Tiere im Kirchenlied

Eine Suche in alten und neuen evangelischen Gesangbüchern

Von Andreas Wittenberg

„Tiere im Kirchenlied – gibt’s das wirklich?“ Diese skeptische Frage wurde mir mehrfach gestellt, wenn Bekannte erfuhren, dass ich diese Untersuchung vorbereitete. Aber nach einem Hinweis auf Weihnachten, sprudelte es bei allen meinen Gesprächspartnern: „Natürlich, Ochs und Esel an der Krippe, und die Schafe!“ Und dann konnte jeder aus dem Gedächtnis ein halbes Dutzend Tiernamen nennen, die im Religionsunterricht einmal genannt worden waren und die möglicherweise den Weg ins Gesangbuch gefunden hatten. Dabei stehen ausgerechnet diese drei Tiere gar nicht in der Weihnachtsgeschichte, aber sie sind doch seit Luther ein fester Bestandteil der deutschen Weihnachtslieder.

I. Mensch und Tier

In der Bibel werden weit über 100 Tiere genannt. Etwa die Hälfte von ihnen habe ich in Gesangbüchern wiedergefunden[1]. Ziel meiner Darstellung ist es zunächst, zu zeigen, was die Liedertexte über das Verhältnis des Menschen zum Tier aussagen.

Warum werden Tiere im Kirchenlied genannt? Weil sie zu den Bibeltexten gehören, die das Kirchenlied umsetzt. Eine Fundgrube könnten somit die Lieder sein, die die Schöpfung beschreiben. Aber der Schöpfungsbericht von 1. Mos 1. spricht die Tiere nur pauschal an, nur der „Walfisch“ wird namentlich genannt. Also ist zu prüfen, warum die Lieder ihre Auswahl einzelner Tiere getroffen haben könnten. Ein sehr verbreitetes Lied von der Schöpfung nennt z. B „Leuen, Roß, Schaf und Stier“ (C 272,1). Ein anderes benennt „Bären, Hirsch und Stier, Vöglein und Reiger [sic!], Gemse und Caninen, Fisch und Wallfisch, Schaafe und Lämmer“ (C 271) oder in einer späteren Fassung (AD 312) „Vögel, Störche, Gemse und Kaninchen, Junge Löwen“ und den „Leviatahn“. In beiden Fassungen fällt die ungewöhnliche Zusammenstellung von Gemse, Kaninchen und Reiher auf und genau diese finden wir in der Bibel nur in Psalm 104,17-18. Diesem Psalm ist unser Lied Zeile um Zeile nachgeformt. In der Nachdichtung biblischer Texte im Kirchenlied haben wir bereits den häufigsten Grund dafür gefunden, dass Tiere im Gesangbuch stehen.

Beim Weitersuchen stoßen wir auf Lieder zum Thema „Fürsorge Gottes“. Sie beschreiben, wie der Schöpfer auch die Tiere versorgt, und in der Gruppe „Lob und Dank“ finden sich immer wieder Texte, die darauf hinweisen, dass auch die Tiere, vor allem die Vögel, Gott loben können und sollen. Aber man kann Gott ja auch auf andere Weise loben, als durch Gesang, so wie es Clemens Brentano für sein Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia gedichtet hat. Dort wird ein Lied gesungen, das heute im GB steht. Sein Refrain lautet:

Zu dir, zu dir
ruft Mensch und Tier.
Der Vogel dir singt.
Das Fischlein dir springt.
Die Biene dir summt.
Der Käfer dir brummt.
Auch pfeifet dir das Mäuselein:
Herr Gott, du sollst gelobet sein [EG 509]

Viele der Lieder von der „Bestimmung des Menschen“ sprechen davon, dass die Tiere durch Gottes Willen eindeutig dem Menschen „untertan“ sind.

Was sind die Seelenkräfte des Thiers, das nicht vernünftig denkt?
Auf thierische Geschäfte sind sie vom Schöpfer eingeschränkt.
Es kann bei blinden Trieben, die es befolgen muß,
nichts suchen und nichts lieben, als sinnlichen Genuß.
Steht auf der Schöpfung Leiter, o Mensch, tief unter dir
und steiget hier nicht weiter: du bleibst sein Herrscher hier [A 67]

Diese Herrschaft drückt sich auf zweierlei Weise aus. Im ersten Lied, das den Menschen mit den Worten „erwäg es Mensch, erwäg es, Christ!“ direkt anspricht, soll der singende Christ bedenken:

Du hast durch Geistesübermacht
die Stärksten unters Joch gebracht,
kannst ihre Wildheit zähmen:
kannst, was dich stärket, was dich schützt,
was dir zum längern Leben nützt
von ihrem Leben nehmen. [BI 1802]

Der andere Nutzen, den der Mensch aus den Tieren zieht, ist seine Nahrung:

Das Wasser muß geben Fisch,
die läßt Gott tragen zu Tisch:
Ey’r von Vögeln eingelegt,
werden junge draus geheckt,
müss’n der Menschen Speise seyn,
Hirsche, Schaafe, Rind’r und Schwein
schaffet Gott und gibt’s allein. [AP 471]

In den GB aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Suche einfacher. Nun geben einige Gesangbücher einzelnen Liedern oder kleinen Gruppen eigene Überschriften wie „Vernünftiges Betragen gegen Thiere und Pflanzen“ oder „Christliches Verhalten gegen die Thiere“ und „Pflichten gegen das Thier“. Das Thema lag damals sozusagen in der Luft, und 1837 gründete der Pfarrer und Hymnologe Albert Knapp den ersten deutschen Tierschutzverein. Was steht nun in diesen Liedern?

Sie ergänzen das, was seit der Reformation in den Gesangbüchern stand um Hinweise, die ich in früheren Büchern bisher nicht nachweisen konnte, auch wenn die dahinterstehenden Gedanken uralt und z. B. in Spr. 12.10 vorgegeben sind:

Versagst du ihnen Nahrung, Ruh,
o Mensch, wie unrecht handelst du.
Selbst Thiere, die man schädlich nennt,
o Mensch, sollst du nicht quälen.
Der ihres Daseyns Endzweck kennt
Gott gab dir Licht der Seelen,
von ihrer Last dich zu befreyn,
doch nicht um ihr Tyrann zu seyn. [IS 352]

Ein anderes Lied aus demselben GB fragt:

Schuf ich das thier so wundervoll?
Hat es nicht auch Gefühle?
Hab ichs damit ichs quälen soll
muthwillig und zum Spiele?
Und wenn mir jetzt sein Tod nur nützt,
darf ich ihn ihm erschweren
und seinen Schmerz vermehren?
Drum: nützt mir durch den Tod ein Thier;
so mög‘ es schnell ihn leiden!
Doch werd’ ihm, nützt es lebend mir,
dafür sein Maaß von Freuden.
Durch dich ist‘s da, Gott! hilf mir ja
selbst jeder Härte wehren,
im Thiere auch dich ehren. [IS 519]

Ein letztes Beispiel:

Um mich soll alles, was da lebt, sich freuen,
das kleinste Thier soll nie um Rache schreien!
Es tödten darf ich, aber martern, quälen,
wer kann das wählen? [BI 854]

Diese Gedanken sind aus der biblischen Schöpfungslehre heraus entwickelt. Uns im 21. Jhd. sind sie von Kind auf vertraut. Damals aber waren sie neu, vor allem als Aussagen der Kirche. Aber sie verschwanden bald wieder aus dem kirchlichen Liedgut, als im Zuge der GB-Restauration die vom Rationalismus geprägten Texte ersetzt wurden.[2]

II. Einteilung

Im zweiten Teil dieser Darstellung wollen wir nicht „das Tier“ im allgemeinen besprechen, sondern uns einzelnen Gattungen zuwenden und prüfen, wie sie im Kirchenlied dargestellt werden. Versuchen wir zunächst, eine gewisse Ordnung in den kleinen Zoo zu bringen, der sich in 500 Jahren deutscher evangelischer Gesangbuchgeschichte angesammelt hat. Neben einigen mythischen Wesen wie Drache, Greif, Basilisk, Phönix oder Leviathan können wir eine Unterteilung in Landtiere, Wassertiere und Vögel, Kriechtiere und Insekten erkennen, allerdings in Proportionen, die ihrem Auftreten der realen Welt sicherlich nicht entsprechen.

III. Wassertiere

Im Wasser nennen Bibel und Gesangbuch lediglich den Sammelbegriff der Fische und den „Wallfisch“, keine einzelnen Fischarten. Eine in vielen Liedern beliebte Kombination lautet „Walfisch und Wurm“. Das Paar zeichnet sich nicht nur durch den gemeinsamen Anlaut aus, sondern es bezeichnet antithetisch ein riesiges und ein winziges Tier. Diese Paarung ist ebenso einprägsam wie der Kontrast von „Duft und Sturm“. Beide Paare kennzeichnen die Allmacht des Schöpfers: „Der Wallfisch und der Wurm, der Blüthenduft und Sturm zeugt vom Schöpfer“ (N 48) heißt es im Lied, ein anderes preist den Schöpfer mit den Worten:

Ich höre dich im Sturme,
ich sehe dich im Thau,
im Wallfisch und im Wurme,
im Gräschen auf der Au. [B 36]

Ein anderes Beispiel für die Nennung des Wals nimmt die Weissagung Jesu (Matth. 12,40) auf. Luthers Bibelübersetzung und die Liederdichter der frühen Neuzeit setzen den „großen Fisch, in dem Jona drei Tage überlebt hatte, mit dem größten bekannten Meerestier, dem Wal gleich. Dass dieser ein Säugetier und kein Fisch ist, stört dabei nicht – wenn es überhaupt bekannt war. Und so heißt es in einem alten Osterlied:

Jonas, im Wallfisch war drey Tag,
so lang‘ Christus im Grab auch lag,
denn länger ihn der Tod kein Stund’
in seinem Rachen b’halten kunt.
Halleluja. [SCH 591]

„Echte“ Fische werden genannt, wenn die Schöpfung beschrieben wird, und als Hinweise darauf, was Jesus aß, beispielsweise bei seiner ersten Mahlzeit nach der Auferstehung, wo er honigseim und fisch (HI 363) zu sich nahm (Luk. 24,42) oder bei Berichten von den Speisungswundern, wo er mit 5 Broten und drei Fischen (Matth. 14,17) Tausende seiner Zuhörer sättigte.

IV. Kleine Tiere

Der Wurm wird als Metapher sehr häufig genannt: als Ausdruck des Geringen, Unbedeutenden, z.B. wenn es bei Gellert heißt „Bringt, ruft auch der geringste Wurm, bringt meinem Schöpfer Ehre“ (EG 506). Als Bescheidenheitstopos bezieht ein weitverbreitetes Beerdigungslied den Wurm auf den Menschen: „Ein Würmlein bin ich arm und klein mit Todesnoth umgeben“ (MA 927).

Bis ins letzte Jahrhundert gehörten Lieder, die um eine gute Ernte bitten, zum selbstverständlichen Bestandteil aller Gesangbücher. Regelmäßig taucht in diesen Liedern auch die Bitte um Bewahrung vor tierischen Schädlingen auf wie:

Heuschreck’n und Raupen sind dein Rut
und Alls, was Schad’n an Früchten thut:
solch Ungeziefer, Herr, vertreib,
daß dein Gab unbeschädigt bleib [MA 858, Hervorh. durch d. Verf.]

Schon das AT und die Bergpredigt nennen die Motten als Schädlinge und entsprechend warnen mehrere Lieder davor, das Herz an Schätze zu hängen, die „Rost und Motten, Raub und Feuer“ (HA 308) zerstören können.

Das Tier mit der wohl schlechtesten Reputation im „Zoo der Gesangbücher“, ist die Schlange. Sie ist die Personifizierung des Bösen, und wird daher in unzähligen Liedern metaphorisch als Widersacher Gottes genannt. Sie hat nach 1. Mos 3,1-6 Eva in Versuchung geführt und belogen. „Weil denn die Schlang Evam hat bracht, das sie ist abgefallen“ (SCH 35) heißt das im Kirchenlied. Daher setzt Gott (1. Mos. 3,15) Feindschaft zwischen Mensch und Schlange und kündigt dem Satan an, dass ihm ein Nachkomme der ersten Menschen den Kopf zertreten und er ihn dafür in die Ferse stechen wird. Diese bildhafte Vorankündigung des Todes Christi und seine Erklärung ist ein fester Bestandteil in vielen Liedern die zu Weihnachten die Geburt des kommenden Siegers und zu Ostern seinen Sieg feiern. Hierzu nur ein Beispiel:

Wie sträubte sich die alte Schlang
Da Christus mit ihr kämpfte
Mit List und Macht sie auf ihn drang,
Und dennoch er sie dämpfte.
Ob sie ihn in die Ferse sticht,
So sieget sie doch darum nicht
Der Kopf ist ihr zertreten. [EG 113]

Wir kommen zur Schnecke. Sie ist für die Gesangbücher nicht aus theologischen Gründen wichtig sondern sie hat moralische Bedeutung. Purpurschnecke und die Seidenraupe werden genannt, wenn es um Bescheidenheit, Demut und den Verzicht auf Pracht und irdischen Schmuck geht:

Was hilft das roth Gewand,
das Purpur wird genannt?
Von Schnecken aus dem Meer
kommt aller Purpur her.
Was hilft die Seidenpracht,
wer hat den [sic!] Pracht erdacht?
Es haben Wurm gemacht
den ganzen Seidenpracht.
Was sind denn solche Ding
die wir schätz‘n nicht gering?
Erd‘, Wurm, Koth, Schneckenblut
ist, das uns zieren thut. [MA 711]

Unter den kleineren Lebewesen gibt es aber doch auch ein Tier, das im GB eindeutig positiv konnotiert ist: die Biene. Das fleißige Tier in der Bibel ist allerdings die Ameise (Spr. 6,6), für die ich im deutschen Kirchenlied bisher keinen Beleg gefunden habe. Im GB gilt die Biene dagegen als Muster für unermüdlichen Fleiß.

Sie wird als Vorbild angeboten und zu Vergleichszwecken genannt: „Unverdrossen“ nennt Sie Paul Gerhardt (EG 503), Kaspar Neumann rät den Gläubigen, in Gottes Wort zu „sammeln wie die Bienen(HA 8), und Wokenius mahnt seine Schüler:

Wie lehrreich machtest du für mich
die arbeitsame Biene
die mit dem frühen Jahre sich
– daß sie zum Muster diene –
von einer Blum zur andern schwingt,
und ihres Fleißes Früchte bringt!
O mögt‘ ich stets ihr gleichen! [HH 64)

Auffällig häufig wird das Bild von der sammelnden Biene in Liedern aus Barock und Pietismus verwendet: So bittet die Seele in einem sechsmal abgewandelten Refrain Drum lass mich wie ein Bienelein auf deinen [Christi] Rosenwunden seyn (BE 546) oder der Sänger vergleicht:

Hat der Bienen Honig Saft,
und der Zucker süße Kraft:
mein hertzliebster Jesus Chris
tausendmal noch süßer ist. [SCH 296]

V. Vögel

Anders als bei den Fischen werden hier deutlich einzelne Gattungen unterschieden. Wir beginnen mit dem Sperling. Die Bibel kennzeichnet ihn (Matth. 10,29) als wertlos, aber sie erinnert auch daran, dass Gott sich um jeden Vogel kümmert. Das Kirchenlied macht ihn zum Beispiel für die allumfassende Fürsorge Gottes und die Gemeinde singt am Erntedankfest: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn“ und zu den guten Gaben Gottes zählen auch „der Sperling und das Meer“ (EG 308). Der Sperling fällt auch nicht gegen Gottes Willen vom Dach (Luk. 12,6) sondern hat wie der Wurm einen Schutzengel:

Und ohne seinen Willen fällt
Kein Sperling nieder, denn er [Gott] hält
Den Wurm, der sich vom Staube nährt,
Des Schutzes, wie den Engel werth. [AD 339]

Ebenso häufig wird in der Bibel die Schwalbe genannt. An ihr bewundern die Lieder den Nestbau und den eleganten Flug. Inbegriff des schönen Vogelgesangs sind das „Frühlied der Amsel, das als Lob des Schöpfers verstanden wird (EG 455) und natürlich der Gesang der Nachtigall, der im EG geradezu ökumenisch in Texten von Martin Luther (EG 319) und Friedrich Spee (EG 110) gerühmt wird.

Mit einer Strophe aus einem der tiefsten und schönsten Abendlieder der Liedliteratur, kommen wir zu den Hühnervögeln:

Breit aus die Flügel beide
o Jesu meine Freude
Und nimm dein Küchlein ein
Will Satan mich verschlingen
so laß die Engel singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“ [EG 477]

Die Glucke ist ein in der Bibel gebräuchliches Bild für Gottes Fürsorge (Matth. 23,37). Sie schützt ihre Jungen und verbirgt sie unter ihren Flügeln, wenn ein Raubvogel über dem Hühnerhof kreist. Jesus hat sich selbst in seiner Wehklage über Jerusalem „und ihr habt nicht gewollt“ mit einer Glucke verglichen (Matth. 23,37) und so die Metapher Paul Gerhardts vorbereitet. Das Vertrauen der Küken zu ihrer Glucke soll daher ein Vorbild für die Christen sein, auch im Kirchenlied:

Küchlein die bleiben bey ihrer Gluckhenne,
Sie schreyen und laufen den Raben nicht nach
Also auch, Seele, nur Jesu nachrenne,
dich sündlicher Brut und Weltvögel entschlag
so wird auch dein Heiland sein Küchlein beschirmen
wenn auf dich Welt, Teufel und Hölle losstürmen. [MA 626]

Wir können also in der Nennung von Tieren immer dieselbe Abfolge erkennen: Die Bibel verstärkt ihre Aussagen durch Vergleiche aus der Tierwelt. Das Kirchenlied nimmt diese Vergleiche auf und empfiehlt diese Tiere als Vorbilder oder warnt vor ihnen. Daraus entwickeln sich durch häufigen Gebrauch und ständige Wiederholungen Tiernamen als Metaphern. Diese Stufe ist erreicht, wenn Benjamin Schmolck Jesum als „du holde Glucke du“ (MA 927) anspricht.

Der Pfau, in der Bibel nur als Beispiel für den Reichtum Salomos genannt, wird im Gesangbuchlied gemahnt, seine Füße zu betrachten. Das aber stammt nicht aus der Bibel sondern aus dem Physiologus, einem Werk zur Tiersymbolik, das seit dem 2. Jhd. stetig fortgeschrieben wurde und im Mittelalter neben der Bibel das einflussreichste Werk zu unserem Thema war. Die übergroßen Füße des Pfaus passen nicht zur zierlichen Eleganz seiner Federn. Darüber klagt er mit jammervoll klagendem Geschrei. Das wurde christlich durch die Vorstellung interpretiert, dass seine Eitelkeit durch der Hässlichkeit seiner Füße bestraft wird. Wenn der Autor also den eitlen Menschen anspricht, „Stolzer Pfau, schau an die Füße“ (KO 671) ist das eine metaphorische Aufforderung zur Buße.

Auf ähnliche Weise ist auch der Pelikan ins Gesangbuch gekommen. Auch ihn nennt die Bibel nicht. Zumindest nicht in den protestantischen Übersetzungen. Luther hat den Namen in Ps. 102,7 mit „Rohrdommel“ übersetzt. Warum aber spricht Simon Dach in seinem Passionslied Jesus als „Pelikan“ an? Es heißt dort nämlich:

O Pelikan! O reiner Schwan!
Laß solches mich bedenken
bis man endlich meinen Leib
wird ins Grab versenken. [SCH 531]

Weil – wieder nach dem Physiologus – der Pelikan seine Jungen mit dem eigenen Blut ernährt. Das tut er natürlich nicht, aber er sammelt Nahrung für seine Brut in dem Kehlsack unter seinem Schnabel. Und in der Bewegung, mit der er diesen dann an die Brust drückt um das Futter herauszupressen, wollte die Fabel erkennen, dass er sich in die Brust sticht, um mit seinem Blut die Jungen zu füttern. Dieses Verständnis machte ihn natürlich zu einem überzeugenden Symbol für Jesu Opfertod und als solches hatte es die Kirche auch jahrhundertelang weitergegeben. Das wirkte im 17. Jhd. im evangelischen Bereich nach.

Und wie kommt der Schwan in die oben zitierte Strophe? Nein, nicht schon wieder über den Physiologus, aber doch auch wieder über die Symbolik des Volksglaubens. Vom Schwan sagte man, so schön er anzusehen sei, so grässlich sei sein Gesang! Richtig. Die Fortsetzung der Legende allerdings ist nur schön und nicht richtig. Sie lautet nämlich: Erst kurz vor seinem Tod werde dem Schwan die Gabe des Gesangs gegeben. Die deutsche Metaphorik kennt und nennt es folglich einen Schwanengesang, wenn beispielsweise im Lied zu der deutschen Bereimung des Nunc dimittis (Luk.2) der greise Simeon singt „den schönen Schwanenton: mir werden nun mit Frieden mein Augen zugedrückt, nachdem ich schon hienieden den Heiland hab erblickt“ (HA 156). Aber warum spricht Simon Dach Jesus auch noch als „reine[n] Schwan“ (SCH 531) an? Die alte Kirche, die die Psalmen ja sang, konnte sich vorstellen, dass Jesus am Kreuz aus dem 22. Psalm nicht gebetet sondern gesungen haben könnte, und so einen „Schwanengesang“ gesungen hat.

Dem Adler sagen die im Kirchenlied verarbeiteten Bibelstellen große Kraft und überragende Flugeigenschaften nach (5. Mos. 32,11). „Auf Adlers Fittichen“ wird man „sicher geführet“ (EG 316), im Lied Moses ebenso wie im Kirchenlied. Die Fähigkeit des Adlers im Kirchenlied, sich selbst zu verjüngen (EG 289) ist der biblischen Vorstellung von Psalm 103,5 entnommen, und auch wenn „ein Adler sein Gefieder über seine Jungen deckt“ (EG 325), haben wir es mit einem Bibelzitat zu tun.

Die Reputation der Raben hingegen ist durchwachsen. Der Rabe, den Noah fliegen ließ um zu prüfen, ob die große Flut vorbei sei, kam nicht zurück und wurde in der Ikonographie ein Symbol für die Heiden. Die Raben waren aber auch Gottes Boten, um Elias zu ernähren, im Kirchenlied werden sie daher mehrfach genannt, um Gottes Fürsorge herauszustellen: Gott ernährt sie, obwohl sie keinerlei Leistung vorweisen können: „Er speiset auch die raben, die keinen glauben haben, wenn sie ihn ruffen an“ (BR 1754).

Die Taube ist als Symbol der Friedenssehnsucht der Menschen heute wohl das meistverwendete christliche Symbol. Diese Bedeutung ist nicht neu. Bei Jesu Taufe symbolisiert sie die Zuwendung Gottes, als der Heilige Geist in Taubengestalt vom Himmel kommt (BA 18) und sich auf Jesus niederlässt. Die Wildtaube nistet in Felslöchern (Hohelied 2,14) und Kluften. Im Laufe der Gesangbuchgeschichte wird sie daher immer mehr zum Symbol der Seele, die Zuflucht bei Jesus sucht und in zahllosen Liedern des Pietismus sich vorzugsweise in der Seitenwunde Jesu verstecken möchte: „Schleuß in Jesu Wunden ein das verscheuchte Täubelein“ (SCH 1630). Gern verarbeitet das Kirchenlied auch Jesu Hinweis an seine Jünger aus  Matth, 10,16: „Sey zwar klug in deinem Glauben, und doch ohne Falsch, wie Tauben“ (SCH 917).

VI: Säugetiere

Für die Wandernomaden im Volk des ersten Bundes waren die Herden der Mittelpunkt des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Entsprechend häufig werden Rinder, Schafe, Ziegen, oder Esel in der Bibel erwähnt. Im deutschen evangelischen Gesangbuchlied ist dies anders. Haustiere sind zwar wichtig, aber die Herden sind nicht mehr der Mittelpunkt, um den das ganze Leben kreist. Der Esel beispielsweise, bei einem Wandervolk als Lastenträger unverzichtbar, wird im Kirchenlied nur als Bescheidenheitstopos in Adventsliedern (EG 14) und Liedern zum Einzug Jesu in Jerusalem genannt. Er wird, der Prophezeiung gemäß, deutlich vom Pferd als Reittier eines Herrschers unterschieden, Jesus „prangt nicht auf stolzem Rosse“ (EG 71).

Ein anderes Beispiel für die historische Veränderung der Bedeutung von Tieren: Die Rolle der Opfertiere entfällt gänzlich und Paul Gerhardt stellt diese Änderung des kultischen Lebens in seinen Liedern deutlich heraus „Mein Weihrauch und mein Widder sind mein Gebet und Lieder“ (EG 446, Hervorh. durch d. Verf.) und „Dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt“ (EG 449).

Unsere Sprache kennt noch immer den Begriff des „Sündenbocks“, dem im alten Israel die Sünden des Volks aufgeladen wurden und den man dann rituell ‚in die Wüste jagte‘. Dieser Bock taucht im Gesangbuch nicht wieder auf. An seine Stelle ist im christlichen Glauben aber „Christus, das Lamm Gottes“ (Hervorh. durch d. Verf.) getreten, von dem die Gemeinde an zentraler Stelle der Liturgie singt: „der du trägst die Sünd der Welt“ (EG 190,2).

Für ein Hirtenvolk waren Raubtiere gefährliche Gegner. Die Bibeltexte nennen daher Bär, Wolf und Löwe regelmäßig als Feinde, und das christliche Kirchenlied verwendet die Bezeichnungen im übertragenen Sinne für Grausamkeit und Blutdurst: „Wie kann ein Bär des Schafes Sanftmuth üben? Kein wilder Wolf gibt sich in Schranken ein“ (SCH 846). Diese Eigenschaften machen die Raubtiere auch zu häufig gebrauchten Bildern für den Teufel:

Wie ein Wolf den Wald erfüllet
mit Geheul bey finstrer Nacht;
also auch der Satan brüllet,
um mich, wie ein Löwe wacht.
Herr! Er will dein Kind verschlingen,
hilf im Glauben ihn bezwingen. [SCH 1272]

Der Löwe wird im Kirchenlied auch in zwei weiteren  Konnotationen dargestellt: zunächst als Beispiel für verletzbaren Hochmut, wenn es heißt,

Ach wie flüchtig ach wie nichtig
ist der Menschen Stärcke.
Der sich wie ein Löw erwiesen
überworfen mit den Riesen,
den schlägt eine kleine Drüsen. [SCH 951]

Weitaus häufiger wird aber Jesus als Löwe bezeichnet, besonders in den Osterliedern: „Es hat der Löw aus Judas Stamm heut siegreich überwunden“ (EG 114).

Als letztes ein Blick auf den Hirsch. Er ist nach dem Lamm das am häufigsten genannte Tier im Gesangbuch. Er wird von Jägern und Raubtieren verfolgt wie die Seele vom Bösen, und er „schreit“ nach Wasser wie die Seele nach Gottes Wort suchen soll. Grundlage dieses so oft verwendeten Bildes ist Psalm 42,2-3, dessen reformierte Übersetzung „Wie nach einer Wasserquelle ein Hirsch schreiet mit Begier“(MA 837) auch in lutherischen Gesangbüchern abgedruckt wurde.

Damit sind wir am Ende unseres Rundgangs. Was haben wir gefunden? Eine Bestätigung der Auffassung, die auch unser Jubilar vertritt, dass Gesangbücher ein Motor sind, der seit langem und bis heute theologische und soziale Überzeugungen mit einer hohen Überzeugungsquote ‚unters Volk‘ bringen kann, wie wir es am Beispiel des Tierschutzgedankens gesehen haben. Sie sind aber auch ein Spiegel, der uns diachron und synchron neue Forschungsperspektiven erlaubt und dies nicht nur für geistesgeschichtliche, sondern auch für sprachgeschichtliche Entwicklungen, wie wir es am Beispiel der Entstehung von Metaphern beobachtet haben.

Liste der zitierten Gesangbücher, Siglen und Liedanfänge

 

A             GB Arnstadt 1811

67: F. Mohn: Lobsinge, Mensch, lobsinge.

AD          GB Anhalt-Dessau 1877

312: J.A. Cramer / L.E.de Marees Sei feurig, Seele, Gott zu loben.

339: Elisa v. d. Recke: 1783 Durchirrt mein Blick der Welten Pracht

AP          GB Altmark-Prignitz 1786

471: Nikolaus Selnecker, 1568: Singen wir aus Herzensgrund.

B             GB Baden 1851                                 

36: Dich soll mein Lied erheben.

BA          Babstsches GB 1545

18: Martin Luther 1541: Christ unser Herr zum Jordan kam

BE          GB Berlin (Porst) 1817

546: Du grüner Zweig, du edles Reis.

BI           GB Biberach 1802

852: Die Tiere, deren Herr du bist

854: Herr, lass mich stets die große Pflicht bedenken.

BR          GB Braunschweig 1754

846: Laßt uns den Herren Preisen.

C             GB Coburg 1774                              

271: Auf meine Seel und lobe Gott

272: Betet an, laßt uns lobsingen.

EG         GB Bayern / Thüringen

14: Friedrich Rückert 1834: Dein König kommt in niedern

71: Martin Behm 1606: O König aller Ehren.

110: Friedrich Spee 1623: Die ganze Welt, Herr Jesu Christ.

114: Lorenz Lorenzen 1700: Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin

113:  nach Georg Weissel 1644: O Tod, wo ist dein Stachel.

190,2: Martin Luther 1528: Christe du Lamm Gottes.

289: Johann Gramann 1540: Nun lob, mein Seel, den Herren

316: Joachim Neander 1680 Lobe den Herren, den mächtigen König

319: Martin Luther 1538: Die beste Zeit im Jahr ist mein.

325: Paul Gerhardt 1653: Sollt ich meinem Gott nicht singen.

446: Paul Gerhardt 1647: Wach auf, mein Herz und singe.

449: Paul Gerhardt 1666: Die güldne Sonne.

455: Jürgen Henkys 1990: Morgenlicht leuchtet.

477: Paul Gerhardt 1647: Nun ruhen alle Wälder.

508: Matthias Claudius 1783: Wir pflügen und wir streuen.

509:  Clemens Brentano 1815: Kein Tierlein ist auf Erden dir lieber

506: Chr. F. Gellert 1757: Wenn ich o Schöpfer deine Macht .

503:Paul Gerhardt 1653: Geh aus mein Herz und suche Freud:

HA         GB Hannover 1883

8: Caspar Neumann 1711: Großer Gott von alten Zeiten.

156: Johann Franck: Herr Jesu, Licht der Heiden.

308: Salomo Liscovius 1672: Meines Lebens beste Freude

HH         GB Hamburg Schulen 1823

64:Wokenius: Nicht nur der menschlichen Natur.

HI           GB Stadt Hildesheim 1737

363: Benj. Schmolck: Ach, wie lieblich sind die füsse.

IS            GB Isenburg 1822

352: Auch Tiere hat dein Gott gemacht.

519: Du setztest, Gott, auch hinter mich.

KO         Lieder-Konkordanz 1769

671: Blinder Mensch! Tu weg. Quelle noch nicht identifiziert.

MA         GB Stadt Magdeburg1780

128: Jesu, laß mich mit Verlangen.

626: N. Crasselius 1704: Friede! Ach Friede!

711: Joh. Matth. Meyfart ca. 1626: Sag, was hilft alle Welt.

837: Ambrosius Lobwasser 1573: Wie nach einer Wasserquelle.

858: Nik. Herman: Gott Vater, der du deine Sonn.

927: B. Frölich 1587: Ein Würmlein bin ich arm und klein.

N             GB Naumburg 1834

48: Fr. Wilhelm Loder 1781: Unser Gott ist groß und mächtig.

SCH       GB Schlesien 1768 (Burg)

35: Lazarus Spengler 1524: Durch Adams Fall ist ganz.

296: Lucas Backmeister 1675:  Jesu, meiner Seelen Ruh.

531: Simon Dach O theures Blut!  o rothe Fluth!

591: Nik. Herman1560: Erschienen ist der herrlich Tag

846 Chr. Friedr: Richter 1714: Der schmale Weg ist breit

917: Georg Lintzner: Sei getreu bis an das Ende.

951: Michael Franck 1657: Ach wie flüchtig ach wie nichtig

1272: Joachim Neander 1679: Zeuch mich, zeuch mich mit.

1630: Benjamin Prätorius: Vater, ach laß Trost erscheinen.

 


[1] Zitate sind in der Schreibung des jeweiligen GB gegeben. Nicht alle Verfasser- und Erstveröffentlichungsdaten konnten eruiert werden. Ich folge dem EG bzw. der 3. Auflage von Kochs Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs 1866-1876.

[2] Ob es zwischen Knapp und den Autoren solcher Lieder Verbindungen gab, bleibt ebenso zu erforschen, wie die Frage, warum  die „Tierschutzlieder“ mit der Reichsgründung wieder verschwanden.

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