„Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte.“

Eine Tiererzählung aus Ehm Welks Die stillen Gefährten und die Ironie des Unpolitischen

Von Thomas Lehner

Der Schriftsteller Ehm Welk (1884–1966) ist heute kaum mehr bekannt. Besonders gilt das für den Süden Deutschlands, da die alte kulturelle Nord-Süd-Trennung mittlerweile wieder gegenüber dem Ost-West-Unterschied überwiegt. Aus Biesenbrow bei Angermünde in der Uckermark stammend, lebte Ehm Welk zuletzt im mecklenburgischen Bad Doberan. Aber es geht gar nicht um geographische Größen.

Eine Hinwendung zu literaturwissenschaftlichen Fragen lohnt sich bei Ehm Welk besonders – liegt hier doch ein Gesamtwerk vor, das von erstaunlicher Vielfalt und Qualität ist, und das dennoch meist nur auf die berühmte und erfolgreiche „Kummerow-Trilogie“ der Romane Die Heiden von Kummerow (1937), Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer (1938) und Die Gerechten von Kummerow (1943) reduziert wird.[1]

Die Heiden von Kummerow „gelangten mit über 730 000 verkauften Exemplaren auf Rang drei der bestverkauften Romane im Dritten Reich […].“[2] Man muss sich dabei vor Augen halten, dass der Autor dieses so außerordentlich erfolgreichen Romans keineswegs ein Sympathisant oder gar Profiteur des NS-Regimes war. Im Gegenteil: Ehm Welk hatte sich als couragierter Bürger erwiesen, als er im April 1934 in der Grünen Post, einer Wochenzeitung des Berliner Ullstein-Verlags, einen Leitartikel direkt an den „Herrn Reichsminister“ richtete. Mit diesem offenen Brief[3] griff er Goebbels an – und musste dafür kurzzeitig ins Konzentrationslager.

Erst ab 1937 durfte er wieder veröffentlichen, allerdings nur ,Unpolitisches‘. Ehm Welk schrieb nun Romane und Erzählungen. So entstanden in dichter Folge fiktionale Texte, die an der Oberfläche tatsächlich unpolitisch waren, ihrem Autor keine neuen Schwierigkeiten mit dem Regime einbrachten – und ungemeinen Erfolg hatten. In einem jüngst erschienenen Lexikon werden Welks Werke charakterisiert als

Heimatromane, die vom Erwachsenwerden, von gesellschaftlicher Ausgrenzung, von Ungerechtigkeit und Verzweiflung handeln, aber auch Lebensfreude, unbezwingbaren Humor und ländlichen Stolz ausstrahlen. Von der Blut-und-Boden-Literatur der NS-Barden waren diese Romane weit entfernt. Vielleicht kamen sie deshalb bei den Lesern so gut an.[4]

 Auch Christian Adam stellt fest: „Bei allen Anklängen an konventionelle Heimatliteratur – Welk denkt und schreibt anders.“[5]

Neben der „Kummerow-Trilogie“ hat Ehm Welk zahlreiche Erzählungen über Tiere und Menschen veröffentlicht. Zu nennen sind hier die beiden Bände Die wundersame Freundschaft (1940) und Die stillen Gefährten (1943). Der ausgesprochene Tier- und Menschenfreund Welk sagte einmal über sie: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[6]

Die Erzählung Ehm Welks, um die es in diesem Beitrag geht, soll kurz in den Kontext gestellt werden, in dem sie 1943 im eigentlich auf Sportbücher spezialisierten Wilhelm Limpert-Verlag Berlin erschienen ist. Es handelt sich dabei um den Band mit dem Titel Die stillen Gefährten[7], den Ehm Welk verfasst und herausgegeben hat. Anlass dieser Veröffentlichung war der zehnte Jahrestag des „Reichstierschutzgesetzes“ vom 24. November 1933. Dieses Gesetz gehört nach einem Urteil in einer Dissertation aus dem Jahr 2012 zu jenen Tier- und Naturschutzgesetzen, „die als fortschrittlich angesehen werden können und in vielen Fällen nach wie vor Bestand haben oder die Grundlage heutiger Gesetze bilden.“[8] Allerdings weist Ehm Welks Band Die stillen Gefährten nicht gerade den Charakter einer Festschrift auf. Wie schon der Titel andeutet, herrschen zurückgenommene Töne vor. Eher leise Anklage statt offener Jubel – so lässt sich der Tenor pointiert beschreiben. Es ist ein gehöriger Irrtum, wenn Heinz Wittenberg im Vorwort zu diesem Band meint, dieser sei „sozusagen eine Feierrede zur Würdigung des großen [Gesetzgebungs-]Werkes.“[9] Dass es sich anders verhält, wird bei der folgenden Analyse der den Band eröffnenden Erzählung – Ehm Welk erzählt nämlich, statt Sonntagsreden zu halten – deutlich werden.

Das Buch präsentiert sich als ausgesprochen vielfältige Mischung unterschiedlicher Textsorten fiktionaler und nicht-fiktionaler Art. So ist beispielsweise das Tierschutzgesetz ebenso abgedruckt wie eine Sammlung von Anekdoten; Erfahrungsberichte mit dokumentarischem Anspruch und Erzählungen wechseln einander ab; außerdem sind Tiergedichte verschiedener Klassiker eingestreut. Zahlreiche Fotografien zeigen Tiere und zumeist junge Menschen in friedlicher Eintracht. Der Krieg hinterlässt insofern Spuren, als die Pferde hier „Kameraden“ (W 83) sind.

So zeitenthoben sich die Gesamtanlage des Bandes trotz des Jubiläums ausnimmt, so unklar ist dem Leser in einigen Fällen auch der fiktionale Status mancher Textbeiträge. Ganz besonders gilt das für die hier näher interessierende Erzählung mit dem zweiteiligen Titel Ein Tierleben. Die Geschichte des Fuchswallachs „Ella“ (W 10–23), die den Band eröffnet. Schon ihr Titel signalisiert: Die beschriebene Gemischtheit und Unbestimmtheit, die Gattungsfragen ebenso wie die Rolle des Einzeltextes innerhalb des gesamten Bandes betrifft, setzt sich auf der Inhaltsebene dieser Erzählung fort. Gegensätze stoßen unvermittelt aufeinander. Ein Wallach namens „Ella“ muss als ziemlich erstaunliches Phänomen gelten, biologisch jedenfalls als unmögliches Geschöpf.

Solche Zweideutigkeit, die jegliche Rezeptionsroutine von Beginn an unterläuft, wird im Erzähleingang weiter verstärkt: „Es mag zuvor gesagt werden, daß diese Geschichte keine sogenannte Tierdichtung ist, sondern nur ein Ausschnitt aus dem nüchternen Leben um uns.“ (W 10) Damit ist ein dokumentarischer Anspruch formuliert, der im Anschluss an die Erzählung nochmals unmissverständlich bekräftigt wird, wo es heißt: „Die Geschichte von dem Pferd ,Ätna‘ ist wahr.“(W 24)[10]

Sehr geballt wird hier der alten Unterstellung, nach der die Dichter lügen, entgegengearbeitet. Das entspricht der pädagogischen Absicht des ganzen Buches, auf breite Leserschichten einzuwirken, müsste aber nicht in solch auffälliger Weise mehrfach betont werden, wenn nicht gleich am Beginn des Bandes ein derart hybrider und doppelsinniger Text stehen würde. Oder wohl besser umgekehrt: Gerade die prominente Platzierung dieser Geschichte um den Wallach namens „Ella/Ätna“ mahnt den Leser zu einer sehr genauen, uneigentlichen Lektüre. Das zeigt sich nicht nur auf der Ebene des Gesamtbandes und der Zuordnung seiner einzelnen Bestandteile zueinander, sondern selbst in Details der Wortwahl: Das Experimentieren mit den Möglichkeiten poetologischer Lizenz gipfelt im oben zitierten Erzähleingang in der ironisch getönten Bescheidenheitsgeste, die in dem Wörtchen „nur“ verborgen ist. Im Schlusssatz wird es, diesmal in Gestalt von „lediglich“ und mit inhaltlichem Bezug, erneut auftauchen (vgl. W 23). So bildet es einen Rahmen um die Geschichte.

Mit all diesen Feinheiten aber wird die Erzählung von Anfang an in ein Licht gerückt, das sie keineswegs als so harmlos erscheinen lässt, wie man bei flüchtigem Lesen meinen könnte. Wie sich das auch an einzelnen Stellen innerhalb des Textes zeigt, möchte ich nun entlang des Handlungsganges näher beleuchten.

Ein Ich-Erzähler beobachtet einen Kutscher, der seinen steckengebliebenen Mistwagen wieder flottbringen möchte und dazu sein Zugpferd antreibt. Nach dem meta-literarischen Erzählbeginn geht es ohne weitere Verzögerung szenisch weiter, könnte man demnach meinen. Aber das täuscht, wie ein genauer Blick auf den ersten erzählenden Satz des Textes zeigt: „Eines Vormittags im Spätherbst schreckte mich ein helles Menschengebrüll, das mit einem tiefen, anscheinend tierischen Stöhnen abwechselte, aus der Arbeit und rief mich in den Garten.“ (W 10)

Ganz in Übereinstimmung mit den bereits aufgezeigten Vertauschungen und Unbestimmtheiten werden verschiedene Arten der Artikulation chiastisch einander zugeordnet: Das Tier stöhnt, der Mensch brüllt. Wie der aufmerksam gewordene Ich-Erzähler sofort intuitiv bemerkt, ist die Welt tatsächlich aus den Fugen, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aus dem Gleichgewicht geraten. Allgemein kann man folgern: Die Ordnung ist gestört.

Die Intervention des Ich-Erzählers bringt nun die Ursache für die so menschliche Lautäußerung des Tieres ans Licht: „[D]ie arme Kreatur hatte unter dem breiten Kumt an Hals und Brust und auf dem Rücken unter dem Sielenzeug handbreite wunde und vereiterte Stellen, so daß das Leder im nackten Fleische saß. Bei jeder neuen Berührung durchzuckte ein wilder Schmerz das Tier […].“ (W 11) Die tierfreundliche Einstellung des Erzählers führt nun dazu, dass er der Sache auf den Grund geht. Seine Nachforschungen führen ihn zum Besitzer des Pferdes und dieser erweist sich als Vertreter eines bestimmten Typs: Er ist, „wie die meisten Nutztierhalter, ein Sachbesitzer“ (W 11) und entsprechend vor allem daran interessiert, dass seine Besitzgüter Gewinn abwerfen bzw. keine Kosten verursachen. Daher hat er auch keine besondere Mühe darauf verwandt, sein Pferd wieder richtig gesund zu machen; es muss seine relative Nutzlosigkeit gerade dadurch büßen, dass es nur schlechtes Futter bekommt und kaum gepflegt wird, wie er dem Ich-Erzähler ohne Unrechtsbewusstsein berichtet.

Ein Verweis auf den Tierschutz oder gar eine Anzeige erscheinen dem Ich-Erzähler wenig aussichtsreich zu sein, wie er in einer Anrede an ein imaginäres Gegenüber darlegt:

Ich weiß, ich hätte auf Grund der vorliegenden Tatsachen die Weiterverwendung des Pferdes vor dem Wagen sofort verhindern müssen. In der Stadt, auf der Straße, wäre es auch leicht gewesen, es zu erzwingen. Auf dem Lande jedoch war ich machtlos, denn kein Kutscher lässt sich auf das Gebot eines einzelnen Fremden ein Pferd ausspannen, weil es ,ein bißchen was im Fell hat‘. [W 13]

Dieser Argumentationsgang mag innerhalb der Diegese plausibel erscheinen und als Leser folgt man ihm auch gerne. Jedoch: Eine gehörige Sprengkraft erhält diese Darlegung, wenn man den Kontext bedenkt, in dem sie steht – und hierbei zeigt sich wiederum das schillernde Wechselspiel zwischen Fiktion und Dokumentation, das Ehm Welk so virtuos handhabt: Ausgerechnet in einer Publikation, die das „Reichstierschutzgesetz“ als Errungenschaft des NS-Regimes feiern soll, sind solche Aussagen zu finden, die der kodifizierten Rechtlichkeit in der Praxis lediglich durchschlagende Wirkungslosigkeit bescheinigen. Gegenüber eingefahrenen Gewohnheiten und gesinnungslosem Profitstreben, ja erst recht gegenüber systematischen Verstößen, wie sie hier offensichtlich vorliegen, erweist sich die Gerechtigkeit als nicht einklagbar. Solch ein Gesetz, mit dem die Ordnung nicht wieder hergestellt werden kann, ist wertlos und das Rechtssystem, auf dem es fußt, ohne Legitimation.

In diesem rechtsfreien Raum greift der Tierfreund nun, statt auf papiertigerige Paragraphen zu setzen, zum einzig angemessenen Mittel, der Eigeninitiative. Kurzerhand kauft er den abgehalfterten Wallach, diese bis über die Grenzen hinaus geschundene Kreatur, und setzt, als Amateur im doppelten Sinne des Worts, sogleich alles an die Wiederherstellung des Tieres. Es wird im Stall eines befreundeten Bauern untergebracht und hingebungsvoll versorgt. Nach einem Vierteljahr avanciert der durchschlagende Erfolg zum Dorfgespräch, denn „schließlich sah auch der Zweifler, daß Schonung, Reinhaltung und Behandlung des Übels Herr werden würden.“ (W 16)

Hierauf folgt unmittelbar eine bemerkenswerte Leseranrede: „Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte. Vielleicht war sie es aber für den Wallach.“ (W 16) Wiederum erinnert dies an die Bekräftigung, die Geschichte sei tatsächlich so geschehen. Aus diesem  exemplarischen Status heraus formuliert der Ich-Erzähler seine didaktische Absicht: „[…] ich bemühte mich, den Bauern den Nutzen einer guten Behandlung der Tiere zu deuten. Die Wirkung blieb ein mitleidiges Lächeln […].“ (W 17) An dieser kurzen Textstelle wird deutlich, welche Strategie der Ich-Erzähler anwendet und mit welchen sprachlichen Mitteln Ehm Welk das verkehrte Verhältnis zwischen Mensch und Tier kennzeichnet: Die Argumentation des leidenschaftlichen Tierfreundes und reflektierenden Empirikers[11] macht sich taktisch die utilitaristische, einseitig ökonomistische Denkweise der Bauern zu eigen, die nicht bereit sind, im Tier ein Mitgeschöpf zu sehen. Mitleid bringen sie stattdessen, fehladressiert, dem Fremden entgegen. Im sozialen Milieu des Dorfes sieht dieser sich, als intellektueller Städter abgestempelt, auch nach der erfolgreichen Wiederherstellung „Ellas“ eingefahrenen Ressentiments gegenüber. In einer konsequent-grotesken Weiterdrehung seiner Denkstruktur fordert der Vorbesitzer des Wallachs eine Nachzahlung, da der vor einigen Monaten gezahlte Kaufpreis für so ein schönes und kräftiges Pferd – nunmehr bestes Animalkapital – doch viel zu niedrig gewesen sei.

An diesem Punkt scheint die Handlung an ihr natürliches Ziel gelangt – die Geschichte vom Wallach „Ella“ hat ein gutes Ende gefunden. Aber die Aufmerksamkeit des Tierfreundes richtet sich nun auf die Vorgeschichte seines Pferdes; es zeigt sich hier ein emphatisches Interesse an der Kreatur, das nochmals gegen jene kollektive Gleichgültigkeit, die das Tier zur Ware degradiert, positioniert wird:

[…] ich mußte den Versuch machen, herauszubekommen, wie dieses Pferdeleben verlaufen war. Vielleicht gelang es nicht, wer kümmert sich schon um die Vergangenheit einer Ware, sie wird geschätzt und gehandelt nach ihrem augenblicklichen Zustand. [W 18]

Damit soll dem Wallach namens „Ella“ nach der körperlichen Gesundheit letztlich auch seine Identität wiedergegeben werden – ein Unterfangen, das durch den „verdrehten Namen“ (W 19) besonders dringlich erscheint.

Der nun folgende Teil der Erzählung bringt eine kunstvolle Veränderung im Erzählablauf mit sich: Berichtet wird fortan rückläufig, als analytische Erschließung bis zum Ausgangspunkt dieses Pferdelebens. So entsteht in starker Raffung ein Panorama der Geschichte über die Inflationszeit bis zurück zum Ersten Weltkrieg. Im Verlauf dieser Recherche erweist sich der ungewöhnliche Name als eine Verballhornung der mimetischen Namensgebung „Ätna“, wie das Fohlen „wegen seiner feurigen Ausbrüche“ (W 20) ursprünglich genannt worden war. Die Individualität des Pferdes, das „von einem Reitpferd und eleganten Springer zum Mistwagenpferd gemacht“ wurde (W 22), hat der Tierfreund damit wieder in ihr Recht gesetzt.

Der Abschluss der Geschichte wie des Pferdelebens soll nach dem Wunsch des Ich-Erzählers nun wieder zum Ausgangspunkt zurückführen, aber den Leuten, die den Hof des Wallachs mittlerweile bewirtschaften, kann er das Pferd nicht anvertrauen. So bleibt es bei einem friedlichen (es wird nicht für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg eingezogen) und würdevollen Lebensabend in der Obhut des Ich-Erzählers, der am Ende die Moral dieser „wahren“ Geschichte den immer noch dem reinen Besitzdenken verhafteten Dorfbewohnern entgegenhält:

Von mir aber sagten sie jetzt, daß ich einen Blick für Pferde habe. Und glaubten es nicht, als sie hörten, daß es nicht das Auge des Pferdekenners war, das die Geschichte verursachte, sondern daß lediglich das Herz eines Tierfreundes ausreichte, einen recht handgreiflichen Nutzen zu schaffen.[12] [W 23]

Diese Moral mit ihrer Betonung des Herzens beschreibt einen paradoxen Vorgang: Gerade und nur aus idealistischer Zuwendung bessern sich die Dinge und daraus kann letztlich sogar ein „handgreiflicher Nutzen“, eine bezifferbare Größe resultieren. Dieser wäre dabei ein keinesfalls störendes Nebenresultat; als ursprüngliche Motivation muss er wegen seiner verkürzenden Perspektive aber in jedem Fall als schädlich gelten. Damit wird die Einseitigkeit des rein „anthropozentrischen bzw. ökonomistischen Argument[s]“,[13] wie man in der Tierethik sagen würde, aufgezeigt. Der Tenor der Moral zielt also insgesamt auf eine Aufhebung solcher Gegensätze, da eine einseitige Ausrichtung auf Zweckrationalität, wie sie der Vorbesitzer des Pferdes verkörpert, die Wurzel des Übels ist. Der aufklärerische Impetus des Ich-Erzählers hingegen ist untrennbar mit voraussetzungsloser Anteilnahme am Tierschicksal gepaart. Und gerade deshalb – sowohl wegen seiner Intellektualität wie auch wegen seiner Sensibilität dem Mitgeschöpf gegenüber – steht der Ich-Erzähler in der Gesellschaft isoliert. Demnach bleibt die Versöhnung von (auch scheinbaren) Gegensätzen, wie sie die Erzählung von Anfang an mit literarischen Mitteln ausstellt, innerhalb wie außerhalb der Diegese ein Versprechen für die Zukunft. In verderbter Zeit, in der das positiv gesetzte Recht versagt, bleibt vorerst nur die ethisch begründete Eigeninitiative als Ausweg.

Bei einem Autor, der offiziell auf unpolitische Texte festgelegt war, lässt dies aufhorchen. Offensichtlich hat Ehm Welk diese Erzählung mit Unschuldsmiene ganz im Sinne einer unverfälschten Volksaufklärung (ein Begriff, der in der Amtsbezeichnung des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ die denkbar größte Pervertierung erfahren hatte) verfasst – und nicht nur als unbedarfter Tierfreund. Auch und gerade dieser Sinn schwingt mit, wenn Ehm Welk über seine Tiererzählungen der 1940er Jahre, ganz ohne Ironie, äußerte: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[14]

Literatur

Primärliteratur

Welk, Ehm: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Sekundärliteratur

Adam, Christian: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010.

Dirscherl, Stefan: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012.

Reich, Konrad: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980.

Sarkowicz, Hans u. Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon. Berlin 2011.

Schürmann, Monika: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001.

Wuketits, Franz M.: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen. In: Bernd Janowski/Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30.


[1] Monika Schürmann urteilt: „Ein übergroßer Anteil der Welk-Sekundärliteratur widmet sich diesen drei vor 1945 entstandenen Romanen […].“ Siehe Monika Schürmann: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001, S. 14.

[2] Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010, S. 168.

[3] Abgedruckt in: Konrad Reich: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980, S. 215–218.

[4] [Art.] Welk, Ehm. In: Hans Sarkowicz/Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon.

Berlin 2011, S. 619–622, hier S. 621.

[5] Adam 2010, S. 170.

[6] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

[7] Ehm Welk: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Fortan zitiert unter der Sigle W.

[8] Stefan Dirscherl: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012, S. 205. – Auf Ehm Welks Die stillen Gefährten geht Dirscherl leider nicht ein; im Literatur- und Quellenverzeichnis fehlt Welks Name völlig.

[9] Heinz Wittenberg: Vorwort. In: Welk 1943, S. 6f., hier S. 6. – Wittenberg unterzeichnet das Vorwort als „Beiratsmitglied des Tierschutzvereins für Berlin und Umgebung e.V.“ sowie als „Herausgeber des Deutschen Tierschutz-Bildkalenders“.

[10] „Ätna“ ist der ursprüngliche Name des Wallachs „Ella“.

[11] Er spricht an einer Stelle davon, „tierpsychologische Studien“ zu betreiben (W 11).

[12] Erstaunlich ist die gleichlautende Bewertung von Auge und Herz in der – ebenfalls 1943 veröffentlichten – Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, die Ehm Welk damals mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gekannt hat.

[13] Franz M. Wuketits: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen.

In: Bernd Janowski u. Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30, hier S. 27.

[14] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

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