Bestiaria literarica

Unvorgreifliche Analekten zur Geschichte einer satirischen Gattung

Von Wulf Segebrecht

Denk dir ein Trüffelschwein,
denk’s wieder weg:
Wird es auch noch so klein,
wird nie verschwunden sein,
bleibt doch als Fleck.

Robert Gernhardt (Wörtersee)

Das mag wohl so sein. Denkt man sich aber einen Menschen, etwa einen lebenden Zeitgenossen oder gar einen Bamberger Germanisten als Trüffelschwein, dann sieht die Sache schon ein wenig anders aus: Das lässt sich so schnell nicht wieder wegdenken. Das bleibt, und nicht nur als Fleck. Dann nämlich geht es nicht mehr um ein bloßes Gedankenexperiment, sondern um die Praxis der satirischen Kunst nach Art der Bestiaria literarica. Ihr Prinzip ist es, Menschen, die es mit der Literatur zu tun haben, derart als Tiere zu beschreiben, dass sie nicht nur überhaupt wiederzuerkennen sind, sondern dass sie durch die originelle, überraschende, einleuchtende, in Lob und Tadel kritische, vergnüglich zu lesende Darstellung ihres Aussehens, ihrer Lebensgewohnheiten, ihres Verhaltens und ihrer Leistungen treffend charakterisiert werden.

Franz Blei

Franz Blei hat dieses Prinzip erfunden. Er hat es auf zahlreiche Literaten seiner Zeit angewandt und die Ergebnisse 1920 unter Pseudonym veröffentlicht als Bestiarium | Literaricum | das ist: | Genaue Beschreibung | Derer Tiere | Des Literarischen | Deutschlands | verfertigt | von | Dr. Peregrin Steinhövel | Gedruckt | für Tierfreunde zu München in diesem Jahr (= B). „Dieses Bestiarium wurde im Auftrage von Carl Ruske gedruckt zu München im Juli MDCCCCXX in einer Auflage von tausend numerierten Exemplaren“, heißt es im Impressum.

Es wurde ein sehr erfolgreiches Buch. Das ganze literarische Deutschland nahm es zur Kenntnis, und jeder Schriftsteller wollte wissen, ob er überhaupt „drin“ war und wie er gegebenenfalls bei dieser Metamorphose abgeschnitten hatte. Denn Franz Blei konnte nicht nur hintergründig und humorvoll, sondern auch bitterböse und direkt werden; so z. B. beschrieb er den Dichter Alfred Mombert:

 Das Mombert ist ein Invertebrat und dadurch merkwürdig, daß es seine nicht zu große Hirnmasse in Ganglion verwandelt besitzt. Dieser Umstand hängt zusammen mit des Tieres Lautäußerung, welche eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Lallen deutscher Lyriker zeigt. Das friedliche, einsam lebende Tier ist ein Wiederkäuer, doch nimmt es seit seiner ersten Nahrung keine neue mehr auf, sondern kaut die erste immer wieder. [B 41]

Wenig schmeichelhaft fallen auch die Bemerkungen über die Brüder Heinrich und Thomas Mann (sie „gehören zu einer Familie mittelgroßer Holzböcke, sind holzig und zäh wie Holz“, B 13), über Paul Ernst („Der Paulernst ist eine hartnäckige Bandwurmart, die dem bekannten längst toten Dichter Hebbel abgeht“, B 24) und über Max Halbe aus („Die Halbe ist […] ein letzter Wurf der Marlittziege kurz vor ihrem Tode und daher ist die Halbe wenig lebensfähig“, B 25).

Sehr knapp, aber doch prägnant sind die Mitteilungen über Franz Kafka und Gottfried Benn geraten: „Die Kafka ist eine sehr selten gesehene prachtvolle mondblaue Maus, die kein Fleisch frißt, sondern sich von bittern Kräutern nährt. Ihr Anblick fasziniert, denn sie hat Menschenaugen“ (B 19). „Der Benn ist ein kleiner Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen ans Tageslicht, so kriecht gerne der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein“ (B 32).

Zwei Jahre nach dem Erscheinen des Bestiariums ließ Franz Blei ihm Das große Bestiarium der modernen Literatur (Berlin: Rowohlt) folgen. In dieser wesentlich erweiterten Form hat das Buch unter verschiedenen Titeln zahlreiche Auflagen und Neuausgaben erreicht und ist auch mehrfach als Taschenbuch verbreitet worden, u. a. als Insel Taschenbuch (GB). Das Bestiarium im engeren Sinne, d.h. die – in GB alphabetische – Auflistung der als Tiere beschriebenen Autoren, nimmt im GB nur den kleineren Teil des Buches in Anspruch, obwohl es um zeitgenössische ausländische Autoren ergänzt wurde. Ein eingehend kommentierter Vergleich der Fassungen des Bestiariums wäre sehr zu wünschen; er kann hier aber nicht geleistet werden. Nur einige Veränderungen zwischen der Fassung des Erstdrucks und derjenigen des Großen Bestiariums seien hier notiert: Insgesamt fällt in GB eine Abmilderung der in B noch besonders kritischen Bemerkungen auf. So in den Artikeln über den Vogel Wilhelm von Scholz (B 26, GB 63) und über die Edelziege Annette Kolb (B 26, GB 48). Oskar Loerke, der ohnehin als „nahe Verwandte der Lerche“ in B (33) schon freundlich behandelt wurde, wird in GB (49) mit dem Zusatz umschmeichelt: „Sie gehört zu unsern tönendsten und schönsten Sängern“. Otto Flake dagegen war in B ziemlich grob als farbloser Epigone von René Schickele beschrieben worden:

 Dieses starkknochige und eher plumpe Tier ist dem Schickele benachbart und setzt seinen Ehrgeiz darein, es jenem gleich zu tun. Nun aber ist das Flake von Natur aus ein lieber liegendes als laufendes und danach auch gestaltetes Tier mit gar keinem Pelz, dessen Verfolgung es beunruhigen könnte; worüber sich das Tier grämt. Seine Haut von brauner Farbe gibt nur einen deutschen Konfektionspaletot, weshalb man das Flake oft an Orten begegnet, wo aus irgendwelchen Gründen Farbe, sei es welche immer, verspritzt wird. Es lässt sich davon mit großem Vergnügen seine Haut besprenkeln. [B 56]

Dieser Eintrag erfuhr in GB eine grundlegende Korrektur:

DAS FLAKE im Kleinen Bestiarium war ein Irrtum, wie die folgende Mitteilung des Flakes beweist: „Lieber Steinhövel, aus dem neuen Bestiarium: Peregrin Steinhövel, ein Esel, von dem man naturgemäß nur Eselsfußtritte erwarten kann. Gar nicht ergebenst Flake.“ Das Flake wäre demnach ein Löwe. Aber ein toter. Lieber, gescheiter Flake! [GB 34]

Franz Blei übt also mitleidige Nachsicht mit der Humorlosigkeit Otto Flakes, bescheinigt ihm zugleich aber, dass er als Löwe zwar ein großer Kämpfer, leider aber schon tot sei. Mit sich selbst war Blei deutlich schonender umgegangen, als er sich folgendermaßen porträtierte:

Der Blei ist ein Süßwasserfisch, der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt […]. Unser Fisch ißt sehr mannigfaltig, aber gewählt, weshalb er auch, in Analogie zu jenem Schweine, der Trüffelfisch genannt wird, wegen seiner Fähigkeit, Leckerbissen aufzuspüren. [B 17 f.]

Trotz mancher Verwässerungen und unnötiger Erweiterungen in den späteren Auflagen hat sich Franz Bleis Bestiarium als vorbildliches Muster für lästerlustige Nachahmer erwiesen. Sie traten immer dann auf den Plan, wenn eine neue Schriftsteller-Generation herangewachsen war. Man kann sie, ohne sie damit zu diskreditieren, als die Epigonen Franz Bleis bezeichnen, auf den sie sich auch selbst regelmäßig ausdrücklich berufen. Ich will sie hier kurz vorstellen:

 Jens Rehn

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Jens Rehn die Bestiarium-Idee wieder aufgegriffen und auf die Schriftsteller-Generation der Nachkriegszeit angewandt. Das neue Bestiarium der deutschen Literatur erschien zuerst 1963 (Rehn 1963) und in einer erheblich veränderten Neuauflage erneut 1970 (Rehn 1970).  Anstelle eines eigenen Vorworts zitiert Jens Rehn aus Franz Bleis Vorwort zu B, um sein Vorhaben zu erläutern:

In diesem Bestiarium habe ich, nicht abgeschreckt von vielen Vorgängern, neuerlich den Versuch gemacht, eine so kurze wie anschauliche und genaue Beschreibung derer lebender Tiere zu geben, so an’s Licht der Bücherwelt zu stellen Gott dem Herrn gefallen hat, und soweit sie im Gebiete der deutschen Sprache wesen und unwesen. … Aller Kritik unserer Viecher habe ich mich enthalten, wie man merkt. Wir müssen sie hinnehmen, wie Gott sie geschaffen. IHM allein die Ehre und Verantwortung. [Rehn 1970, 5; vgl. B 7 u. 10]

Aggressiver Hohn und böse Kritik treten bei Rehn tatsächlich zurück, anders als bei Franz Blei, aller gegensätzlichen Behauptungen zum Trotz. Rehn bevorzugt stattdessen eine sanft satirische Charakterisierung der Schriftsteller. In seinen Porträts wird nicht nur das jeweilige Tier beschrieben, sondern, jedenfalls gelegentlich, so beispielsweise bei Uwe Johnson (einem Ohrenkäfer), bei Helmut Heissenbüttel (einer Hornisse) oder bei Paul Celan (einem Zaunkönig), auch der Stil des jeweils Porträtierten parodistisch imitiert, und es werden häufig auch dessen Werk-Titel in den Beschreibungstext eingearbeitet, so dass es ein vergnügliches Spiel sein kann, diese Anspielungen zu entziffern. Im Falle Arno Schmidts allerdings stehen eher die charakterlichen Eigenschaften und schriftstellerischen Eigentümlichkeiten im Vordergrund:

Arno Schmidt. DAS SCHMIDTARNO, 1 erotomanisches Mond-Kalb von überdimensionaler Größe, gräbt ausschließlich nach den Steinen, die es für die Felsen der Wahrheit hält. Es studiert ohne Rücksicht auf sein plenum venter allerlei Bücher, die es gar nicht mehr gibt. Zur Erholung liest das Tier eine Logarithmentafel, doch 27stellig muß sie sein. Das SCHMIDT ist gern der Zote hold, schon dieserhalb wird es von Nichtkennern fleißig durchgeblättert. Im Radio hingegen kann das Literakalb durchaus hochdeutsch reden. Nicht nur dort, sondern ganz allgemein hält sich das SCHMIDT für das Beste: es notiert zu jeder Zeit, wie gut es ist. Zur Geisterstunde leuchtet das Tier (einschließlich seiner   1 274 869 Zettelchen) phosphoreszierend, darf dann aber nicht mit dem Irrlich[t] (lux communis) verwechselt werden. Inwiefern sein neues Zettelbuch von 3769,68 Tippseiten dazu beitragen kann, weiß nicht 1x der Mann im Mond. [Rehn 1970, 38 f.]

In der 1. Auflage seines Bestiariums hatte Rehn auch die phonetische Schreibweise Arno Schmidts parodiert, wie aus einem Vorabdruck im Spiegel hervorgeht: „Seinä Schprachmanihr befehicht äs ßu jeeklichär Außdrugsvorm, un da’s ein Tihr’ mitn mattemahtischn Tigg is, hälz seine Auflagnziffärn möklichst nihtrik“ (Der Spiegel 1962, S. 79).

Andreas Koziol

Andreas Koziol beschränkt sich in seinem Bestiarium auf Autoren der ehemaligen DDR. Zu einem frühen Rückblick der Zeitschrift Text + Kritik auf die DDR-Literatur trug Koziol 1990 unter dem nur halbherzig geheim gehaltenen Namen H. Gurwizz – „Pseudonym eines auch in diesem Band vertretenen Autors“, verrät eine redaktionelle Notiz (Text + Kritik, 252) – 17 Beschreibungen literarischer Tiere unter folgendem Titel bei: Bestiarium literaricum | etlicher Spezies Schreiber aus der Fauna der Assoziativen Finalpoesie | der blasseren Hälfte Berlins und Umgegend | oder | Morphosophistische Travestie | auf die Machart des B.L. Franz Blei’s anläßlich eines ungewohnten | Heimschubes Mitte August 1989 reduziert und beigegeben | von | H. Gurwizz. Der Hinweis darauf, dass sein Bestiarium für den Zeitschriftenabdruck schon „Mitte August 1989 reduziert“ worden und also vor 1990 entstanden sei, soll betonen, dass es sich um ein vor der sogenannten ‚Wende’ verfasstes Werk handelt, das für den Abdruck in Text + Kritik gekürzt wurde. Vollständig hat Koziol als H. Gurwizz das Bestiarium literaricum bereits im November 1989 der von ihm mitherausgegebenen selbstverlegten Zeitschrift Verwendung (Nr. 8) beilegen lassen. Erst in der Buchpublikation seines Bestiariums aus dem Jahre 1991, das 2000 unverändert nachgedruckt wurde, nennt Koziol sich mit seinem bürgerlichen Namen, ohne indes sein Alter Ego H. Gurwizz ganz aufzugeben. Denn dieser taucht im Vorwort als „Mein kurzlebiger Pseudo“ (Koziol 2000, 7) und hin und wieder auch in den tierischen Dichterporträts als Experte auf; er ist auch der Unterzeichner des märchenhaften Vorspruchs:

Ich traf eins und fragte es, was Wahrheit sei. Es versetzte mir, Wahrheit sei ein Tier am Rand der Sprache, das sich in Luft auflöse, wenn wir es mit Worten spiegeln. Dieses eine aber hieß Epaga Soach. Ich habe es gegessen. [Koziol 5]

Sehr rätselhaft! Als Widerspiegelungsinstrumente scheinen die Worte demnach ungeeignet zu sein, wenn es um Wahrheit geht. Das Tier Wahrheit verweist insofern auf den „Rand der Sprache“, und es verschwindet, statt mit Worten getroffen zu werden. Derjenige, der diese Auskunft erteilt, wird am Ende „gegessen“, also einverleibt. Sein Name ist eine Verschlüsselung der griechischen Wörter ’Αγάπη (Liebe) und Χάος (Leere), als Palindrom rückwärts gelesen, gewissermaßen doppelt gespiegelt. Es scheint eine Art von Bekenntnis und Programm zu sein: Erst in der Verschlüsselung und Verwandlung wird möglich und sichtbar, was andernfalls bloße Reproduktion bliebe: Das Tier ‚fällt aus dem Text’ (eine Formulierung Koziols) und gewinnt ein Eigenleben. Koziols ambitiöses Vorhaben schließt Kritik und Spott keineswegs aus, aber es führt zu sehr stringenten Darstellungen der Tierpersönlichkeiten. Als Beispiel sei der Artikel über Volker Braun zitiert:

Der Volkerbraun ist nach hippomorphen Erkenntnissen ein Schimmel, der darunter gelitten haben soll, nicht auf zwei Beinen gehen zu können. Mit der Klage über dieses nicht unzweifelhafte Handicap (die mitunter allerdings sogar fünf- und mehrfüßig ‚daherkam’18) setzte er sich vormals kategorisch über die Hürden des abgesteckten Alltags hinweg, ohne den revolutionären Zweifel, der ihn geritten haben soll, aus dem Sattel zu werfen. Jener sprang dem Anschein nach irgendwann von selber ab, um seiner Nachfolgerin, der revolutionären Verzweiflung, Platz zu machen. Diese übernahm mit den Zügeln auch die Pflicht, die revolutionäre Langeweile am Aufsitzen zu hindern. Ein Paar Hufeisen diente als Steigbügel – eine der nicht ganz einwandfrei funktionierenden Folgen des volkerbraun’-schen Aufbegehrens gegen die Vier- und Bierhebigkeit der Kreatur. Denn so oft sich die jeweils anspornende Kategorie aus dem Sattel erheben wollte, fehlte ihr der nötige Widerstand, die Querverstrebung zwischen den Enden der Eisen. Wir nehmen an, daß eine gewisse Beklemmtheit den gebeutelten Kategorien somit bereits beschieden war, noch ehe sie sich zu Jambus, Blankvers u. ä. behob. Ursprünglich eingespannt für die Idee einer kommunistischen Gesellschaft, zog der Volkerbraun eine Weile ziemlich toll, indem er sich nicht vor die Parteikarre spannen ließ und vor den Toren seiner Gesellschaft so tat, als würde er jeden Augenblick durchgehen. (Es war die Zeit der Wesensspaltung – entweder man schob oder man deichselte ‚die Sache des Volkes’. Beides vergaloppierte sich, und dazwischen gab es nichts als Steckenpferde.) [Koziol 2000, 62]

Die Inventio dieses Artikels – Volker Braun als Schimmel, „der darunter gelitten haben soll, nicht auf zwei Beinen gehen zu können“ (Koziol 2000, 62) – leitet sich vom Titel des Gedichtbandes Training des aufrechten Ganges von Volker Braun aus dem Jahr 1979 her. Überaus kunstvoll bestimmt diese Inventio den ganzen Text mit dem Wortfeld aus dem Bereich des Reitens, wobei zusätzlich auch noch die Entwicklung des komplizierten Verhältnisses Brauns zur sozialistischen Gesellschaft der DDR angesprochen wird.

Fritz J. Raddatz

Das jüngste Kapitel zu der hier umrissenen kleinen Traditionsgeschichte der Bestiaria literarica hat der Kritiker und Schriftsteller Fritz J. Raddatz beigesteuert. Sein Bestiarium der deutschen Literatur (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2012) umfasst 77 Tiere, bei deren Darstellung die persönlichen Vorlieben und Abneigungen des Literaturkritikers Raddatz sehr deutlich zutage treten. Alles, was in der deutschen Nachkriegsliteratur Rang und Namen hat, wird hier als Tier betrachtet und beschrieben, von Max Frisch (einem Großen Panda) bis zu Uwe Tellkamp (einer Abart der Fledermaus), von Günter Grass (einer Aal-Art) bis zu Elfriede Jelinek. Über sie heißt es:

Wegen ihres sonderbaren Neck-Neck-kreischenden Rufs so benannte, nach Wien verirrte Möwe, deren besonders scharfe Augen jederlei Müll zur Resteverwertung erhaschen. Kinder ergötzen sich an ihrem Sturzflug und haben ihr den Küchenmädchennamen
Elfriede verpasst, weil sie von denen gewohnt sind, daß sie nicht preisgeben, wo sie Käse-, Wurst- oder Quarkreste preisgünstig ergattert haben. Nach dem Verdauen des aufgelesenen Abfalls sind die Ausscheidungen übelriechend und derart ätzend, dass sie jegliche Politur oder Lackbeschichtung zersetzen. Oft entstehen auf bürgerlichen Garnituren oder Luxusartikeln dadurch aparte Muster. Einige Ornithologen sprechen von Kunst.“ [Raddatz 2012, 53]

So wie hier, stellt Raddatz in den meisten Fällen nur ein biographisches oder werkorientiertes Charakteristikum der jeweiligen Tierart in den Vordergrund. Waren es bei der Möwe Elfriede Jelinek die übelriechenden Ausscheidungen, so ist es bei der truthahnähnlichen Sarah Kirsch (Raddatz 2012, 63) die Parthenogenese, was als Anspielung auf die Herkunft ihres Sohnes Moritz gemeint ist, dessen Vater Karl Mickel ist und der erst nach der Scheidung Sarah Kirschs von Karl Mickel zur Welt kam.

Mit Ausnahme von Jens Rehn sind die hier genannten Lexikographen unerschrocken (und eitel) genug, um auch sich selbst als bestia literarica zu beschreiben. Dabei gehen sie sehr rücksichtsvoll mit sich selbst um. Vom Süßwasserfisch Blei, „der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt“ (B 17), war ja schon die Rede. Andreas Koziol sieht sich selbstironisch als plappernden Papagei, der bei den unvermeidlichen Abstürzen aus seinen hochfliegenden Unternehmungen regelmäßig Federn lassen muss (Koziol 2000, 26). Den Vogel jedoch schießt Fritz J. Raddatz mit seiner Selbstbeschreibung ab: Er hat für sich den Prachtleierschwanz reserviert:

Der Prachtleierschwanz hat über viele Jahre hinweg Stoff für Legenden geliefert. So hat ein Anwalt, der seinerseits Belletristik verfaßte, ihn als „besten Sänger unter den Vögeln“ bezeichnet und ihm Begabung für vielerlei Sprachmelodien bescheinigt: Spott-Töne des Wippflöters wie zarte Balzlaute, die an die Melodien der Glockenmeinate gemahnen. Der literatursinnige Anwalt hat sogar unter dem Titel „The Lore of the Lyrebird“ eine CD bei einem führenden Reinbeker Verlag herausgegeben. Das Begleitheft zitiert Elias Canetti mit der Schilderung, wie der auch Menura-Hahn oder scherzhaft „Nicolaj“ genannte Vogel treuer Begleiter einer Dame auf ihrem weitläufigen Anwesen wurde – obwohl die Mär von der Monogamie des sehr eitlen Tieres einer Überprüfung nicht standhält. Vielmehr stülpte der gerne vor spiegelnden Wasser Kokettierende den imposanten Sturz seines pfauenähnlichen Schwanzgefieders beim Kopulieren über seinen und des Weibchens gesamten Körper, was ein Forscher „monströse Schönheit“ nannte, während ein außereuropäischer Kollege es als „einen Akt der Ästhetik“ bezeichnete, der „die Biologie und ihre Logik in den Schatten stellt“. Das gilt als Anspielung darauf, daß der sexuelle Appetit – was sonst nur von Erpeln bekannt ist – sich durchaus auch auf das eigene Geschlecht konzentrieren kann. Diese „Leierschwanz-Facetten“ täuschen allerdings darüber hinweg, daß das eigentlich scheue Tier gegen Feinde äußerst aggressiv ist, die es durch eine übelriechende Ausscheidung betäubt, um dann mit stolzgeschwungenen langen Schwanzfedern in Siegerpose den Kampfplatz zu verlassen. [Raddatz 2012, 133 ff.]

Das Selbstlob und die Selbstentblößung erreichen hier ein Ausmaß, das es schwer macht, zwischen Eitelkeit und Peinlichkeit zu unterscheiden. Allerdings begegnet man selbst in diesem kleinen Prosastück des Literaturkritikers wieder einem jener sachlichen Fehler, die geradezu zu Raddatz’ unfreiwilligem Markenzeichen geworden sind; man denke nur an die Goethe zugeschriebenen Äußerungen über den Frankfurter Bahnhof, den es zu seiner Zeit noch gar nicht gegeben hat, oder an das Gedicht, mit dem George, Raddatz zufolge (Raddatz 2007), den jungen Hofmannsthal anhimmelte, das aber in Wirklichkeit von Hofmannsthal selbst stammt. Von dieser Art ist auch der Fehler, den Raddatz’ Selbstporträt als Prachtleierschwanz enthält. Raddatz erwähnt (ohne Namen zu nennen) Ambrose G.H. Pratts Buch aus den dreißiger Jahren über diesen merkwürdigen Vogel, ein Buch, das neuerdings, so sagt er, mit einer „CD bei einem führenden Reinbeker Verlag herausgegeben“ worden sei. Irrtum! Das Buch mit einer CD erschien nicht bei Rowohlt (also in Raddatz’ Verlag), sondern in Katharina Wolff-Wagenbachs Friedenauer Presse. Es gibt auch gar kein „Begleitheft“ (booklet) zu dieser CD, sondern ein Nachwort von Rainer G. Schmidt zu dem Buch. Vieles spricht dafür, dass Raddatz das Buch von Pratt überhaupt nicht zur Hand genommen hat; vielmehr folgt er ausschließlich einer Rezension des Buches von Anja Hirsch in der F.A.Z. vom 29.12.2011 bis in einzelne Formulierungen hinein. Kurz: Sachinformationen sind bei Raddatz unglücklicherweise nach wie vor Glücksachen.

Ausblick: Gibt’s weitere Bestiaria literarica?

Wenn man selbst Glück hat, findet man hier und da einzelne literarische Tierbeschreibungen, hinter denen sich Personen des literarischen Lebens verbergen oder zu entdecken geben. Nur zwei solcher Fundstücke seien hier noch angefügt. Es handelt sich in beiden Fällen um Wortmeldungen von der Bank der Spötter, Satiriker und Parodisten. So hat Hans Heinrich von Twardowski seinem Buch Der rasende Pegasus (1920), das Parodien zeitgenössischer Autoren enthält, einige Literarische Porträts vorangestellt, die Twardowskis Freund, der Schriftsteller Moriz Seeler, verfasst hat. Einige dieser Porträts ließen sich umstandslos auch in einem Bestiarium literaricum unterbringen, so beispielsweise: „AUGUST STRAMM – ein Stoßvogel mit ekstatischem Gewürge“ (Twardowski 1920, 13) oder „Franz Pfempfert – ein struppiger Kläffer, der aber irgendwie von einer heiligen Besessenheit erfüllt ist“ (Twardowski 1920, 14).

 Das zweite Exempel stammt von Johannes Bobrowski:

                                               Ochsenfrosch

Viel verbreitet die Meinung: grad er sei der allerstärkste
Diskutierer im Land, – aber was sagt er denn schon?
Lautstark ist er und rüde schimpft er, das aber doch nur, weil
er für die Diskussion stets in der Sache zu schwach. [Bobrowski 1978, 89]

Wer mag hier gemeint sein? Die Charakterisierung des Ochsenfrosches entspricht den landläufigen Beschreibungen dieses Tieres: Der Frosch ist verhältnismäßig groß, gilt als gefährlich für andere Kleintiere und gibt sehr weit hörbare Laute von sich („Lautstark ist er und rüde schimpft er“). Nur der Kontext, in dem sich Bobrowskis Doppeldistichon findet, erlaubt eine Vermutung, wer hier satirisch attackiert wird. Denn es steht in Bobrowskis Sammlung Literarisches Klima dort, wo die spöttischen satirischen Epigramme über Mitglieder und die eingeladenen Gruppenkritiker der Gruppe 47 versammelt sind. Da Walter Jens, Hans Mayer, Joachim Kaiser und Walter Höllerer in eigenen Epigrammen namentlich genannt werden, bleibt nur noch Marcel Reich-Ranicki übrig. Das hat übrigens schon Eberhard Haufe nahegelegt: „Vielleicht ist der rasch einflußreiche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (geb. 1920) gemeint, der seit 1959 zur Gruppe 47 zählte“ (Bobrowski 1998, 253).

Doch ein vereinzelt erscheinender Ochsenfrosch macht noch lange kein Bestiarium literaricum, ebenso wenig wie ein singuläres Trüffelschwein, dessen auf wen auch immer zutreffende Beschreibung ja ohnehin noch aussteht. Gesetzt den Fall, es fände sich jemand, der eine solche Beschreibung lieferte, so müsste er sie, um ein ganzes Bestiarium literaricum daraus zu machen, in eine ganze Sammlung weiterer Tiercharakterisierungen einfügen, die auf Literaturbeflissene zutreffen, beispielsweise auf solche, die als Professoren in Bamberg oder als Germanisten an deutschen Universitäten herumlaufen. Bis dahin bliebe das besagte Trüffelschwein ein Solitär, was ja gewiss kein Schaden wäre.

Literatur

Anonym: Das Johnson ist ein Ohrenkäfer. Aus einem neuen Bestiarium der Literatur. In: Der Spiegel, Jahrgang 1962, Nr. 11 vom 14. 3. 1962, S. 79. Nr. 11. Zitiert nach: Spiegel Online, aufgerufen am 03.03.2013.

[Blei, Franz:] Bestiarium Literaricum, das ist: Genaue Beschreibung Derer Tiere Des Literarischen Deutschlands, verfertigt von Dr. Peregrin Steinhövel. München 1920. – Zitiert: B.

Blei, Franz: Das Große Bestiarium der Literatur. Mit farbigen Karikaturen von Rudolf Großmann, Olaf Gulbransson und Th. Th. Heine. Frankfurt a.M. – Zitiert: GB.

Bobrowski, Johannes: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Fünfter Band: Eberhard Haufe: Erläuterungen der Gedichte und der Gedichte aus dem Nachlass. Stuttgart 1998.

Bobrowski, Johannes: Literarisches Klima. Ganz neue Xenien, doppelte Ausführung. Mit einem Nachwort von Bernd Leistner und Illustrationen von Klaus Ensikat. Stuttgart 1978.

Gernhardt, Robert: Gesammelte Gedichte. 1954–2006. Frankfurt a.M. 2008.

Koziol, Andreas: Bestiarium literaricum. Übermalungen: C.M.P. Schleime. Berlin 2000.

Raddatz, Fritz J.: Bestiarium der deutschen Literatur. Illustriert von Klaus Ensikat. Reinbek bei Hamburg 2012.

Raddatz, Fritz J. : Führers Geheimnis. Thomas Karlaufs Biografie über Stefan George ist eine beeindruckende Fleißarbeit. Dennoch bleibt der Dichter rätselhaft. In: DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36.

Rehn, Jens: Das neue Bestiarium der deutschen Literatur. Mit 40 Zeichnungen von Maleen Pacha. Typographischer Umschlag von Günter Bruno Fuchs. Stierstadt im Taunus 1963.

Rehn, Jens: Das neue Bestiarium der deutschen Literatur. Mit Originalgraphiken von Bert Gerresheim. Stierstadt im Taunus 1970 (= Broschur 16).

Text + Kritik. Sonderband „Die andere Sprache. Neue DDR-Literatur der 80er Jahre“. Hg. von Heinz Ludwig Arnold in Zusammenarbeit mit Gerhard Wolf. München 1990.

Twardwoski, Hans Heinrich von: Der rasende Pegasus. Berlin 1920.

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