Herr und Hund – Ein Mann in Nöten

Von Dominik Nüse

Auf stürmischer See

Es soll um Tiere gehen, darum, wie sie dargestellt werden, ob sie Projektionen menschlicher Verhaltenweisen sind, ob sie fabelhaft-politisch miss- und gebraucht werden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine sich selten bietende Bühne für einen Erzähltext Thomas Manns, das ansonsten eher selten Aufmerksamkeit erfährt: Die Idylle Herr und Hund. Es lohnt sich, durchaus ein-, zwei-, dreimal seinen Blick auf ein literarisches Werk zu werfen, das man immer wieder abtat als „nette“ Geschichte, zumal auch ihr Verfasser sie wiederholt als bloße Fingerübung einordnete – der Weg der Rezeption war damit vorgegeben (vgl. Orlik 1997, 100 ff.). In der Tat ist die Idylle für jemanden wie Thomas Mann beinahe nur eine Fingerübung, doch ganz so zufällig und willkürlich, wie es den Anschein hat, ist die Geschichte um Herr und Hund nicht geraten.

Man mag die Geschichte als politische Fabel deuten wollen, als ein dezidiert subtil-literarisches politisches Statement Thomas Manns zur 1918/1919 aktuellen politischen Situation in Deutschland – oder als eine Korrektur seiner Betrachtungen eines Unpolitischen, mit denen er sich in die Nesseln gesetzt hatte, von den wirren, kruden und holprig vorgebrachten Argumentationsketten bis hin zu seinen Schlussfolgerungen – sie erwiesen sich just in dem Moment, als das Buch in Druck ging, am Tag der Kapitulation, als schlichtweg falsch.

Der pessimistische Romantiker steht seit 1918 einer Welt gegenüber, die sich durch die Zäsur des Krieges radikal von der Welt des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Die geschichtliche Wirklichkeit der Gegenwart ist mit dem von Nietzsche und Schopenhauer im vergangenen Jahrhundert entwickelten und von Thomas Mann an dieser Welt erfolgreich erprobten Instrumentarium der Geschichtsrezeption nicht mehr erfassbar. Thomas Manns Mechanismen der geschichtlichen Erfahrung besitzen keine Ordnungskraft mehr, da sich ihnen die Realität als eine vollkommen fremde nicht mehr fügt. [Wißkirchen 1986, 44]

Es wird lange dauern, bis sich Mann von diesem Schock erholt, bis er der Geschichte und den Geschichtsläufen wieder Herr wird und mit dem Zauberberg, den Josef-Romanen und nicht zuletzt mit Doktor Faustus zu im wahrsten Sinne des Wortes klassischer Leistung zurückfindet. Doch nach den Betrachtungen und vor den abschließenden Arbeiten am Zauberberg erleben wir einen Mann, der sich nicht nur der Tierwelt sondern auch okkultistischen Fragen stellt. Insofern schwimmt er gemeinsam mit vielen Landsleuten auf einer Welle, die ihn auf stürmischer See abbringt vom Ufer des Verstehens, und mitten auf See bleibt ihm nichts anderes übrig als zu beobachten – letztlich und am Ende des Tages die wohl effizienteste Form des Überlebens, zumindest aber unabdingbare Voraussetzung desselben.

Ein Mann in Nöten

Da steht Thomas Mann vor den Scherben einer Arbeit, die er eigentlich nie wirklich in Angriff nehmen wollte, mit der er dann aber doch als geistigen Dienst an der Waffe seinen Frieden schloss und sich als patriotischer Soldat in Worten dem Kriege anschloss: Es stand schließlich nichts geringeres auf dem Spiel als das Schicksal einer Kulturnation wie Deutschland, die sich Zivilnationen wie Frankreich feindlich gegenübersah. Nun, es unterlag die „Kulturnation“ gegen die politische Avantgarde der Westnationen. (vgl. Görtemaker 2005, 29 f.) Weitaus schlimmer als diese Niederlage muss für Thomas Mann die Tatsache gewesen sein, dass sein Bruder Heinrich mit seinen Analysen und Voraussagungen Recht behalten hatte. Wie auch immer – es gibt sicherlich eine ganze Menge spannender Facetten an Thomas Mann, die in dieser Situation, die als Epochenzäsur gelten kann, zum Tragen kommen. Wir wollen uns hier ein wenig psychologisierend, dabei aber nicht die Texte aus den Augen verlierend, mit einem Mann beschäftigen, der über 90 Seiten hinweg den Ballast eines welterklärenden-allwissenden Erzählers abwarf, der doch auf anregende Weise so spielend leicht mit philosophischen, wissenschaftlichen Theorien jonglieren konnte und eine von großem Selbstbewusstsein strotzende Deutungshoheit für sich reklamierte, wie es nach ihm zwar auch noch einige andere Schriftsteller taten, von denen jedoch kaum einer die beanspruchte Rolle ausfüllen konnte. Von all dem aber ist in Herr und Hund nichts zu spüren – und für viele, nicht nur Zeitgenossen, ist es „[m]erkwürdig zu sehen, wie die kleine, weltabgewandte Hundegeschichte neben den großen Weltereignissen herläuft.“ (de Mendelssohn 1982, 70)

Schauen wir uns einmal an, was Thomas Mann in seinem Text Merkwürdiges tut. Die Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Aus entsprechenden Tagebucheinträgen und Äußerungen seiner Kinder (vgl. Orlik 1997) gab es Bauschan, so der Name des Hundes, wirklich im Leben der Manns. Geschildert wird die Ruhe, die Einsamkeit, die Möglichkeit der inneren Einkehr, die der Erzähler bei den alltäglichen Gassi-Runden mit seinem Hund empfindet. Es gibt zeitlose Landschafts- und Naturschilderungen, die beinahe naiv wirken und erkennbar an Stifter geschult sind, es gibt Grzimeks Tierbeobachtungen vorwegnehmende Passagen, es gibt Andeutungen einer Beschreibung des Verhältnissen von Herr und Hund zueinander und nicht zuletzt auch eine Schilderung eines Treffens Bauschans mit einem anderen Hund. Leise, zurückhaltend, naiv-staunend – vielleicht sind dies die Attribute, mit denen die Hauptcharakteristika des Textes zu beschreiben sind. Thomas Mann psychologisiert nicht, nein, er versucht nicht krampfhaft zu verstehen, was sein Hund, mit dem er schon so viel Zeit verbracht hat, „denkt“, versucht ihn auch nicht zu vermenschlichen. Liebevoll akzeptiert er seine Schrullen, weil er weiß, dass es nur für den Menschen Schrulligkeiten sind. Thomas Mann bedient sich hier keines allwissenden Erzählers, der die Welt als Ganzes und im Ganzen versteht, nein, er installiert einen Ich-Erzähler, der die nüchterne Beobachtung des Hundes betreibt, dessen Wesenszüge ihn zu Staunen zu Nicht-Verstehen bringen. So lesen wir folgende Exklamation:

Wunderliche Seele! So nah befreundet und doch so fremd, so abweichend in gewissen Punkten, daß unser Wort sich als unfähig erweist, ihrer Logik gerecht zu werden. [H 35]

Immer wieder erlebt der Erzähler die bange Ungewissheit, die jeder Hundebesitzer kennt, wenn fremde Hunde aufeinander treffen. Werden sie sich verstehen oder gibt es Unfrieden? Bauschan bildete da keine Ausnahme. Durch Beobachtung versucht Mann zu entschlüsseln welche Kriterien bei einer solchen Begegnung eine Rolle spielen und wovon es abhängt, ob die Sache friedlich ausgeht. Wie er selber zugibt, konnte er noch nach Jahren mit einer gewissen Beklommenheit nicht sicher einschätzen, wie sein Bauschan letztlich auf fremde Hunde reagieren würde. Zu undurchsichtig blieben ihm die Empfindungen, Verhaltensregeln und Rituale der Vierbeiner, als dass er sie je ganz durchschaut hätte. Die Begrüßung, das Umkreisen und das Beschnüffeln Flanke an Flanke. Schließlich der ungewisse Moment, in dem sich entscheidet, ob beide gutmütig auseinandergehen mögen. Begegnungen mit stets unsicherem Ausgang. (vgl. H 35).

Eine ganz ähnliche Formulierung, die explizit Zweifel an seiner eigenen Fähigkeit, die Natur adäquat umfassen und beschreiben zu können, findet sich im Kapitel „Das Revier“, in dem er sich zahlreichen Naturschilderungen hingibt:

Nachdem ich nun auch auf die Zone des Flusses näher eingegangen, habe ich die ganze Gegend beschrieben und, soviel ich sehe, alles getan, um sie anschaulich zu machen. Sie gefällt mir gut in der Beschreibung, aber als Natur gefällt sie mir doch noch besser. Sie ist immerhin genauer und vielfältiger in dieser Sphäre, wie ja auch Bauschan selbst in Wirklichkeit wärmer, lebendiger und lustiger ist als sein magisches Spiegelbild. [62 f.]

Und dieser Gegensatz, der nicht auflösbar zu sein scheint, ist einfach da. Nein, es geht nicht primär darum, Bauschan zu vermenschlichen oder ihn vielleicht zu einer Metapher politischer, soziologischer Erkenntnisse zu machen – nein, er ist als Hund gerechtfertigt, in seiner Natur ernst genommen. Er ist ein Hund, der zwar instinktiv und lernend das Wesen des Menschen erkennen mag und dessen Absichten zu durchschauen scheint (vgl. H 25). Dem Menschen hingegen bleibt oft nur wortloses Staunen – wie auch dem Hund, betrachtet er die Verhaltensweisen des Menschen. Es ist dies ein beinahe pantheistischer, sicher aber völlig bukolischer Gedanke: Das Aufgehen in der Natur als Wunsch des Erzählers, wie er beispielhaft in der Jagdszene zum Ausdruck kommt, in der der Erzähler gemeinsam mit Bauschan einem Hasen auf der Spur ist und sich nichts weiter wünscht, dieser möge ihn „für einen Baum halten“ (H 85). Die neue Leichtigkeit des Seins – neu zumindest für jemanden wie Thomas Mann. Er wird diese Leichtigkeit schnell wieder aufgeben, und auch dies wird in der Erzählung bereits antizipiert, wenn der Erzähler über all jene reflektiert, die den Weg in die Natur gefunden haben, ihre Häuser jedoch nach einiger Zeit verfallen lassen, weil sie der Natur, dem Ent-Rücktsein von der Welt nicht dauerhaft standhalten konnten. Doch noch ist sein Naturerleben, das nur gemeinsam mit Bauschan möglich ist (vgl. S, 74f.), stark und ermöglicht ihm Ausflüge in eine Welt ohne Sorge und Kampf. In den Zeiten zwischen einzelnen Gassi-Runden hat der Erzähler „gesorgt und gekämpft“ hat „Schwierigkeit überwunden, daß es nur so knirschte“ (H 74).

Da ist es die Jagd mit Bauschan, die mich zerstreut und erheitert, die mir die Lebensgeister weckt und mich für den Rest des Tages, an dem noch manches zu leisten ist, wieder instand setzt. [H 74]

Der Begriff „Dankbarkeit“ fällt gleich im nächsten Satz. Dankbarkeit für diese Möglichkeit, die ihm Bauschan bietet. Dankbarkeit Diese ist wohl auch als Hauptmotivation dieses Textes auszumachen. Als Leser erfreut man sich an diesem unaufgeregten Text – versteckte Zitatübernahmen finden sich hier, bis auf die Nachahmung stifterscher Naturbeschreibung, kaum – so dass man nicht ständig überlegen muss, woher nun dieses oder jene Zitat wohl stammen möge. Schön, ja idyllisch – diesen Text kann man bei Sonnenschein im freien lesen, ohne die Gelehrtenbibliothek mit sich herumtragen zu müssen. Wie erbaulich muss das für einen Hundebesitzer sein, gerade wenn das Herrchen ein ansonst so komplizierter Kopfmensch ist.

Alles, nur nichts Apollinisches!

Wie müssen wir uns Bauschan vorstellen? Ein Schoßhund war er jedenfalls nicht, eher ein rustikaler Typ, der einen gerne durch Feld, Wald und Wiesen begleitet. Und mit viel Kraft in den Hinterläufen, denn er soll ein auffallend guter Springer gewesen sein. Von dieser Fertigkeit, so schildert es Thomas Mann, machte Bauschan aber nur dann Gebrauch, wenn er unter einem Hindernis nicht hindurchlaufen oder -kriechen konnte. Er war also klug genug, sich nur bei ernst zu nehmenden Hindernissen wirklich anzustrengen. Bauschan freute sich über Lob und Zuneigung und bemühte sich, es seinem Herrn recht zu machen (vgl. H 32 ff.). Befehle befolgte er jedoch nur dann, wenn sie Sinn ergaben, nicht allein um eines reinen Kunststückchens willen.

Wenn es darauf ankommt, so nimmt er jedes Hindernis – ist es allzu hoch, um im freien Sprunge bewältigt zu werden, so klettert er anspringend hinauf und lässt sich jenseits hinunterfallen, genug, er nimmt es. Aber das Hindernis muss ein wirkliches Hindernis sein, das heißt ein solches, unter dem man nicht durchlaufen oder durchschlüpfen kann: sonst würde Bauschan es als verrückt empfinden, darüber wegzuspringen. [H 33 f.]

Ein wahrer Verächter der second nature – ein Hund, völlig im Reinen mit sich und der Natur (vgl. 70). Wir finden niemanden im Text, der hier eine ironische und in letzter Instanz wissende und erklärende Haltung einnimmt. Wir erleben einen Thomas Mann, der völlig verunsichert ist, für den mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Ausgang eine ganze Welt, ein Werte- und Politiksystem zusammengebrochen, auf dem er sein Leben und sein bisheriges Werk aufgebaut hatte.

Nie hat Thomas wieder je so rein beobachtet, nie so naturalistisch gestaltet – und doch steht Thomas Mann mit seinem Idyll mitten in den so philosophischen und psychologischen Zeittendenzen und nähert sich den zeitgenössischen philosophischen Fragen nach Status des Seienden, nach einer tragfähigen Begrifflichkeit und nach Gewissheit der Erkenntnis. [Orlik 1997, 144]

Die tiefe Dankbarkeit, mit der der Erzähler das Versinken in die Natur und die Zweisamkeit mit seinem Hund empfindet, und die Sehnsucht, den Sorgen, Noten und Kämpfen des Alltags zu entkommen, sprechen Bände. In den Naturerfahrungen ahnt er, was die Welt im Inneren zusammenhält.

Für meine Person bekenne ich gern, […] daß wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist. Sie kann mich […] in einen Zustand so tiefer organischer Träumerei, so weiter Abwesenheit von mir selbst versetzen, daß jedes Zeitgefühl mir abhanden kommt und Langeweile zum nichtigen Begriff wird, da Stunden in solcher Vereinigung und Gesellschaft mir wie Minuten vergehen. [H 55]

Es ist wichtig zu erwähnen, dass dies nur und ausschließlich im Pakt mit Bauschan realisierbar ist: Als sein Hund aufgrund innerer Blutungen zur Beobachtung 14 Tage in einer Tierklinik verbringen muss, stellt sich diese neue Situation dem Erzähler folgendermaßen dar:

[M]eine Spaziergänge waren fortan, was ungesalzene Speisen dem Gaumen sind; sie gewährten mir nur wenig Vergnügen. Kein stiller Freudensturm herrschte bei meinem Ausgang […]. Der Park schien mir öde, ich langweilte mich.“ [H 74]

Mit sich alleine kann er wenig anfangen – lassen sich die Sorgen nicht vertreiben, schlimmer noch: Langeweile breitet sich aus. Vielleicht, so schießt ein kühner Gedanke durch die Hirnwendungen des Schreibers, hätte Edmund Husserl seinen an Hugo von Hoffmannsthal gerichteten Brief (vgl. Sloterdijk 2009, 29–31) an Thomas Mann schreiben sollen – und in ihm einen dankbareren Empfänger für sein Projekt des scheintoten Denkers, eines durch und durch fähigen Phänomenologen gefunden. Auch wenn Mann Husserl weder erwähnt noch auf ihn anspielt, und auch wenn die Beziehung zwischen dem Philosophen und dem Dichter wohl zurecht nicht ausgiebig erforscht worden ist, hier, in Herr und Hund, ließe sich eine anschauliche Umschreibung des für Husserls Phänomenologie zentralen philosophischen Konstrukts der Epoché finden: Die reine vorurteilsfreie, von allem Weltlichen und Psychologischem gelöste Betrachtung und Beschreibung der Dinge. Nicht zuletzt durch Freuds psychologische Erkenntnisse und die Erfahrung des Ersten Weltkriegs scheint der Mensch weiter von sich entfernt zu sein als je zuvor. Die Chimäre des Guten, Edlen, Schönen – wie brüchig hat sich dieser Anspruch aller Kulturmenschen erwiesen! Einen Ausweg hieraus und einen Weg zurück zu sich und einem harmonischen Ausgleich zwischen sich und der Welt in der bewussten Abkehr von der Welt zu suchen, dies erschien für Thomas Mann als gangbarer Weg; ganz sicher auch inspiriert durch Schopenhauers Schrift Über das metaphysische Bedürfniß des Menschen – in der Natur, in den Tieren sind Wille und Intellekt noch eins, und Blumen, Pflanzen und Tiere haben Teil an der „unbewußten Allwissenheit der großen Mutter“ (vgl. Schopenhauer 1946, 175).

Franz Orlik sieht in der Wendung Thomas Manns hin zum Topos des Tieres eine Parallele zur zeitgenössisch boomenden Tierpsychologie und -philosophie (vgl. Orlik 1997, 137 ff.). Mit Bauschan tritt ein kulturunabhängiges Lebewesen in den Blick des Dichters, der zudem ‚mit sich im reinen’ ist. Der Hund ist für den Erzähler der Türöffner zu einer bukolischen, intakten Naturwelt, einem „Zaubergarten“ gleich (H 46), in dem er seine Mitte findet, sein kann, wie er ist, bis ihn die Forderungen der Welt lauter und lauter werdend, an sein Pflichtgefühl erinnern. In dem Hund erblickt er die naive Unschuld eines von keinerlei scheiternder Kultur und widersprüchlicher Moral betrübten Wesens. Eine Vermenschlichung des Hundes und seiner Handlungsweisen kommen daher, wie bereits eingangs festgestellt, nicht in Frage: Der Hund ist als Hund gerechtfertigt und wird als solcher ernst genommen. Nicht der Hund hat ein Defizit – nein, frei nach Nietzsche ließe sich sagen: Der Mensch hat den Tierverstand verloren.

Es gibt Deutungen, die in dieser Erzählung eine Fabel sehen wollen und dem Hund somit eine symbolisch-politische Funktion zuschreiben. Diese Lesarten mögen sicherlich reizvoll sein – doch sie bleiben nicht die einzig möglichen. Von gelegentlichen Anthropomorphisierungen abgesehen, schreibt Mann Bauschan, wollen wir im Metaphorischen bleiben, vielleicht am ehesten die Rolle des Fährmanns zu. Des Fährmanns, der seinen Passagier zuverlässig in eine verzauberte, okkulte, nicht vollständig zu ergründende, jedoch ganzheitlich zu erfahrende und -spürende Welt führt – ihn allerdings auch wieder mit zurückbringt. Bauschan ermöglicht dem Erzähler die Erdung, die Bestätigung seiner immer noch vorhanden Fähigkeit, mit dem natürlichen Leben in Kontakt zu treten – eine Basis, auf der er seinen zerbrochenen, verlorenen Bezug zur geistig-moralischen, politisch-sozialen Welt neu aufnehmen kann.

Denn jeder Spaziergang, jede Epoché, findet ihr Ende. Und so essentiell Bauschans Beitrag zum gelingenden Naturgenuss und zum Aufbau eines neuen, Manns literarisches Schaffen tragenden Orientierungsgefüges auch gewesen sein mag – wir können diesen Beitrag nach all den Schilderungen kaum hoch genug schätzen –, so notwenig ist die Einsicht des Erzählers, dass es auch eine Zeit gibt, die seine Anwesenheit in der Welt der Sorgen, Nöte und der Hysterien verlangt: Bauschan hat „das Eindringen der Welt in das Haus nicht verhindern können, mit fürchterlicher Stimme hat er Einspruch erhoben und sich ihr entgegengestellt.“ (H 63). Allein, es nützte nichts. Was bleibt, ist ein bukolisches Stück, weit mehr als nur eine literarische Fingerübung, und die Hoffnung und Vorfreude auf den nächsten Tag: „Morgen wieder, Bauschan’, sage ich, ‚falls ich nicht in die Welt gehen muss.“ (H 97)

Literatur

Primärliteratur

Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt a.M. 1991.

Mann, Thomas: Herr und Hund. Ein Idyll. In: Ders. Unordnung und frühes Leid. Erzählungen 1919-1930. Frankfurt a.M. 1991. (nachgewiesen mit der Sigle H).

Schopenhauer, Arthur: Sämtliche Werke. Nach der ersten, von Julius Frauenstädt besorgten Gesamtausgabe neu bearbeitet und hg. von Arthur Hübscher. Wiesbaden 1946.

Sloterdijk, Peter: Scheintot im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung. Frankfurt a.M. 2009.

Sekundärliteratur

de Mendelssohn, Peter: Nachbemerkungen zu Thomas Mann. Band 2. Frankfurt a.M. 1982.

Görtemaker, Manfred: Thomas Mann und die Politik. Frankfurt a.M. 2005.

Orlik, Franz: Das Sein im Text. Analysen zu Thomas Manns Wirklichkeitsverständnissen und ihrem Wandel. Würzburg 1997.

Wißkirchen, Hans: Zeitgeschichte im Roman. zu Thomas Manns Zauberberg und Doktor Faustus. Bern 1986 (= Thomas Mann Studien 6).

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