Der Kragenbär als Sinnbild des einsam Zufriedenen

Anmerkungen zu Robert Gernhardts Verszyklus Animalerotica

Von Markus Behmer

Sechs einfache Strichzeichnungen, fünf sind nahezu identisch. Ein dicker, sitzender Bär ist zu sehen, von hinten. Strichelungen neben seinem Körper deuten an: Er zittert, vielmehr vibriert; der Bär bebt. Nur das dritte Bild ist anders: Er hat sein Gesicht gewendet, blickt den Betrachter an, schaut etwas irritiert, ertappt, aber nicht unfreundlich, eher verschämt-konzentriert. Und sein Gesicht, im nächsten Bild sein Hinterkopf sind farblich verändert, wirken gerötet in der Schwarz-Weiß-Schattierung. Darunter stehen insgesamt elf Worte; ein Satz, ein Reim – ein Gedicht. Ein Schelmenstück mit Tiefgang: „ Der Kragenbär / der holt sich / munter / einen nach / dem andern / runter“ (Gernhardt/Bernstein 1976, 63-65).

Robert Gernhardt war es, der dem Kragenbär hier 1976 ein zeichnerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Der animalische Autoerotiker als stillvergnügt-hedonistische Kunstfigur. Der Vers bildet den – einzig illustrierten – Schlusspunkt in einer Abfolge von insgesamt 14 Kurzgedichten, die zusammen ein skurriles Panoptikum vermenschlicht-tierischen Sexualverhaltens ergeben: der Zyklus Animalerotica.

 Über Selbstbefriedigung zu sprechen, sie gar zu zeigen, war noch in den prüden 50er Jahren geradezu tabuisiert. Masturbation? Oh, na. Nie! Dann kam die „sexuelle Revolution“ der 60er, Oswald Kolles Aufklärungsfilme (1968-1972), „Dr. Sommers“ (alias Moritz Goldsteins) Ratgeberkolumne Was dich bewegt ab 1969 in der Bravo (die übrigens noch 1972 wegen der Sommer-Aussage, Onanie mache „weder krank noch schwul noch unfruchtbar“ auf den Index kam). Aufklärungsbücher wie Günter Amendts Sexfront (1970) oder Alex Comforts The Joy of Sex (1972) wurden schließlich Bestseller, Henry Millers Romane Kult. Zeit also, auch Autoerotik aus den Schmuddelecken zu befreien, sie bildlich zu zeigen. Während Robert Mapplethorpes Fotos masturbierender Männer noch zum Skandal taugten, zeigt es uns Gernhardt in animalischer Übertragung.

Warum aber ist es gerade ein Kragenbär (zoologisch Ursus thibetanus), der da wichst? Möglich, dass die Zeichnung auf einem konkreten Naturerlebnis, einer Zoobeobachtung Gernhardts beruht. Gut denkbar jedenfalls, dass ein Kragenbär selbst den zeichnenden Dichter inspiriert haben könnte, wie Fotos des asiatischen Zottels zeigen (siehe hier  und hier).

Doch wären andere Protagonisten überhaupt vorstellbar? Sie könnten eventuell andere Konnotationen auslösen, andere Assoziationsketten in Gang setzen. Ein egosexierendes Karnickel etwa könnte an einen Zeugungsstreik in den Zeiten der Überbevölkerung gemahnen, eine autoerotisch aktive Tse-Tse-Fliege würde wohl kaum Empathie ermöglichen, bei einem Wal wäre sicher die auto-haptische Handhabung mindestens höchst diffizil (wiewohl Gernhardt auch sein Sexualverhalten treffend charakterisiert: „Der WAL vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“, ebd. 63), und holte sich da etwa, horribile dictu, ein Professor munter …, es wäre einfach zu explizit, platt. Aber warum nicht zum Beispiel ein Löwe, ein Gorilla, ein Känguru?

Nun, vielleicht hat es zoologische, artenspezifische Gründe? Kragenbären sind außerhalb der Paarungszeit Einzelgänger – und die Paarungszeit ist kurz, nur etwa zwei Monate im Jahr. Zudem ist der Bestand gefährdet (vgl. wwf-arten.wwf.de). Wenig Gelegenheit also für den Bären, eine Beischlafpartnerin zu finden. Was soll er also tun, der männliche Thibetanus, wenn ihn die Sehnsucht packt, wohin mit seiner Libido?

Näher liegt allerdings, dass Gernhardt nicht auf biologische Gegebenheiten als vielmehr auf symbolische Verknüpfungen anspielt. Ist doch der Bär z.B. ein häufiges Motiv der Heraldik: ein kraftstrotzender, wohl auch lendenstarker Einzelgänger, wie er uns in den Wappen beispielsweise von Berlin, Bern und Madrid (oder auch des gegenwärtigen Papstes) entgegentritt.

In der Traumdeutung steht der Bär übrigens für „besitzergreifende Liebe“ (traumdeuter.ch). In Fabeln ist Meister Petz meist ein gutmütiger, oft naiver Gesell, in Alan Alexander Milnes Geschichten aus dem Hundert-Morgen-Wald ist Winnie Puuh gleichfalls etwas tumb, sehr bequem, liebenswert und in Rudyard Kiplings Dschungelbuch, mehr noch in Walt Disneys Trickfilmklassiker liebt es Balu gemütlich. In Christian Fürchtegott Gellerts Gedicht Der Tanzbär (1746) ist er eine geschundene Kreatur (die zwar aus ihrer Unfreiheit fliehen kann, aber auf Dauer keinen Anschluss mehr zu ihren Artgenossen findet), ähnlich auch oft in John Irvings frühen Romanen – von Setting Free the Bears (1968) bis hin zu The World According to Garp (1978) und The Hotel New Hampshire (1981) –, wo die Bären aber auch zum guten Hausfreund mutieren – und teils ihrer eigenen Wege gehen. Kurzum: Häufig sind Bären literarische Figuren. Kaum einmal werden sie charakterisiert als wilde, gar böse Raubtiere. Oft hingegen bergen sie Identifikationspotential, tragen menschliche Züge, wirken gemütlich, in sich ruhend. Knuddelig-riesige Teddys. Knuts, die nur selten zum „Problembär“ mutieren. Mithin sauber-unschuldige Projektionsflächen für dann gar nicht mehr schmutzige Selbstbefriedigungsphantasien. Gut gewählt, Herr Gernhardt: Masturbation wird über die animalische Apotheose nur allzu menschlich.

Wehe aber der Mensch kommt ihm, dem Bären, zu nahe, geht gar eine Beziehung mit ihm ein. Die griechische Mythologie hält – wie so oft – ein mahnendes Beispiel parat: Das Schicksal der Polyphonte. Sie lästerte über die vielen Liebeshändel der Aphrodite und schloss sich deren Rivalin an, der jungfräulichen Artemis. Aphrodite rächte sich furchtbar, machte, dass sich Polyphonte leidenschaftlich verliebte – eben in einen Bären. Von ihm gebar sie zwei Söhne, die Giganten Agrius und Oreius: halb Tier, halb Mensch und ganze Unholde. Zeus bestrafte ihre blutigen Untaten, ließ sie in Geier verwandeln – und ihre arme Mutter in einen Unglücksvogel, die Nachteule. Ach Bär, hättest du dich doch nur mit dir selbst vergnügt.

Oder trifft Gernhardt eine politische Aussage? Sehen wir in seinen sechs Zeichnungen den russischen Bären, der sich, ermattet im Kalten Krieg, zur Ruhe setzen und sich statt waffenprotzendem Männlichkeitsgebarens friedlicheren Beschäftigungen hingeben – sich auf sich selbst konzentrieren, innere Probleme lösen – möge? Oder ist es gar ökonomisch gemeint? Entspanne dich, du Börsentier. Lass’ Druck abfallen – anstatt stets auf fallende Kurse zu setzen.

In Robert Gernhardts Schaffen kommen übrigens oft Tiere vor, ein ganzer Zoo, ein wahres Bestiarium kommt da zusammen, wiewohl das ihm oft zugeschriebene berühmte „Motto“ der „Neuen Frankfurter Schule“ „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ von seinem Weggefährten F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle) stammt (vgl. echolog.de). Doch sei’s drum: Wer wagte, diese Aussage auf unser Gedicht übertragend, nun noch den Bär zu kritisieren?

Im Buch steht das Kragenbär-Poem, wie berichtet, in einem kleinen Zyklus. Thematisiert sind immer wieder gestörte Kommunikationsakte. Nahezu alle Paarbeziehungen im Gernhardt’schen Animalerotica-Rondo sind problematisch – „Der PELIKAN steht wie gelähmt / nie hat ihn jemand so beschämt, / wie jener feiste Kolibri, / der ihn des Pubertierens zieh“ – oder gar fatal: „Der HABICHT fraß die Wanderratte/ nachdem er sie geschändet hatte“ (Gernhard/Bernstein 1976, 64).

Auch an vielen anderen Stellen des Werks stehen Probleme der Verständigung im Fokus, nicht nur in der Tierwelt. So in „Fünf Vierzeiler[n]“, deren letzter hier exemplarisch angeführt sei: „Die Basis sprach zum Überbau: / ‚Du bist ja heut schon wieder blau!’ / Da sprach der Überbau zur Basis: / ‚Was is?’“ (ebd. 140).

Nur die Alleinstehenden – sind es Autisten? – wirken mit sich im Reinen: „Der BÄR schaut seinen Ziesemann / nie ohne stille Demut an.“ Und: „Der MOPS hat seinen Zeugungstrieb / ganz schrecklich gern und furchtbar lieb“ (ebd. 63) Und unser Kragenbär; er wirkt glücklich oder mindestens „munter“.

So kann man als eine Kernaussage des Werks festhalten: Am Glücklichsten ist der Mensch (das Tier) alleine.  Doch muss das so sein? Wenigstens ein entfernter Artverwandter unseres Kragenbärs genießt (im ersten der Animalerotica-Verse) durchaus die Zweisamkeit: „Der NASENBÄR sprach zu der Bärin / ‚Ich will dich jetzt was Schönes lehren!’ / Worauf er ihr ins Weiche griff / und dazu ‚La Paloma’ pfiff.“ (ebd.)

Zitierte Literatur:

Gernhardt, Robert u. F. W. Bernstein: Besternte Ernte. Gedichte aus fünfzehn Jahren. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1976.

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