Die Löwen des Philosophen

Von Jürgen Landwehr

Suppose the lions all get up and go.

(W.H. Auden)

 

Metaphysische Zumutungen

Geht das? Eine doch wohl noch sehr im Irdischen beheimatete Schriftstellerin des 21. Jahrhunderts, Sibylle Lewitscharoff, hat in ihrem Roman Blumenberg den titelgebenden Philosophen postum mit einem Löwenbegleiter und „Begleitlöwen“ (L 199) begabt – ausgerechnet Hans Blumenberg, den ausgewiesenen Mythen-, Bibel- und Theologie-Kritiker, den prononcierten „Skeptiker“ (BL 31) und ausgerechnet mit einem Gehäuse-Löwen (vgl. L 14 u.ö.), der Blumenberg in zahlreichen Anspielungen und Verweisen zu nichts weniger als einem ‚anderen’ Hieronymus macht.

Der Blumenberg zugesellte Löwe gleicht nicht nur dem legendarischen Löwen, er ist – zumindest in des Roman-Blumenbergs Sicht – dessen Wiedererscheinung:

Nach Jahrhunderten war wieder Leben in ihn gefahren, er hatte sich erhoben, um die Wüste zu verlassen und einem bedeutenden Mann Gesellschaft zu leisten. [L 37]

Entsprechend merkwürdig sind die Eigenschaften, Verhaltensweisen und Wirkungen dieses Löwen. Einerseits ist er „da“: „Habhaft, fellhaft, gelb“ (L 110, auch 15) und ziemlich altersgezeichnet (vgl. L 13, 35, 38), also recht ‚realistisch’ gezeichnet. Andererseits aber ist seine Löwenhaftigkeit sehr reduziert – zur Erleichterung des mit ihm Begabten: Er braucht keine Nahrung (vgl. L 32), sein Raubtiergeruch ist auf einen kaum wahrnehmbaren Hauch vermindert (vgl. L 11 – 12 und 202), und er ist unsichtbar für alle außer eben Blumenberg und die gleichfalls ‚höher’, nämlich metaphysisch begabte Nonne Käthe Mehliss (vgl. L 64 – 68). Mit Recht erscheint der Löwe Blumenberg als „etwas leibarm“ (L 120), als ein rechter Stuben- und „Teppichlöwe“ (L 128).

Um so gewaltiger, ja überirdisch sind des Löwen Wirkungen  und Einflüsse auf den Philosophen: Vom Löwen geht ein „Kraftstrom“ (L 25 u. 123) aus; er wirkt aus „Zuversichtsgenerator“ (L 129), der Blumenbergs nächtliche Gedankenbildnerei (vgl. L 99) entschieden befördert und überwacht.

Der Löwe vernahm alles, überprüfte alles und achtete mit hoheitsvollen Ohren, die selbst im Keim verworfene Gedanken hören konnten, und Augen, denen nicht die kleinste Bewegung entging, auf die Diktate Blumenbergs, damit der Philosoph bei seinen geistigen Flugmanövern auf Kurs blieb. [L 129]

„Geistodem“ und „Geiststrahlen“ (L 40) sind seine Begleiter. Und über allem spendet er „Trost“ (L 24), spendet er Kraft und Zuversicht (vgl. L 159) in diesen Zeiten philosophisch konstatierter „Trostbedürftigkeit des Menschen“ (L 21) und verlorener Benennungsgewissheit (vgl. L 132).

Am merkwürdigsten aber ist: Der Roman-Blumenberg ist sich von Beginn an gewiss, dass er (und nur er!) den „Begleitlöwen“ (L 199) „verdient“ hat (L 14) auf Grund seines Lebens als „exemplarische[r] Asket“ (L 14):

Dieses Mal sollte sein [des Löwen] Besuch aber keinem Heiligen gelten, sondern einem Philosophen. Man hätte denken können, dass vielleicht Ludwig Wittgenstein oder Edmund Husserl – wer wollte sich hier so genau festlegen –, vielleicht sogar der gewölbte Schnauzbart Friedrich Nietzsches ihn aus der Wüste gelockt hätten, aber nein, ein zurückgezogener Philosoph in Münster war’s […]. [L 37]

Ihn, Blumenberg, erfüllt als so Auserwählter „eine anheimelnde Selbstwärme“, „ein Gefühl, das von Selbstüberhebung nur geringfügig sich unterschied“. (L 14) Abgesehen von der Frage, wer hier ‚spricht’ und wertet, ist an löwen-induzierten „Selbstüberhebungen“ kein Mangel: Mit Hieronymus wären die rhetorischen (und löwen-bändigenden) Kräfte durchaus zu messen, mögen dem Skeptiker Blumenberg auch „dessen andächtige Vollendungsposen“ nicht gelingen (L 35). Und als „verdient“ bestätigt die Nonne Mehliss den Begleitlöwen, erklärt sich aber als zu weiteren Auskünften „nicht befugt“ (L 68). Noch höher greift eine „allegorische Christusnähe“ (L 32).

‚Natürlich’ geradezu drängt sich Blumenberg (und dem Leser)  die Frage auf, welche Instanz den Begleitlöwen gesandt, diese „Ehrenmitteilung der hohen Art“ (L 9) „nach eingehender Prüfung […] gewährt“ hat (L 10).

Der große Einfädler und Knotenwirrer hatte – wenn es IHN denn gab, ewig und unvernommen, aber im Geheimen wirksam – in dieser sagenhaft löwenähnlichen, von einem wirklichen Löwen vielleicht nur durch die Handprobe zu unterscheidenden Chimäre einen ganz besonderen Prachtknoten geschürzt. [L 123]

Der ‚Kniff’ Lewitscharoffs: Alle Löwenkapitel (und die anderen interessieren hier nicht) sind aus der Sicht und Innensicht Blumenbergs präsentiert, in „erlebter Rede“, wie dies eher irreführend heißt, d.h. als präterital und in der 3. Person gestalteter Strom der Gedanken und Gefühle Blumenbergs, auch seiner Zweifel und seiner Fragen nach dieser nonnen-bestätigten „Auszeichnung“ (L 66).

Wiewohl „der Erzähler“ (unter diesem männlichen Etikett) sich in eigenen Zwischenkapiteln (vgl. L 81 – 84, 157 – 159) mit Selbstkommentaren und -reflexionen einschaltet, besonders aber als Arrangeur der Gesamtkonstruktion und als Präsentationsinstanz unausdrücklich durchgängig präsent ist; wiewohl bei manchen Formulierungen und Wertungen eher die Erzählersicht ‚durchscheint’ (vgl. L 35: „Den Glauben hatte Blumenberg zwar verloren, nicht aber die Liebe zur Kirche“; vgl. auch die „Eifersüchteleien“ L 130 etc.); wiewohl die Kapitel, die den zu frühem Tod verurteilten Studenten Blumenbergs (Isa, Gerhard, Richard und Hansi) gewidmet sind, und nicht zuletzt die objektiv-personal erzählte Szene von Blumenbergs Tod (L 202) nur „dem Erzähler“ zugeordnet werden können, bleibt die Letztfrage  nach der löwen-spendenden Instanz merkwürdig und leser-irritierend unentschieden, halb offen, unorthodox und damit verquer katholisch. Denn mit den alten zitierten Heiligen (Hieronymus, Maria Aegyptica) (vgl. L 14, 16 u.ö.), mit dem im Löwen verkörperten „Wunder“ (L 87 u. 123) geht es so wunderbar ‚handfest’ zu wie sonst nur im Katholischen. Und katholisch (und lebensrettend, vgl. L 126 – 127) getauft ist schließlich der Halbjude Blumenberg, der sich als „katholisch getauften Agnostiker“ (L 87) verstehen soll: „Blumenberg bekam Lust zu sagen: Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen.“ (L 10) Für Blumenberg (und die Nonne und den Erzähler) ist der Löwe „da“, und doch „ein im Metaphysischen zitterndes Wesen“ (L 35).

Noch einmal: „Im Metaphysischen“ – geht das? ‚Natürlich’ ist das ein „Roman“, und damit ist im Rahmen der Fiktion alles möglich, alles statthaft, das Mögliche ebenso wie das Unmögliche, das Phantastische wie das Wunderbare. Darum aber auch quasi-katholische „Begleitlöwen“ (L 199)?

Was irritiert, ist die unaufhebbare Diskrepanz zwischen diesem metaphysischen Gehäuse-Löwen und der verbrieften Positionen des romanhaft mit ihm „Begabten“, eine Diskrepanz, die in  Erzählerrede und Handlungsführung eher potenziert denn aufgehoben wird. Auch romanintern bleibt Blumenberg ausdrücklich der Skeptiker und Agnostiker – wie auch anders? Deutlich wird auf des realen Blumenberg Kritik von theologisch Fundamentalem z.B. in seiner Matthäuspassion angespielt:

ER [Gott] hatte das Isaakopfer vielmehr verschmäht, weil es zu gering war. Isaak, der kleine Wicht, der unbedeutende Sohn, viel zu unbedeutend für ein Gottesopfer. ER hatte auf das größere Opfer geharrt, ja nach ihm gelechzt, ER hatte es auf das Opfer des eigenen Sohnes abgesehen! [L 124; vgl. dazu BM 111 -115, bes. 114]

Oder auf den von den Evangelisten – absichtlich? – als Name eines Raubmörders missverstandene Barabbas-Ruf des Volkes, das eigentlich Jesus’ Freigabe gefordert habe: „Bar-Abbas“, aramäisch „Sohn des Vaters“ (L 124, BM 202), mit der fatalen Folge, dass „das Gottesvolk zum mörderischen Mob gemacht“ wurde (BM 202).

Diesem Philosophen diesen Löwen, den der Roman-Blumenberg von Beginn an ‚erkennt’? Und dieser Löwe hinterlässt – laut absoluter Erzähler-Rede – auf des toten Blumenberg Pyjamajacke „kurze, stumpfe, gelbliche Haare […], die schwerlich von einem Menschenkopf stammen konnten“ (L 202). Und eben diese Erzählweise  wird fortgesetzt im Schlusskapitel „Im Inneren der Höhle“ (L 203–216).  Auch diese Höhle ist ein merkwürdig metaphysisches Zwischending zwischen Platons Höhle und einer Art Vorstufe einer „andere[n] Welt“ (L 203), Ort der mählichen Auslöschung des Gedächtnisses (vgl. L 216), ein wiederum nicht orthodoxes Purgatorium. Von den sechs dort versammelten „Figuren“ (L 204) wird einzig Blumenberg durch Löwen-Anruf (!) und Löwen-Prankenschlag himmelfahrtsartig hinweg-‚gerissen’, Goethe zitierend „zu höherer Begattung“ (L216).

Was hier vorgenommen wird, ist eine durch keine Religion gedeckte, sondern eine fiktional konstruierte Heiligsprechung Blumenbergs. Der gesamte Roman mutiert in der Rückschau zu einer Quasi-Hagiographie – mit dem Gültigkeitsanspruch auf Seiten des ‚irgendwie’ Metaphysischen. Damit wird Blumenberg ein Erleben angedichtet, das zu seiner Philosophie nicht nur nicht ‚passt’, sondern sie radikal in Frage stellt in der Verwebung von Biographisch-Faktischem und diesem Als-ob-„Wunder“. Es ist die Poetik des Romans, die nicht aufzugehen scheint.

Unbestritten können viele Szenen, vor allem aber die unverkennbare ironische Distanz „des Erzählers“ einiges Lesevergnügen bieten. Dennoch stellt sich die Frage, ob dadurch das „Metaphysische“ kuriert wird und etwas für den Blumenberg ohne Anführungszeichen gewonnen wird: für sein (Alters-)Werk, seine Biographie, sein ‚Bild’.

Hier allerdings „stockt“ der Kritiker. An dieser Löwen-Attribuierungs-Fiktion nämlich ist der ‚reale’ Blumenberg nicht ganz unschuldig, um nicht zu sagen: Er hat solche Zuschreibung  geradezu provoziert, und Lewitscharoff konnte bei Blumenberg auch und gerade viel Löwen-Betreffendes „entwenden“, so ihre eigene Formulierung im angehängten „Dank“. Blumenberg hat sich in der Tat als „Liebhaber von Löwen“ (L 13) ausgewiesen. Die Frage ist nur, welcher Art von Löwen sein Interesse, seine Faszination und philosophische Zuwendung gegolten haben.

Blumenbergs „Löwen“

„Auch ohne naturschützerische Gebärde muss gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre“ (BL 77).  Damit scheint Blumenberg selbst die Lizenz zu Löwen-Überhöhung und -Attribuierung erteilt zu haben. Es ist dies ein kühner Satz, ein zu Fragen drängender Satz. Was haben Löwen an sich, das, wenn es fehlte, diese Welt „trostlos“ machte? Spenden sie, in welcher Form auch immer, wirklich „Trost“? Oder vermitteln sie Anderes (aber was?), dessen Fehlen als  „trostlos“ empfunden werden könnte? Und was fasziniert – neben Psalmisten, Rabbinern, Bildhauern, Malern und Dichtern – gerade Philosophen an Löwen?

Hier können Blumenbergs eigene „Löwen“ weiter helfen, seine über Jahre hinweg als sogenannte „Nebendinge“[1] entstandenen und 2010 aus dem Nachlass neu[2] edierten 32  „Betrachtungen“[3] über „Löwen“-in-Anführungszeichen. Denn in all diesen Glossen und Gedankenbildern geht es nicht um Löwen in natura, sondern um Löwen in Geschichten und Bildern, um Löwen-Gestaltungen und ihre ex- oder auch impliziten Vor-Deutungen.

Diese Art „Löwen“ erklärt auch das – zunächst  irritierende – Leitinteresse Blumenbergs, nämlich die „eingehende[] Beschäftigung mit allem, was an Löwen abwesend sein kann“ (BL 30). 18 von den 32  Glossen handeln vom „Abwesenden am Löwen“ (Titel BL 19). Es ist dies eine eher seltsame Formulierung, aber sie bezeichnet das Gemeinte genau: Es geht nicht bloß um Nicht-Gestaltetes, um sogenannte ‚Leerstellen’. Vielmehr ist das Abwesende jeweils als solches markiert, so im Bild Die schlafende Zigeunerin von Henri Rousseau der fehlende Geruch, die fehlende Witterung (vgl. BL 26), „und das lässt an seinen Raubkatzensinnen zweifeln“ (BL 25). Blumenbergs Pointe:

Es wäre so verfehlt spekulativ nicht, die gängige Deutung des Bildes umzukehren und zu sagen, die Schlafende sei nur der Traum des Löwen und in Träumen von Löwen gebe es sogar Zigeunerinnen, die nach nichts riechen [BL 26]

Eine für die Blumenbergschen Glossen charakteristische Verkehrung. Analoges gilt für Rousseaus Der hungrige Löwe. Hier ist, laut Blumenberg, der Geschmack der Beute abwesend. Beide Abwesenheiten deutet Blumenberg so, dass diese „magische Unbezüglichkeit“ (BL 27) die beiden Bilder zu Paradies-Darstellungen macht – mit „verhinderten Löwen“, weltenthoben, auratisch, rein (vgl. BL 28). Das Abwesende wird so als darstellungs-konstitutiv gesehen und damit zentral für Blumenbergs Reflexionen und Interpretationen.[4]

Die solche Neu- und Umdeutungen auslösenden Löwen-Gestaltungen reichen vom antiken Mythos (in der Tragödienversion von Euripides’ Bacchantinnen) bis zu Thomas Manns Lübecker Hotellöwen „mit ihrem gusseisern erstarrten Niesreiz“ (BL 109), Psalmen und Apokryphen wie dem von Paulus „getaufte[n] Löwe[n]“ (BL 44–49), Paulus, dessen Predigten „Geschlechtsenthaltsamkeit und sonst fast nichts“ (BL 45) zum „Kern“ haben und sogar den Löwen affizieren bzw. infizieren (vgl. BL 47) – eine der schönen Sottisen Blumenbergs. Und reichen hin bis zu Wittgensteins Selbstkorrektur seiner Tractatus-Strenge mit der Rettung des einst sinn-losen Fabellöwen: „Nicht in der Welt, doch in einem Sprachspiel der Weltbenenner vorzukommen, holt den abwesenden Löwen in Dasein und Leben zurück“ (BL 64) – „Denkers Löwenmut“! (BL 67) Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Unter den anregenden Textsorten dürfen Legenden nicht fehlen, vorweg natürlich Hieronymus „mit dem Wüstenlöwen als einem von Frömmigkeit angestecktem Haustier“ (BL 90); oder Buddha, der sich für einen hungrigen Löwen in einen Hasen verwandelt,  „für einen Löwenhunger gerade noch ein Nicht-Nichts“ (BL 52).

Die Fabel-Löwen von Äsop über Luther (vgl. BL 96) und Schillers Fiesco (vgl. BL 21–23) bis hin zu Hebbels „Kannibalismus“-Pose („Ich verzehre Menschen“, BL13) sind ebenso bedacht wie besonders Anekdotisches: So das „überfeine Mädchen“ bei Alfred Polgar, das angesichts eine Bildes Christenverfolgung unter Nero einen abseits kauernden Löwen tränenreich bemitleidet: „Ach, Papa, der arme Löwe da hat keinen Christen“. Dazu Blumenberg: „So empörend kann Ungerechtigkeit sein“ (BL 11). Soviel muss hier als Appetithappen genügen.

Worauf es aber in diesem Kontext ankommt: Blumenberg wählt solche Inszenierungen von Löwen, um an diesen Ausgestaltungen und Attribuierungen – oft überraschende – semiotische ‚Werte’ zu entwickeln. Es geht immer um Löwen in Kontexten, in semiotischen Konstellationen, in medien- und textsortenspezifischen Zeichen- und Sprachspielen.

‚Löwe’ wird so in Blumenbergs Gedankenspielen zu einem multiplen und multifunktionalen  Signifikanten, dessen Besetzungen und Aufladungen Blumenberg entziffert und (neu) bewertet. So fließt dem ‚Löwen’-Signifikanten bei Blumenberg jene „Aura“ (BL 28) wieder zu, die Löwen in Mythos und heiligen Schriften, in Heraldik und als Skulpturen einmal haben mochten.

In dieser Sicht ist noch einmal auf Lewitscharoffs Hagiographie zurück zu blicken. Selbstredend kann der Roman gelesen werden als ‚höherer Jux’ – und einiges spricht für diese Lesart. Aber der Roman kann auch gelesen werden als ein weiteres, ein neues Zeichenspiel mit und um die Signifikanten ‚Blumenberg’ und ‚Löwe’, die hier in eine alt-neue Konstellation gebracht werden: der Philosoph als Heiliger der Jetztzeit. Oder auch: ‚Die Versuchung  des Agnostikers Blumenberg’. Denn bei allen ‚Realismen’ – auch Lewitscharoffs Löwe führt nur ein „Buchstabenleben“ (L 81), ist Produkt einer weiteren Signifizierung. So gelesen wäre der Roman ein weiteres Gedankenbild, das gerade wegen seiner Zumutungen, Diskrepanzen und Irritationen ‚viel zu denken’ geben könnte.

Hier auch könnte der Schlüssel für das „Tröstliche“ am Löwen zu finden sein: dass seine Gestaltungen Anlass geben zu vielfältigen „Geistesbeschäftigungen“ (A. Jolles[5]), so dass die ‚Löwen’-Signifikanten durch solche Verwendungen und Zuschreibungen historische und funktionale Tiefe gewinnen, die ‚die Welt’ des Hans Blumenberg (und vielleicht auch unsere) ‚tröstlich’ bereichert.

Freilich: Es sind dies ‚nur’ Zeichen- und Sprachspiele von je eigenwertiger Geltung. Was bleibt als „Trost“? Das Lächeln mancher Löwen aus Stein.


[1] Klappentext zu Blumenbergs Glossensammlung Die Sorge geht über den Fluß. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1987 (= Bibliothek Suhrkamp 3000).

[2] Teilweise, aber in der Neuedition nicht nachgewiesen, zuvor in Zeitschriften und Zeitungen (FAZ, NZZ) veröffentlicht. Vgl. das Nachwort von Martin Meyer BL 119 – 130, hier 119.

[3] So die Textsortenzuordnung in der Bucheinlage.

[4]  Vgl. auch BL 81: Der sich fürchtende Löwe.

[5] Jolles 1969, 34 und dann durchgängig.

Literatur

Blumenberg, Hans: Löwen. Frankfurt a.M. 2010 (= Bibliothek Suhrkamp 1454). Zitiert als „BL“ mit Seitenzahl.

Blumenberg, Hans: Matthäuspassion. Frankfurt a.M. 1988 (= Bibliothek Suhrkamp 998). Zitiert als „BM“ mit Seitenzahl.

Jolles, André: Einfache Formen. Darmstadt 1969.

Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Frankfurt a.M. Zitiert als „L“ mit Seitenzahl.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: