Im Zeichen des Affen

Literatursatiren auf die menschliche Subjektwerdung (von Wilhelm Hauff, Erich Kästner und Paul Maar)

Von Stefan Neuhaus (Koblenz)

Für Hans-Peter Ecker

Vorbemerkung

„Das Subjekt konstituiert sich im Diskurs“ (Zima 2000, 15), und es ist auch dieser Diskurs, der das Subjekt wieder de-konstituieren kann, wobei freilich zunächst ein Subjekt und eine Auffassung über seinen Status gegeben sein müssen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die „Autoreflexivität“ (Zima 2000, 22), also das Reflektieren des eigenen Subjektstatus, für die Konstitution eines Selbst-Bewusstseins, also eines Sich-Selbst-Bewusstwerdens unabdingbar ist und somit die Voraussetzung dafür, nicht das Objekt der Handlungen anderer, sondern das Subjekt des eigenen Handelns sein zu können. Das kritische Hinterfragen des Subjektstatus der Zeitgenossen gehört konstitutiv zur Literatur, die mögliche Realitäten simuliert und damit den Leser-Subjekten hilft, mögliche eigene Optionen durchzuspielen. Als das Gegenteil eines menschlichen Subjekts im emphatischen Sinn lässt sich in der Literatur der Affe sehen, auch wenn Biologen und Tierfreunde eine solche Aussage nicht gern lesen werden. In der Literatur handelt es sich, das sei zum Trost gesagt, ja nicht um reale Affen, sondern um Figuren, die als komplexe Zeichen angelegt sind. In den nun vorgestellten Beispielen dienen Affen als satirische literarische Zeichen und es werden die Gründe hierfür zu diskutieren sein.

Dazu sei bemerkt: Die konventionalisierte Bedeutung des Affen als Symbol ist überwiegend negativ. Der Affe gilt als: „Symbol der Mimikry, des Teufels bzw. des Bösen, des Sexualtriebes und der Verantwortungslosigkeit. – Relevant für die Symbolbildung sind a) die biologische Nähe zwischen A[ffe] und Mensch, b) die Fähigkeit des A[ffen] zur Nachahmung (des Menschen), c) das triebgesteuerte Verhalten des A[ffen]“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Hinzufügen könnte man noch die äußere und motorische Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch. Vor diesem Hintergrund ist die nachfolgend skizzierte Verwendung des Affen als Motiv differenziert und komplex. Das Lexikon literarischer Symbole nennt bereits zahlreiche Beispiele, etwa aus der sich für die Verwendung von Tiermotiven anbietenden Gattung der Fabel (vgl. Butzer/Jacob 2008, 8 f.). Daemmrichs Themen und Motive in der Literatur fasst zusammen, welche Motivverwendung in der Literatur bekannt ist, und verweist auf dem Affen symbolisch verwandte Tiere:

Metaphern von gebildeten Affen, Affenmenschen, scharfsinnigen Flöhen und scheinbar naiven, aber begabten Katzen und Mäusen profilieren häufig kritische Darstellungen des gesellschaftlichen Verfalls (E.T.A. Hoffmann, Poe, Raabe, Kafka, Beyse). Sie dienen fernerhin der Kontrastierung von begnadetem Schaffen und poetischer Nachahmung, wahrer Empfindung und oberflächlichem Kunstgenuß. [Daemmrich 1995, 245]

Da es außerdem genauere Arbeiten zum Motiv des Affen in der Literatur gibt, werden exemplarische Beispiele abseits der besonders bekannten Texte gewählt, der bekannteste (und somit ausgelassene) wäre zweifellos Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie von 1917.[1]

Der Mensch als Affe (Hauff)

Nachfolgend wird es um die satirische oder zumindest humoristische Inszenierung der Figur des Affen gehen, ohne sie bereits auf die genannten Stichwörter (wie den ‚gesellschaftlichen Verfall‘) festzulegen. Hier das erste Beispiel:

Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigtem Haar und schrecklicher Miene, unglaublich schnell an den Fenstern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah. Der alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung, und erzählte abends im Bierkeller, daß er selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden, als den Fremden. „Es ist nur schade“, setzte er hinzu, „daß er so wenig in Gesellschaft kommt; doch, ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig Deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter.“ [Hauff 1981, 739 f.]

Die Passage stammt aus Wilhelm Hauffs Erzählung Der Affe als Mensch, die Teil des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1827 unter dem Titel Der Sheik von Alessandria und seine Sklaven ist.[2] Hauff verzichtet nicht nur darauf, die Verkleidung des Orang Utans als Pointe zu verwenden, er stellt die wahre Identität des ‚jungen Engländers‘ sogar deutlich aus, indem er der Erzählung einen entsprechenden Titel gibt, der sich allerdings als doppeldeutig entpuppt. Mit den Affen sind auch die Bewohner der Stadt mit dem sprechenden Namen Grünwiesel gemeint, ein Ort in der Tradition Schildas und Krähwinkels. Hauffs Text ist also eine Kleinstadtsatire und eine Bürgersatire, in der „nicht in erster Linie die Natur des A[ffen], sondern die Kultur des Menschen kritisierbar gemacht wird“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Die Ironie wird noch befeuert durch den Rahmen: Ein Deutscher erzählt die Geschichte im Orient, die Perspektive von Eigenem und Fremdem wird also umgekehrt. Nicht das Fremde erscheint als fremd, sondern das Eigene soll als fremd erscheinen, sofern sich der Leser nicht mit Figuren wie dem Bürgermeister identifizieren kann, der durch die Erklärung des (wiederum als fremd markierten) älteren, distinguierten Herrn aus Berlin, den Sprach- und Gesellschaftsunterricht mit der Peitsche durchführen zu müssen, „völlig befriedigt“ ist. Der Schluss des Zitats verrät auch den Grund: Der Bürgermeister ist eitel und hofft, durch die Beziehung zu dem wohlhabenden Fremden an sozialem Prestige zu gewinnen.

Dem Leser ist die Situation von Anfang an klar und sein Wissensvorsprung erlaubt es ihm, das satirisch gezeichnete Treiben der Gesellschaft Grünwiesels zu verfolgen und zu verlachen. Auch in der Rahmenhandlung wird eine entsprechende Lehre aus der Geschichte gezogen:

Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und auch die jungen Männer lachten mit. „Es muß doch sonderbare Leute geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik und Mufti in Alessandria, als in Gesellschaft des Oberpfarrers, des Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!“ „Da hast du gewiß recht gesprochen“, erwiderte der junge Kaufmann; „in Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes, wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perser müßte es schrecklich sein, dort zu leben.“ [Hauff 1981, 753]

Noch bevor Charles Darwin seine Evolutionstheorie aufstellt und die Biologie nachweist, dass die menschliche „DNA zu 98% mit der des Bonobo und des gemeinen Chimpansen identisch ist“ (Richter 2005, 603), führt Hauff literarisch-praktisch vor, dass die kulturelle Codierung des Menschen seine Tierähnlichkeit nur oberflächlich verbirgt. Freilich gab es auch für Hauff Vorbilder: Der junge Schwabe lernte in dem Fall besonders von E.T.A. Hoffmann, auf den im Text bereits mit der Bezeichung ‚ödes Haus‘ – für das Haus, in dem der ältere Herr mit dem Affen wohnt – angespielt wird (vgl. Hoffmann 1985). Hoffmanns von einem Affen handelnde Erzählung Nachricht von einem gebildeten jungen Mann aus den Fantasiestücken in Callot’s Manier von 1814 wird Hauff aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt gewesen sein (vgl. Richter 2005, 614).

Der Affe als Mensch (Kästner)

In die „lange Tradition“, den Affen „als satirische Figur“ einzusetzen, „um die menschliche Gesellschaft zu kritisieren“ (Richter 2005, 622), reiht sich als neueres Beispiel Erich Kästners Gedicht Die Entwicklung der Menschheit von 1931 ein. Wie Hauffs Erzählung wird auch dieser Text im Kontext der Motivgeschichte des Affen bisher offenbar nicht beachtet. Zunächst scheint es ganz einleuchtend, dem Text wenig Bedeutung zu geben, da Kästner die Bezeichnung pejorativ verwendet; die erste und die letzte Strophe des Gedichts lauten:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

[…]

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen. [Kästner 1998, 75 f.]

So einfach die Verwendung des Motivs wirkt, so komplex ist das hier behandelte Thema – eben nichts Geringeres als die Entwicklung der Menschheit; man darf die Überschrift des Texts durchaus ernstnehmen. Kästner erzählt zunächst die Zivilisationsgeschichte, um zum Schluss die Errungenschaften der Menschheit mit dieser Schlusspointe – einem komisch wirkenden Kontrast – zunichte zu machen. Er zeigt den Riss im Subjekt selbst, zwischen den zivilisierten und den archaischen, tierischen Anteilen. Das spricht nicht gegen das Tier, im Gegenteil. Es verfällt gerade die vom Tier zu unterscheidende Möglichkeit, mit freiem Willen das Böse zu wollen und zu tun, dem satirischen Gelächter und damit der Kritik. Weder steht Literatur in einem Abbildungsverhältnis noch hat Satire einen Realismus fördernden Effekt, wenn man einmal davon absieht, dass Satire die Wahrheit hinter dem Sichtbaren aufzudecken versucht.

Der Affe im Menschen (Maar)

Altersgemäß etwas weniger satirisch und eher humoristisch ist die Verwendung des Affen-Motivs in Paul Maars erster Buchveröffentlichung aus dem symbolträchtigen Jahr 1968 – Der tätowierte Hund, das dritte und letzte Beispiel dieses Beitrags.[3] Der später durch die Figur des Sams berühmt gewordene Autor arrangiert kleinere Erzählungen zu einem Zyklus und versieht sie mit einer Rahmenhandlung. In dieser Rahmenhandlung und in der ersten Erzählung kommen zwei Affen mit den sprechenden Namen Schlevian und Kukuk vor, die zunächst einem Nusshändler seinen Sack mit Nüssen stehlen, sich dann selbst betrügen und schließlich wieder Frieden schließen (vgl. Maar 1998, 14–31). Die Streiche der Affen erinnern an Wilhelm Buschs Fipps, der Affe von 1879, eine berühmte Bildergeschichte, die der ausgebildete Kunsterzieher Maar sicher gekannt haben wird (Busch 1987). Anders als Schlevian oder Kukuk muss der Affe Fipps sterben, allerdings lässt bereits bei Busch die Satire auf die menschlichen Widerparts des Affen keinen Zweifel, wer hier dem Gelächter der LeserInnen verfallen soll.

Die beiden Affen bei Maar sind Identifikationsfiguren für die kindlichen LeserInnen; das Egoistisch-Anarchische der Figuren wird abgefedert durch die Komik der Handlung, durch die Dummheit des Nusshändlers, der es sich selbst zuzuschreiben hat, dass er bestohlen wird, durch die geistreichen Streiche der beiden Affen und den Lerneffekt, dass es besser ist, den ‚gefundenen‘ Sack mit Nüssen miteinander zu teilen. Diese letztlich pädagogische Botschaft ergibt sich zwanglos aus den Streichen der beiden Affen, die bei Maar aufgrund ihres Primatendaseins also gerade nicht zu Kontrastfiguren, sondern zu Doppelgängerfiguren der menschlichen LeserInnen werden. Eigentlich ist der Nusshändler viel näher an der Vorstellung vom Affen, wie sie Hauff oder Kästner zelebrieren; schon der erste Satz der Binnenerzählung Wie der Affe Schlevian und der Affe Kukuk dem Nusshändler einen Sack Nüsse stahlen lautet: „Die anderen Leute hatten den Nusshändler gewarnt“ (Maar 1998, 14). Der verlässt sich aber auf seinen „Haselnussstecken“ (Maar 1998, 15), mit dem er die Affen auch tatsächlich züchtigt, weil sie versuchen, seinen Sack mit Nüssen zu stehlen (vgl. Maar 1998, 17). Damit wird eine Urszene früherer Kindheiten evoziert; die Prügelstrafe für Kinder, die etwas angestellt hatten, war zu der Zeit der Erstveröffentlichung durchaus noch üblich, verfiel aber zunehmend der Kritik. Indem Maar die Affen, als Stellvertreterfiguren für Kinder, über den prototypisch negativen Erwachsenen triumphieren lässt, plädiert er also gleichzeitig gegen die Prügelstrafe und außerdem für Klugheit und Witz gegenüber roher Gewalt.

Dennoch kommen auch die beiden Affen zum Schluss nicht ungestraft davon. Es ergeht ihnen wie dem Zauberlehrling in Goethes gleichnamigem Gedicht. Schlevian und Kukuk beschließen, dass sie kleinere Ohren haben wollen, damit weniger über sie gelacht wird. Sie wollen den Zauberer Abra Kadabrax bitten, ihre Ohren zu schrumpfen. Der ist aber nicht zuhause und sie steigen durch ein offenes Fenster ins Haus ein. Dort finden sie „in einer Nische […] ein goldenes Kästchen“ (Maar 1998, 122), also einen prototypischen Gegenstand, der ein Geheimnis verbirgt. Darin liegt dann auch der Zauberstab, mit dem die beiden Affen allerlei Unsinn anstellen, wobei sie trotz der Fehlversuche nicht lernen, die Finger davon zu lassen: „Aber das Spiel mit dem Zauberstab reizte sie zu sehr […]“ (Maar 1998, 127). Der zurückgekehrte Zauberer ist erbost und macht sich an die Bestrafung: Er verwandelt die Affen schließlich in ein Bild und in einen Hund, die miteinander verschmelzen – fertig ist der titelgebende tätowierte Hund, der aber nicht, wie es der Zauberer möchte, als Haus- und Hofhund beim Zauberer bleiben wird, sondern schnell aus der Tür und in den Urwald flüchtet (vgl. Maar 1998, 136 ff.). Fortan erzählt der Hund – wie in diesem Fall dem Löwen – Geschichten, die auf seinem Fell eintätowiert sind. Auf seinem linken Ohr befindet sich ein tätowierter Hund, „der auf das linke Ohr des Hundes tätowiert ist, der auf dem Ohr des Hundes eintätowiert ist, der auf meinem Ohr tätowiert ist“, und da „ist natürlich wieder ein tätowierter Hund tätowiert!“ (Maar 1998, 141 f.) Die Tätowierung des Hundes wird so zur Geschichte in der Geschichte und damit zum metafiktionalen Verweis auf das soeben gelesene Buch wie auf die Leistung von Literatur überhaupt, durch Konstruktionen wie diesen Märchenzyklus Assoziationsräume zu eröffnen. Trotz der Bestrafung der beiden Affen mündet das Buch also nicht in einen moralischen Lehrsatz, eher im Gegenteil, ist doch nur durch das Experiment mit dem Zauberstab der tätowierte Hund entstanden und auch durch das nicht an vorgegebene Moralvorstellungen gebundene Ausprobieren der Phantasie das eben gelesene Buch.

Aufschlussreich ist die von Maar vorgenommene Umwertung des Affen-Motivs, indem er die beiden Affen zu einem tätowierten Hund verschmelzen lässt; der Hund gilt traditionell „als symbol[ischer] Garant personaler Identität“ (Butzer/Jacob 2008, 9). Mit dieser Umcodierung hat die Verwendung des Motivs einen vorläufigen End- und Höhepunkt erreicht: Das ehemals Böse wird zum Guten, weil es als reflektierter Teil des Eigenen in die eigene Subjektentwicklung integriert werden kann.

Fazit: Von Affen und Menschen, nicht nur in der Literatur

Der Affe bekommt in den zitierten Texten eine paradigmatische Kontrast-, Doppelgänger- und Spiegelfunktion zum Menschen zugewiesen, die er bei Maar schließlich integrierend überwindet. Texte wie die hier kurz vorgestellten führen eine paradigmatische Leistung von Literatur vor, die Michail Bachtin am Beispiel der Werke Dostojewskijs so beschrieben hat:

Der Mensch fällt niemals mit sich selbst zusammen. Die Identitätsformel A=A ist auf ihn nicht anwendbar. Laut Dostojewskij vollzieht sich das wahre Leben der Person gleichsam an der Stelle der Nichtidentität des Menschen mit sich selbst; dort wo er den Bereich seiner selbst als eines dinglichen Seins, das man belauschen, bestimmen und gegen seinen Willen hinter seinem Rücken voraussagen kann, überschreitet. Das wirkliche Leben der Person ist nur im Dialog zugänglich, dem sie sich antwortend in Freiheit öffnet. [Bachtin 1969, 99f .]

Auch die anderen Wissenschaften haben den Affen längst als Objekt der Betrachtung entdeckt: „Um 2000: Der Affe hat Konjunktur. Die Fülle der Publikationen über Tiere im allgemeinen und Affen im besonderen aus der Hand von Primatologen, Anthropologen, Kulturwissenschaftlern und Schriftstellern ist kaum noch zu überblicken“ (Richter 2005, 624). Anders als in anderen Wissenschaften eröffnen der Gegenstand der Literatur und der besondere Blick der Literaturwissenschaft einen Dialog oder auch einen, mit einem anderen Wort Bachtins, ‚polyphonen‘ Diskursraum (Bachtin 1969, 86 ff.), in dem Erkenntnisse möglich sind, die von den lesenden und interpretierenden Subjekten selbst abhängen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Figur des Affen ist in der Literatur nicht das personifizierte Böse oder Triebhafte, sondern eine Doppelgänger-, Spiegel- und Kontrastfigur des Menschen, dessen Subjektwerdung und Subjektstatus kritisch hinterfragt werden. Der Affe bei Hauff ist die reine Kreatur, das Tier, das nicht anders kann als es selbst zu sein und bei dem alle Versuche, es in einen Menschen umzuwandeln, entweder scheitern müssen oder doch nur in der narzisstischen Projektion Erfolg haben. Die Pointe von Kästners Gedicht liegt darin, dass er die Perspektive umkehrt und nicht den Affen als maskierten Menschen, sondern den Menschen als maskierten Affen entlarvt, um ihm vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten der Subjektwerdung weiterhin brach liegen. Maar hebt den Gegensatz zwischen Affen und Mensch auf, denn sein Text inszeniert die Chancen, die sich durch das Integrieren des Kreatürlichen für die Subjektkonstitution ergeben. Alle Texte eröffnen einen Dialog mit dem Leser über die Frage, wo er sich selbst positionieren, wie er seinen Subjektstatus sehen und entwickeln möchte – einen Dialog im Zeichen des Affen, dessen natürliche wie literarisch inszenierte Komik auch signalisiert, dass es eine wichtige Voraussetzung für diese Subjektwerdung ist, weder die Literatur noch sich selbst zu ernst zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Aus dem Russ. übers. u. mit einem Nachw. von Alexander Kaempfe. München 1969 (= Reihe Hanser 31).

Busch, Wilhelm: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Bd. 4. Hamburg 1987.

Butzer, Günter u. Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart/Weimar 2008.

Daemmrich, Horst S. u. Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2., überarb. u. erw. Aufl. Tübingen/Basel 1995.

Hauff, Wilhelm: Der Affe als Mensch. In: Ders.: Werke. Bd. 1. Romane – Märchen – Gedichte. Hg. von Hermann Engelhard. Essen 1981, S. 736–753.

Hoffmann, E.T.A.: Das öde Haus. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 3: Nachtstücke. Klein Zaches, genannt Zinnober. Prinzessin Brambilla. Werke 1816-1820. Hg. von Hartmut Steinecke unter Mitarb. von Gerhard Allroggen. Frankfurt/Main 1985, S. 163–198.

Kästner, Erich: Werke. Bd. 1: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. Hg. von Harald Hartung in Zusammenarbeit mit Nicola Brinkmann. München 1998.

Maar, Paul: Der tätowierte Hund. Hamburg 1998 (= Oetinger Auslese), S. 14–31.

Neuhaus, Stefan: Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff: Werk und Wirkung. Göttingen 2002.

Richter, Virginia: „Blurred Copies of himself“: Der Affe als Grenzfigur zwischen Mensch und Tier in der europäischen Literatur seit der Frühen Neuzeit. In: Hartmut Böhme (Hg.): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar 2005, S. 603–624.

Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen/ 2000 (= UTB 2176).


[1] Zu Kafka und anderen bekannten Beispielen der internationalen Literatur vgl. Richter 2005; für den Hinweis auf diesen Beitrag danke ich Uta Schaffers; zu Kafkas Erzählung vgl. S. 607, 620 u. 622 ff.

[2] Zu Hauffs literarischen Strategien und Techniken vgl. Neuhaus 2002.

[3] Für den Hinweis auf den (von mir vergessenen) Maar-Text danke ich Alec Neuhaus.

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