Der geprellte Purzel

Skrupel eines Lebensretters

Von Ulrich Holbein

Nicht nur rette ich pro Tag ein Frühstücksei vor dem sicheren Verzehrtwerden durch mich, nicht nur bleiben durch meinen unfanatischen Vegetarismus im Lauf von 75 Lebensjahren genau dreißig Schweine am Leben; denn jeder Bundesbürger frißt pro Jahr eine halbe Sau. Sondern neulich rettete ich sogar recht aktiv einem Huhn das Leben! Einem Huhn! Ich! Obwohl ich mich eigentlich eher als Ästhet betrachte, im Sinne Körkegooohrs (so wird nämlich der Genosse von Prinz Hamlet und Lars von Trier ausgeprochen!) und erst in zweiter Linie als DLRG-Schein-Besitzer. Ich rettete es nicht indirekt, per Salatverzehr, nein, äußerst direkt rettete ich es. Nicht, daß nochmal Herr Schmidt von mir sagt, ich sei zerfressen von Menschenhaß, nur weil ich mal beiläufig geäußert habe, es gäbe in Köln ziemlich viele Leute.

Das aber mit der Rettung eines Huhns kam so: Siebenschläfer stehen unter Naturschutz. Nichts gegen unfreiwillige Haustiere, aber allein diesen Sommer habe ich im Holzzelt meines Schlafzimmers, auf das neulich im September ganz besonders dicke Eicheln prasselten, hierbei sogar Schindeln perforierten, woraus der bäuerliche Schluß gezogen wurde, ein harter Winter steht bevor, zumal die Wildgänse heuer ziemlich früh und zügig vorbeikamen, auf dem Weg von Dänemark über Köln nach Ägypten, und sich nicht lang aufhielten rund ums Knüllköpfchen, kurz: Beim Aussetzen meines allnächtlich dank Lebendfalle gefangenen Siebenschläfers, auf daß er mir nicht länger nebens Kopfkissen kacke, komme ich an zwölf Truthähnen vorbei — neuerdigns sind’s nur noch zwei. Was aber ein anderes Kapitel wäre. Überdies komme ich kurz vor EDEKA und ersatzlos zugemachter Poststelle am Gehöft des Bauern Nickel vorbei, jenes, der neulich die vorletzte Dorflinde abschlug mit der Begründung: „Is doch nur Unkraut. Wächst doch widder nach, das Zeuch!“ Allwo Dackel Purzel, der mit der Zornesfalte, mich diesmal nicht anblaffte, sondern hohem Alter zum Trotz eins der freilaufenden Hühner in der Schnauze hielt, so schuldlos wie bissig. Gakeleja, mit herabhängenden Flügeln, ließ reglos das Massaker über sich ergehn.

Statt nun aber den ewigen heiligen Kreislauf allen Sterbens, Werdens und Stoffwechselns durchlaufen zu lassen, wie er nun mal immer und allerorten abrollt, verweigerte ich Mutti Natur den Kotau und griff ein: Zornwurst Purzel, als ich mit möglichst zoologischer Drohgebärde heranfegte, ließ los und schwirrte ab. Ich klingelte dann bei Nickels. Die kamen teigbleich und banal hervor und guckten auf meinen Zeigefinger, den ich in Richtung Huhn hielt. Immer noch in Angststarre saß es da, im Kreis seiner gelassenen Federn. Und starrte unnachahmlich unbeteiligt in eine metaphysische Ferne, als sein eigenes Standbild. Frau Nickel nahm’s auf den Arm, das steife Opfer, in das langsam wieder Leben kam, und entließ es zu den anderen Hühnern. Gerupft, aber sichtlich ohne unangenehme Erinnerungen, rannte es hierhin und dahin, besinnungslos, pickte irgendwo hin, so wahllos wie möglich, warf ruckhaft das Geklunkere herum. So bin ich nun mal. Der geborene Hühnerretter.

Hinterher kamen mir dann Skrupel: Wieso focht ich auf Seiten von Nickels perverser Bratpfanne? Statt aufseiten der natürlichen Triebe eines unverdorbenen Dackels! Ach ja: heirate, du wirst es bereuen, heirate nicht, du wirst es auch bereuen, tu keins von beidem, du wirst alles bereuen. Worauf bereits Körkegoooohr aufmerksam machte. Fazit: Leute kenne ich, die heilen und retten ständig die Welt. Ich für meinen Teil rettete für den Anfang immerhin ein Huhn. Möge Shiva mir’s vergelten. Falls ich an den glaube, und um auch den zu retten, glaube ich natürlich sehr an ihn. Und um mich im nächsten Leben gackernd von einem Menschen retten zu lassen, der in diesem Leben Purzel heißt.

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Die Löwen des Philosophen

Von Jürgen Landwehr

Suppose the lions all get up and go.

(W.H. Auden)

 

Metaphysische Zumutungen

Geht das? Eine doch wohl noch sehr im Irdischen beheimatete Schriftstellerin des 21. Jahrhunderts, Sibylle Lewitscharoff, hat in ihrem Roman Blumenberg den titelgebenden Philosophen postum mit einem Löwenbegleiter und „Begleitlöwen“ (L 199) begabt – ausgerechnet Hans Blumenberg, den ausgewiesenen Mythen-, Bibel- und Theologie-Kritiker, den prononcierten „Skeptiker“ (BL 31) und ausgerechnet mit einem Gehäuse-Löwen (vgl. L 14 u.ö.), der Blumenberg in zahlreichen Anspielungen und Verweisen zu nichts weniger als einem ‚anderen’ Hieronymus macht.

Der Blumenberg zugesellte Löwe gleicht nicht nur dem legendarischen Löwen, er ist – zumindest in des Roman-Blumenbergs Sicht – dessen Wiedererscheinung:

Nach Jahrhunderten war wieder Leben in ihn gefahren, er hatte sich erhoben, um die Wüste zu verlassen und einem bedeutenden Mann Gesellschaft zu leisten. [L 37]

Entsprechend merkwürdig sind die Eigenschaften, Verhaltensweisen und Wirkungen dieses Löwen. Einerseits ist er „da“: „Habhaft, fellhaft, gelb“ (L 110, auch 15) und ziemlich altersgezeichnet (vgl. L 13, 35, 38), also recht ‚realistisch’ gezeichnet. Andererseits aber ist seine Löwenhaftigkeit sehr reduziert – zur Erleichterung des mit ihm Begabten: Er braucht keine Nahrung (vgl. L 32), sein Raubtiergeruch ist auf einen kaum wahrnehmbaren Hauch vermindert (vgl. L 11 – 12 und 202), und er ist unsichtbar für alle außer eben Blumenberg und die gleichfalls ‚höher’, nämlich metaphysisch begabte Nonne Käthe Mehliss (vgl. L 64 – 68). Mit Recht erscheint der Löwe Blumenberg als „etwas leibarm“ (L 120), als ein rechter Stuben- und „Teppichlöwe“ (L 128).

Um so gewaltiger, ja überirdisch sind des Löwen Wirkungen  und Einflüsse auf den Philosophen: Vom Löwen geht ein „Kraftstrom“ (L 25 u. 123) aus; er wirkt aus „Zuversichtsgenerator“ (L 129), der Blumenbergs nächtliche Gedankenbildnerei (vgl. L 99) entschieden befördert und überwacht.

Der Löwe vernahm alles, überprüfte alles und achtete mit hoheitsvollen Ohren, die selbst im Keim verworfene Gedanken hören konnten, und Augen, denen nicht die kleinste Bewegung entging, auf die Diktate Blumenbergs, damit der Philosoph bei seinen geistigen Flugmanövern auf Kurs blieb. [L 129]

„Geistodem“ und „Geiststrahlen“ (L 40) sind seine Begleiter. Und über allem spendet er „Trost“ (L 24), spendet er Kraft und Zuversicht (vgl. L 159) in diesen Zeiten philosophisch konstatierter „Trostbedürftigkeit des Menschen“ (L 21) und verlorener Benennungsgewissheit (vgl. L 132).

Am merkwürdigsten aber ist: Der Roman-Blumenberg ist sich von Beginn an gewiss, dass er (und nur er!) den „Begleitlöwen“ (L 199) „verdient“ hat (L 14) auf Grund seines Lebens als „exemplarische[r] Asket“ (L 14):

Dieses Mal sollte sein [des Löwen] Besuch aber keinem Heiligen gelten, sondern einem Philosophen. Man hätte denken können, dass vielleicht Ludwig Wittgenstein oder Edmund Husserl – wer wollte sich hier so genau festlegen –, vielleicht sogar der gewölbte Schnauzbart Friedrich Nietzsches ihn aus der Wüste gelockt hätten, aber nein, ein zurückgezogener Philosoph in Münster war’s […]. [L 37]

Ihn, Blumenberg, erfüllt als so Auserwählter „eine anheimelnde Selbstwärme“, „ein Gefühl, das von Selbstüberhebung nur geringfügig sich unterschied“. (L 14) Abgesehen von der Frage, wer hier ‚spricht’ und wertet, ist an löwen-induzierten „Selbstüberhebungen“ kein Mangel: Mit Hieronymus wären die rhetorischen (und löwen-bändigenden) Kräfte durchaus zu messen, mögen dem Skeptiker Blumenberg auch „dessen andächtige Vollendungsposen“ nicht gelingen (L 35). Und als „verdient“ bestätigt die Nonne Mehliss den Begleitlöwen, erklärt sich aber als zu weiteren Auskünften „nicht befugt“ (L 68). Noch höher greift eine „allegorische Christusnähe“ (L 32).

‚Natürlich’ geradezu drängt sich Blumenberg (und dem Leser)  die Frage auf, welche Instanz den Begleitlöwen gesandt, diese „Ehrenmitteilung der hohen Art“ (L 9) „nach eingehender Prüfung […] gewährt“ hat (L 10).

Der große Einfädler und Knotenwirrer hatte – wenn es IHN denn gab, ewig und unvernommen, aber im Geheimen wirksam – in dieser sagenhaft löwenähnlichen, von einem wirklichen Löwen vielleicht nur durch die Handprobe zu unterscheidenden Chimäre einen ganz besonderen Prachtknoten geschürzt. [L 123]

Der ‚Kniff’ Lewitscharoffs: Alle Löwenkapitel (und die anderen interessieren hier nicht) sind aus der Sicht und Innensicht Blumenbergs präsentiert, in „erlebter Rede“, wie dies eher irreführend heißt, d.h. als präterital und in der 3. Person gestalteter Strom der Gedanken und Gefühle Blumenbergs, auch seiner Zweifel und seiner Fragen nach dieser nonnen-bestätigten „Auszeichnung“ (L 66).

Wiewohl „der Erzähler“ (unter diesem männlichen Etikett) sich in eigenen Zwischenkapiteln (vgl. L 81 – 84, 157 – 159) mit Selbstkommentaren und -reflexionen einschaltet, besonders aber als Arrangeur der Gesamtkonstruktion und als Präsentationsinstanz unausdrücklich durchgängig präsent ist; wiewohl bei manchen Formulierungen und Wertungen eher die Erzählersicht ‚durchscheint’ (vgl. L 35: „Den Glauben hatte Blumenberg zwar verloren, nicht aber die Liebe zur Kirche“; vgl. auch die „Eifersüchteleien“ L 130 etc.); wiewohl die Kapitel, die den zu frühem Tod verurteilten Studenten Blumenbergs (Isa, Gerhard, Richard und Hansi) gewidmet sind, und nicht zuletzt die objektiv-personal erzählte Szene von Blumenbergs Tod (L 202) nur „dem Erzähler“ zugeordnet werden können, bleibt die Letztfrage  nach der löwen-spendenden Instanz merkwürdig und leser-irritierend unentschieden, halb offen, unorthodox und damit verquer katholisch. Denn mit den alten zitierten Heiligen (Hieronymus, Maria Aegyptica) (vgl. L 14, 16 u.ö.), mit dem im Löwen verkörperten „Wunder“ (L 87 u. 123) geht es so wunderbar ‚handfest’ zu wie sonst nur im Katholischen. Und katholisch (und lebensrettend, vgl. L 126 – 127) getauft ist schließlich der Halbjude Blumenberg, der sich als „katholisch getauften Agnostiker“ (L 87) verstehen soll: „Blumenberg bekam Lust zu sagen: Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen.“ (L 10) Für Blumenberg (und die Nonne und den Erzähler) ist der Löwe „da“, und doch „ein im Metaphysischen zitterndes Wesen“ (L 35).

Noch einmal: „Im Metaphysischen“ – geht das? ‚Natürlich’ ist das ein „Roman“, und damit ist im Rahmen der Fiktion alles möglich, alles statthaft, das Mögliche ebenso wie das Unmögliche, das Phantastische wie das Wunderbare. Darum aber auch quasi-katholische „Begleitlöwen“ (L 199)?

Was irritiert, ist die unaufhebbare Diskrepanz zwischen diesem metaphysischen Gehäuse-Löwen und der verbrieften Positionen des romanhaft mit ihm „Begabten“, eine Diskrepanz, die in  Erzählerrede und Handlungsführung eher potenziert denn aufgehoben wird. Auch romanintern bleibt Blumenberg ausdrücklich der Skeptiker und Agnostiker – wie auch anders? Deutlich wird auf des realen Blumenberg Kritik von theologisch Fundamentalem z.B. in seiner Matthäuspassion angespielt:

ER [Gott] hatte das Isaakopfer vielmehr verschmäht, weil es zu gering war. Isaak, der kleine Wicht, der unbedeutende Sohn, viel zu unbedeutend für ein Gottesopfer. ER hatte auf das größere Opfer geharrt, ja nach ihm gelechzt, ER hatte es auf das Opfer des eigenen Sohnes abgesehen! [L 124; vgl. dazu BM 111 -115, bes. 114]

Oder auf den von den Evangelisten – absichtlich? – als Name eines Raubmörders missverstandene Barabbas-Ruf des Volkes, das eigentlich Jesus’ Freigabe gefordert habe: „Bar-Abbas“, aramäisch „Sohn des Vaters“ (L 124, BM 202), mit der fatalen Folge, dass „das Gottesvolk zum mörderischen Mob gemacht“ wurde (BM 202).

Diesem Philosophen diesen Löwen, den der Roman-Blumenberg von Beginn an ‚erkennt’? Und dieser Löwe hinterlässt – laut absoluter Erzähler-Rede – auf des toten Blumenberg Pyjamajacke „kurze, stumpfe, gelbliche Haare […], die schwerlich von einem Menschenkopf stammen konnten“ (L 202). Und eben diese Erzählweise  wird fortgesetzt im Schlusskapitel „Im Inneren der Höhle“ (L 203–216).  Auch diese Höhle ist ein merkwürdig metaphysisches Zwischending zwischen Platons Höhle und einer Art Vorstufe einer „andere[n] Welt“ (L 203), Ort der mählichen Auslöschung des Gedächtnisses (vgl. L 216), ein wiederum nicht orthodoxes Purgatorium. Von den sechs dort versammelten „Figuren“ (L 204) wird einzig Blumenberg durch Löwen-Anruf (!) und Löwen-Prankenschlag himmelfahrtsartig hinweg-‚gerissen’, Goethe zitierend „zu höherer Begattung“ (L216).

Was hier vorgenommen wird, ist eine durch keine Religion gedeckte, sondern eine fiktional konstruierte Heiligsprechung Blumenbergs. Der gesamte Roman mutiert in der Rückschau zu einer Quasi-Hagiographie – mit dem Gültigkeitsanspruch auf Seiten des ‚irgendwie’ Metaphysischen. Damit wird Blumenberg ein Erleben angedichtet, das zu seiner Philosophie nicht nur nicht ‚passt’, sondern sie radikal in Frage stellt in der Verwebung von Biographisch-Faktischem und diesem Als-ob-„Wunder“. Es ist die Poetik des Romans, die nicht aufzugehen scheint.

Unbestritten können viele Szenen, vor allem aber die unverkennbare ironische Distanz „des Erzählers“ einiges Lesevergnügen bieten. Dennoch stellt sich die Frage, ob dadurch das „Metaphysische“ kuriert wird und etwas für den Blumenberg ohne Anführungszeichen gewonnen wird: für sein (Alters-)Werk, seine Biographie, sein ‚Bild’.

Hier allerdings „stockt“ der Kritiker. An dieser Löwen-Attribuierungs-Fiktion nämlich ist der ‚reale’ Blumenberg nicht ganz unschuldig, um nicht zu sagen: Er hat solche Zuschreibung  geradezu provoziert, und Lewitscharoff konnte bei Blumenberg auch und gerade viel Löwen-Betreffendes „entwenden“, so ihre eigene Formulierung im angehängten „Dank“. Blumenberg hat sich in der Tat als „Liebhaber von Löwen“ (L 13) ausgewiesen. Die Frage ist nur, welcher Art von Löwen sein Interesse, seine Faszination und philosophische Zuwendung gegolten haben.

Blumenbergs „Löwen“

„Auch ohne naturschützerische Gebärde muss gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre“ (BL 77).  Damit scheint Blumenberg selbst die Lizenz zu Löwen-Überhöhung und -Attribuierung erteilt zu haben. Es ist dies ein kühner Satz, ein zu Fragen drängender Satz. Was haben Löwen an sich, das, wenn es fehlte, diese Welt „trostlos“ machte? Spenden sie, in welcher Form auch immer, wirklich „Trost“? Oder vermitteln sie Anderes (aber was?), dessen Fehlen als  „trostlos“ empfunden werden könnte? Und was fasziniert – neben Psalmisten, Rabbinern, Bildhauern, Malern und Dichtern – gerade Philosophen an Löwen?

Hier können Blumenbergs eigene „Löwen“ weiter helfen, seine über Jahre hinweg als sogenannte „Nebendinge“[1] entstandenen und 2010 aus dem Nachlass neu[2] edierten 32  „Betrachtungen“[3] über „Löwen“-in-Anführungszeichen. Denn in all diesen Glossen und Gedankenbildern geht es nicht um Löwen in natura, sondern um Löwen in Geschichten und Bildern, um Löwen-Gestaltungen und ihre ex- oder auch impliziten Vor-Deutungen.

Diese Art „Löwen“ erklärt auch das – zunächst  irritierende – Leitinteresse Blumenbergs, nämlich die „eingehende[] Beschäftigung mit allem, was an Löwen abwesend sein kann“ (BL 30). 18 von den 32  Glossen handeln vom „Abwesenden am Löwen“ (Titel BL 19). Es ist dies eine eher seltsame Formulierung, aber sie bezeichnet das Gemeinte genau: Es geht nicht bloß um Nicht-Gestaltetes, um sogenannte ‚Leerstellen’. Vielmehr ist das Abwesende jeweils als solches markiert, so im Bild Die schlafende Zigeunerin von Henri Rousseau der fehlende Geruch, die fehlende Witterung (vgl. BL 26), „und das lässt an seinen Raubkatzensinnen zweifeln“ (BL 25). Blumenbergs Pointe:

Es wäre so verfehlt spekulativ nicht, die gängige Deutung des Bildes umzukehren und zu sagen, die Schlafende sei nur der Traum des Löwen und in Träumen von Löwen gebe es sogar Zigeunerinnen, die nach nichts riechen [BL 26]

Eine für die Blumenbergschen Glossen charakteristische Verkehrung. Analoges gilt für Rousseaus Der hungrige Löwe. Hier ist, laut Blumenberg, der Geschmack der Beute abwesend. Beide Abwesenheiten deutet Blumenberg so, dass diese „magische Unbezüglichkeit“ (BL 27) die beiden Bilder zu Paradies-Darstellungen macht – mit „verhinderten Löwen“, weltenthoben, auratisch, rein (vgl. BL 28). Das Abwesende wird so als darstellungs-konstitutiv gesehen und damit zentral für Blumenbergs Reflexionen und Interpretationen.[4]

Die solche Neu- und Umdeutungen auslösenden Löwen-Gestaltungen reichen vom antiken Mythos (in der Tragödienversion von Euripides’ Bacchantinnen) bis zu Thomas Manns Lübecker Hotellöwen „mit ihrem gusseisern erstarrten Niesreiz“ (BL 109), Psalmen und Apokryphen wie dem von Paulus „getaufte[n] Löwe[n]“ (BL 44–49), Paulus, dessen Predigten „Geschlechtsenthaltsamkeit und sonst fast nichts“ (BL 45) zum „Kern“ haben und sogar den Löwen affizieren bzw. infizieren (vgl. BL 47) – eine der schönen Sottisen Blumenbergs. Und reichen hin bis zu Wittgensteins Selbstkorrektur seiner Tractatus-Strenge mit der Rettung des einst sinn-losen Fabellöwen: „Nicht in der Welt, doch in einem Sprachspiel der Weltbenenner vorzukommen, holt den abwesenden Löwen in Dasein und Leben zurück“ (BL 64) – „Denkers Löwenmut“! (BL 67) Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Unter den anregenden Textsorten dürfen Legenden nicht fehlen, vorweg natürlich Hieronymus „mit dem Wüstenlöwen als einem von Frömmigkeit angestecktem Haustier“ (BL 90); oder Buddha, der sich für einen hungrigen Löwen in einen Hasen verwandelt,  „für einen Löwenhunger gerade noch ein Nicht-Nichts“ (BL 52).

Die Fabel-Löwen von Äsop über Luther (vgl. BL 96) und Schillers Fiesco (vgl. BL 21–23) bis hin zu Hebbels „Kannibalismus“-Pose („Ich verzehre Menschen“, BL13) sind ebenso bedacht wie besonders Anekdotisches: So das „überfeine Mädchen“ bei Alfred Polgar, das angesichts eine Bildes Christenverfolgung unter Nero einen abseits kauernden Löwen tränenreich bemitleidet: „Ach, Papa, der arme Löwe da hat keinen Christen“. Dazu Blumenberg: „So empörend kann Ungerechtigkeit sein“ (BL 11). Soviel muss hier als Appetithappen genügen.

Worauf es aber in diesem Kontext ankommt: Blumenberg wählt solche Inszenierungen von Löwen, um an diesen Ausgestaltungen und Attribuierungen – oft überraschende – semiotische ‚Werte’ zu entwickeln. Es geht immer um Löwen in Kontexten, in semiotischen Konstellationen, in medien- und textsortenspezifischen Zeichen- und Sprachspielen.

‚Löwe’ wird so in Blumenbergs Gedankenspielen zu einem multiplen und multifunktionalen  Signifikanten, dessen Besetzungen und Aufladungen Blumenberg entziffert und (neu) bewertet. So fließt dem ‚Löwen’-Signifikanten bei Blumenberg jene „Aura“ (BL 28) wieder zu, die Löwen in Mythos und heiligen Schriften, in Heraldik und als Skulpturen einmal haben mochten.

In dieser Sicht ist noch einmal auf Lewitscharoffs Hagiographie zurück zu blicken. Selbstredend kann der Roman gelesen werden als ‚höherer Jux’ – und einiges spricht für diese Lesart. Aber der Roman kann auch gelesen werden als ein weiteres, ein neues Zeichenspiel mit und um die Signifikanten ‚Blumenberg’ und ‚Löwe’, die hier in eine alt-neue Konstellation gebracht werden: der Philosoph als Heiliger der Jetztzeit. Oder auch: ‚Die Versuchung  des Agnostikers Blumenberg’. Denn bei allen ‚Realismen’ – auch Lewitscharoffs Löwe führt nur ein „Buchstabenleben“ (L 81), ist Produkt einer weiteren Signifizierung. So gelesen wäre der Roman ein weiteres Gedankenbild, das gerade wegen seiner Zumutungen, Diskrepanzen und Irritationen ‚viel zu denken’ geben könnte.

Hier auch könnte der Schlüssel für das „Tröstliche“ am Löwen zu finden sein: dass seine Gestaltungen Anlass geben zu vielfältigen „Geistesbeschäftigungen“ (A. Jolles[5]), so dass die ‚Löwen’-Signifikanten durch solche Verwendungen und Zuschreibungen historische und funktionale Tiefe gewinnen, die ‚die Welt’ des Hans Blumenberg (und vielleicht auch unsere) ‚tröstlich’ bereichert.

Freilich: Es sind dies ‚nur’ Zeichen- und Sprachspiele von je eigenwertiger Geltung. Was bleibt als „Trost“? Das Lächeln mancher Löwen aus Stein.


[1] Klappentext zu Blumenbergs Glossensammlung Die Sorge geht über den Fluß. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1987 (= Bibliothek Suhrkamp 3000).

[2] Teilweise, aber in der Neuedition nicht nachgewiesen, zuvor in Zeitschriften und Zeitungen (FAZ, NZZ) veröffentlicht. Vgl. das Nachwort von Martin Meyer BL 119 – 130, hier 119.

[3] So die Textsortenzuordnung in der Bucheinlage.

[4]  Vgl. auch BL 81: Der sich fürchtende Löwe.

[5] Jolles 1969, 34 und dann durchgängig.

Literatur

Blumenberg, Hans: Löwen. Frankfurt a.M. 2010 (= Bibliothek Suhrkamp 1454). Zitiert als „BL“ mit Seitenzahl.

Blumenberg, Hans: Matthäuspassion. Frankfurt a.M. 1988 (= Bibliothek Suhrkamp 998). Zitiert als „BM“ mit Seitenzahl.

Jolles, André: Einfache Formen. Darmstadt 1969.

Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Frankfurt a.M. Zitiert als „L“ mit Seitenzahl.

„Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte.“

Eine Tiererzählung aus Ehm Welks Die stillen Gefährten und die Ironie des Unpolitischen

Von Thomas Lehner

Der Schriftsteller Ehm Welk (1884–1966) ist heute kaum mehr bekannt. Besonders gilt das für den Süden Deutschlands, da die alte kulturelle Nord-Süd-Trennung mittlerweile wieder gegenüber dem Ost-West-Unterschied überwiegt. Aus Biesenbrow bei Angermünde in der Uckermark stammend, lebte Ehm Welk zuletzt im mecklenburgischen Bad Doberan. Aber es geht gar nicht um geographische Größen.

Eine Hinwendung zu literaturwissenschaftlichen Fragen lohnt sich bei Ehm Welk besonders – liegt hier doch ein Gesamtwerk vor, das von erstaunlicher Vielfalt und Qualität ist, und das dennoch meist nur auf die berühmte und erfolgreiche „Kummerow-Trilogie“ der Romane Die Heiden von Kummerow (1937), Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer (1938) und Die Gerechten von Kummerow (1943) reduziert wird.[1]

Die Heiden von Kummerow „gelangten mit über 730 000 verkauften Exemplaren auf Rang drei der bestverkauften Romane im Dritten Reich […].“[2] Man muss sich dabei vor Augen halten, dass der Autor dieses so außerordentlich erfolgreichen Romans keineswegs ein Sympathisant oder gar Profiteur des NS-Regimes war. Im Gegenteil: Ehm Welk hatte sich als couragierter Bürger erwiesen, als er im April 1934 in der Grünen Post, einer Wochenzeitung des Berliner Ullstein-Verlags, einen Leitartikel direkt an den „Herrn Reichsminister“ richtete. Mit diesem offenen Brief[3] griff er Goebbels an – und musste dafür kurzzeitig ins Konzentrationslager.

Erst ab 1937 durfte er wieder veröffentlichen, allerdings nur ,Unpolitisches‘. Ehm Welk schrieb nun Romane und Erzählungen. So entstanden in dichter Folge fiktionale Texte, die an der Oberfläche tatsächlich unpolitisch waren, ihrem Autor keine neuen Schwierigkeiten mit dem Regime einbrachten – und ungemeinen Erfolg hatten. In einem jüngst erschienenen Lexikon werden Welks Werke charakterisiert als

Heimatromane, die vom Erwachsenwerden, von gesellschaftlicher Ausgrenzung, von Ungerechtigkeit und Verzweiflung handeln, aber auch Lebensfreude, unbezwingbaren Humor und ländlichen Stolz ausstrahlen. Von der Blut-und-Boden-Literatur der NS-Barden waren diese Romane weit entfernt. Vielleicht kamen sie deshalb bei den Lesern so gut an.[4]

 Auch Christian Adam stellt fest: „Bei allen Anklängen an konventionelle Heimatliteratur – Welk denkt und schreibt anders.“[5]

Neben der „Kummerow-Trilogie“ hat Ehm Welk zahlreiche Erzählungen über Tiere und Menschen veröffentlicht. Zu nennen sind hier die beiden Bände Die wundersame Freundschaft (1940) und Die stillen Gefährten (1943). Der ausgesprochene Tier- und Menschenfreund Welk sagte einmal über sie: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[6]

Die Erzählung Ehm Welks, um die es in diesem Beitrag geht, soll kurz in den Kontext gestellt werden, in dem sie 1943 im eigentlich auf Sportbücher spezialisierten Wilhelm Limpert-Verlag Berlin erschienen ist. Es handelt sich dabei um den Band mit dem Titel Die stillen Gefährten[7], den Ehm Welk verfasst und herausgegeben hat. Anlass dieser Veröffentlichung war der zehnte Jahrestag des „Reichstierschutzgesetzes“ vom 24. November 1933. Dieses Gesetz gehört nach einem Urteil in einer Dissertation aus dem Jahr 2012 zu jenen Tier- und Naturschutzgesetzen, „die als fortschrittlich angesehen werden können und in vielen Fällen nach wie vor Bestand haben oder die Grundlage heutiger Gesetze bilden.“[8] Allerdings weist Ehm Welks Band Die stillen Gefährten nicht gerade den Charakter einer Festschrift auf. Wie schon der Titel andeutet, herrschen zurückgenommene Töne vor. Eher leise Anklage statt offener Jubel – so lässt sich der Tenor pointiert beschreiben. Es ist ein gehöriger Irrtum, wenn Heinz Wittenberg im Vorwort zu diesem Band meint, dieser sei „sozusagen eine Feierrede zur Würdigung des großen [Gesetzgebungs-]Werkes.“[9] Dass es sich anders verhält, wird bei der folgenden Analyse der den Band eröffnenden Erzählung – Ehm Welk erzählt nämlich, statt Sonntagsreden zu halten – deutlich werden.

Das Buch präsentiert sich als ausgesprochen vielfältige Mischung unterschiedlicher Textsorten fiktionaler und nicht-fiktionaler Art. So ist beispielsweise das Tierschutzgesetz ebenso abgedruckt wie eine Sammlung von Anekdoten; Erfahrungsberichte mit dokumentarischem Anspruch und Erzählungen wechseln einander ab; außerdem sind Tiergedichte verschiedener Klassiker eingestreut. Zahlreiche Fotografien zeigen Tiere und zumeist junge Menschen in friedlicher Eintracht. Der Krieg hinterlässt insofern Spuren, als die Pferde hier „Kameraden“ (W 83) sind.

So zeitenthoben sich die Gesamtanlage des Bandes trotz des Jubiläums ausnimmt, so unklar ist dem Leser in einigen Fällen auch der fiktionale Status mancher Textbeiträge. Ganz besonders gilt das für die hier näher interessierende Erzählung mit dem zweiteiligen Titel Ein Tierleben. Die Geschichte des Fuchswallachs „Ella“ (W 10–23), die den Band eröffnet. Schon ihr Titel signalisiert: Die beschriebene Gemischtheit und Unbestimmtheit, die Gattungsfragen ebenso wie die Rolle des Einzeltextes innerhalb des gesamten Bandes betrifft, setzt sich auf der Inhaltsebene dieser Erzählung fort. Gegensätze stoßen unvermittelt aufeinander. Ein Wallach namens „Ella“ muss als ziemlich erstaunliches Phänomen gelten, biologisch jedenfalls als unmögliches Geschöpf.

Solche Zweideutigkeit, die jegliche Rezeptionsroutine von Beginn an unterläuft, wird im Erzähleingang weiter verstärkt: „Es mag zuvor gesagt werden, daß diese Geschichte keine sogenannte Tierdichtung ist, sondern nur ein Ausschnitt aus dem nüchternen Leben um uns.“ (W 10) Damit ist ein dokumentarischer Anspruch formuliert, der im Anschluss an die Erzählung nochmals unmissverständlich bekräftigt wird, wo es heißt: „Die Geschichte von dem Pferd ,Ätna‘ ist wahr.“(W 24)[10]

Sehr geballt wird hier der alten Unterstellung, nach der die Dichter lügen, entgegengearbeitet. Das entspricht der pädagogischen Absicht des ganzen Buches, auf breite Leserschichten einzuwirken, müsste aber nicht in solch auffälliger Weise mehrfach betont werden, wenn nicht gleich am Beginn des Bandes ein derart hybrider und doppelsinniger Text stehen würde. Oder wohl besser umgekehrt: Gerade die prominente Platzierung dieser Geschichte um den Wallach namens „Ella/Ätna“ mahnt den Leser zu einer sehr genauen, uneigentlichen Lektüre. Das zeigt sich nicht nur auf der Ebene des Gesamtbandes und der Zuordnung seiner einzelnen Bestandteile zueinander, sondern selbst in Details der Wortwahl: Das Experimentieren mit den Möglichkeiten poetologischer Lizenz gipfelt im oben zitierten Erzähleingang in der ironisch getönten Bescheidenheitsgeste, die in dem Wörtchen „nur“ verborgen ist. Im Schlusssatz wird es, diesmal in Gestalt von „lediglich“ und mit inhaltlichem Bezug, erneut auftauchen (vgl. W 23). So bildet es einen Rahmen um die Geschichte.

Mit all diesen Feinheiten aber wird die Erzählung von Anfang an in ein Licht gerückt, das sie keineswegs als so harmlos erscheinen lässt, wie man bei flüchtigem Lesen meinen könnte. Wie sich das auch an einzelnen Stellen innerhalb des Textes zeigt, möchte ich nun entlang des Handlungsganges näher beleuchten.

Ein Ich-Erzähler beobachtet einen Kutscher, der seinen steckengebliebenen Mistwagen wieder flottbringen möchte und dazu sein Zugpferd antreibt. Nach dem meta-literarischen Erzählbeginn geht es ohne weitere Verzögerung szenisch weiter, könnte man demnach meinen. Aber das täuscht, wie ein genauer Blick auf den ersten erzählenden Satz des Textes zeigt: „Eines Vormittags im Spätherbst schreckte mich ein helles Menschengebrüll, das mit einem tiefen, anscheinend tierischen Stöhnen abwechselte, aus der Arbeit und rief mich in den Garten.“ (W 10)

Ganz in Übereinstimmung mit den bereits aufgezeigten Vertauschungen und Unbestimmtheiten werden verschiedene Arten der Artikulation chiastisch einander zugeordnet: Das Tier stöhnt, der Mensch brüllt. Wie der aufmerksam gewordene Ich-Erzähler sofort intuitiv bemerkt, ist die Welt tatsächlich aus den Fugen, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aus dem Gleichgewicht geraten. Allgemein kann man folgern: Die Ordnung ist gestört.

Die Intervention des Ich-Erzählers bringt nun die Ursache für die so menschliche Lautäußerung des Tieres ans Licht: „[D]ie arme Kreatur hatte unter dem breiten Kumt an Hals und Brust und auf dem Rücken unter dem Sielenzeug handbreite wunde und vereiterte Stellen, so daß das Leder im nackten Fleische saß. Bei jeder neuen Berührung durchzuckte ein wilder Schmerz das Tier […].“ (W 11) Die tierfreundliche Einstellung des Erzählers führt nun dazu, dass er der Sache auf den Grund geht. Seine Nachforschungen führen ihn zum Besitzer des Pferdes und dieser erweist sich als Vertreter eines bestimmten Typs: Er ist, „wie die meisten Nutztierhalter, ein Sachbesitzer“ (W 11) und entsprechend vor allem daran interessiert, dass seine Besitzgüter Gewinn abwerfen bzw. keine Kosten verursachen. Daher hat er auch keine besondere Mühe darauf verwandt, sein Pferd wieder richtig gesund zu machen; es muss seine relative Nutzlosigkeit gerade dadurch büßen, dass es nur schlechtes Futter bekommt und kaum gepflegt wird, wie er dem Ich-Erzähler ohne Unrechtsbewusstsein berichtet.

Ein Verweis auf den Tierschutz oder gar eine Anzeige erscheinen dem Ich-Erzähler wenig aussichtsreich zu sein, wie er in einer Anrede an ein imaginäres Gegenüber darlegt:

Ich weiß, ich hätte auf Grund der vorliegenden Tatsachen die Weiterverwendung des Pferdes vor dem Wagen sofort verhindern müssen. In der Stadt, auf der Straße, wäre es auch leicht gewesen, es zu erzwingen. Auf dem Lande jedoch war ich machtlos, denn kein Kutscher lässt sich auf das Gebot eines einzelnen Fremden ein Pferd ausspannen, weil es ,ein bißchen was im Fell hat‘. [W 13]

Dieser Argumentationsgang mag innerhalb der Diegese plausibel erscheinen und als Leser folgt man ihm auch gerne. Jedoch: Eine gehörige Sprengkraft erhält diese Darlegung, wenn man den Kontext bedenkt, in dem sie steht – und hierbei zeigt sich wiederum das schillernde Wechselspiel zwischen Fiktion und Dokumentation, das Ehm Welk so virtuos handhabt: Ausgerechnet in einer Publikation, die das „Reichstierschutzgesetz“ als Errungenschaft des NS-Regimes feiern soll, sind solche Aussagen zu finden, die der kodifizierten Rechtlichkeit in der Praxis lediglich durchschlagende Wirkungslosigkeit bescheinigen. Gegenüber eingefahrenen Gewohnheiten und gesinnungslosem Profitstreben, ja erst recht gegenüber systematischen Verstößen, wie sie hier offensichtlich vorliegen, erweist sich die Gerechtigkeit als nicht einklagbar. Solch ein Gesetz, mit dem die Ordnung nicht wieder hergestellt werden kann, ist wertlos und das Rechtssystem, auf dem es fußt, ohne Legitimation.

In diesem rechtsfreien Raum greift der Tierfreund nun, statt auf papiertigerige Paragraphen zu setzen, zum einzig angemessenen Mittel, der Eigeninitiative. Kurzerhand kauft er den abgehalfterten Wallach, diese bis über die Grenzen hinaus geschundene Kreatur, und setzt, als Amateur im doppelten Sinne des Worts, sogleich alles an die Wiederherstellung des Tieres. Es wird im Stall eines befreundeten Bauern untergebracht und hingebungsvoll versorgt. Nach einem Vierteljahr avanciert der durchschlagende Erfolg zum Dorfgespräch, denn „schließlich sah auch der Zweifler, daß Schonung, Reinhaltung und Behandlung des Übels Herr werden würden.“ (W 16)

Hierauf folgt unmittelbar eine bemerkenswerte Leseranrede: „Es wird, lieber Leser, keine aufregende Geschichte. Vielleicht war sie es aber für den Wallach.“ (W 16) Wiederum erinnert dies an die Bekräftigung, die Geschichte sei tatsächlich so geschehen. Aus diesem  exemplarischen Status heraus formuliert der Ich-Erzähler seine didaktische Absicht: „[…] ich bemühte mich, den Bauern den Nutzen einer guten Behandlung der Tiere zu deuten. Die Wirkung blieb ein mitleidiges Lächeln […].“ (W 17) An dieser kurzen Textstelle wird deutlich, welche Strategie der Ich-Erzähler anwendet und mit welchen sprachlichen Mitteln Ehm Welk das verkehrte Verhältnis zwischen Mensch und Tier kennzeichnet: Die Argumentation des leidenschaftlichen Tierfreundes und reflektierenden Empirikers[11] macht sich taktisch die utilitaristische, einseitig ökonomistische Denkweise der Bauern zu eigen, die nicht bereit sind, im Tier ein Mitgeschöpf zu sehen. Mitleid bringen sie stattdessen, fehladressiert, dem Fremden entgegen. Im sozialen Milieu des Dorfes sieht dieser sich, als intellektueller Städter abgestempelt, auch nach der erfolgreichen Wiederherstellung „Ellas“ eingefahrenen Ressentiments gegenüber. In einer konsequent-grotesken Weiterdrehung seiner Denkstruktur fordert der Vorbesitzer des Wallachs eine Nachzahlung, da der vor einigen Monaten gezahlte Kaufpreis für so ein schönes und kräftiges Pferd – nunmehr bestes Animalkapital – doch viel zu niedrig gewesen sei.

An diesem Punkt scheint die Handlung an ihr natürliches Ziel gelangt – die Geschichte vom Wallach „Ella“ hat ein gutes Ende gefunden. Aber die Aufmerksamkeit des Tierfreundes richtet sich nun auf die Vorgeschichte seines Pferdes; es zeigt sich hier ein emphatisches Interesse an der Kreatur, das nochmals gegen jene kollektive Gleichgültigkeit, die das Tier zur Ware degradiert, positioniert wird:

[…] ich mußte den Versuch machen, herauszubekommen, wie dieses Pferdeleben verlaufen war. Vielleicht gelang es nicht, wer kümmert sich schon um die Vergangenheit einer Ware, sie wird geschätzt und gehandelt nach ihrem augenblicklichen Zustand. [W 18]

Damit soll dem Wallach namens „Ella“ nach der körperlichen Gesundheit letztlich auch seine Identität wiedergegeben werden – ein Unterfangen, das durch den „verdrehten Namen“ (W 19) besonders dringlich erscheint.

Der nun folgende Teil der Erzählung bringt eine kunstvolle Veränderung im Erzählablauf mit sich: Berichtet wird fortan rückläufig, als analytische Erschließung bis zum Ausgangspunkt dieses Pferdelebens. So entsteht in starker Raffung ein Panorama der Geschichte über die Inflationszeit bis zurück zum Ersten Weltkrieg. Im Verlauf dieser Recherche erweist sich der ungewöhnliche Name als eine Verballhornung der mimetischen Namensgebung „Ätna“, wie das Fohlen „wegen seiner feurigen Ausbrüche“ (W 20) ursprünglich genannt worden war. Die Individualität des Pferdes, das „von einem Reitpferd und eleganten Springer zum Mistwagenpferd gemacht“ wurde (W 22), hat der Tierfreund damit wieder in ihr Recht gesetzt.

Der Abschluss der Geschichte wie des Pferdelebens soll nach dem Wunsch des Ich-Erzählers nun wieder zum Ausgangspunkt zurückführen, aber den Leuten, die den Hof des Wallachs mittlerweile bewirtschaften, kann er das Pferd nicht anvertrauen. So bleibt es bei einem friedlichen (es wird nicht für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg eingezogen) und würdevollen Lebensabend in der Obhut des Ich-Erzählers, der am Ende die Moral dieser „wahren“ Geschichte den immer noch dem reinen Besitzdenken verhafteten Dorfbewohnern entgegenhält:

Von mir aber sagten sie jetzt, daß ich einen Blick für Pferde habe. Und glaubten es nicht, als sie hörten, daß es nicht das Auge des Pferdekenners war, das die Geschichte verursachte, sondern daß lediglich das Herz eines Tierfreundes ausreichte, einen recht handgreiflichen Nutzen zu schaffen.[12] [W 23]

Diese Moral mit ihrer Betonung des Herzens beschreibt einen paradoxen Vorgang: Gerade und nur aus idealistischer Zuwendung bessern sich die Dinge und daraus kann letztlich sogar ein „handgreiflicher Nutzen“, eine bezifferbare Größe resultieren. Dieser wäre dabei ein keinesfalls störendes Nebenresultat; als ursprüngliche Motivation muss er wegen seiner verkürzenden Perspektive aber in jedem Fall als schädlich gelten. Damit wird die Einseitigkeit des rein „anthropozentrischen bzw. ökonomistischen Argument[s]“,[13] wie man in der Tierethik sagen würde, aufgezeigt. Der Tenor der Moral zielt also insgesamt auf eine Aufhebung solcher Gegensätze, da eine einseitige Ausrichtung auf Zweckrationalität, wie sie der Vorbesitzer des Pferdes verkörpert, die Wurzel des Übels ist. Der aufklärerische Impetus des Ich-Erzählers hingegen ist untrennbar mit voraussetzungsloser Anteilnahme am Tierschicksal gepaart. Und gerade deshalb – sowohl wegen seiner Intellektualität wie auch wegen seiner Sensibilität dem Mitgeschöpf gegenüber – steht der Ich-Erzähler in der Gesellschaft isoliert. Demnach bleibt die Versöhnung von (auch scheinbaren) Gegensätzen, wie sie die Erzählung von Anfang an mit literarischen Mitteln ausstellt, innerhalb wie außerhalb der Diegese ein Versprechen für die Zukunft. In verderbter Zeit, in der das positiv gesetzte Recht versagt, bleibt vorerst nur die ethisch begründete Eigeninitiative als Ausweg.

Bei einem Autor, der offiziell auf unpolitische Texte festgelegt war, lässt dies aufhorchen. Offensichtlich hat Ehm Welk diese Erzählung mit Unschuldsmiene ganz im Sinne einer unverfälschten Volksaufklärung (ein Begriff, der in der Amtsbezeichnung des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ die denkbar größte Pervertierung erfahren hatte) verfasst – und nicht nur als unbedarfter Tierfreund. Auch und gerade dieser Sinn schwingt mit, wenn Ehm Welk über seine Tiererzählungen der 1940er Jahre, ganz ohne Ironie, äußerte: „Keine Geschichten habe ich lieber geschrieben als diese.“[14]

Literatur

Primärliteratur

Welk, Ehm: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Sekundärliteratur

Adam, Christian: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010.

Dirscherl, Stefan: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012.

Reich, Konrad: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980.

Sarkowicz, Hans u. Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon. Berlin 2011.

Schürmann, Monika: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001.

Wuketits, Franz M.: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen. In: Bernd Janowski/Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30.


[1] Monika Schürmann urteilt: „Ein übergroßer Anteil der Welk-Sekundärliteratur widmet sich diesen drei vor 1945 entstandenen Romanen […].“ Siehe Monika Schürmann: Der Hammer will gehandhabt sein. Untersuchung zum literarischen Nachkriegsschaffen Ehm Welks (1945–1966) (Europäische Hochschulschriften 1798). Frankfurt am Main 2001, S. 14.

[2] Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin 2010, S. 168.

[3] Abgedruckt in: Konrad Reich: Ehm Welk. Stationen eines Lebens. Vierte Auflage. Rostock 1980, S. 215–218.

[4] [Art.] Welk, Ehm. In: Hans Sarkowicz/Alf Mentzer: Schriftsteller im Nationalsozialismus. Ein Lexikon.

Berlin 2011, S. 619–622, hier S. 621.

[5] Adam 2010, S. 170.

[6] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

[7] Ehm Welk: Die stillen Gefährten. Gedanken über das Leben mit Tieren. Berlin 1943.

Fortan zitiert unter der Sigle W.

[8] Stefan Dirscherl: Tier- und Naturschutz im Nationalsozialismus. Gesetzgebung, Ideologie und Praxis (Beiträge zu Grundfragen des Rechts 10). Göttingen 2012, S. 205. – Auf Ehm Welks Die stillen Gefährten geht Dirscherl leider nicht ein; im Literatur- und Quellenverzeichnis fehlt Welks Name völlig.

[9] Heinz Wittenberg: Vorwort. In: Welk 1943, S. 6f., hier S. 6. – Wittenberg unterzeichnet das Vorwort als „Beiratsmitglied des Tierschutzvereins für Berlin und Umgebung e.V.“ sowie als „Herausgeber des Deutschen Tierschutz-Bildkalenders“.

[10] „Ätna“ ist der ursprüngliche Name des Wallachs „Ella“.

[11] Er spricht an einer Stelle davon, „tierpsychologische Studien“ zu betreiben (W 11).

[12] Erstaunlich ist die gleichlautende Bewertung von Auge und Herz in der – ebenfalls 1943 veröffentlichten – Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, die Ehm Welk damals mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gekannt hat.

[13] Franz M. Wuketits: Zukunft der Tiere? Perspektiven für die Tierwelt in der Welt des Menschen.

In: Bernd Janowski u. Peter Riede (Hg.): Die Zukunft der Tiere. Theologische, ethische und naturwissenschaftliche Perspektiven. Stuttgart 1999, S. 17–30, hier S. 27.

[14] Zitiert nach Reich 1980, S. 313.

Homo homini ovis

Gedanken zu Menschen, Schafen und menschlichen Schafen

Von Tobias Illing

Für Hans-Peter Ecker zum 60. Geburtstag

Vorurteilsüberlegungen

Ovis orientalis aries, aus der Familie der Bovidae und Unterfamilie der Capridae, leistet dem Menschen wohl seit etwa 10.000 Jahren beste Gesellschaft. Die geselligen, gehörnten und wolligen Tiere haben es dabei nicht nur zum Pelz- und Fleischlieferanten gebracht, sondern sich durch ihre Anpassungsfähigkeit und Genügsamkeit auch einen Platz unter den weltweit verbreitetsten und beliebtesten Haustieren erobert. Und wie so häufig nutzt der Mensch sein liebes Vieh nicht nur für Genuss und Kleidung, sondern auch als Abbild seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Das Schaf muss daher – ganz im Wortsinn – als Sündenbock für Dummheit, Feigheit oder Ängstlichkeit herhalten.

Dabei haben die geselligen Paarhufer diese himmelschreiende Ungerechtigkeit nun wirklich nicht verdient. Mal abgesehen von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung – allein auf Europas Weiden blöken wohl noch rund 60 Millionen Schafe – helfen sie vielerorts bei der Sicherung von Deichen und Heidegebieten, die ohne regelmäßiges Abgrasen wohl rasch der Verbuschung anheimfallen würden. Übrigens hätte mancherorts eine organisierte Rebellion der Schafe sicherlich üble Folgen, etwa in Neuseeland, wo die Schafe mit einer zahlenmäßigen Überlegenheit von 10:1 rechnen könnten.

Nicht nur das: In Cambridge fanden Forscher im Jahr 2004 heraus, dass sich Schafe über 50 Gesichter von Artgenossen auch über längere Zeiträume hinaus merken konnten und sich so durch in den Ställen aufgehängte Portraits deutlich ruhiger halten ließen (vgl. Da Costa et al. 2004), und die BBC berichtete im gleichen Jahr von einer Herde, die gemeinsam einen etwa drei Meter breiten Rost überwand, indem sie auf dem Rücken darüber rutschte. Die sprichwörtliche Dummheit der Schafe, die sogar Tierforscherguru Alfred Brehm postulierte, kann damit als widerlegt gelten.

Wie der Mensch das Schaf betrachtet …

Dennoch hat sich im Laufe der menschlichen und schaflichen Kulturgeschichte eine Tradition von Metaphern etabliert, die zumeist zulasten der wolligen Vierbeiner geht. Wer sein Gegenüber ein Schaf schilt, verdächtigt es der Ängstlichkeit und Feigheit, einen Schafskopf zieren weniger Hörner als vielmehr seine Einfalt und das oft Lämmchen genannte junge Mädchen ist wohl eher naiv denn flauschig. Besonders prominent ist das gern „schwarze Schaf“ genannte von Normen und Konventionen abweichende Familienmitglied. In Leonie Swanns Schafsstudie Glennkill ist das schwarze Schaf Othello einer der tapfersten Helden, sucht man jedoch andernorts weiter, findet man zwar eine beeindruckende Liste unangenehmer humanoider Zeitgenossen, jedoch kaum Heroen – schon gar keine vierbeinigen.

Die Ergebnisliste lässt zudem vermuten, dass der Papst und andere kirchliche Würdenträger sich nicht etwa ein Zubrot auf Wiesen und Weiden verdienen, sondern dass sich hier eine weitere Schafsmetapher verbirgt. Tatsächlich finden sich in wohl keinem anderen Text derartig viele Schafe, Lämmer, Herden und gute Hirten, wie in der Bibel.[1] Das Schaf wird hier zur Personifikation der Gläubigen, die von Gott als Hirten geführt und in seine Herde aufgenommen werden. Schon im Alten Testament wimmelt es von Paarhufern, als Herden- und Nutztiere, am häufigsten wohl im Buch Levitikus als vielseitig verwendbares Opfertier, woran sich im Neuen Testament dann die Darstellung Christi als „Lamm Gottes“ anschließt, das von den Menschen zur Schlachtbank geführt wird und mit seiner Opferung die Sünden der Menschen büßt.[2]

Opfertier, Herdentier, Gläubiger – der Charakter des Schafs in der Bibel ist ebenso wie in der allgemeinen Sprachtradition demütig, reuig, folgsam und friedfertig.[3] Schon Abel war als unterlegener (und später toter) Bruder nur Hirte und damit ein sinnbildlicher Inbegriff der Friedfertigkeit – der sich später ebenso in der Schäferdichtung der Renaissance wiederfindet (wenngleich mit deutlich amouröserem Hintergrund). Nicht zuletzt eignen sich Schafherden auch ganz vortrefflich, um fragwürdig idyllische Kleinstadtimpressionen zu dekorieren, wie es beispielsweise Arno Schmidt in Das steinerne Herz trefflich-ironisch exemplifiziert.[4]

Erstaunlicherweise steht allein der Widder diesem friedfertigen Bild diametral entgegen. Er ist schon in vorchristlicher Zeit wohl auch deshalb ein beliebtes Opfertier, weil er für Fruchtbarkeit, rohe Kraft und Potenz steht. Seine gewundenen Hörner und seine Neigung zu Zweikämpfen animieren die Menschen in den Alpentälern bis heute dazu, ihm nachzueifern und ihre eigene Kraft in traditionsreichen Raufereien unter Beweis zu stellen (vgl. Haid 2010, 48ff.). Dass auch der Teufel oder seine Helferlein in ihren zahlreichen Inkarnationen recht häufig mit Insignien des Widders geschmückt sind, hängt wohl auch mit jenen kämpferischen und potenzstrotzenden Zuschreibungen zusammen.

Werden Schafe nicht als Metapher genutzt, sondern tatsächlich gehalten, so geben sie ganz vortreffliche Nutztiere ab. Ihre Wolle wärmt, während ihr Fleisch und ihre Milch vorzüglich schmecken. Große Herden halten Wiesen kurz und Heiden buschfrei, sie mähen und düngen zur gleichen Zeit und sind – wie bereits erwähnt – ganz hervorragend dazu geeignet, Deichanlagen festzutreten.

Darüber hinaus nutzt der Mensch das Schaf zu seiner Unterhaltung. Dank der Filmindustrie lassen sich Schafe als minderintelligente Horde nunmehr auch von Schweinen hüten, was dem allgemeinen Schafsbild in Forschung und Gesellschaft sicherlich nicht zuträglich war. Zum Glück gibt es Ausnahmen, etwa das Knetschaf Shaun und seine Herde, die durch ihre cleveren Auseinandersetzungen mit den drei fiesen Schweinen – welche sich für gleicher halten als den Rest der Tiere – durchaus eine Lanze für das Image der Schafe brechen. Zudem sollte auch erwähnt werden, dass einer der bisher erfolgreichsten (menschlichen) Spielfilme immerhin einige ungewohnt stille Lämmer im Titel führt.

… und anders herum.

Leider ist es dem Autor dieser Zeilen und weiten Teilen der seriösen Forschung bisher nicht vergönnt, Lautäußerungen von Tieren so sinnfällig zu interpretieren, wie es angeblich einem gewissen Dr. John Dolittle möglich ist. Auch andere Berichte, etwa von Herren, die mit Pferden tuscheln, konnten bisher noch nicht verifiziert und für die Tierforschung genutzt werden. Möglicherweise bietet sich hier für die Cultural Animal Studies noch ein weites, durch Verbindungen zur Linguistik und Zoologie stark interdisziplinäres Arbeitsfeld. Immerhin ist die Sprache, Aristoteles zufolge, Voraussetzung für den menschlichen Aufstieg vom zōon logon echon zum zōon politicon – ein in der Philosophie wiederholt angeführtes Merkmal in der auch von Adorno, Horkheimer oder Derrida gepflegten Distinktion zwischen „Mensch“ und „Tier“ (vgl. Chimaira 2011, S. 8f.).

Im Rahmen dieser Überlegungen müssen daher andere Quellen erschlossen werden, um die Betrachtungsweise humanoider Verhaltensweisen aus dem Blickwinkel ovidae zu verstehen. Wir greifen daher beherzt zum bereits erwähnten Œuvre der heute in Berlin ansässigen Autorin Leonie Swann. Mit Glennkill und Garou liegen bereits zwei beeindruckende Feldstudien auf dem Bereich der Wolltierkommunikation vor, die tiefe Einblicke in Psychologie und Sozialverhalten von Schafen ermöglichen.

Betrachtet man diese Studien genauer, wird rasch klar, weshalb sich die Vorstellung der zufriedenen, gelegentlich ängstlichen und im Allgemeinen eher einfachen Schafe derart in den Augen der Menschen gefestigt hat. Tarnung ist auch im Schafsreich alles, ähnlich wie viele andere Tiere geht es ihnen nicht darum, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erheischen, sondern das Zusammenleben so angenehm wie möglich zu gestalten und dabei möglichst wenig – durch Schur, Schwanzkupierung oder gar Tierärzte – belästigt zu werden.

Daher zeige sich die Intelligenz von Miss Maple, dem klügsten Tier der von Swann untersuchten Herde, auch nicht daran, dass es beim regelmäßig im „Mad Boar“[5] veranstalteten Spektakulum zum klügsten Schaf von Glennkill gewählt werde, sondern dass Miss Maple daran gar nicht erst teilnehme. Die von Tabakqualm und Menschengestank gesättigte Veranstaltung führe schließlich zu einem „cleveren“ Image, welches das betroffene Schaf in den Augen des Schäfers lediglich zum Hauptverdächtigen bei allerlei Merkwürdigkeiten (etwa verschwundenen Käsebroten) der Zukunft mache (vgl. Swann 2005, S. 12). Schafe versuchen also bewusst, das ihnen von den Menschen zugedachte Image vom friedlich grasenden Wolltier aufrecht zu erhalten. Ein Phänomen, das auch von Swann an zahlreichen Stellen ihrer Untersuchung erwähnt wird, etwa wenn die Schafe „unauffällig“, „kühn“ oder „beiläufig“ in die Nähe der Menschen weiden, um deren Gespräche zu belauschen.[6]

Einen weiteren Überschneidungspunkt in den kommunikativen Beziehungen zwischen Menschen und Schafen findet Swann im Verhältnis der Vierbeiner zur Religion der Menschen, im konkreten Fall der christlichen, vermutlich katholischen. Das religiöse Weltbild der Schafe unterscheidet sich von jenem der Menschen deutlich, zeigt in seiner Weltsicht jedoch auffällige Parallelen. So sind Schafe nach Swann überzeugt, dass Menschen keine Seele besitzen – eine Sichtweise, die sich umgekehrt auch bei vielen zutiefst religiösen Menschen findet. Vom Buddhismus und seiner Lehre des ewigen Kreislaufes der Wiedergeburt einmal abgesehen gehen die restlichen sogenannten Weltreligionen zwar vereinzelt davon aus, dass Tiere eine Seele hätten, diese aber bei der unvermeidlichen Einkehr in das wie auch immer geartete Jenseits keine Rolle spielen werde. Auch auf Schafsseite zeigt sich diese exklusive Weltsicht: „Menschen haben keine Seele. […] Jedes Lamm weiß, dass die Seele im Geruchssinn liegt. Und die Menschen können nicht gut riechen.“ (Ebd., S. 26)

Allenfalls könnten sie, ihrem schlechten Geruchssinn adäquat, eine sehr kleine Seele haben. Dementsprechend groß ist das Unverständnis der Schafe über die Größe der örtlichen Kirche. Wozu brauchen die Menschen ein so großes Haus, wo sie doch nur so kleine Seelen haben? (Zumindest verehren sie ein Lamm. Immerhin.) Überhaupt ist das Verhalten der Versuchsherde in Glennkill gegenüber dem örtlichen Pfarrer von großem Interesse für diese Untersuchung. Da den Schafen der Begriff eines transzendenten und omnipotenten „Gott“ fremd ist, fällt ihnen die Zuordnung jenes vagen Namens zu einer der real-humanoiden Personen schwer. Infolgedessen setzen sie den Pfarrer pars pro toto mit Gott und verweisen damit gleichsam auf dessen irdische Stellvertreterrolle. Damit einher geht die Entlarvung der Wirkungslosigkeit jener Anmaßung, als Mensch Stellvertreter einer sich selbst zum Herrn über die gesamte Welt ernennenden, übernatürlichen Wesenheit zu sein.

Anlass für Swanns Untersuchung war der gewaltsame Tod des Schäfers der untersuchten Herde. Infolgedessen kam es während ihrer Studien zu gehäuften Konfrontationen zwischen der Herde und dem Pfarrer, bei denen sich immer wieder eine offenkundige Animosität zeigte. Es spricht in diesem Falle nicht für die religiöse Autorität des Pfarrers, dass er als derjenige, der von Berufes wegen als Hirte einer Herde bezeichnet wird, als einziger keinen positiven Einfluss auf die tatsächliche Herde auszuüben vermochte: „Er ist ein Hirte‘, widersprach Heide. ‚Ein sehr schlechter Hirte, viel schlechter als George.“ (Ebd., 37) Bei den Schafen erntete er nichts als Unverständnis, auch seine Schuldzuschreibungen an Satan fruchteten bei ihnen wenig, schließlich sei Satan lediglich „ein betagter Esel, der manchmal auf der Nachbarwiese weidete und gelegentlich markerschütternde Schreie ausstieß.“ (Ebd., 57)

Die Mehrzahl der restlichen am Versuch mit der Schafsherde in Glennkill beteiligten Menschen wurde von den Tieren entsprechend ihrer Verhaltensweisen charakterisiert („barmherzige Beth“ [ebd., 49], „Harry der Sünder“ [ebd., 48]). Eine für den Entwicklungsprozess der Sozialstrukturen innerhalb der Herde sowie der Persönlichkeit eines einzelnen Widders (des schwarzen Vierhorn-Hebrideans Othello) wichtige Figur ist lediglich noch ein namenloser Clown, der zum Zeitpunkt der Untersuchungen jedoch nicht mehr in direktem Kontakt mit der Herde stand. Bevor Othello zur Herde stieß, wurde er in einem Zoo gehalten und dort von einem Clown terrorisiert, dessen gewalttätig-sadistische Eskapaden in der Psyche des Widders bleibende Spuren hinterlassen haben. Swann verknüpft diese Hintergrundinformationen in ihren Untersuchungen geschickt zu einer subtilen Kritik am Wesen von Zoos und Zirkusarenen, die dem zahlenden Besucher das gezähmt-domestizierte (und in Wahrheit versklavte) Fremde zur Schau stellen (vgl. Eitler 2009, 216). Der Clown ist hierbei jener Mittler, der, ähnlich den menschlichen Kolonialherren, über dem dargestellten Objekt steht und es beliebig zu dressieren, quälen oder erlösen vermag. Othello gelang es, sich aus den Fängen des Clowns zu befreien und Teil der Herde zu werden – ein Musterbeispiel sowohl für gelungene Selbstemanzipation von speziesistisch-kolonialistischer Fremdherschaft wie auch erfolgreicher Integration in die äußerst heterogene Schafgemeinschaft Glennkills.

Und untereinander?

Diese Betrachtung paarhufiger Verhaltensweisen und deren menschlicher Umdeutung soll in aller gebotenen Kürze mit einem Ausblick auf die inneranimalische Kommunikation enden. Insbesondere Swanns 2010 entstandene Feldstudie Garou zeigt zahlreiche Ansatzpunkte für engagierte Projekte, etwa zur artübergreifenden Kommunikation zwischen Schafen und Ziegen. So wäre beispielsweise die Frage eine Untersuchung wert, woher die herablassende Haltung der Schafe gegenüber den Ziegen rührt, die für weitestgehend verrückt gehalten werden (vgl. Swann 2010, 113f.). Für den außenstehenden Betrachter ist dies durchaus schwierig nachzuvollziehen, kommentieren die Ziegen doch beispielsweise den durch herbstliche Regenschauer verschlimmerten Zustand der Weide lakonisch mit „Panta rhei.“ (Ebd., 21)

Weitere Anknüpfungspunkte sind zahlreich und vielseitig. Dem geneigten Leser sei die Lektüre der umfangreichen Studien Leonie Swanns wärmstens ans Herz gelegt. Sie sind ein hervorragender Beitrag zur Verbesserung des schafspezifischen Mensch-Tier-Verhältnisses und ermöglichen einen zweiten Blick auf manche wollige Herde, die auf den ersten lediglich träge und unbeteiligt daher weidet.

Literatur

Arbeitskreis Chimaira: Eine Einführung in gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse und Human-Animal-Studies. In: Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Hg. v. Cimaira Arbeitskreis für Human-Animal-Studies. Bielefeld 2011, S. 7-42.

BBC News: Crafty sheep conquer cattle grids, erschienen am 30.07.2004, zuletzt abgerufen am 22.03.2013.

Da Costa, Ana P., Andrea E. Leigh, Mei-See Man und Keith M. Kendrick: Face pictures reduce behavioral, autonomic, endocrine and neural indices of stress and fear in sheep. In: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 271 (2004), S. 2077-2084.

Eitler, Pascal: In tierischer Gesellschaft. Ein Literaturbericht zum Mensch-Tier-Verhältnis im 19. und 20. Jahrhundert. In: Neue Politische Literatur 54 (2009), S. 207-224.

Haid, Hans: Das Schaf. Eine Kulturgeschichte. Wien u.a. 2010.

Schmidt, Arno: Das steinerne Herz. Frankfurt a.M. 1967.

Swann, Leonie: Garou. Ein Schaf-Thriller. München 2010.

Swann, Leonie: Glennkill. Ein Schafskrimi. München 2005.


[1] Leider hat uns der ominöse „Bibel-Code“ auch gelehrt, dass bei einem Text von Umfang und Vielfalt der Bibel praktisch alles zu finden ist, so man nur lange genug danach sucht.

[2] „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29)

[3] Lediglich in der Offenbarung des Johannes wird das Lamm zum mächtigen Wesen, das die sieben Siegel öffnet. Ein Widerspruch zum friedfertigen Lämmerbild vorheriger Kapitel, der auch in der katholischen Theologie für sicher interessante Diskussionen sorgt.

[4]Die Schafherde wimmelte vorbei, gefällig, wie auf dem Haidefoto. Gleich dahinter kam die Sonne strotzend raus, aber der Wind westerte noch hübsch frisch; nun, es war Sommer.“ (Schmidt 1967, 8. Hervorhebung im Original.)

[5] Dass Gast-, Wirts- und Trinkhäuser in der Regel ebenfalls nicht nach Schafen, sondern eher Ebern, Hirschen, Löwen oder Adlern benannt werden, ist sicherlich auch eine Betrachtung wert, die hervorragend durch Thomas Beckers Genderüberlegungen ergänzt werden könnte.

[6] Erstaunlich dabei scheint, dass die Herde trotz ihrer irischen Provenienz das „gälische Gemurmel“ des zweiten Schäfers im Ort nicht zu verstehen scheint (Swann 2005, 18.).