Mosquito ergo summ

Von Menschen, Mücken und Mal Aria

Von Anja Hassel

Mit Mal Aria hat die 1974 geborene Autorin Carmen Stephan 2012 einen Debütroman vorgelegt, der wie kaum ein anderer zum Nachdenken über das eigene Sein und das Verhältnis Mensch-Tier-Natur anregt. Der Klappentext resümiert: „Eine Geschichte über Leben und Tod. Erzählt von einem Moskito“. Damit befindet sich Mal Aria in bester Gesellschaft, werden Romane auch abseits der Kinder- und Jugendliteratur seit einiger Zeit auffallend oft aus der Sicht von Tieren erzählt: Andrew O’Hagan lässt Schoßhund Maf vom Leben seines Frauchens Marilyn Monroe berichten, Leonie Swanns Schafherde begibt sich in Garou bereits zum zweiten Mal auf Spuren- und Tätersuche, bei Karin Bergrath kommt der Tod auf leisen Gänseflügeln, in Rebecca Hunts Mr. Chartwell philosophiert ein streunender Straßenhund über die depressive Verstimmung Winston Churchills. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und doch sticht (man möge mir dieses plumpe Wortspiel verzeihen) Stephans zunächst aufgrund der gewählten Erzählperspektive etwas spleenig anmutende Moskito-Moritat vom hinterlistigen Mord an einer wehr- und ahnungslosen jungen Frau an den Ufern des Amazonas hervor – nicht zuletzt dank der Aktualität der Thematik auch in den heimischen Gefilden.

Denn während ganz Deutschland angesichts der Sommerhitze stöhnt, rüsten sich die Bewohner der von der Flutkatastrophe 2013 betroffenen Gebiete für den Endkampf: Die durch das Hochwasser entstandenen Tümpel und Pfützen sorgen für jede Menge Feuchtgebiete, die in Kombination mit hochsommerlichen Temperaturen ideale Voraussetzungen für die massenhafte Vermehrung blutdurstiger Insekten bieten.

Fortuna lächelt, doch sie mag
nur ungern voll beglücken.
Schenkt sie uns einen Sonnentag,
so schenkt sie uns auch Mücken.
(Wilhelm Busch)

Als wäre diese leidige Begleiterscheinung des Hochsommers  für all die Acarophobiker[1] unter uns nicht schon schlimm genug, droht obendrein eine ‚Überflutungsmücken‘-Plage: wie aus dem Winterschlaf erwacht, schlüpft nun auch noch die im Vergleich zu Artgenossen besonders aggressive Brut aus Eiern, die bereits vor Monaten oder sogar Jahren in zwischenzeitlich getrockneten, im Juni unglücklicherweise aber erneut überschwemmten, Gebieten abgelegt wurden. Und so werden allerorts Freisitze und Gärten zu Arenen eines blutigen Kampfes zwischen Mensch und Flügeltier, es peitschen die Fliegenklatschen und surren die UV-Mückenfallen.  Kaum einer, der sich vom unfreiwilligen Aderlass nicht belästigt fühlt. In diesem ungleichen[2] Duell trifft den kleinen Zweiflügler die geballte Härte menschlicher Kultur, die mit zivilisatorischer Abwehr gegen all das vorgeht, was ihre Ordnung empfindlich stört. Die Grenzziehung zwischen Natur und Mensch wird als Kampf mit Tieren und gegen sie vollzogen. Dabei sind tropische Moskitos wie die Anopheles-Mücke in Mal Aria, ähnlich den Ratten und sonstigem Ungeziefer, Repräsentanten des Todes, die gewaltsam verdrängt werden und doch stets wiederkehren. Der flächendeckende Gifteinsatz gegen Mücken ist nicht nur Hygiene- und Vorsichtsmaßnahme, sondern zeigt auch das, „was sich in der Psyche des Einzelnen ereignet: der Kampf mit unbewältigten Fragen nach dem Tod, der sich mit dem Körper des Tieres verschränkt und an ihm symbolisch wiederholen kann“ (Thermann 2010, 163 f.). In einem Brief an Thomas Mann vom 18. Januar 1954 schreibt Adorno: „Die bürgerliche Zivilisation hat das ‚Fiese‘ des Todes verdrängt und entweder veredelt oder mit Hygiene eingefangen“ (Adorno 2002, 134).

Ein gewagtes Romanexperiment also, in Zeiten eines weitverbreiteten, kollektiven ‚Anti-Summitismus‘ einem Vertreter dieser ungeliebten Spezies der artenreichsten Klasse der Tiere eine Stimme zu geben – wer will schon wissen, was einer Stechmücke durch den Kopf geht, wenn sie sich an uns labt? Noch dazu, wenn es sich dabei um die Überträgerin[3] einer Krankheit handelt, die auch in Kontinentaleuropa jahrhundertelang wütete und von der sich schon Schiller nie ganz erholen konnte. Noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts grassierte die Malaria in Deutschland und forderte vor allem im Rheintal viele Todesopfer. Spätestens seit Mitte der 1950er Jahre galt die Tropenkrankheit dann aber hierzulande offiziell als ausgerottet.

Gleich zu Beginn wird der Leser mit  wenig mitleidvollen Aussagen eines hinterlistigen, im Dunkel der Nacht auf ahnungslose Opfer lauernden Raubtieres konfrontiert: „Schlaft ein. Werdet wehrlos. Ich bin da“.  Vom in der ursprünglichen Schöpfung formulierten Urteil „Und siehe da, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31) ist nichts geblieben – von wegen, es gebe keine schädlichen Insekten und keine gefährlichen Tiere! Allem Kalkül zum Trotz handelt es sich bei diesem Tier-Subjekt jedoch nicht um eine reuelose Kreatur: „Wie konnte ich den Tod bringen, ohne es zu wollen?“ (MA 22). Die Antwort ist schnell gefunden: „Ich kenne kein Warum. Es gibt kein Warum“ (MA 180). Die todbringende Stechmücke ist ein kleines Rädchen im Getriebe der Natur, Teil eines Zyklus, aus dem sie nicht auszubrechen vermag: „Die Geißeln zwingen uns, zu Mördern zu werden“ (MA 50). Das Opfer, die 24-jährige Architekturstudentin Carmen, ist Sinnbild für den von der Natur zunehmend entfremdeten Menschen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts: „Die Natur war für sie etwas, das man ansehen und anfassen konnte, von dem man aber letztendlich getrennt blieb“ (MA 24). Am 13. Tag erliegt sie schließlich dem nicht-diagnostizierten Wechselfieber. Zwei Wochen Leidensgeschichte, in denen die Mücke nicht von ihrer Seite weicht und den rapide fortschreitenden Verfall protokolliert. Doch es bleibt nicht bei der beobachtenden Außenperspektive. Stattdessen werden das Insekt und die Infizierte eins, sind fortan „Blutsschwestern“ (MA 13). Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen zunehmend: „Sie wusste nicht, dass ich in ihren Gedanken treiben konnte, wie ihr Blut in mir. Ich konnte sehen, was sie sah. Denken, was sie dachte. Fühlen, was sie fühlte“ (MA 22). Die Übergänge von Mensch zu Zweiflügler – oder umgekehrt – in der Gedankenwelt erfolgen blitzschnell; mal schwadroniert der Moskito historisch überaus bewandert über die von Missverständnissen und Ignoranz geprägte Krankheitsgeschichte, mal klagt er den Menschen als eigentlichen Eindringling in die natürliche Ordnung an, dann wieder unterbrechen Erinnerungen an Carmens Kindheit den Erzählfluss. Und so wird auch die Mücke langsam eine andere, empfindet plötzlich Mitleid und will wiedergutmachen, was sich nicht mehr aufhalten lässt. Der Name ihres Opfers ist dabei nicht nur bloße biografische Spielerei[4] oder zufällig gewählt: so wie Don José in Georges Bizets wohl bekanntester Oper seine Geliebte unter Tränen niedersticht, fliegt auch der Moskito nach der Blutmahlzeit fortan schuldbehaftet und schweren Herzens („Wisst ihr überhaupt, dass Mücken ein Herz haben?“, MA 153) umher. „Der Augenblick, in dem Carmen krank wurde, gleicht einer Szene in einem alten Musicalfilm“ (MA 15) – Vorhang auf zum letzten Lebensakt.

Das Moskito-Weibchen ist Carmens Schicksal, und umgekehrt. Im Tod der beiden schließt sich jener Kreis, den Carmen und die moderne Zivilisation so gern zu negieren versuchen. Der Stechmücke ergeht es am Ende, wie den meisten ihrer Artgenossen: nach einem Schlag bereits schwer getroffen, klemmt ihr ein auf die Bettdecke herabfallender Finger Carmens schließlich ein Bein ab. Weitgehend bewegungsunfähig, endet so wenige Tage später ihr ohnehin im Vergleich zum Menschen recht kurzes und obendrein überaus gefährliches Leben – Ironie des Schicksals, möchte man meinen, immerhin stirbt die stechwütige Übeltäterin ausgerechnet durch die Hand ihres dahinsiechenden Opfers. Dass sie einen ebenso gewaltsamen Tod erleidet wie ihre ‚Blutsschwester‘, bleibt innerfiktional bedeutungslos. Ihre kläglichen Bemühungen, den offensichtlich Augen verschließenden Ärzten Hinweise auf die Malaria mithilfe in Staub geschriebener Botschaften zu übermitteln, sind schließlich schon zu ihren Lebzeiten zum Scheitern verurteilt. Versteht man Stephans Roman jedoch als eindringliche Mahnung, unser anthropozentrisches Weltbild zu überdenken, ist das von Menschenhand herbeigeführte Ableben des Moskitos ein durchdachter Kniff, der einmal mehr und wohl am eindringlichsten die Verzahnung von Mensch und Natur illustriert. Die Malariamücke muss töten, um das eigene Weiterleben und damit den Fortbestand ihrer Art zu sichern, und wird eben deshalb vom Menschen, der seinerseits seine Gesundheit zu schützen versucht, permanent mit dem Tod bedroht. Eine Grenzziehung zwischen Kultur und Natur ist damit schlicht unmöglich: „Idiotische Menschlein […]. Ihr steht nicht außerhalb des Zyklus. Ihr seid mitten in ihm“ (MA 119).

Primärliteratur

Bergrath, Karin: Mord im Tiefflug. Ein Gänsekrimi. Frankfurt am Main: S. Fischer 2012.

Hunt, Rebecca: Mr. Chartwell. Aus dem Engl. v. Hans-Ulrich Möhring. München: Luchterhand 2012.

O’Hanagan, Andrew: Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe. Frankfurt am Main: Fischer 2011.

Stephan, Carmen: Mal Aria. Frankfurt am Main: S. Fischer 2012. Zitiert als ‚MA‘ mit Seitenzahl.

Swann, Leonie: Garou. Ein Schaf-Thriller. München: Goldmann 2010.

Sekundärliteratur

Adorno, Theodor W. und Thomas Mann: Briefwechsel 1943-1955. Hrsg. v. Christoph Gödde und Thomas Sprecher. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.

Thermann, Jochen: Kafkas Tiere. Fährten, Bahnen und Wege der Sprache. Marburg: tectum 2010.


[1] ‚Acarophobie‘ bezeichnet die Angst vor Insektenstichen/ stechenden Insekten sowie die Angst, sich dadurch eine Infektion zuzuziehen.

[2] ‚Ungleich‘ bezieht sich hierbei nur auf die eingesetzten Waffen, im Todeskampf sind sich Mensch und Tier erschreckend ähnlich: „Die Mücken starben wie ihre Opfer. Sie zuckten, lagen in Krämpfen, DDT lähmte ihren Körper, bis er verging“ (Stephan 2012, 164).

[3] Zwar bleibt der Moskito-Erzähler im Roman namenlos, doch ergibt sich aus der Natur der Sache, dass es sich dabei um ein Mückenweibchen handeln muss. Anopheles-Mücken ernähren sich hauptsächlich von Pflanzensäften. Nach einer Befruchtung bedürfen jedoch die Weibchen unbedingt einer Blutmahlzeit.

[4] Die Autorin selbst erkrankte vor einigen Jahren an Malaria.

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