Briefe über Hunde

Von Ulrich Holbein

Sommer 1983

Mein guter Herbert!

Von Willi hegte ich jederzeit die Opinion, bedürftiger, unerleuchteter, bewegungsfreudiger könne kein Tier, jedenfalls kein Hundetier, sein. Da kann ich nur sagen: abwarten. Gestern hielt ein Bus vor dem Stückhof, heraus sprangen ältere Damen, drei Halbstarke, Babies wurden getragen, Kinder in Kleidchen schüchterten herbei, ein Vietnamesengesicht namens Melanie, ein südindisches Gesicht namens Dominique, mitgebrachte Freunde (Andy!), nicht zuletzt ein Hund: diese alle kamen ihren Sohn, Onkel, Bruder etc. besuchen, den am 6. August mit Frau und zwei Kindern (Neger kommen in Kürze nach) aus Kamerun zurückgekehrten Ewald Rumpf.

Der Hund hub an, in erstaunlicher Geschwindigkeit im Haus herumzulaufen, hin und her und her und hin, drehte stets, kurz bevor er Hindernis erreichte, ab, z.B. vor einer Wand oder vor dem Hindernis Willi, lief dann in eine irgendeine irreale Richtung, knickte manchmal ein, ließ dadurch sich aber gar nicht beirren, sofort weiterzulaufen. Er war fuchsbraun, fast so groß wie Willi, leider unproportionierter. Ansonsten achtundneunzig Jahre alt, Hundejahre. Nun betrachtete ich den tierischen Greis genauer, Gesicht grau, Augen blicklos, Maul hing unerfreulich runter. Man erfuhr, daß er blind sei, daß er taub sei, daß er kein Fleisch mehr fresse, daß er schon immer zur Familie gehört. Trotz seines Alters nimmt er immer noch Anteil an seiner Umwelt, was ich mit diesem Brief bestätigen möchte. Man erfuhr, daß er Kobold heiße.

Hinsichtlich seines Gangs konnte von Abfederung der Pfoten nicht mehr die Rede sein, alte Krallen klirrten über alle Böden. Öffnete irgendwo sich eine Tür, prompt raste Kobold klirrend auf den neuen Raum zu, blieb aber oft auf der Schwelle hängen — bis freundliche Hände halfen. Er versuchte die Treppe in Angriff zu nehmen, nach drei Stufen sank er geschädigt zurück. Pausenlos ging die Jagd durch alle Räume weiter. Nach fünf Minuten gab es keinen Ort der unteren Etage, die dieser Greis nicht abgearbeitet hätte, unbeirrbar, unmüde gab es sich Wiederholungen schon erforschter Rumlaufmöglichkeiten hin. Wollte ich ihn von Teppichen und ebenerdigen Betten entfernen, gehorchte er nicht. Wollte ich ihn hindern, Zimmerschwellen zu überschreiten, vor denen Willi brav halt macht, merkte er nichts davon, stöckelte, klirrte weiter, brach alle zehn Schritte halb, alle neunzig Schritte ganz zusammen. Doch waren überall jene schon erwähnten helfenden Hände. Hättest auch Du geholfen? Oder, wie damals beim Autoanschieben, Dich asozial geweigert? Nach einer Stunde war die Unrast nicht beendet. Nach dreien auch nicht. Wo auch immer jeder der Gäste und Bewohner sich hinbewegte: überall war Er. Es war eine Sie.

Willi wich ihr aus, wenn sie herantorkelte, zweimal erwischte ich sie, wie sie Willi beißen wollte. Als Kater Werner erschien, hub die Greisin besonders schrill zu bellen an, mitten in der Küche. Ihr Geruchssinn funktionierte leider noch. Zielloses Rumgeschnüffel an sich jederzeit wiederholenden Objekten. Manchmal fand Kobolds Bewegungstendenz eine Kreisform. Nach sieben oder fünf Stunden legte sich K. platt irgendwo hin (bzw. keiner half ihr, sie wieder auf die Beine zu stellen) und schlief. Jeder stolperte über sie. Dann biß das Wesen aus dem Schlaf heraus in die Luft. Es schlief zeitweise sehr tief, dann konnte stolpern wer wollte. Es schien nicht zu atmen. Alle sagten: „Sie schläft bloß“. Ich wußte: Kobold war tot oder starb wenigstens.

Später aber, beim Aufbruch, war Kobold wieder klirrend präsent, stieg in den Bus, und schon war der Spuk genauso vorbei wie dieser Brief, samt seiner herzlich verrauschenden Grüße

Ulrich Holbein Mühlehecke

3588 Allmuthshausen Tel. 05681-6908

Liebe Familie Lepper,

es bellt und jault und bellt — und zwar nicht nur doppelt so oft und doppelt so laut wie früher, sondern zig mal öfter und lauter. Nicht einmal in den gesetzlich geschützten Zeiten kann man vor dem Gebell sicher sein. Der neue Hund bellt nicht nur in den Mittagspausen, er hat uns nicht nur schon etliche Mal vor 7 Uhr wachgebellt und Dutzende und Hunderte von konzentrierten Arbeitsstunden verdorben, er bellt nicht nur übertrieben laut, wenn bei Ihnen Autos halten oder bremsen (oft auch dann, wenn Autos nur langsam fahren), sondern auch bei jedem Auto, das bei uns hält. Ich brauche nur Holz zu hacken — und schon bellt es los; wir können uns auf unserem Grundstück nicht bewegen, weder weggehen noch ankommen, ohne daß wir ausgebellt werden. Ihre Hunde „bewachen“ nicht nur Ihr Haus, sondern vor allem unser Haus, einschließlich den öffentlichen Waldweg, Straße und Fußweg nach Rückersfeld, kurz: alles, was in einem Radius von etwa 150 m sich nur unmerklich bewegt, jedes Geräusch und jeder Geruch veranlaßt sofort lästige Bellsalven.

Wir wohnen jetzt das 8. Jahr hier an der Mühlenhecke und sind zufrieden und dankbar hinsichtlich unserer doch sonst sehr erfreulichen Nachbarschaft. Ich habe den hundekotgarnierten Waldweg, die verschmutzten Kleider, nachdem Daisy uns ansprang, und den Umstand, daß Auslauf und Züchtigung der Hunde praktisch neben meinem Schreibtisch stattfindet, stets tolerieren können, da sich dies alles in akzeptablen Grenzen hielt. Seit der bellenden Neuanschaffung aber sehnen wir uns nach jenen friedlichen Zeiten zurück, in denen Ihnen noch eine freundliche Siamkatze als Haustier genügte. Jetzt graut uns schon vor Frühling und Sommer, weil es dann noch länger hell ist und es in der Umgebung noch mehr Geräusche und Gerüche geben wird, die das unzumutbare und unnötige Gebell nur noch haufiger auslösen werden. Eine Ihrerseitige Schwerhörigkeit kann doch kein Grund dafür sein, daß wir einer erhöhten Lärmdosis ausgesetzt werden, zumal es hier wirklich keine Gartendiebe gibt, sondern nur erholungsuchende Spaziergänger und Kinder, die Zettel austragen. Sie und wir wohnen hier am Rand von Allmuthshausen in wunderbar bevorzugter Lage in freier Natur in diesem Waldtal, jenseits von Stadtlärm und Dorflärm — warum muß dieser Frieden von akustischer Umweltverschmutzung nicht nur täglich, sondern stündlich und oft öfter als stündlich unterbrochen werden?

Ich bitte Sie um Verständnis und Abhilfe mit freundlichen Grüßen

Brief an Bodo Schmidt:

29.1.1994

Doch jetzt zu dem neuen Thema. Es führt leider ins Bodenlose. Einem Schneiderianer und Dackelfreund darf man sowas kaum beichten. Schwere Gewissensprüfungen stehen dir bevor. Seit Jahren leide ich unter Gebell. Von zehn Jahren Leben und Bücherschreiben gingen mir glatt drei ersatzlos durch Gebell verloren. Ein Gebell früh um 5 zeigtigt 18 Stunden Unausgeschlafenheit, Unkonzentration und existenziellste Zerknirschung. Da trotz wiederholter Bitten, Klagen und Drohungen Familie Lepper nichts tut, das Gebell abzustellen und ich auf offiziellem Weg nicht recht behalten würde, da es insgesamt und objektiv doch ziemlich selten bellt, reifte nun der Plan, zwei deutsche Schäferhunde mittels schädlicher Leberwurst verstummen zu lassen. Steinmann (also irgendwie du) erklärte sich bereit, die tödliche Wurst herzustellen. Herr Uecker aus Hamburg sorgte für verläßliche Rezeptur. Bitte gehe nicht zur nächsten Polizeidienststelle und denunziere bitte keinesfalls die unschuldigen Komplizen — ich allein bin in dieser Sache der treibende Motor. Noch ist nichts geschehen. Da Steinmann nie kommt, schrieb ich neulich an den Jugendfreund Herbert den folgenden Brief (bitte verzeih mir, daß ich ihm gegenüber Dich nur Ersatzfreund nenne; das muß ich strategisch tun, um ihn in seiner Rolle als dienstbaren Hundeschlächter einzuweisen; selbstredend bist du allein Nr. 1, und mit der Witzfigur Müller verbindet mich bloß seine glatzenförmige Zielscheibe und halt Nostalgie: Darmstadt 1972. Hier also ein Ausschnitt aus meinem Brief Mitte Januar an ihn:

„Leppers gehen nicht auf meinen schriftlichen Vorschlag ein (Diskette nicht mehr lesbar), ihren Hunden jene im Zoohandel erhältlichen Halsbänder anzulegen, die mit der Aussendung verkaftbarer Stromschläge jedem Hund das Bellen erfolgreich abgewöhnen. Aus meinen Briefwechsel mit Steinmann – Stichwort Leberwurst – geht hervor, daß ich auf dem Scheitelpunkt meiner Gebellphobie angekommen bin und jetzt von einem Hamburger Apotheker namens Uecker, der alle 7 Bücher von mir auswendig kennt und mir gestand, er hätte noch bei keinem Autor der Weltliteratur sich sooo verwandt gefühlt, ausreichende Medikamente diskret übersandt bekam und es jetzt nur noch drauf ankommt, eine Boulette im Wald auszulegen, wo täglich um 17 Uhr die beiden deutschen Schäferhunde ohne Aufsicht herumstreunen, seitdem schimpft mein Gewissen mich Mörder. So als spüre ich intuitiv, daß ich eines Tages auch nichtanimalische Wesen (homo sapiensartige Leute), falls sie mir lästig würden, mit Ueckers Hilfe wegschaffen könne, of course ohne jede medikamentöse Spur im Leib. Es stellt sich ein sofortiges, befreiendes Herzversagen ein. Falls Du also mal supersensibel in kosmische Räume abzwitschern möchtest, hab ich hier LSD von erstaunlicher Qualität vorrätig, einen Jubiläumstrip, 1943-1993, doppelt so teuer wie übliche Ware, und falls Du es in diesem Leben vor Frust & Qual nicht mehr aushälst, kannst du dich ebenso vertrauensvoll an Uecker und mich wenden, 20 Tbl. Digimerck 0,1 (dosis letalis) plus 2 Tbl MCP-ratiopharm (gegen das Erbrechen erstgenannter Wirkstoffe), und schon bist du da, wo wir neulich in Darmstadt leider völlig das Grab Greis Müllers zu besuchen versäumten.

Doch zurück zur Leberwurst. Steinmann erklärte sich brieflich bereit, im Wald die inhumane Leberwurst auszulegen. Jetzt aber, wo es ernst wird, scheint er einen Rückzieher zu machen. Jedenfalls hat er zur Zeit unabsehbar viel dort unten zu tun, kann nicht raufkommen. Jetzt eine Frage an Dich — Du ahnst, wie sie lauten könnte. Eingedenk jener schönen Stunden anno 83, in denen Du mit gelben Plastikhandschuhen existenzielle Studien an vollbesetzten Mausefallen triebst, eingedenk ferner deiner etappenweisen Katzenertränkungen und Hinrichtungen diverser Mitbewohner namens Martin, sodann auch eingedenk deiner erprobten Fähigkeiten als ein dem Zeitschmecker Siebeck stets erfolgreich nachstrebenden Bereiter köstlicher Reis- und Fleischgerichte möchte ich Dir die Gelegenheit nicht vorenthalten, dich vom zur Zeit nicht äußerst verläßlichen Steinmann ausstechen zu lassen, in der ordnungsgemäßen Durchführung wichtiger Arbeiten zugunsten meiner ungestörten Weiterarbeit auf literarisch-künstlerischem Gebiet. Immerhin kann ich mir sagen, daß zoologisch zwischen Maus und Hund kein nennenswerter Unterschied sei, bloß ein kleiner Größenunterschied. Erst ein Mensch ist meiner Ansicht nach eine neue Qualität, die ich niemals mit jenen hoffentlich von Dir bereiteten Bouletten umlegen könnte, wollte und würde. Ich weiß nicht mal, ob ich die leckere Dosis letalis in gebratenes Hackfleisch einarbeiten soll, oder in die Frikadellen-Rohmasse? Oder mitbraten? Also schon aus solch küchenspezifischen Gründen sehe ich mich außerstande, das Bellen endlich abzustellen. Eher brächte ich es fertig, ein Taxi zu bestellen und zum Steuerberater zu fahren.“

Anmerkung: Müller will mich nämlich ständig überreden, daß ich einen Steuerbrater bräuchte, doch möchte ich das Thema nicht in diese Richtung erweitern. Jedenfalls sandte er mir postwendend einen Brief mit Thomas Mann-Zitat, der im Alter sich nicht mehr an Menschen erfreuen konnte, sondern nur noch an Hunden. Dann schalt er mich, daß ich oft fernsehe, also dasselbe treibe wie Familie Lepper. Und dann sagte er mir zu, die Frikadelle für mich zu braten, unter der Bedingung, aus der restlichen Fleischmasse Frikadellen für ihn und mich machen, zu gemeinsamem Verzehr — obwohl er genau weiß, daß ich mir als Vegetarier gefalle. Zugleich teilte er mir mit, daß er nach Florida reise, und ich solle unbedingt mit.

Nun weißt du alles, was zum Verständnis meines beiliegenden Briefs an Müller wichtig ist, den ich liebevoll und sorgfältig mit deiner Zunge zu belecken bitte, um ihn alsdann auf dem Weg zur Schulleiterin in einen Hamburger Briefkasten einzuwerfen, 1. auf daß Müller ob des Poststempels staune, wo ich mich überall herumtreibe, und 2. damit du, o Freund, in dieser heiklen Angelegenheit, in der es nun wirklich um Leben & Tod geht, rechtzeitig mitreden kannst. Die Medikamente stehen bereit, sie sind haltbar bis 97. Nebenbei quäle ich mich mit der Entscheidung, ob ich für zehn Tage mit nach Florida soll. Ich erhoffe mir von dir ein Nein zu Florida und ein Ja zur Leberwurst, bzw. eine Beruhigung meines Gewissens aus deiner Sicht, wobei ich zu bedenken bitte, daß das Christentum nie viel für Tiere übrighatte. Wehe, wenn du mich vom Hundemord abhalten möchtest und derweilen selber Würste mampfst.

Verzeihe jetzt schon

Edler Burghard,

Wie kann man nur sooo edel sein und nicht der Dritte im verruchten Bunde sein wollen, und das bloß, um vor Gott ganz prima dazustehen als fleckenlos mahnende Stimme, derweilen ich dann bloß als verunreinigte Seele danebensteh und schamrot mit Mülli in die Hölle muß, und mit Steimann, Ücker, Schmidt, Schopenhauer und Fariduddin Attar, derweilen du mit Reinhold Schneider, Drewermann & Don Camillo „dort, wo es schimmert“ (Klopstock) sitzen darfst, herabschauen auf uns schweißtriefende Orkusbraten? Du hast also noch nie eine Mücke plattgeschlagen und keinesfalls eine Wurst getötet? Folglich dürfte ich auch mein Brot nicht mehr mit dir brechen dürfen? Darf ich wenigstens Mäuse bekämpfen? Nachts flitzen und rammeln sie mir stundenlang überm Kopf herum.

Diffizile theologische Probleme eröffnest du: Falls ich die Boulette auslege, kannst du keinen Tee mehr mit mir trinken. Falls ich mich für den Rest meines Lebens jeden Morgen ab 5 wachbellen lasse, um alsdann ganztägig übernächtigt und unkonzentriert am Schreibtisch zu leiden, alle paar Minuten vom Gebell zusammenschrecke, obwohl ich allein 1993 über 8000.- DM für zusätzliche Lärmschutzfenster ausgab, was kaum half, falls mir also auch von den nächsten zehn Jahren vier rundweg fortgebellt werden und mein chef d’oeuvre, z.B. „Isis entschleiert“, unabsehbar vertagt wird, dann kannst du weiterhin mit mir Tee trinken!?!? Von Herbert erhoffte und erbat ich mir bereits vor Jahren brieflich „die bedingungslose Unterstützung meiner fraglichsten Tendenzen“ und der Gute gewährte sie mir reichlich.

Deine abgrundtiefenpsychologische Kompaktdeutung unserer virtuell unvermeidlichen und dreifach auskostbaren Lebenswurstiaden sind in ihrer glänzenden Stringenz und inneren Logik unschlagbar, plausibel, unwiderlegbar und vieles mehr, dennoch scheinen mir deine Ausführungen von deiner abgebremsten sexuellen Energie nicht nur angefärbt, sondern durch und durch imprägniert zu sein; deine Formulierungen triefen und leuchten von einer Geilheit, die ein Normalgenießer vermutlich zeitlebens nie und nimmermehr genießen darf — hybrid, verrucht! Wenns nach dir ginge, müßten alle Leute, die je in und um und bei Darmstadt wohnten, Afterverkehr üben — das geht Müller und mir entschieden zu weit, bitteschön! Zwischen uns – hiermit seis reumütig gebeichtet – war praktisch gar nichts; seit 73 sind wir in aufrichtiges Bedauern verstrickt, nicht schwul zu sein. Immer wenn ich ihn zu küssen versuchte (bei Begrüßungen), wich er angewidert aus und betonte, er liebe nur meinen Geist, von dem er – unter uns gesagt – nicht viel mitkriegt. Er sieht mich bevorzugt als Mensch, nicht als Literat. Allenfalls saßen wir mal in einer Badewanne, oder er führte mir Dias mit Nacktbildern diverser Freundinnen vor, derweilen wir uns vergebens zu kraulen und zu erregen versuchten. Wir hockten nackt am Projektor; lediglich die Brille behielt er auf, um den bleichen Hintern seiner Urholden Elke wenigstens halbwegs sehen zu können.

Nie gelang es mir, diesem Mann das Fleischessen ernsthaft abzugewöhnen, trotz eines Riesenaufgebots an Verekelungsmethoden, edlen Zitatsammlungen (schier aus dem Hause des Heiligen Burghard) und beispiellosem Vorleuchten. In diesem Punkt halten Müller und Schmid mir gegenüber deutlich zusammen. Beide essen Wurst, beide sind etwas älter als ich, leiden an Haarausfall, wollen nicht mein Privatsekretär werden und beide lieben hartkantige popular music. Lehrer Müller unterrichtet sogar E-Gitarre. Obwohl ich ihn bereits 1973 in Debussy einweihte und er auch eine Zeit lang so tat, als hätte es geklappt, hört er jetzt ausschließlich Phil Collins, Nirvana — ich muß nachfragen, was für Gruppen er z.Z. präferiert. Auch Steinmann verhüllt nur schlecht seine Klassikferne. Und Ücker raucht sogar. Du siehst, einsamer als ich kann man gar nicht sein. Keiner will mit mir Hunde töten gehn, d.h. der dienstbare Herbert will und würde schon, aber im Grunde schaudert es mich ja selber davor. Ich möchte bloß, daß nicht gebellt wird, und das ist bisher durch nichts zu erzielen.

Bedenklich bleibt lediglich dies, daß du keinen Tee mehr mit mir trinken möchtest, bloß weil ich eine Fliege am Beinchen zu verletzen erwog. Einem Freund möcht ich beichten können: „Ich hab soeben leider meine Oma geschlachtet“ und dann nicht von der Tür gewiesen werden, sondern in deiner Küche Asyl genießen, vor den Nachstellungen Derricks und Harry Kleins. Sonst können wir uns ja gleich so ungnädig anraunzen wie Dr. Treher und ich uns. Was vielleicht nicht ohne Interesse wäre. Gäbe es ein Thema, anhand dessen wir uns brieflich restlos zerstreiten könnten? Das würde ich gern erforschen = provozieren, nur wie? So eine billige Lebenswurst dürfte da nicht ausreichen.

Da ich in Gedanken bereits Daisy und Shanya (so heißen heut deutsche Schäferhunde selbst bei Fam. Lepper) vergiftet habe, kann ich die Tat aufgrund deiner Unterstützung noch so unausgeführt lassen, im Innern und vor Gott bin ich bereits schuldig geworden und hab im Herzen die Ehe gebrochen, derweilen es draußen weiterbellt — wie kann man nur aufseiten aggressiv dressierter Natur fechten, statt zur Literaturgeschichte und ihren Bedingungen (Stille) zu halten?

Vorspruch:

Und es kann doch auch nicht zu Deiner Zunft gehören, daß Freundschaft da immer dem Beruf geopfert werden muß. Was hab ich nur an mir, daß ich immer nur zur Spottfigur reiche? Wieviel Schmidts werden noch kommen, bis ich ihnen die Nulpe endgültig abnehme und zur finalsten Briefvorlage herhalte? Jedes Mäusevergiften im Feuilleton, jede Freundschaftstrübung als Rundbrief bei den Kollegen, — (Herbert Müller brieflich am 29.2.94 an mich)

Mein entzahnter Burghard,

Nulpe und Pulpa verliefen sich im Wald — besten Dank für die gurgelnden und spritzenden Berichte deiner genußvoll vorverlegten Pseudokastration: Selbstverständlich wäre nichts davon nötig gewesen! Seit 1880 kann jeder Zahn, außer ein paradontös hervorwackelnder oder abgrundtief vereiterter, prinzipiell gerettet werden, kraft raffinierter Wurzelbehandlung. Nur verdienen halt die Ärzte – sowieso stets im Bunde mit Kukident – mit der Ersatzproduktion wesentlich mehr als mit Zahnrettung, und so werden denn pro Jahr in der BRD 60 Millionen Zähne gezogen, 59 Millionen unnötigerweise! Ich könnte Storys erzählen. Wenn ich jedesmal auf den Rat meiner Dentisten gehört hätte, stünde ich bereits jetzt mit Hollywood-Blendax-Vollprothese vor dir, statt gelbe, marode Originalsubstanz vorweisen zu können. Als Hilfspfleger im Stadtkrankenhaus Kassel konnte ich psychisch unangefochten Sammelurin einsammeln und durchs Nierensteingitter gießen, randvolle Schieber leeren, im WC auf Marabubeinen stehende, neunzigjährige, moribunde Hängeärsche abwischen, wobei mir auf Kniekehlenhöhe Hodenbeutel ungepflegt in die Quere baumelten, den Geruch von Fistelabsaugsaft ertragen — mein Brechzentrum wurde erst dann gekitzelt, als es die flamingofarben-schneeweißen Gebisse der Patienten von Belag und Algenbewuchs zu befreien galt. Lieber mümmele ich für den Rest meiner Tage Grießbrei, als daß ich solche Objekte, samt Hakenkonstruktion in mein Maul hineinließe. Unser nächstes Teetrinken wird also doppelt getrübt sein: Du wirst mich schlürfend verdächtigen, daß vor dir ein Hundemörder sitze, und ich werde gucken, ob dir beim Lachen verdächtiges Metall aus der Lücke blitzt — oft verändern ja Prothesen die Physiognomie nachdrücklich, formen komplette Mundpartien gespenstisch um, immer ins noch Mißglücktere hinein; man steht dann vor einem Wolkenkratzer und sehnt sich nach dem Tante-Emma-Laden, der da vorher stand und den man sich gedanklich kaum noch rekonstruieren kann. Deine Alpträume können sich also noch steigern. Die Probleme beginnen stets erst nach der Extraktion. Aber was nimmt der Mensch nicht alles in Kauf, um 19jährige Pobacken auf Augenhöhe sich gegeneinander bewegen zu sehen, beim wiederholten Spritzenaufziehen, anläßlich harter, einfach nicht betäubbarer Brocken. Ich bitte um weiterführende Berichte. Und jetzt kommt etwas, was dich hoffentlich von jedem Teppich fegen wird: An genau derselben von dir bezeichenten Stelle im Mund – falls ich nicht links und rechts verwechselte – wurde auch mir – noch dazu praktisch zeitgleich! – etwas Ersetzbares aus dem Kiefer gehebelt, allerdings – Verzeihung – nicht gleich zwei Backenzähne, sondern bloß einer, dafür ohne die Zugabe eines halbierten Gesäßes bzw. hing da ein weißer Kittel drüber. Hoffentlich hast du dir die Beutestücke geben lassen, auf daß wir demnächst die drei Zähne vergleichen können. Ich kann beurteilen, ob es nötig war, die deinen zu ziehen. Bei mir war es absolut unnötig. Ich hatte bloß ein schlechtes Gewissen gegenüber Dr. Fried. Weil ich ihm bereits mehrmals Frust bereitet habe, indem ich ihn nichts ziehen ließ, wollte ich ihm ein kleines Erfolgserlebnis am Feierabend gönnen; es war schon 18 Uhr 30. Außerdem saß ein gewisser Werner im Wartezimmer, der mich chauffiert hatte, und dem wollte ich einen Beweis mitbringen, daß sich sein Aufwand an Hilfe und Zeit gelohnt habe und der dann auch bewundernd reagierte, als ich ihm plötzlich einen Zahn aus dunkelrotem Läppchen hervorsteigen ließ. Werner fuhr mich dann zu meinen Eltern, die soeben mit Oma, 89, Antje und Georg am Abendbrottisch saßen, Pizza o.ä. aßen und denen manch ein Brocken im Halse steckenblieb, als ich den Zahn, der machtvoll alle viere von sich streckte, in die kauende Runde hielt und aus den Tiefen des Schlundes blutstillende Watte hervorzog. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn offenbar riß ich damit die Wunde neu auf und blutete nun vier Stunden lang wie ein Schwein, wobei nun auch ich einen permanenten Blutwurstgeschmack (Blutwurst, die rituelle Lieblingsspeise meines nekrophilen Vaters H. Holbein) im Maul hatte, was für einen Vollblutvegetarier eine ganz besonders infame Zumutung darstellt. Nachts nach 23 Uhr stand ich dann eine halbe Stunde an einer Bushaltestelle im Ödland von Wabern, spuckte aus, da klatschte ein Schwall Herzblut aufs desolate Pflaster, was die busfahrenden Frühaufsteher von Wabern garantiert veranlaßt hat, völlig verstört die nächste Mordkommision anzuklingeln (Oberinspektor Derrick).

Nebenbei entnahm ich deinen Ausführungen, daß du doch noch realen Erfüllungen entgegenlebst, nämlich kußfeste Prothetik erhoffst. Also irgendwie werd ich aus deiner halb simulierten, halb wundgepeitschten Asketik immer noch nicht so richtig schlau. Wahrscheinlich gehen wir noch nicht genügend ins Detail. Vermutlich bist du jener jungfräuliche Eunuch, der beneidenswertere Wonnen zu fühlen vermag als ein dumpfer Pascha mit dreihundertköpfigem Harem. Kierkegaard hats glaub ich auch so gemacht.

Jetzt noch ein bißchen Kleckerkram: 1. Many thanks für die Mosaik-Enthüllung (wird eingearbeitet) 2. Bitte meditativ die Briefmarke betrachten — Mülli im Profil erschreckend ähnlich; und so einen soll ich besteigen? 3. Am 18.4. um 10 Uhr 11 treffe ich auf dem HBH Hamburg ein, bitte schon den Teppich ausrollen und mit Schulchor plus Joghurta Packovska den Knallmasse-Dichter empfangen, bzw. rufe ich dich ganz zwanglos mal nachmittags an, falls ich freie Telefonzellen finde. Falls du zwischenzeitlich den Zettelverkäufer Achsel inspiriert hast, daß am 18. oder 19. abends ich in seinem Laden lesen soll, so bin ich hierzu gern bereit. Er soll mich dann anrufen — es kann nämlich niemals der Autor der werbende oder vorschlagende Teil sein, schon gar nicht ich, der ich nicht äußerst gern vorlese, doch gern die Summen für die mir tatsächlich noch fehlenden Schmidtbücher drücke. Übrigens habe ich in Hamburg noch keine Unterkunft, auch keinerlei zwingenden Termin, zugleich vermute ich, daß diesmal sich das nicht so günstig fügt mit schwesterlich leerstehender Wohnung mit Pappeln vorm Fenster. Zur Not müßte ich zum Giftmischer Ücker ausweichen, der mich gern einlüde, aber unter einer Xanthippe leidet, die ihm sogar Briefwechsel mit mir verbot. 4. Du fichst also weiterhin auf der Seite radaumachender Köter, statt auf der Seite sensitiver Dichter und Denker, deren ouevre aufgrund permanenten Gebells partout nicht richtig anschwellen kann? Heut stand auf einmal Frau Lepper von nebenan in meinem Arbeitszimmer, sie hatte sich aus Versehn ausgesperrt und wollt nun bei mir den Klempner anrufen, daß er ihr das Haus irgendwie aufmacht. Ich wagte das Thema Hunde nicht anzusprechen. (Ich an Burghard Schmid, 19.3.1994)

18.15.2035 — Computer-Uhr defekt. In Wirklichkeit schreiben wir den 4.4.94. Vorsprüche: — entzahnte Kiefern schnattern —

     Goethe: An Schwager Kronos, vertont von Schubert (Franz)

— und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgeben – weit von den Sternen abgerissen – von Johanniswürmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt — alle einander verhüllt, jeder einsam und sein eignes Leben nur fühlend durch die warme pulsierende Hand des Freundes, die er im Dunkeln hält.

                    Jean Paul: „Hesperus“, 1794

Ein Freund ist jemand, zu dem man immer kommen kann.

                 Wahlspruch Herbert Müllers seit 1973

Am Bahnhofseingang ein Pfarrer und vier Nonnen: schlechtes Omen! Den ganzen Nachmittag über hatte ein Hund aus der Nachbarschaft schauerlich geheult. Ich beneide die starken Naturen, die in solchen Augenblicken auf so etwas nicht achten.

        Reinhold Schneider — nein: Gustave Flaubert: Reise in den Orient,

                                                   22.10.1849

 — ein Dackel brüllte —

         Arno Schmid irgendwo

Geliebter Madenmörder!

Unglaublich, wie wir uns durchschauen. Ich weiß genau, warum dein Brief mit Tesa rundum wasserdicht und madenfest versiegelt war, derart, daß ich mit Messern statt vom Rand her sehr seitlich – auf Adressenhöhe – in die Sendung eindringen mußte. Du ahntest etwas von der Wurffreude bundesdeutscher Postangestellter, und sahst bereits das kostbare Odol-Schild sich metallen aus dem Brief hervorsicheln — many thanks!

Falls du auf einen Nebeneffekt deines Asketentums baust, nämlich dir (durch Kontemplation der Pobacken deiner Zahnassistentin) kein Aids einzuhandeln, so muß ich dich in diesem Punkt verunsichern. In einem TV-Report wurde aufgedeckt, daß 600 Aidsfälle weder Bluter noch Fixer noch Afterverkehrer noch Fremdgeher sind, sondern Kukident-Anwärter. Auch Dr. Struensee gehört zu denen, die die Winkelstücke ihrer Bohrer nicht desinfizieren. Das dauert nämlich 40 teure Minuten in einer Apparatur, die erst 18 % aller Zahnärzte sich überhaupt anschaffen; das würde alles nur das Durchschleusen der Patientenherde verlangsamen. Folglich entlädt jeder Bohrer beim Bohren verläßlich die Blut- und Speichelreste des Vorgängers in deinen unschuldigen Mund. Vertiefe dich also in die Kismet-Gesichter des Wartezimmers. Achte darauf, daß vor dir nie junge kopulierfreudige Patienten drankommen, sondern stets einsame Kriegswitwen, bei denen allerdings wiederum kaum gebohrt werden muß. Falls dich nicht auf diese Weise dein Schicksal ereilt, dann doch wohl durch den im Jahre 2005 flächendeckend auch beim Menschen ausbrechenden Rinderwahnsinn, zuzüglich Schweinepest.

Doch nun zu einem ebenso ernsthaften Thema: Du darfst – ohne bei mir vorher zutraulich um Erlaubnis zu fragen – Maden morden und Türken aus dem Fenster werfen, sogar obdachlose Dichterfürsten ausladen, nur ich und Mülli dürfen nichts, höchstens wichsen, nicht aber Lärmquellen abdrehen, die nachweislich meine Magengeschwüre weitertreiben, also mein Ableben vorverlegen (und ewig bellen die Hunde über meinen Tod hinaus), und das nur weil in meinem Fall hirnlos jaulende, keifende, kläffende, fiepende NATUR den prinzipiell pazifistischen, immerhin mit Notwehrmitteln versehenen GEIST besiegen soll, wenns nach dir ginge. Du darfst im Lauf des Lebens 40 Schweine töten (jeder Deutsche zerkaut im Jahr ein halbes), ich aber null Hunde, die laut Darwin & Grzimek um nichts höher stehn als Schweine. Na gut, Maden stehn nicht ganz so hoch, doch kommt – falls Menschenähnlichkeit als Kriterium der Tötungshemmung fortfällt – da wieder das Kriterium der ausgelöschten Individuenzahl ins Spiel. Ich lasse einen einzelnen Hund (der Gedanke allein/kann tödlich sein) vollständig am Leben, du aber spielst de facto und in natura Saddam und streust Giftgas über deinen wimmelnden, vom Sperma weichgemachten Perser (Dschingis Kahn mußte zu erobernde Perserstädte immer erst sturmreif machen). Du mißt mich und dich mit zweierlei Zollstock — kein Schwein will auf meiner Seite fechten, das find ich fies. „Ich trete die Kelter allein.“ Meinen Aufenthalt in Kassel nutzte ich für den Besuch eines Zooladens, dort erkundigte ich mich nach Hundehalsbändern, die mittels Elektroimpuls Hunden das Bellen aberziehen — der Fachhändler sah mich feindlich an, als hätte ich Zyklon B verlangt, solche Waren führe er nicht, das wär ja genauso, als wolle man einem Menschen das Sprechen abgewöhnen, Bellen sei Kommunikation — er betrachtete meine leidgezeichnete, allein heut nacht 4 x wachgebellte, jetzt kopfwehbehaftet und totenbleich herumsitzende, zu konzentrierter literarischer Produktion deshalb seit Wochen komplett unfähige Person als Tierschinder und hätte jederzeit in dir einen beredten, also an meinem Unglück mitschuldigen Eideshelfer gefunden, soviel zu Motiv Nr. 1. Nun ging ich noch ein wenig durch den Gestank des Ladens, beobachtete einen Opa, der Zierfische kaufte, die glitzernden Minitierchen nämlich in einem prall wassergefüllten Zellophanbeutel abtransportierte, und schon kam Briefmotiv Nr. 2 in Sicht: Neben einem Stapel Schokolade für Hunde stieg ein Stapel weißer Schokolade für Hunde auf — und weit und breit kein Neger.

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