiemen atmen. In der zoologischen Systematik bilden die Fische keine natürliche Einheit (Monophylon), sie sind also keine Verwandtschaftsgruppe, sondern eine Gruppe von morphologisch ähnlichen Tieren.

Die Wörterbuchangaben sind Beschreibungen der mit dem betreffenden Wort bezeichneten Tiere, sie erklären also, für welche Lebewesen diese Wörter als Bezeichnungen verwendet werden. Dass hier eine besondere Art von Wörtern vorliegt, zeigt sich daran, dass bei ihnen keine Bedeutungsangaben durch Synonyme möglich sind, wie etwa bei Angaben vom Typ Hast ‘große, überstürzte Eile’, Haupt ‘Kopf’ usw. Tierbezeichnungen sind daher auf dieser ersten Verwendungsebene semantisch unspektakulär, weil sie in dieser benennenden Funktion tatsächlich den Eigennamen ähneln.

3. Metonymien, Vergleiche, Metaphern

Semantisch interessanter werden die Tierbezeichnungen beispielsweise durch Metonymie, die dann naheliegt, wenn ein Teil des Tiers für den Menschen besondere Bedeutung gewinnt, etwa sein Fell. So bucht das DUW unter Fuchs als Bedeutung 2. a) Fell des Fuchses: ein Kragen aus F.; b) aus dem Fell des Fuchses gearbeiteter Pelz: sie trägt einen F. Ein Teil (Fell) wird mit dem Wort für das ganze Tier (Fuchs) bezeichnet (Fall 2. a); ein Produkt (Pelz) wird mit dem Wort für das Material (Fuchs als Bezeichnung des Fells) bezeichnet.

Mit wie eingeleitete Vergleiche werden ebenfalls als Besonderheiten der Verwendung von Tierbezeichnungen im Wörterbuch registriert, wenn sie eine gewisse Frequenz erreichen und so etwas wie stereotype Zuweisungen formulieren wie beispielsweise aufpassen wie ein Luchs, hungrig sein wie ein Bär, schlafen wie ein Dachs, glatt wie ein Aal sein, dastehen wie der Ochse vorm Scheunentor (alle in DUW). Hier wird auf dem Tier zugeschriebene Eigenschaften und Verhaltensweisen Bezug genommen.

Mit der direkten Bezeichnung von Menschen mit Tierbezeichnungen ist die Ebene der Metapher erreicht. Aus Er ist (dumm) wie ein Ochse wird Er ist ein Ochse. Im Wörterbuch steht dann eine synonymische Bedeutungsangabe wie bei Ochse ‘Dummkopf, dummer Mensch’, bei Gans ‘unerfahrene, junge weibliche Person’, bei Fuchs ‘durch seine Schläue u. Gewitztheit andern überlegener Mensch’(alle in DUW). Auch für die Metaphorik spielen natürlich die zugeschriebenen Eigenschaften der Tiere die entscheidende Rolle. Eine breite Materialsammlung von 1347 Positionen zur Tiermetaphorik in der deutschen Gegenwartssprache bietet der Anhang 2 bei Shelley Ching-yu Hsieh (2001, 307-342).

4. Tierbezeichnungen als Schimpfwort und als Kosewort

Die Tiermetapher kann schließlich besondere pragmatische Merkmale gewinnen, so in der Verwendung als Schimpfwort, was bei einer gewissen Gebräuchlichkeit in den Wörterbuchartikeln auch mit diesem Terminus angegeben wird, so etwa in DUW bei Affe, Ochse, Schaf, Schwein, während bei Esel ‘Dummkopf, Tölpel, Tor’ und Hund (abwertend) ‘gemeiner Mann, Lump, Schurke’ der Begriff Schimpfwort trotz gleicher Gebrauchsbedingungen nicht verwendet wird, was aber nur an einer gewissen Uneinheitlichkeit des Wörterbuchs liegt. Die Quelle der Metaphorik ist manchmal, aber nicht immer im wie-Vergleich erkennbar: Dumm wie ein OchseDu dummer Ochse!, Du Ochse!

Eine pragmatische Besonderheit liegt auch in der Verwendung von Tierbezeichnungen als Kosewörter in der Paarbeziehung und in der Eltern-Kind-Beziehung vor. Solche Verwendungen gelangen nur in seltenen Fällen ins Wörterbuch. DUW bringt immerhin unter Maus die explizite Angabe Kosewort mit der typischen Verwendung du süße Maus! , unter Hase und Spatz “Kosewort, bes. für Kinder”, während bei Bär, für das eine solche Verwendung ebenfalls bekannt ist, eine Angabe im Wörterbuch fehlt. Die Motivation der Wahl der einzelnen Tierbezeichnungen hängt beispielsweise mit der relativen Größe der Tiere zusammen, die uns Mäuse, Hasen, Spatzen als klein und niedlich wahrnehmen lässt; und bei Bär als Kosewort mag offensichtlich eher die Reproduktion als Teddybär als das gefährliche Raubtier selbst die Motivation liefern.

5. Metaphorische Syntagmen

Der Ausdruck schräger Vogel gehört zu den adjektivisch attribuierten Tierbezeichnungen. Hier gibt es zunächst solche, bei denen das Adjektiv auch auf der wörtlichen Ebene als Attribut zur Bezeichnung des Tiers verstanden werden kann. So gibt es natürlich in der Realität alte Hasen und lahme Enten. Die Metapher entstand mit der Übertragung des ganzen Syntagmas auf Menschen. DUW erklärt: “Der ältere Hase hat Erfahrung darin, dem Jäger zu entkommen, …” und beschreibt die Bedeutung des übertragenen Ausdrucks so: ein alter Hase “jmd., der sehr viel Erfahrung [in einer bestimmten Sache] hat”; und bei lahme Ente heißt es: “1. schwunglose, schwerfällige Person. 2. langsames Fahrzeug mit schwachem Motor”.

Für ein Syntagma wie schräger Vogel scheidet eine wörtliche Lesart aus, da es keine Vögel gibt, denen schräg als Attribut zugesprochen werden könnte. Dasselbe gilt wohl auch von Verbindungen wie linker, lockerer, komischer Vogel, während bei lustiger, seltsamer Vogel eine wörtliche Lesart denkbar ist. Die Grenze zwischen diesen Typen kann nicht scharf gezogen werden. Für schräger Vogel kann der Übertragungsweg jedenfalls nur vom Wort Vogel ausgehen, das als Bezeichnung für Menschen verwendet wird, dabei aber stets entsprechende charakterisierende oder evaluierende Adjektivattribute mit sich führt.

6. Zur Geschichte der Vogel-Metapher

Der Gebrauch von Vogel als Menschenbezeichnung wird im Grimmschen Wörterbuch seit um 1500 belegt, wobei eine Fülle von Adjektiven vorkommt:

13) sehr oft wird vogel auf einen menschen bezogen, gewöhnlich mit attribut oder in zusammensetzung; die meinung neigt sich dabei gern nach der ungünstigen seite, doch kann auch fröhlichkeit, geistige beweglichkeit bezeichnet werden. [DWB XII, II, 398-400]

An Adjektiven werden hier belegt:

arg, böse, durchtrieben, ehrlich, ehrvergessen, fein, frech, gerupft, gut, ketzerisch, leicht, leichtfertig, leichtsinnig, locker, lose, luftig, lustig, nass, nichtswürdig, öde, rar, redlich, schlau, schlimm, schön, selten, seltsam, unnütz, undankbar, verschmitzt, wüst.

Die in dem Lexem Vogel angelegte Bildlichkeit wird dabei gelegentlich im Text komplex ausgestaltet, wofür der im DWB bei luftig angeführte Eichendorff-Beleg ein Beispiel bietet:

‘kennen denn ew. hochwürden den bräutigam?’ fragte ich ganz verwirrt. – ‘nein’, erwiderte der alte Herr, ‘aber er soll ein luftiger vogel sein’. – ‘o ja’, sagte ich hastig, ‘ein vogel, der aus jedem käfig ausreiszt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn er wieder in der freiheit ist.’ Eichendorff w. (1964) 3,91 [(DWB XII, II, 399 f.)]

7. Zur Geschichte von schräg

In dem im Jahre 1899 erschienenen Artikel schräg des Grimmschen Wörterbuchs (DWB IX, 1618-1620) finden sich überhaupt keine Belege für eine Attribuierung zu Personenbezeichnungen. Im Artikel Vogel wird unter den Adjektivattributen zu Vogel schräg nicht nachgewiesen; das bedeutet nicht zwingend, dass es im Belegarchiv nicht belegt war, lässt aber vermuten, dass es sich so verhielt. Das beträfe dann den Zeitpunkt 1926, in dem die Lieferung 3 mit dem Artikel Vogel des erst 1951 fertiggestellten Bandes XII, II bereits erschienen ist.

Zur weiteren Wortgeschichte von schräg im 20. Jahrhunderts führt das ‘Deutsche Wörterbuch’ von Hermann Paul (10. Auflage von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel, Tübingen 2002, S. 875) unter Verweis auf Heinz Küpper, Wörterbuch der deutschen Umgangssprache (6 Bände, Hamburg 1963-1970) Folgendes aus:

seit dem früheren 20. Jh. auf Töne bezogen, schräg klingen, schräge Musik ‘Jazzmusik’ wohl nach 1933 (vgl. Kü), daran anschließend verallgemeinert auch ‘von der Norm abweichend, ungewohnt’ bzw. i. S. v. ‘suspekt’ “spätestens seit 1925/30″ (ebd.): schräge Firmen (WdG), [als Phraseologismus gekennzeichnet:] schräger Vogel wenn jmd. kein Vertrauen einflößt (nach 1945; Kü)

Auch das von 1961 bis 1977 bearbeitete ‘Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache’ (= WDG) kennt die Verwendung eine s[schräge] (wilde, heiße) Jazzmusik

Ein Frühbeleg für schräger Vogel lässt sich mit den vorhandenen lexikographischen Hilfsmitteln, die für das 20. Jahrhundert unbefriedigend sind, nicht ermitteln. Es fällt aber auf, dass mit Bezug auf H. Küpper für die Zeit nach 1945 zunächst eine negative Wertung bei schräger Vogel vermerkt wird; diese findet sich auch noch im Band Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. Bearbeitet von Günther Drosdowski und Werner Scholze-Stubenrecht (Der Duden in 12 Bänden, Band 11, Mannheim u. a. 1992, S. 636): ein schräger Vogel ‘ein zwielichtiger Mensch’ (mit einem Beleg von 1975).

Für den heutigen, nicht einseitig negativ konnotierten Gebrauch des Ausdrucks bietet das Wortprofil des DWDS von 1966 bis 2010 487 Belege, die Kookkurrenzdatenbank von Cyril Belica (CCDB – V3.3) des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim über 500.

8. Das semantische Spektrum von schräg

Für die Breite der Verwendungsweise und die auch in der Wertung schillernde Konnotation von schräg sind seine Nennungen in Synonymengruppen auf der zum Lemma schräg gehörigen Openthesaurus-Webseite (Version: 2013-07-16) des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache (=DWDS) aufschlussreich:

1. aberwitzig, abgedreht (umgangssprachlich), absurd, befremdend, befremdlich, bizarr, eigenartig, eigentümlich, eigenwillig, fällt aus dem Rahmen (umgangssprachlich), grotesk, komisch, kurios, lächerlich, merkwürdig, schräg, skurril, sonderbar, ungewöhnlich, verquer

2. abgedreht (umgangssprachlich), abgespaced (umgangssprachlich), ausgeflippt (umgangssprachlich), crazy (umgangssprachlich), (das) darf (einfach) nicht wahr sein (umgangssprachlich), (ziemlich) durchgedreht (umgangssprachlich), durchgeknallt (umgangssprachlich), irre (umgangssprachlich), (das) kann nicht wahr sein (umgangssprachlich), leicht verrückt, narrisch (umgangssprachlich bayrisch), nasch (umgangssprachlich bayrisch), nicht zu fassen (umgangssprachlich), schräg (umgangssprachlich), spinnert (umgangssprachlich), überdreht, übergeschnappt (umgangssprachlich), unfassbar, unfasslich, unglaublich, verdreht (umgangssprachlich), verrückt, wahnsinnig, wie Rumpelstilzchen (umgangssprachlich), wildgeworden

3. abgedreht (umgangssprachlich), absonderlich, eigenartig, kauzig, merkwürdig, schräg, schrullenhaft, schrullig, skurril, sonderbar, speziell, spinnert, spleenig, überspannt, ungewöhnlich, verschroben, wunderlich

4. abgeschrägt, schräg

5. atypisch, aus der Reihe fallend, ausgefallen, außergewöhnlich, formidabel, kurios, schräg (umgangssprachlich), speziell, uncharakteristisch, ungewöhnlich, unnormal, untypisch

6. diagonal, quer, schief, schräg

7. quer, schepp (umgangssprachlich), schief, schräg

Die Bedeutungsangabe des DUW “von der Norm, vom Üblichen, Erwarteten abweichend [u. daher nicht akzeptiert]” erweist sich im Hinblick auf diese Synonymengruppen als zutreffend.

9. Zur Geschichte des Ausdrucks seltener Vogel

Für die Verbindung ein seltener Vogel geben die Wörterbücher die Bedeutung ‘ein seltsamer, sonderbarer Mensch’ (DUW) und stellen diese Kollokation in eine Reihe mit ein lustiger, lockerer, komischer, seltsamer, schräger, linker, Vogel. Das Adjektiv selten hat in dieser Verwendung nicht die Bedeutung ‘nicht oft, nicht häufig vorkommend’. Insofern ist der an sich zutreffende Hinweis “nach lat. rara avis” (DUW) etwas irreführend, denn rara avis meinte im Lateinischen (etwa bei Juvenal) tatsächlich einen seltenen, so gut wie nie vorkommenden Vogel wie einen weißen Raben oder einen schwarzen Schwan. In diesem Sinne konnte dann ein Mensch mit einer für sehr selten gehaltenen Eigenschaft ein rarer oder seltener Vogel genannt werden, was als Lehnübersetzung ins Deutsche übernommen wurde, wobei im Frühneuhochdeutschen und älteren Neuhochdeutschen statt selten die Form seltsam in der Bedeutung ‘selten’ verwendet wurde. In Wikipedia (eingesehen am 2.6.2013) wird dazu weiter ausgeführt:

Martin Luther gebraucht die entsprechende Metapher im Deutschen 1523 in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“: „Und solt wissen, das von anbegyn der wellt gar eyn seltzam vogel ist umb eyn klugen fursten […]“ (und du sollst wissen, dass seit Anbeginn der Welt ein kluger Fürst ein seltener Vogel ist). Eine Passage der „Colloquia familiaria“ des Erasmus von Rotterdam Sic olim rara avis erat abbas indoctus, nunc nihil est vulgatius übersetzt Justus Alberti 1545: „Also war auch vorzeyten ein ungelerter abt ein seltzam vogel. Nu aber ist nichts gemeiner und gewonlicher“. Wie bei Luther bedeutet „seltzam vogel“ auch hier „seltener Vogel“.

Ein seltener Vogel ist in dieser Verwendung also eine nicht oft vorkommende Art von Mensch. Der Weg zum heutigen Gebrauch wird im Grimmschen Wörterbuch unter selten (DWB X, I, 544 f.) nachgezeichnet: “mit hervorhebung des begriffs der eigenartigkeit, der sich naturgemäsz mit dem der unhäufigkeit, ungewöhnlichkeit verknüpft.” Die semantische Nähe zu seltsam kommt in einem Doppelbeleg bei Goethe zum Ausdruck: “die dame …erzählte manches vortheilhafte von diesem seltenen und seltsamen manne” Göthe 28, 246 (zitiert nach DWB X, I, 544), während Kant deutlich zwischen beiden differenziert: “vorliebe fürs paradoxe ist zwar logischer eigensinn, nicht nachahmer von anderen sein zu wollen, sondern als seltener mensch zu erscheinen, statt dessen ein solcher oft nur den seltsamen macht” Kant 10, 124 (zitiert nach DWB X, I, 544 f.)

10. Ausblick

Die Verwendung von Tierbezeichnungen als Menschenbezeichnungen innerhalb und außerhalb der Universität darf als ein weites Feld innerhalb der sprachlichen Kommunikation bezeichnet werden, von dem hier nur ein schmaler Ausschnitt betrachtet wurde. Gedruckte und digitale lexikographische Hilfsmittel können nur ein erstes Bild davon vermitteln, sind aber dennoch für die Ergänzung der begrenzten individuellen Kompetenz wichtig und geben auch erste historische Informationen. Die Beziehungen dieses sprachlichen Feldes zu gegenwärtigen und historischen Wirklichkeiten und allen mit ihrer Erforschung befassten Disziplinen sind vielfältig – wie immer, wenn es um die semantische und pragmatische Seite der Sprache geht.

Über die Sprachwissenschaft hinaus führen schließlich Links zu Bildern von seltenen Vögeln, rare vogels, weird creatures (vgl. etwa hier und hier), die andeuten können, ein wie weites Feld hier letztlich eröffnet ist.

Literatur, Wörterbücher, Digitale Hilfsmittel

Belica, Cyril: Kookkurrenzdatenbank CCDB – V3.3 des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Eine korpuslinguistische Denk- und Experimentierplattform. 2001 ff., http://corpora.ids-mannheim.de/.

Der Duden in 12 Bänden. Hg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Band 11: Duden. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. Bearb. von Günther Drosdowski u. Werner Scholze-Stubenrecht. Mannheim u. a. 1992.

Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 4., neu bearb. u. erw. Aufl. Mannheim 2001 [DUW].

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bde.  IX; X, I; XII, II. Leipzig 1899/1905/1951 [DWB].

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Hg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, http://www.dwds.de/ [DWDS].

Hsieh, Shelley Ching-yu: Tiermetaphern im modernen Chinesischen und Deutschen: Eine vergleichende semantische und soziolinguistische Studie. 2001, http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2001/209/.

Küpper, Heinz: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. 6 Bde. Hamburg 1963-1970.

Nübling, Damaris u. a.: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012 (= Narr Studienbücher).

Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. 10. Aufl. von Helmut Henne, Heidrun Kämper u. Georg Objartel. Tübingen 2002.

Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, 1961-1977, integriert in DWDS, http://www.dwds.de/panel/wdg_panel/ [WDG].