Im Zeichen des Affen

Literatursatiren auf die menschliche Subjektwerdung (von Wilhelm Hauff, Erich Kästner und Paul Maar)

Von Stefan Neuhaus (Koblenz)

Für Hans-Peter Ecker

Vorbemerkung

„Das Subjekt konstituiert sich im Diskurs“ (Zima 2000, 15), und es ist auch dieser Diskurs, der das Subjekt wieder de-konstituieren kann, wobei freilich zunächst ein Subjekt und eine Auffassung über seinen Status gegeben sein müssen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die „Autoreflexivität“ (Zima 2000, 22), also das Reflektieren des eigenen Subjektstatus, für die Konstitution eines Selbst-Bewusstseins, also eines Sich-Selbst-Bewusstwerdens unabdingbar ist und somit die Voraussetzung dafür, nicht das Objekt der Handlungen anderer, sondern das Subjekt des eigenen Handelns sein zu können. Das kritische Hinterfragen des Subjektstatus der Zeitgenossen gehört konstitutiv zur Literatur, die mögliche Realitäten simuliert und damit den Leser-Subjekten hilft, mögliche eigene Optionen durchzuspielen. Als das Gegenteil eines menschlichen Subjekts im emphatischen Sinn lässt sich in der Literatur der Affe sehen, auch wenn Biologen und Tierfreunde eine solche Aussage nicht gern lesen werden. In der Literatur handelt es sich, das sei zum Trost gesagt, ja nicht um reale Affen, sondern um Figuren, die als komplexe Zeichen angelegt sind. In den nun vorgestellten Beispielen dienen Affen als satirische literarische Zeichen und es werden die Gründe hierfür zu diskutieren sein.

Dazu sei bemerkt: Die konventionalisierte Bedeutung des Affen als Symbol ist überwiegend negativ. Der Affe gilt als: „Symbol der Mimikry, des Teufels bzw. des Bösen, des Sexualtriebes und der Verantwortungslosigkeit. – Relevant für die Symbolbildung sind a) die biologische Nähe zwischen A[ffe] und Mensch, b) die Fähigkeit des A[ffen] zur Nachahmung (des Menschen), c) das triebgesteuerte Verhalten des A[ffen]“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Hinzufügen könnte man noch die äußere und motorische Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch. Vor diesem Hintergrund ist die nachfolgend skizzierte Verwendung des Affen als Motiv differenziert und komplex. Das Lexikon literarischer Symbole nennt bereits zahlreiche Beispiele, etwa aus der sich für die Verwendung von Tiermotiven anbietenden Gattung der Fabel (vgl. Butzer/Jacob 2008, 8 f.). Daemmrichs Themen und Motive in der Literatur fasst zusammen, welche Motivverwendung in der Literatur bekannt ist, und verweist auf dem Affen symbolisch verwandte Tiere:

Metaphern von gebildeten Affen, Affenmenschen, scharfsinnigen Flöhen und scheinbar naiven, aber begabten Katzen und Mäusen profilieren häufig kritische Darstellungen des gesellschaftlichen Verfalls (E.T.A. Hoffmann, Poe, Raabe, Kafka, Beyse). Sie dienen fernerhin der Kontrastierung von begnadetem Schaffen und poetischer Nachahmung, wahrer Empfindung und oberflächlichem Kunstgenuß. [Daemmrich 1995, 245]

Da es außerdem genauere Arbeiten zum Motiv des Affen in der Literatur gibt, werden exemplarische Beispiele abseits der besonders bekannten Texte gewählt, der bekannteste (und somit ausgelassene) wäre zweifellos Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie von 1917.[1]

Der Mensch als Affe (Hauff)

Nachfolgend wird es um die satirische oder zumindest humoristische Inszenierung der Figur des Affen gehen, ohne sie bereits auf die genannten Stichwörter (wie den ‚gesellschaftlichen Verfall‘) festzulegen. Hier das erste Beispiel:

Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigtem Haar und schrecklicher Miene, unglaublich schnell an den Fenstern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock, eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil, daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein Billett, worin er ihm die unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner solche Szenen vorfielen, den jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah. Der alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch gehe demselben diese Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur Mäßigung, und erzählte abends im Bierkeller, daß er selten einen so unterrichteten, artigen Mann gefunden, als den Fremden. „Es ist nur schade“, setzte er hinzu, „daß er so wenig in Gesellschaft kommt; doch, ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig Deutsch spricht, besucht er meine Cercles öfter.“ [Hauff 1981, 739 f.]

Die Passage stammt aus Wilhelm Hauffs Erzählung Der Affe als Mensch, die Teil des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1827 unter dem Titel Der Sheik von Alessandria und seine Sklaven ist.[2] Hauff verzichtet nicht nur darauf, die Verkleidung des Orang Utans als Pointe zu verwenden, er stellt die wahre Identität des ‚jungen Engländers‘ sogar deutlich aus, indem er der Erzählung einen entsprechenden Titel gibt, der sich allerdings als doppeldeutig entpuppt. Mit den Affen sind auch die Bewohner der Stadt mit dem sprechenden Namen Grünwiesel gemeint, ein Ort in der Tradition Schildas und Krähwinkels. Hauffs Text ist also eine Kleinstadtsatire und eine Bürgersatire, in der „nicht in erster Linie die Natur des A[ffen], sondern die Kultur des Menschen kritisierbar gemacht wird“ (Butzer/Jacob 2008, 8). Die Ironie wird noch befeuert durch den Rahmen: Ein Deutscher erzählt die Geschichte im Orient, die Perspektive von Eigenem und Fremdem wird also umgekehrt. Nicht das Fremde erscheint als fremd, sondern das Eigene soll als fremd erscheinen, sofern sich der Leser nicht mit Figuren wie dem Bürgermeister identifizieren kann, der durch die Erklärung des (wiederum als fremd markierten) älteren, distinguierten Herrn aus Berlin, den Sprach- und Gesellschaftsunterricht mit der Peitsche durchführen zu müssen, „völlig befriedigt“ ist. Der Schluss des Zitats verrät auch den Grund: Der Bürgermeister ist eitel und hofft, durch die Beziehung zu dem wohlhabenden Fremden an sozialem Prestige zu gewinnen.

Dem Leser ist die Situation von Anfang an klar und sein Wissensvorsprung erlaubt es ihm, das satirisch gezeichnete Treiben der Gesellschaft Grünwiesels zu verfolgen und zu verlachen. Auch in der Rahmenhandlung wird eine entsprechende Lehre aus der Geschichte gezogen:

Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und auch die jungen Männer lachten mit. „Es muß doch sonderbare Leute geben unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik und Mufti in Alessandria, als in Gesellschaft des Oberpfarrers, des Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!“ „Da hast du gewiß recht gesprochen“, erwiderte der junge Kaufmann; „in Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes, wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perser müßte es schrecklich sein, dort zu leben.“ [Hauff 1981, 753]

Noch bevor Charles Darwin seine Evolutionstheorie aufstellt und die Biologie nachweist, dass die menschliche „DNA zu 98% mit der des Bonobo und des gemeinen Chimpansen identisch ist“ (Richter 2005, 603), führt Hauff literarisch-praktisch vor, dass die kulturelle Codierung des Menschen seine Tierähnlichkeit nur oberflächlich verbirgt. Freilich gab es auch für Hauff Vorbilder: Der junge Schwabe lernte in dem Fall besonders von E.T.A. Hoffmann, auf den im Text bereits mit der Bezeichung ‚ödes Haus‘ – für das Haus, in dem der ältere Herr mit dem Affen wohnt – angespielt wird (vgl. Hoffmann 1985). Hoffmanns von einem Affen handelnde Erzählung Nachricht von einem gebildeten jungen Mann aus den Fantasiestücken in Callot’s Manier von 1814 wird Hauff aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt gewesen sein (vgl. Richter 2005, 614).

Der Affe als Mensch (Kästner)

In die „lange Tradition“, den Affen „als satirische Figur“ einzusetzen, „um die menschliche Gesellschaft zu kritisieren“ (Richter 2005, 622), reiht sich als neueres Beispiel Erich Kästners Gedicht Die Entwicklung der Menschheit von 1931 ein. Wie Hauffs Erzählung wird auch dieser Text im Kontext der Motivgeschichte des Affen bisher offenbar nicht beachtet. Zunächst scheint es ganz einleuchtend, dem Text wenig Bedeutung zu geben, da Kästner die Bezeichnung pejorativ verwendet; die erste und die letzte Strophe des Gedichts lauten:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

[…]

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen. [Kästner 1998, 75 f.]

So einfach die Verwendung des Motivs wirkt, so komplex ist das hier behandelte Thema – eben nichts Geringeres als die Entwicklung der Menschheit; man darf die Überschrift des Texts durchaus ernstnehmen. Kästner erzählt zunächst die Zivilisationsgeschichte, um zum Schluss die Errungenschaften der Menschheit mit dieser Schlusspointe – einem komisch wirkenden Kontrast – zunichte zu machen. Er zeigt den Riss im Subjekt selbst, zwischen den zivilisierten und den archaischen, tierischen Anteilen. Das spricht nicht gegen das Tier, im Gegenteil. Es verfällt gerade die vom Tier zu unterscheidende Möglichkeit, mit freiem Willen das Böse zu wollen und zu tun, dem satirischen Gelächter und damit der Kritik. Weder steht Literatur in einem Abbildungsverhältnis noch hat Satire einen Realismus fördernden Effekt, wenn man einmal davon absieht, dass Satire die Wahrheit hinter dem Sichtbaren aufzudecken versucht.

Der Affe im Menschen (Maar)

Altersgemäß etwas weniger satirisch und eher humoristisch ist die Verwendung des Affen-Motivs in Paul Maars erster Buchveröffentlichung aus dem symbolträchtigen Jahr 1968 – Der tätowierte Hund, das dritte und letzte Beispiel dieses Beitrags.[3] Der später durch die Figur des Sams berühmt gewordene Autor arrangiert kleinere Erzählungen zu einem Zyklus und versieht sie mit einer Rahmenhandlung. In dieser Rahmenhandlung und in der ersten Erzählung kommen zwei Affen mit den sprechenden Namen Schlevian und Kukuk vor, die zunächst einem Nusshändler seinen Sack mit Nüssen stehlen, sich dann selbst betrügen und schließlich wieder Frieden schließen (vgl. Maar 1998, 14–31). Die Streiche der Affen erinnern an Wilhelm Buschs Fipps, der Affe von 1879, eine berühmte Bildergeschichte, die der ausgebildete Kunsterzieher Maar sicher gekannt haben wird (Busch 1987). Anders als Schlevian oder Kukuk muss der Affe Fipps sterben, allerdings lässt bereits bei Busch die Satire auf die menschlichen Widerparts des Affen keinen Zweifel, wer hier dem Gelächter der LeserInnen verfallen soll.

Die beiden Affen bei Maar sind Identifikationsfiguren für die kindlichen LeserInnen; das Egoistisch-Anarchische der Figuren wird abgefedert durch die Komik der Handlung, durch die Dummheit des Nusshändlers, der es sich selbst zuzuschreiben hat, dass er bestohlen wird, durch die geistreichen Streiche der beiden Affen und den Lerneffekt, dass es besser ist, den ‚gefundenen‘ Sack mit Nüssen miteinander zu teilen. Diese letztlich pädagogische Botschaft ergibt sich zwanglos aus den Streichen der beiden Affen, die bei Maar aufgrund ihres Primatendaseins also gerade nicht zu Kontrastfiguren, sondern zu Doppelgängerfiguren der menschlichen LeserInnen werden. Eigentlich ist der Nusshändler viel näher an der Vorstellung vom Affen, wie sie Hauff oder Kästner zelebrieren; schon der erste Satz der Binnenerzählung Wie der Affe Schlevian und der Affe Kukuk dem Nusshändler einen Sack Nüsse stahlen lautet: „Die anderen Leute hatten den Nusshändler gewarnt“ (Maar 1998, 14). Der verlässt sich aber auf seinen „Haselnussstecken“ (Maar 1998, 15), mit dem er die Affen auch tatsächlich züchtigt, weil sie versuchen, seinen Sack mit Nüssen zu stehlen (vgl. Maar 1998, 17). Damit wird eine Urszene früherer Kindheiten evoziert; die Prügelstrafe für Kinder, die etwas angestellt hatten, war zu der Zeit der Erstveröffentlichung durchaus noch üblich, verfiel aber zunehmend der Kritik. Indem Maar die Affen, als Stellvertreterfiguren für Kinder, über den prototypisch negativen Erwachsenen triumphieren lässt, plädiert er also gleichzeitig gegen die Prügelstrafe und außerdem für Klugheit und Witz gegenüber roher Gewalt.

Dennoch kommen auch die beiden Affen zum Schluss nicht ungestraft davon. Es ergeht ihnen wie dem Zauberlehrling in Goethes gleichnamigem Gedicht. Schlevian und Kukuk beschließen, dass sie kleinere Ohren haben wollen, damit weniger über sie gelacht wird. Sie wollen den Zauberer Abra Kadabrax bitten, ihre Ohren zu schrumpfen. Der ist aber nicht zuhause und sie steigen durch ein offenes Fenster ins Haus ein. Dort finden sie „in einer Nische […] ein goldenes Kästchen“ (Maar 1998, 122), also einen prototypischen Gegenstand, der ein Geheimnis verbirgt. Darin liegt dann auch der Zauberstab, mit dem die beiden Affen allerlei Unsinn anstellen, wobei sie trotz der Fehlversuche nicht lernen, die Finger davon zu lassen: „Aber das Spiel mit dem Zauberstab reizte sie zu sehr […]“ (Maar 1998, 127). Der zurückgekehrte Zauberer ist erbost und macht sich an die Bestrafung: Er verwandelt die Affen schließlich in ein Bild und in einen Hund, die miteinander verschmelzen – fertig ist der titelgebende tätowierte Hund, der aber nicht, wie es der Zauberer möchte, als Haus- und Hofhund beim Zauberer bleiben wird, sondern schnell aus der Tür und in den Urwald flüchtet (vgl. Maar 1998, 136 ff.). Fortan erzählt der Hund – wie in diesem Fall dem Löwen – Geschichten, die auf seinem Fell eintätowiert sind. Auf seinem linken Ohr befindet sich ein tätowierter Hund, „der auf das linke Ohr des Hundes tätowiert ist, der auf dem Ohr des Hundes eintätowiert ist, der auf meinem Ohr tätowiert ist“, und da „ist natürlich wieder ein tätowierter Hund tätowiert!“ (Maar 1998, 141 f.) Die Tätowierung des Hundes wird so zur Geschichte in der Geschichte und damit zum metafiktionalen Verweis auf das soeben gelesene Buch wie auf die Leistung von Literatur überhaupt, durch Konstruktionen wie diesen Märchenzyklus Assoziationsräume zu eröffnen. Trotz der Bestrafung der beiden Affen mündet das Buch also nicht in einen moralischen Lehrsatz, eher im Gegenteil, ist doch nur durch das Experiment mit dem Zauberstab der tätowierte Hund entstanden und auch durch das nicht an vorgegebene Moralvorstellungen gebundene Ausprobieren der Phantasie das eben gelesene Buch.

Aufschlussreich ist die von Maar vorgenommene Umwertung des Affen-Motivs, indem er die beiden Affen zu einem tätowierten Hund verschmelzen lässt; der Hund gilt traditionell „als symbol[ischer] Garant personaler Identität“ (Butzer/Jacob 2008, 9). Mit dieser Umcodierung hat die Verwendung des Motivs einen vorläufigen End- und Höhepunkt erreicht: Das ehemals Böse wird zum Guten, weil es als reflektierter Teil des Eigenen in die eigene Subjektentwicklung integriert werden kann.

Fazit: Von Affen und Menschen, nicht nur in der Literatur

Der Affe bekommt in den zitierten Texten eine paradigmatische Kontrast-, Doppelgänger- und Spiegelfunktion zum Menschen zugewiesen, die er bei Maar schließlich integrierend überwindet. Texte wie die hier kurz vorgestellten führen eine paradigmatische Leistung von Literatur vor, die Michail Bachtin am Beispiel der Werke Dostojewskijs so beschrieben hat:

Der Mensch fällt niemals mit sich selbst zusammen. Die Identitätsformel A=A ist auf ihn nicht anwendbar. Laut Dostojewskij vollzieht sich das wahre Leben der Person gleichsam an der Stelle der Nichtidentität des Menschen mit sich selbst; dort wo er den Bereich seiner selbst als eines dinglichen Seins, das man belauschen, bestimmen und gegen seinen Willen hinter seinem Rücken voraussagen kann, überschreitet. Das wirkliche Leben der Person ist nur im Dialog zugänglich, dem sie sich antwortend in Freiheit öffnet. [Bachtin 1969, 99f .]

Auch die anderen Wissenschaften haben den Affen längst als Objekt der Betrachtung entdeckt: „Um 2000: Der Affe hat Konjunktur. Die Fülle der Publikationen über Tiere im allgemeinen und Affen im besonderen aus der Hand von Primatologen, Anthropologen, Kulturwissenschaftlern und Schriftstellern ist kaum noch zu überblicken“ (Richter 2005, 624). Anders als in anderen Wissenschaften eröffnen der Gegenstand der Literatur und der besondere Blick der Literaturwissenschaft einen Dialog oder auch einen, mit einem anderen Wort Bachtins, ‚polyphonen‘ Diskursraum (Bachtin 1969, 86 ff.), in dem Erkenntnisse möglich sind, die von den lesenden und interpretierenden Subjekten selbst abhängen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Figur des Affen ist in der Literatur nicht das personifizierte Böse oder Triebhafte, sondern eine Doppelgänger-, Spiegel- und Kontrastfigur des Menschen, dessen Subjektwerdung und Subjektstatus kritisch hinterfragt werden. Der Affe bei Hauff ist die reine Kreatur, das Tier, das nicht anders kann als es selbst zu sein und bei dem alle Versuche, es in einen Menschen umzuwandeln, entweder scheitern müssen oder doch nur in der narzisstischen Projektion Erfolg haben. Die Pointe von Kästners Gedicht liegt darin, dass er die Perspektive umkehrt und nicht den Affen als maskierten Menschen, sondern den Menschen als maskierten Affen entlarvt, um ihm vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten der Subjektwerdung weiterhin brach liegen. Maar hebt den Gegensatz zwischen Affen und Mensch auf, denn sein Text inszeniert die Chancen, die sich durch das Integrieren des Kreatürlichen für die Subjektkonstitution ergeben. Alle Texte eröffnen einen Dialog mit dem Leser über die Frage, wo er sich selbst positionieren, wie er seinen Subjektstatus sehen und entwickeln möchte – einen Dialog im Zeichen des Affen, dessen natürliche wie literarisch inszenierte Komik auch signalisiert, dass es eine wichtige Voraussetzung für diese Subjektwerdung ist, weder die Literatur noch sich selbst zu ernst zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Aus dem Russ. übers. u. mit einem Nachw. von Alexander Kaempfe. München 1969 (= Reihe Hanser 31).

Busch, Wilhelm: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Bd. 4. Hamburg 1987.

Butzer, Günter u. Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart/Weimar 2008.

Daemmrich, Horst S. u. Ingrid: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2., überarb. u. erw. Aufl. Tübingen/Basel 1995.

Hauff, Wilhelm: Der Affe als Mensch. In: Ders.: Werke. Bd. 1. Romane – Märchen – Gedichte. Hg. von Hermann Engelhard. Essen 1981, S. 736–753.

Hoffmann, E.T.A.: Das öde Haus. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 3: Nachtstücke. Klein Zaches, genannt Zinnober. Prinzessin Brambilla. Werke 1816-1820. Hg. von Hartmut Steinecke unter Mitarb. von Gerhard Allroggen. Frankfurt/Main 1985, S. 163–198.

Kästner, Erich: Werke. Bd. 1: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte. Hg. von Harald Hartung in Zusammenarbeit mit Nicola Brinkmann. München 1998.

Maar, Paul: Der tätowierte Hund. Hamburg 1998 (= Oetinger Auslese), S. 14–31.

Neuhaus, Stefan: Das Spiel mit dem Leser. Wilhelm Hauff: Werk und Wirkung. Göttingen 2002.

Richter, Virginia: „Blurred Copies of himself“: Der Affe als Grenzfigur zwischen Mensch und Tier in der europäischen Literatur seit der Frühen Neuzeit. In: Hartmut Böhme (Hg.): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart/Weimar 2005, S. 603–624.

Zima, Peter V.: Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen/ 2000 (= UTB 2176).


[1] Zu Kafka und anderen bekannten Beispielen der internationalen Literatur vgl. Richter 2005; für den Hinweis auf diesen Beitrag danke ich Uta Schaffers; zu Kafkas Erzählung vgl. S. 607, 620 u. 622 ff.

[2] Zu Hauffs literarischen Strategien und Techniken vgl. Neuhaus 2002.

[3] Für den Hinweis auf den (von mir vergessenen) Maar-Text danke ich Alec Neuhaus.

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Frau Hoppegartens Pferdepark

Von Kathrin Schrocke

Im Rahmen meines Germanistik-Studiums war ich einige Jahre Hilfskraft bei Professor Ecker. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern, das wir seinerzeit führten. Darin ging es um Kinderbücher – und um die Tatsache, dass in Herrn Eckers Kindheit Kinderbücher offenbar keine Rolle gespielt hatten. Auf diesem Gebiet war er absolut unbedarft. Vielleicht liegt es an diesem erschütternden Bekenntnis, dass ich nach meinem Studium Kinder- und Jugendbuchautorin wurde. Und in meinen Texten (über Menschen und Pferde) gerne auf alte und neue Kinderbücher verweise.

Der vergilbte Zettel hing am Informationsbrett unseres Einkaufscenters, und wenn nicht genau daneben die Werbung für den emotionalen Fernseher gepappt hätte, wäre er mir wahrscheinlich überhaupt nicht aufgefallen.

Alle in meiner Klasse hatten den emotionalen Fernseher. Nur meine Eltern waren zu geizig oder zu altmodisch oder ganz einfach zu fies, mir einen zu kaufen. Der emotionale Fernseher war von Experten extra für uns Kinder entwickelt worden. Es gab ihn in den Farben Neongelb, Ozeanblau, Lovelypink und Metallicgrün. Auf Lovelypink stand ich natürlich am meisten – aber eigentlich hatte ich es auf den neongelben abgesehen, weil der perfekt zu den Leuchtsternen an meiner Zimmerdecke passte.

Der emotionale Fernseher schaltete sich automatisch ab, wenn Sendungen liefen, die nicht für Kinder gedacht waren. Er konnte außerdem in 30 verschiedenen Stimmen sprechen. Wenn man ihn anmachte, sagte er „Hi! Schön, dass du wieder vorbeischaust!“ Wenn man ihn ausschaltete, gähnte er und sagte: „Echt schade, dass du gehst! Aber sicher sehen wir uns bald schon wieder!“

Am tollsten aber war, dass der emotionale Fernseher genau aufzeichnete, was man guckte. Er errechnete dann das perfekte Fernsehprogramm, und sobald man anschaltete und er einen begrüßt hatte, gab er einem Empfehlungen und Fernsehtipps für die ganze Woche, und man konnte sicher sein, nie mehr in seinem Leben etwas zu versäumen.

Am meisten aber sehnte ich mich nach dem emotionalen Fernseher, weil ich endlich eine Glotze ganz für mich alleine haben wollte. Neben mir gab es da nämlich noch meine Brüder Lucki und Jan – Lucki war vier, Jan war 13 und ich mit zehn Jahren in der Mitte. Es gab keine einzige Sendung, die uns alle drei gleichermaßen interessierte – und ständig stritten wir uns über das Programm.

Aber ich wollte ja eigentlich von dem gelben Zettel erzählen, und von Frau Hoppegartens Pferdepark.

Auf dem Zettel stand in fein säuberlicher Schrift:

Mädchen oder Junge mit schöner Stimme zum Vorlesen gesucht!“ Darunter war ein Pferd gezeichnet und dann stand da eine Telefonnummer.

Mit Nebenjobs kannte ich mich aus. In den letzten Ferien hatte ich auf das Schrei-Baby unserer Nachbarin aufgepasst und den Hund der verwirrten Frau Reinicke Gassi geführt. Für jemand Fremden hatte ich noch nie gearbeitet. Auf der anderen Seite stand da das Wort Mädchen, eine schöne Stimme hatte ich auch – und die Ferien waren so lang, dass ich Abwechslung gut gebrauchen konnte. Also riss ich den Zettel ab und rief von zu Hause aus an.

Eine Frau Hoppegarten war am anderen Ende.

„Ja, eine schöne Stimme hast du schon mal!“, stellte sie fest, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Liest du denn auch gerne vor?“

Ich wurde ein bisschen rot. Lieber sah ich fern oder spielte Computer. Aber das brauchte Frau Hoppegarten ja nicht zu wissen. „Ich liebe Bücher!“, sagte ich also etwas übertrieben und mein Bruder Lucki, der nur in einer Spiderman-Unterhosen bekleidet an mir vorbeispazierte, sah mich an wie eine Außerirdische.

„Sehr gut!“, sagte Frau Hoppegarten zufrieden. „Hast du Zeit, morgen Vormittag bei mir vorbeizuschauen? Ich dachte so an sechs, sieben Stunden.“ Sechs, sieben Stunden! Das war ganz schön lange.

„Und was soll ich Ihnen vorlesen?“, fragte ich. Bestimmt gab es irgendwo einen Haken. Vielleicht musste ich Frau Hoppegarten schnulzige Liebesromane vorlesen. Bücher, in denen Frauen sich in einen wunderschönen Arzt mit langen Wimpern verlieben, aber so heimlich, dass er nichts davon merkt. Meine Lüneburg-Oma las solche Bücher und erzählte die Handlung am Kaffeetisch in Zeitlupe nach. Ich hatte mir geschworen, niemals in meinem Leben einen Liebesroman zu lesen.

Vielleicht aber war es sogar noch schlimmer. Vielleicht war Frau Hoppegarten eine schrecklich kluge Frau, der ich komplizierte Wälzer von Nobelpreisträgern vorlesen musste. Bücher mit tausend Seiten, gespickt mit Fremdwörtern, die ich noch nie gehört hatte, und einer Handlung, die so langweilig war, dass einem während dem Vorlesen das Gesicht einschlief.

Frau Hoppegarten lachte leise in den Hörer. „Nein, nein!“, sagte sie. „Es geht nicht um mich. Du sollst meinen Pferden vorlesen. Sie lieben Bücher über alles. Und der Junge, der ihnen normalerweise vorliest, hat morgen seinen freien Tag.“

Lucki kam aus der Küche zurück gerast. Ein halber Schokokuss klebte ihm auf der Stirn. Ein bisschen davon auch in den Haaren. „Spongebob fängt an!“, krähte er und verschwand im Wohnzimmer.

Hatte ich da eben richtig gehört? Ich sollte Frau Hoppegartens Pferden vorlesen?

Entweder war die Frau verrückt oder die Leitung gestört. Oder ich hatte sie ganz einfach falsch verstanden.

Wahrscheinlich hatte sie gesagt: „Du musst meinem Ferdi vorlesen!“ Und ich hatte mir das mit den Pferden nur zusammengereimt.

Ferdi war die Abkürzung von Ferdinand, und vielleicht hatte sie einen Mann, der Ferdi hieß.

„Am besten komme ich morgen einfach vorbei!“, schlug ich vor, ehe es zu weiteren Missverständnissen kam. Frau Hoppegarten erklärte mir den Weg, ich legte auf und ging ins Wohnzimmer, um mit Lucki und Jan “Avatar – der Herr der Elemente“ im Nachmittagsprogramm zu sehen.

*

Am nächsten Tag radelte ich mit meinem Mountainbike zu Frau Hoppegartens Pferdepark.

Der Hof befand sich nicht direkt im Dorf, sondern ein gutes Stück außerhalb, neben der verfallenen Kapelle. Hier war vor Uhrzeiten einmal das Pfarrhaus gewesen – und darin eine kleine Bücherei. Ich musste am Weiher vorbeiradeln, dann links über den Schotterweg, den Hügel hoch bis zum Feldkreuz an der Kuppe. Und tatsächlich sah ich es plötzlich, als ich am höchsten Punkt angelangt war: Eingebettet in die blühende Landschaft lag das Anwesen zu meinen Füßen. Es war wirklich der alte Pfarrhof, der zu einem Pferdehof umgebaut worden war. Im Zentrum stand noch das hübsche kleine Fachwerkhaus mit dem strohgedeckten Dach. Daneben befand sich der Heuschober, in dem vor fünfzig Jahren eine Bücherei eingerichtet gewesen war. Nachdem der Pfarrer gestorben und die Kapelle bei einem Blitzschlag halb abgebrannt war, hatte die Gemeinde das Haus und den Anbau verfallen lassen. Eine zeitlang hatten die Pfadfinder im Obstgarten hinter dem Pfarrhaus campiert, und im Winter gab es manchmal einen Weihnachtsbasar auf dem Gelände.

Ich stieg vom Rad ab und schob es den Rest des Holperwegs in Richtung Hof hinunter.

Die Sonne brannte heiß herab, die Luft um mich herum flirrte. Ein bisschen sah das alte Pfarrhaus mitsamt der niedergebrannten Kapelle und den leeren Weideplätzen aus wie eine Fata Morgana.

„Dann wollen wir mal!“, sagte ich zu mir selbst. Das ist ein Spruch, den meine Lüneburg-Oma immer sagt, wenn sie eine Arbeit zu erledigen hat. Und Arbeit stand an. Ich sollte schließlich Ferdi vorlesen!

Allerdings war weit und breit kein Ferdi zu sehen. Kein Mensch tummelte sich dort drüben am Haus. Der Stall wirkte verlassen, das Haus unbewohnt. Alles schien sonderbar ausgestorben.

Mir wurde mulmig zumute. Ich hätte meinen Eltern doch von meinem Vorhaben erzählen sollen. Sie wussten nicht einmal, wo ich war.

Ich stellte mein Mountainbike am Gartenzaun ab und trat unschlüssig in die Einfahrt. Und da hörte ich es: die sanfte Stimme einer alten Frau. Die Worte wurden vom Wind zu mir herüber getragen: „Als Fräulein Honig das Arbeitszimmer betrat, stand Fräulein Knüppelkuh mit ungeduldiger und finsterer Miene neben ihrem gewaltigen Schreibtisch. Ja, Fräulein Honig, sagte sie, was wollen Sie? Sie sehen ja heute früh vollkommen aufgelöst aus. Haben diese kleinen Stinker Sie mit Papierkügelchen beschossen?

Offenbar las die alte Dame eine Geschichte vor. Ein Liebesroman war das auf jeden Fall nicht. Und bestimmt auch nicht das Buch eines Nobelpreisträgers. Ehrlich gesagt war ich erleichtert.

Neugierig folgte ich den Worten und ging langsam um das Haus herum. Bienen summten durch die Luft, es roch nach Rosen und überreifen Äpfeln.

Ich bog um die Ecke, in den hinteren Teil des Gartens und blieb wie angewurzelt stehen.

Den Anblick werde ich wohl nie vergessen – nicht mal, wenn ich hundertzwölf werde und nicht mehr weiß, dass auf jeden Montag ein Dienstag folgt, und auf jeden Dienstag ein Mittwoch!

In einem hölzernen Liegestuhl saß die alte Frau Hoppegarten, gemütlich mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien. Ihr graues Haar war offen und reichte bis zur Hüfte, und es steckte eine riesige rote Blüte darin. Sie trug eine gepunktete Kittelschürze und war barfuß.

Ein paar Meter neben dem Liegestuhl, direkt im Pfarrgarten mit den Obstbäumen, standen die Pferde. Es waren insgesamt sechs, sie hatten sich unter den Apfelbäumen ein schattiges Plätzchen gesucht und lauschten Frau Hoppegartens Erzählung. Ich weiß nicht, ob ihr jemals ein Pferd dabei beobachtet habt, wie es sich vorlesen lässt. Ich auf jeden Fall nicht. Ich wusste, dass Pferde galoppieren, springen, wiehern und kacken. Aber ein Pferd, das ganz verzückt den Worten einer alten Dame lauscht… so was hatte die Welt noch nicht gesehen!

„Das Mädchen, das vorliest!“, sagte Frau Hoppegarten in dem Moment, als sie mich erblickte. Die Pferde sahen neugierig auf, eines gab einen unzufriedenen Laut von sich, und zwei drehten sich einfach weg und zeigten mir ihren Rücken. Frau Hoppegarten war noch nicht am Kapitelende angelangt und die Pferde schienen nicht erfreut über die plötzliche Störung. Dennoch legte die alte Dame das Buch zur Seite, stand auf, strich sich die Falten aus der Kittelschürze und trat auf mich zu.

„Du bist also Matilda?“, fragte sie und sah freundlich zu mir herab.

Ich nickte und starrte auf die Blüte in ihrem Haar.

„Zuerst stelle ich dir die Pferde vor!“, entschied Frau Hoppegarten und nahm mich bei der Hand. Sie zog mich hinter sich her zu einem schwarzen Hengst. Es war mit Abstand das älteste Pferd in der Runde und sah ganz schön mitgenommen aus. Das eine Auge war blind, das Fell struppig und der Körper eingefallen. Dennoch machte das Tier einen zufriedenen Eindruck. „Black Beauty!“ , flüsterte mir Frau Hoppegarten zu. „Er hat ein schwieriges und arbeitsreiches Leben hinter sich. Von seinem früheren Besitzer wurde er schrecklich gequält, bis ein netter Stallbursche ihn aufgenommen hat. Am liebsten lauscht er deshalb Märchen mit glücklichem Ende.“

Ich nickte verdutzt. Black Beauty kannte ich aus dem Fernseher. Aber der hier schien mir irgendwie anders zu sein.

Schon war Frau Hoppegarten weiter gegangen. „Darf ich dir den kleinen Onkel vorstellen? Er ist immer gut gelaunt und für Streiche aufgeschlossen. Er liebt Kinderbücher über alles.“ Der Apfelschimmel sah mich aus gutmütigen Augen an. Kleiner Onkel… hieß so nicht das Pferd von Pippi Langstrumpf? Ich konnte mich an die Szene im Film erinnern als Pippi Langstrumpf ihr Pferd mit den bloßen Händen hochgehoben hatte! Frau Hoppegarten fand es wohl witzig, ihre Tiere nach berühmten Pferden aus Fernsehserien zu benennen.

Als ich vor dem nächsten Pferd stand, schnappte ich erst mal nach Luft. Was bitte sollte das denn sein? Der riesenhafte Schimmel hatte ein Stirnband um den Kopf, auf dem die Buchstaben MM zu lesen waren. Außerdem kaute er auf einer Butterstulle. MM … ich kannte leckere M&Ms aus der Fernsehwerbung im Kinderkanal. Vielleicht also warb der schmatzende Gaul für Schokonüsse.

„Milchmann ist lustig und humorvoll. Traurige Geschichten kann er nicht leiden! Am besten liest du ihm irgendwelche Lausbubengeschichten oder Witzebücher vor!“, bat mich Frau Hoppegarten, stellte sich auf die Zehenspitzen und fuhr dem großen Pferd mit der Hand durch die Mähne. Aber noch ehe ich diesen sonderbaren Milchmann genauer mustern konnte, hatte sie mich schon weitergeschoben. „Flicka ist etwas ungezähmt und wild!“, mahnte sie mich, als wir vor dem stattlichen Rotfuchs standen. „Eigentlich ist er in der Wildnis aufgewachsen, inzwischen hat er sich aber an die Menschen gewöhnt. Nur hin und wieder geht sein Freiheitsdrang mit ihm durch. Flicka steht wahnsinnig auf Abenteuergeschichten!“

„Ach so…“, ich nickte verdutzt.

Beim nächsten Pferd traf mich fast der Schlag. Sah ich richtig? Das konnte sich doch nur um einen Aprilscherz handeln! Ein muskulöses schwarzes Pferd stand vor mir. Und es trug eindeutig farbige Rollschuhe an allen vier Hufen!

„Negro Kaballo, das Zirkuspferd!“, stellte Frau Hoppegarten vor. „Er ist viel gereist in seinem Leben. Wenn du ihm Reiseführer und Berichte aus fremden Ländern vorliest, ist er mehr als glücklich.“

Ich war sprachlos. Niemals würden mir meine Brüder das glauben. Ein Pferd auf Rollschuhen, das war einfach nur plemplem.

„Und hier ist unser sensibelstes Pferdchen!“, sagte Frau Hoppegarten und ihre Stimme bekam einen sanften Klang. Ein strahlend weißer Schimmel graste ein Stück entfernt von den anderen und hatte uns den Rücken zugekehrt. Vorsichtig stupste Frau Hoppegarten das Tier an. Mit einer anmutigen Bewegung drehte es sich um.

Gut, es trug keine Rollschuhe und auch kein Stirnband. Aber es hatte ein Horn direkt am Hirn.

„Das letzte Einhorn!“, flüsterte Frau Hoppegarten verträumt. „Es liebt Fantasybücher. Aber bitte nichts mit Vampiren.“

Ich sah Frau Hoppegarten an. Dann wanderte mein Blick zu der seltsamen Pferdegruppe zurück, und wieder hin zu Frau Hoppegarten.

„Ich glaube, jetzt brauche ich erst mal einen Schnaps!“, sagte ich. Das sagt meine Lüneburg-Oma immer, wenn irgendetwas passiert, das ihre Knie zum Wackeln bringt. Dabei trinkt sie überhaupt keinen Schnaps, sondern höchstens mal ein Glas Holundersirup.

„Schnaps bekommst du bei mir natürlich nicht!“, sagte Frau Hoppegarten und lachte. „Aber einen Eistee kann ich dir machen. Danach zeige ich dir die Bücherei, und dann kannst du mit dem Vorlesen beginnen.“

*

Die Bücherei befand sich im Pfarrhaus, und sie war bis auf den letzten Winkel mit Büchern vollgestopft. Die Bücher standen in Regalen oder zu Türmen aufeinandergestapelt mitten im Raum. Manche dieser Büchertürme reichten bis hoch zur Decke und schaukelten hin und her, als würden sie bei der kleinsten Bewegung polternd zusammen brechen. Einige Bücher lagen auf Tischen, auf Kommoden oder einfach auf dem Boden herum. Es gab alte und neue Bücher, große und kleine. Es gab zerfledderte Taschenbücher und nagelneue Bücher aus festem Karton. Es gab Bildbände und Reiseführer, Gedichtsammlungen und Kinderliteratur. Es gab dicke Märchenbücher und dünne Comic-Heftchen. Es gab Krimis, Liebesromane und Science-Fiction-Reihen. Es gab Kochbücher mit Fotos von leckeren Gerichten darin, und Babybücher mit niedlichen Zeichnungen und jeder Menge Glitzer. Es gab Mädchenbücher und Jungenbücher, und Bücher, die einfach jedem gefielen, egal ob Mädchen oder Junge, egal ob jung oder alt.

Es gab so viele Bücher, dass mir ganz schwindelig davon wurde.

„Und wo wohnen Sie?“, fragte ich Frau Hoppegarten zögernd. Sie konnte ja kaum in einer Bücherei übernachten. Kein Mensch lebte in einer Wohnung, die nur aus Büchern bestand.

„Mein Zimmer ist oben!“, sagte Frau Hoppegarten und zeigte die Stiege hoch. „Aber meistens bin ich hier unten und suche nach guten Geschichten. Hast du Lust, ein paar Bücher für die Pferde auszusuchen?“

Das brauchte Frau Hoppegarten mir nicht zweimal zu sagen. Es gab hier wirklich jede Menge Auswahl und ich wusste nun ja, wonach ich suchen sollte. Ich blieb bestimmt eine ganze Stunde im Haus. Stieg auf Leitern und Hocker, angelte in den obersten Regalfächern nach versteckten Büchern und zauberte unter den Tisch gerutschte Romane hervor. Um die Mittagszeit war ich mit meiner Suche fertig. Ich hatte für jedes Pferd ein Vorlesebuch ausgewählt konnte mir aber nicht vorstellen, dass sie den Inhalt verstehen würden.

Ich fing mit Black Beauty, dem halbblinden Arbeitspferd an. Für ihn hatte ich ein wunderschönes Märchenbuch entdeckt, und las daraus die Erzählung von Däumelinchen. Die Sonne stand hoch am Horizont, ich cremte mir die Nasenspitze mit Sunlotion ein, hockte mich auf den Zaun der Pferdekoppel und begann mit dem Lesen. Black Beauty stand ein paar Meter von mir entfernt und ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Mit jeder Zeile, die ich ihm vorlas, trottete er zutraulich näher heran. Bis er am Schluss direkt neben mir stand und ich ihm freundlich die Mähne kraulen konnte.

Nach dem Happy End kam der kleine Onkel an die Reihe, und für ihn hatte ich sogar zwei Geschichten ausgewählt. Zwei komplette Bücher mit Olchi-Abenteuern! Olchis rülpsen und furzen und lieben Müll. Gemeinsam mit der Sonne war ich weitergewandert. Jetzt hockte ich vor dem Stall auf dem Boden und sämtliche Pferde saßen im Kreis um mich herum. Ab und zu kam Frau Hoppegarten vorbei und versorgte uns mit frisch gepflückten Kirschen. Immer wenn die Olchis etwas Ekliges machten, nickten die Pferde begeistert mit dem Kopf. Und obwohl die Vorlesung allein für den kleinen Onkel bestimmt war, blieben alle bis zum allerletzten Punkt hinter dem allerletzten Satz der Geschichte sitzen. Meine anfängliche Angst war unbegründet. Die Pferde verstanden jedes Wort!

Für Milchmann mit seinem Stirnband hatte ich das Buch „Alice im Wunderland“ entdeckt. Und tatsächlich lachte das riesige weiße Pferd sich schlapp, als es von der Grinsekatze und dem verrückten Hutmacher hörte. Auch die anderen Pferde fanden das toll – wir waren der Sonne inzwischen vor das alte Pfarrhaus gefolgt, ich hockte in einem quietschenden Schaukelstuhl und die Pferde grasten gemütlich im Garten. Aber immer wenn es lustig wurde hoben sie zeitgleich den Kopf, um gemeinsam aus Leibeskräften zu wiehern.

Der Nachmittag brach an, und die Zeit rannte davon. Wie im Flug waren die ersten Stunden mit den Pferden vergangen! Flicka, das leuchtend rote Wildpferd war jetzt an der Reihe. Er schien es zu ahnen, denn ungeduldig scharrte er mit dem Huf. Für ihn hatte ich in der Bücherei das Abenteuerbuch „Die Schatzinsel“ entdeckt, und diesmal gab es eine echte Premiere. Denn ich hockte mich einfach auf Flickas Rücken und las, während er durch die blühenden Felder galoppierte. Die Welt flog wie eine Kulisse an uns vorbei, aber unbeirrt las ich weiter und weiter. Ich las von dem Jungen Jim, von dem fiesen Einbeinigen und dem trunksüchtigen Seemann. Ich las von dem gestohlenen Geld, von der Suche nach den Piraten und von der Insel, auf der der Schatz versteckt worden war. Hin und wieder überlegte ich, ob ich vielleicht träumte. War das meine Fantasie oder Wirklichkeit? Aber ja, der Ritt, der Sonnenschein und die seltsame Lesung – all das schien tatsächlich zu passieren! Nach einer halben Stunde war es genug, und Flicka brachte mich in fröhlichem Trab zurück zu seinen Kollegen.

Anschließend war Negro Kaballo dran, wir waren wieder auf dem Hof und ich griff nach dem Buch mit asiatischen Reisegeschichten. Ich las dem Zirkuspferd ein Kapitel über Thailand vor. Und stellt euch mal vor, was ich und die Pferde da erfahren mussten: In Thailand gilt es als unhöflich, sich zur Begrüßung oder zum Abschied die Hand zu geben!

Thailand war weit weg, wir waren auf der anderen Seite der Welt, und die Sonne ging langsam aber sicher unter. Bald war es sechs, und dann musste ich wieder heim, sonst gab es ein riesiges Donnerwetter!

Frau Hoppegarten hatte mir eine Strickweste umgelegt. Ein frischer Abendwind kühlte die Luft und die Grillen in den Gräsern zirpten. Wir hockten jetzt gemütlich dort, wo ich heute Morgen auf die lustige Gruppe gestoßen war – im hinteren Teil des schönen Gartens.

Nun saß ich in Frau Hoppegartens Liegestuhl, hatte ein Buch auf den Knien und las fröhlich weiter Seite um Seite. Frau Hoppegarten hatte ein Lagerfeuer angemacht und die Pferde standen gemütlich darum herum. Andächtig lauschten sie meiner Geschichte.

Es war die letzte für diesen Tag, und ich hatte sie für das scheue Einhorn ausgewählt. Ich hatte mich für eines der wenigen Bücher entschieden, das ich bereits selber kannte: Harry Potter, der Zauberlehrling, der bei seinen fiesen Verwandten unter der Treppe haust. Fast jedes Kind liebt diese Geschichte und auch bei den Pferden kam sie ziemlich gut an. Black Beauty wirkte auf einmal viel jünger als heute Morgen. Sein schwarzes Fell glänzte im Feuerschein, seine Ohren waren neugierig aufgestellt und er schnaubte zufrieden. Der kleine Onkel hatte ein breites Grinsen aufgesetzt und Flicka lag zahm wie ein Hund zu meinen Füßen. Milchmann, das weiße Pferd mit dem Stirnband am Kopf, lehnte ganz lässig am Apfelbaum und spuckte ein paar Kirschkerne durch die Gegend. Negro Kaballo hatte sich auf ein Bein gestellt und bestätigte jeden meiner vorgelesenen Sätze mit einem leisen Wiehern. Und das Einhorn, für das ich die Geschichte ausgewählt hatte, kam langsam immer näher zu mir heran gepirscht, bis sein strahlendes weißes Horn fast die Buchseite berührte!

Dann war das Kapitel zu Ende und meine Stimme rau. Außerdem war es halb sieben und meine Eltern würden einen Aufstand machen. Ich musste dringend los.

„Jetzt ist es genug mit der Vorleserei!“, entschied auch Frau Hoppegarten und nahm mir das Buch aus der Hand. „Der Junge, der ihnen normalerweise vorliest, kann morgen mit dem nächsten Kapitel aus Harry Potter beginnen. Als Dankeschön bekommst du noch etwas von mir. Aber nicht jetzt, sondern irgendwann später.“ Für mich war das ok. Der Nachmittag war so verrückt gewesen, dass ich überhaupt nicht an eine Bezahlung dachte.

Ich verabschiedete mich von jedem einzelnen Pferd. Klopfte ihnen freundschaftlich auf die Seite und tippte ihnen zum Abschied auf die Stirn.

Frau Hoppegarten führte mich zurück zu meinem Fahrrad. Ich schüttelte ihr freundlich die Hand, schließlich war sie kein Pferd, und wir waren auch nicht in Thailand. Und dann radelte ich schnurstracks davon.

*

Als ich später mit meinen Brüdern und meinen Eltern auf der Terrasse saß und wir grillten, erzählte ich von meinem Ausflug zu Frau Hoppegartens Pferdepark.

„Stark!“, schrie Lucki. „Ich will das Turbopferd mit den Rollschuhen kennenlernen!“

„Vielleicht war das Pferd mit dem Horn ein Rhinozeros!“, überlegte Jan, an seiner eigenen Vermutung zweifelnd.

„Du warst ohne uns zu fragen den ganzen Tag bei einer alten Frau mit Rhinozeros und hast ihr vorgelesen?“, fragte Mama entsetzt.

„Ich habe nicht ihr, sondern den Pferden vorgelesen!“, antwortete ich leise. Meine Mutter hörte endgültig zu essen auf. Offenbar machte dieser Hinweis das Ganze nicht besser.

„Das alte Pfarrhaus ist doch unbewohnt!“, sagte Papa und sah mich stirnrunzelnd an. „Matilda, musst du denn immer solche Märchen erzählen?“

„Das alte Pfarrhaus ist jetzt ein Pferdepark!“, beteuerte ich. „Mit Ställen und Weiden und einer Bibliothek, extra für die Tiere.“

Meine Eltern wechselten einen Blick, als wäre ich verrückt geworden. Dann setzten sie uns drei Kinder ins Auto und fuhren den ganzen Weg, den ich eben in Rekordzeit mit dem Fahrrad nach Hause gestrampelt war, wieder zurück. Wir mussten am Weiher vorbeifahren, dann links über den Schotterweg, den Hügel hoch bis zum Feldkreuz auf der Kuppe.

Das alte Pfarrhaus lag im Mondschein unter uns. Die Weide und die eingezäunte Koppel waren weg. Der Heuschober war kein Pferdestall mehr, sondern ein verfallenes, olles Brettergebäude. Der Liegestuhl und der Schaukelstuhl waren aus dem Garten verschwunden, das Obst war auf den Bäumen verfault, die Rosen in der Einfahrt vertrocknet und die Haustür hing schief in der Angel.

Vorsichtig trat mein Papa ins Haus. „Sag ich doch! Unbewohnt und leer!“, murmelte er, und klang dabei irgendwie erleichtert.

Ich stand verblüfft in dem verlassenen Raum. Kein einziges Buch weit und breit. Und überhaupt keine Möbel.

Hatte ich vielleicht doch nur alles geträumt? Hatte sich meine Fantasie selbständig gemacht und war der komplette Nachmittag nur in meinem Kopf geschehen?

Dann ging ich die Treppe nach oben. Hier gab es ein Zimmer mit einem verlassenen Bett, darüber hing das Foto eines Mädchens. Das Bild war schwarz-weiß und bestimmt fünfzig Jahre alt. Das Mädchen darauf trug ein gepunktetes Kleid. Es hatte langes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und darin steckte eine riesige Blüte.

Neben dem Bett stand ein lovelypinker Karton mit einer neongelben Schleife darum. Mein Name stand darauf, in der gleichen sauberen Schrift wie auf dem Zettel im Einkaufscenter.

Ich trug das Geschenk vorsichtig die Stufen hinab. Der Karton war schwer und ich war sicher, dass Frau Hoppegarten etwas ganz besonderes für mich ausgesucht hatte.

Es konnte durchaus der emotionale Fernseher sein.

Vielleicht waren es aber auch jede Menge Bücher.

[Erstveröffentlichung: Amina Paul (d. i. Kathrin Schrocke): Frau Hoppegartens Pferdepark. In: Traumpferde & Ponyträume. Hg. von Stefanie Letschert. Würzburg 2012, S. 71–88.]

Zum Weiterlesen:

 Andersen, Hans Christian: Tommelise. In: Eventyr, fortalte for Born. Kopenhagen 1835, S. 5–28.

 Beagle, Peter S.: The last Unicorn. London 1968.

 Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London 1865.

 Dahl, Roald: Matilda. London 1989.

 Dietl, Erhard: Die Olchis sind da. Hamburg 1990.

 Kästner, Erich: Der 35. Mai. Hamburg 1931.

 Lindgren, Astrid: Pippi Langstrump. Stockholm 1945.

 O´Hara, Mary: My friend Flicka. Philadelphia 1941.

 Rosenboom, Hilke: Ein Pferd Namens Milchmann. Hamburg 2005.

 Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Philosopher`s Stone. London 1997.

 Sewell, Anna: Black Beauty. The Autobiography of a Horse. London 1877.

 Stevenson, Robert Louis: Treasure Island. London 1883.

Der Kragenbär als Sinnbild des einsam Zufriedenen

Anmerkungen zu Robert Gernhardts Verszyklus Animalerotica

Von Markus Behmer

Sechs einfache Strichzeichnungen, fünf sind nahezu identisch. Ein dicker, sitzender Bär ist zu sehen, von hinten. Strichelungen neben seinem Körper deuten an: Er zittert, vielmehr vibriert; der Bär bebt. Nur das dritte Bild ist anders: Er hat sein Gesicht gewendet, blickt den Betrachter an, schaut etwas irritiert, ertappt, aber nicht unfreundlich, eher verschämt-konzentriert. Und sein Gesicht, im nächsten Bild sein Hinterkopf sind farblich verändert, wirken gerötet in der Schwarz-Weiß-Schattierung. Darunter stehen insgesamt elf Worte; ein Satz, ein Reim – ein Gedicht. Ein Schelmenstück mit Tiefgang: „ Der Kragenbär / der holt sich / munter / einen nach / dem andern / runter“ (Gernhardt/Bernstein 1976, 63-65).

Robert Gernhardt war es, der dem Kragenbär hier 1976 ein zeichnerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Der animalische Autoerotiker als stillvergnügt-hedonistische Kunstfigur. Der Vers bildet den – einzig illustrierten – Schlusspunkt in einer Abfolge von insgesamt 14 Kurzgedichten, die zusammen ein skurriles Panoptikum vermenschlicht-tierischen Sexualverhaltens ergeben: der Zyklus Animalerotica.

 Über Selbstbefriedigung zu sprechen, sie gar zu zeigen, war noch in den prüden 50er Jahren geradezu tabuisiert. Masturbation? Oh, na. Nie! Dann kam die „sexuelle Revolution“ der 60er, Oswald Kolles Aufklärungsfilme (1968-1972), „Dr. Sommers“ (alias Moritz Goldsteins) Ratgeberkolumne Was dich bewegt ab 1969 in der Bravo (die übrigens noch 1972 wegen der Sommer-Aussage, Onanie mache „weder krank noch schwul noch unfruchtbar“ auf den Index kam). Aufklärungsbücher wie Günter Amendts Sexfront (1970) oder Alex Comforts The Joy of Sex (1972) wurden schließlich Bestseller, Henry Millers Romane Kult. Zeit also, auch Autoerotik aus den Schmuddelecken zu befreien, sie bildlich zu zeigen. Während Robert Mapplethorpes Fotos masturbierender Männer noch zum Skandal taugten, zeigt es uns Gernhardt in animalischer Übertragung.

Warum aber ist es gerade ein Kragenbär (zoologisch Ursus thibetanus), der da wichst? Möglich, dass die Zeichnung auf einem konkreten Naturerlebnis, einer Zoobeobachtung Gernhardts beruht. Gut denkbar jedenfalls, dass ein Kragenbär selbst den zeichnenden Dichter inspiriert haben könnte, wie Fotos des asiatischen Zottels zeigen (siehe hier  und hier).

Doch wären andere Protagonisten überhaupt vorstellbar? Sie könnten eventuell andere Konnotationen auslösen, andere Assoziationsketten in Gang setzen. Ein egosexierendes Karnickel etwa könnte an einen Zeugungsstreik in den Zeiten der Überbevölkerung gemahnen, eine autoerotisch aktive Tse-Tse-Fliege würde wohl kaum Empathie ermöglichen, bei einem Wal wäre sicher die auto-haptische Handhabung mindestens höchst diffizil (wiewohl Gernhardt auch sein Sexualverhalten treffend charakterisiert: „Der WAL vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“, ebd. 63), und holte sich da etwa, horribile dictu, ein Professor munter …, es wäre einfach zu explizit, platt. Aber warum nicht zum Beispiel ein Löwe, ein Gorilla, ein Känguru?

Nun, vielleicht hat es zoologische, artenspezifische Gründe? Kragenbären sind außerhalb der Paarungszeit Einzelgänger – und die Paarungszeit ist kurz, nur etwa zwei Monate im Jahr. Zudem ist der Bestand gefährdet (vgl. wwf-arten.wwf.de). Wenig Gelegenheit also für den Bären, eine Beischlafpartnerin zu finden. Was soll er also tun, der männliche Thibetanus, wenn ihn die Sehnsucht packt, wohin mit seiner Libido?

Näher liegt allerdings, dass Gernhardt nicht auf biologische Gegebenheiten als vielmehr auf symbolische Verknüpfungen anspielt. Ist doch der Bär z.B. ein häufiges Motiv der Heraldik: ein kraftstrotzender, wohl auch lendenstarker Einzelgänger, wie er uns in den Wappen beispielsweise von Berlin, Bern und Madrid (oder auch des gegenwärtigen Papstes) entgegentritt.

In der Traumdeutung steht der Bär übrigens für „besitzergreifende Liebe“ (traumdeuter.ch). In Fabeln ist Meister Petz meist ein gutmütiger, oft naiver Gesell, in Alan Alexander Milnes Geschichten aus dem Hundert-Morgen-Wald ist Winnie Puuh gleichfalls etwas tumb, sehr bequem, liebenswert und in Rudyard Kiplings Dschungelbuch, mehr noch in Walt Disneys Trickfilmklassiker liebt es Balu gemütlich. In Christian Fürchtegott Gellerts Gedicht Der Tanzbär (1746) ist er eine geschundene Kreatur (die zwar aus ihrer Unfreiheit fliehen kann, aber auf Dauer keinen Anschluss mehr zu ihren Artgenossen findet), ähnlich auch oft in John Irvings frühen Romanen – von Setting Free the Bears (1968) bis hin zu The World According to Garp (1978) und The Hotel New Hampshire (1981) –, wo die Bären aber auch zum guten Hausfreund mutieren – und teils ihrer eigenen Wege gehen. Kurzum: Häufig sind Bären literarische Figuren. Kaum einmal werden sie charakterisiert als wilde, gar böse Raubtiere. Oft hingegen bergen sie Identifikationspotential, tragen menschliche Züge, wirken gemütlich, in sich ruhend. Knuddelig-riesige Teddys. Knuts, die nur selten zum „Problembär“ mutieren. Mithin sauber-unschuldige Projektionsflächen für dann gar nicht mehr schmutzige Selbstbefriedigungsphantasien. Gut gewählt, Herr Gernhardt: Masturbation wird über die animalische Apotheose nur allzu menschlich.

Wehe aber der Mensch kommt ihm, dem Bären, zu nahe, geht gar eine Beziehung mit ihm ein. Die griechische Mythologie hält – wie so oft – ein mahnendes Beispiel parat: Das Schicksal der Polyphonte. Sie lästerte über die vielen Liebeshändel der Aphrodite und schloss sich deren Rivalin an, der jungfräulichen Artemis. Aphrodite rächte sich furchtbar, machte, dass sich Polyphonte leidenschaftlich verliebte – eben in einen Bären. Von ihm gebar sie zwei Söhne, die Giganten Agrius und Oreius: halb Tier, halb Mensch und ganze Unholde. Zeus bestrafte ihre blutigen Untaten, ließ sie in Geier verwandeln – und ihre arme Mutter in einen Unglücksvogel, die Nachteule. Ach Bär, hättest du dich doch nur mit dir selbst vergnügt.

Oder trifft Gernhardt eine politische Aussage? Sehen wir in seinen sechs Zeichnungen den russischen Bären, der sich, ermattet im Kalten Krieg, zur Ruhe setzen und sich statt waffenprotzendem Männlichkeitsgebarens friedlicheren Beschäftigungen hingeben – sich auf sich selbst konzentrieren, innere Probleme lösen – möge? Oder ist es gar ökonomisch gemeint? Entspanne dich, du Börsentier. Lass’ Druck abfallen – anstatt stets auf fallende Kurse zu setzen.

In Robert Gernhardts Schaffen kommen übrigens oft Tiere vor, ein ganzer Zoo, ein wahres Bestiarium kommt da zusammen, wiewohl das ihm oft zugeschriebene berühmte „Motto“ der „Neuen Frankfurter Schule“ „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ von seinem Weggefährten F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle) stammt (vgl. echolog.de). Doch sei’s drum: Wer wagte, diese Aussage auf unser Gedicht übertragend, nun noch den Bär zu kritisieren?

Im Buch steht das Kragenbär-Poem, wie berichtet, in einem kleinen Zyklus. Thematisiert sind immer wieder gestörte Kommunikationsakte. Nahezu alle Paarbeziehungen im Gernhardt’schen Animalerotica-Rondo sind problematisch – „Der PELIKAN steht wie gelähmt / nie hat ihn jemand so beschämt, / wie jener feiste Kolibri, / der ihn des Pubertierens zieh“ – oder gar fatal: „Der HABICHT fraß die Wanderratte/ nachdem er sie geschändet hatte“ (Gernhard/Bernstein 1976, 64).

Auch an vielen anderen Stellen des Werks stehen Probleme der Verständigung im Fokus, nicht nur in der Tierwelt. So in „Fünf Vierzeiler[n]“, deren letzter hier exemplarisch angeführt sei: „Die Basis sprach zum Überbau: / ‚Du bist ja heut schon wieder blau!’ / Da sprach der Überbau zur Basis: / ‚Was is?’“ (ebd. 140).

Nur die Alleinstehenden – sind es Autisten? – wirken mit sich im Reinen: „Der BÄR schaut seinen Ziesemann / nie ohne stille Demut an.“ Und: „Der MOPS hat seinen Zeugungstrieb / ganz schrecklich gern und furchtbar lieb“ (ebd. 63) Und unser Kragenbär; er wirkt glücklich oder mindestens „munter“.

So kann man als eine Kernaussage des Werks festhalten: Am Glücklichsten ist der Mensch (das Tier) alleine.  Doch muss das so sein? Wenigstens ein entfernter Artverwandter unseres Kragenbärs genießt (im ersten der Animalerotica-Verse) durchaus die Zweisamkeit: „Der NASENBÄR sprach zu der Bärin / ‚Ich will dich jetzt was Schönes lehren!’ / Worauf er ihr ins Weiche griff / und dazu ‚La Paloma’ pfiff.“ (ebd.)

Zitierte Literatur:

Gernhardt, Robert u. F. W. Bernstein: Besternte Ernte. Gedichte aus fünfzehn Jahren. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1976.

Allianz der Marginalisierten. Helmut Kraussers Gedicht „Die Sache mit dem Zwergchamäleon“ aus Sicht der Animal Studies

„Daß der Mensch das edelste Geschöpf sei[,] läßt sich auch schon daraus abnehmen,
daß es ihm noch kein anderes Wesen widersprochen hat.“

Georg Christoph Lichtenberg

(Lichtenberg 1967, 282)

Zwar hat die Beschäftigung etwa der Literaturwissenschaft mit Tieren speziell als Motiven und Figuren in Texten schon eine lange Geschichte und sind gattungsbezogene Untersuchungen zu Tierfabel, -geschichte, -märchen, -epos keine Neuheit, jedoch hat mittlerweile eine Verlagerung auf den Bereich der Wissensgeschichte und eine interdisziplinäre Ausweitung (auf andere Künste und Wissenschaften) stattgefunden, die beispielsweise auch auf grundsätzliche Fragen der Bestimmung des Menschen ausgehend vom Tier bzw. in Relation zum Tier zielt. Folgende konkrete Fragestellungen, Arbeits- und Bezugsfelder dieser sich derzeit formierenden Forschungsrichtung lassen sich unter anderen benennen:

  • Welches Zeichen-/semiotische Potenzial haben die in Texten oder anderen Artefakten dargestellten Tiere? Was codieren sie? Dienen sie als Projektion oder Spiegel für Menschliches? Fungieren sie als Symbole, Allegorien oder Metaphern für etwas anderes?
  • Wie werden Tiere in literarischen Texten, anderen Artefakten, Wissenschaften/wissenschaftlichen Texten/Abbildungen/Modellen usw. repräsentiert? Werden sie beispielsweise dämonisiert oder verkörpern sie Alterität; liefern sie das Vorbild für (utopische/dystopische) Gesellschaftskonstrukte; werden sie vermenschlicht oder werden – umgekehrt – Menschen vertiert? Wie erzählen Wissenschaften (Philosophie, Zoologie, Rechtswissenschaft usw.) von Tieren?
  • Geschichte des Zusammenlebens von Menschen und Tieren: Domestizierung; Nutzung oder Ausbeutung von Tieren (z. B. als Nahrungsmittel, als ‚Arbeiter‘, für wissenschaftliche Experimente, als Therapie-Tiere); Rolle von Tieren als Opfer (z. B. des Krieges, der Industrie); Geschichte des Tierschutzes; Räume und Institutionen der Begegnungen zwischen Menschen und Tieren (z. B. Ausstellung/Präsentation in Zoos oder Naturkundemuseen, Reisen/Expeditionen etc.)
  • Tierethik
  • Speziesismus: Lassen sich hier beispielsweise Parallelen zu Rassismus oder Sexismus oder Verknüpfungen von Tierschutzdebatten und u. a. Frauenrechtsbewegungen herstellen?
  • Natur (und Wildnis) vs. Kultur: Werden Tiere als Inbegriffe von Natur/Natürlichkeit und Wesen jenseits der Kultur oder als Teil der Kultur dargestellt? Werden Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier in den Vordergrund gerückt oder wird eine klare Grenzziehung (nach welchen Kriterien?) zwischen beiden priorisiert?
  • Mensch-Tier-Interaktion, anknüpfend an die Agency-Theorie: Können Tiere als Akteure, (willentlich) Handelnde aufgefasst werden?
  • Wissensgeschichte: Wann bestand welches Wissen vom Tier, in welchen Bereichen, durch welche Einflüsse? Inwiefern partizipieren Literatur und andere Künste an der Konstitution des Wissens vom Tier? Inwiefern begegnen Tiere als Gegenstände von Wissensbildung und lässt sich das jeweils erkennbare Wissen über Tiere letztlich als anthropozentrisch konstruiert und als Wissen vom Menschen auslegen? Welche Beziehung besteht zum gesellschaftlichen oder kulturellen Kontext?

Um den Rat „Theorie trennt, Empirie vereint“ von Hans-Peter Ecker zu beherzigen, belassen wir es bei diesem kurzen Aufriss einiger möglicher Fragestellungen – die Beiträge werden diese auf konkrete Gegenstände übertragen – und wenden uns einem Gedicht des von ihm wie von uns geschätzten Helmut Krausser zu:

Die Sache mit dem Zwergchamäleon

– Iff hab waf fiffen den Fähnen – kannft du ma nachfehn?
– Oh, tatsächlich, da sitzt ein Zwergchamäleon.
– Efft? Waf mafft dafn da?
– Jetzt wird es beige, jetzt rot… Gott ist das süüüß.
– Mein Fahnfleif ift ganf gefwollen. Maff daf weg!
– Ich finde, daß es dir überaus gut steht.
– Trotfdem!
– Es wird sich von Essensresten ernähren.
– Keine Difkuffion! Fiehf rauf!
– Wie denn? Es krallt sich fest.
– Benütf eine Pinfette!
– Da würde ich ihm aber sicher wehtun.
– Feif drauf! Fieh mir daf Feifvieh auf den Fähnen!
– Schau! Jetzt wird es ganz weiß vor Angst.
– Daf ift mir wurft. Au! Ef hat mir in die Funge gebiffen!
– Stimmt. Jetzt wird es wieder rot. Hach, wie süß…
– Fluff jetft! Gib mir einen Fahnftocher!
– Nein! Wenn du das tust, lass ich mich scheiden!

Foweit die Fituation.
Feitdem lebe iff mit einem Fwergchamäleon fiffen meinen Vorderfähnen.
Fungenkrebf wäre flimmer, fagt meine Frau. Daf ftimmt. Aber waf flimm
iff: daff fie dauernd daf Vieh ftreicheln muff, wenn wir bumfen.

(Krausser 2003, 46)

Der Text, der eine Herausforderung auch für geübte Rezitatoren darstellt, inszeniert den Einbruch des Animalischen ins wohlgeordnete Zwischenmenschliche zunächst ganz wörtlich: Das Miniaturreptil, das auch realweltlich in einer – ausgeprägten – Zahnlücke Platz fände, ist auf einmal da, unübersehbar und vor allem unüberhörbar, sobald der männliche Dialogpartner den Mund öffnet. Mitten in der Zivilisation – die Szene könnte sich am heimischen Frühstückstisch abspielen, sind doch Zahnstocher und Pinzette greifbar –, sieht er sich in eine unfreiwillige und schmerzhafte Verbindung mit einem der exotischsten Tiere schlechthin gezwungen. Er reagiert zunächst, wie es der abendländische homo faber, der dem Konzept eines geschlossenen Körpers anhängt, das eine klare Trennung zwischen Ich und Außenwelt vornimmt, eben tut: Der als unangenehm erlebte Zustand soll schnellstmöglich abgestellt werden, notfalls mit Gewalt bis hin zur Auslöschung des Anderen. Eventuelle – etwa ästhetische – Vorzüge der neuen ungewohnten Situation werden nicht eruiert. Die Beziehung zum Tier als Symbiose zu interpretieren – zur optischen Attraktion käme noch die Kariesprophylaxe hinzu – kommt ihm nicht in den Sinn.

Jedoch hat der Mann hier seine Rechnung ohne die Frau gemacht, die ebenso gegendert reagiert wie er: Das kleine Tier entlockt ihr zunächst den Ausruf „Gott ist das süüüß“ und mobilisiert in ihr anschließend Schutzinstinkte: Nicht nur weigert sie sich, ihm eventuell Schmerzen zuzufügen, sie droht wegen einer – aus Sicht des Mannes – Lappalie wie der im Raum stehenden Tötung des Zwergchamäleons sogar mit Scheidung. Mit diesem Verhalten stellt sie sich in die Tradition des vornehmlich weiblich codierten Tierschutzes. Während der Blick des Mannes auf das Tier von Nutzerwägungen (Schmerzvermeidung und vollständige Wiedererlangung der Sprachfähigkeit, die ihn vom Tier unterscheidet) geprägt ist, nimmt die Frau es zunächst ästhetisch und dann empathisch war – was der ‚Ungerechtigkeit‘ entspricht, dass knopfäugigen Robben der größte tierschützerische Furor gewidmet wird. Die Frau stellt sich also im Konflikt zwischen Mann und Zwergchamäleon gegen die eigene Spezies und den Ehepartner auf die Seite des bedrohten Tieres, dem sie sich so nahe fühlt, dass sie im Verlauf des Gedichts sogar seine Farbveränderungen nicht nur ästhetisch, sondern auch als Ausdruck von Empfindungen deutet.

Angesichts der Allianz der anthropo- und phallozentrisch Marginalisierten, also des im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus wehrhaften Tiers und der es bedingungslos unterstützenden Frau, bleibt dem Mann keine andere Möglichkeit als sich mit der Situation zu arrangieren – was freilich keinen Sinneswandel in ihm auslöst, beklagt er doch die veränderte Sexualpraxis, indem er mit Gottfried Benns Was schlimm ist ein berühmtes Gedicht eines bekennenden Phallozentrikers zitiert.

Bleibt noch die Frage, was die Frau, abgesehen von seiner Niedlichkeit und der Identifikation mit einem anderen Opfer patriarchaler Weltsicht, so für das Zwergchamäleon einnimmt. Ist es die Faszination für das Animalische? Nimmt das Chamäleon beim Beißen Blut auf und wird somit im Text auf den verborgene sexuelle Sehnsüchte verkörpenden Vampir angespielt, wobei dann der Zahnstocher die Mikroentsprechung zum zur Pfählung eingesetzten Pflock darstellen würde? Jedenfalls gelingt es der Frau letztlich, die Erfüllung ihrer mit dem Tier verbundenen Bedürfnisse durchzusetzen, namentlich eine Sexualität, die das Triebhafte als Niedliches integriert. Und welches Tier könnte die generelle Ambivalenz des Animalischen, sein Oszillieren zwischen faszinierender Bedrohlichkeit und rührender Unterlegenheit, zwischen Othering und Anthropomorphisierung besser verkörpern als das seine Farbe wechselnde Chamäleon?

 Denise Dumschat-Rehfeldt und Martin Rehfeldt

Zitierte Literatur:

  • Lichtenberg, Georg Christoph: Sudelbuch D. In: Ders.: Schriften und Briefe. Band 1. München 1967.
  • Krausser, Helmut: Strom. 99 neue Gedichte. ’99 – ’03. Reinbek bei Hamburg 2003.

 Literaturhinweise (Auswahl):

  • Borgards, Roland: Tiere in der Literatur – Eine methodische Standortbestimmung. In: Das Tier an sich. Disziplinenübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz. Hg. von Herwig Grimm u. Carola Otterstedt. Göttingen 2012, S. 87–118.
  • Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Hg. von Chimaira. Arbeitskreis für Human-Animal Studies. Bielefeld 2011.
  • Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in Kunst, Wissenschaft und Geschichte. Hg von  Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien u. Heike Fuhlbrügge. Berlin 2007.
  • Representing Animals. Hg. von Nigel Rothfels. Indiana 2002.
  • The Animals Reader: The Essential Classic and Contemporary Writings. Hg. von Linda Kalof u. Amy Fitzgerald. London 2007.
  • Weil, Kari: Thinking Animals. Why Animal Studies Now? Columbia 2012.